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Die Jesuiten, wie sie waren und wie sie sind

Eduard Duller: Die Jesuiten, wie sie waren und wie sie sind - Kapitel 2
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authorEduard Duller
titleDie Jesuiten, wie sie waren und wie sie sind
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Erstes Kapitel.

Von der Stiftung des Jesuitenordens.

Der Stifter des Jesuitenordens ist ein spanischer Edelmann gewesen, mit Namen Innigo oder Ignaz von Loyola.

Er war der Sohn des Ritters Bertram, Herrn von Loyola und Ogne, und der Mariana Saez de Licona und Balda, der jüngste von acht Brüdern, im Jahre 1491 auf dem Schlosse Loyola in der Landschaft Guipuzcoa geboren, und wurde am königlichen Hofe Ferdinands des Katholischen als Edelknabe erzogen. Da war ein üppiges Leben, das ihm gar wohlgefiel, aber sein ungestümer Ehrgeiz verleidete ihm bald das eitle und müßige Treiben am Hofe, und, nachdem er die Kriegskunst bei dem Herzog von Najera, einem Verwandten seines Hauses, erlernt hatte, suchte er sich in Kämpfen und Abenteuern hohen ritterlichen Ruhm zu erwerben.

Nun begab es sich im Jahre 1521, daß die Franzosen Pampeluna, die Hauptstadt des Königreiches Navarra, belagerten. Die Feinde setzten der Besatzung so hart zu, daß sie sich schon auf Bedingungen ergeben wollte. Aber der tapfere Ignaz von Loyola, welcher auch bei der Besatzung war, rief zornentbrannt seinen Kameraden zu: »Pfui der Feigheit, sich so leichten Kaufs ergeben zu wollen!« und zog sich mit wenigen Braven in die Zitadelle zurück, des Willens, diese bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Als nun die Franzosen die Zitadelle stürmten, stürzte ihnen Loyola, den Degen in der Faust, mit einem kleinen Häuflein entgegen und focht begeistert allen voran, bis er, durch einen Schuß am Bein gefährlich verwundet, betäubt zu Boden sank. Da verloren die andern die Hoffnung und übergaben die Zitadelle den Franzosen. Diese aber ehrten Loyolas Heldenmut hoch und verpflegten ihn getreulich in Pampeluna.

Nach einigen Tagen ließ sich Loyola zur Heilung seiner Wunde auf sein väterliches Schloß bringen. Dort mußte er eine sehr schmerzhafte Operation aushalten und ertrug sie standhaft, ohne auch nur einen Laut auszustoßen. Hingegen war es ihm viel peinlicher, daß sein Fuß nur langsam heilte; er konnte nicht gehen noch stehen, und doch sehnte sich sein feuriger Geist ungeduldig nach Taten. Indem er nun so an das Krankenbett gefesselt war, und noch dazu von dem Gedanken gefoltert wurde, zeitlebens hinken zu müssen und zu allen ritterlichen Taten untüchtig zu sein, suchte er seinen Unmut durch Lesen von Büchern zu zerstreuen. Man gab ihm in Ermangelung von Ritterromanen, deren Lesen seine Einbildungskraft früher mächtig angeregt hatte, und nach welchen er jetzt verlangte, außer dem Leben des Heilands die »Blumen der Heiligen«, Legenden, welche mit vielen Abenteuern und Wundern ausgeschmückt waren. Eben dies Abenteuerliche und Wunderbare zog nun seine glühende Einbildungskraft gar mächtig an; er las immer eifriger von den Verfolgungen der Blutzeugen Christi, von den seltsamen Bußübungen und Kasteiungen der Mönche und Einsiedler. Da ward er ganz und gar davon hingerissen. Weil er selbst ein mutiger und standhafter Mann war, so begeisterten ihn der Mut und die Standhaftigkeit der Märtyrer umso mehr. Der ewige Lohn, welchen diese und die Mönche und Einsiedler dafür empfingen, nämlich die Verehrung in der ganzen Christenheit, entzündete seinen Ehrgeiz; die lebhafte Beschreibung der teuflischen Versuchungen und der himmlischen Erscheinungen, welche jenen Frommen zuteil geworden, versetzte sein durch die Krankheit ohnehin aufgeregtes Gemüt in die äußerste Spannung. In diesem Zustande wurde er von glühender Begeisterung ergriffen, jene Beispiele nachzuahmen. Alle Eigenschaften seiner Seele richteten sich an diesem einzigen Gedanken empor, welcher ihn jetzt beherrschte; seine ganze Willens- und Tatkraft umklammerte diese Begierde. Und so wurde seine religiöse Begeisterung bald zur Schwärmerei, welche ihn bald so gänzlich beherrschte, daß er sich einst des Nachts verzückt dünkte und glaubte: die Himmelskönigin Maria sei ihm leibhaftig erschienen. Da erwählte er sie zur Dame seines Herzens und schwur ihr, er wolle ihr bis in den Tod auf Erden ritterlich dienen. Sodann nahm er sich vor, sobald er völlig genesen sei, der Welt zu entsagen und als ein ganz neuer Mensch, als geistlicher Ritter, auszuziehen, um die Menschen zu bekehren. Zunächst wollte er nach Jerusalem pilgern, um die Muselmänner zu bekehren.

Nachdem er nun ziemlich genesen war, zog er aus seinem väterlichen Schlosse zu einem als wundertätig verehrten Muttergottesbilde im Kloster Montserrat, welches eine Tagesreise weit von der Stadt Barcelona auf einem Gebirge voll schroffer Klippen liegt. Vor jenem Bilde hängte Loyola andächtig seine Waffen auf und tat nach ritterlichem Brauch eine Nacht lang seine Waffenwache. Dann zog er nach Barcelona, um sich dort nach dem gelobten Lande einzuschiffen. Zu jener Zeit war aber dort die Pest ausgebrochen und dadurch wurde Loyola abgehalten, seinen Vorsatz auszuführen; doch er gab ihn deswegen keineswegs auf. Und er zog einstweilen nach Manreza, um dort, nach dem Vorbild der Heiligen, ein strenges Büßerleben zu führen und sich durch Weltentsagung seines künftigen Berufes würdig zu machen. Da bettelte er denn vor den Türen um sein Brot, pflegte die Kranken im Spital, kasteite seinen Leib durch Fasten und Geißelhiebe, und suchte seinen höchsten Stolz darin, sich aufs Tiefste vor der Welt zu demütigen. In schlechte Lumpen gehüllt, unter welchen er eine eiserne Kette und einen Stachelgürtel um den bloßen Leib trug, mit Schmutz bedeckt, mit langen Nägeln und wilden, ungekämmten Haaren ging nun der Mann umher, welcher einst am königlichen Hof in Samt und Seide um Frauengunst gebuhlt, welcher im blanken Harnisch stets der Erste gewesen war, wo es galt, in Gefahren Ruhm zu verdienen. Lange Zeit war eine finstere Bergeshöhle in der Nachbarschaft von Manreza sein Aufenthaltsort. Am Eingänge derselben fand man ihn einst von Fasten und Kasteiungen ganz entkräftet und halbtot liegen und brachte ihn nach Manreza. Bei dieser Lebensweise hatte nicht bloß sein Körper, sondern auch sein Geist sehr gelitten. Wenn sich in ihm wieder einmal der gesunde Verstand regen wollte und ihm Zweifel kamen über sein absonderliches Leben und Streben, so hielt er diese für Eingebungen des Teufels, welcher ihn um die Heiligkeit beneide. Ebenso wurden, infolge seiner Körper- und Geisteskrankheit, seine Einbildungen himmlischer Erscheinungen immer zahlreicher und diese Geschöpfe seiner Phantasie bestärkten den stolzen Schwärmer immer mehr in seinem Wahn. So glaubte er einst in der Hostie den menschgewordenen Gott leiblich zu schauen, und ein anderes mal sogar die Dreifaltigkeit sichtbar wahrzunehmen.

Unter solchen Selbsttäuschungen, welche nicht bloß den gereizten Zustand seiner Einbildungskraft, sondern auch das inbrünstige Streben und Ringen seines Gemüts: in die Geheimnisse der Religion einzudringen, und sich mit Gott zu vereinigen, erkennen lassen, hatte Ignaz von Loyola ungefähr ein Jahr in Manreza verlebt, und reiste im Jahre 1523 nach Barcelona ab. Dort bestieg er, von allen Geldmitteln entblößt, aber voll des festesten Vertrauens, ein Schiff, welches ihn in fünf Tagen an die italienische Küste nach Gaeta brachte. Bleich und krank zog er von Gaeta durch Italien bis gen Venedig hinauf, wo er sich nach dem gelobten Lande einschiffte. Er erreichte dasselbe glücklich und begab sich eifrig nach Jerusalem, um dort die Türken zu bekehren. Aber der Provinzial des dortigen Franziskanerklosters ermahnte ihn davon abzustehen; und, als Ignaz seinen Vorsatz dennoch nicht aufgeben wollte, bedrohte ihn jener mit dem Banne. Da mußte Ignaz denn nach Europa zurückkehren, ohne seine abenteuerlichen Bekehrungspläne ins Wert gesetzt zu haben.

Er kam im Jahre 1524 wieder in Barcelona an. Doch sein Mut war keineswegs gebeugt; er wurde verspottet, aber aller Spott spornte seinen schwärmerischen Mut nur noch schärfer an. Er beharrte standhaft auf dem Vorsatze: für den alleinseligmachenden Glauben ritterlich zu kämpfen und als tapferer Kriegsmann seiner hohen Dame, der Himmelskönigin Maria, überall Seelen zu erobern. Aber nicht mehr bei den Ungläubigen, sondern mitten in der Christenheit selbst wollte er fortan wirken; denn die Bekehrung der Ketzer schien ihm ebenso verdienstvoll. Zu diesem geistigen Kampf fehlte ihm jedoch, so mutig er auch war, alle gelehrte Bildung. Er sah dies ein und beschloß nun, obwohl er damals schon ein Mann von 33 Jahren war, alles, was er in seiner Jugend versäumt hatte, von Grund auf nachzuholen. Das führte er denn auch mit einer Beharrlichkeit aus, die von der Größe seiner Willenskraft Zeugnis gibt, mit einer Selbstverleugnung, wie sie nur aus Begeisterung entspringen kann. Der ehemals tapfere Kriegsmann setzte sich in Barcelona mitten unter die kleinen Knaben auf die Schulbank und fing an, Latein zu lernen, was ihm anfangs gar schwer fiel. Nach zwei Jahren (1526) zog er nach Alcala auf die hohe Schule, um dort Theologie zu studieren. Dort fing er an, neben seinen Studien zu predigen und Frauen zu einem klösterlich-gottseligen Leben anzuleiten. Auch suchte er Jünger um sich zu versammeln, wie dies allen Schwärmern eigen ist; denn, da sie jenen Glauben, in welchem sie selbst glücklich sind, für den allein wahren und allein glücklichmachenden halten, so streben sie, auch alle übrigen Menschen zu demselben zu bringen. Loyolas Jünger trugen, wie er selbst, graue Friesröcke, erbettelten ihr Brot und stellten unter seiner Leitung sogenannte »geistliche Hebungen« an. Er aber dünkte sich, als ihr Meister, ebenso groß, als ob er eine Schar Soldaten ins Feld führe. Denn das höchste Ziel seines geistlichen Ehrgeizes bestand nun darin, einen neuen geistlichen Orden zu stiften. Bald wurde jedoch die Inquisition auf das auffallende Treiben Loyolas und seiner Jünger aufmerksam; sie ließ ihn gefangennehmen und gab ihn nur unter der Bedingung wieder frei, wenn er vom Predigen und Bekehren abstünde. Ebenso ging es ihm in Salamanca. Da verließen ihn seine Jünger. Aber alle Hindernisse hatten nur den Einfluß aus ihn, daß seine Verstandeskräfte wieder geschärft wurden und gleichsam das Joch seiner übermächtigen Phantasie abwarfen. Kurz, der trübe Rauch seiner Schwärmerei verflog allmählich, aber die Flamme seiner religiösen Begeisterung brannte fort und fort und durchleuchtete seinen ganzen Charakter. Er verließ voll festen Entschlusses sein Vaterland und zog im Jahre 1528 nach Paris.

Dort setzte er seine Bußübungen, seine Bekehrungsversuche und seine Studien fort, trotz der bittersten Armut und mancher drohender Demütigung mit unglaublicher Beharrlichkeit, und erhielt im Jahre 1532 die Würde eines Bakkalaureus, zwei Jahre später die eines Magisters der Philosophie; dabei hatte er aber immer sein höheres Ziel, nämlich die Stiftung eines neuen geistlichen Ordens fest im Auge. Kein Mißgeschick machte ihn irre oder schreckte ihn ab.

Und es gelang ihm endlich durch Klugheit und Beharrlichkeit, in Paris mehrere Männer von großen Fähigkeiten für seinen Plan zu gewinnen. Es waren: Peter Faber oder Lefevre (aus Savoyen), Franz Xaver (aus Navarra), Jakob Lainez, Alfons Salmeron, Nikolaus Nobadilla (alle drei Spanier) und Simon Rodriguez (aus Portugal). Von diesen war Lefevre der Frömmste, Franz Xaver der Tatkräftigste und Jakob Lainez der Klügste. Mit diesen Männern, deren Zahl sich bald durch den Beitritt von drei anderen Freunden, Claudius Le Jay, Johannes Codurio und Paschasius Broet, vermehrte, ging Ignaz von Loyola am 15. August 1534 in die unterirdische Kapelle der Kirche Montmatre vor Paris; es war das Fest der Himmelfahrt Mariä, jener Königin aller Engel und Heiligen, von welcher Ignaz von Loyola den Ruf seiner Sendung erhalten zu haben glaubte; ihr war jene unterirdische Kapelle geweiht. Dort las Lefevre, welcher schon die Priesterwürde erhalten hatte, den Freunden die Messe und reichte ihnen das Abendmahl. Und alle taten dabei folgendes feierliche Gelübde: »Wir wollen der Welt entsagen und nach Vollendung unsrer Studien nach Jerusalem ziehen, um die Ungläubigen zu bekehren. Vermögen wir aber dies nicht binnen Jahresfrist, so werfen wir uns dem heiligen Vater in Rom zu Füßen, und bieten ihm unsre geistlichen Dienste an, auf daß er uns als seine getreuen Knechte überall hinsende und zu allem gebrauche, was ihm gutdünken mag.«

Nicht lange danach unternahm Loyola eine Reise nach Spanien, um dort sowohl (nach dem Rate der Ärzte) seine durch Fasten und Kasteiungen zerrüttete Gesundheit herzustellen, als auch mehrere Geschäfte seiner Bundesbrüder Xaver, Lainez und Salmeron zu besorgen. Bevor er sich jedoch von seinen Genossen trennte, versprachen sich alle wechselseitig, zu Anfang des Jahres 1537 in Venedig zusammen zu kommen, um dann ihren gemeinsamen Plan ins Werk zu setzen. Und richtig fanden sich Loyola und seine Freunde, deren Zahl sich bereits vermehrte, zur bestimmten Zeit in Venedig ein. Sie pflegten dort die Kranken in den Spitälern und predigten dem Volke; aber Loyolas Plan zur Reise nach Jerusalem und zur Bekehrung der Ungläubigen wurde vereitelt, weil ein Krieg zwischen der Republik Venedig und den Türken ausgebrochen war. Da berief Loyola seine Jünger nach Vicenza zusammen und sprach zu ihnen: »Freunde, es ist Gottes Wille, daß wir nicht nach Jerusalem fahren sollen, auf daß wir die andre Hälfte unsres Gelübdes erfüllen und dem heiligen Vater in Rom getreulich dienen können. Denn die römisch-katholische Kirche wird in dieser unheilvollen Zeit durch Ketzereien schwer bedrängt und bedarf eifriger Streiter!« Da beschlossen die Brüder, daß Loyola mit dem frommen Lefevre und dem klugen Lainez nach Rom ziehen und dem Papste ihre Dienste anbieten sollten, während sich die Übrigen auf den italienischen Universitäten verteilen sollten, um neue Mitglieder für ihre Verbindung zu gewinnen. Hierauf empfing Loyola in Venedig die Priesterweihe und zog dann mit Lefevre und Lainez nach Rom. Als sie nun dieser Stadt näher kamen, wurden die beiden Gefährten kleinmütig; nur ihr Meister Loyola verzagte nicht; durchdrungen von der Überzeugung, daß sein Plan gelingen müsse, betete er in einer einsamen Kapelle vor Rom und glaubte, in Verzückung, Gott Vater und dessen eingeborenen Sohn Jesus Christus zu schauen und die Worte Jesu zu hören: »In Rom will ich Dir gnädig sein!« Dies erzählte er seinen Brüdern und sie bekamen dadurch wieder frischen Mut.

Und siehe: in Rom ging Loyolas Verheißung in Erfüllung. Der Papst Paul III. war hocherfreut über den Beistand, welcher der römischen Kirche so unerwartet zu statten kam, denn sie war damals durch die Reformation, welche immer weiter um sich griff, in gar großer Bedrängnis; ja ihre ganze Existenz stand in Gefahr, und die Mönchsorden, welche bis dahin die Stützen des Papsttums gewesen waren, konnten demselben jetzt gar wenig mehr nützen; denn die Mönche waren zum Teil ausgeartet, träg und dumm, zum Teil als grausame Ketzerrichter verhaßt; auch waren die Völker in Verstandesbildung weit fortgeschritten und ließen sich so leicht weder durch Bann und Interdikt des Papstes mehr schrecken, noch durch plumpe mönchische Vorspiegelungen mehr täuschen. Die römische Kirche brauchte zu ihrer Verteidigung kluge, feingebildete und treuergebene Männer. Und solche waren Loyolas Freunde. Deshalb nahm der Papst den eifrigen Loyola freundlich und gnädig auf und beschloß, dessen Anerbieten reiflich zu prüfen. Loyola säumte nicht, die Gewogenheit des Papstes zu benutzen; er berief deshalb alle seine Gefährten nach Rom und beriet mit ihnen den Entwurf der Verfassung des neuen Ordens. Bei diesen Beratungen übte wahrscheinlich der kluge Lainez einen entscheidenden Einfluß aus. Um nun den Papst ganz und gar für den neuen Orden einzunehmen, wurde den drei gewöhnlichen Mönchsgelübden, nämlich denen der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams gegen den Ordensobern, noch ein viertes beigefügt, nämlich das Gelübde eines besonderen unbedingten Gehorsams gegen den Papst. Nun handelte es sich nur noch um den Namen, welchen der neue Orden erhalten sollte. Da sprach Ignaz hochbegeistert zu seinen Brüdern: »Als ich in der Höhle bei Manreza anbetend auf den Knien lag, hat Jesus selbst mir den Plan unsres Ordens gnädig geoffenbart; Jesus erschien mir in der Kapelle, als wir gegen Rom zogen, und verhieß uns seinen göttlichen Beistand. Folglich ist der Orden eigentlich Jesu Wille, ja Jesu Werk selbst, und seinen Namen soll er denn auch führen.« So erhielt der Orden den Namen: »Gesellschaft Jesu.«

Nun ließ Ignaz den Entwurf der Ordensverfassung dem Papst Paul III. zur Bestätigung vorlegen. Dieser Entwurf war in Kürze folgender: »Die Gesellschaft Jesu ist eine gerüstete Schar, allezeit bereit, zu kämpfen für Gottes Statthalter, den heiligen Vater in Rom, und für die alleinseligmachende römisch-katholische Kirche. Damit dieser Zweck erreicht werden kann, ist strenge Ordnung nötig, wie bei einem Kriegsheer, und, auf daß die Ordnung erhalten werde, muß jedes Mitglied der Gesellschaft dem Obersten derselben blind gehorchen, wie ein Soldat seinem Feldherrn, ja er muß in dem Obersten gleichsam Christus selbst demütig verehren; denn in dessen Kriegsdienst steht jeder einzelne Mann der Gesellschaft, kampfgerüstet gegen eine ganze Welt. Wer zur Fahne der Gesellschaft geschworen, der hat keinen eigenen Willen mehr, der darf nicht fragen: wohin? noch: warum? Wohin ihn der Papst durch den Obersten der Gesellschaft sendet, dahin muß er gehen, wie der Soldat ins Feuer, sei es zu Heiden, Juden, Ketzern oder Gläubigen. Wo ihm geboten wird: »bleib!« da muß er felsenfest stehen bis zum letzten Atemzug. Die geistlichen Waffen aber sind: Predigen, Beichte-Hören, geistliche Übungen und Erziehung der Jugend. Die Würden verteilt der Ordensoberste nach dem Wert der Einzelnen. Den Sold zahlt Gott; darum soll kein einzelnes Mitglied der Gesellschaft irdisches Gut besitzen; hingegen darf die Gesellschaft Einkünfte genießen, um auf Universitäten Kollegien zu gründen und zu erhalten, in welchen Jünglinge studieren und erzogen werden.« Der Ausschuß von drei Kardinälen, welcher den Entwurf des neuen Ordens der geistlichen Jesu-Ritterschaft zu prüfen hatte, trug zwar Bedenken, die letztere gutzuheißen, weil die lateranische und die Lyoner Synode von den Jahren 1215 und 1274 ausdrücklich gegen Gründung neuer geistlicher Orden beschlossen hatten. Gleichwohl waren die Vorteile, welche der römische Stuhl durch eine solche streitbare und ihm unbedingt ergebene Genossenschaft erlangen konnte, allzu verlockend, als daß sich Loyolas Anerbieten hätte zurückweisen lassen. Und so bestätigte denn Papst Paul III., welcher hierin »Gottes Finger« zu erkennen glaubte, am 27. September 1549 durch eine Bulle, welche mit den Worten anfängt: »Regimini militantis ecclesiae«, feierlich die »Gesellschaft Jesu« oder den »Jesuitenorden.« Doch sollte der Orden vorerst nur sechzig Mitglieder haben.

So war denn die Kriegserklärung eines geistlichen Heeres gegen alle Menschen auf der weiten Welt, welche anders dachten und glaubten, als die römische Kirche vorschrieb, durch das Oberhaupt derselben, durch den Papst, in den Augen aller geheiligt, welche den Papst für Gottes Stellvertreter auf Erden und alle seine Beschlüsse für unfehlbar hielten, weil der heilige Geist ihn dazu erleuchte. Ignaz von Loyola hatte das erreicht, was ihm das höchste Ziel seines Lebens und aller Ehre schien; er ahnte gewiß nicht, welche wichtige Stellung der von ihm gestiftete Orden einst in der Welt einnehmen, welchen ungeheuren Einfluß derselbe auf die ganze Menschheit ausüben würde. Und dennoch lag die Möglichkeit dazu schon tief in dem Entwurf der Ordensverfassung begründet.

Nachdem nun dieselbe von dem Papste bestätigt worden war, schritten die Mitglieder im Jahre 1541 zur Wahl eines Ordensoberhauptes. Sie fiel auf Loyola. Er weigerte sich lange, diese Würde anzunehmen und zwar gewiß nicht aus Heuchelei, sondern aus innerster Überzeugung; denn ein solches Aufgeben seiner liebsten Wünsche schien ihm ja stets das größte Verdienst vor Gott. Endlich nahm er die Würde auch nur aus geistlicher Demut an, nämlich erst dann, als es ihm sein Beichtvater als Pflicht gebot, und, nachdem er sie angenommen hatte, suchte er sich, aus demselben religiösen Grundsätze, vor seinen Ordensbrüdern aufs Allertiefste zu demütigen. Aber bald durchdrang ihn das Bewußtsein seiner wichtigen Stellung; er raffte sich aus seiner freiwilligen Erniedrigung empor und begann zu handeln, wie sein Amt es erforderte. Als Oberster des Ordens hieß er jetzt General (»praepositus generalis«) und bediente sich der auszeichneten Geisteskräfte seiner Ordensbrüder mit immer größerer Umsicht; auch wenn sie ihm selbst überlegen waren, verstand er doch, sie ins große Ganze des Ordens zu verschmelzen und sie fügten sich willig, eben aus gemeinsamem Interesse für die Existenz, Größe und Selbstständigkeit des Ordens.

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