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Die Jesuiten, wie sie waren und wie sie sind

Eduard Duller: Die Jesuiten, wie sie waren und wie sie sind - Kapitel 10
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authorEduard Duller
titleDie Jesuiten, wie sie waren und wie sie sind
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Neuntes Kapitel.

Wie der Jesuitenorden wieder hergestellt worden ist und was er jetzt treibt.

Nachdem nun die Gesellschaft Jesu in Rußland einen Zufluchtsort gefunden hatte, währte es auch nicht lange, daß der Papst Pius VIl. sie, auf die Bitte des Jesuiten Franz Karcu, welche durch Empfehlungsbriefe des Kaisers Paul I. unterstützt wurde, als eine geistliche Körperschaft für jenes Reich bestätigte. Dies geschah am 7. Mai 1801 durch ein Breve, welches mit dem Worte: »Catholica« anfängt. Drei Jahre später wurde diese Maßregel auch auf Neapel und Sizilien ausgedehnt durch das Breve: »Per alias« vom 13. Juli 1804, worin der Papst sagte: es schiene ihm notwendig, die für das russische Reich ergriffenen Maßregeln auch auf das Königreich beider Sizilien auszudehnen, auf die Bitte seines in Jesus Christus sehr geliebten Sohnes Ferdinand, welcher ihn um die völlige Wiederherstellung der Gesellschaft Jesu in seinen Staaten anging, so wie sie früher bestanden habe.

In Frankreich taten die Jesuiten während der Herrschaft Napoleons gleichfalls viele Schritte, um ihre förmliche Wiederherstellung in jenem Lande zu bewirken, nachdem sie sich bereits seit dem Jahre 1809 dort wieder eingefunden und ihre Tätigkeit neuerdings begonnen hatten. Napoleon mißtraute derselben, gleichwohl dauerte es drei Jahre, bis sein Befehl vom Jahre 1604, daß sie sich trennen und ihre Häuser verlassen sollten, vollzogen werden konnte. So bewährte sich die Macht des Ordens dem mächtigsten Manne des Jahrhunderts gegenüber. Als aber Napoleon auf die Kaiserkrone verzichtet hatte und die Völker nun die Freiheit errungen zu haben glaubten, – was geschah? Da ward in Spanien (am 21. Juli 1814) die fluchwürdige blutbefleckte Inquisition wieder eingeführt, und bald darauf (am 7. August 1814) stellte der Papst Pius VII., nachdem er in seinen Kirchenstaat wieder eingesetzt worden, durch die Bulle, welche mit den Worten: »Sollicido omnium« beginnt, auch den Jesuitenorden für die ganze Christenheit wieder her. Das war also die Frucht des großen Freiheitskampfes, – die Aufrichtung der alten Knechtschaft! Es hieß in der Bulle unter andrem: »Die einstimmigen Wünsche beinahe der ganzen Christenheit für die Wiederherstellung der Gesellschaft Jesu führten alle Tage lebhafte und dringende Gesuche von seiten Unserer ehrwürdigen Brüder, der Erzbischöfe und Bischöfe, sowie von den ausgezeichnetsten Personen aller Stände und Orden herbei, vorzüglich seitdem sich auf alle Seiten hin der Überfuß von Früchten verbreitete, welche die Gesellschaft in den Gegenden hervorbrachte, wo sie sich befand, und die Fruchtbarkeit der Schößlinge, welche die Hoffnung der Erweiterung und Verschönerung des Feldes des Herrn in allen Teilen gewähren ..... Wir müßten Uns schwerer Sünde gegen Gott teilhaftig machen, wenn Wir, mitten unter so dringenden Bedürfnissen, unter welchen die öffentliche Sache leidet, es versäumten, ihr die heilsame Hilfe zu gewähren, welche Gott durch seine Vorsehung in unsere Hände legt; wenn Wir, in das Schiff Petri getreten, unter den Wogen der Stürme, die kräftigen und erfahrenen Ruderer zurückweisen wollten, welche sich uns anbieten, um die brausenden Wellen zu durchbrechen, welche Uns jeden Augenblick mit unvermeidlichem Verderben bedrohen ...« Im Verlauf der Bulle werden dann die Fürsten, Erzbischöfe, Bischöfe und alle in Würden stehenden Personen ermahnt, »es nicht zu gestatten und nicht zu dulden, daß Jemand die Gesellschaft Jesu und ihre Mitglieder beunruhige, vielmehr sie mit Güte und Liebe aufzunehmen.« Am Schluß endlich heißt es: »Wer sich unterfangen sollte, dem Inhalt der Wiederherstellungsbulle zuwider zu handeln, der wisse, daß er sich den Zorn Gottes des Allmächtigen und der heiligen Apostel Petrus und Paulus zuziehen werde.«

In jenen heißen Tagen, da die Völker für ihr Teuerstes auf Erden, für ihre Unabhängigkeit, für ihre Existenz, für die Rechte ihrer Fürsten in die Schlachten zogen, war die patriotische Begeisterung auch eine innig religiöse geworden, und diese dauerte auch noch nach den Siegen über Napoleon einige Zeit lang fort. In dieser religiösen Aufregung vergaßen viele schwache Gemüter die furchtbaren Lehren der Vergangenheit, und erwarteten Heil von einem Orden, welcher die Nationalität überall stets bekämpft hat, und auch in Zukunft bekämpfen muß, wenn er selbst existieren will. Ja, manche hofften sogar mit Zuversicht, daß er die Throne gegen die Anfechtungen des Zeitgeistes stützen würde. Er – die Throne stützen! Sie bedachten nicht, daß der Zeitgeist stets nur der Ausdruck jener Bedürfnisse ist, welche aus dem innersten Wesen der Völker hervorgehen und welchen man sich nicht widersetzen kann, ohne davon erdrückt zu werden; sie bedachten nicht, daß Vertrauen die beste Stütze der Throne ist, daß die Völker den Fürsten so gern damit entgegenkommen, und daß keine Macht der Welt imstande ist, jene rechtschaffenen Fürsten zu vernichten, welche dasselbe durch die Tat erwidern.

Wie nun der Jesuitenorden durch eine dritte päpstliche »Unfehlbarkeit« wieder hergestellt war, trat der Pater Thaddäus Borzozowsky, welcher bis dahin General in Rußland gewesen war, an dessen Spitze, und alsbald taten sich in allen Ländern die alten Profeßhäuser und Noviziate, die alten Kollegien und Seminare wieder auf. Siegesstolz zogen die Ordensbrüder wieder in ihren schwarzen Kutten umher, und begannen mit dreifacher Lust ihr altes Werk aufs neue, während die Völker, noch ermattet von ihren letzten Anstrengungen, ja fast erschlafft, wie im Schlummer lagen. Die Ordenshäuser in Rom faßten die Zahl der neuen Mitglieder nicht, und seit dem Jahre 1817 haben die Jesuiten dort auch ein »collegium germanicum«; höre es, deutsches Volk, und merk es wohl! In allen Städten Italiens übernahmen die Jesuiten wieder die Erziehung der Jugend; in Genua, Verona, Modena, Parma, Ferrara haben sie ihre Erziehungshäuser aufgetan, wo die Jugend unverdorben hinein- und mit jesuitischen Grundsätzen wieder heraustritt; in Neapel haben sie außer den Kollegien für Bürgersöhne noch ein adeliges Institut; in Piemont und Sardinien erheben sie seit 1823 stolz die Häupter. In Spanien ernannte König Ferdinand VII. den Ordensstifter Loyola zum unsichtbaren Generalkapitän der Armee und zum Großkreuz des Ordens Karls III. Und doch hat es dieser Generalkapitän nicht verhindern können, daß seine streitbare Mannschaft im Jahre 1820 aus Spanien vertrieben, und daß der Orden im Jahre 1835 aufgehoben wurde! In Irland entstanden (1825) jesuitische Ordenshäuser und Schulen, sogar in England jesuitische Erziehungsanstalten zu Stonyhurst und Hodder-House.

In Rußland fingen sie, voll Zuversicht auf die Gastfreundschaft, die sie dort gefunden, beim Adel Glaubenswerbungen für den römischen Katholizismus an. Aber dieser Angriff auf die russische Kirche schlug ihnen übel an. Da galt keine Ausflucht, keine Lüge; sie mußten 1816 Petersburg und Moskau verlassen, und als sie das heimliche Bekehren noch immer nicht aufgaben, wurden sie 1820 für ewige Zeiten ans Rußland verbannt. »Selbst einer heilsamen Duldung genießend« heißt es in dem russischen Ukas vom 13. März 1820, »pflanzen sie in die von ihnen betörten Gemüter eine harte Unduldsamkeit. Die Schutzwehr der Staaten, Anhänglichkeit an den Glauben der Väter, bemühen sie sich umzustürzen und so das Familienglück zu untergraben, indem sie eine verderbliche, unsittliche Moral erregen. Alle Bestrebungen der Jesuiten sind ihren eigenen Vorteilen und der Verbreitung ihrer Macht angepaßt, und ihr Gewissen findet bei jeder widersetzlichen Handlung eine bequeme Rechtfertigung in ihren Statuten.«

Aus Rußland verbannt, flohen sie nach Österreich und suchten beim Kaiser Franz I. Aufnahme. Doch entrüstet wies dieser Monarch dies Ansinnen zurück und gebot ihnen, Wien sogleich zu verlassen. Aber Jesuiten wären nicht Jesuiten, wenn sie sich durch einen mißglückten Versuch abschrecken ließen, ihren Zweck zu verfolgen. Statt ihrer kamen die Ligorianer oder Redemptoristen nach Wien, erhielten in Österreich Aufnahme, in Wien die Kirche zu Maria-Stiegen und ein Ordenshaus; – dies ist eine Kongregation, die der Gesellschaft Jesu so ähnlich sieht wie ein Ei dem andern.

Wie unverdrossen die Jesuiten gearbeitet haben, um in der österreichischen Monarchie festen Fuß zu fassen, beweist der Umstand, daß sie nicht bloß ihr Haus in Verona haben, wie bereits erwähnt wurde, sondern auch im Jahre 1839 die Leitung des Theresianums in Innsbruck, das dortige Gymnasium und die Jesuitenkirche erhielten, daß sie ihre Ordenshäuser in Lemberg und Venedig haben. Alle Korporationen ihres Ordens in den deutschen und lombardisch-venezianischen Provinzen des österreichischen Kaiserstaates genießen, wie in Galizien, laut kaiserlichen Entschließungen vom 4. April und vom 11. Oktober 1842, Befreiung vom Amortisationsgesetz; doch muß nicht nur das Anerbieten zur Erwerbung eines Realvermögens durch die Jesuiten der allerhöchsten Genehmigung unterzogen, sondern auch jede Vermögenserwerbung derselben zur allerhöchsten Kenntnis gebracht werden.

In Frankreich waren sie unter der Regierung Ludwigs XVIII. und Karls X. als Missionare und als »Väter des Glaubens« tätig, um Aberglauben und Bigotterie wieder herzustellen und überhaupt die »gute alte Zeit« der bürgerlichen und geistigen Knechtschaft zurückzubringen. Dabei wurden sie von den Bischöfen, welche in ihrem Dienst standen, und von einflußreichen Staatsmännern unterstützt, welche jene Ansicht hegten, daß die Jesuiten eine Stütze des Throns seien. Vergeblich stand da mancher Ehrenmann auf und bewies freimütig, wie unhaltbar diese Ansicht, wie staatsgefährlich der Jesuitenorden sei. Die Stimme der Wahrheit wurde nicht angehört oder verachtet; ungestört übten die Jesuiten ihren Einfluß auf die Bischofswahlen aus; von der Regierung begünstigt, bemächtigten sie sich des Unterrichts, sie imponierten dem Hof durch ihre Schein-Heiligkeit und beherrschten ihn zu ihrem eigenen Vorteil; sie betörten den Adel, daß er seine Söhne in ihre Kollegien in der Schweiz schickte, und sie verblendeten zugleich die untersten Klassen des Volks. Es war eine jammervolle Zeit; aber der Kern des Volkes, der Mittelstand, war gesund geblieben, den hatten sie nicht verführen können; von diesem aus, wie von einem sichern Bollwerk, leiteten geistreiche Schriftsteller die Presse als furchtbares Geschütz gegen sie. In jenen heißen Julitagen des Jahres 1830 sah endlich der Altersschwache König Karl X. mit seinem Jesuitenknecht Polignac zu spät ein, daß der Versuch der Völkerverdummung die Könige nicht unantastbar macht. Da hätten auch die Jesuiten erkennen sollen, daß man die Entwicklung einer Nation nicht ungestraft hindern darf. Sie sahen das Volk sich wie einen Riesen aufrichten und seine Fesseln zürnend zerbrechen; sie sahen den greisen König, welchen diese Gottlosen verführt hatten, als Flüchtling aus dem schönen Lande seiner Väter von dannen ziehen; sie selber mußten den Boden, worauf sie sich noch vor kurzem allmächtig gedünkt hatten, in wilder Eile, wie geächtete Verbrecher, verlassen und hinter sich her den tausendstimmigen Hohn des Volkes hören; ja, der Name »Jesuit« war »beim stürmischen Gedränge der Parteien« in Frankreich zu einem gemeinen Schimpfwort geworden. Solche erschütternde Lehren erteilt die Geschichte nie umsonst; – wehe denen, welche sie verachten! Und die Jesuiten bieten der Geschichte Hohn! Was nützt es, daß der Jesuitenorden in Frankreich gesetzlich verboten ist? Die Jesuiten sind jetzt doch in Frankreich ansässig, und, ob sie auch keine öffentlichen Kollegien, Noviziate und Erziehungshäuser darin haben, – um so mächtiger wirken sie im Stillen, aber die Früchte ihres Wirkens zeigen sich offenbar. Sie verfolgen den alten Plan, das Leben des Volks in allen seinen Adern zu durchdringen und sich durch Verdummung untertan zu machen – bei allen Namen und trotz allen Instituten politischer Freiheit, – die Geistesfreiheit zu verdächtigen, die Glaubensfreiheit zu ersticken, die Flammen des Glaubenshasses und der Verfolgung zu schüren. Seht hin auf jenen neuesten Kampf in Frankreich, den Kampf gegen die Universitäten, gegen die Protestanten! Erkennt ihr die nachgewachsenen Häupter der alten Hydra nicht? Horcht auf jene Verfluchungen drüben in Frankreich, die von den Kanzeln herab über jeden erschallen, der an dem einen oder andern Glied der großen Jesuitenkette rüttelt, und daraus schließt, was sie in den Beichtstühlen ihren Beichtkindern (und die sind schlimmer dran als Leibeigne) zuflüstern! Verhaßt, verhöhnt, verwünscht, – dennoch sind sie wieder da, und – herrschen, wenn auch nicht mehr am Hof, um so sicherer aber in den Hütten!

Wie die Jesuiten in dem Königreich der vereinigten Niederlande (Holland und Belgien) bis zum Jahre 1830 gewirkt, haben, das weiß jedermann. Da mußte abermals die angebliche »Gefahr, welche der Freiheit der römisch-katholischen Kirche drohe,« den Deckmantel hergeben zur Verhüllung der jesuitischen Umtriebe im Staatswesen. Freiheit!? Ja, wärs nur Freiheit, echte Glaubens- und Kirchenfreiheit, aber Kirchenherrschaft ist es, was die jesuitische Partei abermals erwirken wollte, und die Liebe der Belgier für politische Freiheit wurde von jener Partei gar schlau für ihre eigenen Zwecke benutzt. Aber auch nach der großenteils durch die Jesuiten vorbereiteten gewaltsamen Trennung Belgiens von Holland arbeitete die jesuitisch-römische Partei in Belgien, um ihre Herrschaft über den Volksgeist zu behaupten, unablässig darauf hin, die freie Entwicklung desselben zu hemmen, ja, wärs möglich, zu unterdrücken; und da kommt ihre Lüge, als ob sie im Dienst der Freiheit stünde, nackt und schändlich an den Tag. Jenes Volksverdummungsstreben hat in Belgien den Freimaurerbund zum lebhaftesten Widerstand angespornt, zum Kampf für die Rechte der Vernunft, für die naturgemäße Entwicklung der Nation. Die jesuitische Partei hoffte, diesen ihren Todfeind, den Maurerbund, mit leichter Mühe zu vernichten; sie schleuderte von den Kanzeln und Altären ihre Verdammungsflüche auf die Maurer; sie verschrie das Treiben derselben als gottlos. Aber was war die Folge dieser Maßregeln? Grade, daß der Freimaurerbund in den Augen jedes Vernünftigen nun erst recht zu Ehren kam. Statt, daß die Freimaurer ihrem großen Bund absagten, meldeten sich täglich zahlreiche Männer, welche das gefährliche Treiben der Jesuiten durchschauten, Männer, als edel und untadelhaft allgemein gekannt und geachtet, zur Aufnahme in den Freimaurerbund, um mit vereinigten Kräften gegen jene Partei zu kämpfen, welche nie ein Herz für ein Vaterland haben kann. Und dieser Kampf dauert noch heutigen Tages fort. Der Freimaurerbund entfaltet von Tag zu Tag einen größeren Eifer für die heiligste Sache, die Nationalität eines so reichbegabten, kernhaften, tüchtigen, der schönsten Zukunft würdigen Volkes, wie das belgische es ist, von der Macht der Jesuiten zu erlösen, welche ihrerseits wieder auch kein Mittel unversucht lassen, sich derselben zu versichern, und welche ebenso eine große Ausdauer als eine unergründliche Schlauheit entwickeln. Wahrlich: dieser Kampf des guten Prinzips in Belgien gegen das böse ist einer der denkwürdigsten in der neueren Geschichte, und wir Deutsche sollten, sogar schon in unserem eigenen Interesse, nicht müßig dabei zusehen, sondern alle unsere Kräfte anspannen, um brüderlich treu dem stammverwandten Volke beizustehen. Belgier und Deutsche, auf, für ein gemeinsames Ziel! fest die Hände ineinandergeschlungen, zu kämpfen für Freiheit und Licht gegen Verknechtung und Finsternis. Jetzt ist der Augenblick! Säumt nicht! Die Geschichte blickt auf euch!

Übrigens – Deutsche, vergeht das nicht! – begnügen sich die Jesuiten in Belgien nicht mit ihrem Wirken in Bezug auf dies Land allein, obwohl dies schon verderblich genug ist. Nein, sie versuchen von dort aus auch in die nächstgelegenen deutschen Provinzen den Samen ihres Unkrauts auszustreuen.

Das tun sie auch in der Schweiz. Auch dort waren sie nach Aufhebung des Ordens immer im Stillen geschäftig. Nach dessen Wiederherstellung trugen sie nun dort die Stirnen kühner als irgendwo anders, und machten die Stadt Freiburg im Üchtland gleichsam zu ihrem Hauptquartier, wo sie ihre Kriegspläne entwerfen, und von wo aus sie ihre vielfach verzweigten geheimen Verbindungen in den deutschen Staaten leiten. Dort in Freiburg haben sie auch ihre Schulen – nach den alten Unterrichtsplänen – offen stehen, und so manche einflußreiche Männer aus Deutschland (so z. B. aus Bayern) und andern Ländern, welche von der Jesuitenerziehung etwas Gutes erwarten, schicken ihnen dahin ihre Söhne zu, um diese als wohlzugerichtete Ordenszöglinge zurück zu bekommen. Wie in Belgien, so suchen die Jesuiten auch in der Schweiz das Volk durch Aberglauben in geistiger und moralischer Unmündigkeit zu bringen, und, um den Aberglauben zu erhalten, veranstalten sie prachtvolle Zeremonien, Prozessionen, Mirakel, kurz alles, was die Sinne zu blenden, die Einbildungskraft zu erhitzen und den Verstand dabei abzustumpfen dient. Sie suchen das Voll bis zum Fanatismus zu bringen, und vermischen gar schlau den religiösen mit dem politischen; so gelingt es ihnen leider, sich in die schweizerischen Staats- und Regierungsgeschäfte zu mischen, und Parteihaß und Bürgerkrieg zu erregen. Ist es nicht empörend, daß sie den Sieg der Katholiken bei Villmangen im Jahre 1656, einen Sieg, welchen Schweizer durch Bruderblut erkauften, ungeachtet des Regierungsverbots von 1789, feierten? Ist es nicht empörend, wenn man sie von Ort zu Ort herumziehen sieht wie Marktschreier, die da ihre Mittel feil bieten, um das unsterbliche Teil des Menschen, die Vernunft, die heiligste Gottesgabe, zu vergiften? Außer Freiburg hatten sie ihr Hauptquartier auch in Schwyz, in Sitten und Brieg, und nun endlich, in allerneuester Zeit, haben sie auch in Luzern nach hartem Kampf ihre Einführung ertrotzt! Um Vergeltung dampft das Schweizerblut gen Himmel, das geflossen ist, damit der Orden, der sich nach dem heiligsten Manne der Liebe, nach Jesus Christus, nennt, triumphieren könne.

In den deutschen Bundesstaaten (wenn man Tirol abrechnet) haben es die Jesuiten, Gottlob, bis jetzt noch nicht dahin bringen können, daß selbst katholische deutsche Fürsten den Orden in ihren Ländern wieder einführten und ihm den Jugendunterricht anvertrauten; – so eifrig die Jesuiten dies auch durch ihre Bundesgenossen in »kurzen Röcken« betreiben mögen. Es wäre jammervoll, wenn es ihnen je gelingen könnte. Schlimm genug ist es schon, daß die Ligorianer in Bayern Eingang gefunden haben; aus unscheinbarem Anfang erwachsen oft die gewaltigsten Ergebnisse. Laßt den Keim nur liegen und Wurzel fassen; der Baum wird nicht nach eurem Staunen fragen! Schlimm genug, sag ich ferner, daß der Besuch auswärtiger Jesuitenschulen den Söhnen Deutschlands nicht von Staats wegen verboten ist. Beachtet diese Mahnung, ihr deutschen Landstände; ihr seid nicht bloß der Gegenwart, sondern auch der Zukunft verantwortlich! O fände doch in allen deutschen Staaten das Beispiel des Königs Friedrich Wilhelm III. von Preußen, welcher im Jahre 1827 den Besuch auswärtiger Jesuitenschulen allen Söhnen seiner Untertanen aufs Strengste verbot – wahrhaft zum Heil des ganzen Vaterlandes! – Beachtung und Nachahmung. Dies weise Gesetz kommt nämlich nicht etwa bloß dem Bestand des evangelischen Christentums in Deutschland zugute, sondern auch den wahren Interessen des deutschen Katholizismus, welcher wahrlich groß und stark auf eignen Füßen aufrecht stehen kann, und nicht eines Gängelbandes (oder Strickes vielmehr) bedarf, das ein Mann in Rom in der Hand hält, um deutsche Köpfe zurechtzudrehen und deutsche Herzen zuzuschnüren. Die Sehnsucht der rechtschaffensten und frömmsten deutschen Katholiken nach einer katholischen deutschen Nationalkirche auf dem Grunde gleichbischöflicher Hirtenpflichten und Rechte, frei von der Oberherrschaft des Bischofs von Rom, mit der höchsten Instanz eines deutschen National-Konziliums, – ist nicht etwa der bloße Fiebertraum neuerungssüchtiger Köpfe, – nein, schon seit Jahrhunderten haben die edelsten deutschen Männer, Priester wie Laien, diesen Plan, so einfach, so naturgemäß und geschichtlich wahr er ist, gefaßt und dafür gewirkt. Auch ist es schon oft nahe daran gewesen, daß derselbe verwirklicht werde, – aber leider ist es stets wieder durch welsche List vereitelt worden. Diese Idee nun einer »freien deutschen katholischen Kirche«, welche in der Gegenwart abermals zur Sprache kam, diese Idee ist natürlich den Jesuiten, deren Interesse zu enge mit dem des römischen Hofes zusammenhängt, ein Greuel, sie verketzern und verdächtigen sie als gottlos, ohne dabei zu bedenken, daß in Deutschland heutzutage schon die Jugend weiß, daß die ganze Lehre vom Primat des Papstes bloß auf einer Fälschung beruht. Aber die Jesuiten tun noch mehr, als nur die deutsche Nationalkirche verdächtigen. Sie wissen gar wohl, daß, wenn sich eine deutsche katholische Nationalkirche bildet, Religion und Staat sich immer inniger verbinden, Fürsten und Volk immer mehr, eins durchs andre, erstarken werden. Da suchen nun die Jesuiten jene alte Anmaßung, an die längst kein vernünftiger Mensch mehr dachte, wieder aufzurichten, und lehren sowohl öffentlich, wo sie es nämlich können, als auch umso mehr insgeheim: »der Papst steht über aller weltlichen Fürstenmacht.« Mit dieser zweideutigen Lehre, welche das Geistliche vor das Weltliche schiebt, und doch beides vermischt, hängen natürlicherweise noch viele andre staatsgefährliche Grundsätze zusammen; diese Lehre ist wie die Spinne, die inmitten ihres Gewebes sitzt, und bald dahin bald dorthin hervorschießt, neue Fäden anspinnt, neue Opfer holt. In neuester Zeit haben es die Jesuiten auf alle mögliche Weise versucht, sich im Münsterland und in Rhein-Preußen einzuschleichen; sie rechneten dabei auf die fromme Gläubigkeit der dortigen katholischen Bevölkerung; sie suchten diese zum Glaubenshaß gegen alle Protestanten aufzuhetzen und eiferten deshalb gegen die sogenannten »gemischten Ehen«; jenem Geist des Friedens, der Versöhnung und der Liebe so ganz zuwider, welchen der erhabene Stifter des Christentums predigte, verfluchen sie die gemischten Ehen und die Kinder aus solchen als Bastarde. Zur selben Zeit geschahen gerade in den entgegengesetzten äußersten Provinzen der preußischen Monarchie gleiche Versuche gegen gemischte Ehen, gegen Gemeinschaft der Katholiken mit den Protestanten. Wer sieht nicht den Zusammenhang dieser Fäden zu einem Gewebe? Zur Erreichung ihres Zweckes wollten die Jesuiten auch die Zeitungen benutzen, dieses wichtige Mittel, auf das Volk Einfluß auszuüben. Und wirklich erhoben sich bald hier bald dort, bald leise bald keck, die Stimmen der Unbekannten in den Zeitungen, um das geheime Treiben der jesuitisch-hierarchischen Partei zu rechtfertigen, zu beschönigen und deren Gegner verhaßt zu machen; – da ward keine Lüge gespart, und fort und fort geschieht das noch oft mit eiserner Stirn; wer die Stimme für Licht und Wahrheit gegen Finsternis und Aberglauben, für die Ehre und Unabhängigkeit der Nation gegen Rom und den Jesuitenorden erhebt, der wird verdächtigt, gegen den wird der weltliche Arm aufgerufen; o, die Jesuiten wissen gar wohl, wie viele ihrer Alliierten und weltlichen Koadjutoren sie in Deutschland haben, um die weltliche Macht hie und da zu ihren Gunsten bewegen zu können. Aber, wie sich auch die Lüge schlangengleich drehen und winden mag, um sich durch irgend eine unverwahrte Ritze einzuschleichen, und ob auch die Lüge oft schon triumphiert zu haben glaubt, vor der einfachen Wahrheit kann sie auf Dauer doch nicht bestehen, und darin liegt das Große, das Erhabene der Pressefreiheit, daß durch sie vor den Augen des ganzen Volkes (und Tausende von Augen sehen doch gewiß mehr als oft nur ein paar) dem unehrlichen Kämpfer die vergiftete Waffe aus der Hand, das Visier vom Haupt gerissen wird, daß ein ganzes Volk sich dann selbst überzeugen kann, was Wahrheit, was Lüge ist. Und nicht das, was zu glauben befohlen wird, – nur das kann man glauben, wovon man sich selbst überzeugt; seiner Überzeugung nach aber handelt ein Ehrenmann stets freudiger und besser, als nach allen Machtgeboten der Welt.

Da komme ich wieder auf das Werk einer freien deutschen katholischen Kirche zurück. Ich kann nicht anders; ich möchte als Wächter auf der Warte stehen und es in jeder Stunde des Tags und der Nacht allen deutschen Herzen zurufen – ,,Fürsten und Volk, Priester und Laien, ans Werk! Schützt, ihr Fürsten, die gerechte, die heilige Sache; zumal ihr, protestantische Fürsten, gönnt den Sprechern und Werkmeistern ein Asyl, schützt die katholischen Gemeinden, die sich von Rom lossagen, erkennt in allem Streben der deutschen Katholiken nach jenem Ziele hin, die dringende Notwendigkeit eines gesunden, freudigen, ehrenvollen Daseins. Ihr katholischen Priester und Laien Deutschlands, reicht euch die Hand zum Bunde, ohne Menschenfurcht; dem Mutigen für eine gerechte Sache steht Gott bei, und dies Deutschland, dieser Boden der Freiheit und Treue, soll nicht länger von Verknechtung durch Jesuiten und Römlinge entweiht werden. Predigt, ihr Priester, die freie katholische Kirche euren Gemeinden; steht unerschrocken für solche Prediger und Priester, ihr katholischen Gemeinden! Ihr evangelischen Brüder aber bildet die feste Wand um diesen Kampfplatz, auf dem die deutschen Katholiken stehen, die lebendige Mauer, die kein Jesuit und Römling durchbreche, um zu jenen hinanzudringen. So, wenn die deutschen Katholiken von Rom unabhängig geworden, wird der große Tag des Friedens über einem einigen Deutschland aufgehen; und sei es nach härtesten Mühen, ein freies Dasein, die Ehre und Sittlichkeit einer Nation sind solcher Mühen wert. Noch gilt es, vor diesen Mühen nicht zurückzuschrecken. Noch schleichen die Jesuiten im Finstern, schaffen, flüstern und verführen, wollen um des Ordensvorteils willen das Familienglück zerstören, das wechselseitige Vertrauen zwischen Fürsten und Untertanen vergiften, die Sicherheit der Staaten untergraben. Wache und handle, deutsches Volk, daß sie an der deutschen Treue, mit aller ihrer Gewandtheit, mit aller ihrer List, dennoch scheitern müssen! O daß diese deutsche Treue, und daß deutsche Wahrheitsliebe, deutsche Bildung und Wissenschaft immer als fester Wall das ganze heilige Vaterland beschirmen mögen! Das wünscht Einer, der es von Grund des Herzens liebt.

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