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Die Jahrzeit

Leopold Kompert: Die Jahrzeit - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Dorfgeher
authorLeopold Kompert
year1997
publisherWallstein Verlag
addressGöttingen
isbn3-89244-080-8
titleDie Jahrzeit
pages145-192
created20000122
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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Leopold Kompert

Die Jahrzeit

(1865)

In einer mondhellen Sommernacht vermochte sich manches schlaftrunkene Auge in der ›Gasse‹ nicht zu schließen. Ein Hund bellte ohne Unterlaß. Schon brach das graue Dämmerlicht des Morgens an und noch immer schien das wachsame, von einer seltsamen Unruhe aufgestörte Thier das Ende seiner nächtlichen Klagen nicht finden zu können. Galten sie dem leuchtenden Gestirne am Himmel? Waren Diebe in irgend ein Eigenthum der Gasse geschlichen? Erst allmälig, fast ersterbend, fast als ob der Hund die ganze seiner Thierseele innewohnende Beredsamkeit bis auf den letzten Laut erschöpft hätte, verscholl das schmerzlich gezogene, grauenhafte Heulen. Aber so lebendig wirkte die Erinnerung an die Schrecken dieser Nacht in allen Gemüthern, daß beinahe in jedem Hause, dem der Schlaf fern geblieben war, die erste Frage am frühen Morgen überall fast gleichmäßig lautete:

»Was hat Jacob Löw's Hund heute Nacht nur gewollt? Es muß etwas Besonderes über ihn gekommen sein.«

Resel, das ›fromme‹ Weib, das in der Nachbarschaft jenes Hauses, woher die Unruhe gekommen, ein krankes Kind zu warten hatte, und daher besonders übler Laune war, meinte sogar mit dem Ausdrucke tiefster Erbitterung:

»Da kann man gewahr werden, was bei uns, leider Gottes! ein reicher Mann ist und ein armer. Wo hat man's schon gehört und erlebt, daß ein armer Mann sich einen Hund halten darf? Aber weil Jacob Löw Geld hat und die Leute ihm schuldig sind, darf er sich einen Hund halten, der ›Gewaltnik‹! Seinetwegen muß so ein krankes Kind die Augen offen halten und kann nicht schlafen. Pfui über die ganze Gemeinde, daß sie dazu schweigt und läßt den Hund bellen, wie er will! Aber heutzutage giebt's keine Leut' mehr. Sie fürchten sich vor Jacob Löw und fürchten sich vor seinem Hund. Ich sollte die Gemeinde sein, so sollte der ›Gewaltnik‹ sehen, ob mir so ein Hund die Nacht verstören darf Aber es giebt jetzt keine Leut' mehr.«

Es gab eine Zeit, und sie ist noch nicht gar zu fern, da lauteten die Äußerungen über Jacob Löw wesentlich anders. Wer damals den Ausdruck ›Gewaltnik‹ von ihm gebraucht hätte, den hätte man mit nicht weniger verwunderten Blicken angesehen, als wenn er der Meinung gewesen wäre, Adler und Taube seien leibliche Geschwister. Auf demselben Hofe, der jetzt den mürrischen Wächter des Hauses, jenen schlafstörenden Hund, beherbergte, tummelten sich fröhliche Knaben, und das Herz wurde Einem weit und offen, wenn man schon in der Ferne ihre aufjauchzenden Kinderstimmen vernahm! Alles lebte, glänzte und leuchtete gleichsam an diesem Hause; besondere Engel schienen es zu hüten. Nirgendwo gab es schönere Kinder; ihre Wangen waren von einer so durchsichtig feinen Röthe überhaucht, dabei glänzten ihrer Aller Augen in einem so eigenthümlich leuchtenden Schimmer, wie man Ähnliches gesehen zu haben sich nicht erinnerte. Ach! die rothen Wangen und die glänzenden Augen, sie tragen die Schuld davon, daß dieses Haus jetzt in so grauenhafter Verödung da liegt, dessen einzige Bewohner ein alter Mann, jener ›Gewaltnik‹, Jacob Löw, und sein Hund sind!

Fünf Knaben waren es; aber keiner von ihnen hat das dreizehnte Lebensjahr erreicht. Wenn sie an die Grenzscheide dieses Alters traten, schien es, als ob über den heitersten, von Sonnengold überfluteten Himmel plötzlich eine schwarze Wolke streiche. Die Wolke senkte sich immer tiefer, immer schwärzer herab – wenn sie vorübergezogen, war das Kind todt. Dieses Ereigniß trat stets mit einer so erschreckenden Schnelligkeit ein, daß man das Kind, dessen Wangen gestern noch in vollster Lebensblüthe leuchteten, nach einem Monate, ja oft schon nach einem viel kürzeren Zeitraume, draußen auf dem ›guten Orte‹ zur ewigen Ruhe bettete. Eine tückische Krankheit, die keine Kunst vorhergesehen, keine zu bewältigen vermochte, bei Jedem unter einer andern Form auftretend, als wollte sie jeder Wachsamkeit schon im Voraus Hohn sprechen, raffte erbarmungslos die Knaben hin; sie wären ›beschrieen‹ worden, meinte der fromme Wahn; sie seien mit einem zu ›kurzen Athem‹ auf die Welt gekommen, klügelte nachträglich die Weisheit der alten Frauen. Am zu kurzen Athem! Die Leute ahnten nicht, daß sie da einen Witz machten, wo er ihnen gewiß nicht auf den Lippen saß.

Wenn Jacob Löw am Freitag Nachmittage von seinen Geschäftsreisen sein Haus betrat, dieses gesegnete, vom Hauche lieblicher Weiblichkeit gleichsam durchwärmte Haus – denn damals schaltete und waltete noch darin seine Frau – da empfand er jedesmal ein wehmüthig freudiges Gefühl. Fünf lockige Knabenhäupter drängten sich unter seine Hände, damit er sie segne; Eines wollte dem Andern zuvorkommen; er hatte sie alle in einem dichten Knäuel beisammen. Nicht als ob ihn schon damals die Ahnung durchzuckt hätte, in diesen herrlichen Kinderblüthen liege ein böser Wurm! Im Gegentheil! Im Vollgenusse des Anblickes, der ihm das Herz schwellte, dachte er an sein eigenes Sterben. Er mußte denken: »Siehe! wie dein Gott dir es so schön eingerichtet hat! Wenn du einmal von dieser Erde fortgehst, oder dein Weib, dann haben wir nach uns diese fünf prächtigen Knaben gelassen, und die sagen uns ›Kadisch‹ nach!«

Es ist dies jenes seltsame, von Geschlecht zu Geschlecht, von Jahrtausend zu Jahrtausend überkommene Gebet, das, in der Sprache des alten Zion lautend, einen wesentlichen Bestandteil des täglichen Gottesdienstes bildet. Sein Ursprung ist geheimnißvoll; Engel sollen es vom Himmel herabgebracht und die Menschen gelehrt haben. Um dieses Gebet schlingen sich die weichsten Fäden kindlichen Empfindens und menschlichen Erinnerns; denn es ist das Gebet der Waisen! Wenn Vater oder Mutter stirbt, sollen es die nachgelassenen Söhne täglich, am Morgen und am Abend, im Gotteshause durch das ganze Trauerjahr, und dann am jedesmaligen Todestage, oder, wie er in der Sprache der ›Gasse‹heißt: ›zur Jahrzeit‹, sprechen, denn es wohnt ihm eine gar wunderbare Kraft inne. Aus dem Munde von Waisen klingend, sprengt es die Gräber und sagt den todten Eltern, daß ihr Kind ihrer gedenke; dann tritt es unmittelbar vor Gottes Thron und bittet dort um den ewigen Frieden der Dahingeschiedenen, um Schonung und Barmherzigkeit!

Fürwahr! wenn es irgend ein Band giebt, stark und unauflöslich genug, um Himmel und Erde an einander zu ketten, so ist es dieses Gebet! Es hält die Lebenden aneinander und bildet die Brücke in das geheimnisvolle Reich des Todes. Fast könnte man sagen, dieses Gebet sei der Hüter und Wächter des Volkes, von dem allein es gebetet wird; in ihm liegt die Bürgschaft seiner eigenen Fortdauer. Kann ein Volk untergehen und in das Nichts zerstäuben – so lange ein Kind seiner Eltern gedenkt? Welche Stürme, welche Fäulniß und Verderbniß müßten vorangegangen sein, welche Mächte müßten an dem Baue eines Volkes genagt und gerüttelt haben, der auf dem Felsengrunde der ›Familie‹ ruht?

Es mag seltsam klingen. Mitten aus dem Taumel der wüstesten Zerstreuung hat dieses Gebet der Erinnerung manches verwilderte Gemüth aufgeschreckt, daß es sich besann und wenigstens für kurze Zeit im Andenken an die todten Eltern sich gleichsam heiligte. Solch ein Gemüth überkommt es dann mit Schauern, wenn es die Wege überschaut, die es bisher gegangen, und sie mit denen vergleicht, die es gegangen wäre, wenn das Auge von Vater und Mutter noch über ihm leuchtete!

Eben weil dieses Gebet eine Wiedergeburt des am Menschen Vergänglichen im Geiste ist, weil es ein bloßes Sterben nicht zugiebt, weil es die Blüthe, die vom Baume der Menschheit welk abgefallen ist, im Gemüthe wieder auferstehen und sich entfalten läßt, – darum ist es von so heilkräftiger und heiligender Gewalt! Zu wissen: du stirbst, du trittst aus dieser ewigruhelosen, so hinfälligen Hülle in ein geheimnisvolles Jenseits, aber die Erdscholle, die über deinem Haupte rauscht und fällt, deckt dich nicht ganz; es bleiben solche zurück, die wissen, daß du gestorben bist, die, wo sie immer auf dem weiten Erdenrunde, ob im Gewande der Armuth oder im schimmernden Prunke des Reichthums sich befinden, dieses Gebet dir nachsenden; – zu wissen: du nennst keinen grünen Fleck in diesem Lande dein, du läßt ihnen kein Haus, keinen Hof und Acker zurück, daß sie dein gedenken müßten: dennoch bewahren sie dein Andenken als ihr theuerstes Erbe... unbedeutend, verachtet, eine Schaumblase, die du im Leben warst, erheben sie dich wenn du längst nicht mehr bist, zur Bedeutendheit... sie raffen dich aus dem Staube der Vergänglichkeit auf – wer wird nun Jacob Löws eigenthümlichen Gedankengang nicht begreifen und daß er ein Behagen darin finden konnt, fünf Knaben würden ihm einst ›Kadisch‹ nachsagen?...

Wir haben bereits erzählt, in welcher Weise im Laufe weniger Jahre eines nach dem anderen dieser blühenden Kinderhäupter dem Hause Jacob Löw's entrissen ward. In einer Reihe liegen sie auf dem ›guten Orte‹. Als der jüngste Knabe hinausgetragen ward, waren Jacob Löw und dessen Frau für diese letzte Heimsuchung fast stumpfsinnig geworden. Als hätten sie es miteinander verabredet, sprachen sie nicht von den Dahingeschiedenen; Beide wußten, daß ihre Wunde nach wie vor blutete. Nur zuweilen, namentlich wenn er am Freitag Nachmittage nach Hause kam, brach es aus seinem Gemüthe wie eine jäh aus todtgeglaubter Asche hervorbrechende Flamme hervor. »Der Mensch ist ein schöner Rechner«, pflegte er dann mit einem grauenhaften Lachen zu seiner Frau zu sagen. »Auf fünf habe ich gerechnet gehabt, und es ist mir kein einziger geblieben.«

»Der Mensch soll nicht rechnen!« rief dann jedesmal Esther, und sie allein wußte, wie schwer sich dieser Trost von ihrer Seele losrang. »Der Mensch soll nicht rechnen und Gott vorzählen, denn er versündigt sich dadurch. Haben wir nicht unser Blümele?«

»Kann Dir ein Mädchen ›Kadisch‹ nachsagen?«

»Ihre Kinder werden es thun –«

»Und wenn auch sie... den kurzen Athem bekommt, Esther, auch sie? Was thust Du dann?«

»Ich rechne nicht, wie Jacob Löw...«, schloß sie gewöhnlich eine derartige Unterredung, und oft saß ihr dabei ein schmerzliches Lächeln auf den Lippen. »Im Gegentheil, ich rechne darauf, daß uns unser Blümele gesund und stark bleibt. Das einzige Blümele wird uns doch Gott lassen?...«

Und Esther hatte Recht. Das Kind wuchs heran und gedieh wie eine frische Waldpflanze. Auf den ersten Blick wurde man sogleich gewahr, daß Blümele von einem ganz anderen Schlage sei, als ihre so früh geknickten Brüder. Ihre Wangen leuchteten nicht in jenem trügerischen Roth, das bei jenen als Ausfluß vollblütiger Gesundheit gegolten hatte, und ihren Augen fehlte das verzehrende Feuer, das bei den armen Knaben nur so lange glühte, als der in ihrem Innern lohende Brand sich nicht selbst verzehrt hatte. Das Kind entwickelte sich ganz regelmäßig, fast unmerklich unter den Augen ihrer Eltern, die noch immer ihre Blicke nach rückwärts zu den Gräbern ihrer Knaben gerichtet hielten. Eines Tages war der von uns noch nicht vergessene Doctor Prager auf Besuch gekommen; denn seit dem Tode des letzten Knaben waltete zwischen ihm und den Eheleuten eine Art gegenseitiger Gespanntheit, wie sie in solchen Fällen sich gewöhnlich geltend macht. Jacob Löw namentlich empfand beim Anblick des Arztes jedesmal etwas wie jäh aufsteigenden Grimm; nicht daß er ihm etwa die Schuld an dem schweren Verhängnisse aufbürdete... aber gemahnte er ihn nicht stets an die, die er verloren, an die mit ihnen hinweggegangenen Hoffnungen, an Alles, was das Licht seines künftigen und überirdischen Lebens gebildet hatte? Andererseits war der Arzt zu feinfühlend, um öfters da einzusprechen, wo ihm, der die Sachlage mit seinem Gemüthe übersah, nur ein erzwungener Willkomm entgegentreten konnte.

So waren Jahre vergangen, ohne daß das Kind mehr als flüchtig ihm unter die Augen gekommen wäre, ja, es war ihm beinahe fremd geworden.

»Ist das Ihre Tochter?« fragte er stockend, während seine erstaunten Blicke an der lieblichen Gestalt eines siebenzehnjährigen Mädchens haften blieben.

Jacob Löw's Frau erbleichte, sie faßte krampfhaft nach der Hand des Doctors.

»Hören Sie vielleicht auch ihren kurzen Athem?« sprach sie leise.

Den Arzt übermannte eine tiefe Rührung, er mußte sich erheben und trat zu Blümele hin, der er lange in die Augen schaute.

»Ich bin nicht krank, Herr Doctor!« rief Blümele endlich lachend.

»Nein! So wahr es einen Gott giebt, Sie sind nicht krank!« rief der Arzt. »Und wenn menschliches Wissen die Anmaßung haben darf, etwas vorhersagen zu wollen, so sage ich nur das Eine: Du bist gesund, liebes Mädchen, gesund, wie es Eine nur sein kann, und wirst auch gesund bleiben.«

»Schwören Sie, Herr Doctor!« rief dazwischen Jacob Löw in einem Tone, aus dem der Arzt ebensogut wie die tiefste Erschütterung, auch einen gewissen Hohn zu vernehmen glaubte.

»Ein Arzt kann nicht schwören!« sagte der Doctor ernst; »aber er versichert, daß, soweit seine Kunst voraussetzen darf, Ihre Tochter... dem Geschicke Ihrer andern Kindern nicht anheimfallen wird.«

»Die armen, armen Knaben!« seufzte Jacob Löw, indem er sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte.

»Rechnest Du schon wieder, Jacob Löw?...« rief Esther leise.

Da ließ er die Hände fallen, schwere Thränen rollten ihm über die Wangen. Dennoch lag's auf seinem Antlitz wie ein Sonnenstrahl. Er trat auf Blümele zu und schaute ihr lange in die Augen, dann fuhr er ihr mit der Hand über das glänzende, schwarze Haar und sagte mit einer Stimme, die dem Mädchen durch die Seele ging:

»Blümele! Du mußt ganz rechtschaffen, gut und fromm werden, denn Du bist jetzt die einzige, auf die ich rechne. Versprich mir das.«

Er streckte ihr seine Hand hin; nur zögernd schlug Blümele ein; sie tat es und empfand dabei einen kühlen Schauer. Jacob Löw sprach so sonderbar – und sie sollte etwas versprechen, was sie kaum verstand.

War es in Folge dieser Unterredung, aus der Jacob Löw den Trost geschöpft hatte, daß der Sturm, der sein Haus so schwer heimgesucht hatte, endlich vorübergezogen sei, oder etwas Anderes, genug, von diesem Tage an begann das Dasein für ihn einen neuen Reiz zu gewinnen. Er schien erst jetzt zu bemerken, daß die Anwesenheit einer siebenzehnjährigen Tochter in seinem so lange verdüsterten Gemüthe ein Licht auszustrahlen begann, auf das er schon ganz verzichtet hatte; er schien erst jetzt gewahr zu werden, wie wunderbar die Schönheit des Mädchens sich entfaltet hatte. Und so seltsam war die Veränderung, die mit ihm vorgegangen, so auffallend sein Benehmen, daß es selbst einem flüchtigen Auge nicht entgehen konnte. Er sprach jetzt selten oder fast gar nicht von seinen fünf Knaben, auf die er sonst ohne den geringsten Anlaß, selbst bei Gelegenheiten zu reden kam, die fernab von deren traurigem Geschicke lagen. That er es doch zuweilen, so brach er oft mitten in seinen Klagen ab und seine Augen suchten dann nach etwas; war Blümele zugegen, so blieben sie an ihr haften und um seine Lippen machte sich dann ein so behaglich sonniges Lächeln bemerkbar, wie es dort seit langer Zeit nicht gesehen worden war. Nie kam er von einer seiner Geschäftsreisen zurück, ohne daß er für Blümele irgend einen neuen Mädchenputz mitbrachte. Wenn ihm Esther zuweilen Vorwürfe machte, er ›verderbe‹ dadurch das Mädchen und mache es eitel, so konnte er mit einem seltsam befriedigten Lächeln ihr erwidern: »Esther, es wird ihr nicht schaden, wenn sie dabei nur fromm bleibt.« Und so fragte er auch jedesmal, bevor er das von der Reise heimgebrachte Geschenk Blümele einhändigte: »Blümele, bist Du in dieser Woche auch recht fromm gewesen?« worauf er, ohne die Antwort abzuwarten, ihr mit einer unerklärlichen Hast das glitzernde oder flatternde Angebinde zuschob.

Was ging in Jacob Löws Gemüthe vor? War darin wirklich eine neue Lebensknospe aufgebrochen? Esther schüttelte den Kopf oft bedenklich; sie begriff das verschwenderische Gebahren ihres Mannes gegen Blümele nur in dämmerhaften Umrissen. Daß er seine Freigebigkeit nicht zu bemeistern vermochte, weil er des Mädchens erst jetzt sich sicher glaubte, das sah sie ein; in welchem Zusammenhange stand dies aber mit der Frömmigkeit, auf die er stets einen so eindringlichen Nachdruck legte?

Blümele selbst fragte einmal ganz ernst die Mutter: »Mutter, was will der Vater stets mit seinem: Sei fromm, Blümele! Bin ich's denn nicht? Oder thue ich zuweilen etwas, was nicht recht ist?«

Esther besann sich lange, welche Antwort sie dem Kinde geben sollte. Dann sagte sie rasch:

»Es schadet nicht, wenn man stündlich und täglich zur Frömmigkeit gemahnt wird... und Dein Vater weiß es gewiß besser, als Du, warum er es so oft thut.« –

Blümele war von leicht rollendem Blut; derartige Antworten genügten ihr, und sie dachte nicht weiter nach. Jacob Löw hatte die Frage: ob sie fromm gewesen? so oft an sie gerichtet, daß sie ihr zuletzt zu einer Redensart wurde, der sie keinen tieferen Sinn unterlegte. Was sie zum ersten Male mit allen Schauern überfallen, das glitt im Laufe der Zeit von ihr ab, gleichgiltig und unbeachtet wie Alles, was durch gedankenlose Angewöhnung ein inhaltloser Schall wird. Schon hatte Blümele selbst jene Sicherheit erlangt, daß sie auf die gewohnte Frage ihres Vaters mit einem allzeit bereiten lächelnden Ja! antworten konnte. Sie wußte bereits, daß er keine andere Antwort erwarten wollte.

Seit einiger Zeit wurden die Geschenke Jacob Löws an Blümele immer reicher und glänzender; er schien keine Grenze seiner Freigebigkeit mehr zu kennen. Ganze Ladungen feiner Leinwanden und Seidenstoffe brachte er nach Hause und schob sie mit einer Miene tiefster Befriedigung seinem Kinde zu. Es gab reichere Mädchen in der ›Gasse‹, aber keines konnte es Blümele an Glanz und Fülle ihres Anzuges gleich thun. Allgemein hieß es: an jedem Sabbat erschiene bei Jacob Löw das ›Mode-Journal‹, denn da kam Blümele mit irgend einem neuen Aufputz, der die kühnsten Erwartungen ihrer bewundernden Gespielinnen übertraf. Alles stand dem Mädchen vortrefflich; selbst dem unscheinbarsten Bande verlieh die Art und Weise, wie sie es zu binden und tragen pflegte, einen eigenthümlichen Reiz.

»Mann«, sagte eines Tages Esther, als er noch reichlichere Geschenke, als er sonst brachte, vor Blümele hingelegt hatte, »Du thust nicht gut daran, daß Du Dein Kind an solche Dinge gewöhnst. Was soll sie in einigen Jahren zu wünschen haben, wenn Du ihr schon jetzt jede Lust, etwas zu wünschen, benimmst? Du kennst, glaube ich, das Herz der Frauen nicht ganz; wenn es zu voll und gesättigt ist von lauter Lust und Freudigkeit, überhebt es sich gerne und geht dann einen falschen Weg. Im Gegentheil! Weil das Weib zum Ertragen und Dulden, zu Schmerzen und Leiden geboren ist, muß man es frühzeitig gewöhnen, genügsam zu sein. So ein Herz muß immer eine kleine Tasche übrig behalten, wo es einen Wunsch oder eine Lust gern aufheben möchte... Wenn Du aber schon jetzt Dein Blümele gewöhnst, als wäre sie eine geborene Prinzessin, so sage ich Dir nur das Eine: Du thust nicht gut damit, Jacob Löw!«

»Jacob Löw ist im Stande, für sein Kind mehr zu thun, als andere Leute«, sagte er mit einem finstern Stirnrunzeln. »Warum habe ich nicht mehr als das Eine Kind?... Ich brauche mich nicht aufs Sparen zu verlegen.«

»Du übertreibst...«, meinte Esther ernst, »und verdirbst das Kind.«

»Narrele!« unterbrach sie mit einem Male Jacob Löw mit einem lauten Lachen, »glaub' doch nicht, daß ich auf meine alten Tage den Verschwender und Flausenmacher spielen werde. Nichts liegt mehr abseit von mir, als dies... Wie alt ist denn unser Blümele?«

»Siebenzehn Jahre!« rief Esther mit einiger Bewegung.

»Siebenzehn Jahre!« spottete Jacob Löw mit zunehmender Lustigkeit, »und noch keine Ausstattung! Wenn Du nicht daran denkst, ist es nicht meine Pflicht und Schuldigkeit?«

Esther's Herz versagte für eine geraume Weile jeden Schlag; sie war bleich geworden und vermochte kein Wort über ihre Lippen zu bringen.

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