Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adolf Glaßbrenner >

Die Insel Marzipan

Adolf Glaßbrenner: Die Insel Marzipan - Kapitel 5
Quellenangabe
typefairy
booktitleWelt im Guckkasten II
authorAdolf Glaßbrenner
year1985
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt/M - Berlin - Wien
isbn3-548-37037-3
titleDie Insel Marzipan
pages407-460
created20010427
sendergerd.bouillon
firstpub1851
Schließen

Navigation:

                  Seid Ihr alle wieder da?
Wart Ihr heut auch heiter,
Artig, lieb und fleißig? Ja?
So erzähl' ich weiter!
Erst ein Pris'chen noch! Hepsi!
Nun nach Marzipan hin,
Nach der schönen Insel, die
Knirpsens Untertanin!

Ach, nicht mehr so hocherfreut
Wie am Morgen gestern
Seht Ihr Eure Brüder heut
Und die lieben Schwestern!
Weh ums Herze ihnen war's,
Als sie heut erwachten,
Und des heiligen Menschenpaars
In dem Turm gedachten.

Traurig sahen sie hinaus
Auf die grünen Straßen,
Wo schon überall, o Graus!
Schwarze Kerle saßen,
Die ob Marzipanens Pracht
Stauneten und stutzten,
Und dann wild, als ging's zur Schlacht,
Ihre Spieße putzten.

Plötzlich wackelte zu Roß,
Noch sehr wenig munter,
König Knirps mit seinem Troß
Von dem Schloß herunter.
»'Raus! Heraus mit Euch!« rief barsch!
Dieser Kinderplacker:
»'Raus aus Euren Hütten! Marsch!
'Raus mit Euch, Ihr Racker!

Auf, Soldaten! Angefaßt!
Laßt die Dirnen tragen
Auf dem Buckel schwere Last!
Spannt sie vor die Wagen!
Laßt sie ziehen, graben, bau'n,
Schmieden, hämmern, pflügen,
Holz und Steine karr'n und hau'n,
Bis sie unterliegen!

Und die Buben sollt Ihr mir
Auch gehörig quälen!
Schmeißt sie 'naus und laßt sie hier
Gleich Kartoffeln schälen,
Rüben schrapen, Schoten pal'n,
Waschen, spinnen, flicken,
Spulen, spülen, Kaffee mahl'n,
Scheuern, näh'n und stricken!«

Und wie's Knicker Knirps befahl
So geschah's. Die Armen
Mußten dulden alle Qual,
Da war kein Erbarmen!
Und wie lohnten ihren Fleiß
Knirps und die Soldaten?
Knochen warfen sie als Preis
Hin von ihrem Braten!

Ja, die Armen mußten Brot,
Mußten Knochen nagen,
Während, spottend dieser Not,
Rings die Knirpser lagen,
Weidlich füllten ihren Pansch,
Fleisch und Frucht genossen,
Schnaps und Punsch und andere Mansch
Durch die Gurgel gossen!

Ja, die armen Kinder sah'n
Mit betrübten Mienen
Alles Obst auf Marzipan,
All die Apfelsinen,
Trauben, Datteln, Feigen hier,
All die süßen Beeren
Nun von Knirps und Knirpsern gier
Pflücken und verzehren.

Und wenn sie, ermattet, auch
Nach den Früchten langten,
Welche rings an Baum und Strauch
Bunt und golden prangten,
Stießen Knirpsens Ritter... die
Sich Hochedle hießen,
Aber Räuber waren... sie
Fort mit ihren Spießen!

Wie nun's Kinderreich so litt,
Fühlten, recht von Herzen,
Tier und Baum und Blume mit
Seine Not und Schmerzen.
Finster sah der Schwan darein
Und verbarg im Rohr sich,
Und die Lilie, weiß und fein,
Hüllt' in schwarzen Flor sich.

Mit gebeugtem Haupte ging
Lamm und Reh am Hügel,
Und der schöne Schmetterling
Senkte seine Flügel,
Und die schöne Rose, sich
Schließend, sprach: ich dufte
Nicht für Knirps, den Wüterich,
Und für seine Schufte!

Wie die Trauerweid' am Grab
Senken Birken, Eichen
Ihre Zweige stumm herab,
Und dem Flieder bleichen,
Diesem grünen Burschen, seht!
Schon die blauen Locken!
Hyazinth ruft zum Gebet,
Läutend mit den Glocken.

Myrte weint, Narziß' und Nelk'
Mit dem lieben Veilchen,
Und Reseda, trüb und welk,
Weinet auch ihr Teilchen.
Bienchen auf dem Blütenblatt
Kann vor Schmerz nicht saugen,
Und Aurikelchen, es hat
Ganz verweinte Augen.

Maienkäfer, durch die Welt
Krabbelt er bekümmert;
Grashupf selbst, der Springinsfeld,
Sitzt nun still und wimmert;
Distelbusch und Schlehendorn
Sind ganz wild geworden;
Goldlack, kupferrot vor Zorn,
Möchte Knirps ermorden!

Hahnenkamm schwillt mächtig an;
Springend auf die Gurke
Ruft der Rittersporn: Heran,
König Knirps, Du Schurke!
Aber Gänseblum' und Klee
Tut beim Ritt er knicken,
Und zuletzt, Herr Jemine!
Fällt er in die Wicken!

Goldfisch springt nicht mehr im Bach,
Und die Tauben murren,
Und die Käfer summen Ach!
Und die Hündchen knurren;
In der Tiere ganzem Heer
Keins, das nicht voll Grimm ist!
Selbst die Würmer wurmt es sehr,
Daß der Knirps so schlimm ist.

Papageien, grün und rot,
Schrein und schimpfen wacker,
Wie der Knirps auch wütend droht:
Spitzbub'! Schelm! und Racker!
Kakadu vom Lorbeer dort,
Zeisig von der Erle
Rufen: Kinder, jagt sie fort,
Diese schwarzen Kerle!

Und der Fink, so hübsch und flink,
Zwitschert auf der Buche:
Gott verzeih es mir, dem Fink,
Wenn ich Knirpsen fluche!
Doch die Lerchen... noch so froh
Gestern... und die lieben
Nachtigallen alle, wo,
Wo sind die geblieben?

Wo? Im Turm! Weil Mut und Trost
Sie den Kindern sangen,
Ließ, darob gar sehr erbost,
König Knirps sie fangen.
Auch den Kinderchen verbot,
Unter andern Dingen,
Dieser furchtbare Despot
Alles Liedersingen.

Und wie er der Blumenflur
Zorn und Jammer höret,
Und wie rings sich die Natur
Gegen ihn empöret,
Da, was kein Vernünft'ger tut,
Läßt er Vögel spießen,
Und in seiner tollen Wut
Blum' auf Blum' erschießen!

Doch es lacht ob seiner Wut
Droben Gottes Sonne;
Warm hinein ins Blumenblut
Strahlt sie und... o Wonne!
Blümchen frisch und Blümchen viel
Wachsen auf im Husch da!
Gleich, wo Eine Blume fiel,
Steht ein ganzer Busch da!

Aus dem Rosenblut allein
Wachsen ganze Heere
Junge Röslein blaß und fein;
Spitze Dornenspeere
Tragen sie und schwingen sie,
Werden rot und röter,
Und so zieh'n sie gegen die
Schwarzen Freudentöter!

Und auch aus der Vögel Blut,
Die gespießt hier waren,
Flattert eine junge Brut
Auf in langen Scharen,
Kecker als die Alten, viel
Bunt'rer noch und saub'rer,
Ist auch ihrer Rache Ziel
Knirps, der böse Zaub'rer.

Dieser aber steht und droht
Wild der Sonne droben,
Weil sie solchen Trotz ihm bot
Hier in seinem Toben;
Weil die Kinderchen sie liebt,
Die nach Freiheit streben,
Weil sie Licht und Wärme gibt,
Nahrung, Luft und Leben.

»Wart' nur!« ruft der Wüterich,
»Dich will ich schon kriegen!
Ich, von Brr-brr's Gnaden, Ich
Muß das Licht besiegen!
Bald ist's finster hier und kalt;
Bald soll hier verschwinden
Blum' und Vogel! Sonne, bald
Soll dein Glanz erblinden!«

Sehr nur, wie er grimmig schielt
Durch die Augenbraunen!
Hört nur, was er jetzt befiehlt,
Es ist zum Erstaunen!
»Kribbel-Krabbel!« ruft er, »lauf
Rasch hin zu den Kleinen;
Sammle mir die Tränen auf,
Die die Kinder weinen!

Nimm Soldaten, hundert Stück!
Hier sind hundert Flaschen;
Bringt Ihr die nicht voll zurück,
Laß' ich durchkalaschen
Von dem Prügel-Präsident
Mit der stärksten Knut' Euch!
Nun, was glotzt Ihr? Sackerment!
Seid gehorsam! Sput't Euch!«

Seht die Kinder, matt und schwach
Und mit Leidensmienen!
Alle ihre Tränen, ach!
Die so reichlich ihnen,
Ihnen, die so tief verletzt,
Aus den Augen perlen,
Werden aufgefangen jetzt
Von den wilden Kerlen!

Und da diese Missetat
Endlich nun vollbracht ist,
Und das Tränen-Resultat
Hin zu Knirps gebracht ist –
Was – fragt Ihr verwundert – was
Soll denn nun geschehen
Mit dem edlen, teuren Naß?
Gleich sollt Ihr es sehen.

Unter Gottes Sonne, schaut!
Steht Jesuit von Krittel,
Schwarz von Seele, schwarz von Haut,
Und im schwarzen Kittel.
Diesem Jesuiten gießt
Knirps nun auf die Füße
All das Naß – es fließt und fließt –
Daß empor er schieße!

Und das Naß, es fließt und fließt
Im Brillantenglanze,
Und so schnell wie Unkraut schießt
Auf die schwarze Pflanze!
Jede Flasche, die Knirps leert,
Bringt in neuen Schuß sie;
Jede Zähre, die sie zehrt,
Hebt zehntausend Fuß sie.

Der Jesuit wächst wie behext
Aus dem Tränenwolken;
Wächst und wächst und wächst und wächst
Über alle Wolken!
Jetzt hat er die Sonne. »Halt!«
Rufen rings die Sterne.
»Böse, irdische Gewalt
Bleib' von uns hier ferne!«

Aber wer sich nicht dran kehrt
Ist Jesuit von Krittel!
Er nimmt, wie's ihm Knirps gelehrt,
Seinen schwarzen Kittel,
Hängt damit die Sonne zu,
Klopft und nagelt fest ihn,
Und... der liebe Gott in Ruh'
Sieht's mit an und läßt ihn.

Das macht Knittel'n dreist. Rundum,
Tapp! am Himmel tappt er;
Schwapp! dreht er den Mond herum;
Schnapp! vom Ostwind schnappt er
Sich die Backen voll und... puh!
Alle Sterne pust er
Aus, bis nun die Welt ist... hu!
Stockpechrabenduster!

Alle Vögel nicken ein;
Schwäne, Tauben, Schafe;
Alle Rosen knicken ein;
Alles liegt im Schlafe.
Nur die Nachtigall im Turm
Singt: »Schlaft wohl, Ihr holden
Kinderlein! Nach bösem Sturm
Strahlt die Sonne golden!«

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.