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Die Insel Marzipan

Adolf Glaßbrenner: Die Insel Marzipan - Kapitel 4
Quellenangabe
typefairy
booktitleWelt im Guckkasten II
authorAdolf Glaßbrenner
year1985
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt/M - Berlin - Wien
isbn3-548-37037-3
titleDie Insel Marzipan
pages407-460
created20010427
sendergerd.bouillon
firstpub1851
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        Plötzlich... Ihr erinnert Euch
All der Festgenüsse...
Wird gestört das Kinderreich
Durch Kanonenschüsse!
Bumm! Bumm! Bumm! Schaut! auf der See,
Über Well' und Wogen
Kommt ein großes Kriegsschiff – weh!
Kommt herangeflogen!

Jetzt erreicht es schon den Strand:
Tausend Mann Soldaten
Springen auf das Blumenland,
In die grünen Saaten!
Tausend Mann, kohlschwarz und klein,
Sporen an den Füßen,
Mit 'ner Pulle Branntewein
Und mit langen Spießen!

Und nun kommt ihr König an:
Ganz wie sie, nur dicker.
»Hurrah!« schrein die tausend Mann;
»Hoch der König Knicker!
Hoch der Dey von Quitsch und Quatsch,
Prinz von Klops und Klöse,
Fürst von Knüppel und Karbatsch,
Knicker-Knirps der Böse!«

Knicker-Knirps hat an dem Kopf
Ohren wie ein Hase,
Einen furchtbar langen Zopf
Und 'ne dito Nase,
Augen, kugelrund und dumm,
Aufgestülpte Lippen;
Dreht sich Majestät herum,
Tut der Bauch ihr wippen.

»Heda!« ruft jetzt Knirps, »herbei,
Her zu mir, Ihr Kinder!
Was? Ihr seid hier froh und frei?
Ihr seid arge Sünder!
Diese Insel Marzipan,
Und sein Volk nicht minder,
Ist von heut an untertan
Mir, dem Überwinder!

Uns, von Brr-brr's Gnaden, Uns
Dient jetzt treu und redlich
Michel, Peter, Hans und Kunz,
Heinrich, Ludwig, Hedwig,
Anton, Jacob, Kasimir,
Lise, Hermann, Robert!
Wir, von Brr-Brr's Gnaden, Wir
Haben Euch erobert!

Uns gehört das ganze Reich,
Und mit unserm Troß hier
Ziehen ein wir alsogleich
In dies goldne Schloß hier!
So tun Wir, der Prinz von Quatsch,
Quitsch und Klops und Klöse,
Fürst von Knüppel und Karbatsch,
Knicker-Knirps der Böse!

Hier steht Knuff, mein General,
Und hier meine Ritter:
Kniez von Knacks, und Quiek von Qual,
Herr von Knatter-Knitter;
Ferner Ritter Knorpelix,
Herr von Koller-Kraller,
Ritter Klex zu Kix und Knicks,
Und von Knaller-Baller!

Hier mein Staatsminister ist
Graf von Kritzel-Quabbel;
Hier mein weiser Polizist
Rothos' Kribbel-Krabbel;
Hier für meinen Appetit
Sorgt der Koch von Köter,
Und mein finstrer Jesuit
Ist Graf Krittel-Kröter!

Ich, mit diesen, werde nun
Hier fortan befehlen,
Und nicht rasten und nicht ruhn,
Euch so recht zu quälen!
Alle Tage, während Ich
Spiele, tanze schwelge,
Kriegt Ihr Prügel fürchterlich,
Ihr verdammten Bälge!

Baut geschwinde einen Turm!«
Rief der König weiter,
Und da flogen wie im Sturm,
Seine schwarzen Streiter;
Holten Steine, Kalk und Sand,
Mauerten voll Freude,
Und in zehn Minuten stand
Hoch da das Gebäude.

Wie der Turm nun fertig war,
Ließ von seinen Herren
Knirps das heil'ge Menschenpaar
Unten tief einsperren.
Ach, da weinte jedes Kind!
Ach, welch ein Gewinsel!
Ach, da heulte selbst der Wind
Durch die Kinderinsel!

König Knicker-Knirps jedoch,
Den tät's gar nicht rühren;
Lachend ließ in's Kerkerloch
Er die Eltern führen.
König Knicker-Knirps jedoch
Schlug bloß auf den Magen,
Und da wußt' sogleich sein Koch,
Was das will besagen.

Koch von Köter geht umher,
Nimmt ein großes Messer,
Sticht damit Ochs, Schwein und Bär,
Denkt: je mehr, je besser!
Umgebracht wird Vieh auf Vieh;
»Soll mir wohlgeraten!«
Steht im Blut bis an das Knie,
Und fängt an zu braten.

Dann nimmt er vom Feste dort,
Unter Schimpf und Fluchen,
Unsern lieben Kindern fort
Allen Wein und Kuchen.
Zwölf Soldaten müssen, seht!
Jetzt die Tafel decken,
Und nun spricht er: »Majestät,
Lassen Sie sich's schmecken!«

Hast Du nicht gesehn! da sitzt
Knirps mit seinen Rittern!
Alle trinken, maulgespitzt,
Erst noch einen Bittern,
Daß ihr Hunger wird recht groß,
Daß sie recht viel zwingen!
Und nun geht das Fressen los,
Nun geht's ans Verschlingen!

König Knicker-Knirps allein,
Majestät, verzehren,
Einen Storch, ein halbes Schwein,
Und 'nen halben Bären!
Gen'ral Knuff würgt einen Lachs
Auf von sieben Ellen!
Und der Edle Kniez von Knacks
Achtzig Stück Forellen!

Quieck von Qual, der Ritter, ißt
Dreißig junge Hühnchen!
Und der Ritter Knitter frißt
Neunzehn Stück Kaninchen!
Herr von Knorplix wählt ein Kalb
Sich für seinen Gaumen,
Und dazu noch viertehalb
Pfund geback'ne Pflaumen!

Ritter Koller-Kraller speist
Dick und dunkelblau sich!
Ritter Knaller-Baller beißt
Durch 'ne wilde Sau sich!
Ritter Klex zu Kix und Knicks
Und Minister Kritzel:
Beide schlingen 'runter fix
Hundert Wiener Schnitzel!

Der Jesuit bleibt nicht zurück
Hinter dem Minister:
Dreißig, sage dreißig Stück
Fette Tauben frißt er!
Doch am allermeisten frißt
Außer seinem großen
Herrn, der weise Polizist
Mit den roten Hosen!

Er zerreißt, beißt, speist, knirsch! knirsch!
Vierzehn junge Hähne
Und ein halber Edelhirsch
Gehn durch seine Zähne!
Wie das würgt und wie das schluckt!
Pfui, wie schnalzt und schmatzt Ihr!
Rasch die Knochen ausgespuckt,
Sonst erstickt und platzt Ihr!

Meint Ihr, daß zu Ende sei
Jetzt das tolle Schwelgen?
Nein, nun's Essen war vorbei,
Ging's an die Bouteillen!
»Eingeschenkt! Getrunken! Frisch!«
Und sie schluckten, trunken,
Bis sie alle untern Tisch,
Ganz betrunken, sunken!

Da lag Knirps, der König, und
Auf ihm Junker Knitter;
Da lag rundum, kunterbunt
Ritter über Ritter;
Knuff und Knacks und Knorpelix,
Koller-Kraller, Quabbel,
Knaller-Baller, Krittel, Knicks,
Quiek und Kribbel-Krabbel.

Und was alles übrig noch
War an Fisch und Braten,
Gab von Köter nun, der Koch,
Hin an die Soldaten;
Braute dann, der schwarze Flaps!
Ein Gesöff dem Plebse:
Einen großen Kessel Schnaps
Für die schwarzen Fläpse.

Himmel, war das ein Geschrei,
Fluchen, Zanken, Raufen,
Als vorbei die Fresserei
Und das arge Saufen!
Nie war Marzipan gestört
Noch durch solche Streiche!
Solch ein Schimpf war unerhört
Hier im Kinderreiche!

Voller Abscheu drehten um
Drum sich Knab' und Mädchen,
Gingen traurig, gingen stumm
Heim nach Dorf und Städtchen.
Sie, noch heut so froh und flott,
Nun in ihrer Kammer
Klagten sie dem lieben Gott
Ihren Schmerz und Jammer.

Draußen aber... was ist das?
Wie vom Himmel klingt es!
Vor den Fenstern, auf der Gaß'
Süß melodisch singt es:
»Schlaft getrost! Ein Vater wacht!
Bald nach Gram und Sorgen,
Bald nach trüber, finst'rer Nacht
Kommt ein goldner Morgen!«

Merkt Euch dieses Sprüchelein
Von dem Himmelsmahner!
Und nun geht zu Bette fein
Wie die Marzipaner,
Wünschend eine gute Ruh
Dort den braven Kindern.
Vater unser Aller, Du
Wirst ihr Leiden lindern!

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