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Die Insel

Max Dreyer: Die Insel - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Insel
authorMax Dreyer
year1920
firstpub1920
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDie Insel
pages204
created20170615
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bob

Bob ist der zehnjährige Sohn eines dramatischen Dichters. Das Dramatische selbst liegt ihm sehr gut, sintemal er einen ausgesprochenen Hang zu bewegter Handlung hat – sein Gesicht bezeugt es, wie seine Hose, die beide selten heil sind. Vom Dichten hingegen entfernt ihn so mancherlei, zunächst schon eine feindselige Abneigung gegen das äußere Handwerkszeug, gegen Tinte, Feder und Papier. Nur die bitterste Not kann ihn vermögen, sich diesen Dingen anzuvertrauen. Dann aber vor allem: das, was beim Dichten eine Hauptsache ist, will ihm nicht gefallen. Die Sprache, die deutsche Sprache. Gegen die hat er etwas. Und wenn sie ihn quält, so quält er sie nur um so heftiger wieder.

Mündlich läßt er noch so einigermaßen Gnade walten. Sobald er aber schriftlich wird, richtet er einfach Verheerungen an.

Hier ist nun das Feld, auf dem die Keime liegen zu immer neuen Verstimmungen zwischen Vater und Sohn. (Die bewegten Handlungen aber, die sich aus ihnen ergeben, würde Bob seinerseits gern vermissen.) Erst neuerdings hat die Herbstzensur den alten häuslichen Jammer entfesselt.

»Das ist nun mein Junge,« klagte der Erzeuger. »Turnen kann er gut, und singen tut er laut. Aber 174 all das andere! Und Deutsch – Deutsch vor allem! Platterdings ungenügend! Deutsch ungenügend! Und das ist mein Junge!«

Sein Junge aber schielte erst nach der schöpferischen Hand des Dramatikers, die auch anderen Regungen sich ergeben konnte, und dann in scheuer Ehrfurcht nach dem Dichterhaupt, dem sprachgewaltigen. Nur in einer schlingelhaften Ecke seiner Seele kramte der Zorn und rumorte etwas wie trotziger Haß.

Und nun begann wieder die bitter ungemütliche Zeit häuslicher Aufsatzübungen, daß Bob am Familienleben verzagte.

Gleich am ersten Feiertag ging es los. Bob sollte sich über das Thema verbreiten: »Zu welchem Berufe zieht es dich?«

Ergeben in sein Schicksal, hob er folgendermaßen an: ›Ich gehe unter den Eskimos.‹

Schon dieser erste Satz hatte den ganzen väterlichen Grimm heraufbeschworen. Jetzt bei der Rückgabe der Arbeit legte sich gleich auf diese durch einen dicken Strich gebrandmarkte Stelle der väterliche Zeigefinger.

»Was ist hier falsch?« fragte die strenge Stimme.

Bob wußte es nicht. Er wußte nur, daß er es nicht wissen konnte, und dumpf blickte er auf den Finger des Verhängnisses.

Warum erkundigte sich der Vater nicht lieber bei 175 ihm nach den Eskimos? Über die hätte er ihm so fein Bescheid sagen können. Von ihren Jagden, ihren Schneehütten, von ihren wasserdichten Hemden, vor allem aber von ihren Kajaks, ihren Booten aus Seehundsfellen. War es doch der Ehrgeiz seines Lebens, einmal ein tüchtiger Kajakfahrer zu werden. Der unbarmherzige Finger aber bestand auf dem Fehler und dessen Erkenntnis. Und ängstlich krochen die Blicke des armen Bob über ihn hin. Haare waren darauf – immer mehr wurden es, je länger er hinsah – alle Haare kennt und zählt der liebe Gott – er, Bob, hat auch welche auf der Hand, mit dem Vergrößerungsglas hat er sie einmal gesehen – sonst sieht man sie nicht – ob der liebe Gott auch ein Vergrößerungsglas hat? – und ob er auch die Haare auf Seehundsfellen zählt, wo Haar neben Haar steht –?

Der kleine Bob war jetzt Dichter, jedenfalls mehr als sein schulmeisterlich erboster und eingeengter Vater. Freilich dichtete er aus Angst – aber warum soll nicht auch die Angst am Dichten beteiligt sein, die eigene, nicht, wie häufiger, die der anderen.

Inzwischen aber schloß der unerbittliche Zeigefinger einen schändlichen Bund mit dem Daumen, die beide das linke Ohr Bobs zwischen sich nahmen, es zogen und zwirbelten und sich lebhaft bemühten, aus einem 176 menschlichen Gehörorgan einen Schweineschwanz zurechtzudrehen.

Erst das Dazwischentreten der Mutter konnte Bobs Ohrmuscheln ihrem eigentlichen Berufe zurückgeben.

»Was machst du denn mit meinem Jungen?« fragte sie kräftig.

»Weißt du, wie sein Aufsatz anfängt?« Und der Zeigefinger wanderte wieder auf seinen Lieblingsplatz, dem ersten groben Fehler gegenüber. Die Mutter las: »Ich gehe unter den Eskimos«, dann lachte sie fröhlich, und mit Umgehung des Wichtigen bemerkte sie leicht: »Das kommt davon, daß er soviel Lebertran gekriegt hat.«

Der Erzeuger und Erzieher aber blickte starr, ratlos, ob hier mehr Unverstand oder Leichtsinn sprach. Kopfschüttelnd verließ er das Zimmer.

Die Mutter aber nahm Bob auf den Schoß, küßte ihm aus dem Auge die verhaltene Träne und streichelte ihm den struppigen Kopf: »Kleiner Deutschverderber! Kleiner Lump!«

Mit der Mutter ließ es sich leben, und auch der Vater war sonst so uneben nicht. Hatte er seine gute Zeit, gab es sogar keinen besseren Kameraden als ihn. Was konnte er dann erzählen – nicht müde wurde man, ihm zuzuhören.

Jetzt aber waren wieder einmal schlimme Tage 177 angebrochen. Etwas unsäglich Düsteres stand ihm bevor, eine Uraufführung. Bobs unschuldiger Sprachsinn ahnte nichts von Tonmalerei. Aber auch seine Seele konnte sich dem hohlen, unheimlichen Geisterklang dieses Wortes nicht verschließen.

Auch hatte er schon seine Erfahrungen mit diesem Gespenst. So oft es drohte, begann hier zu Hause eine andere Luft zu wehen. Was im übrigen durchaus nicht lauter Unannehmlichkeiten für ihn im Gefolge hatte.

Es gab jetzt Stunden für ihn, da sich niemand um ihn kümmerte und er nach Herzenslust abenteuern konnte. Selbst die Mutter beschäftigte sich weniger mit ihm als sonst. Sie hatte vollauf mit ihrem ›Großen‹ zu tun.

Freilich, wenn sich der Große dann einmal in diesen Zeitläuften mit ihm, ›dem Kleinen‹, befaßte, geschah das in unliebsamer Gründlichkeit. Doch gab ihm dann immer die mütterliche Hand doppelte Linderung.

Regten sich in Bob aber genossenschaftliche Gefühle, so mußte er damit mehr als je in die Küche, zu Minna, die es gut mit ihm meinte, die mit den unergründlichen Geheimnissen seines Appetits eine Art Kultus trieb und sich geduldig von den arktischen Entdeckungsfahrten seiner Phantasie erzählen ließ. Womit sie durchaus die Anwartschaft auf sein Vertrauen sich erwarb. 178

So konnte es dann unterweilen geschehen, daß sie beide geradezu als eine Art politische Körperschaft sich zusammentaten und tagten, als eine Art Unterhaus, das über das, was vorn in der Wohnung geschah, zurate saß und grausame Musterung hielt.

Bob eröffnete die Sitzung. »Da vorne sprechen sie wieder von nichts anders als vons Theater. Schwach kann man davon werden. Minna, gib mir noch 'ne Stulle. Un Spickgans auf.«

Es gab keinen grimmigeren Gegner dieser Sitzungen als Bobs Vater. Nicht nur aus politischen Gründen bekämpfte er sie, auch nicht bloß aus Furcht vor einer Magenerweiterung bei seinem Jungen; in erster Linie deshalb, weil er in dem lebhaften Umgang mit Minna die stärkste Quelle für Bobs sprachliche Zerrüttung sah.

 

»Vater steht an de Litfaßsäule.« Diese Nachricht brachte Bob halb stolz, halb grüblerisch vom Schulweg mit in die Küche. Und Minna dachte: ›Na ja! Da können wir uns ja wieder auf Krankenkost einrichten.‹

Was aber Bob sonst noch von der Schule mit heimbrachte, das war nichts Gutes.

Heute, am Freitag, hatten sie die deutschen Arbeiten zurückbekommen. Freitag war nun mal der 179 Unglückstag. Seine Arbeit war die schlechteste von allen, ja schlechter noch, als er sie sonst zu schreiben pflegte. Siebenunddreißig Fehler.

Die Zahl an sich imponierte ihm nicht weiter, und wenn nicht ein Besonderes dabei gewesen wäre, hätte sie schwerlich sein Gemüt bewegt. Nun aber hatte der Lehrer einen seiner berühmten heimtückischen Einfälle gehabt. Bob sollte die Arbeit morgen mit der eigenhändigen Bescheinigung des Vaters, daß dieser von ihr Kenntnis genommen habe, wieder vorlegen.

So eine Gemeinheit von dem Pauker! Gerade jetzt, wo der Vater den Kopf so voll hat und selber im Druck sitzt. Man müßte ihm das doch ersparen! Bob hat noch niemals so starke menschenfreundliche Anwandlungen verspürt.

Wenn er dem Lehrer erklärte, daß Vater jetzt keine Zeit für so etwas hätte und mit so etwas nicht behelligt werden dürfe. Da morgen doch seine Uraufführung sei.

Bob warf sich nicht wenig in die Brust. Das war doch etwas. Und sein Vater war doch einer! Er stand an der Litfaßsäule! Dagegen konnte der Lehrer nicht auf.

Und Bob gewann das düstere Wort Uraufführung lieb als seinen Schirm und Schild.

Aber die Zuversicht blieb doch nicht bei ihm. Dem 180 Pauker war nun einmal nicht zu trauen. Wenn der sich mal etwas in den Kopf gesetzt hatte –!

Hm. Die Mutter zu Hilfe rufen. Mutter – was würde die sagen? Die würde sagen: ›Was? Bob verkriecht sich? Bob hat keine Courage?‹

Und nun schämte er sich schon aus Leibeskräften. Dann gab er sich einen heftigen Ruck und noch einen und trat mit dem Aufsatzheft vor den Vater.

Oh, zog da ein Donnerwetter auf! Dies sei nun einfach die Höhe! Sobald er – der Vater – erst wieder mehr Luft habe, dann solle er, der Sohn, aber was erleben! Dann gäbe es eine Erneuerung an Haupt und Gliedern, zu denen Haupt und Glieder sich gratulieren könnten!

Hier wurde es Bob recht unbehaglich.

»Und das ist mein Junge! So etwas habe ich in die Welt gesetzt! Da muß man wirklich an sich selber irre werden! Da muß man's ja beinahe glauben, daß man selber wirklich und wahrhaftig zu nichts nutz ist!«

Diese Selbstverstümmelung, aus dem Geiste dieser Tage zu erklären, interessierte Bob nicht nennenswert.

Was ihm den größten Schmerz antat, war eine grobe Anzüglichkeit: »Mit solchem Deutsch wirst du selbst von deinen Eskimos 'rausgeschmissen! Nein, gar nicht 'rein lassen sie dich!«

Das fraß viel länger als die pomphaften 181 Schmähungen, er sei ein Verräter an seiner Muttersprache, eine Blamage für das ganze deutsche Vaterland.

Was konnte er schimpfen, der sprachgewaltige Mann!

Wie eine Wolke lag es davon über Bob, den ganzen Tag und auch den nächsten, da der Vater abends in den männermordenden Kampf zog.

Natürlich ging die Mutter mit ihm, Bob setzte sich bei Minna in der Küche zurecht, und hier fand er nach reichlichem Abendbrot in einem Redestrom, der von keinen grammatikalischen Sorgen behelligt war, sein Behagen wieder.

Natürlich fuhr er mit Minna nach Grönland, und hier zeigte er ihr von seinen Eskimos sehr intime Dinge.

Aus seinem neuesten Buch konnte er ihr mitteilen, daß es bei ihnen Stämme mit Vielweiberei und auch Stämme mit Vielmännerei gebe. Er seinerseits wäre ja mehr für die Vielweiberei. Aber doch sollten sich unter den Stämmen mit Vielmännerei die mutigsten und gewandtesten Kajakfahrer finden.

Und nun spann seine junge Dichterseele einen ihrer fröhlichen Träume. Komisch wäre das, wenn es hier im Lande auch sowas gäbe, wenn man so mehrere Väter zu gleicher Zeit haben könnte. Und die kümmerten sich alle um die deutschen Aufsätze und schrieben alle Theaterstücke. Was würde daraus für ein ›Klamauk‹ entstehn! 182

Dies war seine einzige lose Berührung mit dem Theaterabend, auf den ein schwerer Morgen folgte.

Bob hatte sich in aller Seelenruhe ausgeschlafen, als die Mutter an sein Bett kam.

»Schön war's!« erzählte sie ihm. »Sie haben dem Vater zugejubelt.«

Das freute ihn, natürlich freute ihn das. Schon weil die Mutter glücklich darüber war.

Aber seine Schattenseite hatte es doch auch. Nun war der Vater noch höher gestiegen, nun würde er noch mehr von oben und noch unbarmherziger auf seinen Sohn, den mißratenen, herabblicken, den er jetzt schon einen Verräter an der deutschen Sprache genannt hatte. Was würde der aus der Art Geschlagene nach diesem erst hören und fühlen müssen!

Bobs kleiner Körper zuckte schmerzlich. Da sagte die Mutter: »Nun müssen wir erst die Zeitungen abwarten.«

Hierin dämmerte ein Trost. Bob hatte auch seine dramatischen Erfahrungen, und er wußte so etwas, daß Abend und Morgen zweierlei Dinge sind.

Und nun wurde Bob zum Beobachter.

Die Hauszeitung war schon da. Sie lag noch unberührt, wo sie immer lag, auf einem kleinen Tisch neben der Frühstückstafel.

Jetzt kam der Vater herein. Sei erster Blick fiel 183 inhaltschwer auf die Zeitung. Dann begrüßte er den Jungen. Fragend sah er ihn an. Er mußte wohl so etwas wie einen Glückwunsch oder irgendeine Freudenkundgebung erwartet haben. Aber Bob dachte an dergleichen nicht. Und der Mutter fiel es nicht bei, ihm so etwas einzutrichtern.

So gab es keine seelische Berührung zwischen ihnen beiden. Bob fühlte es wohl und fühlte eine Bitterkeit.

Dann kam die Mutter. Auch sie hatte jetzt nicht viel für den Kleinen übrig. Bobs Unmut war im Wachsen.

Wie der Vater Platz genommen hatte, nicht eher und nicht später als gewöhnlich, griff er nach der Zeitung.

Er suchte, fand, was er suchte, und durchflog es. Die Mutter hing an seinen Mienen. Zwischen seinen Augen grub sich eine Furche. Dann legte er das Blatt zurück, etwas heftiger, als er es genommen hatte.

»Nun?« fragte die Mutter.

Er zuckte die Achseln. »Wie gewöhnlich.« Dann hielt er seine Tasse hin, daß ihm eingeschenkt werde, und schmierte sich ein Brötchen.

Danach sprachen sie vom Theater, wie die Schauspieler gewesen waren, auch von Bekannten, die sie gesehen, und was die gesagt hatten.

Das waren lauter Lobsprüche, und in Bob, um den 184 sich keiner kümmerte, den auch die Mutter gar nicht beachtete, schwoll der Zorn.

War die Mutter jetzt auch gegen ihn? Verachtete sie ihn auch als mißratenen Sohn? Ja, so schreiben wie der Vater, der berühmte Mann, konnte er natürlich nicht, und das würde er nie können –

Wohl schlug er aus der Nichtachtung, die ihm zuteil wurde, Kapital auf seine Art, indem er sich eine Schrippe mehr als erlaubt zu Gemüte führte. Aber versöhnend auf die Dauer wirkte das nicht.

Und jetzt gab es eine größere Bewegung. Die Zeitungen, nach denen das Stubenmädchen ausgeschickt war, wurden gebracht.

Der Vater nahm eine drohende Haltung an. »Legen Sie sie in meinem Zimmer auf den Schreibtisch!« befahl er. Worauf er sich Ruhe gab und zu Ende frühstückte.

Dann ging er zu den Zeitungen ins Nebenzimmer. Die Mutter folgte ihm. Bob sah durch die offene Tür, wie sie in die Blätter sich vertieften. Gesprochen wurde nicht dabei, nur zuweilen geknurrt. Und der Vater schüttelte manchmal den Kopf.

Jetzt aber kamen Worte, und die Mutter war es, die sie fand. »So etwas!« sagte sie. »So ein unglaublich albernes Gewäsch!« Bob horchte auf. Ei! Es gab also auch noch andere außer ihm, die dummes 185 Zeug schrieben. Sogar unter den Leuten, die was in die Zeitung setzen lassen durften.

Und die Mutter schalt weiter. »Aber auch keiner, der dich richtig versteht!« Und jetzt: »Dies ist nun der Dümmste! Der hat aber auch keine Ahnung, worauf es ankommt!«

Hierzu nahm dann auch der Vater das Wort. »Ist er der Dümmste,« sagte er ruhig, »kann man das ja auch nicht von ihm verlangen.«

Damit war er aufgestanden. Er hatte gesehen, was er sehen wollte.

»Nichtsdestoweniger,« meinte er, »wollen wir jetzt unseren Morgenspaziergang machen.« Und er steckte sich eine Zigarre an.

»Ich gehe mit,« sagte die Mutter.

»Wenn du nicht Angst hast vorm Spießrutenlaufen!«

Als sie durchs Eßzimmer kamen, wo Bob noch immer saß, eingekeilt zwischen Schrippen und Gedanken, sprach der Vater so zu ihm:

»Na, Junge? Vielleicht nimmst du mich mit zu den Eskimos!«

Das klang hart, und hart waren seine Augen. Bob fuhr zusammen. Er fühlte einen Stachel. Und da die Mutter an ihm vorbeiging und ihm nichts zu sagen hatte, bohrte er diesen Stachel tiefer in sich hinein. – – 186

Die Eltern waren fort. Bob lief wütend um den Frühstückstisch. Der war leer und bot keine Beschwichtigung seinem Zorn. Dann kam ihm eine Erleuchtung. Er ging ins Nebenzimmer, ging an den Schreibtisch seines Vaters und nahm sich die Zeitungen vor.

Theater – Uraufführung – da war es. Und er las und las.

Verstehen tat er das Wenigste. Was wußte seine reine Seele von ›gefrorener Sentimentalität‹, von ›frisierten Nichtigkeiten‹ und ›schielenden Perspektiven‹? Auch ›orgienfeiernde Banalitäten‹ und ›buhlende Publikumsmätzchen‹ waren ihm bis heute nicht in den Weg getreten.

Aber er fühlte, worauf es ankam. Fühlte mit einer grausigen Lust, daß er sich hier in der höheren und höchsten Region des Schimpfens befand, und – daß der Ausgeeselte sein Vater war.

Oh, tat das wohl – tat das wohl!

Der Vater, der immer auf ihm herumhackte! Jetzt besorgten es ihm aber die anderen! Ei wei!

Jetzt konnte er einmal selber sehen, wie einem dabei zumute war. Was hatte der Vater ihn immer geschunden! Und jetzt nahmen den Vater die anderen bei den Ohren. Ei wei, ei weih!

Bob krümmte sich immer mehr zusammen; er war nur noch Buckel. Kaum hatte er sich jemals so in 187 etwas hineingekniet. Selbst von seinen Büchern über Nordpolfahrten, über Walroß- und Eisbärjagden war er nicht so mit Leib und Seele hingenommen.

Bob saß und las und sog eitel Honig. Bob schwelgte. Bob genoß.

Und jetzt geriet er an etwas, das überbot alles an Süßigkeit. Hier schrieb einer von der Sprache, von Vaters Sprache.

›Was soll man zu dieser Sprache sagen? Sie ist ein Unglück. Reime, aber keine Verse, ein leeres Klingen, Schellen, zu tonlos für ein Narrengewand. Wo bleiben sie, die Klänge aus der Tiefe, wo bleiben sie, die holden Innigkeiten, ohne welche Verse Gotteslästerungen sind!‹

Und das gab der Mann dem Vater aufs Butterbrot, dessen ganzer Stolz seine Sprache war! Seine Sprache ist ein Unglück! Oh, oh, oh!

Der Mann hatte seinen vollen Namen unterzeichnet: Richard Tetzlaff. Sein Junge, der auch Richard hieß, saß mit Bob in einer Klasse. Der war in der deutschen Sprache auch nicht besser als er. Und nun ging in Bob strahlend etwas auf.

Dieser junge Richard Tetzlaff war seines Vaters Lieblingssohn. Ganz gewiß fand dessen Vater sein Deutsch gar nicht so schlecht. Und da seine, Bobs, deutsche Sprache mit der Richards ungefähr auf 188 gleicher Stufe stand, war auch an der vermutlich nicht so sehr viel auszusetzen. Vielleicht hatte ihre Sprache gerade ›holde Innigkeiten‹ oder so was, wovon bloß der Vater nichts verstand!

So sprach Bob in seinem lieben Schlingelgemüt, und er warf sich in die Brust, und er jubelte laut.

Daß sie seinen Triumph ihm auskosten helfe, rief er Minna hinzu, die eben im Eßzimmer hantierte.

»Minna, komm mal her! Oh, ich sage dir! Vatern ziehn sie aber schön die Hammelbeene lang!«

Er schlug sich auf die Schenkel und lachte. Als sich Minna aber auch auf die Schenkel schlug und lachte, fuhr ihm etwas in die Knochen, und er blickte langsam auf.

Doch weiter, wie Minna sagte: »Na ja – wenn man auch noch so klug is, sind immer welche da, die sind noch klüger!« und dabei eine unverkennbare Schadenfreude um ihre Backenknochen spielte, da reckte Bob sich steil in die Höhe. Wohin war er bloß geraten! Eine hämische Verschwörung gegen den Vater – mit Minna! Was würde Mutter dazu sagen!

Und nun regte sich das Blut, und die Stimme des Blutes sprach so: »Was sagst du? Dummes Zeug ist das! Klüger? Klüger als Vater ist keiner. Er ist der Klügste! Die anderen sind bloß zu dumm für ihn! Keiner, der ihn versteht! Er ist überhaupt der größte 189 Dichter von ganz Deutschland, von ganz Europa! Und du bist auch zu dumm für ihn. Viel zu dumm. Und Richard Tetzlaff kriegt heute nachmittag seine Keile!« Er hatte sich wiedergefunden, hatte seine Gesinnung und sein Ziel.

Am Nachmittag war Fußballspiel, da kam er mit Richard zusammen. Aufs innigste. Aber die Exekution gelang nur teilweise. Richard war ein kräftiger Kerl, hart, scharf und wehrhaft wie sein Vater. Und Bobs Mutter hatte am Abend zwei zu pflegen, ihren Großen und ihren Kleinen. Zwei wunde Krieger. Aber ihre Hände verstanden sich gut darauf.

 


 

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