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Die Insel

Max Dreyer: Die Insel - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Insel
authorMax Dreyer
year1920
firstpub1920
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDie Insel
pages204
created20170615
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Stammhalter

Wenn ich früher des Morgens zu meinem Kartoffelacker ging, saß am Strandweg auf dem mächtigen Findlingsblock tagtäglich der steinalte Fernand Groot und starrte auf die See. Zogen die Morgennebel noch so um ihn her, war das wie ein Bild aus der Sage, ein Urzeitbild, dieser schneeweiße Meerfahrer auf dem Felsen, den die Eisschollen über das Wasser getragen. So daß man vor ihm niederknien wollte: erzähle, erzähle aus der Steinzeit, aus den Vorzeitmären erzähle, in denen du gewirkt hast, lebendig und leibhaftig!

War man dicht bei ihm, so hielt allerdings der Nordlandrecke nicht völlig stand. Sein Gesicht zeigte einen gewissen südländischen Schnitt, noch mehr Süden war in seinen Schwarzkirschenaugen, die zwischen den geröteten wimperlosen Lidern noch immer ein bewegliches Leben führten. Südamerikanisches Blut floß in seinen Adern, sein Großvater hatte als Matrose eine Chilenin heimgeführt.

Er wartete jeden Morgen auf mich mit seinem Kartoffelsack, den er bis hierher geschleppt hatte. Hier ruhte er aus, hier half ich ihm die Last dann wieder auf die Schulter. Das galt ihm als sein Recht und meine Pflicht. War ich einmal später als gewöhnlich zur Stelle, machte er aus seinem Unmut keinen Hehl.

»Du kümmst jo hüet so laat!« sagte er unwirsch und 146 spuckte links aus, was er immer dann tat, wenn ihm etwas verquer über die Leber lief. Sonst spuckte er rechts.

Für mich war das schlimme, daß er dann nicht mehr die nötige Ruhe und Stimmung zum Erzählen fand. Was wußte er alles, was hatte er alles erlebt!

Eines Morgens aber traf ich es besonders gut.

Vom Kirchhof da unten in der Niederung am Haff tönten die Glocken zu uns herüber.

»Dor is Hochtied,« sagte der Alte. Und ein Schmunzeln wetterte um seine braungepriemten Mundecken. Die Braut war die Tochter des Wallnußbauern, der dort hinten am Haff den größten Hof besaß und im Schatten uralter Nußbäume residierte. Fernand schmatzte mit der Zunge.

»Dor giwt et wat fiens. Und ick har eenglich dorbi sien müßt.«

»Büst du mit de verwandt?« fragte ich.

Er antwortete nicht und machte sein verschmitztes Gesicht, aus dem niemand klug wurde. Nach kurzem Schweigen ließ er sich dann so vernehmen:

»Ich häw di all so veel vertellt – denn kann ick di ook mal' ne Geschicht von mienen besten Fründ vertellen.«

So hörte ich denn die Geschichte, in der neben Fernands bestem Freunde der alte Wallnußbauer, der Großvater der Braut, die Hauptrolle spielte. 147

Der Bauer ist ein breitbeiniger Koloß gewesen, ein übler Wichtigmacher, dick, dumm, mit dösigen Fischaugen – ein Gesicht hat er gehabt, »as ne Flunner, de nich utschlapen hät«. Alles gelang ihm, alles gedieh ihm, nie stand eine Kuh ihm trocken, nur eins blieb ihm versagt: er selbst hatte keinen Leibeserben. Seine stille, blasse, gequälte Frau hatte all ihre Tage wie an einem Schuldbewußtsein getragen und war früh gestorben.

Daß er wieder heiratete, war bei ihm als Mann in den besten Jahren das Selbstverständlichste von der Welt. Aber eine bessere Wahl galt es zu treffen, daß sein Haus nicht wieder leer ausging. Sein breitspuriges Dasein bestand heftig auf einer Fortsetzung. Ein alter Brauch kam ihm zu Hilfe, der auch in diesem Landstrich still geduldet weiter bestand. Danach durfte ein verwitweter, kinderloser Bauernhofbesitzer, dem es um einen Erben zu tun war, eine Art Probeehe eingehen. Beschenkte ihn die neue Bettgenossin mit Nachkommenschaft, so ward sie unter allen Umständen sein Ehegemahl. Blieb sie kinderlos, stand es in seinem Belieben, sie zu ehelichen oder sich von ihr zu trennen.

Das Mädchen, das bei dem Wallnußbauer zuzog, fand sich gleich. Was ihm selber an Reizen abging, das besaß sein Gut in hohem Maße. Aber mit der »Menschenzucht«, wie mein alter Fernand sich 148 ausdrückte, wollte es nichts werden. Hochfahrend entließ der Enttäuschte die Untaugliche, »de undüchdige Diern«. Und nahm eine andere. Ward aber derselbe Mißerfolg. Der Gewaltige schimpfte, daß er wiederum eine Niete gezogen hatte. Dazwischen meinte er mit breitmäuligem Grinsen, seinetwegen könne das Spiel ein paarmal noch so weitergehen. Aber es ging bloß noch einmal weiter, denn jetzt geriet er an die Richtige und Tüchtige.

Das war ein flinkes kleines Frauenzimmer, die Guste, so ganz eine von denen, die sich keine Brillen verkaufen lassen. Und hier war es nun, wo die Wirksamkeit von Fernands bestem Freunde einsetzte.

Es war die Zeit, da Jasmin und Holunder blühn, die farbigste, leuchtendste, die fröhlichste und zärtlichste Zeit im Jahr. Fernands bester Freund hatte als Matrose auf einer holländischen Brigg seine Westindienfahrt hinter sich, war jetzt auf einer Hamburger Bark nach Ostasien angemustert, hatte die Tasche voll Taler und das Herz voll Jugendlust und war auf ein paar Tage in der Heimat.

Und da – so erzählte der Alte in seinem geruhigen Platt, dem sich Hochdeutsches nur beimischte, wenn er sehr überlegen oder verschmitzt-feierlich wurde –, da trifft er nun die Guste auf dem Tanzboden, und tanzt mit ihr. Und wie sie sich so unterhalten, kommt die 149 Rede darauf, daß sie in acht Tagen zum Wallnußbauern ziehen will. Von dessen Geschichte weiß er, und er hat seine eigenen Gedanken dabei. Ihre eigenen Gedanken hat die Guste auch. Und er, was nun mein Freund ist, der nie ein Blatt vor den Mund nimmt, spricht sich jetzt gründlich aus. Dieser Kerl, dieser großmäulige, aufgeblasene Ochsenfrosch! Immer setzt er die andern ins Unrecht, die Frauen. Daß er selbst Schuld haben könnte, kommt ihm nicht in seinen hochnäsigen Sinn! Wie lange wollten die Mädchen sich noch dumm machen lassen! Wäre aber eine klug, dann hätte dieser aufgedunsene, aufgeplusterte Nichtsnutz sich selber es zuzuschreiben, wenn sie für solchen Eheversuch sich gehörig vorsähe und vorbereitete.

Dazu lacht Guste mit ihren blanken Augen und blinken Zähnen. Und wieder tanzen sie. Und mein Freund, was ein fixer Kerl ist, hat gleich einen Vers zu der Musik parat:

Der Nußbauer ist 'ne hohle Nuß –
Denn helpt dat nich, was muß, das muß!

Das singen sie dann beide zu ihrem Tanz. »Und dann – nun ja, dann half es nicht. Er begleitete sie nach Hause. Und es war eine wunderschöne Sommernacht.«

»Da haben die beiden ein Schäferstündchen gehabt?« fragte ich in meiner Gründlichkeit. 150

Er nickte.

»Ja, da haben die zwei ihr Schläferstündchen (!) gehabt,« bestätigte er. »Und es kamen noch mehr Sommernächte. Denn erst nach vier Tagen fuhr er wieder ab. Nach Ostasien. Und Guste zog zum Wallnußbauern. Und wurde Bäuerin. Denn sie schenkte ihm einen Erben. Es blieb bei dem einen, aber er war danach. Von ihm bevölkerte dann ein Dutzend Kinder den Wallnußhof. Eins von ihnen ist die Braut, der sie heute läuten.«

Der Alte erhob sich. Er kaute, schmunzelte, die Augen verkniffen sich, und spuckte aus, zweimal, nach rechts. Ich half ihm den Kartoffelsack auf, und er stakte nach seinem Fischerhaus.

Das war im vorigen Jahr. Inzwischen ist der alte Knabe weitergestakt, ganz weit, und kommt nicht wieder.

Als ich in diesem Sommer die Dorfkirche da unten aufsuchte, war hier Kindtaufe. Die Mutter stammte vom Nußbaumhof – es war dieselbe, die vorm Jahr Hochzeit machte. Ich sah sie mir genau an. Augen hatte sie wie schwarze Kirschen. Und der Täufling: dieselben Augen mit dem Leuchten ferner Welten und anderer Sterne. Das war eine Lust.

Ich dachte an dich, du prachtvoller alter Fernand Groot. Und wenn ich's nicht gleich gewußt habe, jetzt weiß ich, wer dein bester Freund war.

 


 

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