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Die Insel

Max Dreyer: Die Insel - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Insel
authorMax Dreyer
year1920
firstpub1920
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDie Insel
pages204
created20170615
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Martin Overbeck und seine hundert Tage

Wie sie den alten, vierundsiebzigjährigen Herrn Martin Overbeck aus dem Krankenhause als geheilt entließen und dem kleinen Altersheim von St. Marien überantworteten, das nur den auserkorenen Abkömmlingen der ehrwürdigen Senatorengeschlechter sich öffnete, da besann sich der Genesene allen Ernstes, ob es wirklich der Mühe wert sei, noch weiter mitzumachen, und in seine feinen und klugen, regsamen und allezeit schalkhaften Züge grub sich echt und bitterlich ein verdrossener, lebensmüder Strich.

Als ihn aber die Pforte des kleinen, einstöckigen Hauses unter stockendem, heiserem und unwirschem Gewimmer der bandeisenbeschwingten Glocke aufnahm, da ward ihm anders zumute. Dank der einzigen Insassin, der gleichfalls vierundsiebzigjährigen Jungfrau Agnete Susseroth, die ihn zum Willkomm mit ihren dunklen, weltfeindlichen Augen über die Brille anfunkelte, zornig, verächtlich und angstvoll zugleich, besann er sich wieder auf des Lebens Reiz, als welchen sein glückliches Fell von jeher alles Widerhaarige, alle Borsten und Dornen empfunden hatte, und sein Gegengruß war voll Fröhlichkeit.

Im übrigen trug die Einführung des neuen Bewohners durch den Hauptpastor der Mariengemeinde, dessen Fürsorge über dieses Heim waltete, Herrn Armin 8 Karsten, Doktor der Theologie und Verfasser vieler Bücher, zur Versöhnung von Gegensätzen nicht das geringste bei. Wohl war Herr Pastor Karsten die Herzensgüte selbst; aber seine Gelehrsamkeit war viel zu groß und machte ihn viel zu zerstreut, als daß er auf die Schwingungen so kleiner Erdendinge hätte achten sollen. Außerdem hatte ihm gerade heute die Kirchenzeitung besonders wehe getan, in der seiner bahnbrechenden Geschichte des Petrinischen Lehrbegriffes ein Rezensent sehr böswillig auf die bahnbrechenden Zehen trat. So machte er hier seine Sache kurz und verbast, und sein Abgang war eine Flucht mit wehenden Rockschößen.

Dieser Weise ganz auf sich selbst gestellt, richtete sich Martin mit Hilfe der Aufwärterin in seiner Stube häuslich ein. Das ging schnell genug. denn was er zu dem stehenden Inventar an eigenen Habseligkeiten hinzufügte, war zum Lachen oder zum Weinen gering. Zum Lachen – denn mit Tränen hatte Martin Overbeck niemals recht Bescheid gewußt. Und schließlich, auf Besitzende war ja diese seine neue Klause auch nicht berechnet. Außer Kleidern und Wäsche brachte er nur ein paar Meerschaumpfeifen, ferner zwei japanische Kästen mit Briefen und Photographien, einige wahllose erotische Erinnerungen und vier Bücher ins Haus. 9

Seine Stube war seit zwei Jahren unbewohnt gewesen. Der Weltordnung im allgemeinen und dem Senatorenstande im besonderen zu Ehren muß denn doch gesagt werden, daß in dessen Sphäre der Altersversorgung nur recht wenige anheimfallen. Während dieser zwei Jahre war Fräulein Susseroth Alleinherrscherin in diesem Heime.

Es war ein winziges, einstöckiges Haus, das nicht mehr als fünf Stuben enthielt und nicht mehr als fünf Insassen hätte aufnehmen können. Als Predigerwitwenhaus gebaut, drückte es sich trauernd, scheu und bescheiden an die hohe Mauer, die den Vorgarten des stolzen Pastorenhauses umgab. Neben ihm, zweistöckig und wichtig, stand das Amtsgebäude der Küsterei, ihr schlossen sich eine Reihe stiller Wohnhäuser an. Wenig Leben war auf dieser Seite des Kirchplatzes, zwischen den Steinen wuchs Gras, der Verkehr flutete drüben, seinem Rauschen wehrte der gewaltige Bau der Marienkirche, kaum mehr als ein verlorenes, verträumtes Klingen ließ sie an sich vorbeihuschen, hinein in dieses ruhsame Reich.

»Da wären wir also,« sagte Martin Overbeck und atmete tief in seine geheilte Lunge die durchsonnte Septemberluft, die durch die offenen Fenster drängte. »Und da werden wir nun wohl bleiben. Bis der Schlußdeckel über einen kommt.« 10

Die Aufwartefrau, knochig und machtvoll, nickte freudig dazu, ohne Laut.

Martin sah sie sich an. Ihm war nach belebter Zwiesprache zumute, und er fragte sie zutunlich, ob sie schon lange hier ihres Amtes walte, worauf sie wieder nickte, freudig, doch lautlos. Und weiter, ob sie über den neuen, den männlichen Gast vor Grausen die Sprache verloren habe. Da schüttelte sie den Kopf, ebenso munter, aber ebenso stumm.

Nun aber wurde er bewegt, und er nahm sie sich vor: ob sie nicht sprechen wolle oder nicht sprechen könne oder was das mit ihr sei. Da trat sie dicht an ihn heran, geheimnisvoll, und hauchte ihm ins Ohr: »Freilein Susserothen kann mein Orkan nich vertragen.«

Mit lachendem Schreck fuhr der alte Herr zurück. Schon dies Flüstern tönte, wie wenn ein leeres Oxhoft über Rostocker Pflaster rollt. »Donnerwetter!« rief er mit zwinkernden Augen. »Sie möcht' ich mal um Hilfe schreien hören!«

Sie lachte mit ihm, das heißt sie verzog den Mund, der wieder zu strenger Lautlosigkeit verurteilt war.

Woraus Martin Overbeck erstlich mal entnahm, daß die Wünsche des Fräuleins Susseroth hier allen Respekt erheischten. Zweitens aber, daß dasselbe 11 Fräulein Susseroth ihre Empfindlichkeiten hatte und für ungewöhnliche, exzentrische und groteske Spielarten des Lebens, denen er nun gerade eine dankbare Lustigkeit zuerteilte, nicht den nötigen Humor mitbrachte. Drittens endlich, daß es lohnen könne, mit dieser gestopften Drommete hier sich näher zu befassen, ihrem Wesen auf den Grundton zu kommen und gegebenenfalls gar ein fröhliches Komplott mit ihr gegen die lustlose jungferliche Herrscherin zu stiften.

Frau Knoll ihrerseits war einem Seelenbunde der Munterkeit durchaus nicht abgeneigt. Sie schloß sich an den neuen Geist des Hauses mit unverhohlen vergnügter Zutraulichkeit, und es gab ein Plauderstündchen in heimlichem, nein unheimlichem Geflüster. Frau Knoll mußte erzählen. Erst von der Hausordnung, und hier erfuhr er, daß Fräulein Susseroth sich ausdrücklich und nachdrücklich ausbedungen habe, die Mahlzeiten, welche die Pastorenküche lieferte, allein, gesondert für sich einzunehmen.

»Soll sie in Gottes Namen,« meinte Martin Overbeck. »Obwohl es mir am besten schmeckt, wenn einer dabei sitzt, der sich bost.«

Des weiteren bekam er zu wissen, daß die jungfräuliche Königin nicht nur im allgemeinen auf das Mannsvolk zum Gotterbarmen schlecht zu sprechen sei, daß sie insonderheit das Tabakrauchen mit 12 hassender Wut verabscheue. Und dabei musterte Frau Knoll listig die Meerschaumpfeifen.

»Da kann ich der Dame des Hauses nun nicht helfen,« erklärte Martin mit ritterlichem Bedauern, doch in lasterhafter Festigkeit. »Ich will ihr die größten Opfer bringen, ich bin sogar imstande auf Weib und Gesang zu verzichten, öwer rooken – rooken möt ick!«

Der Arzt hätte ihm für heute wieder die erste Pfeife erlaubt, und die käme nun unfehlbar dran. Wenn Mutter Knoll was von Tabak verstünde und ihre Nase nicht unter ihrem Orkan gelitten hätte, dann würde sie den Rauch seines Shag mit Andacht sich zu Gemüte führen. Lieber freilich – ach, wieviel lieber! Und er seufzte tief und schwer – würde er sich ja endlich, endlich mal wieder nach so langer, langer Zeit eine edle Importe einverleiben. Aber woher nehmen und nicht stehlen?

Er blickte noch immer schmachtend und wehmütig in die Weite, als er sich eine der kurzen Pfeifen stopfte. Mutter Knoll aber sah mit einem vergnügten Entsetzen zu, wie hier in den Mauern weiblicher Vergrämtheit männliche Weltlust ihr frevelhaftes Opfer entzündete.

Dann rückte sie dem alten Herrn den Lehnstuhl in den Sonnenstreifen, legte ihm fürsorglich die Schlummerrolle in den Nacken und hielt gerne still, als er 13 schmauchend sie nach ihrem Leben ausfragte. Daß sie zu dem Ehrenposten hier im Hause gekommen sei als Frau eines der Glockenläuter von St. Marien. In seinen bürgerlichen Verhältnissen sei ihr Mann Kesselschmied, bringe also kirchlich sowohl wie bürgerlich das geeignete Trommelfell mit für ihre Unterhaltung, die daheim nicht wie hier auf Socken herumschliche. Ob sie Kinder habe? So was von Frage! Mehr als ein Dutzend habe sie gehabt, von denen neun am Leben seien.

»Doch nicht dreizehn!« sagte Martin und zog bedenklich die Brauen in die Höhe.

»Nee,« kicherte sie, und ihre Augen guckten wie zwei rechte Spitzbuben, »um das drütteinste haben wir uns glücklich weggeswindelt. Das sünd nämlich Zwillinge geworn.«

Er lachte mit ihr und schlug sich die trockenen Schenkel. Eine Freude war Mutter Knoll. Eine Kraft und eine Stütze des Staats mit ihrem glockenläutenden Kesselflicker. Das mußte wahr sein! Fast herzlich dachte er ihr nach, als sie von ihm gegangen war. Und dann kauerte er sich zurecht in dem strömenden Nachmittagsonnenschein und ließ seinen Rauch sich wirbeln in den tanzenden Staub des Lichtkegels.

So kauerte er und krümmte sich müde, matt von dem vielen Leben und noch matter von der eben 14 überstandenen Krankheit. Und er nickte ein, doch nicht so, daß er die Pfeife hätte ausgehn lassen.

Dann rief ihn der unendlich junge Klang der uralten Turmuhr, der eine beinah kindlich laute Freude an sich selber hatte und gar nicht feierlich war, wieder zu seinen Gedanken.

Ja, Martin, da sitzt du nun im Alterstübchen. Und bist allein, was du nie in deinem Leben warst. Fühlst es aber gar nicht einmal als etwas Schlimmes. Ja, ja, das Alter. Doch gut, daß es mit stumpfen Zähnen beißt. Wenn dir das einer vor zwei Jahren gesagt hätte! Wo du noch mit dem Rest des Familienbesitzes die unglaublich freche Spekulation machtest, vor der die Leute baff auf den Rücken fielen, die Beine in die Höh!

Freilich, er selbst war danach gründlich kopfüber gegangen. Schade, es war prachtvoll unverschämt, nie hatten diese Breiten seinesgleichen gesehn, es hätte ein besseres Los verdient. Aber ein guter Abschluß war es gewesen, dieser Husarenstreich, unbekümmert, alles oder nichts! Im andern Fall hätten die Schulden ja doch das Letzte aufgefressen.

Er strich sich mit der Hand über das weiße, kurzgehaltene Haar, das noch immer seine Fülle hatte und seine straffe, sture Haltung. Seinen klaren Augen aber gab die Erinnerung an die vielen dummen Gesichter, 15 den Chor zu seinem geschäftlichen Finale, einen lächelnden Glanz.

An verblüfften Gesichtern hatte sein Lebenspanorama überhaupt etwas aufzuweisen. Von denen nun das letzte das seiner Hausgenossin war.

Fräulein Susseroth. Hm. Die Susseroths waren ein Geschlecht, älter noch als das seine. Und es lebten auch noch Stammesgenossen von ihr in der Stadt, angesehene Leute, während er hier am Orte seinen Namen zu Grabe trug.

Agnete Susseroth. Wußte er etwas von ihr? Nein. Er war ja allerdings erst vor drei Jahren wieder in die Vaterstadt zurückgekehrt, die er als junger Kerl verlassen hatte. Aber damals kannte er doch jedes Mädchen im Städtchen, und in seiner Erinnerung war die Abteilung für Weiblichkeit die am besten verwaltete.

Vielleicht daß sie, als er sich damals hier die Sporen verdiente, außerhalb in einer Pension veredelt wurde. Wie aber war sie hierhergekommen? In dieses Asyl. Eine Susseroth. Daß ihre stolzen und reichen Verwandten das zuließen!

Oder hatte sie auch etwas ausgefressen, sie auch? Dabei wetterte ein Schmunzeln um seinen schmalen Mund. War sie auch vom Leben zerzaust und in Unordnung gebracht? War sie auch eine Gescheiterte? War ihr auch ihr Fahrzeug versunken? Hatte sie sich 16 auch durch Schwimmen retten müssen? Sie sah nicht danach aus. Ihr fehlte das Zeichen vom Orden der Überwinder. Sie hatte nichts von dem Schwebenden, nichts von dem wehen Lächeln, das sich freier und froher machen kann als alle Lustbarkeit, das in die Höhe trägt, weil es aus der Tiefe kommt.

Verbittert sah sie aus, so wie Unglück verbittert. Nichts von eigenen Irrfahrten, aus denen jeder auf seine Art eine gewisse Schelmerei des Ungebundenen heimträgt, stand in ihrem Gesicht. Hätte es sonst nicht auch einen Klang geben müssen zwischen ihr und ihm?

Einen erklecklichen Mißklang hatte es gegeben. Wie hatte ihn die Alte über die Brille angesehn! ›Die Alte‹, dachte er; denn da er lachte, war er jung. War nicht in ihren Blicken sogar etwas von der Mißachtung gewesen, die der Wohlgesittete dem Mißratenen entgegenbringt?

Aber das half nun alles nichts. Das Schicksal hatte sie nun mal beide in denselben Topf geworfen. Da mußte sie schon mit ihm vorlieb nehmen – oder er mit ihr.

Die Sonne ließ nicht mehr die Stäubchen mit dem Rauch den Ringelreihen tanzen, es fror ihn, er stand auf und schloß die Fenster. Gerade zur rechten Zeit kam aus dem Pastorenhause der Nachmittagskaffee. 17 Das war die erste Mahlzeit, die Martin Overbeck hier einnahm. Gemäß der Verfügung seiner Hausgenossin mußte er sie allein genießen.

Dies stimmte ihn nicht gerade wehmütig, viel eher das Getränk selbst. Und er meinte, wenn man aus dem Kaffee des Herrn Pastor auf seine Gesinnung schließen dürfe, habe man kein Recht, ihn zu den Schwarzen zu zählen.

›Jetzt eine gute Zigarre‹, dachte er. Aber auch diese unerfüllte Sehnsucht tat nicht weiter weh. Er war so bescheiden geworden.

Dann zog er sich an, um auszugehen und die Sonne aufzusuchen. Nach dem Hafen lenkte er die Schritte. Dort setzte er sich am Kopfe einer der großen Landungsbrücken auf eine leere Bank, ließ seinen lieben Sonnenschein von oben und dessen glitzernden Abglanz von unten aus dem Wasser über sich streichen, träumte dem Laufe des Stromes nach, ins Meer, in die Weiten seines bewegten Lebens, das nun hier an dem Orte seines Ursprungs in aller Einsamkeit zur Neige gehen sollte.

»Von meinen Freunden bin ich der letzte,« pflegte er zu sagen. Die Bekannten aber wollten nichts von ihm wissen. Sein letztes Wagnis hatte ihn vollends gerichtet, da es unglücklich verlaufen war. Doch 18 machten sie ihm das Herz nicht eben schwer, er konnte sie gut entbehren.

Seltsam – er hatte früher nie so recht allein sein können, und das Wort Einsamkeit war ihm immer als das traurigste von der Welt erschienen, wie aus lauter kristallisierten Tränen gebaut. Jetzt nahm er die Verlassenheit hin ganz ohne Schmerz, fast mit einer schmunzelnden, wohligen Neugier.

Sattsam getröstet von der Sonne machte er sich durch den Spätnachmittag langsam auf den Heimweg. Wie er an sein Haus kam, sah er Fräulein Susseroth am Fenster sitzen, in eine Häkelarbeit oder so etwas vertieft. Ihm war es, als schielte sie einmal über die Brille nach ihm hin. Da er aber den Hut ziehen wollte, war sie es nicht gewesen.

Martin Overbeck lächelte sein stilles, ein wenig verschmitztes Lächeln – Marke Weiblichkeit – und trat summend in sein Stübchen. Hier brannte er sich eine neue Pfeife an, die ihm besonders gut schmeckte.

Es kam der Abend, und mit ihm stellte sich Frau Knoll, die ganz nahe in einer Nebengasse wohnte, wieder auf eine Weile ein, sorgte für das Nachtessen und bereitete dem alten Herrn das Bett.

Und dann kam die Nacht. Martin Overbeck war immer ein guter Schläfer gewesen, das hatte ihn stark 19 gemacht für die viele Mühsal seines Lebens. Er liebte die Nacht, Fräulein Susseroth aber haßte sie. Denn in der schwarzen Stille schlich immer der alte Gram zu ihr her, er lauerte schon, wenn die Dämmerung zog. Bei ihr brannte Licht die ganze Schlafenszeit, Martin aber wühlte sich mit Behagen in das tiefste Dunkel, weich und warm und geborgen.

 

In der Frühe des andern Tages überraschte Martin Overbeck Mutter Knoll mit einem Auftrag, zu dem sie sich hinter den Ohren kratzte. Sie solle bei Fräulein Susseroth anfragen, ob es der Dame genehm sei, wenn er ihr heute mittag seine Aufwartung mache.

Frau Knoll sah ihn an mit großen Augen und gekniffenem Munde. Darauf flüsterte sie: »Ja. Aber auf nüchternen Magen verträgt sie so was nich. Nach 'n Kaffee. Denn is sie gnädiger.«

›Nach dem Kaffee,‹ dachte Martin. ›Demgemäß ist sie also doch kein so ganz verstocktes Gemüt.‹

Und nach dem Frühstück kam dann die Antwort zurück, daß Fräulein Susseroth es sich zur Ehre schätze, Herrn Overbeck bei sich zu empfangen.

Unfroh war der Bescheid gegeben, das durfte Mutter Knoll nicht verhehlen. Offenbar war der Eindringling nur durch Überrumplung ans Ziel gelangt. 20

Aber seinen Willen hatte Martin Overbeck mal wieder, und nun machte er sich fein, wie sich's gehörte. Er hatte stets auf seine Kleidung gehalten, sogar einen Zylinder neuerer Observanz nannte er sein eigen. Wohlgerüstet begab er sich um die zwölfte Stunde auf den Kampfplatz.

Sie trat dem Besuch entgegen mit einem getragenen Schritt, von dem Martin boshaft meinte, daß er noch aus der Menuettzeit stamme, er führte ihre Hand zum Kusse an den Mund, dann winkte sie ihm, auf einem Stuhle Platz zu nehmen, während sie selbst auf dem Sofa sich niederließ.

Sie hatte ein Sofa, er nicht, er hatte dafür einen Lehnstuhl, und der dünkte ihm bequemer. Ihr Bett hatte weiße Vorhänge, auch damit konnte er nicht aufwarten, auch gab es bei ihm nicht die vielen Tüll- und Mull- und sonstigen Drapierungen und erst recht nicht den leisen Resedaduft, den diese Stoffe atmeten.

Die Herrin selbst in ihrer Staatsrobe, einem mattvioletten Seidenkleid, mit einer weißen Haube, die ebenso violette Bänder zierten, war ganz Würde. Sie thronte, sie blickte auf ihn herab. Die Geister ihrer Ahnen umgaben sie, die einem der ältesten Patriziergeschlechter der Stadt entsprossen war. Die Overbecks konnten den Susseroths nicht das Wasser reichen. 21

Und dieser Overbeck nun gar – ein ziemlich verwahrlostes Exemplar seiner Gattung. Sie hatte nichts Gutes von ihm gehört. Mindestens lag ein abenteuerliches exotisches Leben hinter ihm. Und geradezu abenteuerlich war dann ja auch der Geschäftsstreich gewesen, mit dem er zu guter Letzt seine Vaterstadt beglückt hatte.

Daß dieser Herr aber nun gerade ihr Hausgenosse werden mußte, das setzte allem die Krone auf. Jedenfalls würde sie den nötigen Abstand wahren. Dieser Besuch, der sich ja wohl nicht gut hatte vermeiden lassen, sollte nimmermehr zu irgendwelchem näheren Verkehr hinüberleiten. So war Fräulein Susseroth gesinnt.

Martin mit seiner feinen Spürnase merkte wohl ihre Temperatur, doch er war nun einmal widerstandsfähig und wetterfest. Aber in all seiner Unanfechtbarkeit kam ihm das eine Gefühl: sie selber friert ja, sie selber hat ja ihre Not. Zu seinen spaßhaften Anwandlungen trat ein echt mitleidige Regung, und in seine Unterhaltung kam ein guter Klang.

Er sprach mit ihr von der Kinderzeit. Hier hat auch der unglücklichste Mensch seine grünen Inseln, und hier fanden sie sich leidlich zusammen.

Bald merkte er, daß sie an eigenem Erzählen 22 Gefallen hatte. Sie besaß eine sehr wohllautende Stimme – ihre Abneigung gegen die Donnerbüchse der Mutter Knoll war zu begreifen – und ihre Sätze gaben etwas auf Stil. Martin nickte verständnisvoll. Er kannte diese Art: am unschädlichsten, wenn sie redete.

Er hielt sich ruhig, und so erfuhr er nach und nach, da seine guten Manieren sie friedsamer und herablassender stimmten, daß sie schon als Kind nach England gekommen sei, und daß sie dort ihre schönsten Tage verlebt habe. Sie sei dann auch später, mit dreißig Jahren, wieder dorthin zurückgegangen – aber seltsam, jetzt habe sie dort aufs neue keinen Boden fassen können, und ein ganz unverständlicher Zug – Heimweh könnte man nicht sagen, denn sie sei eigentlich nie in ihrer Geburtsstadt daheim gewesen – habe sie mit Gewalt hierher zurückgetrieben.

›So geht sie gut,‹ dachte Martin Overbeck, voll Genugtuung ob ihrer Mitteilsamkeit und gehoben durch das Bewußtsein seiner bewährten Kraft, mit Frauen sich zu vertragen. Als er aber jetzt zu dem »unverständlichen Zug« das Wort ergriff und mit einem unvorsichtigen Rationalismus betonte, er glaube nicht an so geheimnisvolle Kräfte, ganz gewiß sei hier ein sehr fühlbarer Zusammenhang im Spiel, da verdunkelten sich ganz plötzlich ihre Augen, und zornig ob ihrer Selbstvergessenheit zog sie sich wieder ganz in 23 sich zurück. Sie kam auch nicht mehr aus sich heraus, und Martin ging nicht als Sieger von hinnen.

Immerhin, das Eis war gebrochen, eine Verkehrsmöglichkeit war erreicht. Sie hatte die offene Feindseligkeit abgetan. Er war bei Licht besehen nicht so ganz schlimm, und seine Lebensart gewährte eine Bürgschaft. So gab es einen latenten Frieden, der allerdings auf die Dauer schwerer zu ertragen ist als ein latenter Kriegszustand. Und hier griff nun die Frau Pastor Karsten wohltätig ein.

Sie war eine kleine, sehr runde und lebendige Frau, ein wenig asthmatisch, ein wenig cholerisch und übermenschlich beschäftigt, die Begründerin einer christlichen Frauenbewegung, die Leiterin unzähliger Versammlungen. Meist war sie so, als wenn sie mit der Präsidentinnenglocke herumliefe. Aber sie hatte doch auch Momente häuslicher Nützlichkeit.

Und in einem solchen Moment kam sie in das Altersheim hineingekugelt, sah einmal nach dem Rechten und stellte fest, daß es hier höchst ungemütlich zuginge, wo es doch so gemütlich sein könnte. Es sollte von jetzt an eine der unbenutzten Stuben als Eßzimmer behaglich hergerichtet werden. Hier sollten dann beide Insassen gemeinschaftlich die Mahlzeiten einnehmen, wodurch auch der Betrieb erheblich 24 vereinfacht würde. So wäre es für alle am besten, und damit Punktum.

Wie es denn auch geschah. Sehr steif ließ sich Fräulein Susseroth das erstemal an der Mittagstafel nieder. Martin aber, hier auf dem neutralen Boden, ergab sich gut und gerne seiner Unbefangenheit.

Als sie aßen, trafen sich einmal ihrer beider beobachtende Blicke.

»Wissen Sie, gnädiges Fräulein,« sprach er freimütig, »daß wir jetzt genau aufeinander achtgeben?«

»Wofür?«

»Jeder will feststellen, wie es dem andern schmeckt.«

»Um gegenseitig die Anspruchslosigkeit zu messen?« sagte sie, ganz die vornehme Dame, die es besser gewohnt war.

»O nein. Wir mustern uns wie zwei Ringkämpfer. Jeder denkt an die Kraft, die der andere sich zuführt.«

Sie blickte ihn an, erstaunt und unwillig.

»Denn ein Wettkampf ist nun mal zwischen uns,« fuhr er unbekümmert fort. »Ein ganz natürlicher. Ein unwillkürlicher. Bei zwei so alten Menschen. Jeder hat den Ehrgeiz, den andern zu überleben.«

Fräulein Susseroth lehnte sich zurück. So etwas war ihr denn doch noch nicht vorgekommen. Sie blieb stumm und ihr Unwillen wuchs.

»Bei uns ist es besonders schlimm, weil wir zwei 25 so ziemlich ebenbürtige Gegner sind. Beide geistig ganz frisch. Und körperlich auch in leidlichem Stande. Die Leute sind aufmerksam auf uns. Und das ist ein neuer Punkt, damit kommt noch eine besondere Eitelkeit hinzu.«

Sie zitterte mit dem Kopf. Was war das bloß für ein Mensch! Wie kam er dazu, so unerhörte Dinge – – und doch, ihr Unwille hielt nicht stand. Es kam mehr wie eine Betäubung über sie. Denn war nicht doch etwas Wahrheit in dem, was er aussprach?

Dieser Zwiespalt ängstigte und quälte sie. Um so heftiger wehrte sie sich, sie legte den Kopf zurück, und ganz von oben herab erklärte sie, gegen ihre Überzeugung, doch desto nachdrücklicher: »Das scheinen mir denn doch Ausgeburten einer schlecht gezügelten Phantasie zu sein.«

Martin Overbeck aber behielt sie fest in der Hand. »Mein gnädiges Fräulein – darf ich Ihnen eine Geschichte erzählen, die ich selbst erlebt habe? Eine Abschrift des gerichtlichen Protokolls bewahr' ich als document humain unter meinen wenigen Papieren auf. Geschehen vor etwa dreißig Jahren. Ich machte damals in Tabak und hatte mich zur Abwechslung mal in La Coruña im nordwestlichen Spanien niedergelassen. Eine Berühmtheit der Stadt war ein 26 uraltes Ehepaar, beide beinahe gleichaltrig, der Mann einen Monat älter – im Jahre meiner Ankunft sollten die beiden ihren hundertsten Geburtstag feiern. Sie hatten sich schon als Säuglinge geliebt und waren seither unzertrennlich gewesen. Die ganze Stadt war stolz und unsäglich gerührt über dieses Philemon-und-Baucis-Pärchen. Von Gemeinde wegen traf man Anstalten zu einem Jubelfest. Da starb der Mann – plötzlich hätt' ich beinahe gesagt, aber bei hundert Jahren ist wohl jeder Augenblick eine solche Plötzlichkeit. Die Frau feierte allein ihr Jahrhundert. Ich hab' sie selbst gesehen, ich kann nur sagen. daß sie leuchtete. Ich sehe heute noch das winzige, weißgraue, morsche, zerknüllte Gesichtchen. Allerdings, es war so ein Phosphoreszieren, wie man es bei altem Weidenholz im Dunkeln gewahrt. Und als ihr Ehrentag vorüber war, da gestand sie erst ihrem Beichtvater und dann dem Richter, daß sie ihren Philemon umgebracht hatte.«

Fräulein Susseroth legte Messer und Gabel hin. Sie war erschreckt, entrüstet und sehr gequält. Aber sie fand doch nicht den Mut, ihm den Mund zu verbieten. Ihre weitaufgerissenen Augen fragten sogar nach mehr.

Und er führte es zu Ende. »Sie hatte ihn erwürgt. Es hatte so wenig Kraft dazu gehört, daß man keine Spuren gefunden. Und mehr Kraft hätten 27 diese Mörderhände auch wohl nicht aufzubringen gehabt.«

»Aber warum das bloß?« fragte sie schrill. Es klang wie ein unterdrückter Schrei.

»Aus Eifersucht.«

»Wie?«

Aus Neid auf die Ehren, aus Mißgunst, aus Ruhmsucht, aus Ehrgeiz –«

»Das glaub' ich nicht!«

»Sie hat es selbst erklärt.«

»Wissen Sie vielleicht, daß bei alten Menschen der Verstand sich trübt?«

»Ob ich das weiß?« entgegnete er mit Gefühl und schmunzelte dazu. »Im übrigen glaube ich, daß zu jedem Mord ein getrübter Verstand gehört.

Er ließ sich nicht unterkriegen. Da machte sie einen letzten Rettungsversuch. »Eine spanische Geschichte,« sagte sie geringschätzend. »Was kann alles im Nordwesten Spaniens geschehen!« Und jetzt brachte ihr Senatorenblut sie aus der Linie. »Wer weiß auch, in welchen Kreisen das vorgekommen sein mag.«

»O, in ganz guten.« Er lächelte zu ihrem unlogischen Hochmut. »Der Sohn, ein guter Bekannter von mir, war Generaldirektor der Zigarrenfabrik der Stadt. Im übrigen stehen die gesamten Akten Ihnen zur Verfügung.« 28

»Ich danke. Die Sache interessiert mich auch nicht weiter.« Sie setzte ihr unnahbarstes Gesicht auf. Und gerade das reizte Martin, noch gründlicher zu werden.

»Das verstehe ich nun nicht,« meinte er kopfschüttelnd. »Wieviel schöne Erörterungen lassen sich daran knüpfen. Erstlich mal, ob und welchen Anteil die Ehe und das eheliche Zusammenleben so langer Zeit an dieser Katastrophe hat. Weiter: ob man bei einem Hundertjährigen von einem eigentlichen Mord sprechen darf, ob es nicht Morde verschiedenen Grades gibt, verschiedenen Gehaltes bis zu einer – ich möchte fast sagen – harmlosen und unschädlichen Verdünnung. Dann die andere Seite der Medaille: darf man einen hundertjährigen Menschen hinrichten? Was aber bedeutet für eben diesen eine lebenslängliche Kerkerhaft? Und schließlich das interessanteste Problem: wäre ein Mann auch einer solchen beispiellosen Tat fähig gewesen? Oder war sie der Frau vorbehalten? Nach natürlichen Gesetzen? Und welche sind diese?«

Er hatte eine unschuldige, vertiefte Professorenmiene aufgesetzt und den Finger bedachtsam an die Nase gelegt. Für sie aber war diese letzte Wendung ein Anlaß, die Tafel aufzuheben und aus dem Zimmer zu entschweben.

Mit einem milden Bedauern sah er ihr nach. Hatte er doch des Guten zuviel getan? 29

Hatte er mit seiner unheimlichen Geschichte zuviel Bewegung in ihre mürbe Seele gebracht?

Daß er etwas angerichtet hatte, war ihm klar. Die Ruhe einer Frau war es wieder einmal, was er störte. Er wäre nicht Martin Overbeck gewesen, hätte sich davon nicht ein eigenes Blinzeln in ihm geregt. Langweilig war er ihr sicher nicht. Freilich, daß er lieblich und wohltuend auf sie gewirkt hätte, wagte er nicht zu behaupten. Aber daran lag ihm auch nicht eben viel. Nur daß ihn alles Graue und Öde immer wieder reizte, einen Feuerstreif hindurchzuziehen.

 

Tatsächlich war Fräulein Susseroths in Frieden ergrautes Gemüt von zornigen und schreckhaften Farben gemustert. Aber in dem Zorn war nichts von Gehässigkeit und in dem Schrecken kein Abscheu. Auch war in diesen Farben etwas von Wechsel, von Spiel und Bewegung, was ihre Seele in ein erstauntes Schwingen brachte.

Wenn sie etwas auf die Dauer ernsthaft ungehalten stimmte, war es, daß ihre Häkelarbeit unter diesen seelischen Schaukelbewegungen litt.

Sie hatte ruhelos fleißige Hände, von einer mühevollen, aber nicht gewöhnlichen Kunstfertigkeit. Ihre gehäkelten Kragen und Pelerinen gaben einen 30 bescheidenen, ihr unentbehrlichen Verdienst, den sie aufs sparsamste verwaltete.

Auch in wirtschaftlichen Dingen war ihr Hausgenosse für sie eine Verblüffung. Mit dieser neuen Erschütterung wartete ihr die zweite gemeinschaftliche Mahlzeit, das Abendessen auf.

Sie kam wieder angeschwebt, wie sie gegangen war, königlich, gebietend, ganz in der wehrhaften Haltung, die ihr seine schmunzelnde Unbefangenheit aufzwang. Er mußte die Unterhaltung führen, er tat es gern.

Sie wurde die Erinnerung an ihr erstes Gespräch nicht los, den Gedanken, daß sie beide Nebenbuhler seien, Kämpfer um den Alterspreis, daß jeder den andern überleben wolle, daß jeder dem andern den Tod wünsche.

Die grausige Geschichte von den Hundertjährigen vermochte sie in den Hintergrund zu drängen. Aber auf die Nebenbuhlerschaft und natürliche Todesfeindschaft mußte sie sich immer wieder den Tischgenossen ansehen, mit Scheu, ja mit Argwohn, dann wieder voll Verwunderung über den ungebundenen, sorglos-dreisten Ton, den er in dieses Haus gebracht hatte. Soviel stand fest, daß Heimtücke nicht in seinem Wesen lag, und dies war immerhin eine gewisse Beruhigung.

Er machte auch sonst aus seinem Herzen keine Mördergrube und bekannte heute ganz offen seine, wie 31 er sagte, unwirtschaftlichen Verhältnisse. Aus seinem letzten Schiffbruch, nach dem er nun für immer abgetan war, hatte er sich mit ein paar lächerlichen hundert Mark wiedergefunden.

»Sehen Sie, mein gnädiges Fräulein,« fuhr er fort, »da hab' ich schwere innere Kämpfe geführt, ob ich dieses gütige Trinkgeld des Schicksals an einem Abend verjubeln oder aber ob ich es fürsorglicher in guten Zigarren anlegen sollte.«

»Frevelhaft!« stieß Fräulein Susseroth durch ihre verkniffenen Lippen hervor.

Er gab nicht viel auf Urteilsprüche und blieb im Geleise. »Als ich mich dieser zweiten Möglichkeit zuneigen wollte, gab es neue Konflikte. Ich konnte über die Sorte nicht mit mir ins reine kommen. Da hat hier der H. C. Behnk am Neuen Markt eine wundervolle Tausendmarkzigarre –«

»Tausendmarkzigarre?« wiederholte sie mit einigermaßen irrem Gesichtsausdruck.

Er ließ ihren Geist in der Trübung. »›Renata‹, eine Havanna, sag' ich Ihnen, gut ist kein Ausdruck, sie ist gütig. Einfach trostreich ist sie. Aber wie es nun mal im Leben geht – siegt nicht immer das Äußerliche? Es kam mir zum Bewußtsein, daß ich sehr nötig einen neuen Anzug brauchte. Und in dem neuen Anzug 32 gefiel ich mir dann so, daß ich neue Zukunftspläne machte.«

»Zukunftspläne!« Sie zuckte die Achseln und maß den Altersgenossen mit bedauerndem Blick.

»Ich tat, was ich immer tat, wenn ich überflüssiges Geld in der Hand hatte.«

»Überflüssiges –?«

»Was da ist, ist überflüssig. Mit dem Rest also kaufte ich mir ein recht unglaubwürdiges Börsenpapierchen. Und nun wart' ich in einer höchst reizvollen Spannung auf die Dividende.«

Sie starrte ihn an wie ein Fabelwesen. Dann sprach sie mit kurzem, sehr mißbilligendem Kopfschütteln: »Ist das ein würdiger Lebensabend?«

Er lächelte höchst unverdrossen. »Mit der Würde, mein gnädiges Fräulein, hab' ich meine besonderen Erfahrungen. Jedenfalls ist das Leben um so würdiger, je froher es macht. Denn nur wenn man froh ist, ist man ein anständiger Mensch. Im übrigen bin ich zur Feierlichkeit als Armenhäusler doch am allerwenigsten verpflichtet.«

Armenhäusler – das üble Wort traf sie wie ein Schlag. Sie war gewohnt, sich selbst als Stiftsdame anzureden. Aber schwerer und bleibender lastete auf ihr sein Ausspruch: nur wenn man froh ist, ist man 33 ein anständiger Mensch. Mit dieser Weisheit drang er in ihr Gewissen.

Wohl lehnte sie sich auf gegen die Härte und schonungslose Geschlossenheit dieser Behauptung. Aber was darin an Wahrheit lag, gewann eine leise Macht über sie.

Hatten ihr unfrohes Leben, ihre Verbitterung, ihr Gram sie nicht engherzig, böswillig, gehässig gemacht?

Es war genug, sie vollauf zu beschäftigen und ihre Seele in Schwung zu halten. Die Häkelnadel fand immer wieder Muße nachzudenken und über ihre Herrin sich zu verwundern.

Ja, Fräulein Susseroth hatte Augenblicke, wo sie Martin Overbeck – auch wenn sie es sich nicht eingestand – schlechthin beneidete. Damit aber betrat sie schon den Boden einer Verständigung. Das Mißtrauen zog sich immer mehr zurück, und bei ihrem nächsten Zusammensein ergab es sich, daß sie nun, getreu ihrer angeborenen, neuerdings so selten geübten Mitteilsamkeit, von sich selber erzählte. An dem Begriff der Freude hielt sie dabei fest. Über Weltanschauung glaubte sie auch mitreden zu dürfen, und so erklärte sie ihrerseits: es gäbe ja glücklicherweise auch Menschen, zu deren Wohlbehagen Spannung und andere Reize nicht notwendig gehörten. »Für mich 34 ist es eine besondere Befriedigung, mir ruhig und ehrlich mit meiner Hände Arbeit einen Spargroschen zu verdienen.«

»Alles recht schön und gut – aber Spargroschen – für wen schließlich –!«

»Für mich selbst. Sie meinen, das lohnt nicht mehr recht? Nun, ist es nicht fürs Leben, ist es für den Tod.«

»Wie das?«

»Es hat ja wohl jeder Mensch seinen Ehrgeiz –«

»Ich nicht.«

»Meiner ist es nun mal, anständig beerdigt zu werden. Ich will ein Begräbnis erster Klasse.«

»O du mein! Die Pferde mit Federbüschen?«

»Ganz recht.«

»Und dafür leben und sterben Sie?«

Sein spöttischer Ton machte sie nicht irre. Sie saß steif und erhaben und nickte kurz von oben.

»Wenn Sie wüßten,« nun holte er aus in aller Gemächlichkeit, »wie unsäglich gleichgültig es mir ist, was sie nach meinem Tode mit mir machen. Wie sie mich begraben – ob sie mich begraben – meinetwegen sollen sie künstlichen Dünger aus mir machen oder knallfreies Pulver –«

Jetzt hatte er es wieder mit ihr verdorben. Sie war entrüstet über seine Roheit, und der plumpe Ton des 35 Globetrotters, den er nun einmal nicht loswerden konnte, fiel ihr heftig auf die Nerven.

Aber sie fand immer wieder den Weg zurück zu seiner Offenheit. List, Lüge und Trug hatten ihr das Leben zerstört. Mit dem Fluch des Mißtrauens war sie beladen. In Martin Overbecks Nähe konnte sie tiefer und freier atmen. Sie wußte, daß an ihm kein Falsch war. Seine Gesellschaft fing an, ihr eine gewisse Sicherheit zu geben. Vor ihm verlor sie ein gut Teil ihrer Scheu und bitteren Härte.

Und jetzt floß auch ihre Arbeit wieder, frischer und besser als zuvor.

An den hundert Mark, die das Begräbnis erster Klasse mehr kosten würde als eine Beisetzung mittlerer Güte, fehlten ihr noch etwa dreißig. Sie hatte Aussicht, den Betrag bald einzuholen. Dann aber, wenn ihr standesgemäßer letzter Heimgang gesichert war, dann wollte sie sich mit dem Erwerb ihrer Hände noch ein paar gute Tage bereiten.

Wie, das wußte sie noch nicht so recht. Sollte sie ihrem Gaumen etwas zugute tun? Vor drei Jahren, nach ihrer Krankheit, hatte ihr Frau Pastor Karsten eine halbe Flasche guten alten Portwein gebracht. Der schmeckte ihr heute noch, das konnte sie nicht leugnen. Und eine ganz kleine lasterhafte Regung zog durch sie hin. 36

Oder sollte sie ihrer Staatshaube ein paar neue Bänder angedeihen lassen?

Wie sagte Herrn Overbecks böser Mund? Schwere innere Kämpfe. Und was sagte derselbe des weiteren? Im Leben trägt gewöhnlich das Äußerliche den Sieg davon. Es ward ihr beinahe scherzhaft zumute.

Kopfschüttelnd kam Mutter Knoll zu Martin Overbeck. »Was ist das bloß mit Fräulein Susserothen!«

»Warum?«

»Se summt.«

»Was tut sie?«

»Se summt vor sich hin. Se hat noch nie gesummt. Un nu summt se.«

 

Es war sehr herbstlich geworden. Martins geliebte Sonne verhielt sich karg gegen ihn. Trotzdem gab er seine Hafenspaziergänge nicht auf. Die Möwen, die Wintergäste, waren seine Freude. Kein Vogel hat die stolze Ruhe und Kraft ihres Fluges, keiner soviel Leuchtendes im Gefieder, soviel Licht, das keine Sturmnacht auslöscht, keiner ihre herrische und befehlende Stimme, so hell und schrill, daß sie dem Brausen gebietet. Dies danken sie dem Meere, seinen Nächten und seiner Majestät.

Diese seine Freunde hatten ihm soviel zu sagen, all 37 seine Träume flogen zu ihnen und zogen mit ihnen die Bahn.

Noch ein Strandläufer war da, der auch mit den Möwen Bescheid wußte und mit ihnen Zwiesprache pflog, ein alter, halbirrer Matrose. Öfters wechselte Martin mit dem ein paar Worte. Außer dem Hause hatte er kaum anderen Verkehr. Nur noch mit dem Juden Neumann in der Badstüberstraße, der sein Papierchen verwaltete.

Mit der Dividende sah es diesmal traurig aus: es wurde überhaupt keine gezahlt. Er berichtete Fräulein Susseroth darüber mit schmerzhaft-listig hochgezogenen Brauen. Die, aus der Sicherheit ihrer geordneten Erwerbslage, hatte dafür nur ein kühles: »Wie kann man aber auch!«

»Warten wir's ab!«

Sie sah in sein munteres Gesicht. »Sind Sie denn noch so jung?«

»Es scheint fast so. Im übrigen hab' ich ja auch meinen Erben. Ich werde meinem Freunde Hanning Haß das Papier vermachen.«

»Wer ist das?«

»Eine ramponierte alte Teerjacke. Mag auch die Möwen so gern. Und lebt in höchst kümmerlichen Kautabakverhältnissen.« 38

»Tabak scheint ja für Sie des Lebens Inbegriff zu sein.«

»Wenn auch nicht des Lebens, so doch des Alters.«

Sie wurde nachdenklich, dann sagte sie zögernd: »Da – legen Sie sich also großen Zwang auf, wenn Sie in meiner Gegenwart nicht rauchen?«

»Ein Laster ist erst dann was Delikates, wenn man es manchmal überwindet.«

»Sie scheinen ja ein gewiegter Feinschmecker zu sein.«

»Fast sieht es so aus.«

Sie blickte ein wenig unentschlossen, ein wenig verschämt beiseite. Dann sprach sie mutig: »Ich möchte Sie bitten, sich jetzt nach Tisch Ihre Pfeife anzustecken.«

Solch ein vollgerütteltes Maß des Wohlwollens hatte selbst für Martin, der nicht an Bescheidenheit krankte, etwas Verblüffendes. »Aber mein gnädiges Fräulein –«

»Es ist mein aufrichtiger Wunsch. Und für Redensarten haben so alte Leute wie wir doch wohl keine Zeit mehr.«

So holte er seine Pfeife, und mit dem Rauch umgab sie beide gleich eine größere Vertraulichkeit. In diesen Wolken schwebte ein häusliches Behagen, ein gewisser familiärer Zug, der Fräulein Susseroths vertrocknetes Gemüt in ganz leise, ungewohnte, aber gar nicht unangenehme Flimmerbewegungen versetzte. 39

Die langen Winterabende taten ein übriges. Die beiden alten Leute begannen sich aneinander zu gewöhnen.

Sie saßen zusammen am Ofen, wärmten sich an guten Erinnerungen, und Fräulein Agnete ließ sich von Herrn Martin unterweisen, wie man das Böse, das hinter einem liegt, recht gründlich auslacht. So ganz indessen wollte es ihr nicht gelingen, sie ging behutsam mit ihrer Vergangenheit um. Desto lieber sah sie es, wenn er beweglich in seinem reichen Leben kramte.

Eines Abends, im schützenden Dunkel der Schummerstunde, fand sie, als er andeutungsweise seine erste Liebe erwähnte, den Mut, ihn zu fragen, ob er denn mehr als einmal geliebt habe.

Da lachte er still in kurzen Hustenstößen vor sich hin. Und dann rief er lustig: »Einmal? O du meine Güte!«

»Also öfter!«

»Ja, Fräulein Susseroth, öfter. Ich hab' sie jetzt so nach und nach gezählt –«

»Nun hören Sie mal!«

»Ja – wenn ich so allein mit meiner Pfeife saß und Ringe blies, dann kamen all die geliebten weiblichen Wesen wieder herauf, denn nach Ringen sind sie nun mal alle schlimm –« 40

»Herr Overbeck!«

»Ist es anders?« fragte er treuherzig. »Nun, die Hauptsache ist, daß sie erscheinen. Denn sie sind nun doch einmal die schönsten Erinnerungen. Zur Abwechslung läßt man ja wohl auch mal die Männer Revue passieren, die man über den Löffel barbiert hat. Aber die machen den Kohl nicht fett. Auf die Frauen, die man geküßt hat, kommt es an.«

Agnete Susseroth machte einen vergeblichen Versuch, sich zu erheben. Dann besann sie sich darauf, daß sie in ihrem Zimmer saßen; die Frage aber, ob er des Landes verwiesen werden solle, wurde nur halb auf- und gleich wieder zusammengerollt. Offenbar war sie im besten Zuge, sich abzuhärten. Er aber ließ es sich angelegen sein, dieses sehr löbliche Beginnen durch stärkere Dosen weiter zu fördern. So gab er seiner Offenheit noch mehr die Zügel frei: »Wie ich Ihnen schon sagte, habe ich in meiner jetzigen unfreiwilligen Muße mich daran gemacht, die jeweiligen Damen meines Herzens zu zählen. Wissen Sie, wieviel es sind?«

»Nun?« Sie fragte mehr aus Schreck als aus Wißbegier.

»Neunundneunzig.«

»Gerechter Himmel!« Sie war nicht sehr weit von einer Ohnmacht. Doch ging der Schwächeanfall 41 vorüber, und sie schüttelte mit heftiger Ratlosigkeit Haupt und Haubenbänder.

»Sie schütteln den Kopf. Ich auch. Denn es ist doch unfaßlich –«

»Nicht wahr!«

»Daß ich das Hundert nicht vollgekriegt haben sollte.«

Hier ließ er nun doch eine Erholungspause eintreten. Dann aber marschierte er weiter: »Es muß sich noch eine irgendwie versteckt halten. Neunundneunzig – so Unglaubliches, so Unwahrscheinliches und Geschmackloses liefert die Weltgeschichte nicht. Und diese eine und letzte kommt auch noch zum Vorschein. Nur ist die Shagpfeife vielleicht nicht das richtige Beschwörungsmittel für sie.«

»Was heißt das nun wieder?« durfte Agnete fragen, da sie jetzt auf einem weniger verfänglichen Gebiet gelandet zu sein schienen.

»Der Shag ist gut, und er beflügelt die Gedanken wohl, aber er vertieft sie nicht genug. Er hat nicht die Innigkeit einer Zigarre. Wenn ich mich jetzt so mit einer ›Renata‹ verbünden könnte. Dann sollte sie schon dran glauben, die hartnäckige hundertste! Hätt' ich jetzt meine Dividende! Aber so –! Ja, ja – Frauen und Dividenden, das ist auch so ein besonderes Kapitel.« 42

Hier schlug er nun wieder unerwartet und unnötig über die Stränge. Dann aber brachte er Fräulein Susseroth rechtschaffen zum Lachen, als er mit wehmütigem Gesicht vor sich hinklagte: »Ich bin nun mal ein so anhänglicher Mensch! So etwas von Treue –!«

»Hundertfältig!«

»Ja, ganz recht. Aber ist wohl Verlaß auf die Frauen?«

 

Seit vielen langen Jahren hatte Agnete Susseroth zum ersten Male wieder lachen können. Und es blieb davon ein gewisser Schein in ihr zurück, den gerade die dunkelsten Stunden suchten und wieder heraufholten.

Und eines Abends hatte sie von diesem Schein eine Erleuchtung, die es zu einem Entschluß brachte und zu einer Tat, zu einer fast abenteuerlichen Tat.

Es war zu Anfang Dezember. Sie hatte erfahren, daß Martin Overbeck am folgenden Tage seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag begehen sollte. Um die hohen Mauerpfeiler der Marienkirche zog sich ein heimliches Schneetreiben. Da huschte um die sechste Stunde eine tief vermummte alte Dame durch das weißbetupfte Dunkel. Nach dem Neuen Markt lenkte sie den Schritt, suchte sich den Zigarrenladen von H. C. Behnk, blieb eine Weile, aber nur eine ganz kurze, unentschlossen 43 vor dem hellen Fenster stehen, trat dann hastig in das Geschäft und forderte fast drohend eine ›Renata‹, Preis eine Mark.

Tiefatmend, den stanniolumhüllten Schatz fest umklammernd, kämpfte sie sich dann wieder nach Hause.

Und am andern Tage, nach der Mittagstafel, sprach sie Martin Overbeck ganz unaufdringlich ihren Glückwunsch aus und überreichte ihm das Geschenk.

»Aber Fräulein Susseroth – wie konnten Sie – wie durften Sie –«

»Ich tu' es ja vor allen Dingen meinetwegen, meiner Neugier zuliebe. Ich bin ja so gespannt, ob Sie nun durch dieses Zaubermittel die Verlorene wiederfinden.« In ihren düstern Augen zwinkerte es beinahe von Schelmerei.

Er aber, mit welcher Zärtlichkeit besah, beroch, beklopfte und behorchte er das edle Kraut. Wie langsam feierlich, erwartungsvoll und gründlich in der Vorfreude schnitt er die Spitze ab, suchte er hindurchzublasen, musterte er die Inhaltreiche noch einmal rundum und näherte er dann das Feuer ihrem Rande. Dann, als alle Sinne auf das lebendigste gespannt waren, schlürfte er die Flamme in sie hinein und sog den Rauch andächtig über die hingegebenen Lippen.

Fräulein Agnete sah ihm zu, voll Verwunderung über soviel Innigkeit des Genießenwollens, mit 44 Genugtuung, daß ihre Gabe es war, die dies alles in Bewegung setzte. Und wie er dann trank, wie er genoß, ganz versunken, ganz beseligt, wie seine Augen, halbgeschlossen, sich vertieften, diese blauen Sünder. Sie dachte es frei: ›So, ganz so sieht ein guter Mensch aus.‹

Zwischendurch hielt er inne, wie um sich zu erholen von soviel Glück, und setzte eine seiner geliebten Nichtsnutzigkeiten in die Welt. Er neigte den Kopf zur Seite und fragte mit bedenklich kraus gezogener Stirn: »Haben Sie auch keine Dynamitbombe hineingesteckt?«

Aber schon war er wieder am Werke. Wieder schlürften alle seine Sinne, und es war ein Leuchten, davon sein ganzes Wesen sich volltrank.

Immer lebhafter berührte sie diese durch nichts gehemmte Hingebung an den Augenblick, ein Neues, Fremdes und Seltsames, das bei einem andern sie leichtlich verletzt hätte, hier aber so natürlich erschien und etwas schlechthin Gewinnendes hatte.

Und sie verglich damit, wie feindselig ihr eigenes Leben immer dem Augenblick gesinnt war, dem leichten, beflügelten und fraglosen. Wie sie selbst sich eingewühlt hatte in ihren Gram, daß ihre Sinne blind und taub geworden waren!

Wem zugute? Wem zu Frommen? Sich zur Qual 45 und den andern auch. Während er eine Lichtquelle war sich und den andern. Nur das Frohe ist gut!

Freilich, Herr Martin Overbeck brauchte ja im einzelnen nicht eben vorbildlich zu wirken, der Flatterfahrer, der er war, mit seiner unglaublichen Frauensammlung und seinen vielen dreisten Leichtfertigkeiten. Gewiß hatte er auch Unheil gestiftet und Enttäuschungen bereitet, doch kaum mehr als ihm selbst geschehen war in dem bunten Spiel und reichen Wechsel seines Lebens. Er gab und nahm, wie ihm gegeben und genommen wurde.

Wie sagte er selbst? Nur für die ganz Großen hat das Leben einen geschlossenen großen Zug; für uns, die Kleinen, machen Erlebnisse das Leben aus.

Und sie – hatte sie nicht gerade die Anmaßung gehabt, ihr Dasein auf ein einziges Erlebnis stellen zu wollen? Und blieb sie nicht in der Vermessenheit, da sie ihr Leben in diese einzige Enttäuschung einschloß und begrub? So groß und furchtbar diese Enttäuschung war!

Hatte nicht gerade der bösartigste Schurke sie ihr angetan! Der nicht nur ihre Seele plünderte, der auch ihr Besitztum stahl und sie dann wegwerfen durfte – eine Bettlerin an Gut und Blut, sie, das Geschlechterkind, verwöhnt, gefeiert, begehrt.

Damals, als sie noch ihre Jugend hatte, warum 46 konnte sie sich nicht losreißen aus ihrer Not! Die Welt so weit – aber sie mußte zurück an die Stätte ihres Unheils. Den Mörder zieht es wieder an den Ort des Frevels – den Geist des Gemordeten auch. Und sie blieb, mit ihrem Fluch, mit ihrem Rachedurst, mit ihrer Sehnsucht, zu sehen, wie das Geschick den Mörder strafen würde. Aber es strafte ihn gar nicht, er lebte und gedieh und saß unter den angesehensten Männern der Stadt.

Und wieder hörte Martin Overbeck Fräulein Susseroth lachen, aber es war ein Lachen, das sich selbst zerfleischte. Dann aber ward sie ganz ruhig, und wieder versenkte sie sich in sein unbekümmert strahlendes Genießen. Und im Tone seiner Sorglosigkeit sich nähernd, fragte sie leichthin: »Nun, wie ist es? Haben Sie sie jetzt?«

»Denken Sie, nein! Sie kommt nicht. Nun, ich hab' sie auch gar nicht mehr gerufen. So sehr war dieser Sinnen- und Seelenschmaus mir Selbstzweck. Nur eins ist mir dabei aufgegangen.«

»Was, wenn ich fragen darf?«

»Daß ich von Ihnen, Fräulein Susseroth, eine übel falsche Vorstellung genährt habe.«

»Wieso?«

»Ich weiß jetzt, daß Sie durchaus nicht immer den 47 Trott ihrer Sorgen gehn. Daß Sie auch ein beschwingtes Wesen sind.«

Dabei leuchtete er sie an, dankbar und nahe, mit seinen Augen, den blauen Sündern. Es wurde ihr fast verlegen zu Sinn, wie einem jungen Mägdlein.

 

Natürlich war es, daß das Beschwingte nicht blieb, daß dem Aufschwung, ja Überschwang ein Niedergang folgte.

Wie Agnete sich den andern Morgen an ihre Häkelarbeit setzte, schüttelte sie den Kopf über sich, nannte sich ungebunden und verschwenderisch und rührte fleißiger die Hände für ihre Lebens- und Todesaufgabe. Die Mark mußte wieder eingebracht werden.

Als sie dann ihr Gleichgewicht wieder gewann, da geschah etwas, wodurch sie gänzlich aus den Fugen geriet: der Seniorchef des Hauses Susseroth & Co. schloß achtzigjährig die Augen.

An diesem Tage kam sie nicht zur Mittagstafel. Martin fragte sich, was sie an diesem Tode so bewegen konnte. Sie war mit ihrer Verwandtschaft zerfallen, nie hatte sich jemand um sie gekümmert. Was also war es, das sie so sehr traf?

Zum Abendessen erschien sie wieder. Ein wenig starrer ihr Gesicht, ein wenig düsterer, so dünkte es ihm, ihr Auge. Aber sie sprach ruhig und vermied 48 nicht, von dem zu reden, was heute alle Welt beschäftigte.

In der Zeitung stand ein spaltenlanger Nachruf, ein Hymnus in höherem Ton. Sie erwähnte das, gelassen nach außen, aber in ihren Blicken sah er doch einen Funken grünlich unheimlichen Lichtes.

Martin Overbeck hatte den Verstorbenen wohl gekannt, einen Künstler des Geschäfts und des Lebens, der seine Verschlagenheit durch Brutalität und seine Brutalität durch Verschlagenheit milderte. Wie er den Funken in ihrem Augen sah, da wußte er, daß dieser Senior ihres Hauses ihr Unglück gewesen war.

Und nun mußte heraus, was ihm auf der Zunge lag. Es sollte nichts Gehässiges für den einzelnen sein, vielmehr eine allgemeine, sanfte Lebensweisheit, aber, was selten bei Martin Overbeck geschah, es mischte sich doch eine bestimmte Bitternis hinzu. »Da soll man noch sagen, daß das Leben nicht gütig ist. Einer kann ein noch so großer Halunke sein, er hat nichts weiter zu tun, als alt zu werden, und er ist glänzend rehabilitiert. Mit siebzig ist er ein tadelloser Ehrenmann, mit achtzig eine leuchtende Zier.«

Gerade die Bitternis aber rechnete sie ihm gut an. Es war doch eine Art Bund zwischen ihnen beiden.

Eine imposante Feier war die Beisetzung dieses ehrwürdigen und herrlichen Mannes. Agnete in 49 eisiger Ruhe, ließ sich alle Einzelheiten erzählen und las von ihnen im Blatte. Danach, als der Abgeschiedene unter der Erde lag, löste sich ihre Starrheit. Eine fiebrige Hast kam über sie. Arbeiten! Arbeiten! Ihr alter Ehrgeiz spornte sie heftig und ohne Nachlaß. Sie wollte auch würdig begraben sein!

Zeitweilig fühlte sie eine Schwäche. Wenn sie abberufen würde, ehe sie das Geld beisammen hätte!

All die Erlebnisse der letzten Zeit hatten zu stark an ihr gerüttelt. Und nun trieb sie sich planmäßig einer Krankheit in die Arme. Eine Erkältung tat das übrige. Sie mußte sich legen. Die Lunge entzündete sich. Sie phantasierte von den Federbüschen der Leichenpferde und ihren Schabracken.

Es war um die Weihnachtszeit, daß sie krank lag. Martin hatte Pläne über Pläne entworfen, wie er sich für das Geburtstagsgeschenk erkenntlich zeigen sollte. Beim Juden Neumann war ihm eine kleine Anleihe gelungen, für das Geld sollte ein auserlesen schöner Weihnachtsbaum besorgt werden, und dann dachte er an Überraschungen mannigfacher Art.

Nun konnte aus dem allen nichts werden. Aber gleich nach dem Fest geschah es, daß sie die Krisis glücklich überwand, dank Mutter Knolls trefflicher Pflege und dank ihrer eigenen Lebenskraft, die ihre Pflicht noch nicht erfüllt, die für den würdigen 50 Abschluß dieses Daseins noch nicht ausreichend gesorgt hatte.

Mit Beginn des neuen Jahres saß sie schon wieder, in Decken gehüllt, auf dem Sofa und häkelte an einem Schulterkragen.

Am selben Neujahrstage aber, zur Feier ihrer Genesung und um ihr Glück zu wünschen fürs Leben, fand sich Martin Overbeck mit einem großen Strauß Veilchen bei ihr ein. Sie grub das welke Gesicht in den fremden Frühling, und dann sagte sie leise, mehr für sich als für ihn: »Seit fünfzig Jahren hab' ich wohl keine Blumen mehr bekommen.«

Darauf aber wandte sie sich beinahe zornig gegen ihn: er wäre doch unverbesserlich, und ein Jammer wär' es um das viele schöne Geld!

Um die Mitte März war es, und die heimatliche Erde fing selbst an, Veilchen zu tragen, da gab es einen großen Tag für Agnete Susseroth, da hatte sie ihre Lebensarbeit getan, da waren die noch fehlenden hundert Mark für das standesgemäße Begräbnis glücklich unter Dach und Fach gebracht.

Es war ein Tag zum Jungwerden. Dieses flirrende, zitternde Märzenlicht, das die Welt durchschwang – alles war in dieser prickelnden Bewegung, Sonne und Luft und Erde. Die Mauern selbst lebten und bebten, 51 es zuckte in den Grundpfeilern der Kirche bis hinauf in die Turmspitzen, und die Glocken surrten leise.

In den Schallöchern der Kirchtürme und um sie hatten die Dohlen ihr Wesen. Hier saßen sie, hier flogen sie, hochfahrend und behäbig. Sie hatten schon ihre Brut im Nest. Aufgeplustert, in stolzer Seßhaftigkeit blickten sie auf die Zugvögel herab, auf die Stare, die lauten Landstreicher, die noch nicht recht wußten, wo ihres Bleibens war, die, wenn's gut ging, in Bretterhäusern ihr Unterkommen fanden und mit der Hochzeit sich noch gedulden mußten. Und nun gar auf das kleine Musikantengesindel, das unter freiem Himmel, in Hecken und Büschen kampierte! Die aber hätten mit den Turmhockern in ihren öden Gemäuern nun und nimmermehr getauscht, und jeder war neidlos fröhlich in der Geringschätzung des andern und seines Gehabes.

Alle und alles aber umfing dieser erste grüne Erdenschimmer, herb und bitter und süß, so scheu zugleich und so trotzig, so wehrhaft und so bang.

Agnete Susseroth öffnete das Fenster und ließ den Nachmittagsonnenschein frei hereinfluten. Der Zauber der jungen Frühlingsluft perlte über ihre matten Sinne und tat ihnen gut. Sie atmete so leicht, ihr Herz ging schnell, als wollte es fliegen. Beinahe unkörperlich kam sie sich vor, so meinte sie selbst zu Frau Knoll, 52 als die sich bis zum Abend von ihr verabschiedete. Auch das sagte sie, daß sie noch einen Weg machen wolle, in den Frühling hinein.

Was sie aber auf diesem Weg und in den Stunden dieses Nachmittags empfunden, das konnte sie selbst keinem mehr verraten. Aber es gab Zeugnisse, die es Sehenden und Fühlenden deutlich offenbarten.

 

Martin Overbeck war an seinen geliebten Hafen gegangen. Vom Winterschlaf war hier jetzt das letzte abgetan, Schiff über Schiff verließ das Quartier, im silbernen Kielwasser der Dampfer zogen und fischten die silbernen Möwen. Es ging in die See und weiter in den Ozean, und seine Träume gingen mit.

Schon braute die Dämmerung aus dem Wasser und drängte die Gassen hinauf, als er sich heimwärts wandte.

Stiller als draußen war es auf dem Kirchplatz an der Seite, wo seine Wohnung lag. Beim Küsterhaus konnte er auf den Flur blicken, hier ging die junge Küsterfrau auf und ab, ihr Jüngstes auf dem Arm, und sang es leise in Schlaf. Hinter der Mauer aber im Pastorengarten schlug eine Drossel zärtlich und tief.

O über die junge, junge Welt!

Der alte Herr war müde geworden vom Frühling. 53 Er sehnte sich nach seinem Lehnstuhl. Erst aber wollte er doch seine Freundin begrüßen.

So klopfte er an bei ihr. Es kam keine Antwort. Seltsam. Zu Hause war sie. Er hatte im Vorbeikommen durchs Fenster ihre weiße Haube vom Sofa her leuchten sehn.

Wieder klopfte er, und als er wieder nichts hörte, ging er hinein.

Sie saß auf ihrem Sofaplatz, sein Gruß blieb unbeantwortet. Da trat er an sie hinan und nahm ihre Hand – kalt und schlaff, er strich über ihr Gesicht – erloschen.

Schnell, ob er gleich fühlte, daß es hier nichts zu tun gab, als andächtig zu sein, zündete er die Kerze an.

Da sah er sie nun deutlich. Zurückgelehnt saß sie, in natürlicher Haltung, die Augen, halbgeschlossen, hatten etwas lauernd Schalkhaftes, der Mund aber – was war nur mit dem Mund geschehen? Wo war seine Bitterkeit geblieben und seine Schärfe? Etwas wie ein Lächeln war um ihn, eine feine Schelmerei, geradezu ein zärtlicher Übermut, wo hatte er nur all das Junge und Liebe herbekommen?

Martin konnte sich nicht halten und helfen, er streichelte ihre Wangen und sagte: »Lütte Diern!« und wieder: »Lütte Diern!«

Dann kam ihm etwas ins Auge, und jetzt erst sah 54 er, daß vor ihr auf dem Tisch ein Paket lag, daneben stand das Tintengeschirr. Dieses Paket war offenkundig ihr letztes Werk vor ihrem Hinscheiden. Es war an ihn, Herrn Martin Overbeck, gerichtet. Die Schriftzüge waren klar und fest. Martin sah ihr ins Gesicht, das wie lebend war – nein, fast noch mehr, denn nie hatte es soviel jugendliche Sorglosigkeit besessen – und dann öffnete er langsam den Umschlag.

Eine Zigarrenkiste mit hundert »Renatas«. Darauf lag ein Briefbogen, der die Worte enthielt: »Dies für Herrn Martin Overbeck. Und daß sich jetzt auch ja die Hundertste findet!«

Martin war in seinem krausen Leben nie eigentlich ratlos gewesen – hier wurde er's zum erstenmal. Er blickte rundum und blickte ihr wieder ins Gesicht – war es das Schattenspiel der flackernden Kerze, oder lachte sie ihn wirklich aus?

»Nein, nein, nein, Agneting« stieß er dann leise in glückseliger Kläglichkeit hervor – »wie denkst du dir das eigentlich!«

Sie hatte die hundert Mark geopfert, die ihres Lehens Arbeit, ihres Lebens Ziel gewesen waren. Ein anständiges Begräbnis, ein standesgemäßes Begräbnis, der Leitstern ihres mühseligen Daseins – war es denkbar, daß sie selbst diesem Leitstern noch zu guter Letzt ein Schnippchen schlug? 55

Hm. War es so ganz unmöglich? War der Agnete Susseroth da auf dem Sofa unter Umständen nicht doch so etwas zuzutrauen?

Und kopfschüttelnd klagte er wieder: »Lütte Diern! Lütte Diern!«

Aber jener Frage ging er jetzt nicht weiter nach. Es gab hier Notwendigeres zu tun. Er eilte ins Pastorenhaus und holte die nötigen Kräfte, die der Leiche sich annahmen.

Am Abend des andern Tages lag sie aufgebahrt in einem der unbenutzten Zimmer des Hauses. Martin Overbeck hielt bei ihr die Wacht.

Nun kamen sie und nahmen die Tote in Augenschein. Herr Pastor Karsten kam und seine Frau, auch Mutter Knoll blieb natürlich nicht aus.

Pastor Karsten betrachtete die Tote lange mit seinen guten Augen, und er hatte schöne Gedanken für seine Trauerrede. Aber mit dem, was er jetzt sprach, war Martin gar nicht einverstanden: »Man sieht es ihr an, sie hat sich nach dem Heimgang gesehnt.«

Das sah man ihr durchaus nicht an. Außerdem klangen die Worte, als seien sie schon öfters gesprochen worden. Und in der Tat war der Geist des gelehrten geistlichen Herrn schon wieder mit biblischer Textkritik beschäftigt.

Da war das schon besser, was Mutter Knoll sagte, 56 die, nachdem die Pastorsleute gegangen waren, noch eine Weile blieb. »Süht sie nich so aus, as ob sie's selbst nich glaubt – as ob sie sich bloß verstellt?«

Und nun saß Martin wieder allein bei ihr, und seine Blicke kehrten immer wieder zu ihrem Munde zurück, dem selbst Mutter Knoll einen Zug schalkhafter Überlegenheit abgewann. Ja, sie hatte ihre Not, ihre Düsternis, ihres Daseins Schwere und die Sorge ihrer Tage überwunden noch in der letzten Stunde, ehe sie Abschied nahm.

Das bezeugte ihr Mund so gut wie ihre letzte Bestimmung, ein Vermächtnis an die unbekümmerte Daseinslust.

Ja, ja, er hatte sie bekehrt und gewonnen für des Lebens Leichtigkeit – nur daß sie gleich auf dieser Leichtigkeit zum andern Ufer entschwebt war. Eine Gemeinschaft gab es zwischen ihnen beiden, ihre letzten Gedanken hatten ihm gegolten, ihre letzte Freude war es gewesen, ihm ein Liebes anzutun.

Er stand auf und ging zu ihr, beugte sich über sie und küßte sie auf den Mund, um den das Lächeln war trotz seiner Kälte.

 

Sie hatten das, was von Agnete Susseroth sterblich war, zu Grabe getragen. Sie war keine »große Leiche« gewesen, nach dem Stande ihrer 57 Hinterlassenschaft hatte es ein Mittelbegräbnis gegeben, die Pferde ohne Federbüsche und ohne Prunkschabracken.

Darüber, daß sich also ihr Wunsch, den sie selbst noch zu guter Letzt verabschiedet hatte, nicht erfüllte, machte sich Martin nun weiter keine Gedanken. Zu sehr war ihm dieser Wunsch von je als Marotte erschienen. Statt dessen war er ehrlich genug, einzugestehen, daß Agnete in letzten Verfügungen eine unübertreffliche Meisterin sei. Die »Renata« erwies sich aufs neue als das, was er als »Standpunkt« zu bezeichnen beliebte.

Und von der so gewonnenen Lage aus ließ sich dieses Lebens Unverstand viel verständiger überschauen. Und die Erinnerungen wurden dankbarer, tiefer und zarter.

Jeden Tag eine – war das nicht des Guten zuviel? Und leicht war sie nicht – sie ging ans Herz. Aber das mußte und sollte sie auch!

Sollte er sich vielleicht nur an Sonn- und Feiertagen eine leisten? Ja, aber hatte er noch soviel Zeit? Wenn ihn die Hundert so überlebten? Das wäre ein Jammer, nicht zu ermessen. Im Grabe würde ihm das keine Ruhe lassen.

Also munter drauflos. Sie sagen, es ist das Vorrecht der Jugend – falsch! – es ist das Vorrecht des Alters, leichtsinnig zu sein. 58

Und Martin Overbeck rauchte jeden Tag seine »Renata«. Jeden Tag beschwor er durch sie einen Reigen leuchtender Erinnerungen: nur die guten ließ er ein, Unfrohes trat ihm nicht in seinen Kreis. Bald zogen sie so nahe, daß er ihren Odem spürte, bald waren sie Wolken, abendlichtbesäumt, oder die Gestalten lösten sich auch wohl in Klänge auf, in leise, ferne, gütige Musik.

Palmen hörte er rauschen im Abendwind, wie Erquickung kommt es über ihn nach mühevollem Tag, er liegt vor seiner Bambushütte; Madura, die schwermütig zärtliche Tochter des javanischen Häuptlings, reicht ihm die Kokosschale mit Fruchtwein und singt ihm ein süßklagendes Sehnsuchtslied ihres Volkes –

Über dem Ozean steht der Vollmond, groß und bewußt, denn hier liebt man ihn mehr als die Sonne. Leise plätschert die Flut an das kleine Ruderboot, in dem Faleula, die jüngste Enkelin seines samoanischen Gastfreundes, ihn hinausführt aus dem Hafen von Apia, hinein in das Lichtmeer. Nun zieht sie die Riemen ein, und sie lehrt ihn weiter die Sprache des Landes. Auf ihrer Haut – die hellste Bronze schimmert nicht so – sind Tätowierungen, die sie ihm erklärt. Das ist eine zusammenhängende, drollige Geschichte. Wie lacht sie dabei – wer kann lachen wie Faleula? Wie lacht sie ihn aus, wenn er sie nicht 59 versteht oder Verkehrtes spricht. Macht er es aber richtig, dann darf er sie küssen. Wer kann küssen wie Faleula? – – –

So kamen sie wieder zu Martin Overbeck, all die Frauen, die ihm gut gewesen waren und ihm Liebes erwiesen hatten. Und jeder Tag lehrte ihn größere Dankbarkeit gegen das Leben.

Welch ein Frühling war ihm aufs neue beschert!

Und nun ging es auf den Sommer. Die hundert Tage – gedankenlos hatte er ihren größten Teil genossen – näherten sich ihrem Ende.

Es war in der zweiten Hälfte des Juni. Martin tat, was er selten getan hatte: er rechnete. Noch zehn »Renatas«, noch zehn Tage hatte er vor sich.

Das konnte einen leicht wehmütig stimmen. Außerdem machte das Herz ihm neuerdings zu schaffen. Sollte er nicht doch eine längere Pause einlegen?

Nun bekam er einen gelinden Schreck vor sich selbst. Geht es wirklich zu Ende mit dir, daß du so versunken und bedenklich wirst?

Jetzt und gerade darum kriegte jeder Tag sein Recht!

Und das eine hatte er ja ganz vergessen: es galt immer noch, die Hundertste seiner Herzensdamen aufzufinden. Jetzt, wo er in vollem Zuge war, bot sich die beste Möglichkeit dazu. Wenn er eine Unterbrechung eintreten ließ – –! 60

Und Martin rauchte sein Teil und träumte sein Teil – und zählte und rechnete und sorgte nicht.

Eines guten Tages war es dann soweit: da nahm er die letzte »Renata« zur Hand.

Ein feierliches Gesicht gebührte diesem feierlichen Augenblick. Es gelang ihm halbwegs, dann aber lachte er sich aus. Und er genoß seine Träume in unbefangener Fröhlichkeit.

Das war nach dem Mittagessen. Nun setzte er sich in dem Lehnstuhl zurecht, ein Schläfchen zu tun. Danach wollte er seinen gewohnten Hafenspaziergang machen.

Aber er schlief lange – was ihm nie geschehen war, er verschlief die Zeit. Es war gegen Abend, als er die Augen aufmachte. Die Glieder waren ihm schwer.

Jetzt kam Mutter Knoll. Sie fand ihn noch schlaftrunken im Lehnstuhl hocken.

»Was is denn mit Ihnen, Herr Overbeck?« fragte sie sorgsam.

»Schnurrig!« sagte er. »Mir ist so leer. Und so still ist es in mir. So ein Gefühl hab' ich – wie 'ne Uhr, die abgelaufen ist.«

Es war aber nichts Dumpfes oder Trübes in den Worten, und sein Auge blickte leicht.

»Ich möchte hier sitzen bleiben,« erklärte er. »Leisten 61 Sie mir 'n bißchen Gesellschaft.« Er deutete auf einen Stuhl. Sie nahm Platz.

»Morgen hab' ich nun keine ›Renata‹ mehr,« so plauderte er. »Und jetzt bin ich unsagbar neugierig, ob das wirklich wahr ist.«

»Was denn, Herr Overbeck?«

»Ob ich heute mein Leben aufgeraucht und zu Ende geträumt habe.«

»Aber was sünd das für Sachen –!«

»Ruhig, Madaming! Ich bin's ja auch. Sagen Sie mal, können Sie rechnen?«

»Ganz gut.«

»Wenn ich für die hundert Mark Fünfpfennigzigarren hätte rauchen müssen, wieviel Tage hätte ich dann für mich gehabt?«

Sie hatte es gleich. »Zweitausend.«

»Falsch.«

»Zweitausend Tage, Herr Overbeck.«

»Falsch. Schon vor dem ersten hätt' ich mich dann aus diesem Dasein gedrückt.«

Er lachte, und sie lachte mit. Aber es war ihr doch seltsam weh und beklommen.

»Was hab' ich es gut gehabt!« so bekannte er des weiteren. »Und immer waren es die Frauen. Überhaupt die Frauen, Mutter Knoll. Man soll nur nichts 62 Unmögliches von ihnen verlangen. Immer die Frauen. Bis in die letzten Tage hinein.«

Plötzlich hielt er inne, warf den Kopf in die Höhe und blickte mit sprühenden Augen.

»Was bin ich bloß für ein dummer Kerl! Da hab' ich ja die Hundertste! Da ist sie ja! Und ich suche in den wildesten Erdteilen herum!«

Nun rückte Frau Knoll unruhig auf ihrem Stuhl. Martin aber warf sich in die Brust: »Das war ja nun mal gewiß, daß die Hundert voll sein mußten! Ohne das hätt' ich es nicht getan!«

Frau Knoll sah ihm groß ins Gesicht. Sie wurde der lieben, strahlenden Schwerenöteraugen nicht froh, sie glaubte, daß sie phantasierten.

»Was stieren Sie mich so an, Mutter Knoll? Glauben Sie, ich bin verrückt geworden? Nein, nein – es hat alles seine Richtigkeit. Sie haben doch auch Fräulein Susseroth im Tode gesehen. Sah sie traurig und unglücklich aus?«

»Nee. Gar nich.«

»Leicht und froh. Beinahe übermütig. Das Lächeln um ihren Mund –« er sann und schwieg.

Mutter Knoll aber wurde noch weniger aus ihm klug. Und das leise Angstgefühl in ihr wuchs mehr und mehr.

»Hier in dieser alten, gräßlichen, wunderschönen 63 Stadt ist mir das erste Liebe geschehen – und das letzte. Und dazwischen hat der ganze Erdkreis mir Gutes getan. In Schnee und Eis und Wüstensand – überall hat das Glück mir geblüht. Unglück auch – aber das Glück war mehr. Schön war's, Mutter Knoll. Ich war ein Herr der Erde!«

Das sprach er mit fast jungenhaftem Stolz. Dann gähnte er gewaltig.

»Was ich heut bloß müde bin!«

Er reckte sich, dann kauerte er sich zusammen und tat gleichmäßige Atemzüge.

Eine Weile schlief er, ruhig und fest. Einmal sprach er wie im Traum: »Neunundneunzig – hundert –« und schmunzelte dazu.

Dann hielt er den Atem an, als lausche er hinaus über die Erde. Und nun leuchtete sein Gesicht von einem tiefen Schein, von einem reinen Lächeln, in dem all seine Güte war, seine Dankbarkeit und sein schalkhaftes Wesen.

So schwebte er hinaus über die Erde in die Sternenbahn. Und er war so gut beschwingt, gewiß erreichte er den neuen Stern, zu dem es ihn zog.

 


 

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