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Gutenberg > Moritz August von Thümmel >

Die Inoculation der Liebe

Moritz August von Thümmel: Die Inoculation der Liebe - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Inoculation der Liebe
authorMoritz August von Thümmel
firstpub1771
year1811
publisherWeidmannische Buchhandlung
addressLeipzig
titleDie Inoculation der Liebe
pages2-6
created20050606
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Moritz August von Thümmel

Die Inoculation der Liebe

Moritz August von Thümmel: Die Inoculation der Liebe


    De l'art d'un Inoculateur
C'est l'Amour qui fut l'inventeur.
Pour l'intérêt d'un jeune coeur,
On fait la piquûre:
La cure
En est sure,
Jeunes Beautés, ne craignez rien;
C'est un mal qui fait du bien.
Favart.

An den Herrn
Kreissteuereinnehmer Weisse

in Leipzig.


                    Wie selten fällt des jungen Dichters Wahl
Auf den Gesang, den ihm sein Herz empfahl.
Singt Einer auch von Amors Abentheuern:
So stimmen hundert ihre Leyern
Auf den Trompetenton der festlichen Moral,
Und jeder schreyt mit andern Schreyern
Und mancher Harlekin wagt einen Todtensprung
In seiner ersten Angst, zu dem erhabnen Young
Und tändelt voller Ernst mit allen Ungeheuern
Der Schwermuth, spornt sich selbst zu Rasereyen an,
Schweift in die Gegenden der Freuden ein – und stürzet
Mit Murren auf den Wandersmann,
Der durch ein Lied, das ihm sein Genius ersann,
Sich sorglos seinen Weg verkürzet. –

    Wie reizend stell' ich mir die freyen sichern Zeiten
Horazens und Properzens vor,
Wo nie ein Mensch um andrer Menschlichkeiten
Das Maul verzog und nur ein Wort verlor.
Man rechnete dem Dichter seine Lieder
Nicht für Verbrechen an, und Cicero rief nicht:
»Wer einen Wieland , lieben Brüder,
»Wer einen Wieland liest, der ist ein Bösewicht!«

    Es lebe Billigkeit! Ich räche
An Andern niemals eine Schwäche ,
Die ich selbst nicht besiegen kann,
Und sehe diese Welt gern für ein Gasthaus an,
Das jedem offen steht. – Wer sprechen will der spreche.
Hier ist für jedermann ein voller Tisch gedeckt:
Ein jeder esse, was ihm schmeckt,
Und jeder zahle seine Zeche!

    Auch ich, ich höre gern die Sprache des Gefühls
Der Mädchen, die nun satt des langen Kinderspiels,
Den erst erwachten Wunsch erwärmter Herzen stammeln,

Und sehe gern, wie nach und nach
Sie von dem Leitband' an bis in das Brautgemach
Empfindungen der Freude sammeln:
Und überrasche gern die Unerfahrenheit
Mit der Natur und Lieb' im Streit. –

    Freund, den die Scherze gern zu ihrem Dichter wählen,
Der zur Erholung auch nach langem Ernste lacht;
So einen Streit lass Dir erzählen!
Ein Mann von Welt wie Du, wird nicht gleich bitter schmählen,
Wenn es die Muse so, wie unsre Damen macht:
Die ziehn, – wer weiss es nicht ? Bescheidenheit dem Schimmer
Des allzufreyen Putzes vor:
Doch deckt ihr schönster Theil sich immer
Am liebsten mit dem dünnsten Flor.


                        Da, wo der dunkle Strom des Maynes
Sich in den hellern Rhein verliert;
Wo nebst dem Gott des deutschen Weines
Der erste Fürst des Reichs regiert:
Nicht weit von Maynz – damit es jeder wisse,
Wer sich auf Politik und Flüsse
Und gute Weine nicht versteht, –
Da lebte, kürzlich noch, dem fetten Vaterlande,
Dem Adel und der Welt zur Schande,
Ein altes, geiziges, stiftmässiges Skelet:
Ich nenn es Harpagon. – In seinen jüngern Jahren
Kam ihm die Grille sich zu paaren
Aus Liebe nicht, aus Raubsucht ein. Er stahl
Zwo Tonnen Golds durch seine schlaue Wahl:
Denn seine Ehe war nichts weiter,
Als nur ein Einbruch ohne Leiter,
Bei dem er noch vor der Gefahr
Gehenkt zu werden, sicher war.
Gewinnst genug für ihn, um einer Art von Drachen
In seinem Bette Raum zu machen!

    Es segnete kein Mensch den neuen Ehestand,
Den Trauungssegen ausgenommen.
Gott, welch ein Paar! rief man durch's ganze Land,
Was werden erst für Kinder kommen! –
Diess Urtheil war sehr übereilt gefällt.

    Es kam ein Mädchen an, allein man musste sagen,
So schön, als an den Hochzeittagen
Sich keine Seele vorgestellt.
Es hatte kaum die Augen aufgeschlagen,
So starb die Mutter schon, da sie zum Glück der Welt
Das Ihrige nun beigetragen. –
Das Kind zog jedermann mit bittendem Geschrey,
Nur seinen Vater nicht herbei. –
Der arme Mann! wie kann man das begehren?
Er sass, ganz blind von vielen Zähren
Und überrechnete genau
Was zu der Reise einer Frau
In jene Welt für Kosten nöthig wären?
Man stelle sich nur vor, wie so ein Tod zerstreut!
Bald ängstigt ihn die Pflicht, sie ehrlich zu begraben,
Und bald durchschauert ihn in seiner Einsamkeit
Das mächtige Gefühl, sie überlebt zu haben.
Halb froh, halb ängstlich, wie ein Dieb,
Verglich er das was ihm zurücke blieb,
Und was er ihr zu lassen hatte.
Er stahl der todten Frau die Hälfte von dem Bette,
Schloss jede Kleinigkeit von ihrem Nachlass ein
Und liess sein Töchterchen nach fremder Hülfe schreyn.
Manch' Mädchen lief herbei und hatte zwar den Willen,
Allein sonst nichts, das Kind zu stillen:
Der Himmel mag Vergelter seyn! –
Zuletzt erschien ein Weib mit thätigerm Erbarmen,
Bat weinend sich das Kind von seinem Vater aus.
»Nehmt's hin, wenn's Euch gefällt', ich mache mir nichts draus. » –
Die Alte nahm's und trugs mit schmeichelhaften Armen
In ihr armselig Bauernhaus. –
Der Alberne, der Ungerechte
War hier zum erstenmal für seinen Vortheil blind.
Ich wüsste nicht was so geschwind
für eine süsse Müh so viele Freude brächte,
Als ein gesundes, hübsches Kind,
Zumal von weiblichem Geschlechte. –
Von Tag' zu Tag' entwickelt sich
Ein neuer Reiz in seinen sanften Zügen.
Sey Vater oder Freund, stets überrascht es Dich
Mit einem menschlichern Vergnügen!
Die Wollust kannt' Er nicht – Das gute Bauerweib
Nahm das verlassne Kind zu ihrem Zeitvertreib
Für ein geringes Kostgeld über.
Mit Seufzen zahlt Er's aus, zur Nahrung für den Leib –
Und für die Seele ? – Keinen Stüber!
Wenn man, dacht' Er, den Körper nur erhält,
Was kann die Seele noch verlangen?
Wer weiss es, sitzt die nicht zur Straf' in dieser Welt
Gleich einem Züchtlinge, wie auf dem Bau', gefangen.
Die Alte nahm so gut sich dieses Mädchens an,
Als jemahls eine Fee gethan.
Ich könnte viel davon erzählen:
Doch will ich nur ein Beispiel wählen,
Von dem man weiter schliessen kann,

    Es herrschte in dem Dorf ein alter Aberglaube,
Für jedes Kind ein Bäumchen zu erziehn.
Die Alte, der ein Baum noch viel zu wenig schien,
Pflanzt' für ihr Fräulein eine Laube
Von jungem sprossenden Jasmin.
Die Anstalt war sehr gut: denn alle Mädchen hatten
Nach fünfzehn Jahren ihren Schatten:
Die Mühe war gering, doch eine Kleinigkeit
Kömmt manchmal in der Folgezeit
Den guten Kindern wohl zu statten.


Dem droht der Überdruss vergebens,
Der manchen Ehemann gleich nach der Trau befällt,
Wer die Gefährtin seines Lebens
Aus einer Beaumont Hand erhält;
Der kluge Mann wird nichts vermissen.
Ihm bleibt zu weiterm Unterricht
Nichts übrig, als die Kunst zu küssen.
O warum konnte doch die gute Mutter nicht
So viel als eine Beaumont wissen!
Das, was sie wusste, lehrte sie:
Sie lehrt das Kind erst reden und dann singen,
Und wusst' ihm ohne viele Müh
Geschmack am Lesen beizubringen.
Sie wagt' es ohne Locks Versuch
Die Unterweisung abzuändern:
Sie lasen manches gute Buch,
Und wechselten mit Hauskalendern.
In diesen Übungen verfloss
Die lange Zeit von funfzehn Jahren.
Das Fräulein war nun hübsch und gross,
Empfindlich: aber unerfahren.

    Einst las sie Zeitungen, und fing von Frankfurt an,
Die seltne Neuigkeit zu lesen:
»Es sey Dimsdal, der grosse Mann,
»Der Blatterimpfer, da gewesen« –
Drauf, wie man denken kann, drauf fuhr
Die Zeitung fort, die Leser zu belehren,
Wie viele Mädchen schon mit Hülfe seiner Kur
Vor dem Verlust der Reize der Natur
Zu ihrem Trost gesichert wären –
Ihr Krankheitsbändiger mit tödtendem Gesicht,
Ihr habt wohl Recht auf diese Kur zu schimpfen! –
Auch unser Mütterchen, das doch sonst eben nicht
Schwergläubig war, fing an dabei das Maul zu rümpfen. –
Die Blattern? schrie sie, was? die Blattern einzuimpfen? –
Unmöglich ist das gut: doch wollt' ich, der Bericht
Wär' wahr! Ich weiss, was sie mir einst verdarben,
Auch ich war einstens schön. – Da sah mich jedermann
Mit freundlichen und güt'gen Augen an:
Doch itzt! – Wie bald ist es um uns gethan!
Bei dieser Larve voller Narben
Denkt weiter keine Seele dran. –
Das junge Fräulein hört zum erstenmal' erschrocken
Der Alten zu, und sieht zugleich in ihr,
Mit angstvoll stiller Neubegier
Ein traurig Monument der fürchterlichen Pocken,
Denn wie die Pfirsich nichts von ihrer Güte weiss,
Wenn sie auf der Natur Geheiss
Sich färbt, mit Woll' umzieht und endlich süssgefüllet
Der Lüsternheit entgegen schwillet:
So war bisher auch Fräulein Karolinen
Ihr eigner Werth noch unbewusst.
Sie tändelte noch nicht mit ihrer Schwanenbrust
Und dachte nicht daran durch schlaugewählte Mienen
Den Ruhm der Schönheit zu verdienen.
Mit sich noch unbekannt und kaum von sich gesehn,
War sie in stiller Anmuth schön.
Doch itzt, da sie mit ihren feinen Zügen
Der Alten Hässlichkeit verglich;
Itzt, da ihr Geist mit heimlichem Vergnügen
Des Körpers Lilien beschlich;
Da ihr geschärfter Blick mit lüsternem Bedachte
Die neuen Gegenden durchlief:
Fuhr manche Ahndung auf, und manche Sorg' erwachte,
Die still bisher in ihrem Schoosse schlief. –
So wäre, rief sie aus mit traurigen Geberden,
Diess Alles nur auf kurze Zeit so schön?
Diess Alles könnte noch ein Raub der Blattern werden?
Und gäb es denn kein Mittel auf der Erden
Der Schönheit Feinden zu entgehn? –
Dürft' ich nur meinen Vater fragen!
Allein ich weiss es schon, es rühren meine Klagen
Ihn niemahls: denn sein Kopf ist nur von Zahlen voll,
Und stets schmählt er auf mich – – – Es sey! – Man kann ja wohl
Für seine Schönheit etwas wagen? –
Der väterliche Trost war der Erwartung werth.
So heuchlerisch, so schriftgelehrt,
Als ob er ihn in * * * studieret: –
»Das ist ein Thor, wer seine Schmerzen häuft,
»Ein Sünder, welcher Gott in seine Rechte greift;
»Ein Bösewicht, – wer sich inoculieret.« –
Damit entliess er sie. – Die junge Schöne schlich
Zu ihrer Fee, und fing so weinerlich,
So rührend an ihr Herz dem Mitleid zu entfalten,
Dass jeder Laut der guten Alten
Bis in die Seele drang; und gleich entschloss sie sich,
Die Zeitung in der Hand, im Dorfe öffentlich
Mit ihren Nachbarn Rath zu halten.
Sie lief von Haus zu Haus und fing zu fragen an,
Vom Schulzen bis zum Leyermann:
Doch keiner war der sie belehrte.
Der Küster selbst, so klug er war, erklärte,
Dass eine Kur, wie die, noch nie erfunden sey. –
Indem sie nun betrübt nach ihrer Hütte kehrte,
Ritt ein geputzter Herr vorbei:
Auch diesen fiel sie an. Er hörte
Mit Lächeln zu, und sprach: Lasst mich das Mädchen sehn!
Es ist nichts leichter zu verstehn. –
Ein jeder junger Herr, gesagt zu unsern Ehren,
Wenn ihn nicht die Natur bloss für die Oper schuf,
Fühlt stets in sich den gütigen Beruf,
Einfält'ge Mädchen zu belehren.
Der Ritter war von dieser Art,
Empfehlend, freundlich und erfahren
In mancher Kunst, wie Abelard,
Als seine Künste und sein Bart
Noch ungekränkt im Wachsthum waren.
Ihn lehrten nur Ovid und Gleim
Die schwere Wissenschaft, diess Leben zu empfinden,
Und doch, – wer glaubt es wohl? gelockt durch reiche Pfründen
Wagt' er es einst zu Mergentheim
Das Kreuz der Keuschheit umzubinden,
Schwur Hass und Tod (das ging zur Noth noch an )
Den Türken und den Sarazenen;
Und schwur – Was haben denn Unschuldige gethan? –
Auch Etwas ähnliches den Schönen.
Nun sagt man zwar, die strengsten deutschen Herrn
Veränderten die Pflicht des Türkenkriegs ganz gern
In einen Ritterzug nach kleinen Liebeshändeln,
Und liessen oft die Mädchen ungescheut
In scherzender Vertraulichkeit
Mit ihren Ordenszeichen tändeln.
Ich sage nur, was halb Europa spricht,
Vielleicht ist's wahr, vielleicht auch nicht:
Ich achte nicht auf jede Stimme,
Und wär' es wahr – Nun wohl! Der grosse Sancho sprach:
Man sey nur Ritter erst, das Übrige folgt nach;
Ein guter Umweg, keine Krümme.


Nicht jeder trifft, Bekanntschaften zu machen,
Die Zeit so gut, wie sie der Ritter traf.
Die Schöne lag in einem luft'gen Schlaf,
Ein Viertelstündchen vorm Erwachen.
So mancher Reiz, von dem der schwüle Tag
Die feinen Decken weggeschoben,
Ward durch das halbe Licht der Laube mehr erhoben,
In deren Schattenkreis sie lag. –
Ein solches Kleinod zu entdecken,
War sich der Ritter nicht versehn.
Er sah und blieb mit freudigem Erschrecken
Beim ersten Augenblick, wie eine Säule, stehn:
Beim zweiten wollt' er näher gehn,
Beim dritten – – – aber ach! die Unschuld schläft zu schön;
Es wär' ja Schade, sie zu wecken! –
Nun konnt' er eine lange Zeit
In unentschlossner Trunkenheit,
Bei diesem Gegenstand nicht seinen Blicken wehren:
Doch, als er reiflicher erwog,
Was ihm der Schlaf verrieth und was er ihm entzog,
Wagt er es endlich, ihn zu stören. –
Denn sehn wir wohl die grösste Schönheit ganz,
Man seh' auch was man will, so lange wir den Glanz
Von ihren Augen noch entbehren?
Er kniete vor ihr hin, küsst' ihre nächste Hand – – –
Kein Wunder dass der Schlaf verschwand!
Es war der erste Kuss, den sie in ihrem Leben,
(Beglückt war der, der ihn gegeben!)
Im Wachen und im Traum empfand.
Erröthend sprang sie auf und drehte
Den starren Blick auf den, der ihr die Hand gedrückt.
So steht im Schein' der Abendröthe
Der Venus Marmorbild, das einen Garten schmückt.
Man spotte nicht! Der jungen Schönen
War der Besuch von einer Mannsperson
Noch unerhört: doch wird sie schon
Sich mit der Zeit daran gewöhnen. –
Die gute Fee, der wohl an Scenen
Von dieser Art nicht viel gelegen war,
Ermunterte zuletzt das allzustille Paar,
Sich ihrer Sprache nicht zu schämen. –
Hier dieser Herr, schrie sie, das dächten Sie wohl nicht,
Versteht die Wunderkur, von der die Zeitung spricht,
Und würde sich wohl gar bequemen,
Die Kur mit Ihnen vorzunehmen,
Wenn Sie es wünschten. – – – Auf einmal
Fasst auf das Wort der Fee, die schöne Karoline
Vertrauen zu dem Herrn, den seine gute Miene
Schon ohnedem bei ihr empfahl: – – –
Herr Doctor – oder wie Ihr Titel
Sonst heissen mag, besitzen Sie das Mittel,
Von dem die Zeitung Wunder spricht:
So bitt' ich, retten Sie mein jugendlich Gesicht.
Es ist das einzige, was mir das Glück gegeben,
Was mich noch zu erfreun vermag,
Ging es verloren: keinen Tag
Würd' ich diess Unglück überleben.
Ich weiss zwar nicht, ob ich die Müh,
So sehr mein Herz es wünscht, verdiene? –
Nun, lieber Herr, – mit unschuldsvoller Miene
Sah sie ihn an, – was meynen Sie? –

    Wie pochte nicht das Herz dem jungen Herrn! So nahe
Hatt' ihm noch nie die Lieb' ein Netz gelegt.
Er fühlt', je mehr er auf sie sahe,
Je mehr sie sprach, sein Innerstes bewegt.
Was soll er thun? Das schmeichelnde Vergnügen,
Diess liebe Kind noch oft zu sehn,
Verwehrt ihm itzt die Wahrheit zu gestehn,
Die Ehrlichkeit verbot es, zu betrügen.
Zuletzt entschloss er sich, durch eine halbe Lügen
Den sichern Mittelweg zu gehn. –
Ich bin ein deutscher Herr, der in der Nachbarschaft
Auf seinen Güthern lebt; doch misch' ich mich zuweilen
Gern in die Medicin, und kann so meisterhaft,
Als Dimsdal nimmermehr, ein hübsches Mädchen heilen.
In meinem Umgang schon steckt die verborgne Kraft,
Die Krankheit andern mitzutheilen.
Es ist ja überhaupt der Blattern Eigenschaft!
Eins steckt das Andre an – – – doch gnug, itzt muss ich eilen:
Sie werden das schon mit der Zeit verstehn.
Sie leben wohl, auf baldig Wiedersehn! –
Hiermit entriss er sich des Fräuleins Schmeicheleyen,
Schwung sich aufs Pferd und zog den Hut – – –
Da hielt es noch die alte Fee für gut
Ihm diese Warnung vorzuschreyen:
Der Himmel segne Sie für Ihre Gütigkeit,
Mein junger Herr, auf viele Jahre!
Nur sorgen Sie, dass vor der Zeit
Des Fräuleins Vater nichts von Ihrer Kur erfahre;
Das ist ein Mann, der für die schönste Haut
Nicht einen Groschen giebt, und (dass Sie Gott bewahre!)
Dem bösen Feinde mehr, als einem Arzte traut.


Dem Leser, welcher das Project
Des Ritters nicht etwan von selber schon entdeckt,
Will ich davon, so viel ich weiss, erzählen. –

    Er hatte nicht umsonst so manche hübsche Nacht
Des Körpers Wunderbau, das Labyrinth der Seelen,
Als Ritter durchgeirrt, als Weiser durchgedacht,
Und alle Wendungen, die die Verliebten wählen,
Nach Regeln der Natur in einen Plan gebracht.
Er ward seitdem der Liebe nur getreuer,
Und wiess, je mehr er itzt mit kritischem Verstand
Beleuchtete, was er empfand,
Nur desto weniger die kleinen Abentheuer
Mit hübschen Kindern von der Hand. –
Unwissenheit berauscht, Erfahrung machet nüchtern.
Wenn itzt die Lieb' ihm winkt, flammt seine Einbildung
Nicht mehr so hoch als sonst, und seine Forderung
Ist nicht zu dreust und nicht zu schüchtern.
Sein erster Rausch war zwar schon längst vorbei, doch blieb
Ihm stets davon noch die Erinnrung lieb.
Er sah an Andern gern die Lust, die er empfunden,
Sah gern die Liebenden in ihrem ersten Glück
Und rufte, wie ein Kind in seinen Morgenstunden,
Den halbvergessnen Traum zurück.
Noch lieber liess er sich mit den vertrauten Scherzen
Zum Unterricht so unerfahrner Herzen,
Wie Amor ihm in Karolinen gab,
Mit lehrbegier'ger Lust herab.
Es ist, ihr Mädchen hört's! die feine Kunst zu lieben,
Wie das Basset, ein sehr betrüglich Spiel,
Es giebt der Männer gar zu viel,
Die sich in losen Künsten üben.
Wenn Euer Herz, misstrauisch beim Gefühl
Der Liebe stutzt: gleich unterschieben
Sie Euch ein falsches Wort, das, wie der Unschuld dünkt,
Schon mehr erlaubt und besser klingt.
Ein Kuss auf Eure Hand ist nur ein Ehrfurchtszeichen,
Das, wenn es sich auf Euren weichen
Korallenfarbnen Mund verirrt,
Nicht Liebe, nein, nur Freundschaft wird.
Euch lockt ein süsser Trieb zu schattenreichen Büschen –
Was wollt ihr da? – Ihr wisst es selber nicht:
Doch Euer Freund erklärt's. Ihr sucht Euch zu erfrischen,
Weil Euch – weil Euch die Sonne sticht.
Aus Müdigkeit setzt er sich bei dem Bache nieder,
Ihr folgt dem Wink aus gleicher Müdigkeit:
Des Bachs Geräusch ist Schuld an der Zufriedenheit,
Die aus Euch scherzt – und Weissens Jugendlieder
Vertreiben Euch die kurze Zeit,
Und wenn Ihr Euch aus Zärtlichkeit nun Beide
So weit vergesst, wie ich mich oft vergass –
Was grübelt Ihr? – Fragt ihn! Es war nur Übermass
Der Liebe nicht, nein nur der Freude.

    Nach diesem glücklichen System
Hielt unser junger Herr auch diessmal für bequem,
Das unerfahrne Herz des Fräuleins zu behandeln,
Und eine Kur, von der er nichts verstand,
Durch Sympathie in eine zu verwandeln,
Für die er mehr Beruf empfand. –
Mit dem Entschluss ging er zu Bett' und träumte,
Wie jeder junge Arzt von seiner ersten Kur.
Doch dass er nicht etwan sein krankes Kind versäumte,
Was manchmal selbst Boerhaven widerfuhr,
Zog er zuvor an seiner Uhr
Den Wecker auf. Die Mühe war vergebens,
So klein sie war. Das Herz, der Wecker unsers Lebens,
Ermuntert uns weit sicherer zur Zeit,
Von einer solchen Wichtigkeit.
Kaum war er wach, kaum war der Tag erschienen,
Der doch im May nicht langsam ist:
So eilt er schon zu Karolinen.
Er fand das muntre Kind im Grünen.
Mit einem Blick ward er von ihr gegrüsst,
Der leichter anzusehn, als zu beschreiben ist.
Unnöthig suchte sie, dass eine sanfte Sprache
Verständlicher ihn nach und nach beredter mache.
Ein Blick, wie dieser war, ist leichter zu verstehn,
Als manche wohlgesetzte Chrie.
Ich, fing sie stotternd an, komm', wie Sie mich hier sehn,
Erst aus dem Bett'. Und Sie – Sie geben sich die Mühe
Um mich, – ich schäme mich, – so früh schon auszugehn? –
»Ein Liebesdienst kann, rief er, nie zu frühe
»Auch selbst um Mitternacht geschehn.«
Du armes Kind! So listig hintergangen,
Seitdem es Mädchen giebt, ward keine noch als Du;
Du eilest, wie Du glaubst, mit löblichem Verlangen
Um die Erhaltung Deiner Wangen
Dem Arzt – Betrogene, Du eilst der Liebe zu!
Noch unbekannt mit ihren Streitigkeiten
Ergiebst Du Dich ihr gern, nach einer Krankenpflicht.
Wie könntest Du mit Amorn streiten,
Du gutes Kind, Du kennst ihn nicht! –

    Der Arzt fing an zuerst, wie sichs gebührt, zu fragen:
»Wie geht der Puls?« – »So, so; – da fühlen Sie, mein Herr« –
»Er geht sehr frisch – allein in wenig Tagen,
Fuhr er prophetisch fort, wird er weit heftiger
In den geschwollnen Adern schlagen.
Und itzt, sprach er, halt' ich für gut,
Und sprachs in jenem Ton, der den verlornen Muth
Bei Kranken wiederbringt, mit freundschaftlichen Küssen
Das jungfräuliche Winterblut
Vor allen Dingen zu versüssen.
Für eine feurige Natur
Ist diess die beste Frühlingskur,
Wie wir aus der Erfahrung wissen.« –
»Ich folge gern, rief das geliebte Kind,
»Und fühle wirklich schon die Süssigkeit gelind
»Mit jedem Kuss durch meine Adern fliessen.« –
Sie wiederholten oft der Liebe Kinderspiel,
Das beiden Theilen wohlgefiel:
Die Alte nur fing an den Kopf dabei zu schütteln.
»Eh ich noch völlig mündig war,«
Murrt' sie vor sich, »genoss ich zwar
»Auch dann und wann von diesen süssen Mitteln:
»Allein, wenn ich mich recht besinnen kann,
»War etwas anders Schuld daran.
»Doch, wie man manchmal liest, hat alles sich verwandelt.
»Ein jedes Jahr hat eine neue Kur,
»Und sonsten brauchten Mörder nur
Den Schirlingssaft, den itzt der Arzt verhandelt.«


Das junge Paar fuhr fort in bester Eintracht froh
Zu küssen, Er – und Sie – dafür zu danken:
Und wie der erste Tag entfloh,
Verging der andre auch – Doch fingen schon der Kranken
Am dritten an die Knie zu wanken.
Der Puls schlug heftiger, so bald der Ritter kam,
Und stockte, wenn er Abschied nahm.
Dann jagten Wünsche sich mit schreckenden Gedanken.
Die Langeweile zwar beschleunigte die Nacht:
Doch seufzend ward sie hingebracht:
Matt stand sie auf. – Mit schmachtenden Geberden
Erzählte sie der Alten ihre Noth
Und sprach am vierten Tag', um widerlegt zu werden,
Mit süssem Lächeln von dem Tod.
Die Alte liess an sie, weil doch einmal die Mütter
Viel weiter als die Töchter sehn,
Erfahrungsvoll viel Tröstliches ergehn. –
»Mein Kind, sprach sie, der Tod ist bitter.
»Sie werden, – lassen Sie den Ritter
»Das Seinige nur thun – es besser überstehn,
»Als sich itzt denken lässt.« – – – Zum Glücke
Trat auch, indem sie sprach, der junge Arzt herein
Und mit ihm Trost und Ruh. Sein Kuss und seine Blicke
Verbreiteten, (so wie geschwinder Sonnenschein
Ein Schimmern übers Meer,) auf Karolinens Wangen
Ein Lächeln, wie man nur in einer Brautnacht sieht,
Das von dem Herzen ausgegangen,
Sich auf das Herz zurücke zieht,
Und unserm jungen Herrn ein feuriger Verlangen
Nach ihm, als nach dein Tod' verrieth.
Der Ritter zitterte, und wär' dem keuschen Orden
Beinah schon ungetreu geworden. –
Wenn ich Deutschmeister wär', hätt' ich's ihm wohl verdacht?
Die Liebe hat schon mehr Meineidige gemacht,
Die dennoch zu Kapitel gehen:
Denn, würde jeder abgesetzt,
Der diese strenge Pflicht verletzt,
So würden weit und breit die Lehen
Des deutschen Reiches offen stehen.
Ach wider eines Mädchens Reiz
Hilft weder Fürstenhut noch Kreuz! –
Und dennoch hielt der junge Herr noch lange
Sein Herz, so sehr es auch nach der Vollendung schlug,
In jenem ungeduld'gen Zwange,
Den nie vor ihm ein deutscher Herr ertrug.
Zwar überliess er noch den unzufriednen Sinnen
So manche schon erlangte kleine Lust
Auf Karolinens Mund und Brust,
Wenn's möglich wär', noch einmal zu gewinnen,
Und schob nur Etwas auf, das, wenn man zärtlich liebt,
Man ungern einen Tag verschiebt.
So überliess Columb ermüdeten Begleitern
Von seiner Tapferkeit das schon entdeckte Land:
Voll Ahndungen, mit sieggewohnter Hand
Sein seltnes Glück noch zu erweitern,
Schifft er in Ruhe fort, und überschifft den Strand,
Wo Helden ohne Vorsicht scheitern. –

    Der Schönen ward, nach Sonnenuntergang,
Wo sie ihr Freund verliess, die Zeit gewaltig lang.
Sie sank verlassen und entkräftet
Auf einen alten Lehnstuhl hin,
Und hatte voller Eigensinn
Die Augen auf die Wand geheftet;
»Ach!« seufzte sie mit krankem Ton,
»Ich werde mich bald legen müssen!
»So ausgebreitet fühl' ich schon
»Die Wirkungen von seinen Küssen
»Durch alle meine Adern fliessen:
»Drum, gute Mutter, haltet nur
»Ein frischgemachtes Bette fertig,
»Ich bin den Ausbruch meiner Kur
»Fast jeden Augenblick gewärtig.« –
Drauf legt' sie sich, wie manchmal eine Braut
Vor ihrem Hochzeittage, nieder,
Und seufzte leis: »mit heiler Haut
»Geschieht es doch gewiss nicht wieder!« –
Die Alte wachte wundersam,
Um ja durch nichts der Kranken Schlaf zu stören,
Und wedelte den Arm sich lahm
Von ihr die Fliegen abzuwehren.
Wer sieht nicht gern den Schlaf von einer solchen Kranken,
Als Fräulein Karoline war?
Da werden oft die heimlichsten Gedanken
In jeder Wendung offenbar.
Wie viel verrieth auch hier die angenehme Röthe,
Die immer mehr sich im Gesicht
Der schönen Träumerin erhöhte,
Wie viel verrieth der Trieb, der ihren Busen blähte,
Den Augen des Bemerkers nicht!
Wenn's eine Wette gält', den Traum wollt' ich erzählen,
Es sollte mir kein Umstand fehlen. –
Das alte Weib, trotz seiner Schläfrigkeit,
Blieb treulich wach, bis zu der Morgenzeit,
Wo Karoline sich dem Schlummer
Mit einem Seufzerchen entwand,
Und immer noch ihr Herz voll Kummer
Und nach Besichtigung des Busens und der Hand
Kein Merkmal noch von Blattern fand.

    Ein Umstand macht mich itzt verlegen,
So wenig ich's sonst bin; es regen
Zween Wünsche sich, die auf einmal
Sich selten anzutreffen pflegen;
Bleib' oder bleib' ich nicht? Ich habe bei der Wahl
Mehr als man denket zu erwägen.
Wie ungern möcht' ich itzt von meinem Posten gehn!
Das Fräulein sucht, um aufzustehn,
Ihr Mieder und ihr Unterröckchen –
Ich läugne nicht, das möcht' ich sehn!
Als Knabe schon trug ich mein Döckchen
Im Hemd herum und fand es schön:
Die kind'sche Lust hat sich erhalten.
Allein beim Blitz! Erst steht mir bei der Alten
Ein böser Augenblick bevor:
Die dehnt sich aus und gähnt empor,
Und löst – das ist nicht auszuhalten –
Die Schleifen auf – Gut gut! ich wünsche wohl zu ruhn;
Ich hab' auch anderwärts zu thun.


Der Ritter hatte kaum gemerkt,
Wie redlich ihn der Schlaf gestärkt,
So stand er auf, von allen Sorgen
Des Alters und der Milzsucht frey,
Und segnete den heitern Morgen
Und seine Jugend und den May.
Der Plan, den ihm die Lieb' entwarf,
Das unschuldsvollste Herz zu rühren,
War halb erreicht; und es bedarf
Nur einer Kleinigkeit, ihn vollends auszuführen.
Voll Muth klopft sein entschlossnes Herz
Und an der Hand der Zärtlichkeit geleitet,
Eilt er dahin, wo ihm der Scherz
Ein sanftes Lager zubereitet;
Und weil er weiss, dass sich der Liebe Reiz
Mit falschem Putze nicht verträget:
So hatt' er, eh' er ging, sein glänzend Ritterkreuz
Mit klugem Lächeln abgeleget. –
Die Kranke hatte kaum den jungen Arzt erblickt,
So lag sie schon in seinen Armen
Und ward mit tröstendem Erbarmen
An sein verliebtes Herz gedrückt. –
Die Glücklichen! Sie fühlten nur und schwiegen,
Und wechselseitiges Vergnügen,
Das rührend still so wie der Morgen war,
Schien diess berauschte frohe Paar
In die Vergessenheit zu wiegen;
Und wollustvolle Thränen stiegen
Den Küssenden ins Aug' – – – allein
Wird wohl der armen kranken Schönen
Mit alle dem geholfen seyn?
Ich will nichts Böses prophezeyhn:
Allein ich zweifle fast, denn ihre Blicke sehnen
Sich, wenn ich's recht versteh, nach stärkern Arzeneyn.
Ihr Busen zieht des jungen Mannes Thränen,
Ihr heisser Mund zieht seine Küsse ein,
Und jeder Athemzug vergiftet,
Wie leicht zu denken ist, ihr wallend Blut noch mehr.
Der Puls bleibt aus, der Athem wird ihr schwer.
Nun wankt – nun sinkt sie gar – und er? –
Indem er ihr die Schnürbrust lüftet,
Ruft Hülfe – doch, auf das Gehör
Der Alten, welche schlief, war sich nicht zu verlassen.
Er rufte noch einmal – allein er hätte eh'r
Den Vater aus dem Wald, die Kinder von den Gassen
Herbeigeruft: denn Schlaf und Alter hören schwer,
Und von den Bäumen in dem Garten
War nichts, als Schatten zu erwarten.
Auch der ist gut zu seiner Zeit.
Er trug, – (die Laube war zu gutem Glück nicht weit,)
Sein krankes Kind dahin und legt die matten Glieder
Sanft ausgestreckt im weichen Rasen nieder,
Und lobte die Gelegenheit.
Kaum lag die Schöne da, so gingen
Ihr schon die Augen auf, die blassen Wangen fingen,
Mit neuem Feuer an zu glühn – – –
Was half denn so geschwind? Kann etwan der Jasmin
Ein Mädchen wieder zu sich bringen?
Wie? oder hat ein Arzt, der seine Kunst versteht,
In seinen Händen schon diess glückliche Vermögen?
Das weiss ich Alles nicht, das mag die Facultät
Der Ärzte weiter überlegen. –
Kurz der Genesung schnell Gefühl
Bewiess ihr deutlich gnung, sie habe nun das Ziel
Der Kur erreicht. – Im schnellen Übergange
Vom Dunkeln in das Licht, und eben dieses war
Der jungen Dame Fall, ist uns vor der Gefahr
Aus Freuden blind zu werden, bange:
Man klaget lächelnd über Licht,
Hält seine Hände vors Gesicht
Und traut sich halb und traut sich wieder nicht,
Die scheuen Augen aufzuschlagen:
Doch was man nicht sogleich vermag,
Kommt schon –– Wir blinzeln erst bis wir den vollen Tag
So gut als Andere vertragen. –
So sass auch Sie in Furcht und Hoffnung da,
Und wusste nicht wie ihr geschah,
Und ob die Kur geendet wäre?
Mit Stammeln fragt sie ihn: doch er erklärt sich nicht
Und führet sie zu mehrerm Unterricht
Noch einmal in die Kinderlehre. –
Und nun floh der Betrug und unsre Schöne nahm,
Je weiter sie in der Erkenntniss kam,
Nach der Gewohnheit aller Schönen,
Die letzte Zuflucht zu den Thränen.
Bei ihrem süssen nie gefühlten Gram
Schwur sie, mit ihm, der sie in seine Arme nahm,
Mit diesem falschen Mann sich niemals zu versöhnen. –
So martert sich aus Stolz, aus Sehnsucht und aus Schaam,
Ein säugend Kind, das wir entwöhnen.
O möchte stets die Schaam der Mädchen Wang' erhöhn!
Diess Himmelszeichen macht ein jedes Mädchen schön.
Selbst Psyche ward dadurch dem jungen Amor lieber,
Die Röthe, die wir oft an mancher Schönen sehn,
Wenn wir zu viel uns unterstehn,
Ist nicht von dieser Art; gleich einem Scharlachfieber
Greift sie die Haut nur an, und – wenn wir weiter gehn,
Tritt sie wohl gar ans Herz und geht in Ohnmacht über. –
Die Farbe, welche hier des Fräuleins Wang' umzog,
War ächte Farb', und sie verflog
Nach tausend Küssen erst, und Beide
Genossen nun die seltne Freude,
Die Freude der Beruhigung.
Nur manchmal noch entstand auf Karolinens Wangen
Ein wiederkommendes Verlangen
Aus dankbarer Erinnerung. –
Doch wer beschreibt die Freude, die wir fühlen,
Wenn die entbrannten Triebe nun
Sich in gelinder Wärme kühlen,
Und unsre Sinne von den Spielen
Der ersten Lieb' ermattet, ruhn! –
O möcht' ich bald zu Deinen Füssen,
Gespielin meiner Jugendzeit,
Nach wohlerlangter Müdigkeit
Diess Glück der Wanderer geniessen! –
Lass nicht, itzt da der Weg mit Blumen überstreut
Uns manchen Platz zur Ruhe beut,
Unthätig unsre Zeit verfliessen!
Was soll uns denn den Weg versüssen,
Wenn erst der Winter kömmt und Berg und Thal verschneyt,
Und alle Schritte uns verdriessen?

Die Zeit verstreicht für Liebende geschwind:
Und unser junges Paar verlauschte
Den Mittag schon, als etwas mehr als Wind
Um die verschwiegne Laube rauschte.
Es war die gute Fee – Sie hatte nun die Nacht,
Wo sie die Schlafende bewacht,
So ziemlich wieder eingebracht.
Kaum konnte sie die Glieder regen,
So lief sie nach der Laube hin:
Doch, wenn ich recht berichtet bin,
Kam sie diessmal ein wenig ungelegen.
Als eine seichte Kennerin
Von Schilderey'n der Art besah sie Karolinen
Vom Fuss' an bis zum Kopf, und doch verstand sie nicht,
Was ihr diess glühende Gesicht
Und diese so zufriednen Mienen
Ganz deutlich vorzumalen schienen.
Sie macht die Brille fest, und guckt und fragt dabei,
Ob ihr ein wenig besser sey? –
»Ja, rief das Fräulein, ja; die Krankheit ist vorüber.
»Ich fühle mich so hergestellt,
»Wie jedes Mädchen wünscht. Mir ist nunmehr die Welt,
»Mein Reiz, und selbst mein Leben lieber.« –
Sie reicht' dem Arzt die Hand, indem sie dieses sprach,
Und tausend Küsse folgten nach. –
Die Alte sah den Herrn mit jener Ehrfurcht an,
Die wir für Äsculape tragen,
Und wollte schon für ihren hohlen Zahn
Bei der Gelegenheit nach einem Mittel fragen.
Allein, er liess sie nicht zum Wort,
Stand auf und ging entschlossen fort,
Und sprach: »Noch kennen Sie nicht alle die Gefahren,
»Die mit der Kur verknüpfet sind:
»Drum geh' und sorg' ich itzt, mein Kind,
»Sie für den Rückfall zu bewahren,
»Der täglich fast bei Ihren Jahren
»Zu fürchten ist.« – Wohin mag er wohl gehn?
Vielleicht weiss er ein Kraut im nächsten Walde stehn,
Das dazu dient – – – Doch nein! – Mit übereiltem Schritte
Ging er nach ihres Vaters Hütte.
Nun die Gesichter möcht' ich sehn!
Doch ich errathe seine Bitte.
Ein andrer hätte sie so hurtig' nicht gethan: –
Er hielt um Karolinen an.
So bald der junge Herr sich deutlicher erklärte,
Dass, ausser Karolinens Hand,
Die ihm auf diesen Fall der Alte zugestand,
Er keine Ausstattung und kein Geschenk begehrte,
Kein Hemd' und neues Kleid: mit einem Worte: nichts
Als nur die Mitgift des Gesichts
Und das, was ihr noch sonst als Mädchen angehörte; –
So sprach er: »Ja,« und gab ihm zum Verkauf
Sein Ehrenwort und seine Hand darauf
Und schickte gleich nach Karolinen. –
Die kam geschwind mit ihrer Alten her,
Sah auf den jungen Herrn mit halb verschämten Mienen
Und sagte hurtig »Ja!« und kurz nach ihr erschienen
Zween Zeugen und ein Geistlicher – – –
Das sieht ja eilig aus! – Ich glaube,
Der Alte weiss wohl gar, was in der grünen Laube
An seinem Töchterchen für eine Kur geschehn?
O nein! Sein Geiz argwöhnte nur, es möchte
Der Kauf wohl noch zurücke gehn,
So bald der Ritter ihn als Ökonom bedächte. –
Er that es nicht und bot schon seine Rechte
Der schönen Braut mit Freuden dar.
Da ward zum Glück für sein freyherrliches Geschlechte,
Die alte Fee noch ein Versehn gewahr:
Die Schöne stand in der Gefahr,
In der wohl öfters Jungfern stehen,
Sich ohne Kranz getraut zu sehen,
Und liess ihr dunkelbraunes Haar,
Verstört, wie es seit Morgens war,
Uneingedenk in alle Winde wehen.
Die Zeit verläuft indess! der Abend bricht herein.
Wie ist der Sache wohl in solcher Eil zu rathen? –
Nach manchem Vorschlag, den sie thaten,
Fiel endlich noch der Braut das beste Mittel ein. –
»Auf was, rief sie, will man noch warten?
»Geh, Marte! lauf! Wie vieles findet sich
»Zu einem Kranz' in Deinem Garten!
»Lauf nur zur Laube hin und brich
»Drey Stängel ab! Sie! die ich oft in Tagen
»Der schwülen Sommerszeit zu meinem Trost beschlich,
»Sie wird mir nicht den letzten Dienst versagen.
»Nur ihre Blätter will ich tragen,
»Denn man erzog Sie ja für mich!« –
Man weiss, ein Kranz ist bald gewunden,
Bald festgesteckt, und manchmal bald zerstört. –
Nun ward dem Geistlichen mit Andacht zugehört;
Und nach Verlauf von wenigen Sekunden
Die Braut, – der Ehre war sie werth:
Zu einer jungen Frau erklärt. –
So ging der Trauungstag zu Ende.
Ein wenig zwar beraubt folgt ihm die erste Nacht:
Doch unser Fräulein ward durch schon bekannte Hände
In alle Sicherheit gebracht.
Denn man liegt doch im Bette, wie ich glaube,
Weit sich'rer, als in einer Laube,
Die noch so schönen Schatten giebt.
Hier sieht's kein Mensch, wenn sich die Haube
Auch dann und wann im Schlaf verschiebt: –
Und wenn es ja des Morgens merklich wäre:
So eine Kleinigkeit ficht eine Frau nicht an –
Sie setzt sie wieder recht und schwört bei ihrer Ehre,
Der Mann hab' es im Schlafe bloss gethan – – –
Doch wo gerath ich hin? – Das kommt von vielem Plaudern. –
Wer hiess mich auch so lange zaudern? –
Die Leutchen haben schon einander eingewiegt.
Wie süss ist nicht Sein Schlaf! Auch unsre Karoline
Liegt neben ihm in der zufriednen Miene,
In der wohl jede Frau beruhigt und vergnügt
Nach einer schweren Krankheit liegt.







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