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Die Innerste

Wilhelm Raabe: Die Innerste - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleDie Innerste
publisherFreiburg und Braunschweig, Klemm
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 9
year1955
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130802
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Achtes Kapitel

Auf einer Trommel saß der Held
Und dachte seine Schlacht,
Den Himmel über sich zum Zelt,
Und um sich her die Nacht;

nämlich die Nacht vom vierzehnten auf den fünfzehnten August 1760. Als es dämmerig wurde, stand das Heer in voller Schlachtordnung auf den Liegnitzer Hügeln; die Österreicher rückten an gegen den linken Flügel der Preußen, und zwei Stunden später war wieder einmal alles anders gekommen, als ein bedeutender Teil Europas erwartet hatte. Der König Fritz von Preußen hatte die Welt wieder einmal in ein nicht ungerechtfertigtes Erstaunen versetzt und die Schlacht bei Liegnitz gewonnen.

Der Hauptmann von Archenholtz, der als blutjunger Junker mit dabei war, sagt, daß der Morgen sehr schön war und daß die Sonne den blutigen Walplatz, die Leichen und Sterbenden hell beschien. Sehr hübsch schildert er auch, was nach der Affäre vorging:

»Um fünf Uhr des Morgens, da die feine Welt in allen europäischen Ländern noch im tiefen Schlafe begraben lag und die arbeitenden Volksklassen sich erst von ihrem Nachtlager erhoben, waren hier bereits große Taten geschehen und vollendet. Man hatte einen wichtigen Sieg erfochten, der die Vereinigung der Russen und Österreicher hinderte und alle ihre auf die schlesischen Festungen gemachten Entwürfe vereitelte. Friedrich ließ auf der Stelle von der ganzen Armee ein Freudenfeuer machen, und sodann setzte er sich sogleich in Marsch; ein Marsch, der durchaus einzig in seiner Art und erstaunenswürdig war, der Aufzeichnung so sehr wert, wie irgendeine große Begebenheit des gegenwärtigen Kriegs; denn diese von der Blutarbeit abgemattete und von zahlreichen Heeren umringte Armee mußte ohne Rast und ohne allen Zeitverlust fortrücken und dabei alles eroberte Geschütz, alle Gefangenen und auch alte Verwundeten mitnehmen. Man packte die letzteren auf Mehl- und Brotwagen; auch andere Wagen und Chaisen nahm man dazu, sie mochten gehören, wem sie wollten; selbst der König gab die seinigen her. Auch die Handpferde des Monarchen und der vornehmen Befehlshaber wurden hergegeben, um die Verwundeten, die noch reiten konnten, fortzubringen. Die ledigen Mehlwagen schlug man in Stücke und spannte die Pferde vor die erbeuteten Kanonen. Von den feindlichen Gewehren mußte ein jeder Reiter und Packknecht eins mitnehmen. Nichts wurde zurückgelassen oder vergessen, erheblich oder unerheblich – es war Beute. Auch nicht ein einziger Verwundeter blieb zurück, weder von den Preußen, noch von den Österreichern, so daß um neun Uhr, vier Stunden nach geendigter Schlacht, dies so unvorbereitet neu belastete Heer mit dem ganzen ungeheuren Troß schon im vollen Marsche war.«

Wir haben die Schilderung ganz abgeschrieben, denn es wird einem so reinlich, leicht und gewissermaßen freundlich dabei zumute, daß es eine wahre Lust ist. Und der Morgen war in der Tat sehr schön, und nicht bloß in Schlesien. Um diese neunte sonnige Morgenstunde, während der Alte Fritz mit seinem siegesfrohen Heere sich auf dem Marsche nach Parchwitz befand, sang in der Sarstedter Mühle eine helle Stimme, die aber mehr der arbeitenden als der feinen Welt Europas angehörte, fröhlich in den jungen Tag hinein.

Die junge Müllerin sang, und die Räder der Mühle drehten sich lustig, die Innerste rauschte und glitzerte, und in dem kleinen Hausgarten grünte und blühte und duftete es. Die Vögel, die Blumen und die Bienen wußten so wenig wie die junge Müllerin, daß soeben der König von Preußen die Schlacht bei Pfaffendorf gewonnen hatte, und wenn jemand es ihnen gesagt hätte, würde es ihnen wahrscheinlich auch ziemlich einerlei gewesen sein. Die Vögel sangen, die Bienen summten, die Schmetterlinge flatterten um die Gartenblumen des achtzehnten Jahrhunderts, und die junge Müllerin sprang hell und glänzend in den Garten, um Petersilie zu pflücken, – was ging sie alle die Bataille bei Liegnitz an?

Es war jammerschade, daß der Sänger des Frühlings gerade vor einem Jahr bei Kunersdorf gefallen war; er hätte die Müllerin sehen und den Sommer besingen sollen! Es paßte alles zusammen: die junge Frau mitten unter dem Suppenkraut, das Herdfeuer, das man durch die offene Tür um den schwarzen Topf tanzen sah, die Bienen, die Vögel, die Blumen, das tanzende Rad, die Innerste und das grüne Weidengebüsch und die weiten, sonnigen Wiesenflächen jenseits der Innerste. Gleim lebte noch, aber er war damals noch nicht der alte Vater Gleim, sondern als Sekretär des Domkapitels von Halberstadt und des Stiftes Walbeck ein Mann in seinen besten Jahren und sang Kriegslieder: ihm hätte es damals nichts genutzt, das Hüttchen, das Flüßchen, die Wiese und den Garten, die Sonne und die junge Müllerin zu observieren. Es hat alles seine Zeit – auch in einem poetischen Gemüte! Der tapfere Krieger singt von den Schäfern und Schnittern, der Herr Domsekretär von den preußischen Grenadieren, und wahrscheinlich ist's ganz das Rechte, erst der alte Vater Gleim zu werden und dann von Daphnis und Chloe zu singen – Anakreon soll's auch so gemacht haben.

Der jungen Müllerin sah man's nicht mehr an, daß ihr Hochzeitstag sie in ein Trauerhaus eingeführt hatte. Sie trug zwar noch ein schwarzes Band auf der Haube, aber das war auch allein als äußeres Zeichen von jenem jähen Schrecken, der ihrer Brautnacht folgte, an ihr übriggeblieben. Und so war's in der Ordnung! Die alte, ganz und gar schwarz gekleidete Frau drinnen im Hause, am offenen Fenster, die vor ihrem Spinnrade die Hände auf dem großgedruckten Gesangbuche gefaltet hielt, mochte hinter ihrer Hornbrille immer noch durch Tränen in den Sonnenschein hineinzwinkern: für die Jugend wollte es sich nicht schicken – das Leben war kurz, und der gegenwärtige Morgen gar zu schön!

Die junge Müllerin sang: »Geh aus, mein Herz, und suche Freud!«, sie sang:

»Die Bäume stehen voller Laub,
Das Erdreich decket seinen Staub
Mit einem grünen Kleide.
Narzissen und die Tulipan,
Die ziehen sich viel schöner an
Als Salomonis Seide.«

Aus Kleists Frühling war das nicht; auch nicht ein Lied von Gleim und noch viel weniger aus einer Ramlerschen Ode. Paul Gerhardt hatte es vordem gesungen:

»Die Bächlein rauschen in dem Sand
Und malen sich an ihrem Rand
Mit schattenreichen Myrten;
Die Wiesen liegen hart dabei
Und klingen ganz vom Lustgeschrei
Der Schaf und ihrer Hirten.«,

und von dem lustig-lebendigen Rade her fiel eine Männerstimme in das Loblied des Sommers ein: der neue Herr der Mühle, Meister Albrecht Bodenhagen, sang mit, und er hatte allen Grund dazu; denn es war eine schmucke Frau aus der Jungfer Papenberg geworden, er – Herr der Mühle an der Innerste oberhalb Sarstedt, und die Innerste war ein nahrhaftes Wasser: wer je Übles von ihr gesprochen hatte, der mochte die Verantwortung auf seine eigene Kappe nehmen.

Ja, wenn nur drüben jenseits der Innerste im Weidengebüsch die Augen der Nixe nicht gewesen wären!

Der Müller Albrecht Bodenhagen hörte Paul Gerhardts Sommerlied durch das Geklapper seiner Mühle, durch das Rauschen seines Baches, und sein Herz klopfte auch immer lebendiger. Er hielt es nicht länger aus:

»Die unverdroßne Bienenschar
Fleugt hin und her, sucht hier und dar
Sich edle Honigspeise!«

jauchzte er und kam auch in den Garten gesprungen. Die alte Frau am Fenster legte die Hand über die Augen zum Schutze gegen das Licht und schüttelte ob der lustigen Jagd, die jetzt um die Büsche anhob, den Kopf.

»Drei Schritte vom Leibe!« rief die junge Frau, mit beiden Händen abwehrend. »Wie eine Schleiereule sieht Er aus, ganz Groß-Förste hat seinen Spaß daran, wenn man solch ein weißgepudert Geschöpf im Kirchturm aushebt und die Jungen es im Dorfe herumtragen! Rühr mich nicht an! ich werfe dir unsern ganzen Garten an den Kopf, wenn du mir nahe kommst, du staubig Müllergespenst!«

Eine Handvoll Petersilie bekam er sofort ins Gesicht und nicht in die Suppe; aber er griff doch zu und lachte:

»Weshalb hat Sie einen Müller genommen, Jungfer Papenberg? Einen Schornsteinfeger hättest du dir wohl lieber gefallen lassen, Lieschen?«

»Ich will nicht! ich will nicht! Mein Topf kocht über, und mein Brei brennt an, und über den Tisch schneidest du mir ein Gesicht!«

Sie brachte einen Johannisbeerbusch zwischen sich und ihren Verfolger.

»Und ich fange dich doch, mein Schatz!« rief der junge Meister.

»Jawohl – ei freilich: mein Schatz! Das hast du auch gelernt im Felde –

Lieschen, mein Engel, meine Hertenstrompet,
Meine Pauke, Standarte und meine Musket, –

dazu hat dich der Colignon von der Landstraße mitgenommen. Nein, nein, ich will jetzt nicht! Drei Stunden hat man nachher an sich zu fegen und zu bürsten. Mutter! Hülfe, Mutter Bodenhagen!«

Das alte Weiblein beugte sich weiter vor aus dem grünumsponnenen Fenster, und über das verrunzelte Gesicht glitt doch ein vergnügliches Lächeln. In den Liebesstreit der jungen Leute mischte die Greisin sich aber doch nicht ein; sie nickte nur mit dem Kopfe und murmelte:

»Sind das schon fünfundvierzig Jahre her, seit mir mein Christian da durch dieselbigen Wege nachjagte?«

In der Rosenlaube, dicht am Zaun und Bach, fing der junge Meister in der Mühle seine Müllerin –

»Geh aus, mein Herz, und suche Freud
In dieser lieben Sommerzeit
An deines Gottes Gaben!
Schau an der schönen Gärten Zier
Und siehe, wie sie mir und dir
Sich ausgeschmücket haben!«

Sie wußten in der Laube nichts von der blutigen Schlacht bei Liegnitz, die der König Friedrich und der Feldmarschall Laudon an diesem Morgen einander geliefert hatten, und sie wußten auch nichts von den zwei Augen drüben am andern Ufer der Innerste im Weidendickicht! –

Es waren oben im Harze in den letzten Tagen starke Gewitter niedergegangen, und infolge davon war der kleine Fluß nach seiner Gewohnheit wieder einmal eine gute Strecke in den Busch und das Röhricht übergetreten. Und inmitten des Busches, mit dem linken Arm sich um einen knorrigen Weidenstumpen klammernd, der vorgesetzte rechte Fuß vom Wasser überspült, stand ein junges Weib, vorgebeugt durch das Gezweig nach der Mühle lugend. Nicht häßlich, aber seltsam verwildert war die Erscheinung anzusehen. Rotes, brennend rotes Haar, hastig geflochten, war um eine fast männlich breite Stirn gewunden, und eine der Flechten hatte sich gar gelöst und hing über die vorgeneigte Wange. Schlank, fast hager, und gebräunt von Sonne, Wind und Wetter, in einem grauen Rock und grünem Jäckchen stand das Weib oder Mädchen da, und wunderlich, wunderlich ließ der Fuß im Wasser! Wie sie so da stand, hätte sie daraus hervorgestiegen sein können; es paßte alles zueinander in Gestalt und in Farbe: die Weiden und das Kleid der Lauscherin, das rote Haar und das gelbrote, trübe Wasser der Innerste, und vor allen Dingen zu allem die hellen, großen, grünblauen, kühlen Augen. Wer die Nixe der Innerste hätte malen wollen, der hätte diese Kreatur in sein Bild setzen müssen!

Und sie regte sich nicht, diese Erscheinung! Der Wind rührte leise an die Weidenzweige über ihr, an die hohen Schilfdolden und die Blätter des Erlengebüsches um sie; aber nur ein einzig Mal auf einen kürzesten Moment wehte er ihr die gelöste Flechte ganz über das Gesicht.

Zu ihren Füßen – um ihren Fuß! – regte sich und glitt leise die Flut der Mühle zu, und die Blasen – die Luftblasen vom Atem der Wassergeister stiegen auch wieder empor zur Oberfläche und zerplatzten im Lichte. Manche sagen, die Wassergeister sitzen drunten in der Tiefe gleich riesengroßen Fröschen mit glühenden Augen und atmen still und warten »auf Seelen«; wir wissen das nicht und können nicht darüber nachsagen, und es ist nicht die Zeit, die rothaarige Lauscherin im Geröhricht danach zu fragen; aber die Frösche haben nicht solche Augen wie diejenigen, mit welchen sie in den Mühlengarten sah und nun in die Laube am Zaun des Gartens hinübersieht.

»Du Schelm!« flüsterte der Meister Albrecht, und jetzt rührte sich das Weib im Ufergebüsch doch. Die Zweige, die Dolden und die Blätter um sie her erzitterten, der Fuß versank tiefer im Wasser und weichen Schlammboden, und – das war alles um den letzten mutwilligen Schrei, mit dem sich die Müllerin unter den Rosen gegen den Kuß des Müllers wehrte.

Die weißen Tauben, die sich auf dem Hausdache gesonnt hatten, erhoben sich flatternd, und ihr Federspiel blitzte, als sie sich in der Morgensonne und in der blauen Luft um den Schornstein schwangen.

»Du wilder Albrecht – wenn – du nun begraben lägest mit den tausend und tausend anderen – in einer Grube auf dem fremden Felde, wie der arme Barthold Dörries?!« flüsterte die junge Frau, und in demselbigen Augenblick lachte es laut im Weidengebüsch, und mit dem Lachen drang zugleich ein anderer Ton in die Laube herüber. Ein Rufen war es nicht; auch ein Schreien nicht; es war ein Lachen und Kreischen zu gleicher Zeit, und niemand konnte sagen, ob der Ton aus der Luft, aus dem Busch oder aus dem Wasser komme!

Die junge Frau wurde totenbleich in den Armen ihres Mannes. Dieser fuhr zusammen und ließ sein Weib los, und beide standen und horchten, und wieder erwarteten sie mit stockendem Atem und gefrierendem Blut, daß sich das zum zweitenmal vernehmen lasse. Vergeblich schien die Sonne morgendlich-schön und sommerlich-warm in den eiskalten Schrecken hinein. Vom Hause her schlug der Spitzhund an und bellte heftig und zornig gegen die Innerste hin; aber ringsum blieb es still, und wiederum ließ sich die Stimme nicht zum zweitenmal hören.

Die Innerste schrie nicht wieder; diesmal aber hatte sie wirklich und wahrhaftig geschrieen – es war keine Sinnestäuschung gewesen!

»Um Gottes und Jesu willen, was war das?« rief die junge Frau. »Hast du es denn auch gehört? Ist es das, was dein Vater damals am Abend hörte? Albrecht, Albrecht – Mann, Mann, es ist doch wahr! Das Wasser hat gerufen wie ein böser Mensch in Angst und Zorn, und ich sterbe, wenn ich die Stimme noch einmal höre!«

Der jetzige Herr der Mühle war gleichfalls bleich geworden; er preßte die Zähne zusammen und lachte heiser:

»Sei still! es ist doch eine Dummheit! Sitze einen einzigen Augenblick still; – diesmal fange ich den Halunken, der uns da in die gute Stunde hineingemeckert hat! Er wird uns nicht wieder hohnnecken; – ich werde ihm doch noch einmal den tollen Bodenhagen zeigen.«

»Nein, nein! Du gehst nicht von mir, Mann!«

Er war aber schon gegangen. Er hatte dem Hunde gepfiffen und sprang aus dem Garten der Mühle zu. Sein Lieschen sah ihn über den Mühlensteg laufen und in dem Busche jenseits der Innerste verschwinden. Ängstlich rief sie ihn noch einmal; aber sie hörte ihn drüben nur »Such, such, Laudon!« rufen und den Spitz bellen. Mit zitternden Knieen saß sie auf der Bank in der Laube und versuchte es, ein Vaterunser zu beten, kam aber vor Angst und Beben nicht weit damit. Sie saß halb bewußtlos in der Sonne; alles – Bäume und Büsche und Blumen, die Wiesen und das Haus, wirrte sich ineinander; – sie wollte nach der alten Frau im Hause rufen und vermochte es nicht. Eine Ewigkeit verging dem armen Weibchen, bis der Mann zurück von seiner Suche kam, und es waren doch kaum zehn Minuten, die er ausblieb!

Als sie ihn langsamen Schrittes über den Mühlensteg zurückschreiten sah mit dem Hunde hinter ihm, atmete sie tief auf; sie sah noch immer durch einen blendenden, flimmernden Nebel, aber die Gegenstände ringsum nahmen doch wieder ihre gewohnten Plätze ein und hielten sich ruhig. Ihr Müller aber versuchte lustig auszusehen, als er durch den engen Gartenweg kam und sich mit dem Kopfe auf der Schulter und untergeschlagenen Armen vor sie hinstellte.

»Kein Jägersmann, dem man Glück zur Jagd gewünscht hat, kommt mit leererer Tasche zurück, Liese!« sagte er. »Es ist eine Dummheit, und es bleibt eine Dummheit. Mein Trost ist nur, daß es nicht meine Sache ist, einen Menschenverstand in den Weiberschnickschnack und die Spinnstubenhistorien hineinzubringen.«

»Du hast nicht gefunden – gesehen, was da lachte! O Herr Jesus!«

Meister Albrecht schüttelte den Kopf.

»Weit und breit nichts zu sehen als der Busch und die Wiesen, und nichts zu hören als der Wind im Busch! Der Satan finde aber auch mal einen, der es darauf ablegt, sich in dem Röhricht zu verstecken. Und der Laudon ist zu gar nichts nutze, der Korporal Jochen hat recht, Sackville sollte er heißen, und wir wollen uns einen Köter mit einer feineren Nase anschaffen zu deiner Beruhigung, Lieschen. Wahrhaftig, da läuft ihr noch eine Träne über die Backe. Jetzt tu mir den einzigen Gefallen, guck wieder auf. Morgen lege ich Fußangeln das ganze Weidicht durch, und ich gebe dir mein Wort, das nächste Mal fangen wir das Geschrei. Nach Sarstedt vors Gericht soll mir der Spuk, so wahr ich das Leben habe!«

»O Albrecht«, rief die junge Frau Liese mit gefalteten Händen, »tue das nicht! Denk an deinen seligen Vater! Du kannst die Innerste nicht mit Fußangeln fangen; sie will ein Lebendiges –«

»Und den Hunger soll sie sich diesmal vergehen lassen, bei allen Teufeln! Mohrenelement, es sitzt ein neuer Mann auf dieser Mühle – was vorher war, ist abgetan, und die alten Narrheiten kümmern den neuen Müller nicht mehr. Dazu bin ich nicht gegen den Franzos im Felde gewesen, um mir von solch einem nichtsnutzigen Wasser ein solches bieten zu lassen. Meine Hühner eß ich selber! Solange mein Vater lebte, habe ich mich freilich genug ducken müssen; aber als ein Tropf vom Wirbel bis zur Zeh bin ich doch nicht nach Hause gekommen.'

»Aber dein Vater –«

»Der ruht endlich im Frieden, und ich bin Herr und Meister allhier an der Innerste. Komm ins Haus, mein Herz, mein Schatz, da kocht dein Topf über – da haben wir ja schon das ganze Malheur und brauchen auf kein anderes zu warten. Wenn du mir aber noch einen Gefallen erweisen willst, Lieschen, so schwatz gegen keinen Dritten von dem Unsinn und vor allem nicht gegen die Alte. Die Alte wäre imstande, unseren ganzen Hühnerhof den Bach hinunterschwimmen zu lassen, und wenn das nicht reicht, mit dem Kuh- und Schweinestall obendrein dem Dinge den Mund zu stopfen. Es ist wahrlich so in der Welt: man braucht nur laut zu brüllen, um seinen Willen zu kriegen, und die Innerste versteht das meisterlich.«

»Ich wollte, ich kriegte nur dieses allereinzigste Mal meinen Willen«, sagte weinerlich die junge Frau.

»Die besten Stücke von dem allerschwärzesten Huhn sollst du am Sonntag haben«, sagte der Meister Albrecht, und sie traten durch die Küche in die Stube, wo die alte Frau in ihrem Lehnstuhl am Fenster saß.

Sie traten fest herein, doch auf den Zehen gingen sie näher an den Lehnstuhl heran; Lieschen hatte den Finger auf den Mund gelegt und geflüstert:

»O sieh, die Mutter ist eingeschlafen! Sie hat nichts von dem Schrei und Schrecken gemerkt! Guck nur, wie sanft sie schläft!«

Es war freilich ein friedliches Bild, und die Süßigkeit des Schlummers lag wahrlich auf dem leicht zurückgelehnten alten guten Gesichte der Greisin. Das große Gesangbuch lag noch offen in ihrem Schoße, und die Hornbrille lag darauf, und die Mutter hatte die Hände darüber ineinandergelegt. Die Sonne drang freundlich durch die grünen Blätter vor dem Fenster und umspielte diese alten, harten, so lang so fleißigen Hände; die beiden jungen Leute traten noch einen Schritt näher an den Sorgenstuhl –

»Meinethalb mag sie zu jeder Zeit, wenn es ihr Pläsier macht, den ganzen Viehstand zur Nordsee schwimmen lassen«, flüsterte der junge Herr und Meister in der Mühle.

»Du bist doch ein guter Junge, Albrecht«, sagte leise die junge Müllerin zu ihrem Mann, und dann fügte sie noch leiser hinzu: »Wenn ihr das Buch von der Schürze rutscht, erschrickt sie auch und wacht auf; – ich nehme es ihr unter den Händen sanft weg.«

Sie beugte sich zärtlich herab, aber in demselbigen Moment fiel sie nieder auf die Kniee und faßte die Hände der Greisin mit einem lauten Schrei:

»Albrecht? Albrecht! – Albrecht!« –

Die Alte, die Mutter schlief; aber sie wachte von keinem Geräusch und Lärm in der Welt mehr auf. Kein Lärmen – Weinen und Lachen rundum weckte sie mehr! Ob ihr Gesangbuch zu Boden fiel, ob die Innerste schrie, ob Friedrich, Daun und Laudon im Schlachtendonner sich trafen – einerlei! Die alte Frau schlief – schlief ruhig weiter.

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