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Die Innerste

Wilhelm Raabe: Die Innerste - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleDie Innerste
publisherFreiburg und Braunschweig, Klemm
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 9
year1955
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130802
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Viertes Kapitel

Es war ein Sonntag, und die Kirche war überall zu Ende im Lande. Der Tag war regnerisch, doch konnte man gerade nicht sagen, daß es regne; es war eben ein Tag im Hornung, und man mußte das Wetter nehmen, wie es sich gab. Der junge Müller befand sich allein zu Hause, beide Alten mit den Mägden waren nach Sarstedt zur Kirche und konnten kaum vor Mittage zurück sein. Das Rad war gestellt, und der junge Müller lag faul auf der Bank am Ofen und hörte der Uhr zu, die hinter seinem Kopfe im Winkel tickte. Die Hauskatze saß zu seinen Füßen auf der Bank und putzte sich über die Ohren, denn es war Feiertag, und dazu sollte am Nachmittage Besuch kommen: Jungfer Lieschen mit Vater und Mutter, der Vetter und die Base aus Harsum, ja, auch die Verwandtschaft aus Groß- und Klein-Algermissen wollte kommen, und am Abend sollte es hoch hergehen in der Mühle.

Der Haushund kam von Zeit zu Zeit und leckte dem Träumer auf der Bank die Hand; dann sagte der junge Müller:

»Nieder, Laudon! Gib dich zu Ruhe; ich habe mich auch zu Ruhe geben müssen.«

Er gähnte schläfrig, und doch zogen ihm allerlei bunte Bilder durch den Kopf. Da dachte er, daß er nun bald ein junges Weib haben werde, und lächelte. Dann fragte er sich, wie es dem Alten und der Alten wohl auf dem Altenteil gefallen werde, und kratzte sich hinter dem Ohre. Nun richtete er sich auf dem Ellenbogen halb empor und drehte sich gegen das Fenster, um nach dem grauen Gewölk zu sehen, und da mußte er an die Kriegsvölker im Westen und Osten denken, mit denen er's vor einem Jahre noch hatte Frühjahr werden sehen, – es war ihm, als höre er fern die Trommeln und die Trompeten und auf einmal die ersten Schüsse von den Vorposten her. Er schüttelte sich, schob von neuem die Hände unter den Hinterkopf und seufzte:

»Uh!« –

Mit einem Male aber setzte er sich aufrecht, daß die Katze erschreckt von der Bank sprang und Laudon am Ofen verwundert den Kopf erhob. Es war so still in der Stube, daß man außer dem Picken der Uhr nichts weiter hörte, als dann und wann ein lauteres Rauschen der Innerste, und die Innerste war's eben, die den jungen Müller Albrecht Bodenhagen so jach aufgejagt hatte. Er war in seinen schläfrigen Phantasien, anfangs ohne darauf zu achten, an dem Wasser hinaufgeschritten, und plötzlich –

Der Hund stand und bellte gegen die Tür, und der Müller sah verstört darauf hin; es hatte gepocht, und es pochte jetzt noch einmal.

»Herein!« rief Albrecht, doch es kostete ihm Mühe, das kleine Wort hervorzubringen. Mit stieren Augen sah er auf die Tür – »Bonjour!« sagte der eintretende Besuch, den Hut abnehmend, und zwar mit der linken Hand. Rechts trug er nur einen an die Jacke geknöpften Ärmel. »Bonjour! Richt euch! Na, Musketier, hat Er's so schnell verschwitzt, wie der Soldat sich gegen seinen Vorgesetzten zu behaben hat? Tausend Donnerwetter, soll ich Ihm die Hände an die Naht bringen, Musketier Bodenhagen? Jaja, so sieht die Kuh das neue Tor an, aber Seinen alten Unteroffizier sollte Er doch noch kennen, Albrecht! Schockschwerenot, da sieht man wieder, was es nützt, mit einem Esel Freundschaft zu schließen und an tausend Beiwachtfeuern ihn zu Sittsamkeit und Tugend anzuhalten! Kerl, so dumm sah Er nicht aus, als ich Ihn zum erstenmal in Reih und Glied stellte. Na, geht Ihm endlich ein Licht auf, Kamerad? Es hat mich lange nichts so sehr gefreut! Guten Morgen, Albrecht; es ist wirklich ein Pläsier, daß du endlich den Mund zumachst. Ich bin es und – da bin ich und verhoffe, daß du es für einen Affront genommen hättest, wenn ich heute an deiner Tür vorbeimarschiert wäre, ohne vorzusprechen. Ich bleibe auch zu Mittag und nehme mit einem Strohsack zur Nacht vorlieb: du weißt, verwöhnen tut unsereinen weder Seine Königliche Majestät noch Seine Herzogliche Durchlaucht; aber ein Vivat wirft's doch noch für beide ab, vorzüglich wenn das Getränk danach ist. Gewehr ab! Rührt euch! Musketier, auf das Wiedersehen hattest du dich wohl auch nicht eingerichtet, als die Glocke heute morgen in die Kirche läutete?«

Er hatte den Hut auf den Tisch geworfen und sich in den Sorgenstuhl des Meisters Christian. Der junge Müller Bodenhagen stand vor ihm:

»Ist Er es denn wirklich, Korporal? Bist du es wirklich in Fleisch und Blut, Jochen?«

»In Fleisch und Blut bis auf das, was bei Minden liegengeblieben ist, Joachim Brand aus der Bergstadt Grund im Harz, Königlich Preußischer und Kurfürstlich Hannoverscher Korporal auf der Retraite, und bis auf das Stück von ihm, das bei Minden liegt, immer noch dein guter Freund und Kamerad, Musketier Bodenhagen.«

Der junge Müller sah sich um. Rechts über die Schulter und links.

»Das ist freilich Sonntagsbesuch, auf den ich mich nicht eingerichtet hatte, Korporal«, stotterte er; aber der Einarm lachte:

»Will's Ihm glauben, Albrecht; aber das muß ich sagen, warm sitzt Er und propre. Ist das das Nest, aus dem Er aufgeflogen ist, um mit uns zu ziehen? Da kann ich es dir freilich nicht verübeln, daß du dich beizeiten wieder aus dem Pulverdampf in den Mehlstaub verzogen hast! Was sieht Er mich so jammerhaft an, Musketier?«

Der junge Müller sah in der Tat den Kriegskameraden ein wenig kläglich und verlegen an. Die Uhr im Winkel hob eben aus und tat zwölf Schläge: lang konnt's nicht mehr dauern, so waren die beiden Alten aus Sarstedt zurück; und was der Alte zu dem verwilderten Gaste mit dem leeren Ärmel sagen würde, das wußte der junge Meister fürs erste noch nicht zu sagen. Er erinnerte sich nur mit merkwürdiger Deutlichkeit seines eigenen Empfangs zu Hause nach der Rückkehr aus dem Felde und blickte jetzo nach dem Winkel neben der Uhr, aber einen Trost gewährte es nicht, daß das spanische Rohr daselbst nicht an seinem gewohnten Platze lehnte. Der Meister Christian führte es mit sich, würdig war er daran zur Kirche geschritten, und unbedingt brachte er es wieder mit heim; er hielt etwas auf den Stab, den er bereits von seinem Vater ererbt hatte und noch um eine Generation weiterzugeben hoffte.

»Ich sehe dich nicht jammerhaft an, Jochen«, sagte der junge Müller. »Aber mein Vater und meine Mutter –«

»Hoho«, lachte der andere, »steckt's da? Die halten das liebe Söhnchen wohl fest am Bande? Sie haben wohl nicht Lust, es zum zweitenmal im weiten Felde zu suchen? He, Albrecht, Bruder, da laß du mich nur sorgen; aus dem Quartier geh ich bis morgen früh nicht. Schaff zu trinken; den Hunger heb ich mir zu Tisch auf! Nestküchelchen, Füsilier Bodenhagen, Bruderherz, sind wir darum in so erschrecklichen Bataillen gestanden, um uns zu Hause den Suppenlöffel ums Ohr schlagen zu lassen? Mordieu, her mit der Flasche – schaff einen Schnaps, oder ich hetze deinen eigenen Hund auf dich! Wie heißt denn der Köter?«

»Schrei nur nicht so, Jochen. Hierher – ruhig, Laudon! Will er Ruhe halten, Laudon! O Jochen, tu mir die Liebe an –«

»Laudon heißt das Beest? Nenn es Sackville, Kamerad! Feig und niederträchtig genug sieht die Kreatur zu dem Namen aus! Hetz sie nur auf den Zeltkameraden, Bruder Albrecht! He, Sackville! He, Sackville! Faß an, pack an, Lord Sackville! Mit meinem leeren Ärmel wehr ich mich! Siehst du, da verkriecht sich der Kujon unter der Bank, und da – dort verkriecht sich der Broglio aus der Affäre, und da lieg ich im Sumpf, und der Arm ist zum Teufel. Sackville, hoho, Sackville, Mylord Sackville! So zieh ich als ein Invalid mit dem Bettelsack aus dem Feldspital nach Hause, und mein bester Freund fürchtet sich vor der Rute hinterm Spiegel. Pfui Satan; ich spucke aus und wünsche dir alles Glück bei deinen Mehlsäcken, Albrecht Bodenhagen. Adjes, und wenn du es gar nicht mehr aushalten kannst, laß dich beim Sackville unter die englische Kavallerie anwerben, und deinem Hundevieh tu ich Abbitte, das ist viel zu gut für den Namen. Gott befohlen, Müller, und die englische Krankheit in deine Knochen!«

Er hatte den Hut aufgestülpt und wollte eben zornig zur Tür hinaus, als sich dieselbe öffnete, das heißt als sie weiter aufgemacht wurde. Es hatte seit mehreren Minuten bereits jemand da dem Dinge zugehört. Der alte Meister Christian stand auf der Schwelle, und hinter ihm stand angsthaft seine Hausehre und hielt ihn am Rockschoß; es wies sich jedoch sonderbarerweise aus, daß das gar nicht notwendig war.

Der Invalide von Minden rannte an den Meister an und fuhr zurück.

»Wo will Er hin?« fragte der Greis. »Halt da! Daß Er das große Maul gleich allen übrigen aus dem Kriegselend mitbringt, weiß ich schon. Erwartet Ihn etwa auch zu Hause ein alter Vater und eine Mutter, die jahrelang allnächtlich ihr Kissen in ihren Tränen wäscht? Die Rute hinterm Spiegel? Ei ei, führt nicht der König gerade darum den Krieg, um der ganzen Welt zu zeigen, daß die Rute immer noch hinter dem Spiegel stecke? Lege Er seinen Hut hin, Musje, sage ich; Er kann bleiben in der Mühle bis morgen und auch noch einen Tag länger, wenn's Ihm beliebt. Auf den Jungen da aber hatte Er nicht so hineinzuräsonieren, das ist mein Junge, und den hab ich abzurichten! Marsch in die Küche, Mutter, wir haben einen Gast zu Tisch, und wir haben auch heut abend einen Gast mehr. Hänge Er Seinen Hut da an den Nagel, Kamerad – da, stell meinen Stock in die Ecke, Albrecht, und leg mein und der Mutter Gesangbuch ins Schaff. Setze Er sich, Kamerad, und lasse Er mich von Sich und Seinen Umständen ein Weiteres wissen.«

Der Korporal schüttelte mit einem eigentümlichen Blick auf den früheren Kriegsgenossen dem Alten die Hand.

»Er ist mein Mann, Müller! Nehme Er vorlieb mit der Linken; ich würde Ihm nur zu gern die Rechte geben, wenn's anginge. Mit Seinem Jungen da darf Er natürlich machen, was Er will. Ich bin auch nicht umsonst sein Unteroffizier gewesen und weiß, wie er traktieret sein muß. Hänge Er auch meinen Hut an den Nagel, Musketier Bodenhagen.«

Der »Junge« tat verdrossen, was ihm geheißen worden war, trieb sich kläglich-mürrisch noch einen Augenblick in der Stube herum und ging dann hinaus und durch den Garten an den Zaun. Er stützte beide Arme auf den Zaun und sah die mürrische Innerste vorbeifließen.

»O Jemine«, seufzte er, »jedermann hat seinen Willen mit mir, und wie ich auch aufwerfen mag, es ist doch, als ob sie alle Bescheid mit mir wüßten. O je, es ist doch ein miserabel Dasein – die ganze Welt hunzt an einem herum, und nichts, gar nichts hat es genützet, daß man sein Leben dransetzte, der wilde Albrecht zu heißen. Der Krieg hat mich kaputt gemacht – und der tolle Albrecht, der wilde Bodenhagen ist zahm genug geworden. Ohne die Alte sollte mich die Innerste schon längst mit sich weggenommen haben. Und jetzo krieg ich auch ein junges Weib –«

Sie riefen ihn vom Hause her, und ohne sein letztes Wort zu Ende zu bringen, schlich er zurück, fand die Suppe auf dem Tische stehend und den Korporal Brand im besten Einvernehmen mit dem Vater und der übrigen Hausgenossenschaft daran sitzend. So setzte er sich auch, tat den Mund nur zum Essen auf und hörte den Jochen von der Schlacht bei Minden erzählen; nach dem Essen aber, als der Alte schlief, stand er abermals am Zaun an der Innerste, doch diesmal mit dem Korporal Jochen an seinem Ellenbogen, und sah hin auf den aufgeweichten Feldweg, der von Groß-Förste auf die Mühle zu führte durch die Felder und Wiesen, und auf welchem die Verwandtschaft mit der jungen Braut jetzt herangezogen kommen sollte. Der Korporal aber redete ihm ins Gewissen.

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