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Die Innerste

Wilhelm Raabe: Die Innerste - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleDie Innerste
publisherFreiburg und Braunschweig, Klemm
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 9
year1955
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130802
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Elftes Kapitel

Und die Innerste wurde sehr schlimm im Laufe des nächsten Monats. Gewaltige Regenstürme brachen mit dem rasenden Winter über das Gebirge herein, und alle Waldwasser schwollen auf wie seit Menschengedenken nicht. Nun toste die Hexe zwischen den Felsen und Fichten und verübte Unheil, soviel sie vermochte. In Wildemann und in Lautenthal hatte das Hüttenvolk bei Tag und Nacht zu wehren, daß sie nicht alles ruinierte; aber in der Sägemühle zwischen den beiden Bergstädten befand sich niemand mehr, der ihr wehren konnte. Da trieb sie ihr tolles Spiel nach Herzenslust. Sie nahm das alte Rad in Trümmern mit; sie brach in das Haus und bedeckte alles, so weit sie reichte, mit Kies und Puchsand. Sie zerfraß die Wände und warf die Pfosten um; wie eine Tigerkatze spielte sie da mit ihrer Beute.

Radebreckers Mühle stand für immer verlassen seit jenem Abend, wo die ewige Gerechtigkeit ihre Hand vermittelst der Hände der nächsten Behörden dranlegte. Nach den hannoverschen Grünröcken und den bunten Jacken des Herzogs von Richelieu bei Nacht waren noch einmal gar würdige Herren in schwarzen Röcken und amtsmäßigen Perücken bei Tage dagewesen, hatten noch einmal eine genaue Untersuchung des Ortes angestellt und auch mancherlei Dinge zum Kopfschütteln, Aha und Oho gefunden. Nachher mochten Eule, Wolf und Luchs ihr Quartier da aufschlagen; das peinliche Gericht kümmerte sich nicht weiter drob. Was von den Ruderibus noch für Menschenbedürfnis zu brauchen war, das wurde im nächsten Frühjahr und Sommer so nach und nach abgeholt von Leuten der Umgegend, die altes Eisenwerk gebrauchen und dergleichen nicht am rechten Orte kaufen wollten.

So war es im Harz. Wir aber folgen dem Laufe der Innerste wiederum in die Ebene hinaus.

Greulich wälzte sich den ganzen November durch die trübe Flut in das Hildesheimische, und manchen Ortes bekam mehr als ein braver Mann Gelegenheit, sich ein Lied von den zeitgenössischen Poeten zu verdienen, kriegte jedoch, soviel uns bewußt ist, keines. Auch die Mühle zwischen Groß-Förste und Sarstedt hatte ihre liebe Not, sich der bösen, schlammigen Strudel zu erwehren; und was man an Tischen und Bänken und sonst dergleichen auffing an dem Wehr, damit hätte man beinahe einen vollkommenen Haushalt einrichten können.

Aber der junge Meister Bodenhagen hatte einen eingerichteten Haushalt. Er zog das angeschwemmte Geräte nur aufs Trockene und wartete, daß die richtigen Eigentümer kamen und es wieder abholten. Einmal kam auch eine leere Wiege die Innerste herunter geschwommen, aber auch deren bedurften Müller und Müllerin nicht; – sie hatten vorsorglich eine solche bereits auf dem Hausboden stehen und wollten sich von der Innerste am allerwenigsten eine schenken lassen. Am fünfzehnten Dezember kam wieder Besuch – unerwarteter Besuch – ein Gast, der jetzt zum dritten Male einkehrte und im Februar versprochen hatte, daß er erst zur Taufe wieder erscheinen wolle; – um aber zu taufen, mußte doch erst das Kindlein vorhanden sein und die Wände beschreien! Der Gast aber sah gerade nicht danach aus, als ob er noch sehr zu dergleichen Festivitäten und sonstigen häuslichen und öffentlichen Lustbarkeiten aufgelegt sei.

Der Korporal Jochen Brand kam mit wunden Füßen, halb verhungert, in Lumpen, daß es ein Abschreck war, und um allem die Krone aufzusetzen, aus dem Gefängnis zu Wildemann.

»Wenn ich seit Torgau unter den Toten in der Grube gelegen hätte, könnte ich mir selber nicht zum größeren Abscheu sein!« ächzte er, vor dem erstarrten, die Hände zusammenschlagenden jungen Paare in der Mühle auf die Bank fallend. –

Sie kriegten einen guten Schrecken durch die Art und Weise, wie er sich plötzlich in ihrer durch die junge Hausfrau so zierlich und reinlich gehaltenen Stube präsentierte. Der Frau Lieschen brach der Faden und stand das Spinnrad still, dem Meister Albrecht fiel die Pfeife aus dem Munde, und Laudon, der Spitzhund, hatte noch nie einen Bettelmann so außer sich und so giftig angebellt als diesen zerfetzten Wanderer.

Mit Bonjour und Serviteur kam der Korporal diesmal nicht herein, und Gegenfragen des Befindens wegen legten ihm die Müllersleute auch fürs erste nicht vor. Nachdem sie sich von dem ersten Schrecken erholt hatten, griffen sie um so werktätiger zu. Der Meister faßte den erfrorenen und verhungerten Kameraden unter den Armen und setzte ihn bequemer zurecht. Die junge Frau schürte hastig das Feuer im Ofen, und die alte Steinkruke mit dem Weckauf, dem Nebeldrücker und dem Lerchentriller kam vor allem anderen schnell in den Gebrauch. Der Korporal machte jedoch heute keine lustige Bemerkung darüber.

Sie kamen mit dem letzten Schinken vom vorigen Jahre, der noch die Hochzeit überlebt hatte, und sie brachten die beste Wurst vom letzten Schweineschlachten. Dann aber kamen sie mit einem Kübel warmen Wassers und warmen Tüchern, und dann – brachte der Müller Albrecht Bodenhagen seinen einstigen Unteroffizier zu Bett in einer warmen Kammer.

Da lag der Korporal und schlief vom Mittag bis zum Abend, worauf er erwachte und mit matter Stimme dem Meister berichtete, was er erlebt hatte seit seinem letzten Besuche im Auftrage der Innerste.

So schwach und hinfällig hatte er in seinem ganzen Leben nicht von seinen Abenteuern erzählt, und der Meister Bodenhagen mußte sich oftmals tief zu ihm niederbeugen, um ihn verstehen zu können. Wenn wir ihm Wort um Wort folgen wollten, so dürften wir manches zu verzeichnen haben, was die schwärzeste Dinte gelb machte, und manchen Satz, der von der Leserin sicherlich nicht mit Bleistift oder Stricknadel unterstrichen werden würde, auf daß die liebe Freundin ihn auch ohne Mühe auffinde, vorauslese oder ihn gar ausschreibe.

Es gab in dieser Zeit wahrhaftig Spitäler die Hülle und Fülle auf deutschem Boden. Der dritte Schlesische Krieg wußte dafür zu sorgen und war nicht blöde, zuzugreifen und Kirchen und Rathäuser zu nehmen, wo die Räumlichkeiten sonst nicht ausreichten. In Torgau und um Torgau her in den Ortschaften, die nicht in Flammen aufgegangen waren, lag's augenblicklich, das heißt seit dem dritten November, wieder einmal recht voll, und geflucht wurde dort sicherlich mehr als gebetet. Aber der Korporal Jochen Brand allein in seiner kommoden Kammer in der Mühle leistete das Seinige im ersteren vollauf, und den Rechtsherren im Harz mochten wohl die Ohren erklingen ob der Segenssprüche und ernstgemeinten Herzenswünsche, die ihnen da zugesendet wurden.

Wir begnügen uns mit einem Auszuge der Relation des Korporals; aber wir können einen Eid darauf ablegen, daß sich alles so verhielt, wie der Einarm dem früheren Kameraden erzählte, während die junge Frau drunten das Hauswesen versorgte.

»Ich hätte es schon wissen können, wie's mir ergehen würde, als mir der Feldscherer in Minden den Laufpaß schrieb«, seufzte der Invalide. »Aber als ich im Februar hier die Kameradschaft grüßte, hing mir der Himmel doch noch voller Geigen, und ich meinte, sie müßten mir doch auf mein Heldentum ein weniges zugute tun. Prost Mahlzeit! Ich bin nach Hause gekommen mit meinem leeren Ärmel, nach Grund, und ich bin richtig zugrunde gegangen im Sumpfe, wie es Sitte ist seit den Feldzügen der Könige in der Bibel und des Generals Julius Cäsar. Aber es geschah mir schon recht: weshalb ließ ich den Feldscherer gewähren und mir den Stumpf verbinden? weshalb setzte ich mich auf Wassersuppen und sonstige schmale Kost? Die Vetternschaft hat mich natürlich auf die letztgewohnte Verpflegung verwiesen, und aus dem Korporal wurde der Landstreicher im Handumdrehen. Der Verwandtschaft zu Grund möchte ich den Hals umdrehen; aber der Meister Radebrecker soll leben: vivat hoch! – Musketier Bodenhagen, es wird Ihm sonderbar sein, es zu vernehmen; aber zu ändern ist's nicht mehr; Sein Buschmüller dreht sich im Winde, wie der Wind will, und die Raben erlustieren sich an ihm nach ihrem Gefallen: wer sollte ihm noch ein Vivat ausbringen, wenn ich's nicht täte – he?! – Philister über dir! Sie hatten uns alle fest, und ich saß an seinem Tische, an seinem Ofen, und er traktierte wie ein braver Spitzbube. Sie kamen uns wie der Hackelberg über den Hals und nahmen uns allesamt mit und ließen selbst die Doris nicht zurück, um das Haus zu hüten. Paarweise ging's zwischen den Büchsen und Musketen ins Prison, und die Innerste ging mit! Du, Albrecht, bist immerdar ein Kind gewesen und bleibst eins; aber ich war meinerzeit ein Mann und ein Kerl, wenn ich auch jetzo hier liege und alle Viere von mir strecke. So machte ich mir wenig daraus und ging gutwillig mit den anderen: Gefangenenkost zwischen vier dichten Wänden war immer noch nahrhafter und wärmer als Eicheln, Buchecker und Tannenzapfen in freier Luft; aber es wäre mir doch beinahe zu teuer zu stehen gekommen, daß ich mich auf meine Unschuld zu feste verließ. Auf grünem Felde, und wenn ich den Feind dreißigtausend Mann stark anmarschieren sah, habe ich gelacht vor Fußvolk, Reitern und Geschütz und mich auf mein Sponton verlassen; aber vor dem grünen Tisch ist mir das Lachen doch bald vergangen. Wenn ich's der jungen Frau verzählen würde, was da von wegen der Buschmühle zur Sprache kam, so würde sie ihr Lebtage nicht wieder von Rosen, Goldlack und Vergißmeinnicht träumen. Da lob ich mir ein Kriegsgericht, damit geht's doch wenigstens rasch: marsch zurück in Reih und Glied oder marsch vor die neun Flintenläufe oder zwischen die Spießruten! So ging's zu Wildemann nicht. Da mußten sie alles zu Papiere haben und das meiste doppelt und dreifach, und was wir um unsere Sünden und – unsere Unschuldigkeit da ausgestanden haben, das haben wir an niemandem gesündiget. Die Doris ist die einzige gewesen, welche die Nase hoch behalten hat. Als sie ihr mit der Tortur drohten, hat sie gelacht und sich wirklich davon weggelacht; vom Zuchthause aber hätte sie sich wohl nicht freigelacht, dazu mußte sie die Reserven ins Feuer rufen, und, Musketier Bodenhagen, bei Gott – sie fliegt frei und kann Ihm jeden Augenblick die Hand auf die Türklinke legen. Der anderen hängen sechs wie die Krammetsvögel im Dohnenstiege, und der Meister Radebrecker als Galgenmajor in der Mitte. Ein halb Dutzend haben sie in Eisen nach Celle transportieret; zwei haben sie noch sitzen im Gewahrsam, mich haben sie mit einem lateinischen Spruch laufen lassen, und – Seine Doris – sitze Er still, Kamerad! – die Innerste hat sich selber ranzionieret. Am Tage vor dem Urtelspruch, oder vielmehr in der stichdunklen Winternacht, ist sie an der Feuerleiter am Turm heruntergestiegen; und wenn ich meine Ahnung habe, wer von der Jägerschaft zu Lautenthal ihr die Leiter ans Fenster gelehnt und ihr die Feile zugeschoben hat, so will ich doch lieber auch noch den letzten Arm drangeben, als hier gegen Ritter und Fräulein den Angeber spielen. In der Buschmühle haben wir leider Gottes auch von dir gesprochen, Bodenhagen, und so wahr ich wirklich und ohne Lüge meinerzeit der wilde Brand gewesen, so wollt ich um dein arm, lieb, jung Weib, du wärest sicher vor der Innerste, Musketier Albrecht Bodenhagen!«

Der Müller saß in seinem reinlichen weißen Müllerhabit am Bette des guten Kameraden, des tapfern und ehrlichen Soldaten, der sich aus aller Verruchtheit und Verwirrung der Zeiten solch ein braves, frei und kühnes Herze mitgebracht hatte nach Grund in den Bettelstand. Und der Müller sah wahrlich nicht aus, als ob man ihn jemals den wilden Bodenhagen genannt haben könne. Was Vater und Mutter nach seiner Heimkehr aus dem Kriege von dem alten Adam an ihm übriggelassen hatten, das hatte Jungfer Lieschen Papenberg von Papenbergs Hofe in Groß-Förste gründlich ihm vom Rocke abgebürstet.

Nachdem der Korporal erzählt hatte, sprach oder stotterte der Musketier seinerseits ein langes und breites über die Innerste, die Buschmühle, Radebreckers Tochter, Jungfer Doris Radebrecker, und der kriegs-, weg- und weltmüde Kamerad hörte ihn im Halbschlafe an und murrte nur von Zeit zu Zeit ein beifällig Wort. Aber trotz Schlaf und Mattigkeit hatte der Müller Bodenhagen hier einen Beichtvater, wie er keinen gleichen weder im Dom noch zu Sankt Godehard und Sankt Michael in Hildesheim gefunden haben würde. Mit beiden Armen umfaßte er zuletzt den treuen Freund und seinen wackeren Unteroffizier und rief:

»Jochen, wenn einer, seit er in der Welt ist, im Traume geht, so bin ich das. Wenn einer sich nie zu schicken gewußt hat, so bin ich's. Was mein seliger Herr Vater aus dir gemacht haben würde, kann ich nicht sagen; aus mir hat er das gemacht, was ich gewesen bin. Aber mit dir hab ich doch in mehr als einer Bataille und Scharmützel Schulter an Schulter gestanden, und du kannst mir das Testimonium geben, daß ich getan habe, was die anderen taten, und ein mehreres prätendiert selbst unser Herrgott im Himmel nicht von unsereinem. Du bist mein Kriegsbruder und Korporal gewesen und hast auch das Deinige an mir getan –«

Hier lachte der Mann im Bette trotz seiner Schwachheit; doch der andere fuhr fort:

»Und der Oberst Colignon hat doch zu Hunderten und Tausenden Volk vom Ofen, von der Straße, von der Schulbank, dem Handwerk und dem Schreibetisch weggeholt, was leichter wog als ich. Ach, Jochen Brand, wie viele Menschen gehen auf Erden, die nichts von sich wissen und denen es erst die anderen sagen müssen, was sie sind. Und wenn die Zeiten still sind, dann erfahren sie's wohl niemals und werden achtzig Jahre und bleiben, was sie waren, als sie zuerst ins Licht guckten. Aber anjetzo bei Krieg, Blut und Brand haben die, welche in die Welt kommen wie aus einem Schmiedeofen, gut lachen und die Nasen rümpfen. Ich aber wollte, mein Lieschen und ich, wir säßen auf einer wüsten Insel und wären mit uns allein und kein Zugang zu uns bis an unser seliges Ende.«

»Groß Wasser rundum! Aber schreien dürfte es nicht, wie die Innerste schreien kann«, murmelte der Korporal, und der Müller sagte nur:

»Ja!«

Dann hörte man den leichten Tritt der jungen Frau treppaufwärts kommen, und der Korporal brummte:

»Jetzt laß mich erst ausschlafen. Drei Tage brauche ich dazu. Schaff aber den Laudon ab – den Mylord Sackville meine ich; er hält dir die Innerste doch nicht vom Leibe mit seinem Gekläff. Heut weiß ich noch nicht, was oben und was unten an mir ist; aber komme ich wieder auf die Beine, so will ich dir zum Dank für Quartier und Menage und um des lieben Herzens deiner Frau willen den Hofhund spielen. An die Kette braucht ihr mich gerade nicht zu legen, denn davon hab ich fürs erste genug gehabt im Turme zu Wildemann.«

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