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Die Innerste

Wilhelm Raabe: Die Innerste - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleDie Innerste
publisherFreiburg und Braunschweig, Klemm
seriesBraunschweiger Ausgabe
volumeBand 9
year1955
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130802
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Zehntes Kapitel

Im Oktober gehen die Tage bald zu Ende, und aus dem Wind wird schnell Sturm. Dann muß man in den wilden Bergen wohnen und im Zwielicht vor die Tür treten und den Wind, den Wald und das Wasser reden hören. Dann ist es auch gut, Bescheid zu wissen in den alten Sagen seines Volkes, den Liedern, die die Großmutter sang, und der Weisheit des Urgroßvaters. Und wenn noch gar der Krieg von ferne donnert, dann läßt es sich gut zurücktreten von der Schwelle, die Tür verriegeln und am Herde, am warmen Ofen niedersitzen. Ängstlich, aber auch heimelig und lieblich ist's dann, beim Lampenschein liebe Gesichter – junge und alte – um sich zu sehen und bekannte junge und alte Stimmen zu hören; – mit sonderbar heimlichen und unheimlichen Fingern zupfen Vergangenheit und Zukunft dann an der Behaglichkeit der Gegenwart. Die Augen soll man ja nicht schließen, wenn das fröhliche Gespräch zu einem Flüstern herabsinkt; es ist, als spreche die Zukunft in dem Sturme draußen; – den Verständigsten, den Nüchternsten kann eine Angst überkommen, daß er die guten Gesichter nicht mehr im Kreise um sich her finden werde, wenn er wieder die Lider aufschlägt und umhersieht.

Es gibt aber vielerlei Gesichter und Stimmen in der Welt. Das merkt man recht, wenn man bedenkt, was alles sich um so einen winterlichen oder herbstlichen Herd niedersetzen und über seine Lust und sein Leid, seine Pläne, Sorgen, Taten und Gedanken verhandeln kann. In der Buschmühle nun lachten und jauchzten keine fröhlichen Kinder, erzählte nicht der brave Vetter Michel, wie es ihm den Tag über ergangen war, kam nicht die Base und die Nachbarin mit dem Spinnrad und saßen nicht Großvater und Großmutter von ihren Enkeln umgeben. Der Ofen glühte, als es Abend geworden war, der Tisch war zurechtgerückt und die Gäste vorhanden. Die Innerste saß an der einen Seite des Ofens, der Einarm an der anderen, der Meister Radebrecker aber oben am Tisch. Das alles in den richtigen Farben zu schildern, hätte einem kuriosen Maler zu schaffen gegeben; und für ein Ohr, das nicht zu fein gebaut war, mocht's auch ein seltsames Gaudium sein, das zu belauschen, was da hinüber und herüber geredet, geschrieen und geflucht wurde. Aus der Bibel wurde nicht vorgelesen. Es gab zwar eine Bibel in der alten Sägemühle, aber sie war in einer Bodenkammer als Ersatz für einen fehlenden Fuß einem wackelnden Schrank untergeschoben. Eine Zeitung kam im Jahre 1760 nicht in die Bergstädte Grund, Lautenthal und Wildemann, und also in die Buschmühle gar nicht.

Die großen Welthändel wurden damals von Mund zu Munde umgetragen, und vielleicht stand sich die Welt dabei nicht schlechter als heute. Die Wahrheit kam jedenfalls ebenso selten zu kurz wie heutzutage.

Der Invalide von Minden war nicht der einzige gewesen in diesem Kreise, der den Krieg gesehen, und die Jungfer Radebrecker nicht die einzige, welche ihr Brod mit einem blutigen Messer geschnitten hatte. Wanne, die Innerste hatte kein zu feines Ohr, sie konnte alles anhören und über alles mitlachen, und ihre eigenen Worte legte sie gleichfalls nicht auf die Goldwaage! Ihre helle, klare Stimme überklang oft das wüsteste Gelärm dieser nächtlichen Mühlgäste, und als sich einmal zwei derselben über den Tisch in die Haare gerieten, fiel sie dazwischen, und zwar auch mit einem Fluch, der die ganze Gesellschaft zum Lachen brachte und den Meister Radebrecker zu einem abermaligen zärtlichen Lob seiner Tochter.

Sie kamen aber nicht allein wegen der Küche und des Kellers des Buschmüllers zu dieser Stunde zusammen. Sie hatten nicht bloß zu bramarbasieren und sich ihrer selbst zu rühmen. Es wurde auch verständig geredet, und von Zeit zu Zeit nahm der Alte einen beiseite und flüsterte mit ihm oder führte ihn wohl gar vor die Stubentür, um dorten weiter mit ihm zu flüstern.

Sie hatten ihre Geschäfte; aber das beste wird's sein, daß wir unsere Hand davon lassen. Es ist über hundert Jahre her, seit sie da im Harz an der Innerste, im wilden Walde so vergnüglich beisammensaßen. Verjährt! verjährt! Es ist über das alles Gras gewachsen, und ebenso arge Dinge sind nachher ausgeführt, und ist damit renommiert worden, und die alte, uralte Entschuldigung, daß der schwache Mensch eben zusehen müsse, wie er sich durch die böse Welt bringe, gilt auch heute noch.

Einmal ging ein Kelch um den Tisch, der freilich verdächtig aussah, als ob er wohl aus einer Sakristeispinde herstammen könne, und dann war ein Stündlein später von dem Förster vom Iberge die Rede, der im Frühjahr tot, mit einer Kugel hinter dem Ohr im Kopfe, im Dickicht am Hübichenstein gefunden worden war. Voll und leer ging der Kelch um den Tisch, und über den toten Jägersmann lachte man, und einer meinte, mit dem Zwerg Hübich lasse sich schlimm spaßen. Es war auch eine Geldsumme zwischen zwei der Gesellen zu teilen, da gab's neuen Hader, den der Meister Radebrecker schlichtete, indem er die zwei Wildemannsgulden und acht Mariengroschen, um die es sich handelte, für sich nahm als Unparteiischen. Dann kam das Schmaltier gebraten herein und neues Getränke, und es wurde auf das Wohl des Bergmeisters Wiesehahn zu Lautenthal angestoßen, und wiederum hatte einer ein Wort zuzugeben und meinte, der möge sich nur auch in acht nehmen, denn der Zwerg Hübich sei mächtig unter der Erde wie über der Erde.

Hiermit ist denn die Unterhaltung auf das Feld der Sage übergegangen, und da hätte wohl manch ein gelehrter Herr des neunzehnten Jahrhunderts gern den Horcher an der Wand gespielt und die Strolche, Halunken und Vagabunden des Jahres 1760 reden hören.

Ellenbogen an Ellenbogen mit dem kleinen Alraun, dem Meister Radebrecker, saß noch ein kleiner Kerl, der auch einen Buckel trug, aber auf der anderen Schulter als der Buschmüller. Zwei Stunden von der Harzburg bei Wülperode im Steinfelde ist der Klöpperkrug gelegen, und dem Wirt daselbst war am letzten Sonntag der Knecht abhanden gekommen, aber seine zwei Kühe und seinen mageren Gaul hatte er krepiert im Stalle gefunden. Da hatte es ein lautes Heulen gegeben um das Vieh und ein hitziges Suchen nach dem Knecht, aber der war nicht gefunden worden, denn bis in die Buschmühle war man von Amts wegen nicht gekommen.

Und vor dem Fenster der Buschmühle brauste der Wald und sauste der Sturmwind; es ächzten und knirschten und krachten die hohen Tannenbäume, und der Knecht vom Klöpperkrug sagte:

»Das ist das Wetter, wo Er waltet. Ich sollte meinen, alle Augenblick müßte Er ansprechen und sich vermelden!«

»Wer?« fragte Doris schrill über die ganze Länge des Tisches.

»Der Ritter, Jungfer! Der Hackelberg, Jungfer Radebrecker. Bei solcher Witterung jagt er am liebsten.«

Im Garten des Klöpperkruges liegt ja der Wilde Jäger, der Ritter von Hackelberg, begraben, und seine Sturmhaube wird bis auf den heutigen Tag daselbst aufbewahrt und gern vom Wirt vorgewiesen; aber die Kumpanei in der Buschmühle lachte doch, und der Korporal Jochen Brand sprach:

»Kamerad, den Wilden Jäger habe ich wohl auch ziehen sehen, aber nicht in den Lüften. Es stürmte auch jedesmal, wo die Jagd zog in Sachsen, Böhmen und Schlesien; sie zieht auch heute wohl, und der alte Zieten reitet vor dem Zuge. Wer aber den General Seydlitz jagen sah mit seinen Kürassieren, dem wird's übel, wenn er vom Hackelberg, der Tutursel und all dem anderen Gespensterplunder hört. Kotz Blitz, der König Fritze läßt reiten, und von den hungarischen Husaren der Frau Kaiserin will ich auch nichts Despektierliches sagen; aber Seinen Ritter Hackelberg muß ich selber ziehen sehen, ehe Ich glaube, daß er besser zu Pferde sitzt als ein Franzos.«

Der Soldat hatte gesprochen, der buckelige Knecht vom Klöpperkruge aber hat etwas von einer Großschnauze gemurmelt, und daß er wisse, was er wisse. Die anderen haben einen Moment stockstill gesessen, denn jetzt hat sich der Sturm im Walde ärger denn je hören lassen, und es ist ein Heulen und sonstiger Lärmen geworden, daß jeder sich geduckt hat, als komme ihm schon das Dach über den Kopf herunter oder die schwarze Pferdelende durch den Schornstein, um jedweden Spötter vom Stuhl und Tisch zu schlagen. Nach dem angsthaften Hinhorchen aber nahm ein eisgrauer alter Sünder die Pfeife aus dem Munde und sprach, zu dem Einarm gewendet:

»Wenn Er das Seinige im Felde mit dem Zieten erlebt hat, Korporal, so sei Er dankbar dafür; aber wenn Er in dieser Nacht noch etwas dazu erleben sollte, so sitze Er nur ja still und halte den Mund und sich dazu mit beiden Händen an dem Stuhl. Man hat Exempel, daß noch ganz andere Kerle als Er, Korporal Brand, dem Herrn von Hackelberg Hohn gesprochen und nachgerufen haben, und es ist ihnen jedesmal übel bekommen. Der Buckel da hat ganz recht; es ist eine Nacht für den Wilden Jäger, und vielleicht tut Euch der Ritter den Gefallen, Jochen, und weist Euch, daß er doch noch besser reitet als Seydlitz bei Roßbach. Ich rate Ihm aber dann, ihm nicht nachzusehen von der Tür aus, wenn Er sein Horn über dem Kopfe schallen hören wird.«

»Hoho!« lachte der tapfere Kriegsmann, doch die Doris Radebrecker gab jetzt auch wieder ihr Wort dazu.

»Jawohl, hoho, Kamerad!« rief sie. »Ich rate Ihm auch, sich zu hüten vor dem Volk in Luft, Wald, Feuer und Wasser. Ich sage Ihm auch ein Exempel: Hat Er etwan nicht erfahren, wie die Innerste da drüben im Lande vor dem Harz schreien kann? Weshalb sollte der Ritter Hackelberg nicht sein Jagdhorn in der Luft blasen? Jetzo aber lasset den Mann da aus Wülperode mit Ruhe verzählen, was sich zuletzt mit ihm – den Wilden Jäger meine ich – begeben hat.«

»Mit Pläsier«, sagte der Soldat lachend. Der Bucklige aber ließ sich nicht lange bitten und erzählte halb flüsternd:

»Einer von des Herzogen von Anhalt Jägerei hat ihn zuletzt verspürt. Sie haben ein groß Treiben gehalten mit den Wernigerödeschen, und nach dem Treiben haben sie, die Bernburger und die Gräflichen, die Nacht durch am Hartenberg in einer Köte gelegen, die vornehmen Herren in der Köte, die Gemeinen beim Feuer im freien Forst. Der aber, den ich meine, ein Junger vom Adel, hat ein hübsch Mädchen gewußt auf einem Försterhofe, den ich kenne, und ich nicht allein in dieser höflichen hochlöblichen Kompanie. Und er hat sich schon bei Abenddämmerung weggeschlichen und ist nach Mitternacht pfeifend durch den Wald zurückgekommen, der Köte zu, allwo die anderen lagen. Am Buchenberge hört er's auf einmal von ferne: Hoho, hoho, wod, wod, ho hallo! Sie haben ihn jetzo bei einem Doktor – er ist nicht bei Sinnen, denn er hat sich in seinem Vergnügen lustig gemacht über den Wilden Jäger in der Luft. Am anderen Morgen hat man ihn gefunden mit zerbrochenem Arm und einer Schlagwunde auf der Stirn, und das ist anzusehen gewesen wie von einem beschlagenen Pferdefuß. Er ist heute noch nicht wieder bei Verstand, und der Hund, den er bei sich gehabt hat, hat sich auch den Verstand abgeheult, und sie haben ihn erschießen müssen; denn der Hackelberg –« Der Erzähler brach ab und horchte – käsebleich, »Wod! wod! wod! hoho, hu, kliff und klaff!« lachte der Korporal noch; aber dann horchte auch er mit allen übrigen starr und atemlos in das Gebrause und Gesause draußen vor Radebreckers Mühle. Durch das Tosen der Windsbraut klang es: Hoho, wod! wod! und dazu das Uhu der Tutursel. Es kam wie Hundeblaff und dann vom Sturm zerrissen der Klang eines Waldhorns, das zum Halali blies! Die Jungfer Doris wollte noch einmal den jachen Schrecken der Mannsleute hellkreischend weglachen; doch da tat's einen Schlag an die Tür, und dann wurde mit einem Kolben ein Fenster eingestoßen, daß die Glasscherben splitternd zwischen die Gesellschaft fuhren. Die Öllampe erlosch im Windzug, doch von draußen fiel Laternenschein in die Stube, und viele rauhe Stimmen ließen sich nebst den Hunden um die Mühle hören.

»Im Namen Seiner Majestät, König Georg des Zweiten!« rief jetzt über alle anderen Stimmen eine im Kommandotone weg, und eine zweite schrie womöglich noch gebieterischer: »De par le Roi – sa Majeste Louis Quinze, de France et de Navarre!« Die Haustür zersplitterte gleichfalls unter den Büchsenkolben der Einlaßbegehrenden, und es kam wieder Vernunft in die Kumpanei!

Sie fuhren mit den scheußlichsten Flüchen durcheinander und suchten nach Auswegen und fanden sie allesamt versperrt und besetzt. Da kamen allerlei Waffen – Messer, Knittel, ja auch Feuergewehre zum Vorschein, doch alles das und die beste Courage dazu konnte wenig mehr fruchten. Der gute Meister Radebrecker fing mit einem Male an zu schluchzen und laut zu weinen und setzte den Mut seiner liebsten Gäste dadurch unter Wasser. Die Störenfriede, die Hausfriedenbrecher hatten doch über bessere Waffen – Jägerbüchsen, Hirschfänger und Musketen mit aufgepflanzten Bajonetten zu verfügen, und nach einem kurzen Geraufe, halb im Dunkel und halb im Laternenschein – einem Tumult, in welchem auch ein weniges Blut floß, war alles in der Buschmühle geordnet nach Wunsche Seiner Kurfürstlich Hannöverischen Durchlaucht und Großbritannischen Majestät Georg Rex trotz der fränkischen Besatzung des Landes.

Sie fingen sie alle, und eine Stunde später war alles bereit zum Abmarsch in Kolonne nach Lautenthal. Die Jungfer Doris ging allein ungebunden im Zuge; den übrigen waren sämtlich die Hände mit tüchtigen Stricken auf dem Rücken zusammengeknebelt. Dem armen einarmigen Korporal Jochen Brand hatte man wenigstens ein Seil um das linke Handgelenk gelegt, und er marschierte im gleichen Schritte höchst verwundert hinter dem französischen Korporal und Leutnant, die das Füsilier-Detachement kommandierten, welches sich die kurfürstlichen Forstmeister und Amtmänner von Wildemann und Lautenthal zu ihrer nächtlichen Expedition als Beihülfe vom Kommandanten von Goslar verschrieben hatten. Er machte nicht einmal den Versuch auf diesem Marsche, die fremden Kameraden zu der Überzeugung zu bringen, daß er besser sei als die Gesellschaft, in der man ihn gefunden hatte. Auch die Innerste ging still durch den stürmischen Wald mit; was sonst noch von den kurfürstlichen und königlichen Jägern, Justizleuten und den fremdländischen Kriegsmännern mitgenommen wurde, fluchte bis auf den Meister Radebrecker, der sich am wenigsten in das Ding zu finden wußte und seinen Tränen den freiesten Lauf ließ. Leider hatte man aber ihm auch die Hände am festesten auf dem Buckel zusammengeschnürt.

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