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Die indische Weltmutter

Heinrich Zimmer: Die indische Weltmutter - Kapitel 10
Quellenangabe
typetracate
authorHeinrich Zimmer
titleDie indische Weltmutter
publisherInsel Verlag
editorFriedrich Wilhelm
year1980
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Notizen zu einem Lebenslauf

Am 6. Dezember geboren, hätte der Verfasser eigentlich nach dem Heiligen dieses Tages Nikolaus heißen sollen. Seine Eltern bereuten die Unterlassung zu spät. Sonst wäre sein Rufname sicher Nickel oder Niki geworden. Sankt Nikolaus, Bischof von Bari in Unteritalien, ist der bevorzugte Schutzpatron aller nordischen Häfen, deren einer auch Greifswald, des Verfassers Geburtsort, ist. Die größte Kirche dieser Ostseestadt ist dem heiligen Nikolaus geweiht oder war es wenigstens bis zu den Zeiten vor der Reformation.

Greifswald hat seinen Namen von dem Wappentier des alten Herzogtums Pommern, das einen weißen Greif im roten Felde führte. Rot und Weiß sind die Farben des alten Heiligen Römischen Reichs.

Pommern war, solange es Kaiser gab, ein reichsunmittelbares Herzogtum, das nur jenen unterstand. Der letzte Herzog von Pommern, Bogislav XIV. (der Name ist slawisch, wie auch mehr als die Hälfte der Bevölkerung slawisch ist), starb in den Tagen Gustav Adolfs. Damals war das Land durchgehend protestantisch geworden. Bogislav, selbst ohne Nachkommen, vererbte es an Gustav Adolf, der es auf Grund der ansteigenden Macht Schwedens ohnehin für sich in Anspruch genommen hätte, und bewahrte es so vor dem Eindringen der habsburgisch-jesuitischen Gegenreformation. Im Verlaufe des Aufstiegs von Brandenburg-Preußen seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges wurden Pommern und die Greifswald gegenüber gelegene Insel Rügen vom Großen Kurfürsten erobert und seinen Landen einverleibt.

Greifswald ist eine kleine Stadt von 24 000 Einwohnern, meist Handel- und Gewerbetreibende, mit einem völlig agrarischen Hinterland, das aus Rittergütern, Windmühlen und ausgedehnten freundlichen Buchenwäldern besteht. Die Landschaft gleicht – in bescheidenerem Maßstab – der holsteinischen, dänischen oder holländischen. Die Stadt ist Markt und Umschlagplatz für die gesamte Landbevölkerung der Umgegend. Als Junge von vier oder fünf Jahren, also noch vor meiner Schulzeit, drückte ich mir die Nase an der kalten Fensterscheibe platt, um die Scharen von Gänsen zu zählen, die um den Martinstag herum aufgetrieben wurden. Der Reiz des ebenen weiten Landes mit seinen strohgedeckten roten Scheunen, Windmühlen und dörflichen Kirchtürmen ist von dem größten romantischen Maler des frühen 19. Jahrhunderts, Caspar David Friedrich, der, in Greifswald geboren, später in Dresden lebte, im Bilde festgehalten worden. Die Stadt hat Zugang zu einer Ostseebucht, der die Südküste Rügens vorgelagert ist; man erreicht sie, indem man mit kleinen Dampfern einen kurzen Flußlauf hinunterfährt. An der Mündung nimmt man Seebadeanstalten, Fischerdörfer, Netze und Teergeruch wahr. An den Ufern des Flusses stößt man abwechselnd auf Fischereibetriebe und auf Räuchereien mit ihrem unvergeßlichen Duft nach geräucherten Heringen, Flundern und Aalen. Die Bevölkerung dort ist ausgesprochen nichtabstinent.

Einer der kleinen Orte an der Flußmündung ist Eldena mit seiner gotischen Backsteinruine eines Klosters, dessen Mönche die ersten Lehrer an der bereits 1456 für die Ausbildung von Geistlichen und Staatsdienern gegründeten Universität waren. Diese ist jetzt die kleinste in dem Gebiet, das vor der Abschaffung der Länder Deutschlands und vor der Zentralisation durch das Naziregime Preußen war.

(Die älteste deutsche Universität ist Prag, von der aus durch Auszug der deutschen Studenten Leipzig gegründet wurde; dann folgt Wien, dann Heidelberg, die sämtlich im 14. Jahrhundert entstanden.)

Ohne die Universität wäre Greifswald ein unbekanntes und unbedeutendes Landstädtchen geblieben. In den stilleren Straßen wächst noch an vielen Stellen Gras zwischen dem Kopfsteinpflaster. Die ursprüngliche Satzung der Universität gestattete den Professoren, eine Kuh zu halten und sie in den Straßen der Stadt weiden zu lassen.

Obwohl die kleinste Universität, war Greifswald doch der Ausgangspunkt glanzvoller Gelehrtenlaufbahnen: ich nenne Wellhausen (Bibelkritik), Wilamowitz-Moellendorff, sowie meinen Vater Heinrich Zimmer, der von Greifswald aus den Sprung an die Berliner Universität und in die Berliner Akademie der Wissenschaften tat, auf einen Lehrstuhl, der für ihn als den ersten und einzigen hauptamtlichen Professor des Keltischen geschaffen worden war. Sein Nachfolger auf diesem Lehrstuhl war Kuno Meyer, der, früher Lektor an der Universität Liverpool, im ersten Weltkrieg in einer Art von Kreuzzug des guten Willens erfolglos die Vereinigten Staaten vor ihrem Kriegseintritt bereiste.

Unsere häusliche Atmosphäre war durch und durch lutherisch. Während der ersten neun Jahre meines Lebens bestand in unserem Umkreis noch ein ausgesprochener Gegensatz zwischen liberaler und orthodoxer Theologie. Ohne sich religiös überhaupt besonders zu betätigen, neigten meine Eltern mehr zur liberalen Seite. Die protestantische Schulerziehung (drei Jahre Volks-, neun Jahre Höhere Schule – vom sechsten bis zum achtzehnten Jahre – zuerst in Greifswald, dann in Berlin) war völlig nach meinem Geschmack. Zwei Wochenstunden Bibellesen, Katechismus und Kirchenlied gaben mir eine mindestens ebenso bedeutsame Grundlage für die Kenntnis des Menschen, der Geschichte und des Lebens wie die (einseitig) humanistische Bildung an Hand der Klassiker, der klassischen deutschen Dichtung und des Geschichtsunterrichts, die meine Erziehung im wesentlichen bestimmten.

Mit neun Jahren lernte ich in der Ostsee Schwimmen; Strand, See, Salzwasser sind mein eigentliches Element.

Das Kgl. Joachimsthalsche Gymnasium, eine der ältesten Höheren Schulen für die Heranbildung von Geistlichen, Staatsbeamten und Gelehrten in Preußen, wurde in der kleinen Stadt Joachimsthal nördlich von Berlin vom Kurfürsten Joachim Friedrich von Brandenburg im Jahre 1607 gegründet. Im Dreißigjährigen Kriege von den Schweden niedergebrannt, fand es eine Zufluchtsstätte in Berlin, wo es sich auch noch befand, nachdem ich es (1909) verlassen hatte. Zu meiner Zeit wurde es zur Hälfte von Internen besucht (Söhnen von Geistlichen und kleinen Gutsbesitzern, die meist Stipendien hatten), zur andern von Tagesschülern, die bei ihren Eltern wohnten (wie z. B. ich selbst), Söhnen von Professoren, Regierungsbeamten, Geschäftsleuten, jüdischen Rechtsanwälten und Ärzten sowie Offizieren – alles in allem eine recht gute Auslese von eifrigen und vielversprechenden Schülern. Latein und Griechisch herrschten vor, Mathematik und Naturwissenschaften standen an zweiter Stelle, ebenso der Sport. Homer, Plato, Sophokles, Horaz, Goethe und Schiller nahmen einen breiten Raum ein. Englisch wurde nicht verlangt. Französisch hatte ich sechs Jahre lang als Nebenfach. Auf dem Gymnasium bereits entdeckte ich Voltaire, Balzac, Stendhal, Maupassant. Außerdem lernte ich Italienisch und las eifrig Tasso, Boccaccio, Dante, als ich siebzehn oder achtzehn Jahre alt war.

Ein im Grunde einsames Kind mit nur einem – vier Jahre älteren – Bruder, war ich in erster Linie an den humanistischen Fächern interessiert und las uferlos. Theater, Museen, Kunstausstellungen bildeten den Hauptgesprächsgegenstand mit den Klassenkameraden. Wir setzten uns für den Impressionismus in der Malerei, für Ibsen, für Naturalismus und Neuromantik auf dem Theater, in Roman und Dichtung ein gegen den stehengebliebenen viktorianischen Geschmack des Kaisers und der älteren Generation; wir jubelten Max Reinhardt bei seinem Aufstieg zu, applaudierten Thomas Mann und halfen George und Hofmannsthal ebenso gut auf den Schild erheben wie später Rilke, den genialen Lyriker Werfel, dann die expressionistischen Maler Franz Marc, Kokoschka, Nolde, Feininger, Kirchner, Heckel, und wie sie alle heißen.

Ich fand reiche Anregung in den bedeutenden Kunstsammlungen: der ägyptischen Abteilung des Alten Museums in Berlin (Amenophis, Nofretete, Tell-el-Amarna), andererseits in den Vorlesungen hervorragender Gelehrter wie Eduard Meyer an der Universität.

Die eindrucksvollsten Erscheinungen an der Berliner Universität, an der ich von meinem zweiten Semester im Winter 1909 an bis zu meinem Doktorexamen im Sommer 1913 studierte, waren Heinrich Wölfflin, durch den wir Malerei und Architektur in einer Weise sehen lernten, wie es vor ihm niemand tat oder konnte, ferner Andreas Heusler, Professor der nordischen Philologie, Schüler des großen Jakob Burckhardt in Basel, selbst Basler, der, ein wirklich genialer Kopf, Gelehrsamkeit mit literarischem Urteil verband. Außerdem war da noch der große Sprachforscher und Philologe Wilhelm Schulze, bei dem ich vergleichende Sprachwissenschaft im Hauptfach hörte. An Wölfflins Vorlesungen nahm ich nur gelegentlich teil, ich habe nie ordnungsgemäß bei ihm belegt. Auch Heuslers Kolleg habe ich nur nebenher besucht. Ich konnte mich nicht entschließen, mein ganzes Leben der völlig isoliert dastehenden nordischen Kultur zu verschreiben.

Ich studierte germanische Philologie, las die Bibel in allen erreichbaren Übersetzungen, sogar in unbeholfenen alten Mönchsübertragungen in altdeutsche Dialekte. Die mittelalterlichen Minnesänger und Epiker mit ihren Umdichtungen nach Chrestien von Troyes und alten keltischen Texten befriedigten mich wenig; die Germanistik verlor für mich zu jener Zeit allen Reiz infolge der ihr obliegenden Massenschulung künftiger Oberlehrer und durch das Überhandnehmen zweitrangiger Problemstellungen.

Mit Sanskrit als einem Teil der vergleichenden Sprachwissenschaft begann ich mit Selbstverständlichkeit im zweiten Semester und blieb dabei. Die übrigen (germanistischen) Studien schliefen allmählich ein. Sprachwissenschaft blieb mein zweites Hauptfach in Verbindung mit dem Studium des Persischen. Ich trieb auch etwas modernes Persisch und Arabisch, aber vergaß es wieder während meiner fünf Jahre Militärdienst (von 1913 bis 1918), und tat auch später nichts, um ihre Kenntnis wieder aufzufrischen.

Mein Sanskritlehrer Heinrich Lüders war ein Meister der Philologie, unerreicht im Entziffern von Manuskripten und Inschriften, ein hochqualifizierter Spezialist, Repräsentant eines philologischen Könnertums auf dem Gebiete der Indologie, wie man es heute nirgends mehr trifft. Für indische Philosophie jedoch interessierte er sich nicht. Er war ein schlichter, liberal gesinnter Bürger der freien Hansestadt Lübeck, unphilosophisch, unempfänglich für Mystik und mit nur schwach entwickeltem Sinn für künstlerische Qualitäten und Untergründe. So wuchs ich bei einer massiven Diät von Steinen anstatt Brot auf, mit der aber meine Generation dank der preußisch-spartanischen Gymnasialerziehung fertig zu werden wußte. Wir waren ausgesprochen fortschrittsfremd dank den an uns geübten Erziehungsmethoden, dazu durch die Lektüre von Thukydides und Demosthenes unter Anleitung von Lehrern, die es eigentlich für unter ihrer Würde hielten, Schulmeister zu sein, und zum Teil wirkliche Gelehrtennaturen waren, an asketische Mühen gewöhnt.

Während meiner neun Semester an der Universität und auch noch nach meinem philosophischen Doktorexamen war und blieb ich fasziniert von allem, was Indien betraf, ohne es eigentlich zu verstehen. Ich hätte nicht sagen können, was diese Dinge für mich bedeuteten. Ich wußte es selber nicht. Mein Lehrer oder Guru, jener hervorragende Fachmann, besaß keinerlei persönliche Magie, er wußte uns nicht auf den Weg der Wandlungen zu einer Wiedergeburt zu bringen. Wir hegten ehrfurchtsvolle Bewunderung für seine unfehlbare Akribie, seine meisterlichen Methoden; die Befähigung dazu jedoch verstand er nicht weiterzugeben. Ohne sich selbst dessen bewußt zu sein, legte er keinen allzu großen Wert auf seine Hörer, obwohl er seine Vorlesungstätigkeit sehr ernst nahm und sich etwas darauf zugute tat, vielversprechende Schüler wie mich angezogen und für sein Fach gewonnen zu haben. Großenteils unbewußt glaubte er sich selbst in mir wiederzufinden, und ich selbst war zu jener Zeit noch weit von der Erkenntnis entfernt, wie verschieden meine Methode von der seinigen war. So machte ich rein routinemäßige Fortschritte in der Bewältigung von Texten, die bei zunehmender Schwierigkeit völlig verschiedene Zeitalter, Stile, Dialekte und Inhalte repräsentierten. Es war eine technische Schulung, weiter nichts – und eine Möglichkeit für mich, im geheimen unbehindert weiter zu wachsen, ohne mir über dieses Wachstum und seine Richtung eigentlich klar zu sein.

Und doch hatte ich die ganze Zeit nicht etwa das Gefühl, ein Doppelleben, das Dasein eines Gelehrten, Adepten und Fachphilologen auf der einen, und das eines leidenschaftlich ergebenen Jüngers von Nietzsche, Baudelaire, Wagner, Stendhal auf der anderen Seite zu führen. Mein Traum war vielmehr, die indischen Klassiker wie französische Romane auf dem Diwan liegend oder im Eisenbahnabteil zu lesen. Was veranlaßte mich dazu, in meinem fünften Semester dem Studium der abendländischen Kulturen den Rücken zu kehren, die Schiffe zu verbrennen und auf den Spuren Alexanders des Großen und Julian Apostatas gen Osten aufzubrechen?

Ich konnte die schale, öde Atmosphäre der pseudoromantischen Schwärmerei des Westens für das Mittelalter nicht mehr ertragen, diese heruntergekommene, degenerierte Mischung aus Altem und Neuem Testament, klassischem Griechentum, germanischer Heldensage, alles miteinander verbilligt und verwässert für den Gebrauch der Lehrer an Höheren Schulen. Ich hatte das Gefühl, daß die wichtigsten Kämpfe und Entscheidungen auf diesem Gebiet ein oder zwei Generationen früher ausgetragen waren, daß nur noch Nachmahd und Nachlese übrig war. Dies Konglomerat aus Mönchtum und Minnesang, Biedermännerei und Philistertum im Kostüm von Rittern und Schuhmachern, Meistersingern und Lautenspielern, von Gretchen und Evchen war ungenießbar für mich. Wenn ich an Indien dachte, seinen schweren Duft sinnlich zu spüren glaubte, wenn ich den unerforschten und vielleicht unerforschbaren Dschungel vor mir sah, dachte ich an den südlichen Himmel, von dem ich gelesen hatte, besetzt mit seltsamen Sternen und verwirrenden Konstellationen, die nichts Vertrautes hatten für uns; und doch hatte so manche Kultur, hatten viele Kulturen sich im Aufblick zu ihnen und nach ihren so völlig anderen Systemen orientiert. Das Leben war ebenso wirklich in ganz anderen Bereichen, und es mußte sich jedenfalls lohnen, sich nach jenem fernen Ozean zu begeben.

Ich besaß Glauben. Nicht den Glauben, jemals die Charaktere dieser seltsamen anderen Schrift verstehen oder entziffern zu können, wohl aber den Glauben, daß sie ebensoviel, nicht mehr und nicht weniger Wahrheit enthalten würden als die vertraute Schrift, mit der ich aufgewachsen war und die rings um mich her als die Schrift des Wissens und der Wahrheit galt.

Während meine Studiengefährten und später meine Rivalen auf dem Gebiete der Forschung nur danach strebten, sich Gewißheit darüber zu verschaffen, was die fremden Schriften besagten und enthielten, fügte ich zu jeder Feststellung über ihren Inhalt ein aufrichtiges Vertrauensvotum, ein Glaubensbekenntnis hinzu, indem ich mir sagte: »Das behaupten und sagen sie, – und (so setzte ich hinzu) es ist wahr. Es ist die Wahrheit, obwohl ich sie noch nicht verstehe und auch nicht einmal sehr zuversichtlich glaube, daß ich sie jemals verstehen werde.«

Mein Vater starb, als ich seelisch noch ein Kind war, während meines dritten Semesters im Sommer 1910. So wurde mir der ungeheure Kampf um mein Eigenstes gegen diesen turmartig überragenden Vertreter der alten Generation von Gelehrtentitanen erspart, die in Positivismus und einer Beherrschung der Philologie aufgewachsen war, wie wir Jüngeren sie nie mehr erwarben. Erspart blieb mir der Ödipuskomplex, denn mein Guru lag mit seinem Wissen und seinen Grenzen nicht auf meiner Linie. Als ich in den Jahren 1924/25 mit der Abfassung von Kunstform und Yoga im indischen Kultbild den Durchbruch zu mir selbst vollzog, fegte ich ihn einfach über Bord; er verzieh es mir nie und tat viel, mir in meiner Laufbahn Schwierigkeiten zu machen. Ich aber hatte eine Wiedergeburt erfahren, und zwar um einen wahrlich geringen Preis, wenn man bedenkt, daß weder Wunden noch Narben zurückgeblieben waren.

Meine Doktorarbeit über die vedisch-brahmanischen Familiensippen enthält bereits einen – noch schwachen – Ansatz zu dem, was später mein eigentliches Arbeitsgebiet werden sollte.

Im Oktober 1913 kam ich zum erstenmal nach England. Ich brachte drei Wochen bei einem Ferienkurs in Edinburgh und im schottischen Hochland zu, fünf weitere Wochen aber im British Museum, wo ägyptische Bauwerke und babylonische Reliefs mich stärker anzogen als indische Skulpturen. Die indische Kunst ging mir erst auf, als ich nach dem ersten Weltkrieg, in den Jahren 1922-1925, tantrische Texte las. Das Berliner Museum verfügt über gute Stücke. Die erstklassigen Pariser Sammlungen sah ich erst, als ich 1925  Kunstform und Yoga bereits abgeschlossen hatte.

Während ich mich in Nietzsches Genealogie der Moral (eine seiner besten Schriften) vertieft hatte und auf dem Truppenübungsplatz chinesische Grammatik studierte, reifte im Juli 1914 der Krieg heran. Anstatt zu meiner zurückgezogenen, einsamen Existenz eines werdenden Gelehrten zurückzukehren, zog ich ins Feld. Das bedeutete vier Jahre menschlicher, aber auch unter- und übermenschlicher Erfahrungen und Offenbarungen in Schützengräben und Stäben sowie Begegnungen mit mehr Menschen, als ich je zuvor getroffen hatte, und noch dazu in Verhältnissen, die ganz neue Einblicksmöglichkeiten boten. Es war eine Einführung in das Leben (einschließlich des Todes) in symphonischer Form bei denkbar reichster Orchestrierung.

Ohne Schock und Verwundung kam ich wieder nach Hause, zumal ich auf Grund meiner Kenntnis des Englischen und Französischen größere Zeitabschnitte bei Stäben verbracht hatte. Ich wurde schon frühzeitig, im Dezember 1918, entlassen und kehrte zu meinen Studien zurück, um wieder aufzufrischen, was in großem Ausmaß vergessen war.

Der Zusammenbruch des Kaiserreichs, der demütigende und unheilvolle Friedensvertrag machten keinen tiefen Eindruck auf mich, noch weniger die Welle kommunistischer Begeisterung. Ich blieb ein entschieden und hoffnungslos unpolitischer, um nicht zu sagen asozialer Typ. Ich hatte den Krieg nicht heraufbeschworen, aber ich machte auch niemanden verantwortlich dafür; ich kam mir vielmehr wie das vor, was die Franzosen einen » revenant« nennen und was bei Ibsen ein »Wiedergänger« heißt: eine Art Gespenst, das aus einer Katastrophe hatte heimkehren dürfen, in der die besten von uns untergegangen waren. Der einzige Nutzen, den ich aus meiner Teilnahme am Kriege zog, war ein völliges Freisein von der Autorität der älteren Generation, die den Krieg heraufbeschworen und zum schlimmen Ende geführt hatte. Ich sagte mir etwa: »Ich kritisiere nichts und niemanden. Künftig aber entscheide ich selbst, was ich – wenn überhaupt etwas! – ernst zu nehmen gedenke. Ich bin ein Revenant, ein gespenstischer Revenant. Es liegt etwas wie Ironie darin, daß ich zurückgekommen bin. Viel Bessere kamen nicht zurück. Ich habe mein Leben in naiver und gutwilliger Weise für die Ideale der Gemeinschaft aufs Spiel gesetzt. Mit diesem Leben aber, das ich nun wieder mit zurückgebracht habe, kann ich tun und lassen, was ich will, – ich bin frei wie ein Fremdling aus einer anderen Welt. Sie haben kein Recht mehr auf mich.«

Jahrelang folgte ich nun dem traditionellen Schema, d. h. ich arbeitete unter meinen Lehrern an langweiligen Manuskripten, fügte mit buddhistischen Texten beschriebene Fragmente aus im Sande begrabenen Ruinen Innerasiens zusammen – eine Art Puzzle für linguistische Zauberkünstler und philologische Akrobaten. Denn diese Funde enthielten im Grunde nicht viel, was nicht schon aus dem Ceylonese Canon der Pali Text Society bekannt gewesen wäre.

Auf Grund eines provisorischen Auszugs aus einigen dieser Texte, eigentlich für eine kritische Ausgabe bestimmt, die ich nie zu Ende führte, wurde ich Privatdozent in Greifswald unter einem früheren Schüler meines Vaters, der den Lehrstuhl für vergleichende Sprachwissenschaft und Sanskrit geerbt hatte, obwohl er unüberwindliche Hemmungen besaß, irgend etwas zu veröffentlichen, und auch sonst unbedeutend war.

Meine einzige Verbindung mit Pommern bestand darin, daß ich dort geboren war und zwei Semester in Greifswald als Privatdozent verbracht hatte (das erste auf Urlaub in Berlin). Ich habe sonst mit der etwas schwerfälligen, gewöhnlichen und ungelenken halbslawischen Bevölkerung dort nichts gemein.

Mein Vater stammte aus dem linksrheinischen Hügelland, das von 1801 bis 1815 unter französischer Herrschaft stand, dem Hunsrück, einem armen, waldbedeckten, von Stürmen durchfegten Gebiet, das zu den üppigen rebengeschmückten Tälern des Rheins, der Mosel und der Nahe, die im Osten, Norden und Süden ein Dreieck bilden, in auffallendem Gegensatz steht.

Sein Geburtsort Kastellaun geht auf das römische und keltische Altertum zurück. »Castell« weist auf eine römische Garnison hin, von der aus die Höhen überwacht wurden und das auf der Gemarkung einer gallokeltischen Stadt errichtet worden war: Castellaun ist Castellodunum, wobei » dunum« die gallokeltische Bezeichnung für Stadt ist, wie wir sie in Lugdunum =  Lyon, Virtodunum =  Verdun finden. Trotz aller Überflutungen durch Einwanderung, kriegerischen Überfall und Eroberung erhielten sich diese armen, wenig anziehenden Höhen durch die Jahrhunderte hindurch fast unverändert. Kelten, Germanen, Römer zogen durch die reichen Täler und ließen sich an den fruchtbaren, sonnigen Rheinufern nieder. Die Bevölkerung ist dunkel, untersetzt, von lederiger Hautfarbe und mit dem dunklen irischen und schottischen Typ aufs engste verwandt. Sie gehört tatsächlich zum gleichen rassischen Bestand wie jene alte vorkeltische und vorgermanische Bevölkerung, die man auf den britischen Inseln, in Frankreich, in den Alpen findet und die die alte westeuropäische Kultur und Bevölkerung repräsentierte, als Zentraleuropa mit Deutschland in der Mitte bis zu den Alpen mit Eis bedeckt war.

Ich vermute, daß dieses vorkeltische Erbe durch eine Art verwandtschaftlicher Verbundenheit meinen Vater (der sich zunächst mit germanistischen und altindischen Studien beschäftigt hatte) endgültig zur Erforschung des Keltischen trieb, einem Fach, in dem er es zu einem bahnbrechenden und absolut erstrangigen Gelehrten brachte. Jahre hindurch reiste er jeden Sommer nach Irland und Wales, unterhielt sich mit Schafhirten, Dorfschullehrern und anderen großartigen, von Anglisierung unberührten Ureinwohnern. Jahrelang zog er irische Geistliche, fortgeschrittene Studierende des Altirischen, nach Greifswald. An diesem ausgefallenen Orte machten sie im Rahmen der Wiederbelebung altirischer Überlieferung die Bekanntschaft mit ihrer alten Sprache und Literatur. An manche von ihnen erinnere ich mich noch genau. Das Andenken meines Vaters wird in Irland heute noch in Ehren gehalten. Die irische Nationaluniversität in Dublin kaufte nach seinem Tode im Jahre 1910 seine Bibliothek und stellte sie in einem Seminarraum als gesonderten Studienapparat für Studierende der keltischen Philologie auf.

Von dieser Seite her dürfte ich entschieden vorarischer, vorgermanischer Herkunft sein. Als Arminius den römischen Eroberungszug durch Westdeutschland zwischen Rhein und Elbe zum Stehen brachte, indem er Varus' Legionen in einen Hinterhalt lockte, standen meine Vorfahren zweifellos auf Seiten der Römer oder flirteten mit römischen Unteroffizieren.

Meine Mutter hingegen war nahe der böhmischen Grenze in Sachsen, und zwar in der durch Spinnerei und Wollweberei bekannt gewordenen Industriestadt Zittau, geboren. Dies war auch der Heimatort des zweitrangigen, aber sympathischen Komponisten Marschner, dessen Hans Heiling durch Wagners glanzvollere Musikdramen in den Hintergrund gedrängt wurde und auch gegen die Opern von Carl Maria von Weber nicht aufzukommen vermochte. Meine Mutter war eines jener sanften, reizenden, altmodischen jungen Mädchen »aus Sachsen, wo die hübschen Mädchen auf den Bäumen wachsen«. Sie war zart, unintellektuell, harmlos konventionell, von ausgeglichener Stimmung, musikalisch, mit einer hübschen Singstimme begabt, und eine gute Klavierspielerin, völlig anspruchslos, hilfsbereit, zupackend und tapfer, ohne es zu wissen. Ganz abgesehen von aller Liebe und Fürsorge, mit denen sie ihre beiden Söhne bedachte, war ihre Imago das Kostbarste, was sie mir mitgegeben hat, zumal im Ausgleich zu der erdrückenden, wenn auch wirklich großen und tiefergreifenden Gestalt meines Vaters. Dieser gutartige, harmonische, tüchtige Archetyp einer Frau hat ganz offenbar meine gefühlsbetonte, romantisch-mystische Haltung gegenüber dem schönen Geschlecht bestimmt, das für mich immer das Anziehendste und Inspirierendste war, was es gibt. Von ihres Vaters Seite her war sie Sächsin mit dem Familiennamen Hirt. Ihre Mutter, meine Großmutter – eine ganz zierliche, liebe, energische und einfache Frau – war wendischer Abstammung: eine geborene Domsch (= Dumic). Diese sächsisch-wendische Mischrasse neigt zur Mystik ähnlich wie der verwandte Menschenschlag in Schlesien (z. B. Jakob Böhme mit dem »Inneren Licht«). Hier mag der Ursprung meiner Vorliebe für Mystik, Mythen und Symbole liegen, während die vorgermanische, vorkeltische, vorarische Herkunft meines Vaters aus einer alten mutterrechtlichen Kultur Europas meine Neigung für die entsprechenden Schichtungen der alten vorarischen Hindukultur (die Große Mutter, das weibliche Prinzip im Tantrismus) erklärt.

Als ich aus dem Krieg heimkam, wußte ich, daß ich von indischen Dingen nichts wußte und daß ich auch zu der Zeit, als ich mein Doktorexamen machte, keine wirkliche Kenntnis davon besaß. Ich hatte nur eine gewisse philologische Routine im Lesen und fehlerlosen Übersetzen verschiedenartigster Texte erlangt. Aber was sie für uns oder in sich selbst bedeuten konnten, lag, wie ich deutlich spürte, jenseits dieser Bemühungen und auch jenseits der Vorstellungen meiner Lehrer und der meisten Kollegen, denen ich begegnet war. Ich sagte mir jedoch häufig selbst: Ich fühle, daß jetzt die Zeit gekommen ist, da man, wofern man nur einen archimedischen Punkt außerhalb davon fände, etwas Wirkliches von dieser indischen Welt verstehen könnte. Diesen Punkt konnte man meinem Gefühl nach nicht in Büchern, durch Forschung oder durch Benutzung von Bibliotheken, sondern nur durch Erleben entdecken. Die Erfahrungen des Krieges waren ein sehr unmittelbarer und aufschlußreicher Aspekt solchen »Erlebens« gewesen; das Dasein der darauf folgenden Jahrzehnte, Erfahrungen mit Männern und Frauen, dazu die magische Szenerie von Heidelberg und dem Neckartal, ferner die Entdeckung außerindischer Werte in Literatur, Kunst, Musik, Psychologie und Medizin halfen mir auf meinen wahren Weg.

Während ich meine Kenntnisse in der indischen Philologie auffrischte und an buddhistischen Manuskriptresten der Berliner Akademie arbeitete, trieb ich ein paar Semester lang intensive Studien im Chinesischen bei dem wundervollen Gelehrten Johann Maria de Groot, einem Holländer, der die vollendetste Verkörperung des taoistischen weisen alten Mannes war. Ich erwarb eine ausgedehnte Kenntnis buddhistischer Texte, die zur Veröffentlichung eines kleinen Bandes von Übersetzungen buddhistischer Legenden führte, in die ich mich geradezu verliebt hatte, und zwar ebenso sehr wegen ihrer künstlerischen Qualitäten als auch wegen ihrer tiefen und tiefbewegenden Bedeutung. Die Schätze der Hindu-Überlieferung wurden mir durch das gewaltige Lebenswerk von Sir John Woodroffe, alias Arthur Avalon, erschlossen, einem bahnbrechenden und klassischen Autor auf dem Gebiete der Indologie, der, in seiner Art unerreicht, durch viele Bücher und sonstige Publikationen den ausgedehnten und verwirrend vielseitigen Schatz der späten Hindutradition zugänglich machte: die Tantras, eine Periode, die ebenso groß und reich ist wie die Veden, die Epen, die Puranas usw.; sie stellen die letzte Kristallisation indischer Weisheit dar, das unerläßliche Schlußglied einer schimmernden Kette, durch das gleichzeitig zahllose Probleme in der Geschichte des Buddhismus und Hinduismus, der Mythologie und Symbolik erhellt werden. Das Gesamtwerk Arthur Avalons wurde kurz nach 1918 in den Bibliotheken des europäischen Kontinents zugänglich. Glücklicherweise hatte ich nicht die Mittel, einen einzigen dieser Bände zu kaufen, so daß ich gezwungen war, sie äußerst genau zu lesen und monatelang Notizen und Auszüge aus ihnen zu machen. Das verhalf mir dazu, mir die tantrische Weisheit wirklich anzueignen, wenn auch für keinen offen zutage liegenden Zweck. Ich war einfach gefangen davon. Ich verlangte danach wie das Kind nach der Flasche.

Schon von meiner Schulzeit an hatte ich mich so sehr für bildende Kunst interessiert, daß meine beiden Eltern erwarteten, ich werde moderne Kunstgeschichte als Hauptfach meines Universitätsstudiums wählen. Doch fühlte ich mich schon während meines ersten Semesters nicht hinlänglich für die Aufgabe der Interpretation von Kunstwerken begabt; zudem erschien mir die Isolierung der Kunst, der Ästhetik, des Schönen als eine Art von kränklicher, ungesunder, einseitiger Entartung, die keine Wurzeln mehr in der Wirklichkeit besaß. Als ich in Heidelberg lebte, im Frühjahr 1924, trat ein in der Kunst des Fernen Ostens spezialisierter Kunsthistoriker, der jetzt an der New Yorker Universität lehrende Alfred Salmony, an mich heran, um mich als Mitarbeiter für eine neugegründete Zeitschrift Artibus Asiae zu gewinnen. Ich konnte ihm keine Mitarbeit in Aussicht stellen, da ich niemals die Denkmäler Indiens selbst noch auch die Sammlungen in Paris gesehen hatte, denn Reisen war ja in den auf den Versailler Vertrag folgenden, im Zeichen der Inflation stehenden Nachkriegsjahren in finanzieller wie politischer Hinsicht unmöglich. Doch kam mir infolge seines Besuches die Idee für eine kurze Abhandlung von vierzig Seiten, die mit der damals vorherrschenden rein ästhetischen Betrachtung indischer Kunst wie auch mit der ganz unfruchtbaren, vom Klassizismus bestimmten Kritik daran aufräumte. Während ich an diesem Aufsatz schrieb, wurde mir klar, daß meine Kenntnis des hinduistischen Tantrismus mir eine wirklich tragfähige Grundlage für das Verständnis und das Studium indischer Kunst gegeben hatte, und so schöpfte ich ausgiebig aus diesem Schatz, um so mehr, als ich das Gefühl hatte, diese wundervolle Esoterik könne von jemandem, der weniger davon durchdrungen war als ich, falsch interpretiert werden. Innerhalb eines Jahres hatte ich Kunstform und Yoga vollendet. Ich schrieb das Buch nicht für Fachgelehrte und auch nicht als Beitrag zu Spezialuntersuchungen über die Materie. Ich mußte es schreiben, um zu mir selbst und auf meinen richtigen Weg zu gelangen. Es gewann mir viel Freunde, von denen ich manche persönlich kenne. Als erste Studie über Mandalas und ähnliche Diagramme zog es die Aufmerksamkeit von C. G. Jung auf sich; andererseits spürten die ausgezeichneten Archäologen der französischen Schule, daß hier etwas im Prinzip Neues geboten wurde. Eine umfangreiche Monographie über Boro Budur von einem französischen Gelehrten basiert auf einigen in diesem Buche enthaltenen Hinweisen.

Nachdem ich das Manuskript abgeschlossen hatte, ging ich im Sommer 1925 zum ersten Male nach Paris. Die indischen Bildwerke, zumal die buddhistische Kunst von Kambodscha und Khmer, sprachen nun selber zu mir.

Durch ein sehr reizvolles kleines Jagdszenenrelief erhielt ich eine Anregung allgemeinerer Art. Es zeigte Jäger auf einem Elefanten, wobei das Tier ihnen mit dem Rüssel das getötete Wild zureichte. Der Anblick versetzte mir etwas wie einen Schlag; mit Selbstkritik und Reue stellte ich fest, daß ich mich zu ausschließlich mit hinduistischem und buddhistischem Yoga und esoterischen Lehren beschäftigt hatte. Hier stand ich einer Szene des täglichen Lebens gegenüber und empfand die Notwendigkeit, meinem Interesse an transzendenter Hinduweisheit durch Kenntnis der Darstellung des Alltagslebens in der indischen Überlieferung ein Gegengewicht zu geben. So versenkte ich mich in die Medizin, die am besten die der Welt zugewandte Weisheit des Hinduismus repräsentiert, und vor allem in die indische Elephantologie. Ich las die veterinärkundliche Enzyklopädie über die Langlebigkeit der Elefanten, Hastyāyurveda, mehr als 7600 Verse und lange Prosakapitel, um mir die Grundlage für die Übersetzung eines kleineren Traktates über die Haltung von Elefanten, Mātangalīlā ( Spiel um den Elefanten) zu verschaffen.

Schon seit Beginn meiner indischen Studien war ich mir bewußt, daß zwischen meiner Auffassung von diesem interessanten Wissensgebiet und der meiner meisten Kollegen, Mitforschenden und wissenschaftlichen Vorgänger ein kleiner, aber doch recht spürbarer Unterschied bestand. Andererseits kam ich zu der Erkenntnis, daß es einige wenige mir geistesverwandte Männer gäbe, die mich mit Bewunderung erfüllten und die ich ganz und gar billigte, wie z. B. Arthur Avalon und J. J. M. de Groot. Das Verhalten der großen Mehrzahl, der typischen Vertreter philologisch-handwerklichen Könnens, die völlig gebannt waren von der Logik des wissenschaftlichen Positivismus, hatten keine innere Beziehung zu dem eigentlichen Gehalt der Stoffe, mit denen sie sich lebenslänglich beschäftigten. Ihre einzige Verbindung zu ihnen bestand in ihrer unpersönlichen Methode. Sie stellten und beantworteten sich die Frage: Welches ist der Sinn dieser Wendungen, Texte, Lehren usw.? Wie ist ihre Beziehung untereinander, ihre Chronologie, ihr Ursprung, welchen Weg haben sie zurückgelegt? Aber niemals fragten sie sich: Sind diese Aussagen gültig – gültig für uns, gültig für alle Zeiten und losgelöst von dem Zusammenhang, in welchem sie erscheinen? Während die anderen beim Analysieren, Sezieren, Klassifizieren und Konservieren der Texte stehenblieben, begleitete ich im Innern alles, was ich las und wenigstens zum Teil zu verstehen glaubte, mit dem stets wiederholten Bekenntnis: »Das bedeutet es, und – was mehr ist – es ist Wahrheit. Ich glaube, daß es ein sehr bedeutungsvoller Aspekt der Wahrheit ist, obwohl ich nicht imstande bin, es mit den westlichen Auffassungen von Wirklichkeit und Wahrheit in Einklang zu bringen. Es mag sein, daß ich das niemals in vollem Umfange erreichen werde, aber ich glaube an die innere Gültigkeit dieser geheimen Schrift.«

Es war meines Erachtens nicht das Richtige, die östliche Weisheit mit Haut und Haar zu schlucken, wie Theosophen und Neobuddhisten es tun. Es handelte sich vielmehr darum, sie so umzugestalten, daß sie sich in den Zusammenhang unseres eigenen Erlebens und unserer Denkgewohnheiten einordnen ließ, also um einen Prozeß wechselseitiger Umwandlung und Anverwandlung. Geistige Nahrung, die assimiliert worden ist, assimiliert denjenigen, der sie in sich aufgenommen hat. Sie formt und verwandelt seine Substanz.

Im Laufe dieses Prozesses, der das ganze Leben hindurch andauert, kam ich zu der Erkenntnis, daß diese Haltung des innerlichen, antizipierenden Glaubens an die umfassende Gültigkeit einer nur zum Teil verstandenen Offenbarung die Grundhaltung des indischen Adepten und Schülers ist: sraddhā – Glaube an die Worte und die Natur seines geistigen Lehrers und Führers, vollkommenes Hinnehmen der überlieferten klassischen Texte, deren weitreichende Bedeutung sich erst stufenweise beim Heranwachsen und bei zunehmendem Vertrautwerden erschließen kann.

Später erst erfuhr ich, daß dies wiederum die Grundhaltung der christlichen Philosophie der Kirchenväter und der römisch-katholischen Kirche ist, daher das berühmte augustinische » Credo ut intelligam« – ich glaube (an die innewohnende Wahrheit der überlieferten Lehre, d. h. das Geheimnis der Dreieinigkeit, nicht weil ich ihre Tiefe durch Verstehen ermesse, sondern) damit ich (sie in immer höherem Grade) verstehe.

Dies ist die einzig mögliche Haltung der überlieferten esoterischen Weisheit und Philosophie gegenüber, ganz im Gegensatz zu der kritischen, skeptischen Haltung des modernen Denkens eines Descartes, Hume oder Kant, das beim totalen Zweifel beginnt und unter sorgfältiger Kritik voranschreitet, auf das Reich des Intellekts als der einzigen und höchsten Autorität beschränkt, während jene andere Haltung sich der Führung durch eine Lehre anvertraut, die durchaus danach strebt, über die Fähigkeiten und Grenzen des Intellekts und der Sinne hinauszugreifen.

Die wirkliche Aufgabe solcher Studien ist, in legitimer Weise die esoterische Botschaft aus der Ferne mit unserer eigenen Überlieferung und Natur in einen eigentlichen Zusammenhang zu bringen und einerseits der gewollten Blindheit und dem Selbstbetrug der Theosophen, andererseits dem unfruchtbaren Sezieren und herbarienmäßigen Konservieren einer rein verstandesmäßigen Auffassung, wie die rein wissenschaftliche Philologie sie vertritt, aus dem Wege zu gehen.

Die Einsicht, die man schrittweise auf diesem mittleren Weg zwischen den beiden Extremen oder Fallstricken gewinnt, muß naturgemäß zu Anfang bloßes Stückwerk sein, doch darf man niederschreiben, was man durch Assimilation und gegenseitige Anpassung zu verstehen vermag.

Alle meine Bücher und Aufsätze, von Kunstform und Yoga (1926) angefangen, sind Teile und Merksteine eines solchen Umformungs- und Anverwandlungsprozesses: Ewiges Indien, die die Zeiten überdauernden Leitmotive indischer Weisheit und indischen Lebens (1930), Indische Sphären, ein Buch über den Hindumythos, über Hindulehren zur Politik, über Formen und Funktionen des Yoga in Beziehung auf die sichtbare und die transzendente Wirklichkeit, über Maya, über Buddhismus (1935); die Übersetzung einer aufschlußreichen Vedānta-Abhandlung in Aphorismen Anbetung Mir ( Ashtavakragītā) und der fünfhundert Seiten starke Band Maya, der Indische Mythos, Übersetzungen aus den Purānas der Hauptmythen von Vischnu, Schiva und der Göttin, mit Einleitung und Interpretationen; meine Beiträge zu den Eranos-Jahrbüchern 1933, 1934, 1938 und 1939 über die Psychologie des Tantra-Yoga und das Tibetische Totenbuch; über Hindumythen; über die Symbolik der Muttergöttin; über Tod und Wiedergeburt in der vedischen Tradition, verglichen mit orphischen und gnostischen Parallelen; Weisheit Indiens, Hinduparabeln mit ihren Deutungen im Lichte der Psychologie des Unbewußten (1938); die Geschichte vom indischen König mit dem Leichnam (mein Beitrag zu der Festschrift für den 60. Geburtstag von C. G. Jung, Berlin 1935).

Ich muß gestehen, daß das Indien, das mir durch meine Lehrer und die meisten verfügbaren Bücher dargeboten wurde, nicht den Erwartungen und Vorstellungen entsprach, die ich selbst allem gegenüber hegte, was indisch war. Der landläufigen Auffassung Indiens fehlte es an Farbe, Tiefe, Intensität, Substanz und Leben. Jahre hindurch suchte ich nach dem »wirklichen« Indien, »meinem« Indien, dem Indien Schopenhauers.

Den ersten Zugang dazu fand ich durch das großartige Lebenswerk von Arthur Avalon: die gewaltige Reihe tantrischer Texte mit den ihnen ebenbürtigen Einführungen in den Inhalt. Zu derselben Zeit begannen die – gleichzeitig erschreckenden und bezaubernden, auf alle Fälle über alle Begriffe großartigen – Bildwerke zu mir zu sprechen.

Dann gelang es mir, in den indischen Mythos einzudringen. Ich hatte immer unter dem allgemeinen, fast völligen Mangel an Verständnis gelitten, auf den ich in meinen Fachkreisen gegenüber diesem bedeutendsten Ausdruck des indischen Genius stieß. Ich hatte das Gefühl, daß gewissermaßen nichts endgültig errungen sei, solange die Siegel dieses Buches der Offenbarung noch nicht gelöst sein würden.

Sehr viel verdanke ich den Schriften des erstaunlichen Basler Gelehrten Johann Jakob Bachofen, vor allem dem »Mutterrecht« (ein Ausdruck, den Bachofen prägte); sie gaben mir als erste den Schlüssel für die Entzifferung der Bilderschrift von Mythen und Symbolen an die Hand. Bald allerdings wurde ich gewahr, daß dieser Schlüssel, obwohl ein besonderes kunstvolles Instrument, doch nur einer unter vielen war, und als ich ein paar Jahre später Jungs großes Frühwerk Wandlungen der Libido las, begriff ich in tiefem Entzücken und großer Bewunderung, daß es noch einen anderen Menschen gab – und zwar noch dazu ein lebendes Genie –, der einen weiteren Hauptschlüssel zum Schatz der Mythen und Symbole gefunden hatte.

Es fehlt mir vollkommen an Initiative, mich wichtigen und bedeutenden Persönlichkeiten zu nähern; ich muß solche Begegnungen dem Zufall überlassen, denn ich bin außerstande, sie selbst herbeizuführen. Mein persönlicher Kontakt mit Jung kam erstmalig im Jahre 1932 zustande. Zu jener Zeit lenkte ein anderer Indologe, der als Forscher und als Charakter gleichermaßen unzuverlässig war, die Aufmerksamkeit von psychologisch-psychiatrisch gerichteten Medizinern auf das Thema »Yoga«. Nach langer Zusammenarbeit mit Richard Wilhelm auf dem Gebiete der chinesischen Weisheit war Jung nun bereit, ähnliches Material von Indologen zu übernehmen. Hauer hielt ein Seminar über Kundalinī-Yoga in Zürich, und ich selbst führte mich in diesem Kreis im Frühjahr 1932 mit einem Vortrag über die verschiedenen Formen von Yoga in der indischen Überlieferung ein. Von diesem Zeitpunkt an hielt ich jedes Jahr Vorträge in Zürcher und anderen Jung-Clubs, so in Basel, München und Berlin. Das Glück, Jung unter die Menschen zählen zu dürfen, die an den Dingen, die ich zu bieten hatte, Interesse zeigten, was für mich einer der Hauptgründe, weshalb ich die nächsten sechs Jahre noch auf dem Kontinent verbrachte trotz des immer wachsenden Druckes und der Gefährdung durch das Naziregime, sowie der immer lähmenderen, ertötenderen Atmosphäre, die sich rings umher in dem Konzentrationslager ausbreitete, zu dem Deutschland damals geworden war. Niemand kann ausschließlich zu den Sternen oder dem Schweigen der Nacht reden. Man muß sich einen Zuhörer vorstellen können, oder besser noch, einen Menschen kennen, dessen bloßes Dasein zum Reden anregt und den Gedanken Schwingen verleiht, an dessen Wesen man sich mißt bei allem, was man unternimmt. In dieser Hinsicht war und ist die bloße Existenz von Jung, ganz abgesehen von dem, was ich bei den Begegnungen mit ihm davontrug, ja, schon die Tatsache, daß die Natur möglich gemacht hatte, daß dieses einzigartige, gewaltige Exemplar der Menschengattung in mein Leben trat, eine der größten Segnungen meines spiritualen und schlechthin meines Erdendaseins, eines jener Geschenke des Lebens, die man nicht ersinnen oder erbitten kann, sondern die als geheimnisvollen Ausgleich eine gütige Vorsehung auf uns niederströmen läßt.

Ich weiß noch, wie ich, als ich nach meiner ersten Begegnung mit Jung und einem mit ihm zusammen in Küßnacht mit Segeln, Motorbootfahren und Herumsitzen verbrachten Wochenende nach Hause kam, meine Frau, die mich in Heidelberg am Bahnhof abholte, mich zu entschuldigen bat, wenn ich mindestens die nächsten Tage noch übertrieben hochgestimmt sein sollte. Ich hätte nämlich, erklärte ich ihr, ein Menschenwesen von einer An angetroffen, wie ich es nie zuvor zu Gesicht bekommen und auch niemals geglaubt hätte, in unseren Tagen zu finden, das mir jedoch aus indischen Sagen und aus den Gesprächen der Weisen, Yogis, Magier und Gurus schon lange vertraut sei ...

(1943)

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