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Die indische Hütte

Bernardin de Saint-Pierre: Die indische Hütte - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitlePaul und Virginie und die Indische Hütte
authorBernardin de Saint-Pierre
translatorG. Fink
firstpub1840
year1840
publisherVerlag von Dennig, Finck & Co.
addressPforzheim
titleDie indische Hütte
pages311-412
created20050604
sendergerd.bouillon
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Bernardin de Saint-Pierre.

Die indische Hütte.

Übertragung durch G. Fink.

Pforzheim.
Verlag von Dennig, Finck & Co

1840.

 

In London trat vor etwa dreißig Jahren eine Gesellschaft englischer Gelehrter zusammen, die sich die Aufgabe stellten, in verschiedenen Theilen der Welt nähere Belehrung und Beleuchtung in allen Wissenschaften zu suchen, um ihre Mitmenschen aufzuklären und glücklicher zu machen Die Kosten wurden auf dem Wege der Subscription von ihren Landsleuten gedeckt, von Kaufleuten, Lords, Bischöfen, Universitäten und der Königsfamilie von England, an die sich noch einige Regenten aus dem Norden Europa's anschlossen. Diese Gelehrten waren zwanzig an der Zahl, und die Königliche Gesellschaft von London hatte jedem von ihnen ein Buch gegeben, worin der Stand der Fragen, deren Lösungen er zurückbringen sollte, verzeichnet war. Die Zahl derselben belief sich auf 3500. Obgleich sie für jeden der Doctoren ganz verschieden und je nach dem Lande eingerichtet waren, das einer zu bereisen hatte, so standen sie doch alle im Zusammenhang mit einander, so daß das Licht, das über die eine verbreitet wurde, sich nothwendig auch auf alle andern erstrecken mußte. Der Präsident der Königlichen Gesellschaft, der sie mit Hülfe seiner Collegen abgefaßt hatte, war von dem sehr richtigen Grundsatz ausgegangen, daß die Beleuchtung einer Schwierigkeit oft von der Lösung einer andern abhängt, und die wieder von einer vorhergehenden, was bei der Erforschung der Wahrheit viel weiter führt, als man glaubt. Kurz, es war, um mich derselben Ausdrücke zu bedienen, die der Präsident in ihren Instructionen gebrauchte, das herrlichste encyclopädische Gebäude, das je eine Nation den Fortschritten des menschlichen Wissens errichtet hatte: »ein deutlicher Beweis,« setzte er hinzu, »wie nothwendig akademische Gesellschaften sind, um in die auf der ganzen Erde zerstreuten Wahrheiten Einheit und Zusammenhang zu bringen.«

Jeder der gelehrten Reisenden hatte, außer seinem Band Fragen, worüber er Aufklärung suchen sollte, den Auftrag, unterwegs die ältesten Exemplare der Bibel und die seltensten Manuscripte in allen Fächern aufzukaufen, oder wenigstens Nichts zu sparen, um sich gute Abschriften zu verschaffen. Zu diesem Behuf hatten ihnen ihre Subscribenten Empfehlungsschreiben an die Consuln, Minister und Gesandten Großbrittaniens, die sie auf ihrem Wege treffen mußten, und, was noch mehr werth ist, gute Wechsel mitgegeben, die von den berühmtesten Banquiers Londons unterzeichnet waren.

Der gelehrteste dieser Doctoren, der hebräisch, arabisch und indisch verstand, wurde zu Land nach Ostindien geschickt, als der Wiege aller Künste und Wissenschaften. Er nahm seinen Weg über

Holland,

besuchte die Synagoge in Amsterdam

und die Synode in Dortrecht;

sodann in Frankreich die Sorbonne und die Akademie der Wissenschaften in Paris; in Italien eine Menge Akademien, Museen und Bibliotheken, unter andern das

Museum in Florenz,

die St. Markus Bibliothek in Venedig

und die vatikanische in Rom.

In Rom ging er mit sich zu Rathe, ob er, bevor er sich nach dem Orient wendete, nicht die berühmte Universität Salamanca in Spanien besuchen sollte; aus Furcht vor der Inquisition aber zog er es vor, sich geradewegs nach der Türkei einzuschiffen. Er ging also nach

Konstantinpel,

wo ihm für sein Geld ein Effendi Gelegenheit verschaffte, alle

Bücher der St. Sophien-Moschee

durchzublättern. Von da begab er sich nach Egypten zu den Kopten, dann zu den

Maroniten auf dem Berge Libanon,

zu den Mönchen auf dem Berge Karmel,

sofort nach Sana in Arabien,

dann nach Ispahan,

Kandahar,

Delhi,

Agra:

endlich nach dreijährigem Pilgerlauf gelangte er an die Ufer des Ganges, nach

Benares, dem indischen Athen,

wo er mit den Braminen Berathung hielt. Seine Sammlung von alten Ausgaben, Originalbüchern, seltenen Manuscripten, Abschriften, Auszügen und Anmerkungen in allen Fächern menschlichen Wissens war jetzt die bedeutendste, die je ein Privatmann gehabt hat. Man wird mir dieß glauben, wenn ich versichere, daß sie neunzig Ballen ausmachte, die zusammen 9540 Pfund Troges Gewicht wogen.

Voll Freude, die Hoffnungen der königlichen Gesellschaft übertroffen zu haben, war er schon im Begriff, sich mit dieser reichen Ladung von Aufklärung nach London einzuschiffen, als eine ganz einfache Betrachtung ihn mit Kummer erfüllte. Er bedachte nämlich, daß er,

nachdem er mit den jüdischen Rabbinern,

den protestantischen Geistlichen,

den Vorstehern der reformirten Kirche, den katholischen Doctoren,

den Akademikern von Paris, von der Crusca,

von den Arkaden und vierundzwanzig andern der berühmtesten Akademien Italiens,

den griechischen Popen, den türkischen Mollahs,

den armenischen Verbiesten, den persischen Seiders und Casy's,

den arabischen Scheins, den alten Parsi und den indischen Pandekten

zu Rathe gesessen, nicht nur keine der dreitausend fünfhundert Fragen der königlichen Gesellschaft aufgeklärt, sondern nur dazu beigetragen habe, ihre Zweifel zu vervielfältigen; ja sogar, da sie alle mit einander in Verbindung standen, so ergab sich aus dem Grundsatz seines hochverehrten Präsidenten, laut dessen die Dunkelheit einer Lösung den Beweis einer andern verdunkelte, der traurige Schluß, daß die klarsten Wahrheiten auf einmal problematisch geworden, ja daß es unmöglich war, in diesem wüsten Labyrinth sich widersprechender Antworten und Auktoritäten auch nur eine einzige gehörig zu entwirren.

Ließ sich doch dieser Schluß durch einen einfachen Ueberblick beweisen. Unter den Fragen nämlich, die der Doctor entscheiden helfen sollte, betrafen 200 die Theologie der Hebräer; 480 die der verschiedenen Gemeinden der griechischen und römischen Kirche; 312 die alte Religion der Braminen; 508 die Sanskrit- oder heilige Sprache; 3 den dermaligen Zustand des indischen Volkes;

211 den Handel Englands mit Indien;

729 die alten Monumente der Inseln Elephante und Salfette in der Nähe der Insel Bombay;

5 das Alter der Welt;

73 den Ursprung des grauen Ambra und die Eigenschaften der verschiedenen Arten Bezoar; eine die noch nicht untersuchte Ursache des Laufs des indischen Ozeans, der 6 Monate östlich und 6 Monate westlich fließt, und 368 die Quellen und periodischen Ueberschwemmungen des Ganges. Bei dieser Gelegenheit wurde der Doctor aufgefordert, auf seinem Wege so viel als möglich hinsichtlich der Quellen und Ueberschwemmungen des Nils zu sammeln,

die schon so viele Jahrhunderte hindurch die Gelehrten Europa's beschäftigten. Dieser Gegenstand kam ihm jedoch zu abgedroschen vor und nicht ganz passend zu seiner übrigen Sendung. Nun brachte er über jede der von der königlichen Gesellschaft vorgelegten Fragen durchschnittlich fünf verschiedene Lösungen, also auf 3500 Fragen 17,500 Antworten, und wenn jeder seiner neunzehn Collegen eben so viele zurückbrachte, so folgte daraus, daß die königliche Gesellschaft 350,000 Schwierigkeiten zu beseitigen hatte, bevor sie eine einzige Wahrheit auf eine sichere Grundlage feststellen konnte. Also bewirkte ihre ganze Sammlung, statt daß den Instructionen gemäß alle einzelnen Sätze zu einem gemeinschaftlichen Mittelpunkt zusammenliefen, gerade das Gegentheil; sie liefen auseinander, ohne daß es möglich war, sie wieder zusammen zu bringen. Noch ein anderer Gedanke machte dem Doctor viel Herzeleid; zwar hatte er bei seinen mühsamen Forschungen die ganze Kaltblütigkeit seiner Nation und dabei eine Höflichkeit, die er vor seinen übrigen Landsleuten voraus hatte, an den Tag gelegt, und dennoch waren die meisten der Doctoren, mit denen er disputiren mußte, seine unversöhnlichen Feinde geworden. »Was,« sagte er nun, »wird aus der Ruhe meiner Landsleute werden, wenn ich ihnen in meinen neunzig Ballen statt der Wahrheit nichts als neue Ursachen zu Zweifeln, Disputationen und Zänkereien liefere!«

In dieser langweiligen Verlegenheit war er schon im Begriff, sich nach England einzuschiffen, als die Braminen in Benares ihm sagten, der oberste Bramine von der berühmten Pagode zu Jagarnat in der Provinz Orissa am Ufer des Meers, nahe bei einem der Ausflüsse des Ganges, sey allein im Stande, alle Fragen der königlichen Gesellschaft in London zu entscheiden. Dieß war in der That der berühmteste Pandekt oder Doctor, von dem man je sagen gehört hatte: von allen Theilen Indiens und aus allen Reichen Asiens strömten die Gläubigen in Masse herbei um seinen Rath einzuholen.

Alsbald begab sich der englische Doctor nach Kalkutta und wandte sich daselbst an den Director der englischen ostindischen Gesellschaft, der ihn zur Ehre seiner Nation und zur Verherrlichung der Wissenschaften folgendermaßen zu seiner Reise nach Jagarnat aufrüstete. Er gab ihm ein

Tragbett mit einer Sonnendecke von carmesinrother Seide und mit goldenen Eicheln;

ferner zwei Relais von starken Conlis oder Trägern, jedes aus vier Männern bestehend;

zwei Lastträger; einen Wasserträger; einen Flaschenträger, um ihn zu erfrischen;

einen Pfeifenträger; einen Sonnenschirmträger, um ihn vor der Glut der Sonne zu schützen;

einen Masalchi oder Fackelträger für die Nacht; einen Holzspälter; zwei Köche;

zwei Kameele mit ihren Führern, um seinen Mundvorrath und sein Gepäcke zu tragen;

zwei Kuriere, um ihn anzukündigen;

vier Seapoys, die persische Pferde ritten, um ihn zu geleiten, und einen Fahnenträger, der die englische Flagge tragen mußte.

Man hätte den Doctor nach seinem schönen Aufzug für einen Geschäftsführer der indischen Compagnie halten können; nur war der Unterschied, daß der Doctor kam, um Geschenke zu bringen, nicht welche zu holen. Da man in Indien vor hochgestellten Personen nicht mit leeren Händen erscheint, so hatte ihm der Director auf Kosten seiner Nation ein schönes Teleskop und einen persischen Fußteppich für den Obersten der Braminen mitgegeben; ferner prachtvolle Zitze für seine Frau und drei Stücke chinesischen Tafft, roth, weiß und gelb, zu Schärpen für seine Schüler.

Als die Geschenke den Kameelen aufgeladen waren, legte sich der Doctor mit dem Buch der königlichen Gesellschaft auf das Tragbett und reiste ab.

Unterwegs sann er darüber nach, welche Frage er zuerst an den Obersten der Braminen von Jagarnat richten, ob er mit einer der 368 auf die Quellen und Ueberschwemmungen des Ganges bezüglichen oder mit derjenigen beginnen sollte, die den abwechselnden und halbjährlichen Lauf des indischen Meeres betraf und zur Entdeckung der Quellen und periodischen Bewegungen des Oceans führen konnte. Aber obschon diese Frage für die Physik unendlich wichtiger war, als alle, die seit so vielen Jahrhunderten über die Quellen und das Anwachsen des Nils aufgeworfen worden sind, so hatte sie doch damals die Aufmerksamkeit der europäischen Gelehrten noch nicht auf sich gezogen. Er zog es daher vor, den Braminen über die Allgemeinheit der Sündfluth zu fragen, worüber schon so viel disputirt worden ist, oder um noch weiter zurückzugehen, ob die von Herodot berichtete Tradition der egyptischen Priester wahr sey, daß die Sonne mehrere Male ihren Lauf verändert habe, so daß sie im Westen auf- und im Osten untergegangen sey; oder auch über die Zeit der Erschaffung der Welt, die nach indischen Begriffen mehrere Millionen Jahre alt ist. Manchmal dachte er auch, es wäre nützlicher, ihn über die beste Regierungsart für ein Volk oder auch über die Rechte des Menschen auszufragen, für die sich nirgends ein Codex findet; aber diese letzten Fragen standen nicht in seinem Buche.

»Indeß,« sagte der Doctor, »wäre es doch vielleicht gut, wenn ich den indischen Pandekten vor Allem fragte, auf was Art und Weise man die Wahrheit finden kann; denn kann dieß mittelst der Vernunft geschehen, wie ich mich bisher bemüht habe, so ist diese Vernunft bei allen Menschen gewaltig verschieden. Auch muß ich ihn fragen, wo die Wahrheit zu suchen ist: denn ist es in Büchern, so widersprechen sie sich alle; und endlich, ob man den Menschen die Wahrheit mittheilen muß: denn sobald man sie ihnen bekannt macht, bekommt man nichts als Streit und Verdrießlichkeiten. An diese drei Vorfragen hat unser hochverehrter Präsident nicht gedacht. Wenn der Bramine von Jagarnat sie nur lösen kann, so habe ich den Schlüssel zu allen Wissenschaften und, was noch mehr werth ist, so kann ich mit aller Welt in Frieden leben.«

Lang und viel beschäftigten diese Betrachtungen unsern Doctor. Nach elftägiger Reise kam er endlich an den Ufern des Golfs von Bengalen an und unterwegs begegneten ihm eine Masse Leute, die von Jagarnat zurückkamen und alle entzückt waren über das tiefe Wissen des Obersten der Pandekten, den sie um Rath gefragt hatten. Am zwölften Tage mit Sonnenaufgang erblickte er die berühmte Pagode von Jagarnat.

Am Ufer des Meeres, das sie mit ihren großen rothen Mauern und Galerien, ihren Kuppeln und Thürmchen von weißem Marmor zu beherrschen scheint, erhebt sie sich in der Mitte von neun immer grünen Baumgängen, die nach eben so viel Königreichen auslaufen. Jeder dieser Gänge wird von einer verschiedenen Baumart gebildet: Areka-Palmen, Teckbäumen, Kokosbäumen, Mangobäumen, Latanbäumen, Kampherbäumen, Bambus, Benzoe- und Sandelbäumen; sie führen nach Ceylon, Golkonda, Arabien, Persien, Tibet, China, dem Königreich Ava, Siam und den Inseln des indischen Meeres. Der Doctor kam durch die Bambusallee, die sich längs des Ganges und der zauberischen Inseln an seinem Ausflusse hinzieht, zur Pagode. Diese Pagode steht zwar in einer Ebene, ist aber so hoch, daß er sie schon am Morgen bemerkte und erst Abends erreichen konnte. Er mußte wirklich staunen, als er ihre Pracht und Größe in der Nähe betrachtete. Die bronzenen Thore funkelten von den Strahlen der untergehenden Sonne und Adler schwebten um ihren Gipfel, der sich in den Wolken verlor. Rings umher waren große Becken von weißem Marmor, in deren durchsichtigen Wassern ihre Kuppeln, Galerien und Thore sich spiegelten; in den sehr geräumigen Höfen und Gärten daneben standen große Häuser für die Braminen, welche diese Pagode bedienten.

Kaum war der Doctor von seinen Kurieren angemeldet, als ihm aus einem der Gärten eine Schaar junger Bajaderen singend beim Schall der Mohrentrommeln entgegen tanzte. Sie trugen um den Hals Kränze von grauen Blumen und als Gürtel Guirlanden von Jasminblüthen.

Umgeben von ihren Wohlgerüchen, Tänzen und ihrer Musik näherte sich der Doctor dem Thore der Pagode, in deren Hintergrund er beim Schein mehrerer goldener und silberner Lampen die Bildsäule Jagarnats, der siebenten Incarnation Brama's, in Pyramidengestalt, ohne Füße und ohne Hände, bemerkte: diese hatte er verloren, als er die Welt tragen wollte, um sie zu erlösen. Vor derselben lagen mit dem Gesicht gegen die Erde Büßende, von denen die einen mit lauter Stimme gelobten, sich an seinem Festtage bei den Schultern an seinen Wagen hängen und die andern, sich unter seinen Rädern zermalmen zu lassen. Obgleich der Anblick dieser Fanatiker, die unter tiefen Seufzern ihre gräßlichen Gelübde thaten, etwas Schauderhaftes hatte, so schickte sich der Doctor dennoch an, in die Pagode zu treten, als ein alter Bramine, der das Thor hütete, ihn anhielt und fragte, was ihn hierher geführt habe.

Nachdem er es vernommen, sagte er zum Doctor: daß er in seiner Eigenschaft als Franke oder Unreiner sich weder vor Jagarnat noch vor seinem Oberpriester zeigen könne, bevor er sich an einem der Badeorte des Tempels dreimal gebadet, und daß er nichts auf dem Leibe haben dürfe, was von irgend einem Thiere herkomme, besonders nichts von der Haut einer Kuh, weil diese von den Braminen angebetet werde, noch von der Haut eines Schweins, weil dieses ihnen ein Gräuel sey. – »Was soll ich thun?« antwortete der Doctor. »Ich bringe dem Oberhaupt der Braminen einen persischen Teppich aus Ziegenfell von Angora und chinesische Seidenzeuge als Geschenk mit.« – »Alle Gaben,« versetzte der Bramin, »die dem Tempel Jagarnats oder seinem Oberpriester dargebracht werden, sind schon durch das Geschenk gereinigt; nicht so aber verhält es sich mit Euren Kleidern.«

Wohl oder übel mußte der Doctor seinen Rock aus englischer Wolle, seine Schuhe von Ziegenfell und seinen Kastorhut ablegen.

Hierauf badete ihn der alte Bramine dreimal, kleidete ihn in ein sandelfarbiges baumwollenes Gewand und führte ihn an den Eingang vom Zimmer des obersten Braminen. Schon wollte der Doctor mit dem Fragenbuch der königlichen Gesellschaft unter dem Arme eintreten, als sein Geleitsmann ihn fragte, wie dieses Buch gebunden sey. »In Kalbsleder,« antwortete der Doctor. – »Wie!« sagte der Bramine außer sich, »habe ich Euch nicht gleich Anfangs gesagt, daß die Kuh von den Braminen angebetet wird? Und Ihr wagt es, vor ihrem Oberhaupt mit einem in Kalbsleder gebundenen Buche zu erscheinen!« Der Doctor hätte sich im Ganges reinigen müssen, wenn er nicht alle weitern Schwierigkeiten dadurch abgekürzt hätte, daß er seinem Führer einige Pagoden oder Goldstücke anbot. Er ließ also das Fragenbuch auf seinem Tragbett und tröstete sich selbst mit den Worten: »Im Grunde habe ich doch nur drei Fragen an den indischen Doctor zu richten. Ich will zufrieden seyn, wenn er mir sagt, auf was Art und Weise man die Wahrheit suchen muß, wo man sie finden kann und ob man sie den Menschen mittheilen soll.«

Langsamen und feierlichen Schrittes führte der alte Bramine den englischen Doctor in seinem banmwollenen Gewande, baarhauptig und baarfüßig zu dem Oberpriester Jagarnats, in einen geräumigen Saal mit Säulen von Sandelholz. Seine grünen, mit Gypsmörtel und Kuhfladen unter einander bestrichenen Wände waren so glänzend und glatt, daß man sich darin bespiegeln konnte. Der Fußboden war mit sehr feinen sechs Fuß langen und eben so breiten Matten bedeckt. Im Hintergrunde des Saals war ein Auftritt mit einem Geländer von Ebenholz eingefaßt, und auf diesem Auftritt erblickte man durch ein Gatter von rothgefirnißten indischen Rohren hindurch das ehrwürdige Oberhaupt der Pandekten mit seinem weißen Barte und nach braminischem Gebrauche drei baumwollenen Fäden um die Schultern. Er saß mit gekreuzten Beinen auf einem gelben Teppich, so starr und regungslos, daß er nicht einmal die Augen bewegte.

Einige seiner Schüler wehrten ihm mit Fächern aus Pfauenschwänzen die Fliegen ab; andere verbrannten in silbernen Rauchpfännchen Wohlgerüche von Aloeholz, und wieder andere spielten eine sehr anmuthige Melodie auf dem Hackbrett. Der Rest der zahlreichen Versammlung, worunter Fakire, Joguis und Santone waren, hatte sich auf den beiden Seiten des Saales in mehreren Reihen aufgestellt; sämmtlich in tiefem Schweigen die Augen auf den Boden geheftet und die Arme auf der Brust gekreuzt.

Der Doctor wollte Anfangs auf das Oberhaupt der Pandekten zugehen, um ihm sein Compliment zu machen, allein sein Führer hielt ihn in der Entfernung von neun Matten an, und setzte ihm auseinander, daß die Omrahs oder indischen Großen nicht näher hinzutreten dürfen; die Rajahs oder Beherrscher Indiens nur auf sechs Matten; die Prinzen, Söhne des Mogols, auf drei, und nur dem Mogol allein sey die Ehre gestattet, sich dem ehrwürdigen Oberpriester selbst zu nähern, um ihm die Füße zu küssen. Inzwischen trugen mehrere Braminen das Teleskop, die Zitze, Seidenzeuge und den Teppich, was die Leute des Doctors am Eingange des Saales niedergelegt hatten, an den Fuß des Auftritts, und nachdem der alte Bramine einen Blick darauf geworfen hatte, ohne jedoch das mindeste Zeichen von Billigung zu geben, wurden die Sachen in's Innere des Hauses geschafft.

Lange schon hatte sich der englische Doctor auf eine schöne Rede in hindostanischer Sprache besonnen und wollte sie jetzt vortragen, als sein Führer ihn belehrte, daß er warten müsse, bis der Oberpriester ihn frage. Er hieß ihn sodann sich auf seine Fersen setzen, dem Gebrauch des Landes gemäß mit gekreuzten Beinen, wie ein Schneider.

Der Doctor murrte in seinem Innern über diese Masse von Förmlichkeiten; aber was thut man nicht, um die Wahrheit zu finden, zumal wenn man ihr zulieb bis nach Indien gegangen ist! Sobald der Doctor sich gesetzt hatte, schwieg die Musik und nach einigen Augenblicken tiefer Stille ließ das Oberhaupt der Pandekten ihn fragen, weßhalb er nach Jagarnat gekommen sey.

Obgleich der Oberpriester Jagarnats deutlich genug Indisch gesprochen hatte, um von einem Theil der Versammlung verstanden zu werden, so wurden doch seine Worte von einem Fakir einem Andern überbracht, der sie wieder einem Dritten mittheilte, und dieser dem Doctor. Er antwortete in derselben Sprache, er sey nach Jagarnat gekommen, um das Oberhaupt der Braminen, dessen großer Ruf ihn angelockt, um Rath zu fragen und von ihm zu erkunden, auf was Art und Weise man die Wahrheit erkennen könne.

Die Antwort des Doctors wurde dem Obersten der Pandekten durch dieselben Zwischenredner überbracht, durch die ihm die Frage zugekommen war, und so ging es mit dem ganzen übrigen Gespräche. Das alte Oberhaupt der Pandekten erwiderte, nachdem er sich ein wenig gesammelt: »Die Wahrheit kann nur vermittelst der Braminen erkannt werden.« Hierauf verneigte sich die ganze Versammlung und bewunderte die Antwort ihres Oberhauptes.

»Wo muß man die Wahrheit suchen?« fragte der englische Doctor ziemlich rasch weiter. – »Jede Wahrheit,« antwortete der alte indische Doctor, »ist in den vier Beths enthalten, die vor 120,000 Jahren in der Sanskritsprache geschrieben wurden, und deren Verständniß nur allein den Braminen geöffnet ist.«

Bei diesen Worten ertönte der Saal von Beifallsgeschrei.

Der Doctor nahm alle seine Kaltblütigkeit zusammen und sagte zu dem Oberpriester Jagarnats: »Da Gott die Wahrheit in den Büchern verschlossen hat, deren Verständniß nur den Braminen vorbehalten ist, so folgt also daraus, daß Gott ihre Erkenntniß der Mehrzahl der Menschen untersagt hat, die nicht einmal wissen, ob es nur Braminen gibt: wenn aber dieß wäre, so wäre Gott nicht gerecht.«

»Brama hat es so gewollt,« erwiderte der Oberpriester. »Man kann dem Willen Brama's Nichts entgegensetzen.« Das Beifallsgeschrei der Versammlung wurde immer lauter. Endlich, als sie wieder ruhig war, rückte der Engländer mit seiner dritten Frage heraus: »Soll man die Wahrheit den Menschen mittheilen?«

»Oft,« sagte der alte Pandekt, »ist es Klugheit, sie vor aller Welt zu verbergen; aber Pflicht ist es, sie den Braminen zu sagen.«

»Wie!« rief der englische Doctor zornig, »den Braminen soll man die Wahrheit sagen, während sie selbst sie Niemanden mittheilen! Wahrhaftig, die Braminen sind sehr ungerecht!«

Auf diese Worte entstand ein entsetzlicher Tumult in der Versammlung. Sie hatte es ohne Murren mit angehört, daß Gott der Ungerechtigkeit beschuldigt wurde; ganz anders aber war es, als sie diesen Vorwurf gegen sich selbst gerichtet hörte. Die Pandekten, die Fakire, die Santone, die Joguis, die Braminen und ihre Schüler wollten alle auf einmal mit dem englischen Doctor streiten; aber der Oberpriester Jagarnats machte dem Lärm ein Ende, indem er in die Hände klopfte und in sehr entschiedenem Tone sagte: »Die Braminen disputiren nicht wie die Doctoren in Europa.« Sofort stand er auf und entfernte sich unter dem Beifallsgeschrei der ganzen Versammlung, die laut über den Doctor loszog und ihm vielleicht ein böses Spiel bereitet hätte, wäre nicht das Ansehen der Engländer allmächtig an den Ufern des Ganges. Als der Doctor den Saal verließ, sagte sein Begleiter zu ihm: »Unser sehr ehrwürdiger Vater hätte Euch dem Gebrauche gemäß den Sorbet, den Betel und die Wohlgerüche darbringen lassen, allein Ihr habt ihn geärgert.« – »Ich hätte Ursache ärgerlich zu seyn,« erwiderte der Doctor, »daß ich mir so viele vergebliche Mühe genommen habe. Aber worüber hat sich Euer Oberhaupt denn zu beklagen?« – »Wie!« versetzte sein Führer, »Ihr wollt mit ihm rechten? Wißt Ihr nicht, daß er das Orakel Indiens und daß jedes seiner Worte ein Strahl von Weisheit ist?« – »Das wäre mir in meinem Leben nicht eingefallen,« sagte der Doctor, und nahm seinen Rock, seine Schuhe und seinen Hut. Das Wetter war stürmisch und die Nacht im Anzug; er bat um Erlaubniß, sie in einer der Wohnungen in der Pagode zuzubringen; allein man verweigerte ihm eine Lagerstätte, weil er ein Franke wäre. Da die Ceremonie ihn sehr durstig gemacht hatte, so bat er um einen Trank. Man brachte ihm Wasser in einer Flasche, aber sobald er getrunken hatte, zerbrach man sie, weil er als Franke sie verunreinigt hätte.

Jetzt rief der Doctor sehr gereizt seinen Leuten, die in Anbetung auf den Stufen der Pagode lagen, setzte sich wieder auf sein Tragbett und begab sich mit Anbruch der Nacht und unter einem sehr bewölkten Himmel durch die Bambusallee längs des Meeres auf den Rückweg.

»Wahrhaftig,« sprach er bei sich selbst, »das indische Sprichwort hat Recht: Jeder Europäer, der nach Indien kommt, lernt Geduld, wenn er noch keine hat, und verliert sie, wenn er hat. Ich habe die meinige verloren. Wie! ich sollte nicht erfahren können, auf was Art man die Wahrheit finden kann, wo man sie suchen und ob man sie den Menschen mittheilen muß! Der Mensch ist also auf der ganzen Welt zu Irrthümern und zum Streiten verurtheilt: es war schon der Mühe werth, nach Indien zu reisen und die Braminen um Rath zu fragen.«

Während der Doctor auf seinem Tragbett solche Betrachtungen anstellte, zog einer jener Orkane heran, die man in Indien Wettersäulen nennt. Der Wind wehte vom Meere her und trieb die Wasser des Ganges zurück, die sich schäumend an den Inseln bei seinem Ausflusse brachen. Von den Ufern riß er ganze Säulen Sand und von den Wäldern wahre Wolken von Blättern mit sich fort und trug sie untereinander über Fluß und Felder hin hoch in die Lüfte. Manchmal fing er sich in der Bambusallee, und obschon diese indischen Gesträuche so hoch waren, wie die größten Bäume, so bewegte er sie doch wie das Gras auf den Wiesen. Man sah durch den Wirbel von Staub und Blättern hindurch diesen langen Baumgang in eigentlich wellenförmiger Bewegung;

der eine Theil wurde rechts und links zu Boden gedrückt, während der andere sich kreischend wieder aufrichtete. Die Leute des Doctors, voll Angst, zerquetscht oder von den Wassern des Ganges, der bereits ausgetreten war, verschlungen zu werden, nahmen ihren Weg über die Felder hin und auf's Gerathewohl den benachbarten Höhen zu.

Inzwischen kam die Nacht und sie waren schon drei Stunden in der tiefsten Finsterniß weiter gezogen, ohne zu wissen, wohin sie kamen, als auf einmal ein Blitz, der die Wolken theilte und den ganzen Horizont beleuchtete, sie in weiter Ferne rechts die Pagode Jagarnats, die Inseln des Ganges, das aufgeregte Meer und ganz nahe, gerade vor ihnen, ein kleines Thal und einen Wald zwischen zwei Hügeln sehen ließ.

Schnell flüchteten sie sich dahin und schon hörte man das dumpfe Gebrause des Donners, als sie an den Eingang des Thales kamen. Es war von Felsen eingefaßt und voll alter Bäume von erstaunlicher Größe.

Obgleich der Sturm ihre Wipfel mit entsetzlichem Gebrause niederbog. so waren doch die ungeheuren Stämme unerschütterlich wie die Felsen, die sie umgaben. Dieser Theil des alten Waldes schien eine Stätte der Ruhe, aber es war schwer, hinein zu dringen. Palmried, das sich an seinem Eingang schlängelte, bedeckte den Fuß dieser Bäume, und Lianen waren so von einem Stamm zum andern verwachsen, daß man von allen Seiten nur einen Wald von Blättern sah, worin grüne Höhlen zu seyn schienen, aber ohne einen Ausgang. Indeß hatten sich die Reisputen mit ihren Säbeln einen Weg gebahnt, so daß die ganze Gesellschaft mit dem Tragbett hinein gelangte. Sie glaubten sich hier vor dem Sturze sicher, als es auf einmal gußweise zu regnen anfing und sich tausend Ströme um sie bildeten. In dieser Verlegenheit erblickten sie unter den Bäumen in der schmalsten Gegend des Thales ein Licht und eine Hütte. Der Masalchi eilten dahin, um seine Fackel anzuzünden, kam aber bald darauf athemlos zurück und rief: »Zurück, es ist ein Paria!« Entsetzt wiederholte die ganze Truppe das Geschrei: »Ein Paria! ein Paria!« Der Doctor glaubte, es sey irgend ein wildes Thier, und griff schon nach seinen Pistolen. »Was ist ein Paria?« fragte er den Fackelträger. – »Ein Mensch,« antwortete dieser, »der weder Glauben noch Gesetz hat.« – »Ja,« fügte der Anführer der Reisputen hinzu, »es ist ein Indier von einer so ehrlosen Kaste, daß es erlaubt ist, ihn zu tödten, wenn man nur von ihm berührt wird. Wenn wir seine Schwelle betreten, so dürfen wir neun Monde lang in keine Pagode mehr den Fuß setzen, und um uns zu reinigen, müssen wir uns neunmal im Ganges baden und uns eben so oft durch die Hand eines Braminen von Kopf zu Fuß mit Kuhurin waschen lassen.« Die Indier riefen alle zusammen: »Wir gehen nicht zu einem Paria.« – »Wie,« sagte der Doctor zu seinem Fackelträger, »habt Ihr merken können, daß Euer Landsmann ein Paria ist, das heißt ein Mensch ohne Glauben und Gesetz?« – »Als ich,« antwortete dieser, »seine Hütte öffnete, sah ich, daß er mit seinem Hund auf derselben Matte lag, wie sein Weib, der er in einem Kuhhorn zu trinken gab.« Das ganze Gefolge des Doctors wiederholte: »Wir gehen nicht zu einem Paria.« – »So bleibt hier, wenn ihr Lust habt,« sagte der Engländer zu ihnen; »mir sind die indischen Kasten alle gleich, wenn ich nur Schutz vor dem Regen finde.«

Mit diesen Worten sprang er von seinem Tragbett herab, nahm sein Fragenbuch und seinen Nachtsack unter den Arm, die Pistolen und Pfeife in die Hand, und ging ganz allein an die Thüre der Hütte. Kaum hatte er angeklopft, als ein Mann von sehr sanften Gesichtszügen ihm öffnete und sogleich wieder von ihm zurücktrat mit den Worten:

»Herr, ich bin nur ein armer Paria und nicht würdig, Euch zu empfangen; wenn es Euch aber gefällig ist, bei mir unterzustehen, so werdet Ihr mir große Ehre erweisen.« – »Mein Bruder,« antwortete der Engländer, » ich nehme Euer gastfreundliches Anerbieten von Herzen gerne an.« Indeß ging der Paria mit einer Fackel in der Hand, einer Ladung trockenes Holz auf dem Rücken und einem Korb voll Cocosnüssen unter dem Arm hinaus, näherte sich dem Gefolge des Doctors, das in einiger Entfernung von da unter einem Baume stand, und sagte zu ihnen. »Da ihr mir nicht die Ehre anthun wollt, bei mir einzutreten, so bringe ich euch hier Früchte noch in ihren Hülsen, die ihr essen könnet, ohne euch zu verunreinigen,

und hier habt ihr Feuer, um euch zu trocknen und vor den Tigern zu beschützen. Gott behüte euch!« Darauf ging er in seine Hütte zurück und sagte zum Doctor: »Herr, ich wiederhole Euch, ich bin nur ein unglücklicher Paria; da ich aber an Eurer weißen Farbe und an Euren Kleidern sehe, daß Ihr kein Indier seyd, so hoffe ich, daß Ihr keinen Ekel vor den Speisen empfinden werdet, die Euer armer Diener Euch anbieten wird.«

So sprechend stellte er auf eine Matte eine Menge Früchte, Pflaumen, Ignamen, gebratene Kartoffeln, geröstete Pisang-Früchte und einen Topf Reis mit Zucker und Cocossaft angemacht; hierauf begab er sich wieder auf seine Matte zu seiner Frau und seinem Kinde, das neben ihr in einer Wiege schlief. »Tugendhafter Mann,« sagte der Engländer zu ihm, »Ihr seyd weit besser als ich, da Ihr denen Gutes thut, die Euch verachten. Wenn Ihr mir aber nicht die Ehre erweist, neben mich auf diese Matte zu sitzen, so muß ich glauben, daß Ihr mich für einen schlechten Menschen haltet, und verlasse im Augenblick Eure Hütte, sollte ich auch vom Regen ersäuft oder von den Tigern zerrissen werden.«

Der Paria setzte sich auf die gleiche Matte zu seinem Gast und sie fingen Beide an zu essen. Indeß hatte der Doctor das Vergnügen, mitten im Sturme in Sicherheit zu seyn. Die Hütte war unerschütterlich: sie stand nicht nur am engsten Theile des Thales, sondern namentlich auch unter einem War oder Paradiesfeigenbaum, dessen Zweige bis in ihre Spitzen Wurzelknollen treiben und auf diese Art eben so viele Bogen bilden, die den Hauptstamm stützen. Das Blätterwerk dieses Baumes war so dicht, daß kein Regentropfen hindurchdrang, und obschon man das furchtbare Brausen des Orcans und das Krachen des Donners hörte, so bewegte sich doch nicht einmal der Rauch des Herdes, der zur Mitte des Daches herausstieg, und eben so wenig das Licht der Lampe. Der Doctor bewunderte die Ruhe des Hindu und seines Weibes. Ihr Kind, schwarz und glatt wie Ebenholz, schlief in seiner Wiege; seine Mutter wiegte es mit ihrem Fuße, während sie ihm zum Zeitvertreib eine Halsschnur von rothen und schwarzen Angolaerbsen machte. Der Vater warf abwechselnd auf das eine und die andere Blicke voll Zärtlichkeit. Selbst der Hund nahm Antheil an dem allgemeinen Glück; er lag mit einer Katze neben dem Feuer und öffnete von Zeit zu Zeit seine Augen halb, um vertrauensvoll seinen Herrn anzublicken.

Der Paria brachte seinem Gaste, als er genug gegessen hatte, eine Kohle, um seine Pfeife anzuzünden, und nachdem er die seinige gleichfalls angezündet hatte, winkte er seinem Weibe, die zwei Cocosschalen und eine große Kürbißflasche mit Punsch brachte, den sie während der Mahlzeit mit Wasser, Arak, Zitronensaft und dem Saft des Zuckerrohrs bereitet hatte.

 Kapitel 2 >> 






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