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Die Hundeblume

Wolfgang Borchert: Die Hundeblume - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
authorWolfgang Borchert
titleDie Hundeblume
booktitleDas Gesamtwerk
publisherRowohlt Verlag
printrun77. Tausend aller Auflagen
year1959
firstpub1947
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150602
projectid325d891c
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Billbrook

Der kanadische Fliegerfeldwebel, der am späten Abend in Hamburg ankam, setzte seinen schweren Koffer in der Bahnhofshalle auf die Steinfliesen. Er blies die Backen auf und pustete. Er blies einen langen Puster vor sich hin, aber man konnte nicht unterscheiden, ob er es tat, weil die Luft so schlecht war oder weil ihn schwitzte. Die linke und die rechte Hand verschwanden in den Hosentaschen und erschienen mit Feuerzeug und Zigarettenschachtel wieder aus der Versenkung im Tageslicht. Nein, nicht im Tageslicht. Im Lampenlicht. Im trüben dunstigen blinden feuchten Lampenlicht des nächtlichen Bahnhofes. Dann knabberte er sich mit den Zähnen eine Zigarette aus der Papierhülle und ließ sein Feuerzeug Klick machen. Das Feuerzeug machte sein einstudiertes kleines Klick und die dünne gelbe weiche Zunge der Flamme verbrannte den dunkelroten schmalen Schnurrbart des Feldwebels. Sie verbrannte den Schnurrbart nicht schlimm. Aber ihm stieg doch ein unverkennbarer Brandgeruch in die Nase. Als ob Gummi angebrannt wäre. Gummi? dachte er. Er kam nicht darauf, daß versengte Haare ähnlich riechen. Aber auch das »Gummi« dachte er nur so nebenbei. Die Zigarette blieb ungeraucht. Sie lag weiß, merkwürdig neu und sauber auf dem dunklen Boden. Sie war ihm aus dem Mund gefallen. Seine Lippen standen etwas offen. Und er vergaß, das Feuerzeug wieder zuklicken zu lassen. Die kleine Flamme kroch vergessen und verschmäht in den Docht zurück. Er vergaß auch, an Hand seines Taschenspiegels die Verheerungen seines Bartes zu untersuchen. Er vergaß tatsächlich seinen versengten verheerten roten schmalen Schnurrbart und das wäre ihm selbst äußerst erstaunlich vorgekommen, wenn er sich beobachtet hätte. Denn auf seinen Bart, der so verrostet rot und doch so vornehm war mit seiner Schmalheit, auf diesen vornehmen verrosteten Bart hielt er viel. Alles, eigentlich. Und jetzt war er bestimmt verdorben und er nahm nicht einmal den Spiegel aus der Tasche, um sich das anzusehen. Statt dessen ließ er Lippen und Feuerzeug weit offen stehen und eine weiße neue Zigarette auf der Erde liegen. Statt dessen vergaß er Lippen, Feuerzeug, Zigarette. Vergaß Koffer, Kanada, Bart und Brandgeruch. Vergaß und machte den Mund auf. Und sah unentwegt auf ein großes Emailleschild mit vielen unverständlichen schwarzbuchstabigen Worten. Sah unentwegt auf das eine Wort mit den neun schwarzgelackten Buchstaben. Denn dieses Wort, diese neun Buchstaben, dieses neunbuchstabige schwarzlackige Wort war sein Name. Er machte die Augen ganz klein und riß sie plötzlich wieder weit auf. Sein Name blieb. Neun schwarze Buchstaben, lackblank, auf einem großen weißen Emailleschild mit vielen anderen unverständlichen schwarzbuchstabigen Worten. Er sah auf das Schild. Mein Name, dachte er. Ganz klar, ganz offensichtlich. Und in Lack und Emaille. Verrückt, dachte er, verrückt. In Lack und Emaille. Irrsinnig! Blödsinnig! Wahnsinnig! Er war in seinem sechsundzwanzigjährigen Leben zum ersten Male in Hamburg. Er war zum ersten Male in diesem Bahnhof, in dieser Bahnhofshalle, unter dieser blinden Bahnhofslampe, auf diesen stumpfen Bahnhofsfliesen. Und nun stand da, eben hier, wo er zum ersten Male war, sein Name. In Lack und Emaille. Ja, sein Name stand da plötzlich. Das heißt, nicht plötzlich, denn er mußte wohl schon länger so da stehen. Nur für ihn sehr plötzlich. Für ihn sehr plötzlich in schwarz und auf weiß, in Lack und Emaille. Schwarzbuchstabig auf einem weißen Schild stand er da, der Name, der sein Name war, so einfach: Billbrook. Stand da. Stand da unverkennbar. Und das war doch immerhin sein Name. Mitten in einem fremden Land, gelackt und emailliert: Billbrook. Man konnte es gut erkennen und ganz deutlich lesen. Als er sich eine neue Zigarette mit den Zähnen aus der Packung knabbern wollte, sah er, daß seine Hand zitterte. Er grinste. Ja, jetzt grinste er. Eben hatte er sich noch erschrocken.

 

Als er in seinem Hotelzimmer ankam, war er immer noch aufgeregt. Nachdem er seine beiden Zimmerkameraden laut und mit Hallo begrüßt und kennengelernt hatte, erzählte er ihnen sofort von seinem Abenteuer. Abenteuer nannte er es. So sehr hatte er es erlebt, daß es für ihn ein Abenteuer war. Er sagte ihnen seinen Namen, überlangsam und überdeutlich, und dann mußten sie »mal ganz genau aufpassen«. Dieser Name, der sein Name war, sein Name, den er von Amerika, von Kanada, von Hopedale mitgebracht hatte, dieser sein eigener Name stand groß und sehr leserlich in Emaille auf dem Bahnhof zu lesen. Hier auf dem Bahnhof in Hamburg. Und dann beeidete er seinen beiden Zuhörern mehrfach, daß es sich auf keinen Fall um eine Gedenktafel handeln könne. Nein, nein. Das nicht. Er habe noch niemals zwei Zeilen miteinander gereimt, er hätte auch kein Mittel gegen Augenränder oder ein billiges Öl erfunden. Er hätte auch keine Boxmeisterschaft gewonnen. Auch steckbrieflich werde er nicht gesucht, wirklich nicht. Und in Hamburg sei er heute abend zum ersten Male. Wirklich, zum ersten Male.

Als er so weit in seiner aufgeregten Erklärung gekommen war, brüllten seine beiden Kameraden los. Gewaltig brüllten sie. Gehässig, schadenfroh, blechtönig lachte der kleine Schwarze am Fenster. Und vital, vulgär, humorig röhrte der misthaufenblonde Athlet und schlug mit den Fäusten auf den Tisch. Und zwischen Gebrüll und Geknuff brachten sie ihm bei, daß Billbrook ein Stadtteil sei, ein Stadtteil von Hamburg. Ja, doch: ein Stadtteil von Hamburg hieß eben Billbrook. Sie waren immerhin schon ein Jahr in Hamburg. Und als so steinalte Hamburger, die doch fast schon zu den Ureingeborenen gehörten, mußten sie das schließlich wissen. Und Bill Brook, der Fliegerfeldwebel aus Hopedale, mußte ihnen glauben. Er mußte ihnen glauben, trotz des Gebrülls glauben, weil sie ihm nun einen Stadtplan über den Tisch zu und unter die Nase schoben, auf dem sie ihm mit dicken groben Blaustiftstrichen den Teil Hamburgs ankreuzten und umzingelten, der Billbrook hieß. Ja, und als er das nun sah und begriff, da war er beinahe etwas stolz. Ohne Berechtigung natürlich. Aber daran dachte er nicht. Er gönnte sich einen kleinen heimlichen Stolz auf seinen Namen. Und das konnte er sich selbst nicht einmal übelnehmen. Immerhin kam es doch nicht jeden beliebigen Tag in der Woche vor, daß man von Hopedale her über das große Wasser kam und hier in Hamburg seinen Namen großartig und schwarzblank auf weißer Emaille vorfand. Doch, einen ganz kleinen Stolz darüber gönnte er sich und eine großzügige gute Stimmung. Die kam ganz unerwartet, als er merkte, daß er seinen Schreck über den Stolz völlig vergessen hatte. Er sah sich in Hopedale in der Küche stehen und seiner Mutter das Haar zerzausen vor Übermut und Gelächter. Er hörte das Gelächter im ganzen Haus in Hopedale und bis in den Hafen von Hopedale, wenn er das hier, das von dem Stadtteil, der Billbrook hieß, erzählen würde. Das Gelächter und Gestaune und Gezause. Er, würde seinen Kühen mit den Faust die Rippen klopfen und sie auffordern, ruhig ein wenig stolzer zu sein. Oh, das würde er tun. Und darüber, daß er das tun würde, konnte er diesen Abend noch lange nicht einschlafen.

 

Stimmung und Stolz dauerten an bis in den nächsten Tag. Vormittags wunderte der Feldwebel sich darüber. Nachmittags versuchte er dann, sich heimlich den Stadtplan in die Tasche zu stecken. Aber der mit dem blechtönigen Lachen ertappte ihn. Und er klirrte wie eine Konservendose im Wind: »Du willst wohl einen Ausflug machen, was? Bill Brook macht Picknick in Billbrook. Geh hin, mein Lieber, vielleicht machen sie dich zum Ehrenbürger. Oder wolltest du nicht hin? Nicht zu deinem Stadtteil? Wie? Paß auf, sie werden dich zum Bürgermeister machen. Herr Bill Brook von Billbrook. Viel Vergnügen, mein Lieber, im Ernst viel Vergnügen!« Und er klöterte sein schadenfrohes Konservendosenlachen so unverschämt laut durch das Zimmer, daß das georgelte gedröhnte Gelache seines blonden Kameraden bescheiden am Boden vergurgelte. Bill Brook grinste die beiden an. Er strich sich mit dem Mittelfinger über den schmalen verrosteten Schnurrbart, wischte sich dann eine gelachte Träne aus den kurzen Bürstenwimpern und sagte: »Na, dann bis heute abend. Will mal einen kleinen Gang in meinen Stadtteil machen. Bis nachher also.« Dann trat er mit seiner großartigen Laune und mit seinem Stolz vor die Tür.

Einen Augenblick lang freute er sich über den See, der mitten in dieser verrückten Stadt lag, in der es Stadtteile gab, die so hießen wie anständige Leute aus Hopedale in Kanada. Die so hießen wie er. Das war schon eine Stadt, mit einem so feinen See mitten im Bauch, die sowas fertigbrachte. Er schnupperte. Oh, es roch nach Wasser. Salzwasser, schmeckte er. Allerhand, diese Stadt, dachte er und drehte sich um. Er sah nach der wolkigen Sonne, nach der grauen Hamburger Sonne. Dann ging er los. Das ist meine Richtung, sagte er, Ost-Süd-Ost. Und er machte frohe feste Schritte.

Der Nachmittag war warm und goldgrau. Die grauen Hamburger Wolken hingen am Himmel. Bill Brook marschierte mit der goldgrauen Sonne im Rücken und mit guter großartiger Laune nach Südosten. Nach einer Stunde nahm er seine Karte aus der Tasche. Er verglich den bisher zurückgelegten Weg mit dem, der noch vor ihm lag. Zwei Stunden würde er noch gehen müssen. Er hatte sich getäuscht. Man kam in einer fremden Stadt nicht so schnell vorwärts, wie man wollte. Der Stadtplan verschwand in der Tasche und er sah wieder nach Südosten. Er atmete das gute Goldgrau eines Hamburger Sommertages.

Aber dann merkte er, daß sein Stolz abtrudelte wie ein abgeschossenes Flugzeug. Nicht plötzlich. Langsam abtrudelte. In großen Kurven. Und seine großartige Stimmung fing an abzubröckeln wie ein eingetrockneter Kuchen. Er blinzelte zurück in die Sonne. Sie war so goldgrau wie vorher. Er überlegte. Ich bin müde, dachte er. Er nahm eine Zigarette. Natürlich, dachte er, müde bin ich. Das ist alles. Und außerdem ist es ungewohnt für mich, so lange zu Fuß zu gehen. Wann bin ich denn zuletzt eine Stunde zu Fuß gegangen? Zu Hause vielleicht. Ja, höchstens zu Hause. Vor ein paar Jahren. Er schoß den Rest seiner Zigarette wie einen glühenden kleinen Fußball mit der Schuhspitze über das Pflaster.

Aber daß er müde war, das war es nicht. Nein, das nicht. Aber das war es: Bis vor kurzem war er durch Straßen gekommen, in denen Menschen wohnten. Hin und wieder hatte mal eine Hausecke gefehlt, war ein Block ausgebrannt oder zusammengestürzt, war ein Vorgarten umgepflügt, ein Balkon verrückt, ein Dach abgedeckt. Aber die Straßen in diesem Teil der Stadt sahen noch wie Straßen aus, ein bißchen ramponiert, ein wenig wackelig und zerklirrt, aber es waren doch Straßen und es wohnten Menschen links und rechts. Es bellten Hunde in den Straßen zwischen den Bäumen. Es schrien Kinder in den Torwegen und Treppenhäusern, auf Vorplätzen und Hinterhöfen, Kinder, die juchten und schluchzten. Frauen klopften Teppiche in den Straßen, riefen aus den Fenstern, Kutscher schimpften und Mülleimer stanken in diesen Straßen. Mädchen kicherten und Jünglinge pfiffen in diesen Straßen, durch die Bill Brook, der kanadische Fliegerfeldwebel aus Hopedale am Atlantischen Ozean, gekommen war. Links und rechts wohnten Menschen in diesen Straßen, sangen Mädchen beim Fensterputzen, rollten Kanarienvögel lange Roller auf i und ü, es klingelten Radfahrer und Milchflaschen in diesen Straßen, Autos bremsten, keuchten, hupten und in einem Haus zerhackte jemand Mozart auf dem Klavier und man hörte bis auf die Straße, wie eine spitze Altfrauenstimme zählte und mit einem harten Gegenstand den Takt dazu schlug. Bisher hatten Menschen in den Straßen links und rechts gewohnt und die Straßen waren noch richtige Straßen gewesen. Richtige Straßen, wie es sie in Hopedale auch gab. Oder in Ottawa. Oder in Quebec. Aber seit einer halben Stunde war es immer stiller geworden. Immer weniger Menschen wohnten links und rechts in den Häusern und es standen immer weniger Häuser links und rechts von der Straße. Die Kinder, die Hunde und die Autos wurden seltener, immer seltener. Nur der zerhackte Mozart wehte noch zum Hohn durch diese plötzliche Stille. Das Leben wurde immer weniger, seltener, leiser. Dann blieb es ganz weg, kam kaum angedeutet für ein paar hundert Meter wieder, blieb dann doppelt so lange aus, kleckerte sich noch mal mit ein paar Häusern einige Schritte neben der Straße entlang, seltener, weniger. Immer leiser, leiser. Immer leiser wurde das Leben.

Er stand an einer großen Kreuzung. Er sah zurück: Kein Kind? Kein Hund? Kein Auto? Er sah nach links: Kein Kind. Kein Hund. Kein Auto. Er sah nach rechts und nach vorn: Kein Kind und kein Hund und kein Auto! Er sah die vier endlosen Straßenzüge entlang: Kein Haus. Kein Haus! Nicht einmal ein Häuschen. Nicht einmal eine Hütte. Nicht einmal eine vereinsamte, stehengebliebene, zittrige, wankende Wand. Nur die Schornsteine stachen wie Leichenfinger in den Spätnachmittagshimmel. Wie Knochen eines riesigen Skelettes. Wie Grabsteine. Leichenfinger, die nach Gott griffen, die dem Himmel drohten. Kahle, magere, gekrümmte angegangene Leichenfinger. Welche der vier Richtungen er entlang sah, und er hatte das Gefühl, er könne in jeder Richtung der Straßenkreuzung kilometerweit sehen: Kein Lebendiges. Nichts. Nichts Lebendiges. Milliarden Steinbrocken, Milliarden Steinstücke, Milliarden Steinkrümel. Gedankenlos vom gnadenlosen Krieg zerkrümelte Stadt. Milliarden Krümel und einige hundert Leichenfinger. Aber sonst kein Haus, keine Frau, kein Baum. Totes nur. Zerstörtes, Zerfallenes, Zerborstenes, Zerwühltes, Zerkrümeltes. Totes nur. Totes. Kilometerweit, kilometerbreit Totes. Er stand in einer toten Stadt und er schmeckte es fade und übel auf der Zunge. Er war nicht mehr stolz. Seine großartige Stimmung war hinten, oh ganz hinten, bei den letzten Kindern, bei dem letzten Hund und bei den letzten Autos liegengeblieben. Auch die Luft ist hier gestorben, dachte er. Er fühlte die Leichenfinger um seine Brust geklammert. Es war so still und er wagte nicht zu atmen.

Er nahm seinen Stadtplan, er hielt ihn fest in der Hand und es war ihm, als hielte er sich daran fest. Er sah nach der Sonne, die schon ganz flach und goldstaubig im Dunst der fernen Stadt lag. Er sah ganz dünn die Türme der Kirchen. Sie sind nicht wahr, sie sind gelogen, dachte er. So nah waren die Leichenfinger, so eng umstanden sie ihn. Nur die Leichenfinger sind wahr, und die Krümel. Die sind nicht gelogen.

Er nahm sich vor, die Stunde, die er noch nach hatte, doppelt schnell zu gehen. Er ging mitten auf der Straße. Das heißt, er mußte nun mitten auf der Straße gehen, denn die zusammengefallenen, auseinandergerissenen Häuser waren oft weit nach vorn gestürzt und ließen von der breiten Straße nur einen kleinen Strich, schmal und unregelmäßig wie ein Wildwechsel, als Fußpfad übrig. Er sah stur vor sich auf die Erde. Aber er fand seinen verlorenen voreiligen Stolz und seine übermütige Laune nicht wieder. Verloren, zerkrümelt, tot.

Auf einmal sah er, daß es doch etwas Lebendiges in dieser toten hauslosen lärmlosen leichenfingerigen Stadt gab: Gras. Grünes Gras. Gras wie in Hopedale. Normales Gras. Millionenhalmig. Belanglos. Dürftig. Aber grün. Aber lebendig. Lebendig wie das Haar der Toten. Grauenhaft lebendig. Gras wie überall in der Welt. Manchmal etwas übergraut, übertaut, überkrümelt, staubig. Aber doch grün und lebendig. Überall lebendiges Gras. Er grinste. Aber das Grinsen gefror, weil sein Gehirn ein Wort, ein einziges Wort, dachte. Das Grinsen wurde grau und staubig wie das Gras an einigen Stellen. Aber eisig übertaut. Friedhofsgras, dachte das Gehirn. Gras? Gut, Gras, ja. Aber Friedhofsgras. Gras auf Gräbern. Ruinengras. Grausames gräßliches gnädiges graues Gras. Friedhofsgras, unvergeßliches, vergangenheitsvolles, erinnerungssattes, ewiges Gras auf Gräbern. Unvergeßlich, schäbig, ärmlich: Unvergeßlicher gigantischer Grasteppich über den Gräbern der Welt.

Gras. Aber sonst begegnete er niemandem. Oder doch. Ein Laternenpfahl begegnete ihm, eine Telefonzelle und eine Anschlagsäule. Die traf er. Und der traurige krumme verbogene Laternenpfahl kam auf ihn zu und kicherte tränenerstickt: Ich kann nicht mehr leuchten. Ich bin kaputt. Ich bin liquidiert. Ruiniert. Total ruiniert. Ich mache kein Licht mehr. Ich scheine nicht mehr. Ich habe den Sinn meines Lebens verloren: Ich leuchte nicht mehr. Und an einer Ecke erwartete ihn eine traurige durchlöcherte durchsiebte Telefonzelle und wisperte tränenerstickt: Mir hat man die Eingeweide zerrissen und das Gehirn geklaut. Auch mein schönes neues rotes Buch mit den vielen Nummern und Namen. Alles futsch. Jetzt telefoniert kein Schwein mehr in mir. Nur dieses ordinäre Gras macht es sich in mir bequem. Und dann winkte ihm eine schiefe schwatzhafte Anschlagsäule zu und flüsterte mit dicker dummer Stimme tränenerstickt: Ist es nicht schändlich, hören Sie? Kein einziges Plakat hat man. Wie? Keinen Aufruf, keine Kinoreklame, keinen Befehl. Kein Plakat. Nix. Schändlich, nicht wahr? Außerdem stehe ich vollkommen schief und nackt da. Das kommt übrigens alles von den Bomben, wissen Sie, das Schiefstehen. Und das andere. Alles von den Bomben. Diese Bomben wirkten ja tatsächlich eklatant. Entsetzlich, schändlich eklatant.

Und alle, Laterne, Telefonzelle und Litfaßsäule, alle gleich traurig und in ihren Tränen erstickt. Und Bill Brook, der Kanadier, der Flieger, der Farmer aus Labrador, wie sie: Traurig. Und er fühlte sich wie sie: Krumm, durchsiebt, schief. Und er machte seine Schritte noch ein paar Zentimeter größer. Die Sonne hinter ihm wurde müde und sah nur noch mit einer Hälfte über die Silhouette der Stadt hinweg. Bill Brook, der Feldwebel, der so stolz und gut gelaunt losgezogen war, machte nun Riesenschritte. Und die verwehten ohne Widerhall in der flachen toten Stadt ohne Trost, die keine Stadt mehr war, die nur noch Wüste war, Ebene, Öde, Feld, Steinacker: Friedhof ohne Friede mit graugrünem Gras und einigen hundert erstaunt stehengebliebenen Schornsteinen als mageren, düster drohenden Leichenfingern.

Er fühlte sich unbehaglich, Bill Brook, und er war froh, als er plötzlich auf einer leicht geknickten geländerlosen Brücke vor einem kleinen hellen grünsilbernen schlickschwarzen Kanal stand. Er vergaß froh die Wüste, die im kilometerweiten Kreis ihn umkreiste. Er war ganz glücklich auf einmal und er hätte beinahe in die Hände geklatscht wie vor einem Geburtstagstisch, der sechsundzwanzigjährige Mann, als er am Kanalufer ein paar kleine bunte lebendige Gärten, Wäscheleinen und Rauchfähnchen sah. Junge auch! knirschte er zwischen seinen breiten weißen Zähnen. Denn da schrien Kinder, eine Frau sang, einige Männer schimpften auf die Spielkarten, eine Gießkanne zischte, ein Dackel hustet. Junge auch, und die Unterhosen, die Strümpfe, die hellblauen, blaßroten Büstenhalter auf der Wäscheleine wedelten und ruderten und winkten aufgeregt: He, Herr Feldwebel, kommen Sie getrost näher. Sie können ruhig mal rüberkommen, Herr Feldwebel, wirklich, genieren Sie sich nicht. Kommen Sie nur.

Und Bill Brook, der Mann aus Labrador, schlug erleichtert mit beiden Fäusten auf das Stück Brückengeländer, das aus Versehen stehengeblieben war. Und er dachte glücklich: Sieh mal an! Diese kleinen süßen Bretterbuden! Wie kleine appetitliche Paläste! Und aus den Fenstern und Dächern kommen diese allerliebsten herrlichen gebogenen verdrehten Ofenrohre. Und aus diesen prächtigen pechschwarzen Rüsseln von Ofenrohren kommt so ein ganz blauer beweglicher krauser Rauch. Holzrauch, Pappenrauch, Rauch von gestohlenen Planken und Zäunen. Richtiger lebendiger lebenskräftiger unschuldig himmelblauer kräuslicher Rauch! Einen Moment, du verwegener alter Rauch, Moment, du alter hustender Dackel, Moment, ihr bildschönen Büstenhalter, einen Moment: Ich komme! Ich komme mal eben runter zu euch, wenn es recht ist.

Der Kanadier ließ das Brückengeländer los, flankte über eine flache Steinschuttmauer und rutschte bis zu einem kleinen gelben Sandweg die Böschung hinunter. Dieser kleine gelbe Sandweg ringelte sich auf die paar Gartenhäuschen zu und da standen schon zwei Frauen und rieben mit den Händen an ihren Schürzen und sahen dem Fremdling gierig, neugierig, menschgierig, abwechslungsgierig entgegen. Und da hörte schon eine Gießkanne mitten im Zischen auf und ein Mädchen leckte erwartungsvoll mit ihrer Zunge ihre Nasenspitze ab. Aber die beiden Frauen und die Gießkanne und das Mädchen wurden enttäuscht. Der Fremde, dieses Neue, das Ereignis, kam nicht ganz hin bis zu ihnen. Sie machten lange Hälse, Frauen, Gießkanne und Mädchen, aber er kam nicht näher.

Der Fremde blieb vorher stehen. Er blieb stehen, weil vor ihm, neben dem kleinen gelben Sandweg auf der Kaimauer zwei Männer und eine Katze saßen und angelten. Die Männer angelten mit Stöcken und Schnüren und Würmern. Die Katze mit den Augen. Und da blieb der Fremde stehen. Und die Frauen und die Gießkanne und das Mädchen gingen wieder an die Arbeit, als sie das sahen.

Die beiden Männer saßen auf der Kaimauer und ließen drei Beine übers Wasser hängen. Drei Beine? Drei Beine. Der eine war alt und grau und abgenutzt und schlau und vergnügt. Der andere war ganz jung, gerade angefangen, verdorben, zerpflückt, zerstört und ganz jung. Und er hatte nur ein Bein, das er über die Kaimauer hängen lassen konnte. Und dann war da noch die Katze, und die tat völlig uninteressiert und weltabgewandt. Aber Bill Brook sah, daß sie ein ganz fischlüsternes Gesicht hatte. Solche Gesichter machten die Katzen in Hopedale auch, genauso. Bill Brook lachte und dann grüßte er die beiden Männer (und die Katze eigentlich auch mit), als er bei ihnen stehenblieb. Sie sahen auf. Und sie sahen ihn an, als wenn er und sein Gruß zehn Kilometer weit weg wären. Dann nickte der ältere und man konnte erkennen, daß er früher, vorher, sicher vergnügt sein konnte. Er nickte. Der Junge, der nur das eine Bein behalten hatte zum Hängenlassen, der nickte nicht. Aber er sah ihn noch einmal an und stellte ihn dann noch hundert Kilometer weiter weg. Er stellte ihn mit diesem einen Blick nach Kanada zurück und in diesem Kanada gab es keine Sonne, keine Liebe, keine Verständigung. Er stellte ihn in ein Land ohne Gießkanne, ohne Hunde, ohne Mädchenaugen. Und da ließ er ihn stehen und verschwendete seinen Blick nicht länger an ihn. Er fuhr fort, sorgfältig einige Tabakreste in ein Stück Papier zu bröckeln, das er auf seinem Stumpf ausgeglättet und mit dem Handballen geplättet hatte. Der Kanadier fühlte die hundert Kilometer und er fühlte die Verstoßung in ein Land ohne Verständigung, und um nicht so weit weg zu bleiben, setzte er sich neben den Alten auf die Mauer. Nun hingen fünf Beine überm Wasser. Er nahm seine Zigarettenpackung und gab sie dem Alten. Und er machte ihm klar, daß er sie behalten und mit dem Jungen teilen sollte. Der Alte sah ihn plötzlich aus großer Nähe an und sagte: Danke. Und sagte das wie: Siehst du, bist'n ordentlicher Kerl. Hab ich gleich gemerkt. Auch ohne Zigaretten. Damit gab er dem Jungen neben sich die restliche Packung. Der aber nahm die Zigaretten langsam und beinahe betont bedächtig aus der Hülle und schnippte sie wie beiläufig und gelangweilt mit zwei Fingern ins Wasser. Weit ins Kanalwasser. Einzeln. Genießerisch tat er das. Acht Zigaretten schnippte er einzeln mit den Fingerspitzen weit in den grünschwarzen Kanal, und die Katze sah ihnen aufgeregt nach. Bill Brook machte die Stirn kraus. Dann dachte er an das eine Bein, das von der Kaimauer hing.

Der Alte schob die beschneiten Augenbrauenbüsche hoch bis an den Haaransatz und knurrte den Jungen an: »Spleen, was? Du kennst keine Gesichter.« Der Junge leckte sich seine Zigarette zu, spuckte einen Tabakfussel in den Kanal und sagte, ohne den Mund zu bewegen: »Gib mir lieber Feuer.«

Dann sahen sie alle drei auf den schwarzgrünen Silberschlick. Bill Brook fror in dem Land ohne Sonne und ohne Gießkanne und er nahm seinen Stadtplan und hielt sich daran fest. Er fragte den Alten, ob er hier nach Billbrook käme. Dem Stadtteil Billbrook, wiederholte er wichtig. Und als ob es für die Angler mit den drei Beinen etwas anderes gäbe, das Bill Brook heißen könnte. Der Alte nickte, hob sechsmal seine kurzen Finger hoch, die vom Regenwürmersuchen voll schwarzer Erde waren, und sagte dann: Minuten. Er zeigte noch einmal sechzig kurze schwarze Finger: sechzig Minuten. Bill Brook suchte die goldbraune Sonne, und als er sah, daß sie nicht mehr da war, dachte er: Jetzt kann ich nicht mehr hin nach Billbrook, nach dem Stadtteil Billbrook, nach meinem Stadtteil. Sonst wird es Mitternacht, bis ich nach Hause komme. Und er freute sich beinahe, daß er umkehren mußte. Er dachte an die arme krumme Laterne, an die traurige Telefonzelle dachte er und an die unglückliche Plakatsäule. Er stand auf. Der Alte sah an seinen langen blau uniformierten Beinen hoch. Er leckte sich den Daumen und den Zeigefinger sauber, nahm den blauen Stoff vorsichtig dazwischen, rieb ihn andächtig und schob auf seiner Unterlippe sein fachmännisches Urteil raus. »Gut, gut«, sagte er. Bill Brook sah an sich nieder. Er schämte sich etwas. »Gut, ja, gut«, sagte er dann aber doch. Dann zeigte er in alle vier Himmelsrichtungen und fragte: »Alles kaputt?« Der Alte antwortete. Ganz leise tat er das: »Alles«, nickte er. »Drei Stunden links. Drei Stunden rechts. Dahin und rückwärts auch: Alles.« Und er sagte: »Barmbek, Eilbek und Wandsbek« und »Hamm und Horn«, sagte er. Und »Hasselbrook«. Und »St. Georg und Borgfelde«. Er sagte »Rothenburgsort und Billwerder«. Und »Hammerbrook«. Und »Billbrook«. Und er sagte »Hamburg« und sagte »Hafen« und nochmal »Hamburg«. Und er sagte es so, daß Bill Brook glaubte, er hätte Kanada gesagt und hätte Hopedale gesagt. »Hafen« sagte er und »Hamburg«! Und dann wollte er wieder seine kurzen erdigen Finger hochheben und dem Fremden Zahlen vorzählen – aber dann winkte er mit beiden Armen ab und sagte nur: »Ach! In zwei Nächten. In zwei Nächten alles kaputt. Alles.« Und sein Arm machte einen Kreis, in dem eine ganze Welt Platz hatte. Bill Brook hob zwei Finger: »Zwei Nächte? Nein! Zwei? Zwei Nächte?« Er lachte laut und erschrocken. Er lachte, und es war wie kleine Schreie, laut und erschrocken. Die ganze gewaltige große Stadt – in zwei Nächten? Er wußte nicht, was er anderes tun sollte, als lachen. Er dachte an Hopedale und er dachte: Zwei Nächte. Hopedale würde sein wie eine Lüge. Hopedale würde nicht mehr wahr sein nach zwei Nächten. Gelogen. Getilgt. Er dachte, daß vielleicht zehntausend Menschen unter der flachen Stadt liegengeblieben waren. Er lachte: Zehntausend Tote. Flach, platt und tot. Zehntausend in zwei Nächten. Eine ganze Stadt! In zwei Nächten. Flach, platt, tot.

Der Kanadier konnte nicht aufhören zu lachen. Er lachte und lachte. Aber er lachte nicht aus Freude und nicht aus Lust. Er lachte. Lachte aus Unglauben, aus Überraschung, aus Erstaunen, aus Zweifel. Er lachte, weil er es sich nicht vorstellen konnte. Er lachte, weil es ihm unmöglich erschien. Lachte, weil es ungeheuerlich war. Er lachte, weil es ihn fror, weil es ihn erstarren ließ, weil es ihm graute. Es graute ihm und er lachte. Der Kanadier stand in seiner sauberen blauen Uniform in einer unermeßlichen unvergeßlichen Wüste von Steinen und Toten und lachte. Stand mit seinem sauberen glatten Gesicht abends am Kanal neben zwei Anglern, und die hatten staubige faltige Gesichter und hatten nur drei Beine. So stand der Kanadier abends am Kanal und lachte. Da ließ der Einbeinige ein Wort aus dem unbeweglichen Mund auf den grünschwarzen Schlick fallen. Und das Wort klatschte wie eine Ohrfeige. Und dabei sah er den lachenden Soldaten an, daß dem das Lachen wie ein Hilfeschrei im Hals steckenblieb. Aber der Alte hatte gefühlt, daß der Fremde nichts anderes hatte tun können, als lachen. Und er hatte gefühlt, daß es ein Lachen aus Grauen war. Daß es voller Grauen war, grauenhaft. Grauenhaft nicht nur für sie beide, grauenhaft auch für den Lacher. Und der Alte sagte zu dem Einbeinigen: »Du kennst keine Gesichter, hab ich dir doch gesagt.« Der Junge zitterte. Und der Alte sagte noch einmal: »Und du kennst keine Gesichter, sag ich dir. Das ist alles.«

Bill Brook verstand nicht, was die beiden sagten. Aber er fühlte den Haß aus den Augen des Einbeinigen. Und er sah, daß die Augen des Alten ihn baten, zu gehen. Er scheuerte seinen Fuß zärtlich an dem Fell der Katze. »Ja«, sagte er, »gute Nacht.« »Nacht«, beeilte sich der Alte, »Nacht«. Bill Brook drehte sich um und ging, und er dachte: Es ist gut, daß ich gegangen bin.

Als er wieder auf der Straße war, störten ihn ein paar rote Flecke am Himmel. Die waren noch von der Sonne. Blutflecke, dachte er und macht lange energische Schritte der in Blut ersoffenen Sonne nach. Regelrecht rostige Blutflecke – unsympathisch, dachte er. Aber da war plötzlich der Nachtwind. Und der kam ihm wohlwollend und kühl entgegen und war voll Weichheit, wie er leise von der Stadt herwehte. Weich war er und leise, wohlwollend und wohltuend wehte er dem Mann ins Gesicht. Kühl und kameradschaftlich wie ein alter Bekannter aus Kanada. Wind. Wind aus Hamburg. Wind aus Hopedale. Nachtwind. Weltwind. Kühl, leis und von der Stadt her. Weltnachtwind. Der Kanadier knöpfte weit sein Hemd auf. Wind, Nachtwind, wehklagend, Wind aus Plattstadt, aus Flachstadt, Wind aus der Totenstadt. Atem, Nachtatem von zehntausend plattgedrückten Schläfern. Der Kanadier ging schnell, schnell und er sang laut vor sich hin. Und es war inzwischen so dunkel geworden, daß er alle paar Schritte mit dem Fuß gegen Ziegelsteine, verkohlte Balken und Mauerbrocken stieß. Aber er fluchte nicht. Nicht ein Mal. Er sang laut in die Dunkelheit hinein. Laut sang er und lustig sang er. Vielleicht sang er, weil er nicht fluchen wollte, wenn er sich stieß. Vielleicht sang er, weil er nicht an die Toten denken wollte. An die zehntausend Flachen mit dem Nachtatem, dem leisen wehmütigen Wind. Oder weil es so dunkel war. Doch, vielleicht war es so, daß er laut sang, weil es dunkel war. Und er ging schnell und sang. Vor ihm, im trüben Lichtdunst, lag die Stadt. Diese verrückte Stadt, von der ein Teil Billbrook hieß. Die einen graugrünen See mit weißen Segeln in der Mitte hatte. Und beispielsweise mal eben zehntausend Tote in einer eigenen Totenstadt. Verrückte Stadt, dachte er. Verrückte, lebendige, tote Stadt! Und er ging schnell und singend und war froh, daß sie da vor ihm lag, sichtbar, hörbar, riechbar, im trüben Lichtdunst des Nachtlebens, trübe und verheißungsvoll, mit dem See mittendrin. Und er ging schnell und laut vor sich hin in das Dunkel hineinsingend. Und neben ihm ging sein Schatten. Als er seinen Schatten neben sich sah, dachte er: Mein Gott, läuft der etwa? Und dann zwang er sich, zehn Schritte wenigstens, ganz langsam zu gehen, und er sang nicht. Und als er einen Stern aus Hopedale suchen wollte und stehen blieb und zu dem tintenfarbenen Himmel aufsah, da rief es ihn an, unterweltlich, unwirklich, unausweichlich, spukhaft. Und es rief: »He, Herr Bill Brook, wollen Sie nicht mal eben hersehen? Mal eben meine neuesten Plakate lesen?« Und was da baßstimmig dröhnend rief, das war die schiefe Anschlagsäule, die sich vor Diensteifer noch tiefer auf die Erde bückte. Sie war kahl und nackt und gespenstig und schimmerte hellgrau und bleichbäuchig durch den schmutzfleckigen Samt der frühen Nacht. Und der Kanadier ging schnell. »Juhu! Bill Brook! Wie ist es mit einem kleinen Telefönchen? Kleines Ferngespräch nach Kanada gefällig? Wie? Etwa so: Tote Stadt gesehen! Zehntausend Tote gerochen! Und Krümel, Krümel, Krümel gesehen. Menschkrümel, Steinkrümel, Stadtkrümel, Weltkrümel. Aber laufen Sie doch nicht weg, Bill Brook, he, juhu!» Die dicke dunkelrote glaslose skelettige Telefonzelle wedelte hysterisch mit der Tür und die zerrissenen Drähte pendelten wie Schlangen im Wind. Der Kanadier ging schnell. Und er sang. Und dann fand er, daß es so aussähe, als ob sein Schatten liefe. Er nahm sich vor, langsam zu gehen. Aber er ging schnell, der Kanadier. Da kam ihm kichernd der verblödete erblindete gekrümmte verödete Laternenpfahl entgegengestolpert und stotterte erregt: »Hoppla. Hallo, Billy, Junge! Soll ich dir leuchten? Heimleuchten? Bin 'n großartiger Leuchter; mein Lieber. Aber Billy, bleib doch, Billy!« Der Kanadier ging schnell. Und er sang laut. Er hatte sein Hemd weit offen. Er sah Hamburg vor sich und er dachte: Hopedale. Und er ging schnell. Er machte Riesenschritte und sein Schatten lief hinterher. Es sah aus, als liefe er. Der Nachtwind kam kühl und Bill Brook ging ihm mit nackter Brust und heißer Stirn entgegen. Und das Dunkel war ein Maul, das spie. Und spie plötzlich zwei gelbe glimmende gleitende Augen aus. Und die Augen kamen ihm entgegen. Und die Augen wurden größer. Und waren gelb und glimmten giftig auf ihn zu. Das muß ein Auto sein, sagte er sich. Natürlich, was sonst? Und wenn es nun kein Auto ist? Aber es ist sicher ein Auto. Gerade als er dachte, es ist vielleicht doch kein Auto, da blieben die beiden glimmenden Augen unvermutet stehen. Er hörte ein Quietschen. Das müssen die Bremsen sein. Dann erblindete das Ungeheuer und die Augen erloschen. Der Kanadier kam heran. Es war ein Auto. Donnerwetter, sagte er da und lachte. Und er fand, daß er eigentlich gar nicht so schnell zu gehen brauchte. Er ging langsamer. Er merkte, daß er ganz naß war. Ich bin so gelaufen. Viel zu schnell. Wie ein Wahnsinniger. Ich glaube, mir war diese tote Stadt mit ihren zehntausend flachen Einwohnern unbehaglich. Ich glaube, ich hatte Angst. Vielleicht hatte ich Angst. Natürlich: Angst. Er gab es sich zu, daß er Angst gehabt hatte. Viel nicht, aber Angst. Warum soll ich auch nicht Angst haben dürfen? Es ist gut, wenn man Angst haben kann. Manchmal ist es gut. Die keine Angst haben, werden Boxer, und ihre Nasen und Seelen sind unförmig und breitgeklopft und häßlich. Und die dürfen keine Angst haben. Arme Boxer. Schlimm für sie, wenn zehntausend Tote ihnen keine Angst machen. Solche Boxer gibt es viel.

Meinetwegen, ich habe Angst gehabt vor den zehntausend Flachköpfigen, Flachbrüstigen. Aber jetzt kommen Häuser auf mich zu. Mit hellen warmen Fenstern und rundköpfigen, lebendigen Menschen. Bill Brook blieb stehen und atmete tief und durstig, als hätte er seit Stunden die Luft angehalten. Und der Nachtwind, der ihn als Atem der Toten angehaucht hatte, wurde warm und vertraut wie der Atem eines großen grauen Tieres. Und das Tier, das ihn ausatmete, hieß Hamburg. Und sein Atem roch nach Topfblumen, frischgegossenen Vorgärten, Abendessen, offenen Fenstern, Menschen. Roch lebendig und warm wie Kuhatem, wie Pferdeatem abends im Stall.

An einer Häuserecke saß sogar ein Hund, vorne Dackel, hinten Terrier, und fegte mit seinem Schwanz enthusiastisch von links nach rechts über die harten Steinfliesen. Als der Kanadier die Ecke erreicht hatte, sah er den Grund zu dem Enthusiasmus des Hundeschwanzes. Der Grund war ein dreizehnjähriges Mädchen, das mit einem Ball spielte. Sie warf ihn um den Rücken herum gegen die Wand und fing ihn mit der Brust wieder auf, wenn er von der Wand zurückprallte. Der Hund hielt den Ball im Abenddunkel vielleicht für ein geheimnisvolles aufregendes Tier. Und der Ball federte leicht und helltönend zwischen der Wand und der Brust des dreizehnjährigen Mädchens hin und her. Und der Hundeschwanz ging mit: Wand – Brust. Wand – Brust. Wand – Brust. Süß, dachte der Mann, der aus der toten Stadt kam. Süß. Aber in fünf Jahren macht sie das auch nicht mehr. Wegen der Brust. Dann ist sie vielleicht achtzehn. Oder zwanzig.

Er lachte laut über seinen Gedanken. Dann ging er weiter. Und ging mit großen sicheren Schritten in die lebendige Stadt hinein. Als Bill Brook eine Stunde später in der Badewanne seines Hotels stand und sich das eisige Wasser über den Rücken prasseln ließ, kam der kleine Schwarze von nebenan mit seinem Konservendosengelächter, stemmte beide Arme gegen die Türfüllung und schrie blechkehlig: »Ohe, Alter, bist du so versumpft, altes Sumpfhuhn, daß du gleich ins Wasser mußt? Kleines schmutziges Verhältnis gehabt, was, Alter? Oder haben sie dich in deinem eigenen Stadtteil mit Dreck beworfen, ja?« Er krümmte sich vor Gelächter, als ob ihm schlechter Schnaps im Gedärm brenne. Bill Brook schmiß ihm die Seife nach und grinste: »Nee, nur 'n kleinen Trip gemacht in die tote Stadt. Kleinen Boxkampf gemacht mit zehntausend Toten. Und alle beinamputiert. Denk bloß, alle einbeinig!«

Der Schwarzhaarige mit dem Blechlachen machte riesige runde Augen und einen dummen großen offenen Mund. »Aha«, klöterte es dann aus seiner Kehle, »ach so, ihr habt gesoffen!« Und damit verschwand er gähnend und beruhigt im Nebenzimmer. Kurz darauf hörte Bill Brook seine beiden Kameraden gewaltig und männlich schnarchen.

Dann setzte er sich an den Tisch, zog die Tischdecke ab und legte sie über die Lampe, damit die beiden Schnarcher nicht aufwachten. Er nahm einen Briefbogen. Und dann saß er vor dem leeren Papier und sah in die Lampe. Er wollte von Billbrook schreiben, von dem Stadtteil Billbrook, von der Telefonzelle, der Litfaßsäule, von der Laterne. Er wollte von den beiden Anglern mit den drei Beinen schreiben, von den Zigaretten im Wasser und vom Gras, vom großen grünen grauen Großstadtgras. Von den Leichenfingern wollte er schreiben, von der toten Stadt und ihren zehntausend flachgedrückten plattgedrückten Einwohnern. Von der toten Stadt wollte er schreiben und von dem Mädchen mit dem Ball. Davon wollte er schreiben. Das wollte er denen zu Hause schreiben, denen in Kanada, denen in Labrador. Aber dann schrieb er kein Wort davon. Dann schrieb er kein Wort von der toten Stadt. Dann schrieb er nur von Hopedale, vom Wind in Hopedale, vom Hafen in Hopedale und vom Wasser in Hopedale. Er sah in die Lampe. Und dann schrieb er unter seinen Brief noch einen Satz: »Ich glaube, es ist nicht so schlimm, daß die beiden Kühe eingegangen sind.« Das schrieb er. Und dann noch: »Nein, es ist bestimmt nicht so schlimm.« Er leckte den Brief zu und sagte: »Es ist auch wirklich nicht so gefährlich mit den beiden Kühen.«

Er stand auf und machte das Licht aus. Dann ging er ans Fenster und sah in die Nacht hinaus. Da drüben blinkten die Sterne in der Alster. Und die Alster lag da schwarz und mittendrin. Und plötzlich klirrten die Fenster. Draußen fuhr eine Kolonne von schweren dicken Lastwagen vorbei. Ihre gelben großen Augen blinzelten durch den Nachtnebel. Ihre Motore schnoben wie eine Herde wütender Elefanten. Die Fenster klirrten heimlich und erregt.

»Schön. Schön!« flüsterte der Kanadier und drückte seine heiße Stirn gegen das kalte Glas.

»Schön, daß hier alles so lebendig ist. Hier. Und in Hopedale.« Und er ging leise ins Zimmer zurück. Heimlich und erregt klirrten die Fenster.

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