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Die Hündchen

Charles Louis Philippe: Die Hündchen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorCharles Louis Philippe
booktitleVisionen
titleDie Hündchen
publisherIbis-Verlag
illustratorLudwig Schwarzer
year1947
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080406
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Charles Louis Philippe

Die Hündchen

Hätte Roussel die Zukunft gekannt, er würde sein Schicksal hingenommen haben. Der Regen tropfte freilich zu ihm herein, wenn ein Gewitter kam, die Fliesen in seiner Behausung waren aufgerissen, der Kamin war in so schlechtem Stand, daß der Ofen, den er hatte setzen lassen, um des Kamins zu entraten, ebenso rauchte wie jener. Selbstredend schlossen die Fenster nicht, sobald es regnet. Das Stiegenhaus war nur bis zum dritten Stock beleuchtet; man riskierte einen Beinbruch, sechs Wochen im Spital zu liegen und nicht einmal die Miete zahlen zu können. Die Klosetts waren derartig, daß er Holzschuhe für sich und seine Frau hatte kaufen müssen, um hineinzugehen und einen Eimer für die Kinder, denn sie wären sonst ernstlich gefährdet gewesen.

Das Haus war alt, man hätte es abreißen sollen. Aber man kann von den Hausbesitzern nicht verlangen, daß sie ihre Häuser abreißen.

Eines Tages war Roussel in Zorn geraten:

»Ich kündige, es gibt noch andere Hausbesitzer!«

In der Tat. Es gab auch andere Hausbesitzer!

Aber er hatte fünf Kinder. Und es traf sich, daß man überall, wo er eine Wohnung suchte, Anstoß daran nahm. Man hätte das auch getan, wenn es nur vier gewesen wären.

Eines Tages riß der Frau Roussel die Geduld. Sie fuhr auf:

»Schon gut, ich warte die nächste Cholera ab, bevor ich wieder anfrage.«

»Herrgott noch einmal!« sagte Roussel, »halte jetzt einfach in den großen Vierteln Umschau, und sage, daß du fünf Hündchen hast.«

Jetzt wunderten sie sich nicht mehr, daß sie keine Wohnung fanden, sondern daß man sie acht Jahre in demselben Hause geduldet hatte. Vielleicht lag es einfach daran, daß sie als Neuvermählte eingezogen waren und damals keine Kinder hatten. Die Frau sagte: »Nun muß ich sie verleugnen auch noch!« Sie tat, wie ihr Mann ihr geraten hatte. Sie verließ das Viertel von Montrouge und wählte in der Nähe des Lion de Belfort ein Haus mit Steinveranden, dessen Tür vergoldet war, und wo die Fenster, um reichhaltiger auszusehen, mit Butzenscheiben ausgestattet waren. Es wohnten dort ein Arzt, ein Architekt und ein Zahnarzt.

Sie machte es wie diese und tat sehr großartig: »Ich habe fünf Hunde, fünf Luxushündchen mit Paletots!«

Und auf eine Reinlichkeitsfrage von Seiten der Portiersfrau erwiderte sie:

»Eine Gräfin hat sie mir geschenkt!«

Der Tag des Umzuges war ein Fest. Es war eine gute Idee, sich in einem schönen Hause einzumieten. Der Teppich lief bis zur fünften Etage und dort oben fühlte man sich so befriedigt, ein Haus mit einem Teppich zu bewohnen, daß er nicht höher reichen brauchte. Auf der sechsten Etage bezogen sie eine Wohnung von zwei Zimmern. Es ist immer vorteilhaft, mit den Reichen so nahe Nachbarschaft zu pflegen. Für den Fall, daß sie sich um ein Stockwerk irren sollten, hatte der Hausbesitzer einen hellen und saubern Vorplatz hier oben angelegt. Die Aussicht war schön; wohl oder übel mußte es dieselbe sein wie für die anderen Etagen. Die Wohnung Roussels sah auf den Friedhof von Montparnasse.

Es gab einen peinlichen Moment, als die Kinder hinaufgeschafft werden sollten. Man wartete die Dunkelheit ab. Sie blieben alle fünf an der Ecke der Straße zurück. Man hatte ihnen gesagt: »Ihr seid Hündchen.« Die Mutter holte eins nach dem andern ab und trug es in ihrer Schürze davon. Sie rollten sich zusammen, um weniger Platz einzunehmen. Das fünfte, das schon sieben Jahre zählte, war zu groß, um in eine Schürze zu gehen. Die Mutter brachte ein Leintuch herunter und wickelte es hinein. Es hatte sich arg gefürchtet, während es ganz allein wartete.

Man beschloß, den ersten Tag ganz still zu bleiben. Die Mutter hatte aus einer alten Hose des Vaters Socken für die Kleinen zugeschnitten. Sie hatten nie welche getragen, und da man ihnen sagte, daß man in Socken wenig Lärm mache, übten sie sich ein, leise zu gehen. Es machte ihnen viel Spaß, kleine Hunde zu sein. Es war nur schade, daß sie nicht auch vier Pfoten hatten, ein Fell und große Ohren.

»Die wachsen euch schon, wenn ihr recht brav seid!« sagte die Mutter. Ungeduldig befühlten sie des öfteren ihre Haut, um zu prüfen, ob die Verwandlung sich noch nicht eingestellt habe. Am meisten freuten sie, sich, wenn sie feststellten, daß ihre Nasenspitzen schon kalt waren.

Dennoch war der Nachmittag gar lang. Es waren kleine Kinder, die für gewöhnlich zur Schule gingen. Sie wußten, daß man mit allerlei Kameraden zu spielen, während man mit seinen Geschwistern zu streiten pflegt. Es waren da immer vier, die einen fünften bedrängten. Die Mutter hatte alle Mühe, den Frieden aufrechtzuerhalten, und es gelang ihr nur, indem sie sagte:

»Der erste, der noch schreit, wird kein Hündchen werden!«

Der zweite Tag ging leidlich vorüber. Die Mutter erfand ein anderes Spiel.

Die Kleinen waren betrübt, als sie des Morgens erwachten und fragten:

»Gelt, Mutter, es ist nicht wahr, daß wir kleine Hunde sind?«

Sie erwiderte:

»Aber nein, ihr seid kleine Kinder, und wenn ihr etwas Schönes sehen wollt, so geht ans Fenster und schaut euch den Friedhof an!«

Den hatten sie schon gestern gesehen, aber ohne darauf zu achten, weil doch kleine Hunde für Naturschönheiten keinen Sinn haben. Ein Glück, daß es so viel Tote gab auf der Welt, denn der Friedhof war groß. Sie erfuhren, daß der wirkliche Himmel viel größer sei, als was zwischen zwei Häuserreihen von ihm zu sehen war. Schon mehrmals hatten sie dies bemerkt, als sie am Sonntag im Park Montsouris gewesen waren, aber selbst wenn sie sich dessen erinnert hätten, würden sie es gerne vergessen haben, um den Friedhof noch schöner zu finden. Und dann enthielt er auch Vögel. Die Vögel, die sie früher im Schulhof erblickt hatten, waren Marodeure. Sie blieben nicht lange, sondern verschwanden mit einem Male. Wohin fliegen die Vögel, wenn sie fliegen? Sie fliegen nach Hause. Aber wo wohnen denn die Vögel? Jetzt vernahmen sie, daß sie im Friedhof von Montparnasse wohnten. Zu fragen, was denn eigentlich ein Friedhof sei, fiel ihnen erst viel später ein. Ihre arme Mutter konnte sich nicht beruhigen, daß sie ihre Kinderlein für Hunde ausgegeben hatte.

»Ein Friedhof«, antwortete sie, »ist der Ort, wo man die Toten hinbringt. Seht ihn euch an ohne Furcht. Die Toten sind die einzigen, welche den Kindern nichts zuleide tun!« Sie fanden heraus, daß ein Friedhof weiße Steine und kleine Häuschen enthält. Sie hätten gern in einem derselben gewohnt, aber dazu hätten sie ja Tote sein müssen. Sie wandten sich an die Mutter.

»Es wäre freilich besser, so allein hat man Ruhe auf der Welt!« Sie hatten jetzt endlich begriffen, daß sie nicht glücklich waren, und mehr noch, sie errieten, daß sie Hunde gewesen waren und sodann bei den Toten gelebt hatten, einfach, weil die Menschen böse sind. So zwar, daß gegen Abend der Ältesten, die ein Mädchen war, etwas Schreckliches widerfuhr. Die Mutter hatte beschlossen, daß eines der Kinder, unter der Bedingung, keinen Lärm zu machen, auf den Gang hinaus könnte. Sie schickte die Älteste an den Brunnen. Sie sagte zu ihr: »Solltest du jemandem begegnen, so komm zurück!« Und so geschah es. Klopfenden Herzens und ganz blaß kehrte sie wieder, und hatte so Fürchterliches zu erzählen, daß sie es kaum hervorbrachte. Sie war einem Manne begegnet. Die Zunge hing ihm heraus, und er pfiff wie eine Schlange. Er hatte rote Augen und hatte sie angesehen, um sie in einen Stein zu verwandeln. Er hatte an den Lippen Zähne auf jeder Seite und wollte sie fressen. Dies war der Gesichtspunkt, unter welchem die Kinder Roussels nunmehr die Menschen ins Auge faßten.

Am dritten Tage ließen sie sich durch nichts ablenken. Es war, als wußten sie. Sie blieben alle fünf sitzen. Sie senkten die Augen, blickten auf ihre kleinen Hände, ihre Füßchen, ihre Beinchen. Sie waren sich irgendwie bewußt, daß sie kein Recht hatten, einen Körper zu besitzen. Sie schämten sich über alles, was sie an sich wahrnahmen, schrumpften ein, und zogen sich in sich selbst zurück, um höchstens ein kleines Etwas zu sein, das niemandem im Wege stand. Es gelang ihnen nicht und sie weinten. Sie weinten still, und wenn ihnen die Tränen in den Mund flossen, dann schluckten sie diese ohne Klage hinunter.

Roussel kannte sich zuletzt nicht mehr aus. So beschloß er eines Abends nach der Suppe folgendes: sie würden alle hinuntergehen, Vater, Mutter und die fünf Kinder und auf der Stiege so viel Lärm machen, als es sieben Personen möglich ist. Sie gelangten zur Portierloge; sie glich dem Bureau eines Polizeibeamten. Dort stellten sie sich auf und riefen aus vollem Halse:

»Es lebe der Sozialismus!«

Der Portier und seine Frau traten hervor, als sie dies hörten. Der Portier sah aus wie ein Soldat, denn alle Reichen sind Offiziere. Roussel wartete nicht ab, daß sie etwas vorbrachten. Er sagte zu diesen zwei Personen, obwohl sie nur zwei waren:

»Lakaiengesindel! Ihr riskiert nicht, daß er kommt. Er mißfiele ja euren Gebietern. Aber sagt nur ein Wort und ich rufe noch dreimal.«

Der Portier war wütend und verriet seine Meinung in einem einzigen Wort. Er sagte: »Schwein!«

Ist es, weil er dies unvorsichtige Wort ausstieß und vom Hausbesitzer gerügt zu werden fürchtete, jedenfalls blieb Roussel unbehelligt, so daß er beschloß – nicht ohne seine Miete zu zahlen, versieht sich – auch in diesem Hause acht Jahre zu verbleiben.








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