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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Fünftes Kapitel

Die Burg Hohen-Ziatz

Der Wetterhahn auf dem Giebel des Wohnhauses drehte sich noch immer in seinen verrosteten Angeln, ob doch der Sturm längst aufgehört hatte. Der Mond sah durch die zerrissenen Wolken auf die alte Burg Hohen-Ziatz, und wenn er ein Gefühl für irdische Dinge hätte, müßte der Mann im Monde sich gewundert haben.

Ein altes verräuchertes Nest hätte es der Reisende bei Tage genannt. Auf einer Anhöhe, die aus den Sumpfwiesen vorragte, war es erbaut. Ringsum, wo die Gräben und Teiche aufhörten, zogen sich weite Föhrenwälder auf unebenem Boden, dessen Bestandteil, der helle weiße Sand, schon dicht neben dem schwarzen Moorboden zutage lag. Enge und krumme Wege schlängelten sich mühsam durch die Waldung, und die Roggen- und Haferfelder, die in der Lichtung der Forst lagen, schienen dem Auge im Verhältnis zu dem Walde so klein, daß es zweifeln konnte, ob die in der Burg lebten, wirklich davon leben konnten. Und doch stieß auf der einen Seite noch ein kleines Dorf daran, dessen elende Lehmhütten sich aus der Niederung in den Wald verloren.

Aber ein sicheres Nest mußte es in den alten Tagen gewesen sein, ein rechter Versteck für Verfolgte. Der Hügel, auf dem das Schloß gebaut war, war nicht Sand, sondern festgestampfte Erde, mit kurzem, dichtem Rasen bekleidet; bei genauerer Betrachtung sah man's ihm an, daß er, wenigstens in seinen oberen Teilen, nicht das Werk der Natur, sondern der Menschenhand war. Ein Bollwerk, ein alter Burgwall der Wenden, das Kastell des älteren Dorfes, auf dem erst später die deutsche Kultur mit Steinen gemauert hatte. Aber ein Schloß, wie sie im Frankenlande, in Schwaben, auch drüben in Sachsen auf den Bergen und Hügeln mit den roten Ziegeldächern in der Sonne flimmerten, war es doch nicht geworden. Die dicken Mauern und Türme, die über und hinter den Erdwällen sich erhoben, waren nicht in dem Verhältnis ausgebaut, als sie angelegt schienen. Mochten den Herren die Mittel oder die Lust ausgegangen sein, mit so schwerem Gerät ein Haus aufzubauen. Sie waren zu dem Stoff und zum Teil zur Sitte ihrer Väter zurückgekehrt, und wo der Stein aufhörte, war mit Holz gezimmert, und wo die gebrannten Steine ausgingen, selbst der Lehm nicht verschmäht, um das Fachwerk auszufüllen. Selbst die Umfassungsmauer schien nicht auf allen Seiten fertig geworden, und wo sie Lücken bot, waren diese durch eingerammte Stämme mit Klammern, Galgenbalken und eisenbeschlagenen Spitzen ausgefüllt. Das Tor war noch ein großer steinerner Bogen, freilich nicht größer als in manchem Bauernhofe der sächsischen Lande, aber der achteckige Turm drüber war schon aus Holz ineinandergefugt, das mit rotem Ziegelstein ausgemauert war, und wo der Ziegelstein ausgefallen, hatte man in spätern Zeiten sich mit Mörtel und Lehm genügen lassen. Bunt genug, und nicht immer sehr rechtwinklig, sah es von draußen aus; aber wenn Markgraf Friedrich der Erste, seligen Andenkens, vor hundert Jahren mit seiner faulen Grete vor der Burg sich gelagert, wäre es schneller zu Ende gegangen mit den Mauern von Hohen-Ziatz, als mit denen von Plauen, Lentzen und den andern, die sieben Ellen dick waren.

Die Bredows von Hohen-Ziatz hatten sich gefügt. Was nicht zu ändern ist, muß man gehen lassen, hatte der Vorfahr des Herrn Götz gedacht, als der erste Spaß vorüber war von der lustigen Schlacht am Kremmer Damm. Sie dankten Gott, daß die fränkischen Kriegsleute an ihrem Sumpf vorübergingen und keiner Lust zeigte, den geschlängelten Damm durch die Wiese hinaufzureiten. Hätte doch Herrn Gottfrieds Großvater für den Fall sich sogar entschlossen, die alte Fahne auszuliefern, die er damals dem Hohenloher im Getümmel abnahm. Nun war sie in Hohen-Ziatz geblieben; nicht im Saal unten bei dem andern Rüstzeug, vielmehr hing sie oben in der Giebelkammer, über Götzens Bett, wohin der Ritter sich zurückzog, wenn's ihm zu kraus und wirr unten ward. Der Stiel war schon von den Würmern zerfressen, die Seide auch, von der Zeit und dem Staub; ja ein Käuzchen hatte in einem Sommer darin genistet, und der gute Herr Gottfried hatte es erst gemerkt, als die Kleinen einmal in der Nacht zu piepen anfingen. Zuerst hatte er etwas anderes gedacht, was ein christlicher Ritter ohne Schande immer denken mag, denn vor bösen Geistern kann auch der Frömmste einmal erschrecken; dann aber hatte er gedacht: I was tut's; die Kleinen wollen auch leben, und hatte sich umgedreht und war eingeschlafen.

Es war ein rechtes Nest für Eulen, hätte einer denken mögen, wenn er abends einen Blick in den Hof warf.

Aber wieder war alles so klein, daß man auch hätte fragen können, wo denn die Eule und Nachtvögel Platz fänden neben den Menschen? Doch in den Häusern unserer Vorfahren war immer viel Raum für andere, weil sie für sich selbst wenig brauchten. Was brauchte der Mensch mehr als ein Lager und ein Dach darüber für die Nacht? Das Kind, das zur Welt kommt, muß die vier Wände anschreien, so ist's alte Sitte; das Heimliche soll nicht vor aller Welt geschehen. Aber wenn es aufwächst und groß wird, baut ihm der liebe Himmel sein großes Haus, wo immer Platz ist, für Tausende und Hunderttausende mehr als leben und leben werden. Die Sonne war die Kerze und das Feuer, und wenn es heiß war, der Baum und Wald unserer Väter Schatten, und die Luft wehte ihnen bessere Kühlung zu als die dicksten Mauern. Nun, und wenn keine Sonne schien, und es regnete und stürmte, dann fand sich doch in jedem guten Haus eine Halle, ein Flur, eine Diele, wo die Genossenschaft am Feuer sitzen und durch Scherz und Gespräch die Ungunst des Wetters vertreiben konnte. Es tut nicht gut, daß der Mensch allein sei mit seinen Gedanken. Und die Halle fehlte auch nicht in Burg Hohen-Ziatz.

Die Pferde hatten ihren Stall im Hof, die Hunde ihre Hütten am Tor, die Schweine ihre Koben daneben, auch Kühe und Stiere wurden unterweilen bei schlimmer Zeit in den Zwinger getrieben; wie sie da mit den Rossen sich vertrugen, war ihre Sorge. Der Storch nistete auf dem Dachfirst vom Herrenhause, die Schwalben an den hölzernen Galerien, die um den Hof liefen, die Tauben beim Türmer, die Eulen in den alten Mauerblenden, die Schaben in den Ritzen, der Wurm im Holze, die Mäuse im Keller und Flur, und die Menschen jeder in seiner Kammer; und war dem Knecht keine zugewiesen, da stand doch eine Bank auf den Gängen, und lag schon ein anderer darauf, so jagte er die Hunde fort, die unterm Vordach im Hofe schliefen. Item es fand sich und ging; wer schlafen wollte, der fand immer einen Platz, wer fror, ein Feuer, sich daran zu wärmen, wen hungerte, Brot und Brei, die Speisekammer war nie leer, dafür sorgte die gute Hausfrau, die nie den Schlüssel aus der Hand ließ, und wer bangte, fand auch ein freundliches Gesicht und gute Zusprach. Die Frau von Bredow duldete alles in ihrem Haus, nur nicht Faulenzer und Duckmäuser.

Der Mann im Monde hätte sich wundern müssen, sagte ich, wenn er auf die Berge niedersah. Es gab vieles, worüber er sich wundern konnte. Ist's doch überall ein eigen Ding mit dem sich wundern. Einige verwundern sich, wenn es in der Welt eine Weile still hergeht, daß die Dinge so lange halten in ihrer Ordnung, und andere wiederum, wenn ein Sturm kommt und alles umwirft, warum die alte Ordnung nicht ewig dauere. Der Mann im Monde, wenn er sprechen könnte, würde es uns am besten sagen, worüber wir uns noch wundern dürfen. Durch so viele tausend Jahre schaut er auf die Erde und sieht alles, was uns bewegt, und ihn kümmert's nicht; er lacht nicht, und er weint nicht mit seinem kalten, gleichgültigen Gesicht; ob er aber bei sich denkt, was wir doch für Toren sind, das weiß kein Mensch.

Über den Sturm konnte er sich wundern, denn er war ein Orkan geworden, wie dessen die ältesten Leute sich nicht entsannen. Wie er den Wald gepeitscht, als wären die Baumwipfel Meereswellen, hatte er auch an der Burg gerüttelt, daß die Balken knackten. Das Storchnest war von dem First geworfen, im Schieferdache hatte er gewühlt und gewirtschaftet, und der Giebel, der schon überhing, sich noch um einen halben Schuh nach vorn geworfen. War das nicht zum Verwundern, daß der Giebel noch hielt, so war es doch, daß der Hausherr in der Erkerkammer auch davon nicht aufgewacht war! Und nach solchem Sturm eine solche Ruhe!

Winde im Spätherbst bringen Kälte und Frost oder Schlacken; aber als wäre nur das wilde Heer vorübergerast, so war es still geworden darauf, und die Nachtluft schwül. Und das war doch auch zum Verwundern, daß man nirgend mehr etwas sah von der großen Wäsche. Sie war eingebracht und alles an seinem Fleck; zwei Stunden schon, nachdem der letzte Wagen über die Zugbrücke rollte, und nichts war verlorengegangen auf dem langen Wege. »Das ist eine Frau, die nimmt's auch mit Wetter und Wind auf«, sprachen die Dienstleute.

Nun dampften die Kessel über dem prasselnden Feuer, und die Schinken brodelten und schwitzten am Spieß. Auch in den Keller war sie gestiegen und hatte an den Fässern gezapft, und die Knechte trugen schwere, volle Kannen in den Flur. Denn nach der Arbeit ziemt den Leuten Ruhe und etwas mehr, dachte die Hausfrau, nur sich selbst gönnte sie's nicht, denn während die andern um den großen Tisch saßen, stieg sie noch treppauf, treppab, und ihr Schlüsselbund klirrte durch den Becherklang.

Hoch war die Halle gerade nicht und auch nicht gewölbt. Die Balken angerußt vom Rauch, wenn er aus dem Kamin zurückschlug, drückten wie braune Rippen über den Köpfen, und was von Schnitzwerk ehemals daran gewesen, davon war nicht mehr viel zu sehen; und wo die Schnörkel und Spitzen noch hielten, hatte man sie benutzt, wie man mit Wandnägeln tut. Da hing ein Schild, ein Harnisch, ein Helm, auch wohl ein Kessel oder gar ein Schinken daran. Der Boden war ein festgestampfter Lehm, und die Tisch und Bänke von solchem Kerneichenholze, daß es dem Zimmermann schade gedünkt, viel mit Hobel und Meißel daran zu schnitzen und glätten. Eine Schwelle nur und eine Tür schied die Halle vom Hofe. Wenn die Tür aufging, drang Regen und Wind ein; darum tat man sie lieber nicht zu, wenn es nicht zu arg stürmte und stiebte. Und das kam dem Feuer im Kamine zugut; denn wenn der Rauch, der seine Launen in alten Häusern hat, nicht hinaus wollte, wo er hinaus soll, und lieber im Saal bleiben mochte, zwang ihn die Zugluft, daß er prasselnd durch den Schlot fuhr. Und für den Schornstein war es auch gut, daß die Flammen nicht zu lange darin spielten und weilten, denn er war von Holz; zwar waren's junge Eichenstämme, mit Weidenruten durchflochten und mit Lehm gefüttert; aber wenn das Feuer nicht durch wollte, fingen die Wände doch auch an zu sengen, und wenn die Frau es merkte, mußte ein Knecht aufs Dach und einen Eimer Wasser hinuntergießen. Schadete gar nichts; der Rauchfang stand schon über hundert Jahre, und hundert Jahre und noch mehr konnte er stehen, wenn nur immer einer da war mit einem Eimer Wasser. Zwar das Feuer ging dann aus, aber Holz war immer da.

Holz und Luft war der Reichtum unserer Väter, und an beiden war auch im Saal der Bredows auf Hohen-Ziatz ein Überfluß. Die Luft kam wie gesagt durch die Tür und durch den Schlot, aber außerdem auch durch die Treppenmündung aus dem oberen Geschoß. Denn nicht weniger als zwei Treppen führten zu beiden Seiten des Herdes, den wir eigentlich mit Unrecht Kamin nannten, hinauf, schwer, eckig und fest und mit rohem Schnitzwerk verziert. Und so wenig es an der Treppe, war das Holz an den Wänden gespart, die mit glatten, bunt gestrichenen Bohlen von oben bis unten ausgelegt waren. Wäre der Rauch und das Alter nicht gewesen, hätte man noch die sieben Todsünden daran erkennen und manchen frommen Spruch lesen mögen. Aber das Alter drückte überall auf das Haus und seine Balken, und was ehedem in der Richte war und sich schickte, das war heute nicht mehr in der Richte und schickte sich auch vielleicht nicht mehr.

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