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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Zwölftes Kapitel

Der Prediger

»Heil dem Manne, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen, noch sitzet, da die Spötter sitzen! Aber Heil auch dem Jünglinge, der unter den Spöttern lag und horchte auf den Rat der Verworfenen! Ihr saht ihn alle, meine Andächtigen, den erwählten Knaben, den ich einen neuen David nennen möchte, denn der Herr hat ihn berufen, dem Herrn unseres Landes, dem Gewählten Gottes, sein uns kostbares Leben zu bewahren. Ihr saht ihn vor einer Stunde knien, den Knaben, der die Schleuder genommen, und der Kopf des Riesen fiel, niederknien als Knaben und auferstehen als Ritter. Preiset den Herrn, er hat durch kleine Dinge Großes gefüget; er hat den Geringen erhoben und die Großen und Gewaltigen gestürzt. Lobpreiset ihn und dankt ihm durch den vollen Klang eurer Stimme im Gesange!«

So hub der Prediger am Sonntage in der Nikolaikirche zu Berlin die Dankpredigt an für die gnadenreiche Rettung und Erhaltung des Kurfürsten. Es war der Dechant und Pfarrer von Alt-Brandenburg, der für den kranken Propst als Gast vor den Berlinern redete, und im gedrängt vollen Gotteshause hörten sie ihm mit einer Stille zu, daß man den Hauch des Mundes vernahm.

»Da lag der Jüngling«, hub er an, als nun der Gesang schwieg, »schlafmüde von einem langen, langen Ritte in Diensten seines Herrn, der ihn in ferne Lande geschickt zum Wohle seines Reiches. Ach, dachte er, wo werden meine Kräfte ausreichen, daß ich noch heut meinen Fürsten treffe; hab ich doch so wichtige Botschaft, und morgen vielleicht ist er weithin aufgebrochen, und ich erreiche ihn auch übermorgen nicht. Aber die Kräfte versagten ihm. Er wollte wachen und schlief ein. Warum ward er schwach, warum verirrte er in dem Walde, warum kehrte er in den Heidekrug ein, davor ihm beim Einreiten graute? Der Jüngling, meine Andächtigen, durfte dieses fragen. Wir wissen die Antwort. Es war der Finger des Herrn, der ihn schwach machte, der ihn irrführte, und doch zum Rechten. – Fest hatte er sich vorgesetzt, nur ein Stündlein zu schlafen, und er schlief eine, zwei, drei, ich weiß nicht wieviel Stunden. Da weckte ihn der Engel Michael, zu dem er vorm Einschlafen gebetet, daß er zur rechten Zeit aufwachen möge. Hat der heilige Erzengel Michael ihn denn getäuscht? Meinst du da – oder du? – Er versäumte ja die Stunde, sagt ihr. Ich sage euch, die Engel wissen, wann wir wachen und wann wir schlafen sollen. Nun, so sag ich euch, wär er aufgesprungen, jach, wir hätten ihn heut nicht gesehen zum Ritter schlagen, ein blutiger Leichnam wär er, unter ihren Dolchen zu Boden gesunken. Wer aber von euch, wenn er, voll solchen brennenden Diensteifers, gemerkt, daß er zu lange geschlafen, wer würde nicht auf der Stelle aufgesprungen sein, zur Türe hinausgestürzt, sein Roß gesattelt haben? – Der rasche und ungestüme Jüngling schlief fort, d. h. die Heiligen woben um ihn den Schein eines Schlafenden, damit er die Ratschlüsse der Gottlosen ganz anhöre. Welches Meer unergründlicher Wunder tut sich vor uns auf. Warum grade an dem Orte, daß ihn die unbegreifliche Schwachheit befiel, wo die unbegreifliche Tücke der Bösen Rates pflog? Einen Augenblick zu früh, einen Augenblick zu spät, und du, mein teures Vaterland, mußtest dich einhüllen in schwarze Trauergewänder um den besten Fürsten. Schon hatte Satan die Gruft dort im Kloster Lehnin mit seinen Krallen aufgerissen, aber der Engel Michael stieß sie wieder zu mit seiner ehernen Ferse. Wie aber schlug er die Ruchlosen mit Blindheit; welches Mysterium, daß sie in dem Schlummernden einen der Ihrigen zu erkennen glaubten? Hatte er sich etwa verkleidet, entstellt? Nein, arglos lag er da, ganz er selbst. Aber die Heiligen, die über ihm schwebten, hatten ihn verwandelt vor ihren Blicken. Aber warum stießen sie ihn nicht an, die Missetäter, warum weckten sie ihn nicht? Beschlich sie denn gar kein Argwohn, der doch dem Einfältigsten unter uns kommen würde, wenn wir zu einer ruchlosen Tat in nächtlicher Stunde versammelt ständen und einer schliefe unter uns, dessen Gesicht wir nicht einmal sehen? – O fragt, fragt, fragt doch in alle Ewigkeit. Die Gläubigen fragen nicht, sie wissen, daß der Herr die nicht antasten läßt, die er erkoren zu Rettern Israels. Fragt ihr nicht auch: Wie doch kam es, da die Rotte Korah vor ihm aufbrach, gestreckten Laufes, das vatermörderische Schwert in der Faust, daß er, der nach ihnen sattelte und ausritt, auf demselben Wege sie überholte, er ritt mitten durch sie, wie ein Windhauch durch die Ähren, sie sahen ihn nicht, sie fühlten ihn nicht, sie hörten ihn nicht. Nur ein Schauern durchfröstelte sie. Sein Pferd, blutig gespornt, keuchte, es wäre gestürzt, wenn die Engel es nicht gehalten. Dort fand er seinen Fürsten, nur mit wenigen Begleitern, die lustig umhertummelten, wie Jäger Art ist vor dem lustigen Weidwerk. Unser hoher Landesherr nur sprach mit meinem frommen Bischof von Brandenburg, dem Gott ein langes Leben schenke, gewiß tiefsinnige, gelehrte, fromme Gespräche. Da keucht ein Reiter an. Sein Roß stürzt, er auch; er erhebt sich wieder. Er streckt beide Arme empor, er will sprechen, aber die Stimme versagte ihm. Dennoch spricht er, die Gedanken, die in ihm würgen, werden zu Worten: ›Zurück! Fliehe, Fürst! Verräter, Mörder lauern dein im Walde!‹ Und der fromme Bischof Scultetus wendet des Herrn Roß: ›Das hat Gott gesprochen.‹ Da besinnt sich unser durchlauchtigster Herr, als sie dem Tore schon wieder nahe sind. Rasch kehrt er sein Roß: ›Ein Fürst soll nicht fliehen vor Mördern; er soll sie suchen gehen!‹ Wer hätte sich unterfangen, ihn in seinem gerechten Zorne zu halten?

Da führt der Zufall, sagt die Weisheit der Kinder dieser Welt, die geharnischten Dreihundert, die Kurt Schlabrendorf einüben will, zum Köpnicker Tor hinaus. Nun, wer den Engel Michael mit flammendem Schwerte nicht sehen will, der sehe diese wackere Schar, vom Zufall geleitet, ihrem Fürsten folgen. Schaut, wie ihre glänzenden Panzer, ihre Schilde und Helme durch die Heide flimmern; die Krähen und Raben schreckten auf vor dem Glanze, die siebenzig Mörder sahen sie nicht; vor dem Klirren der Stahlrüstungen, vor dem Getös und Getrampel der zwölfhundert Hufe flohen die Hirsche, man sah die Hasen ins Wasser springen, die Vögel entflohen, die Räuber hörten nicht und flohen nicht. Sie ließen sich umzingeln wie ein blödes Tier. Siebenzig Dolche, siebenzig Schwerter, siebenzig Streitäxte, siebenzig verzweifelte Bösewichter wehrten sich nicht. Sie ließen sich fangen, binden, führen, richten ohne einen Schwertschlag. Wer blendete, betäubte, lähmte sie, die sich vermessen, unsern Kurfürsten umzubringen und das Reich umzudrehen? – O Berlin, Berlin, du große, reiche, sündhafte Stadt, wenn einst der Arm, der jene blendete, betäubte, lähmte, drohend über dir sich erhöbe, würden alle die Sünder, die in dir atmen, auch wie jene trotzen und fluchen, blind und taub, bis der Engel sein Feuerschwert über euren Häuptern zückte? Würdet ihr da erst schlotternd in eure Knie sinken, zerschmettert von eurem Schuldbewußtsein, und die Boten seines Zornes sind doch schon da! Hat der Sturm nicht eure Dächer abgedeckt, hat er nicht die Seeraben ins Land geführt, haben die Dohlen und Raben nicht Krieg geführt in den Lüften, hat es nicht blutige Kreuze geregnet in der Prignitz, in der Uckermark, im Lande Bellin, drüben im Teltow und hüben im Barnim. Dir, dir, dir da fielen sie aufs Busentuch, dir auf den Nacken. O schau dich nicht um nach der Nachbarin, ich sehe die Male auf deiner eigenen Haut. O reißt doch die Augen auf, öffnet die Ohren, die Zeichen sind furchtbar, es kommt heran die Rute des Zornes. O ihr Geliebten, versäumt nicht die Stunde, nicht die Minute, denn sie ist kostbar; betet zum Schutzpatron dieser Kirche, daß der heilige Nikolaus eine Fürbitte für euch einlege bei der allerheiligsten Mutter Gottes. – Hört, hört! Wieder schallt das Sterbeglöcklein, wieder werden ihrer hinausgeführt zum letzten, schweren Gange. Auf eure Knie, ihr alle, betet für sie, ihr betet auch für euch, denn in wessen Herzen stiegen nicht auch arge Gedanken auf gegen die geheiligte Person unseres gottgeweihten Fürsten. Es sind nicht diese unbändigen Schloßherrn allein, nicht diese Landschädiger nur, die ihm Verderben brüteten; schaut in eure Herzenskammern, ihr Reichen, ihr Übermütigen, findet ihr da nicht auch grollende Gedanken? Und wahrlich, ich sage euch, es gibt kein ärger Verbrechen, nächst Ketzerei und Ungehorsam gegen Gott, als übel zu denken von der Obrigkeit, die er hat eingesetzt. Wozu setzte er sie ein? – Ich will es euch sagen. Wie die Kirche und ihre Priester denken und sorgen für das Heil deiner Seele, soll der Fürst denken und sorgen für dein irdisches. Übernommen bist du durch diese göttliche Huld, der Sorge selbst zu denken. Er denkt für alle, er weiß alles besser. Zerknirschten Herzens über dieses Übermaß von Güte, dieses neue Mysterium seiner Gnade, solltest du preisen den Herrn der Heerscharen; aber der Verderber flüstert dir ins Ohr: Was braucht er für mich zu denken, kann ich doch selbst denken! Du wüßtest es am Ende besser, was dir not täte. Nicht wahr, das sprach er? Sprach er nicht auch von alten Rechten, Freiheiten? Was! sein Ahnherr, riß er nicht die Siegel von euren Privilegien? Den Blutbann nahm er euch. Die Bierziese ist zu arg, der Vogt zu streng, der Schoß zu hoch. Ich höre alles, was er euch zuflüstert. Fordert nur! ruft er. Ja fordert nur, der mit dem Pferdehuf notiert hohnlachend jedes eurer Worte und gibt euch keines zurück, aber sein Rachen öffnet sich, ich sehe die Glut, die heraussprüht. – Berlin, Berlin! O daß diese Totenglocke nicht auch zu deiner Sterbestunde ruft! Ihr weich geschaffenen Seelen, ihr zarten Frauen, die ihr Gottes Stimme hört, auch wenn sie sanft rauscht wie der Abendwind, ihr rettet euch, wagt es auch für eure Gatten, Söhne, Brüder, wehrt sie vor dem Versucher, zieht sie zurück: Widerstand gegen die Obrigkeit, die Gott einsetzte, ist Empörung gegen Gott. Das ruft ihnen zu. Blutige Kreuze hat es schon geregnet, wenn es wieder regnet, regnet es Feuer, das euch verschlingt. Domine salvum fac regem!«

Solches Zähneklappern und Schluchzen ist nie gewesen in der Nikolaikirche zu Berlin.

»Das war eine Predigt, das ist ein Prediger!« sagte die Frau Bürgermeisterin auf dem Heimwege, und die Ratsmännin erwiderte: »Der hat's ihnen mal gegeben, der versteht's.« »Diese gottlosen Menschen«, schluchzte die Bürgermeisterin. »Der Musculus predigt auch zum Herzen«, sagte die Ratsmännin, »aber –« »Aber immer von den Pluderhosen«, fiel die Bürgermeisterin ein. »Das soll eigentlich unanständig sein, hat man mir gesagt.« – »Gewiß, Frau Bürgermeisterin, man muß doch Respekt vor der Obrigkeit haben. Mein Mann hat sich jetzt nach dem neuen Schnitt welche bestellt. An so was sollte doch ein Prediger denken.« – »Ach, was sind alle Hosen gegen den Feuerregen! Es drang einem durch Mark und Bein, als ob die Funken schon gegen die Fensterscheiben klatterten. Solchen Prediger müssen wir haben.« – »Den müssen wir haben, wenn der alte Propst stirbt«, stimmten beide ein; und leise setzte die Frau Bürgermeisterin hinzu: »ich will schon mit meinem Mann sprechen.«

Der Bürgermeister und der erste Ratmann gingen hinter ihren Gattinnen mit gesenkten Köpfen.

»Den werden wir nicht wieder los«, sagte der Ratmann. »Die Weiber lassen uns keine Ruh.«

Der Bürgermeister stieß einen leisen Seufzer aus: »Nun ist's entschieden. Mit dem Adel ist's aus. Wenn der Dechant von Alt-Brandenburg so zu sprechen wagt, hat die Ritterschaft auf dem letzten Loche gepfiffen. Bin nicht ihr sonderlicher Freund, aber sie gehören doch auch zu uns. Es hätte besser sein können.«

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