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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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»So hätten wir eine Macht auf unserer Seite, die ihr hoch anschlagen könnt«, fiel der Anführer ein. »Um aller Heiligen Blut willen, hört mich noch an. Die Bürger knurren, glaubt mir's, es gärt auch dort. Nur einen Brand hineingeschleudert. Wenn wir die Städte gewinnen, nur einige, nur die bessern, so können wir sagen, das ganze Land hat sich erhoben, die Unbill, die Ungerechtigkeit war nicht mehr zu tragen. Das gibt unserer Sache ein Ansehen. Vor einem ganzen Lande, das aufsteht seine Vögte, seine Zwingherrn abschüttelt, hat auch das Reich Respekt. Hat Österreich die Waldstädte wiedergewonnen? Dort traten alle zusammen, Bauern, Städte, Adel. Wär unsere Sache schlimmer, so wir alle einer an dem andern hingen, Gut, Blut, Leben für die Freiheit einsetzten? Die alten Vögte, so die Kaiser in die Marken setzten, waren gut. Darauf kamen schlimmere, und immer schlimmere, die Bayern, die Luxemburger; sie halfen uns nicht, wir mußten uns selbst helfen. Wer beweist uns, wenn wir das Schwert zücken, daß unser Recht ausging, uns wieder selbst zu helfen! Wagt es, Freunde, das auszusprechen! Wer wagt, gewinnt. Verwirkt hat er, der tolle, eigensinnige Knabe, der nicht mehr Vogt sein will des Reichs, der unsere Statuten, Satzungen, unsere alten Rechte freventlich zertritt, der adlig Blut vergießt um Lumpereien, der seine Grillen uns zu Gesetzen geben will, verwirkt hat er die Herrschaft. Erhebt eure Stimmen, schreit Zeter mit tausend Kehlen, laßt tausend Briefe es schreiben, schickt Druckschriften durch das Reich, klagt, um nicht angeklagt zu werden. Er hat keine Kinder, keine Brüder. Bis die Sippschaft aus Franken klagt, bittet, belehnt wird, bis sie mit Truppen anrückt, sind wir im Besitz und stark, wenn wir einig sind.«

Die Bilder, welche der Redner erweckte, hatten etwas Anziehendes. Die Roheren schienen verstummt. Andere warfen ein, das Reich könne es nicht dulden, der Kaiser werde es nicht.

»Wenn wir unterliegen!« rief Wigand. »Der Sieger schreibt überall Gesetze vor. Schlagen wir die ersten, die kommen, aus dem Felde und warten die andern ab, gesattelt und gerüstet, sie werden wahrhaftig nicht lüstern werden nach der unfruchtbaren Erbschaft. Ich wiederhole euch, hätten die Puttlitze, die Quitzow, die Rochow, die Bredow vor hundert Jahren den Städten nur den kleinen Finger gereicht, statt ihre Bürger zu zwicken und zu werfen, so gäb's keinen Nürnberger zwischen Elbe und Oder, wir hätten reichsfreie Geschlechter, reichsfreie Städte. Und nichts ist zu spät, wo es gilt, sich selbst zu retten. Die Fürsten überall im Reich, freilich sie möchten oben hinaus, den freien Adel knechten, die Städte bändigen. Aber anderwärts lassen sie sich nicht bändigen. Seht auf die Bündnisse im Schwabenland, in Franken, in der Pfalz. Die Sickingen, Berlichingen, die Kronberg, die Brömser rühren sich, sie werden den Fürsten, die mehr sind als sie, noch manche Nüsse zu knacken geben. Sind wir schlechter als die? Ja, wenn wir nicht den Mut haben, besser sein zu wollen. Wir haben keine Burgen auf steilen Felsen, meint ihr. So haben wir Sümpfe, Wälder, Brüche, Seen und zähen Mut. Schaut euch um, wenn ihr doch zagt, nicht nach Abend, nach unsern Nachbarn im Morgen. Da ist Freiheit. Erinnert euch, daß von euren Urgroßmüttern noch slawisches Blut in euren Adern rinnt. Der Pole hat auch einen König, aber wehe ihm, wenn er die Hand anlegt an die Rechte des Adels. Solche Markgrafen wollten wir dulden, selbst erkoren, aus freier Wahl hervorgegangen. Da hat der Adel Rechte, da schirmen die Großen die Kleinen, da wagt kein Fürst, den freien Mann unter seine willkürlichen Satzungen zu drücken. Was hindert uns, wenn das Deutsche Reich uns nicht will, wenn es über uns als Stiefbrüder die Achseln zuckt, uns dem mächtigen freien Polen anzuschließen. Freunde und Brüder! wo es Freiheit gilt, ficht sich's so schön mit dem krummen Säbel wie mit der graden Klinge!«

»Der Otterstädt kommt noch immer nicht«, rief einer, der ungeduldig schon mehrmals zur Tür hinausgegangen.

»Es kommen ihrer viele nicht, auf die wir rechneten.«

Einer zählte am Finger die Namen mehrerer großen Familien: »Es hat mir das Mark im Leibe gesotten; was du sprachst, Wigand, das ist wahr, aber wo soll's hinaus, wenn die Wedel fehlen, die Puttlitze, die Reder, Rochow, Bredow, Alvensleben?«

»Der Sturm kräuselt zuerst nur Staub, zuletzt reißt er Dächer ab. Uns läßt man anfangen; glückt es, so zweifle nicht, daß auch die Reichen zur Ernte sich einfinden. Das ist der Lauf der Welt. Es kommt nur darauf an, daß man stark genug sich fühlt, um anzufangen.«

Andere hatten eine Liste vorgezogen und musterten die Köpfe der Anwesenden. Der Anführer riß schnell das Papier fort:

»Nichts Geschriebenes! Keine Namen.«

Er warf das Papier in den Ofen und ließ sein Auge nicht davon, bis der letzte Zipfel sich in Glut und Asche krümmte. Einige lächelten über die Vorsicht:

»Wir sind ja unter uns.«

»Um so weniger tut Papier not, wo Blut und Ehre unsern Bund kitten. Wir kennen uns doch alle?«

Seine Augen flogen im Kreise umher. »Nicht wahr, Hans Zarnekow? – Ihr vom Roten Haus, Peter Lüdke?« Ein Nicken und ein Handschlag antwortete: »Wer ist der auf der Ofenbank?«

»'s ist ja der Götz von Ziatz!« lachte Wedigo.

»Was Teufel, und kann schlafen!«

»Er kam vor 'ner Stunde todmüde vom Nachtritt an. Der Wirt sagt, er fiel auf die Bank.«

»Seid ihr's gewiß?«

Wedigo zeigte auf die Büffelhaube, den Pelz und lächelte etwas: »Wer im Lande kennt nicht Götzens Elensbüchsen!«

»Das ist gut«, sagte Wigand. »Er schwor im Rausch; ich zweifelte, ob er nüchtern kommen würde.«

»Will auch keinen Eid drauf ablegen, daß er nüchtern kam«, lachte ein anderer.

»Genug, er ist gekommen, sein Name ist bei uns, und das ist viel. – Weckt ihn nicht. Er nutzt uns im Schlaf so viel, und vielleicht mehr, als wenn er wachte«, setzte er leise hinzu.

Ein freudiges Holla draußen, ein Geklirr von Rüstungen, ein Pferdewiehern unterbrach sie, und im nächsten Augenblicke stürzte ein Ritter herein und warf ungestüm den Helmsturz zurück:

»Da bin ich! – Er kommt.«

Otterstädts Augen rollten wie eines Irren, seine Brust hob sich und senkte sich, sein Atem versagte ihm.

»Er kommt?«

»Vor einer Stunde ritt er durch's Köpnicker Tor. – Das sah ich noch vom Waldeck aus – flog wie der Wind. – Wenn er an den drei Eichen ist, schrillt Kasper Flans in die Pfeife – Aber – Teufel, der Ritt griff mich an. –«

»Verschnaufe dich.«

»Er reitet –«

»Mit wie vielen?«

»Nicht der Rede wert. Heintz von Reder ist's, und Kasper Köckeritz von den Seinen. Den Pommerschen Abgesandten Hans von Pannewitz nahm er mit, und damit ihnen die Zeit nicht lang werde, seinen lieben Bischof Scultetus, der ihnen Schnurren erzählen muß. Mit zehn Reisigen werfen wir sie alle. Aber – er reitet nicht nach dem Süßen Grund, durchs große Gestell nach dem Spechtgraben zu.«

»Das ändert unsern Plan.«

»Ihr müßt euch teilen«, sagte Otterstädt, »rechts an die Spree, links an die Sümpfe. Ein Stündlein mehr, aber wir haben ihn im Netz. Einen Trunk Met – ich brauche Lebensgeister.

»Und? –« fragte der Anführer, der seine Befehle ausgeteilt und zurückgekehrt war, mit einem forschenden Blick.

»Hilf dir selbst, so hilft dir Gott«, sagte Otterstädt aufspringend. Er riß ab den unscheinbaren Pelzrock, der seine Rüstung verbarg, und zog sein Schwert. »Blank, Mann gegen Mann, so ist's am besten.«

»Und in Sonnenwalde?«

»Kalkuliert Niklas Minckwitz mit seinen Vettern, wann's am sichersten für ihn sein wird, Fürstenwalde zu überrumpeln.«

»Und die Birkholze?«

»Das Frösteln überkam sie, je näher der Tag rückte. Ersäuften mich mit schönen Worten und klugem Rat, daß Joachim ein mächtiger Fürst sei, und sie hätten's nur mit dem Lebuser Bischof zu tun. Wann und wie und wo es ihnen mit dem, ihrem Feinde, gelänge, und dann und da und dort wollte Joachim sich einmischen, alsdann und insofern und alldieweil würden auch sie – Kreuzdonner Himmelwetter sapperment! Ich sattelte und machte, daß ich reine Luft kriegte. Was lächelst du?«

»Daß wir so sichere Bundesgenossen haben. Oder zweifelst du, wenn wir ihn fortgeschleppt, daß ihre Bedenklichkeiten wie eine Schuppe vom Licht gefallen sind!«

»Fortgeschleppt! Wohin?«

»Türme gibt's noch in der Mark. Solang's im Lande zweifelhaft aussieht, geht's mit ihm heimlich aus einer Feste in die andere, daß niemand weiß, wo er sitzt.«

»Und?«

»Knöpft er sein Ohr zu auf die Propositionen, steigt er immer ein Stockwerk tiefer –«

»Bis –«

»Hörst du nichts draußen?«

»Bis er unter der Erde liegt?«

»Davon nicht jetzt, Otterstädt, nicht vor einem solchen Augenblick.«

»Jetzt, grad jetzt, hallo! Nachher ist's Henkerdienst.«

»Hast Lust, wie Kunz von Kaufungen durch die Gassen geschleift zu werden! Prinzenraub! Pfui über das Dumme und Halbe. Unter die Erde, aber nicht im Kerker. Gottes freie Luft soll das Gericht der Freien anschaun.«

»Otterstädt! Still, zügle die stille Wut.«

»Ich will nicht zügeln!«

»Wir verderben die beste Sache

»Was schiert mich die Sache! Ich hab's mit Menschen zu tun. Mein Feind ist er, mein Todfeind; ich hasse, verabscheue nichts so auf Gottes Erdboden. Meinen Freund hat er gemordet, seinen eigenen Busenfreund; Pest und Tod, wer mich hindern will! Ich hau ihn nieder, basta!«

»Achtet auf ihn, wenn's losgeht!« flüsterte der Anführer zu seinen Vertrauten, als das Zeichen draußen gegeben ward. Die Verschworenen stürzten zur Tür hinaus, daß die Wände der morschen Hütte zitterten.

»Götze! Herr Götze von Ziatz, wacht auf!« hatte einer der letzten dem Schläfer auf der Bank zugerufen und ihn gerüttelt; doch erst nachdem er hinaus war, hatte der Schläfer sich aufgerichtet. Als er die leeren Wände sah, flog er ans Fenster und lauschte. Als die letzten Reiter zum Gehöft hinaus waren, sprang auch er in den Hof, riß sein Pferd aus dem Stalle und schwang sich mit einem Satz hinauf. Zum Torweg hinaus, gab er dem Tiere die Sporen, daß die Weichen bluteten.

Der Heidewirt schrie ihm verwundert nach: »Da nicht, Herr Ritter! Nicht ins Gestell, da treibt Ihr grad auf ihn zu; links durch den Wald!«

Der Reiter hätte ihn noch hören können, aber er hörte nicht. Ehe der Wirt dreißig Pulsschläge zählte, war er ihm aus dem Gesicht.

»Ein Bredow mag's sein«, sprach der Wirt, »aber Götz von Ziatz ist's nimmer.«

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