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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Elftes Kapitel

Die Köpnicker Heide

»Der kommt ungelegen«, sprachen zwei Reiter, die am grauenden Morgen durch die Köpnicker Heide ritten, als der Wind einen ersten leichten Schnee ihnen ins Gesicht trieb. Es waren ritterbürtige Leute; aber mit den kurzen Waffen und in ihren Büffelkollern und Wolfspelzen, unter denen die Panzerhemden verräterisch blinkten, ritten sie nicht zu Hof und Hochzeit.

Der Morgen war rauh und unfreundlich wie ihre Gesichter. Sie folgten einem wenig befahrenen Holzwege. Wo der Wald sich lichtete, hielten sie, wie um zu horchen. In weiter Ferne hörte man dumpfe Hufschläge. Auf der andern Seite der Lichtung schimmerte aus der Niederung eine verfallene Lehmhütte, deren wettergepeischtes, schiefes Dach allmählich seine braune Farbe verlor.

Der eine Ritter schien gerade dies Dach mit besonderer Aufmerksamkeit zu betrachten: »Siehst du, Wedigo, es wird weiß.«

Der andere strich aus seinem roten Knebelbart den Morgennebel: »Es bleibt aber nicht weiß. Der Rauch schmilzt es da am Schlot. Die Sonne tut's für uns nachher.«

»Bis neun Uhr, wo er kommen soll, hat sie nicht die Kraft.«

»Und wenn nicht, was weiter!«

»Was weiter, Schwerenot! Sollen wir wie die Eichkatzen an den Baumästen klettern? An die siebzig, die von links und rechts kommen, müssen doch Tapfen lassen. Es wär die Pestilenz, wenn er Wind bekäme, und es ginge wieder quer.«

»Ist er nur bis zum Süßen Grund, dann mögen sie uns wittern.«

»O, dieser Süße Grund!« knirschte der andere, »er soll ihm ein bittrer, saurer werden!«

»Wenn Kasper Flanz pfeift, so laut er will, mag ihm ein Vöglein singen, 's ist zu spät. Er kommt nicht mehr nach Kölln zurück.«

»Mordio! »Der andere schüttelte an seinem Degen. »Nur heut keine Memmen!«

»Kannst du noch zweifeln!«

»Was Adlige sind, nein. Aber daß wir bei so was nicht unter uns sind! Ich ward überstimmt.«

»Was plagst du dich mit Argwohn, Adam! Unsere Knechte sind dir Kerle, die im Feuer gesotten wurden. Was hat so ein Bauersohn, dem sie sein Haus in Asche gelegt, und auf seinem Acker wachsen Nesseln? Meinst du, daß sie lieber Disteln ausreuten und hinterm Pfluge keuchen, als mit uns durch die Heide preschen? Satan könnte sich keine bessern Gesellen wünschen, als märkische Bauern, die nichts mehr hinter sich haben und ein freies Leben vor sich. Ich habe so ein paar Lümmel; ihre Schwielenhaut ward in Sonne und Sturm wie ein Panzerhemd, und ihre Sehnen sind wie Eisen. Auf die ist Verlaß; ließen sich für mich ein Stündlein zum Vergnügen auf die Folter recken. Wenn man den Menschen die Krippe nicht zu hoch schnallt, sind alle Menschen gut.« Sie ritten, am Waldrande sich haltend, auf das Haus zu, um nach der Verabredung die ersten zu sein, schienen aber verwundert, als sie im Wege schon eine frische Pferdespur fanden.

»Das fordert Vorsicht«, sprach Wedigo und sprang vom Roß, das er an einen Ast band, um von hinten an das Haus zu schleichen.

Aber lächelnden Gesichtes war Wedigo zu seinem Gefährten zurückgekehrt und flüsterte ihm einen Namen zu, der auch diesem ein Lächeln abnötigte, derweil die Ankunft anderer Reiter beider Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Alle kamen auf Nebenwegen mit derselben Vorsicht heran; alle vermummt. Einige mit alten Helmen und geschlossenen Visieren, alle wohlbewaffnet. Ihrer Tracht nach schien keiner vornehmer als der andere zu sein. Aber in jeder Gemeinschaft muß es Führer und Häupter geben, und wo keine sind, da machen sie sich von selbst. Man ritt aneinander, man wechselte leise Worte, Winke und Händedrücken, bis ihrer so viele beisammen waren, daß die Ordnung nötig schien, welche nur ein Befehlshaber herstellen kann. Einer, der seine stolze Haltung nur schlecht unter dem Schafpelz verbarg, winkte seine Befehle einem andern im schwarzen Büffelkoller zu, der nun unter den Gruppen umherritt und sie austeilte. Einige stiegen von den Pferden und verteilten sich in den Wald, andere hielten zu Roß an dem Saum der Lichtung Wache. Erst dann traten die andern in einen Kreis und pflogen, wie es den Anschein hatte, Rates, der aber bald lauter wurde, als sich für solchen Ort schicken mochte.

»Himmel und Hölle!« rief mit gedämpfter Stimme der im Schafpelz und hob beide Arme in die Höhe, »wir haben ihn noch nicht. Nachher davon, ihr Herren, hier tut uns anderes not!«

Aber seine Gründe schienen nicht alle zu überzeugen: der Lärm, das Geschrei, wenngleich mit unterdrückten Stimmen, ward lauter. Einige Mißvergnügte ritten auch schon aus dem Kreise und sonderten sich in Gruppen.

»Dacht ich's doch«, rief einer. »Wo die Klugsprecher sind, ist auch Verrat. Wer setzt denn um nichts den Hals daran!«

»Warte nur, bis Otterstädt kommt«, entgegnete der, welcher ihn zur Rückkehr zu bewegen suchte.

»Der! Wer am Hof war, züngelt.«

»Gib dich nur jetzt, Christoph.«

»Gib dich, gib nach, warte nur, so heißt's allezeit. Wenn's nun nicht geschieht, hol's der Teufel, und ich konnte in Kyritz einreiten! Zusammenhalten! Schönes Wort! Der Hund heult und der Wolf schluckt's. Wovon sollen wir leben? An unsern Fingern kauen, wenn wir die Zeit nicht nutzen! Ich hab nichts mehr, darum bin ich hier. 's läuft alles aufs Dienen raus, Adam, wo die Klugsprecher ans Regiment kommen.«

»Die Not ist unser aller. Die großen Herren –«

»Salvieren sich, wenn's schlimm geht, uns hängen sie. Wenn's gut geht, ihre Taschen werden voll; uns schmieren sie Redensarten ins Maul. Hab die letzte Kuh verkauft zur Rüstung, und nun soll ich warten auf den Landtag. Und da wird parliert, und dann heißt's: Die Ordnung will – Ich kenne das. Ich – auf die Ordnung. 's ist mir kein Wort so zuwider. Kriege Bauchgrimmen, wenn ich's höre.«

Adam flüsterte ihm Namen ins Ohr: »Volle Katzen haben sie mitgebracht. Es soll keinem fehlen, der Geld braucht.«

»Das heißt, wenn du gut Bedienter spielst, wirst du gut bezahlt. Seine Leute bezahlt der Kurfürst auch. So kommt der arme Mann runter. So ist mancher gute Mann in der Mark Dienstboten worden.«

»Wer nichts hat, muß dem andern dienen, der was hat. 's geht schon nicht anders in der Welt.«

»'s ginge schon, wenn« – antwortete Christoph.

Der Sturm und das heftigere Schneegestöber trugen das Wenn des Junkers in die Luft und trieben die Versammelten ins Haus, zum Vorteil der Anführer vielleicht. Die niedrige Stube des Heidewirts mochte noch nie eine so ansehnliche Versammlung in ihren zerbröckelten Wänden gesehen haben; mit ihren Fensteröffnungen, die mit Lumpen verklebt waren, und einem Lehmboden, der an Stellen einem Sumpfe ähnlich sah. Hitze und Dampf qualmten aus dem gemauerten Ofen. Rohe Bänke und Tische, zerbrochene Gläser und Krüge im Schrank und ein Himmelbett waren die einzigen leblosen Dinge. Der Wirt, ein verdächtiges, tückisches Gesicht, mit einem Auge, und ein gespornter Mann, der, mit dickem Wolfspelz überdeckt, auf der Ofenbank schlief, die einzigen lebendigen Wesen, als die Ritter hereindrängten und den Schnee von ihren Schultern abstumpften, was kaum nötig schien, da ihn die Hitze sogleich schmolz.

»Unsinn!« rief der Anführer, der von den andern Wigand genannt wurde, und warf sich auf einen Schemel, daß die Rüstung unterm Pelz klirrte. »Unsinn, in diesem Augenblick damit vorzukommen. Ich sage euch, wenn wir uns nicht bändigen, haben wir verloren, auch wenn's gelang. Meint ihr denn, daß es ein leichtes Ding ist? Ihn zu fassen, ja. Aber so wir's nicht geschickt angreifen, bleibt es ein Ast, den wir vom Baume reißen, und der Baum steht da und lacht uns aus. Vor hundert Jahren war es anders, und unsere Väter haben doch verloren. Jetzt hat der Baum hundertjährige Wurzeln unter sich, Deutschland ward ein anderes, die Meinung ist für ihn, es ist ein gewaltiger Kaiser da. Wenn wir nicht jetzt mit aller Vorsicht zu Werke gehn, wenn wir nicht die Meinung für uns gewinnen, haben wir ein schlecht Schauspiel zum schlechtesten, kläglichsten Ende gebracht. Verrückt, toll wären wir, so wir in dem Augenblick die Städte gegen uns aufbrächten. Jetzt an Wegelagerung, an Plackereien zu denken, ich sage euch, besser, ihr schnittet euch die Kehle mit dem Brotmesser ab. Es kommt nur, es kommt alles darauf an, der Sache ein gut Gesicht zu geben. Es kommt darauf an, jetzt zu geben, nicht zu nehmen. So unsere Väter es damals nicht mit den Städten verdorben, hätten sie auf die Dauer verschlungene Arme mit uns gemacht, die faule Grete hätte nicht vor unsern Schlössern gebrummt, sie wär im Sande steckengeblieben; wir hätten die Nürnberger wie die Hohenloher zu Paaren getrieben, bis ihnen die Lust verging.«

»Hätten ist nicht hatten«, sagte einer. Die Rede schien wenig Eindruck auf die Mehrzahl gemacht zu haben.

»Beim Blut von Wilsnack! was wollt ihr denn?« rief der erste Redner, den eisernen Arm auf den Tisch legend. »Wer nicht die Zeit wie sie ist, im Aug hat und faßt, der verspielt auch die Gunst des Augenblicks. Was haben wir denn, wenn wir ihn haben; und auch wenn er nicht mehr ist, was denn? – Das Herzblut springt euch beim Gedanken, daß ihr eure Rache kühlt. Glaubt ihr, daß mein Herz nicht auch jubelt? Aber so handelt das Vieh. Könnt ihr nur an heut denken? Ist das Morgen euch mit Brettern vernagelt?«

»Sprich, sprich, Wigand!« sagten einige.

»Städte, Fürsten, Kaiser, Reich stehen auf. Die Acht wird gegen uns geschleudert. Meint ihr, daß die Sachsen, die Pommern, die Mecklenburger, die Magdeburger nur einen Augenblick anstehen, Exekutionsheere zu schicken? O, wir haben gute Nachbarn. Wo sind unsere festen Burgen, wo die dicken Mauern, dahinter wir ihnen in die Zähne lachen können? Wollt ihr alles aufs Spiel setzen um einen heißen vollen Trunk?«

»Wigand hat recht!« sagte einer. Die andern schwiegen.

»Ich habe recht. Ich weiß, daß Joachim grad jetzt Boten ausgesendet zu den Pommern, zu allen Fürsten in der Runde zu einem großen Vertrage gegen die Plaker, wie sie's nennen, gegen die Ritter aus dem Stegreif. Jeder macht sich anheischig, die Landschädiger zu fahnden, greifen und richten, auf wes Gebiet sie betroffen werden. Wird unsere Tat laut, und wir tun jetzt nichts weiter, so heißt's durch die Welt: wir sind Stegreifritter, wir taten nichts als uns rächen, und ihr wollt doch mehr, ihr Herren, ihr wollt andere Unbill rächen, alte, schlimme, verjährte, ihr wollt euer Recht wiederfordern, das Gott euch gab, und die Fürsten aus Nürnberg nahmen's euch.«

»Das wollen wir«, rief Wedigo, an seine eiserne Brust schlagend. »Das Land war unser, die Wege und Straßen, unserer Väter waren sie, unser das Recht und ihrer das Unrecht. Das wollen wir wieder und sie hinausjagen wie Räuber, die einbrechen. Das wollen wir und weiter jetzt nichts, dazu zeigt Gott uns den Augenblick. Wozu langes Fackeln! Viel Reden kühlt das heiße Blut. Was nachher, findet sich nachher.«

Ein dritter fiel ein: »Daß wir nicht hier sind, einen Milchbrei zu essen, weiß jeder. Mag's ein heißer Brei sein, daran wir uns den Mund verbrennen; genug, wir sind geschworen, und unter uns ist kein Hundsfott, der den Eid bricht.«

»Was sollen uns die Städte?« sagte ein anderer. »Die liegen wie der Dachs in ihrem Fett, froh, wenn man sie in Ruhe läßt. Schüchtert sie ein, so geben sie sich in das, was nicht zu ändern ist. Aber sie stehen nicht zu uns, und wenn sie zu uns ständen –«

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