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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Als der Knecht gehorsam die Kohlen schürte und hämmerte, hörte er hinter sich einen Krach, drauf einen schweren Riegel rasseln. »Dacht ich mir's doch gleich, sie sperrt mich ein.« Schnell war Helm und Hammer fortgelegt, und er kletterte nach dem kleinen Fenster hinauf, das von draußen zu ebener Erde war. Aber auch hier begegnete ihm schon das Gesicht der Burgfrau, welche die schwere Eichenklappe darüberfallen ließ und die Krammen in die Wand befestigte.

»Hast du zu essen bei dir?« fragte sie ihn durch das kleine Lugloch.

»Das hab ich schon, Gestrenge; Rettich, Käse und Brot im Kober.«

»Dann spar's dir auf, damit du nicht hungerst.«

»Aber schreien, Gestrenge, tu ich doch; 's ist meine Schuldigkeit.«

»Erst arbeiten und dann schreien«, antwortete ihm ihre Stimme, und sie warf ein paar Bund Stroh vor das Loch und wälzte mit nicht geringer Anstrengung einen großen Stein davor. Die dicke, schwere Tür würde er nicht erbrechen, dessen war sie sicher.

In der Nacht war die Frau von Bredow wieder Herrin im Haus, und wehe dem Knecht, der ihr nicht gehorchen wollte. Und wer sich etwa vorhin gefreut, mit auszuziehn mit dem Herrn, der konnte sich jetzt auch freuen, er zog mit der Frau aus. Und wer weiß, ob der Herr so gut hätte einschenken lassen, wie die Frau tat, daß sie Mut und Lust kriegten. Bald war es auch wie ein Fest, wie ein Fastelabendsspaß, wo es jeder dem andern wollte zuvortun in Hurtigkeit und Stille. So schoben sie nicht, nein, sie trugen den Wagen aus dem Schuppen; aus der Rüstkammer und der Halle holten sie die Schilde, Helme, Rüstungen, Spieße und Äxte, daß es keinen Klang gab. Stroh und Decken wurden dazwischengepackt, und selbst die Rosse schienen zu merken, was es galt: so sachte ließen sie sich aus dem Stall ziehen und vor die Wagen spannen und satteln. Kurz, es ging alles still und schnell ab wie in einem Märchen. Nur die Katzen heulten, und dann und wann hörte man Herrn Gottfried vom Giebel schnarchen. Zwar schrie auch der Knecht Kasper wie ein rechtschaffener Knecht alle fünf Minuten einmal, aber man mußte es ihm lassen, er schrie nur aus Schuldigkeit, wie ein Nachtwächter, der die Leute nicht wecken soll.

Nun war alles fertig, das Fallgitter aufgezogen, die Brücke niedergelassen, zum Überfluß hatten die Mägde Stroh daraufgestreut, daß die Wagen nicht rasselten, und die wenigen Lichter wurden ausgelöscht, die zum Packen geleuchtet. Nur die Sterne konnten sie nicht auslöschen.

Die gute Frau von Bredow schöpfte Atem. Wo nicht alles war sie in der einen Stunde gewesen, wo nicht alles hatte sie mit Hand angegriffen und angewiesen und angeordnet; wofür hatte sie nicht zu sorgen gehabt für Fortziehende und für Bleibende! Und was mußte sie das angegriffen haben, ich meine nicht, daß sie es tun mußte, sondern daß sie es ohne ein lautes Wort tun mußte. Sie war immer der Meinung, Gott habe dem Menschen die Stimme gegeben, daß er sie vernehmen lasse. Ach, das Schwerste stand ihr doch noch bevor. Die Wagen fuhren schon zum Tor hinaus, als sie zu Eva leise sprach: »Nu komm rauf.« Wie ihrer Mutter Hand zitterte! Nur der Knecht Ruprecht blieb unten an der Treppe.

Sie waren oben, wo die kleine Ampel vor der Tür brannte. Evas Herz pochte nur ein klein wenig, als sie durch das Schlüsselloch geblickt und leise die Tür aufklinken wollte. Die Mutter zog sie noch zurück:

»Bleib noch ein bißchen, Eva, mir ist doch bang.«

»Er schläft ganz fest.«

»Eva, nein, du sollst es nicht.«

Sie nahm sie in ihre Arme und küßte sie ab. »Wenn's Sünde ist – ach du mein Gott, das Leben wird einem doch recht schwer gemacht! Was soll nicht alles Sünde sein! –«

»Es muß ja sein, hast du gesagt, Mutter!«

»Freilich muß es sein.«

»Wir ziehn die Schuhe aus.«

»Du liebe Unschuld, wär's damit getan! 'ne Mutter muß die Tochter nicht zum Bösen verleiten. Ich kann's auch besser in der Beichte vortragen.« Der edle Wettstreit ward endlich dahin geschlichtet, daß beide die Schuhe auszogen.

Der gute Knecht Ruprecht hatte die Angeln der Tür geschmiert, sie knarrten wenig, und Eva hielt die Hand so vor der Ampel, daß sie keinen Schein auf den Schlafenden warf. Das Licht ward vorsichtig in eine Blende hinter dem Bett gestellt, und Mutter und Tochter winkten sich, die Finger vor dem Mund. »Eva!« flüsterte jene noch, »wenn er auffährt, laufe fort; ich will's schon allein mit ihm abmachen.« Ich glaube, Eva wäre nicht fortgelaufen; das Kind hatte nicht geantwortet.

Wie ruhig er lag, wie in gemessenen, festen, ernsten Absätzen Herr Gottfried schnarchte! Den Richter, der ihn einst richten wollen um das Verbrechen, das geharnischt vorm Tore stand, hätte ich an das Bett führen mögen und fragen: Kann ein Hochverräter so schlafen? Es waren keine Töne, die unregelmäßig wie der erstickte Atem des Schuldbewußtseins vorbrechen aus der geängstigten Brust; nein, es waren die ruhigen, kraftvollen Pulsschläge eines gesunden Organismus. Aus tiefster Brust kamen sie wie Boten, daß alles da in Ordnung sei, daß diesen Mann keine Träume ängsteten, und wenn Träume um ihn spielten, waren es Spiegelbilder der Selbstzufriedenheit mit einem von keinen Zweifeln zerrissenen Dasein.

Herr Gottfried schlief auf dem Rücken, die kräftigen Arme über den Kopf ausgestreckt. Über dem gewaltigen Deckbett hing noch ein bunter, schöngewebter Teppich bis zum Boden. Sein Ahnherr, der mit Ludwig dem Bayern in Tirol gewesen, hatte ihn mitgebracht als ein Angebinde der durchlauchtigsten Fürstin Frau Margarete, Maultasch genannt. Wenn der Ritter unruhig schlief, lag der Teppich, wohl auch das Deckbett auf der Erde. Ein gutes Zeichen für die Frauen, daß heut die Decken lagen, als habe sie der Kasper erst über seinen Herrn gebreitet. Aber wo nun suchen? – Da sahen sich plötzlich beide lächelnd an, und beide Fingerspitzen zeigten auf denselben Punkt. – Er lag mit dem Kopfe drauf! Ach, ein geschickter Dieb stiehlt auch das Pfühl unter dem Kopfe fort; aber die Beinenden hatte er sich um die Arme geschlungen und noch mit der Schnur fest ans Gelenk gebunden. Wer sollte sie ihm da stehlen! Im Lager und im Kriege möcht ich das nicht raten; wie will er aufspringen, wenn die Lärmtrompete dröhnt! Aber auch im eigenen Hause half's dem guten Herrn Gottfried wenig, denn wo siegt nicht Weiberlist über Männerklugheit!

Da hielt die Mutter die Ampel etwas in die Höhe, und Eva streichelte mit ihrem kleinen Finger des Vaters Bart. Er lächelte vergnügt. »Katze, was willst du?« brummte er freundlich. Er drehte den Kopf, die eine Hand ward frei. Die Schleife des Riemens war gelöst.

Was beschreibe ich's nun, es ließe sich wohl besser malen, wie Eva mit verhaltenem Atem und mit einem Elfengriffe Herrn Gottfried den Kopf so sanft hielt, daß er im weichsten Pfühl nicht weicher liegen konnte, und die Mutter zog leise, leise unter dem Kopfe. Nun hielt sie's in der Hand, nun atmete sie wieder, nun ließ Eva den Kopf sanft auf das Kissen gleiten, und beide sahen sich an. Es war gelungen.

»Auch das!« dachte Frau Brigitte, als sie den Degen des Ritters an der Wand sah; aber Eva griff ihr in den Arm: »Mutter, du wirst doch nicht dem Vater sein Schwert nehmen!« Nein, ein freier Mann durfte nicht ohne sein Schwert sein, auch auf die Gefahr, daß er es gegen seinen Fürsten zog. Das war jedem damals klar, auch dem Fürsten, und die gute Frau von Bredow errötete, daß es ihr nur auf einen Augenblick aus dem Sinne gekommen.

Die Wagen rollten schon auf dem Damme, und die letzten Reiter harrten der Nachzügler, als die Edelfrau und ihre Tochter über den dunklen Hof kamen. Noch einmal schaute Frau Brigitte auf die großen Schatten der Türme und Mauern, und die starke Frau zitterte etwas, als die lange, dunkle Gestalt des Knechtes Ruprecht stumm vorüberschritt und ihrer wartend an das Fallgitter sich stellte. Da gelobte sie, wenn alles gut abginge, der Mutter Gottes in Zehdenick ein neues Kleid mit Goldfransen, und Eva sagte: »Und Schwester Agnes wird für uns beten, wenn es nicht recht war.«

Der Knecht ließ das Fallgitter sanft fallen und schloß das Tor von außen.

Auf ihren Knien unter dem Mantel hielt sie das gestohlene Gut. Nachts im Walde umschleichen uns unheimliche Gedanken. Die Natur verlangte ihr Recht, sie nickte ein. Da fuhr sie plötzlich auf, wenn der Wagen über eine Wurzel fuhr, und preßte das Kleid fest an sich. Hatte es ihr entgleiten wollen wie eine Schlange, oder hatte ein langer schwarzer Arm aus den entlaubten Bäumen danach gegriffen? – Wenn er nun erwachte vor der Zeit, über die Mauer sprang, ihr nachsetzte! Wie sollte sie ihn ansehen! Oder wenn die bösen Gesellen ihn abholen kamen, wenn sie ihnen jetzt begegneten! Wenn – hundert Wenns ängsteten die arme Frau. Wenn sie nur erst die Hunde in Golzow anschlagen gehört, wenn ein guter Mann des Weges gekommen wäre, dem sie das Gut in sichere Hände anvertrauen dürfen! Es drückte sie wie Blei; sie mochte es nicht länger halten. Zuweilen dachte sie daran, es dem Knecht Ruprecht zu geben, daß er damit nach Golzow voraufritte. Aber was hätten die in Golzow dazu gesagt, wenn die Hosen des Herrn von Bredow angekommen wären und nichts weiter!

Da hörte man durch den stillen Wald Hufschläge. Ein einzelner Reiter galoppierte vorbei. Gott sei Dank! dachte Frau von Bredow, er reitet vorüber. Er reitet gewiß nach Ziatz. Wenn er nur nicht umkehrt!

Was bog sich Eva nach dem Reiter um? »Hans Jürgen!« rief sie plötzlich in die Nacht hinein mit ihrer hellen, frohen Silberstimme.

Hans Jürgen war umgekehrt, der liebe, gute Hans Jürgen. »Das Kind kann doch durch die Nacht sehn.« Wer hätte an den Hans Jürgen gedacht, der damals am Fließ Wache stehen mußte, wenn er jetzt sah, wie die Frau mit ihm Hände schüttelte; und so mußte er sich über die Leiter biegen, daß sie ihn beim Kopf fassen und ihm einen herzhaften Kuß geben konnte. Und da er einmal sich über die Leiter gebogen, hielt er's für artig und anständig, auch seiner Muhme Eva einen Kuß zu geben, und nachdem er ihr einen Kuß gegeben, meinte sie, es schicke sich, daß sie ihm wieder einen Kuß gebe. Ein Freund in der Nacht und im Walde ist beinah wie ein Freund in der Not.

Da war es, als schiene plötzlich ein helles Licht in dem dunklen Wald, während Hans Jürgen, der kehrtgemacht, langsam neben dem Wagen ritt und ihnen erzählte, was er wußte, und sie erzählten ihm, was sie wußten. Hans Jürgen war nicht mehr der Hans Jürgen, den man in die Schwemme schicken konnte; sein Kurfürst hatte ihn nach Pommern und dann nach Mecklenburg geschickt in besonderen Aufträgen, und jetzt kam er vom Schloß des Brandenburger Bischofs in Ziesar, um in die Lausitz zu reiten und von da nach Berlin zurück, und alles, was ihm aufgetragen, hatte er gut verrichtet. Unterwegs hatte er ansprechen wollen bei seinen Blutsfreunden in Ziatz.

»Das kannst du nun jetzt nicht, Hans Jürgen«, sagte nachdenklich die Frau, aber plötzlich blitzte in ihr ein Gedanke auf. Sie ließ den Ruprecht halten, sie stieg vom Wagen und der Reiter vom Pferde, dann ging sie mit ihm ein paar Schritte auf und ab, und sie sprachen und schienen einig und die Frau sehr vergnügt.

Gleich darauf packte sie die Lederbüchsen in einen Sack, und Hans Jürgen steckte noch dahinein das Kettenhemde und die Büffelhaube seines Ohms, schnürte alles fest zu und legte es und band es auf sein Roß. Dann sprach sie zu ihm: »So also sprichst du zum gnädigsten Kurfürsten, nämlich ich meine, die rechten Worte wirst du schon unterwegs finden. Wenn böse Leute, wie dazumal, sagen sollten, dein Ohm wäre mit ausgeritten, wo er nicht reiten soll, so kannst du schwören, er ist nicht dabei. Du hast seine Haube und sein Hemde, und was er sonst nie vom Leibe tut. Das schicke ich alles Seiner Kurfürstlichen Gnaden, zum Zeichen, daß mein Herr unschuldig und verredet ist, und damit kein anderer böser Bube es anzieht und mein Götz kommt darum ins Unglück. So kannst du sprechen, und dann sprichst du die Wahrheit.«

Nun saß er wieder auf dem Pferde und die Frau auf dem Wagen. Ob er sich noch einmal über die Leiter gebogen, um auch zum Abschied, weil es anständig und artig, seine Muhme zu küssen, davon steht nichts in den Chroniken zu lesen. Aber er ritt sehr vergnügt in den Wald, und Eva war es, als blühten die dürren Bäume und die Nachtigallen sängen, und Frau Brigitte sprach bei sich: »Gott sei Dank, nun bin ich sie los und alles wird gut.«

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