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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Zehntes Kapitel

Du sollst nicht stehlen

Es war Nacht in Hohen-Ziatz.

Die gute Frau von Bredow stand im Dunkel an den Pfosten gelehnt und sah dem Knecht Kasper zu, der in der kleinen Burgschmiede glühte, hämmerte und putzte. Er sah sie nicht, er hörte auch nicht, wie ihr Herz bang schlug und wie sie in gedankenlosem Spiel die Finger rieb.

Es ist was los! flüsterten sie damals, als der Herr von Lindenberg ausritt. Es ist wieder was los, und was Schlimmeres! hatten sie heut geflüstert.

Der guten Frau von Bredow war es noch nie so schlimm ergangen in ihrem eigenen Hause. Was war in ihren Herren gefahren die Tage über! Er sah in das Glas und trank es nicht aus. Er war brummig wie allezeit, aber wenn die Eva ihm um den Bart kraute, lachte er nicht, wie er doch sonst getan. So schön hatte sie ihm noch nie den Hirsebrei zugerichtet, mit Zimmet und Butter und Zwiebeln, die dampften. Er griff hinein, er aß und – seufzte. Was hatte ihr Herr zu seufzen? Wenn er recht brummig gewesen, dann ward er nachher immer freundlich, und war wie um den Finger zu wickeln. Und Geheimes, das mußte sie ihm nachrühmen, Geheimes hatte Herr Götz nie vor seiner Frau gehabt.

Aber er ritt allein in den Wald und letzthin zum Besuch, sie wußte nicht wo, er saß allein in der Stube, den Kopf im Arm gestützt, und dachte, sie wußte nicht was. Reiter kamen und sprachen mit ihm unter vier Augen, und er schickte den Kasper auf Botschaft aus, sie erfuhr nicht wohin.

Gestern aber waren spät noch Gäste gekommen, als sie auf Besuch ausgewesen. Reiter, die von einer Jagd im Schloß abgestiegen, hieß es, aber die Leute im Schloß kannten die wenigsten. Einige hatten sich ganz verhüllt. Dann hatten sie in der Halle gezecht, wie guter Leute Art ist, aber die Türen waren verschlossen worden vor dem Gesinde, Kasper hatte aufgewartet, kein anderer war hineingelassen worden. Man hatte Becherklang, dumpfes Flüstern und wilde Verwünschungen gehört.

Als Frau Brigitte und ihre Tochter spät nach Hause kehrten, waren die Gäste schon fort, ihr Herr lag in seinem Bette. Aber es war Schweres zurückgeblieben. Sind Sorgen nicht schwer? Und ist das keine, wenn eine Hausfrau fühlt, daß sie nicht mehr allein Herrin im Hause ist, wo sie's zwanzig Jahre gewesen?

Frau Brigitte wußte schon mehr, als sie wissen sollte. Drüben in Golzow hatte sie manches munkeln gehört, auf dem Rückweg hatten dem Knecht Ruprecht, der sie fuhr, die Dohlen und die Krähen wunderbare Liedlein ins Ohr gesungen, und als der Wagen in die Lichtung fuhr, hatten sie noch die Gäste ausreiten gesehen; die gefielen ihr gar nicht. Auch im Dorfkruge sah sie durchs helle Fenster einige junge Burschen zechen, und sie sprachen wirre Dinge, solche Bauerburschen, die ihr Herr vom Pfluge nahm, wo es was galt. Auch mit andern waren sie wohl ausgeritten, um ein Handgeld oder auch nicht, die Leute sprachen nicht gern davon. Aber woher kamen die klingenden Guldenstücke in die Tasche der Büdnerssöhne!

Der Kasper sang, als er den Helmsturz auf dem Amboß festklopfte, ein Spottlied, was sie damals sangen auf Herzog Hans von Sagan, der landflüchtig war und kaum in der Mark ein Unterkommen gefunden:

Wer bürgerlichen Krieg anstift,
Denselben das Unglück wieder trifft,
Und muß das Sein mit dem Rücken ansehn,
Wie Herzog Hansen ist geschehn.

»Was singst du für ein häßlich Gassenlied, Kasper?« sprach die gnädige Frau.

Er erschrak etwas, aber nicht sehr: »Einer stimmt an, der andere singt nach, Gestrenge.«

»Wer muß alles nachplärren, was die Gassenjungen vorsingen! – Hat's solche Eil, Kasper?«

Der Knecht sah sie seitwärts an und nickte.

»Morgen schon, Kasper?«

Er bedachte sich und nickte wieder.

»Kasper, du bist ein treuer Knecht, aber ein treuer Knecht muß alles tun, daß sein Herr nicht zu Schaden kommt.«

»Ein Knecht muß tun, was sein Herr will.«

»Wenn der Herr aber –« sie hielt inne. »Der Herr ist anders worden als er war.«

Er nickte.

»Wenn's nun zum Schlimmen ginge, wenn er auf schlimme Leute gehört hätte, wenn sie ihn wieder fingen! Kasper, was würde aus dir, was würde aus uns allen! Das Liedlein vom Herzog Hansen, wenn sie's nun auf uns sängen!«

Der Knecht legte den Helm weg und nahm ein Schulterstück, aber das legte er auch weg. Es ging auch in ihm was vor: »Gestrenge, 's ist schon wahr, aber wir ändern's nicht, es muß sein.«

»Warum muß es denn sein? Kasper, du weißt was.«

»Ja, Gestrenge.«

»Daß es gegen den Kurfürsten losgeht, das darfst du nicht sagen?«

»Nein, eben das darf ich nicht sagen.«

»Auch nicht, daß mein Herr bei ist?«

»Auch nicht, daß er sich versprochen hat und nun nicht los kann.«

»Kasper! 's wird nicht wie damals. Damals war er unschuldig wie ein Lamm im Mutterleib. Kasper, wer ihn abhalten täte, der verdiente sich einen Gotteslohn.«

Kasper fuhr mit dem Eisen in die Kohlen, daß die Funken umherflogen.

»Ach, Gestrenge, das ist's eben. Der Brei ist zu weit eingerührt, nun muß er übers Feuer. Was mußten wir ihn auch allein ins Havelland reiten lassen –«

Die gute Frau zupfte ihn am Hemdsärmel: »Kasper, wir ziehn ihn wohl noch raus.«

»Der Stier rennt gradeaus, wenn er 'nen Schlag hat.«

»Du und ich?«

»Ich nicht, Gestrenge.«

»Ein bißchen wirst du mir schon helfen.«

»Nein! Bin ihm geschworen.«

»Kasper! 's ist gottlos, mein ich, gegen den Landesherrn; aber wenn's geht, i nu, da drückt Gott schon ein Auge zu. 's ist ja der liebe Gott.«

Der Knecht schüttelte den Kopf: »'s wird gehen wie dazumalen. Er ist stärker.«

»Da muß er in den Turm, und aus dem Turme – Unser Haus reißen sie nieder oder schießen's nieder, und wir, wir müssen ins Elend, die Eva und ich.«

Kasper wischte sich mit dem Ärmel über das Auge: »Ich werd's nicht mit ansehn. Wenn sie die Herren köpfen, hängen sie die Knechte.«

Er ging wieder an die Arbeit, als wollte er die Gedanken forthämmern. Aber Frau Brigitten kamen unter den Hammerschlägen Gedanken.

»Du bist ein guter und treuer Knecht«, sprach sie. »An deiner Stelle tät ich auch wie du. Aber ich bin seine Frau; ich muß für ihn sorgen, dazu sind wir am Altar geschworen, daß einer das Unglück vom andern abwendet. Aber was du weißt, das mußt du mir sagen, ich bin deine Frau und kann's dir befehlen; nämlich was er dir nicht verboten hat. Und was du denkst, damit mußt du auch nicht hinterm Berge halten, wenn ich dich frage. Denn ein Knecht darf nur für seine Herrschaft denken.«

»Freilich«, sagte der Knecht Kasper.

»Morgen früh schon reitet er aus?«

Der Knecht sah sie zweifelhaft an: »Das weiß ich nicht, ob ich das sagen darf.«

»Darum frag ich dich auch nicht. Aber das mußt du mir sagen: Bleibt mein Herr morgen daheim?«

»Ja, das hat er mir nicht verboten. Nein, er bleibt nicht daheim.«

»Und kommt auch morgen und übermorgen nicht zurück?«

»Das weiß keiner, wenn er zurückkehrt.«

»Nimmt dich mit und den Wenzel, und aus dem Dorf den Jürgen, den Stephan, den Hans und die beiden Zwillinge?«

»Nu, so Ihr das wißt, Gestrenge, da braucht Ihr mich ja nicht zu fragen.«

»Und in der Rüstkammer hängen schon die Eisenhemden, die Koller, Schirme, Hauben, die Spieße und Äxte, die ihr anziehen werdet.«

»Das wißt Ihr also auch.«

»Was dächtest du nun, Kasper, wenn ich den Ruprecht und noch ein paar gute Burschen nähme und ließe die ganze Rüstkammer raustragen, ganz sacht, daß es keiner merkt, und die Rosse aus dem Stall ziehen; wir packten alles was scharf ist und von Eisen auf die Leiterwagen, und damit führen wir in der Nacht nach Golzow. Die Rochows sind mir gut. Heuer wollen sie nicht mit. Bis er aufwachte, wären wir längst über alle Berge, und dann könnte er doch nicht ausreiten. Du sollst nicht dabei sein, du sollst nur sagen, was du dazu denkst.«

»Straf mich Gott, Gestrenge, da müßt ich ja dabei sein. Wenn ich's merken täte, da sprüng ich auf den Hof, und bis Ihr nur halb fertig wärt mit Aufpacken, riß ich das Fallgitter nieder und schrie aus Leibeskräften, bis er aufwachen täte.«

»Schreien würdest du? Dann müßten wir dich also knebeln.«

»Würde mich aber verflucht wehren.«

»Dann müßte man dich einsperren.«

»Ich schriee durch; 's ist ja für meinen Herrn.«

»Nun, wenn's hier unten wäre in der Schmiede, da könntest du dir die Lunge ausschreien, bis er's hörte.«

»'s hülfe Euch auch nichts, Gestrenge! Er hat sich in den Handschuh gebissen und geschworen, das kann ich schon sagen, vom Handschuh nämlich, das hat er mir nicht verboten. Da muß er's tun. Wenn er aufwacht und die Bescherung sähe, sobald er nur in den Hosen sitzt, springt er über die Mauer, wenn's nicht anders ist. Im Dorf trifft er Pferde und die liederlichen Kerle da, denn's ganze Dorf könnt Ihr doch nicht mitnehmen nach Golzow. Er reitet fort, wie er ist, ich kenne ja meinen Herrn.«

»Wie er ist«, wiederholte nachdrücklich die Frau. »Wie ist er denn, Kasper? Hat er 'nen guten Rausch?«

»I nu, die Treppe stieg er noch halbwege rauf. Nur auf den letzten Stufen mußte ich ihn unterfassen.«

»Hat er noch viel gesprochen?«

»Na! Nicht wie der Bischof von Brandenburg, wenn er 'nen guten Rausch gehabt, aber 's hörte sich doch so an.«

»Als du ihn verließest, schlief er?«

»Wie ein Maulwurf.«

»Und wann meinst du, daß er aufwacht?«

Der Knecht blickte verlegen: »Wenn ihn die Sonne nicht aufweckt, dann – ich weiß nicht, ob ich das sagen darf –«

»Dann solltest du ihn aufwecken. Vergiß das nicht, Kasper. Aber ist das deines Herrn Gebot, daß du hier mit mir plauderst? Frisch, frisch an die Arbeit. Nicht aufgesehen, hast viel nachzuholen, bis du ihn wecken gehst. Deine Frau befiehlt's.«

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