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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Neuntes Kapitel

Jochimken hüte Di!

»Ich stach in ein Wespennest. Ich weiß es. Heran! Hier ist mein Arm, hier meine Brust, mein Gesicht ist frei. Ich will ihnen auch ins Gesicht sehen. Warum haben sie nicht den Mut! Was schwirrt es nur wie Käfer in der dunstigen Luft! Ihre Väter haben es doch gewagt, es galt eine große Frage. Gott entschied für meine Väter. Warum geht ihnen der Atem ihrer störrischen Vorfahren aus? Es muß schlechter um ihr Bewußtsein stehen als um ihr Recht.«

So sprach der Kurfürst und ging mit hastigen Schritten auf und ab. Er war allein; der Kammerdiener, der die Lichter angezündet, eilte, daß er wieder hinauskam. Der Fürst liebte niemand um sich in dieser Stunde.

Aber noch eben hatten die Bürgermeister der beiden Städte und einige Ratsherren im Zimmer gestanden.

»Auch diese Bürgerherrn, ich will es glauben, sie lieben mich; ich tat ihnen ja noch nichts, wie meine Vorfahren, aber warum denn nicht heraus mit der Sprache! Warum diese dunkeln, ungewissen, scheuen Andeutungen? Fahre ich mit einer Frage, einem Wort, einem Blick drein, stäubt's auseinander wie der Rauch vorm Winde, und erstarrte Ehrfurcht zittert vor mir, der das Wort im Munde gefror; sie wissen nichts.

Wenn sie auch wüßten, der Mut ginge ihnen aus. – Auch für ihren Fürsten, weil er gegen ihn ausgegangen? Haben so die trägen Jahre gezehrt, hat so das Fett sie eingeschüchtert. Allmächtiger Gott, ich weiß es ja, daß ich eine große Sendung übernahm, dieses verwüstete Land zu sittigen, daß ich tief einschneiden muß in das Fleisch, Wunden gibt es. Hat die alte Wüstheit ein Recht für sich, warum tritt sie nicht auf, warum ficht sie nicht offen, Mann gegen Mann mir gegenüber. Ich liebe einen tüchtigen Widerstand, der meine eigene Kraft stählt, einen großen, ehrlichen, offenen Kampf, wo Gott entscheidet. Wenn sie siegten –«

Er schwieg bei sich. Ob er sich doch nicht zutraute, wenn sie siegten, dem Gottesurteil sich zu unterwerfen! Auch der Tapferste liebt es nicht, besiegt zu werden.

»Und auch das noch!« rief er, das fürstliche Siegel, das sein Wappen enthielt, auf einem Schreiben erbrechend, welches der Furier hineingebracht. Der Brief war von seinem Oheim, dem Markgrafen Friedrich dem Älteren von Bayreuth.

»Wieder Warnungen, Anmahnungen! – Ein Graf von Giech! – Herr Graf von Giech, Euren alten Adel, Euer schönes Stammschloß auf den fränkischen Bergen in Ehren, in Ehren auch den Botschafterposten meines erleuchten Ohms, aber ich werde mit Euch märkisch reden. Wenn mein Ohm, Euer Herr, als ich bei meines Vaters Tode ein Knabe war, mich für verständig genug hielt, daß ich das Regiment auch ohne Vormund führe, so erwägt, daß ich durch Jahre und Erfahrung älter ward und keinen Hofmeister aus der Fremde bedarf. – Er mag kommen, der Herr Graf von Giech!«

Der Fürst warf das Schreiben auf den Tisch und sich in den Sessel. Seine Augen flogen durch das Dunkel des gewölbten Zimmers.

»Wer hat mich angeklagt? Wer rief nach Franken um Hilfe? Der Brief ist stumm. Und wenn ich den Herrn Grafen fragen werde, wird er wie die Bürger antworten: ›Man sagt‹, ›Man meint‹. O, diese namenlosen Angeber, diese dunkle Macht des Gerichtes, diese Fledermäuse in dunstigen Gewölben. Alle sind es, aber keiner. Sie grollen alle, aber wen ich ansehe, warum zeigt mir denn keiner die Zähne? Warum verziehn sich die Runzeln in ein freundliches Grinsen, warum überstottern sie sich in Ehrfurchtsbeteuerungen! Es ist ja möglich, daß ich irrte, ich bin ein Mensch, jung; möglich, daß ich zu rasch gehandelt, mich hinreißen ließ – wenn sie Mut hätten, wenn ihre Sache gut wäre wie meine, warum ist denn nicht ein einziger, der es wagt, mir vor die Stirn zu treten, der es ausspricht? Ich könnte zürnen, auffahren, strafen. Nun, wagt das keiner um eine gute Sache! Wagt keiner, sich selbst zu opfern, um was ihm heilig ist? – Ich will mit ihnen fertig werden, mit ihnen allen, ich allein!« – Im Zimmer verbreitete der große schwarze, mit vielen künstlichen Figuren ausgelegte Ofen eine dunstende Wärme. Joachim riß das Fenster auf, um frische Luft zu schöpfen. Es kam auch da nichts Frisches herein. Ein Dampf lagerte über der Stadt, die Spree floß träg zu Füßen der Mauern, kaum daß ein paar Sterne sich matt in ihrem schwarzen Wasser spiegelten. Wenige gingen über die Brücke, nur drüben an dem sumpfigen Ufer hielt ein Mann mit zwei Reitpferden. Ein anderer, in einen Mantel gehüllt, einen Federhut auf dem Kopf, sprach mit ihm. Dann schritt dieser über die Brücke nach dem Schlosse zu; nach einer Weile folgte ihm der Mann mit den beiden Pferden. Es schien dem Fürsten, als wenn er die Tiere vorsichtiger führte, als es sonst Art ist.

Der Anhauch der Luft hatte sein Blut nicht erfrischt, als Joachim sich wieder an den Schreibtisch setzte. Er las, er schrieb, aber seine Gedanken flogen abwärts. Er dachte an seinen Oheim Friedrich, dessen Schreiben vor ihm lag. Wie glücklich war der in seinem glücklichen Oberlande, in den grünen Bergen, wo die muntern Bäche plätschern, die Tannen an den Abhängen rauschen, die Morgensonne die schönen Schlösser auf den Bergen anglüht. »Ach wären wir dort geblieben! Welche saure Arbeit wäre uns erspart!« – »Aber auch eine ehrenvolle Arbeit minder«, antwortete er sich und langte wieder aus dem Pult das Testament des Vaters. Er las es und las es. »Ich arbeite ja nur in deinem Dienst, auf deinen Befehl.«

Das Pergament war wieder verschlossen, und Joachim schrieb und blätterte in den Schriften vor ihm, bis die dunkeln Gedanken abermals ihn zu übermannen schienen. Er legte die Feder weg und seinen Kopf in die Lehne.

»Und grade zum heiligen Weihnachtsfest! Ich hatte mich nimmer so gesehnt, es in stiller Weihe zu begehen, als dieses Jahr, um mich würdig vorzubereiten auf das große Werk in Frankfurt. Wenn nach Neujahr der Abt, mein Freund, wie er versprochen, kommt –«

Er hielt sich das Gesicht mit beiden Händen:

»Mein Freund! – Wer ist denn mein Freund! Der ist ein Freund meines Wissens, meines Strebens, der der Ehren, die ich ihm zuwende, der ein Hund an der Kette, der wedelt mich an aus Furcht, daß ich ihn schlage. – Ich habe keinen Freund! – Lindenberg, dein Tod ist gerächt. So schnell hast du Recht gewonnen. Ein Fürst, der niemand mehr traut als sich, ist dem Gesindel anheimgefallen, sprachst du. – Ich traue ja niemand mehr – sie alle schleichen, alle nur der Widerhall meiner Worte. Und wenn sie stumm sind, auf welchen langen Leichenzug verbrecherischer Gedanken muß ich lauschen! – Du klagst mich an. Hörst du auch meine Klage. – Aber ich hätte milder sein können gegen mich, ich hätte mich selbst täuschen sollen, daß mir die süße Melodie deiner Worte länger vor den Ohren klänge! Deine Tat hätte mich gutmachen können, nur um dich mir zu retten. Du warst ja nicht mehr gefährlich. Die Spieluhr, die mir vor den Ohren summt, belügt mich ja nicht. Sie singt, wie ich sie stimme. Und ist es denn ein Verbrechen, einer Lüge horchen, die uns nicht mehr täuschen kann? Sind sie immer Gift? Vielleicht wohltätiges Gift, Balsam auf verharschende Wunden, die unter der rauhen Hand der Wahrheit wieder aufgehen und von neuem bluten. Allmächtiger Gott, was ist die Wahrheit, nach der wir ringen?«

Er schauderte zusammen: »Wenn ich ihnen allen ins Herz schaute, ihre Gedanken vor mir lägen wie ein offenes Buch! – Bewahre mich der Herr vor dem Entsetzlichen. Wir hätten in diesem unruhvollen Leben keinen ruhigen Augenblick. Geharnischt müßte ich mich auf mein Lager werfen, und wenn ich aufspränge, das Richtschwert zücken! Wohltätiger Nebel, den er über unsere Augen goß, nur soviel Licht uns schenkend, als wir ertragen mögen! Ja, was die Sterne uns vertrauen, das ist wahr. Darin zu lesen vergönnte er aber nur wenigen und weniges. Das andere ist Spiel! Ich haßte das Spiel, und doch – ich wollte, daß es mehr Spiel gäbe, mehr süße, liebliche Täuschung, nur auf Augenblicke die Wirklichkeit zu vergessen.«

Die ungeputzten Kerzen brannten nur dunkel. Es war totenstill. Von den Türmen schlug es Mitternacht. Der Fürst lag zurückgelehnt in seinem Stuhle.

»Es ist zu spät, es ist geschehen«, murmelten seine Lippen, sein Auge schloß sich, aber vor dem inneren traten die Gestalten auf, die ihn allnächtlich heimsuchten. Seine Brust bebte, sein Arm hob sich etwas, die Hand preßte sich krampfhaft zusammen. Er sah den Geist des Ritters, die Wendeltreppe kam er herauf, er schritt durch den langen Gang.« Warum, warum immer mit den hohlen Augen, Lindenberg! Klagst du die Raben an oder mich? Dein Auge war so glänzend. Ich riß es dir ja nicht aus. Was schleichst du wie auf Diebessohlen! Was stehst du an der Tür?«

Die Erscheinung verschwand nicht. Es war ein etwas mehr als die Vision, die aufgeregten Sinne wurden tätig. Er hob sich, auf die Armlehne gestützt, wie ein Lauschender. Plötzlich ein Schrei, er sprang auf:

»Maria, Joseph, was ist das!«

Joachim riß die Augen auf. Er hörte deutlich einen streichenden Ton an der Tür, ein Kratzen; dann ein Fall wie ein leichter Körper auf die Fliesen des Bodens; dann Tritte wie eines hastig Forteilenden. Er wollte nach der Klingelschnur greifen, das wäre zu spät worden. Den Armleuchter ergreifend, stürzte er nach der Tür und riß sie auf. Am Ende des langen Korridors verschwand eine dunkle Gestalt. »Mörder!« wollte der Fürst rufen, die Stimme versagte ihm. – Das Licht der Kerzen beleuchtete etwas Weißes an der braunen Nußbaumtür. Die Kreide, mit der die Schrift geschrieben, lag am Boden. An der Türe standen die Worte:

Jochimken! Jochimken hüte Di!
Kriegen wi Di, so hangen wi Di!

Unten stampfte ein Roß. Hufschlag durch das Portal. Er stürzte ins Zimmer zurück ans Fenster. Über die lange Brücke sprengten zwei Reiter. Von drüben kam eine fröhliche Gesellschaft von einem Schmause zurück. Bei dem Schein der Fackeln konnte er die Umrisse der einen Gestalt erkennen. Die Reiter mußten große Eile haben. So preschten sie durch die Gäste. Er hörte ihre Hufschläge klattern, die Oderberger Gasse entlang.

Wenn der Kurfürst jetzt, da er nach der Schnur zur großen Glocke eilte, in den Spiegel gesehen, an dem er vorüberging, hätte er auch vor einem Gespenst zurückschrecken mögen. Ein so blasses Gesicht sah ihn mit starren Augen aus dem Glase an. Als die Glocke stürmte, durchschauerte es ihn bang. Seine Miene schien zu sprechen: »Wen wird sie rufen? Steh ich doch schon vielleicht allein?« –

Die Edelknaben schliefen. Hatte man sogar vergessen, die Wächter auf den Gang auszustellen! – Waren die Tritte, die jetzt den Korridor hastend herankamen, schon die Tritte der Mörder! Seine Hand ergriff unwillkürlich an der Rechten nach dem Dolch, aber schnell ließ er die Hand wieder sinken, als schäme er sich der Bewegung. Er hatte andere Waffen.

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