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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Es war ein schöner Morgen geworden, die Sonne hatte die Nebel besiegt und strahlte sogar schon warm durch die Kiefergipfel, als sie auf einer Höhe stillhielten.

»Bis hier gabst du mir das Geleit«, sprach der Fürst. »Kehre zurück, rede mit den Deinen, und morgen erwarte ich dich im Schloß an der Spree. Heut bist du noch ein Freier, Hans Jürgen, morgen mein Mann. Hast du noch was auf dem Herzen, was du als Freier sagen willst, so sprich es aus.«

»Die Eva hat gewiß geplaudert, Durchlaucht?«

»Das Fräulein Eva Bredow steht unter meinem besonderen Schutz, das merke dir. Ich werde seinerzeit sorgen, daß die brave Jungfrau einen guten Mann bekommt, wie sie verdient. Den will ich ihr zuziehen. Du aber, mein Dienstmann, der noch viel tun muß, um die Sporen sich zu verdienen, darfst sie nicht anders als mit Ehrfurcht ansehen.«

Die Eva mit Ehrfurcht ansehen, das kam Hans Jürgen kurios vor. Aber der Fürst schien zu erwarten, daß er etwas erbitten solle. Für sich? Er war ja nun des Fürsten Mann. Für seine Pflegemutter? Die sorgte für sich selbst. Aber sein Pflegevater, Herr Gottfried? Was hatte denn der davon, daß Joachim in seiner Burg geschlafen, derweil er fort gewesen? Er fing etwas ungeschickt an, aber Joachim verstand ihn und sagte freundlich:

»Meine Gedanken kamen dir zuvor. Er soll Ehre haben, wie der Mann verdient, der sich freiwillig selbst einer bösen Tat zieh, um die Strafe von einem andern abzulenken. Wenn er verschmäht, ein Amt in meiner Nähe anzunehmen, wo ich der rechtlichen Männer bedarf, denk ich ihn zum Landtagsmarschall von den nächsten Ständen wählen zu lassen. Er ist nicht immer meiner Meinung, aber er liebt die Ordnung.«

Hans Jürgen war schon weit zurück, von wunderbaren Dingen geschaukelt, als dem Fürsten und seinen Begleitern ein lediges Pferd in den Weg kam, das ihnen entgegenwieherte, gleichwie sich freuend, Gesellschaft in der Einsamkeit zu finden. Als es sie begrüßt, ging es wieder an sein Geschäft und graste.

»Das bedeutet ja wohl Unglück!«

»Nur einen abgeworfenen Reiter«, entgegnete der Holzendorf. »Das Pferd ist fromm. Es hat ihn wohl nicht abgeworfen, der Reiter mag drauf eingeschlafen sein.«

An einem sonnigen Abhang fanden sie ihn wirklich. Er lag sanft gebettet im weichen Sande, und der Friede der Natur ruhte auf dem vollen, freundlichen Gesichte. Die Augen fest zu, schien er doch zu lauschen auf die Lieder, welche die Kieferwipfel über ihm rauschten, und die Gedanken des Schlafenden schienen Versteck zu spielen mit der Sonne, welche durch die Zweige ihn jetzt anblinkte und wieder verschwand.

»Seht, ob der Mann nicht zu Schaden gekommen«, sagte Joachim.

Ein tiefer Ton zwischen Schnarchen und Gähnen, der aus der vollen Brust sich arbeitete, gab eine beruhigende Antwort. Er drehte den Kopf um, weil die Sonne ihn belästigte, und wie er den Arm behaglich von sich streckte, ward jener inne, wie wohl dem Manne war, der auf dem Sande lag.

»Es scheint ein guter Mann zu sein.«

»Hilf Himmel, so mich mein Aug nicht trügt«, entgegnete der von Holzendorf, »ist's unser Wirt, Herr Gottfried von Ziatz. Freilich, das sind ja seine Elenshosen.«

Joachim hat selten in seinem Leben gelächelt. Als aber der Ritter fragte, ob er den Mann wecken sollte, verzog sich sein Mund, da er den Kopf schüttelte:

»Er schläft so süß! Was ich ihm sagen und bieten könnte, wäre doch nicht besser als seine Träume.«

»Aber sein Pferd ihm fangen, daß er es hat, wenn er aufwacht, wäre doch Christenpflicht«, meinte der andere.

Das Pferd kam von selbst, als würde ihm die Zeit lang, ob sein Herr noch nicht aufwachte.

Lächelnd ritten sie fort. Der Kurfürst wies auf einen Mann, der mit einem leeren Wagen des Weges kam. Dem wollten sie die Sorge für den Schlafenden anempfehlen.

»Fort, Katze!« sprach Herr Gottfried, als das Pferd ihn anschnupperte, und gab ihm einen sanften Schlag mit der Hand. Ob das Roß wohl auch sah, daß Herr Gottfried lachte?

Wie rauschte es in den Bäumen über ihm, wie knisterten die Kiefernadeln unter ihm, wie dufteten ihm die Heidelbeersträucher, die für keinen Wachenden einen Duft geben; wie schlürften seine ausgestreckten Glieder die Sonnenstrahlen, die immer wärmer wurden. Er sah durch die geschlossenen Augen die Ameisen, die auf seinen Beinen vergebens mit Schaufeln und Rüsseln durch die Elenshaut zu dringen versuchten. Herr Gottfried träumte einen süßen Traum; ich will ihn nicht verraten.

Als er die Augen aufschlug, saß neben ihm einer, der sich's auch behaglich gemacht.

»Kasper, was machst du da?« fragte er.

»Ich esse.«

Das war kein Traum mehr. Kasper schnitt sich mit seinem Zulegemesser Scheiben vom Rettich, vom Käse und vom Brot. Aber neben ihm lag ein aufgemachter Kober mit Würsten.

»Kasper! Du hast ja auch Wurst da?«

»Ja, Herr.«

»Kasper, ist's Essenszeit?«

»Je nachdem, Herr. Wen hungert, der ißt, wen schläfert, der schläft.«

Das war die Frage. Herr Gottfried hätte wohl gern noch geschlafen, aber da stand doch die Sonne vor ihm und sah ihn so groß an, wie seine Frau, wenn sie im Recht war und er im Unrecht, und das Pferd scharrte mit den Füßen und wieherte, und die Würste dufteten ganz anders als vorhin die Heidekräuter.

»Kasper, wie lange habe ich geschlafen?«

»Das weiß ich nicht, Herr.«

Der Herr rieb sich die Augen und schob sich unvermerkt den Kober mit den Würsten näher.

»Wo kommst du denn her, Kasper?«

»Die Frau schickt mich. Sollte Euch die Würste bringen. In Berlin wart Ihr nicht mehr. Ist hier auch 'ne schöne Gegend.«

»Da hast du recht«, sagte Herr Gottfried und griff nach der ersten Wurst. Und als er die zweite zur Hälfte verzehrt, entsann er sich, daß er seit gestern mittag nichts gegessen. Wer aber einmal den Erinnerungen die Pforte aufschloß, auf den stürmen sie los; es wird ihm schwer, die Tür wieder zu schließen. Als er die dritte gegessen, wie vieles hatte er sich da entsonnen!

»Ich glaube, ich hab die Nacht hier gelegen, Kasper!«

»Das kommt wohl so«, sagte der Knecht. »War 'ne schöne Nacht, die Sterne schienen.«

»Ja, ich habe gefroren. Hat dir die Frau nicht auch 'nen Morgentrunk mitgegeben?«

»Aber 'ne Gans, 'ne Martinigans; ist hier im andern Kober.«

»Gib her. Ist auch 'ne schöne Gegend hier, du hast recht.«

Herr Gottfried machte die Bemerkung, daß die Martinigans sauer sei, der Knecht aber sagte, es wäre manches im Leben sauer.

Da hatte sich Herr Gottfried wieder auf seinen Ellenbogen gelehnt und sah die Sonne an, das Fließ im Grunde und die Kiefern und Büsche, in denen der Wind sich wiegte, und dachte etwas. Wenn Herr Gottfried etwas dachte, nämlich wenn er vorher getrunken hatte, dann ward dem Knecht Kasper immer bang zumute. Um was mehr, als Herr Gottfried plötzlich ausrief:

»In dem Fließ sind sie gewaschen worden.«

Kasper war schnell auf den Beinen und die linke Hand unwillkürlich auf dem Rücken. Diesmal hätte es wohl sein Rücken allein aushalten müssen, denn wer denkt jedesmal, wenn er von Berlin nach Hohen-Ziatz fährt, daß er einen Friesrock unter die Jacke stopfen muß; aber das ist das Dämonische bei den Prügeln wie bei den Schlägen des Schicksals, daß sie in der Regel dann kommen, wenn man sich ihrer am wenigsten versieht. So kam es auch hier, nur umgekehrt. Der treue Knecht krümmte schon den Rücken, um sich in die rechte Lage zu bringen, aber der Herr rührte seinen Arm nicht, vielmehr ließ er die Backe noch tiefer in die Hand sinken als er in einem Tone sprach, über den der Knecht sich verwunderte:

»Siehst du, Kasper, wenn sie nicht gewaschen hätte, dann wär all das nicht gekommen.«

»Dann wär das nicht gekommen, Herr!«

»Und was ist nicht alles draus entstanden.«

»Und noch viel mehr.«

»'s ist ein so gut Weib, Kasper!

»Und was für eins!«

»Wenn sie nur nicht alles müßte waschen wollen. Weiß auch gar nicht, wo sie das her hat.«

»Die Liese aus Gütergotz sagt, 's muß ihr angetan sein.«

»Und grade meine Hosen! Mein Vetter Balthasar auf Wagnitz sagte auch gleich: ›Die sehn ja wie neu aus. – Ganz wie neu.‹ – Als sie mich abholten, da war's ihnen schon angetan.«

»Angetan –«

»Und der Hedderich hat sie auch an seinem Leib gehabt.«

»Daß sie den nicht auch gehängt haben!«

»Und die Schrift mußte ich unterschreiben. Die in Landin sagten, da müßte mich ja der Teufel geplagt haben.«

»Das war auch der Teufel, Herr!«

»Will sie auch nimmer von mir tun.«

»So ist's recht, Herr.«

»Der kluge Schäfer in Spandow hat mir gesagt, mit der Zeit zieht sich's und schiebt sich wieder zurück.«

»Ist mit dem Leder wie mit dem Menschen, Herr. Jung zieht man's, alt schrumpft's ein. Aber 's gibt schon unterschiedlich Leder.«

»Kasper, dem sieht's doch keiner nicht mehr an, daß es im Wasser war.«

»Keine Seele, Herr!«

»Und seit dem –«

»Haben sie Euch mit sechs Trompetern rausgeblasen; ich hört's in Berlin. Das hat Euch mancher Mann beneidet.«

»Und die Vettern erst; das hättest du mal sehen sollen!«

»Haben ein Traktament losgelassen. Nicht wahr?«

Herr Gottfried schmunzelte: »Das ging aus einem Haus ins andere. Weiß doch wirklich nicht, wo ich zuletzt gewesen bin. Was sagt denn die Brigitte zu?«

»I nu, was wird sie sagen. 'ne Stiege Gänse haben wir in den Rauchfang gehängt. Die Agnes haben wir nach Spandow gebracht.«

»Die Agnes, ach das liebe Kind!«

»Die wird fromm werden. Nu schlachten wir auch bald die Schweine.«

»Bin doch kurios zu wissen, wie's daheim geht.«

Damit war Herr Götz aufgestanden, und der eine Fuß saß schon im Steigbügel. »Wie lange bin ich denn eigentlich fort, Kasper?«

»In einer Stunde sind wir zu Haus, Herr!«

»In einer Stunde, kurios!« sagte Herr Gottfried und saß nun ganz im Sattel. »Viele Stunden, die machen einen Tag, und viele Tage einen Monat, und viele Monate ein Jahr, und was machen nun viele Jahre! 's ist doch kurios, Kasper, wenn man so das denkt. Manchmal ist mir doch, als wären viele Jahre nur wie eine Stunde, und dann ist mir wieder, als wäre eine Stunde wie viele Jahre.«

Dem treuen Knecht war recht bang zumute, als sie so nebeneinander, der Herr ritt und er kutschierte. Daß der Herr ihn nicht geprügelt hatte, das war schon sonderbar. Und jetzt ritt er so versenkt in sich und dachte, und dachte laut. Der Knecht dachte, ach wenn's mit dem guten Herrn zu Ende ginge!

Da sah Herr Gottfried plötzlich seine Handschuhe an, und steckte den Daumen in den Mund und schüttelte den Kopf: »Kasper, Kasper! Mir fällt was ein.«

»Das auch noch! Da 's ist richtig.« Kasper wischte sich das Auge.

»'s ist richtig! Kasper, 's kommt schlimme Zeit.«

»I warum nicht gar! Die Kraniche flogen ja über unser Haus.«

»Krieg, Aufstand gibt's, sie rüsten, ich muß mit. Ach, nu kommt das alles raus. – Wo waren wir doch letzte Nacht? – Richtig, richtig! Die blanken Schwerter kreuzweis über den Bechern. Der Totenkopf auf dem Tisch. Der Köpkin hielt meinen Arm, als ich schwor. Der Wulf, der konnte nicht mehr stehen, da biß er in den Handschuh, daß er sich's entsänne, wenn er aufwachte. Ich biß auch. – Ja, ja, 's ist alles so.«

»Hab auch von gehört, sie sind wolfstoll um den Lindenberg. – Ihr müßt also auch mit, wenn's losgeht?«

»Mit!«

»Der Kurfürst ist ein starker Herr. Wer ihn anbellt, den beißt er.«

»Sie werden auch beißen.« Die kriegerischen Gedanken schienen sich in dem Ritter zu sammeln.

»Unter Wölfen muß man mitheulen. Na, vielleicht kommt's nicht dazu.«

Der Ritter stützte das Kinn mit der Hand: »Vielleicht! Wollen ihn beim Freigericht verklagen, daß er einen Edelmann darum – Wenn das es auf sich nimmt – sonst, sonst Kasper, da werden wir die Knochen rühren müssen, da wird's Ernst werden. Alle Heiligen, da dürfen wir nicht mehr schlafen. Kasper, verstehst du mich; das dürfen wir der Frau nicht sagen.«

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