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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Achtes Kapitel

Zwei erwachen

»Sprich, was du denkst«, sagte der Kurfürst zu seinem Begleiter, als sie durch den Fichtenwald ritten. Das kleine Gefolge war auf seinen Wink zurückgeblieben. Die Morgensonne fing an, die Nebel zu zerteilen, und versprach einen schönen Tag.

»Daß Ihr wieder gutmachen wolltet, was Ihr schlimm gemacht. Aber –«

»Grad heraus, niemand lauscht, und ich bin in der Laune, dich zu hören.«

»Ihr denkt, der Specht spricht auch, und der Häher und die Krähe schreien, warum nicht Hans Jürgen.«

»Was ich denke, ist mein. Ich will deine Gedanken hören.«

»Nu ja, Herr Kurfürst, was ich von Euch damals dachte, das wißt Ihr, als ich noch nicht wußte, daß Ihr's wart.«

»Das zu wiederholen, erlaß ich dir. Was denkst du aber nun?«

»Weil Ihr meinem Ohm so große Schmach angetan, darum kamt Ihr. Denn daß Ihr auf der Jagd bloß verirrt wärt und nur so von ungefähr angesprochen, das glaube ich nicht.«

»Bursch, du zeihst deinen Fürsten einer Lüge?«

»Das darum auch noch nicht. Bei Hofe und in der Stadt mag's wohl so in der Art sein, daß jeder was anders sagt, als er im Sinne hat; weil das jeder vom andern weiß, so gleicht sich's aus.«

»Und wenn ich nun darum nach Hohen-Ziatz geritten wäre? Wir sind hier nicht bei Hof, wir sind in Gottes freiem Walde. Du darfst nicht hinterm Berge halten.«

»Wenn einer einen geschlagen hat, oder was noch schlimmer ist als das, denn das ist es, und nun kehrt er bei ihm in sein Haus ein, und ißt an seinem Tisch und schläft bei ihm zu Nacht, da weiß ich doch nicht, wie er das damit wieder gutmacht.«

»Bist du unter Bären aufgezogen? Weißt du nicht, was der Unterschied ist zwischen einem Fürsten und Vasallen?«

»Jeden juckt doch seine Haut, und was Ehr im Leibe ist, das weiß doch ein Vasall so gut wie ein Fürst.«

»Denke, du wärst ich, und hättest einem Vasallen, einem Fremden unrecht getan, und fühltest den Drang, es wieder gutzumachen. Was würdest du tun? – Du besinnst dich sehr lange.«

»Das ist schon recht. Es geht einem schwer an. Aber wenn ich einen zu meiner Tür hinausgeworfen hätte wider Recht, den lüd ich wieder zu mir ein, wenn's auch übers Recht wäre, mit allen Ehren, und täte ihn bewirten wie einen Fürsten, wie's mich auch hart anginge und was auch die Leute dazu sagten, und wenn –«

»Besinne dich, Hans Jürgen, ob ich nicht mehr tat?«

Hans Jürgen besann sich: »Ja, Ihr denkt's so. Daß Ihr Euch so fast allein in unsern Wald gewagt, und in unser Haus geritten und ohne Leibtrabanten Euch zur Ruh gelegt habt. Denn um der Ehre willen war das gar nicht nötig, daß Ihr noch zur Nacht bliebt. Wenn Ihr zur Vesper gegessen und einen Trunk getan, hättet Ihr noch ganz gut bis Golzow reiten können, wo Ihr bei den Rochows besser aufgenommen waret als bei uns. Aber Ihr tatet es, um so zu tun, als wenn Ihr uns wunder was Vertrauen damit zeigen tätet. Aber ich meine, für meine Person, das ist nicht so sehr viel; denn das weiß doch jedes Kind, daß wir Euch nicht totgeschlagen hätten, und hätten's auch nicht geduldet, daß Euch einer ein Haar krümmte, bloß weil Ihr unser Gast wart. Ich stand selbst die ganze Nacht durch vor Eurer Tür Wache. Dagegen ist nun nichts, und 's ist auch ganz gut, aber Ihr denkt Euch doch nun, wir alle müßten uns überschlagen vor Erstaunen und Verwunderung, und vor Dankbarkeit nicht wissen, wo wir hin sollen, und dabei kommen mir denn so eigene Gedanken.«

Joachim ritt eine Weile schweigend vor sich hin.

»Sie werden's mir nicht danken, meinst du?«

»Ach ja, das werden sie schon; dabei aber dacht ich mir: wie das kurios in der Welt ist! Der eine hat seine Schläge weg, was ich nämlich so meine: mein Oheim und wir. Und der sie ihm gab, der hat erst das Vergnügen weg, daß er einen ehrlichen Mann geschlagen hat; denn da mögen die Priester sagen, was sie wollen, wenn ich einen prügeln getan, das hat mir Vergnügen gemacht und ihm Schmerzen, und zweitens kostet's Euch gar nichts, im Gegenteil, es hat Euch auch noch Vergnügen gemacht, und am Ende erheben sie Euch noch in den Himmel, wie edel und großmütig Ihr seid, und danken Euch, und der andere muß erstlich seine Schmerzen einstecken und tun, als wenn er wunder wie froh wäre, und dann auch noch danken und von den Leuten sich Glück wünschen lassen, daß es noch so gekommen ist. Das ist doch kurios in der Welt geteilt.«

Der Fürst blickte ihn an, als wollte er ihn fragen, ob er es anders teilen könne.

»Möchtest du Fürst sein?«

»Das weiß ich nicht«, sagte Hans Jürgen. »Ich müßt es doch erst lernen.«

»Uns lehrt es niemand. Gott gibt es, und es ist da.«

»Da ist's am End recht gut, daß es mir Gott nicht gegeben hat. Itzund möchte ich am wenigsten in Eurer Haut stecken.«

»Du beneidest mich also nicht mehr um das Vergnügen, einem wackern Manne unrecht getan zu haben, nicht um die Lust, die es mir macht, von den Leuten gepriesen und bewundert zu werden! Ich sage dir, es gibt noch andere Dinge, um die du mich nicht beneiden darfst.«

Sie ritten wieder eine Weile, ohne ein Wort zu wechseln.

»Aber du kannst scharf lesen in den Gedanken anderer«, hub Joachim wieder an. »Wenn nun einer wäre, der auch so in deinen Gedanken läse!«

Da stutzte Hans Jürgen und wurde rot. Er dachte zwar, daß die Leute immer gemeint, er habe keine Gedanken, aber er wünschte jetzt doch nicht, daß der Fürst in sein Herz hineingesehen hätte.

»So ich nun läse, was die Röte auf deinem Gesicht ansagt: wie du zwar Wache gestanden vor meiner Tür, als ich schlief, auch mich itzo sicher willst hinbringen, bis wo ich aus eurem Gebiet bin, und so mich einer anfiele, dein Schwert ziehen würdest, aber doch innerlich grimmig schaust und sinnst, wie du es wenden sollst. Wie du in Spandow hingehorcht hast auf die wilden Reden, welche die Junker in der Schenke geführt, wie du dann hinreiten wollen nach Friesack zu deinem Paten, um Rats dir zu erholen, bis dir einer zugeflüstert, der Rat, den du da fändest, würde dir nicht gefallen. Wie du ingrimmig heimgeritten, mit gar wilden Gedanken in deiner Brust. Wenn ich läse, wie du an den Knöpfen abgezählt, ob du zum Pommerherzog gehen solltest oder warten auf die Gelegenheit, die im Lande kommt. Läse, wie du beim Gedanken aufgejauchzt, das Schwert zu ziehen und in heller Schlacht gegen deinen Kurfürsten zu fechten? Da könntest du auch Ritter werden, und welcher Preis erwartete dich, wenn du heimkehrtest. Darum lohnte sich schon, die Treue gegen seinen Landesherrn zu brechen. Nicht so, Hans Jürgen?«

Hans Jürgen hatte den Kopf allmählich sinken lassen, und die Arme fielen ihm auch schlaff zur Seite. Aber er ermannte sich doch, ihn wieder anzusehen, ob er sein Urteil auf dem Gesicht lese:

»Das wißt Ihr alles, Herr Fürst.«

»So mir ein Vöglein auch gesungen, daß du mit ausreiten gewollt in jener Nacht gegen den Krämer, du wärst ja trotzigen Mutes gewesen; nur die wackere Frau hätte dich anderwärts hingeschickt. Ei, ei, so keck, und das doch hinter dir?«

»Herr Kurfürst, lügen kann ich nicht! 's ist alles wahr. Ihr werdet mir den Kopf abschlagen lassen wie jenem. 's ist schon manchem bessern Mann als mir so gegangen.«

»Du gibst dich?«

»Wenn's sein muß, 's ist besser schnell, als lange fackeln. Besser früh aus der Welt gehn mit Ehren, als lange leben ohne Ehren.«

»Den Kopf soll's dich nicht kosten. So ein Fürst alle die strafen müßte, die ihm übel denken und Böses tun wollten, aber 's kam nicht dazu, da hätte dieser Wald nicht Pfähle genug, um die Köpfe daraufzustecken. Du hast dich mir aber gegeben, und nun sollst du nicht mehr frei sein, vielmehr mein Diener. Du hast für mich da gewacht im Haus von Ziatz, nun sollst du für mich wachen im Schloß zu Kölln. Und das denke wohl, Hans Jürgen, was es heißt, für seines Fürsten Kopf einzustehen. Ich will keinen Schwur von dir, nur deine Hand darauf!«

Hans Jürgens Arm zitterte doch etwas, als er seinem Fürsten die Hand reichte. Daß er ihm den Kopf würde abschlagen lassen, das, wenn er recht nachdachte, hatte er doch eigentlich nicht gedacht; aber daß er ihm würde die Hand reichen dürfen, das hatte er auch nicht gedacht. Da war ihm wunderbar, fast bang zumute, und in den Nebeln, die durch die Fichten glitten, sah er ganz eigne Bilder. Seine Muhme Agnes hob den Finger auf. Er hatte ihr ja versprochen, nicht des Fürsten Mann zu werden, und nun war er's doch geworden, er wußte nicht wie. Aber dann sah er auch wieder die Eva, wie sie, als er am Morgen mit dem Fürsten ausritt, so schelmisch ihm ein Mäulchen zog. Sie war ganz neckisch geworden und wollte ihm keinen Kuß geben zum Abschied. Sie sagte ihm, er hätte ja nun einen andern Schatz. Aber bös hatte sie's nicht gemeint. Und was mochte sie nur mit dem Kurfürsten gesprochen haben, der sich so lange und insgeheim beim Morgenimbiß mit ihr unterhalten, und als er eintrat, da sahen ihn beide so sonderbar an.

Der Kurfürst sprach wieder gar nichts. Da mußte er doch wohl anfangen; er hielt es für gute Sitte.

»Herr Kurfürst, da ich nun Euer Mann bin, so muß ich Euch treu und gewärtig sein, das versteht sich; aber wenn ich nun anders denke, als Ihr wollt, dafür kann ich doch nicht.«

»Denken magst du, was du Lust hast.«

»Aber muß ich alles raussprechen oder soll ich's verschlucken?«

»Wenn's dir zu schwer wird, sprich, aber nur wenn wir allein sind, wie jetzt im Walde.«

»Wie ich mit dem Herrn von Lindenberg ausreiten wollte, das war nicht recht von mir, das hab ich auch längst eingesehn. Darum könntet Ihr mich mit Recht strafen. Aber daß ich bös auf Euch war, da weiß ich doch nicht, ob ich da nicht recht hatte. Und wie ich alles das in Spandow erfuhr, ach Gott, da kochte es mir in der Brust. 's ist ein Glück, daß Ihr mir nicht schon da im Walde begegnet seid, das hätte ein Unglück gegeben für Euch oder für mich. Nachher, da ritt ich mir denn die erste Wut aus.«

»Es blieb doch noch genug, als wir uns da begegneten, und du kanntest mich nicht einmal.«

»Das war, weil der rote Adler auf Eurer Brust stak.«

»Hans Jürgen«, sprach Joachim, »eins nimm in acht. Es ist nicht Befehl, es ist ein guter Rat. Wenn du einem begegnest, den du nicht kennst, so verschlucke deine Gedanken, bis du ihn kennst.«

»Aber was ich weiß, muß ich das alles sagen?« hub der Junker nach einer Weile wieder an.

»So du es für nötig hältst, und daß du der Treue gegen deinen Herrn nachkommst.«

»Es denken viele wie ich, Herr.«

»Ich weiß es.«

»Und noch schlimmer. Wenn sie Euren Namen nennen« – Hans Jürgen stockte, man sah ihm an, daß er mit sich selbst kämpfte. – »In Spandow, was ich da hörte. – Der Tod des Lindenberg hat Euch viele Feinde gemacht, Herr, die schwuren: es solle Euch nicht ungerächt hingehen.«

»Beim Weine.«

»Muß ich ihre Namen nennen?«

»Nein«, antwortete Joachim nach einigem Besinnen. »Die Gedanken sind eines jeden Eigentum. Auch wo sie zu Worten werden, mag der Gefahr sehn, der sich selbst nicht traut. Ich traue mir. Laß sie frei reden, es ist ihre Art. Ich kenne sie, ich lese ihre Gedanken, wie ich deine las. Sie wähnen sich im Recht, ich bin es auch.« Er schlug sich auf die Brust. »Wohlan, laß sehen, welches Recht stärker ist. Einer muß herrschen, und Gott und das Geschick gab mir den Zügel in die Hand. Ich will ihn straffziehen, wenn es not tut, aber linde lassen, wenn – wenn sie nur Worte haben gegen mich.«

»Herr!« hub Hans Jürgen wieder nach einigem Schweigen an. »Ich an Eurer Stelle ritte nicht mit so geringem Gefolge in dieser Zeit durchs Land.«

»Weißt du von etwas, das mehr ist als Worte, dann wäre es Verrat, wenn du schweigst.«

Joachim sah ihn scharf an, während der Junker antwortete. Aber seine Muskeln spielten ein verächtliches, mitleidiges Lächeln, als Hans Jürgen von einzelnen verzweifelten Wünschen und ausgestoßenen Drohungen Bericht erstattete.

»Armselige Atemzüge der Ohnmacht! Höre auf. Das können sie, das ist ihre Kraft, das ihre Lust. Ich will sie ihrer Armut gönnen! Dies Spinngewebe, das Wespennest von rohen, hohlen Wünschen vernichte ich mit einem Blick. Ihren Worten, die mich wie Fledermäuse und Eulen umflattern, wie Krähen und Raben umächzen, will ich ein Wort entgegensetzen, das, wie der Sonnenstrahl, dies Gezücht verscheucht. Merke dir's, Hans Jürgen von Bredow, ich fürchte sie nicht, aber sie sollen mich fürchten lernen, sie sollen erschrecken und Zähneklappern fühlen, sie sollen wünschen, daß sie sich verkriechen könnten in der Erde Grund, wenn ich meine Stimme erhebe, wenn ich mich ihnen zeige, nicht wenn ich vor ihnen scheine, wie ich bin. Nun genug. Verdirb mir nicht die reine Morgenluft.«

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