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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Drittes Kapitel

Die Waschbank

Auch die Sonne hat ihre Flecken, auch die beste Haushaltung ihre Mängel, und was wir glauben, daß es ganz in der Richte sei, mag unmerklich wo einen kleinen Stoß bekommen haben, und der Bau wird schief.

Frau Brigitte Bredow meinte, es sei alles in Ordnung, weil sie alles geordnet und jeden auf seinen Platz gestellt. Aber sie hatte sich darin verrechnet, daß auch der wachsamste Wächter einmal einschlafen kann und daß der beste Mensch ein Mensch bleibt. Und wer gibt denn einem Gebieter, ob er über ein Königreich das Regiment hat oder über eine große Herbstwäsche, das Recht, daß er nur gute und tüchtige Leute unter sich habe. Die Welt ist bunt; wir müssen sie nehmen, wie sie ist. Zwischen Riesen und Zwergen ist die Auswahl, und die Krummen und Lahmen, die Tauben und Blinden gehören auch dazu. Der Meister über eine große Arbeit zeigt sich darin, daß er jeden hinstellt, wo er hingehört, und jeden zu nutzen weiß nach seiner Kraft und nach seiner Schwäche.

Hans Jürgen ist zu nichts gut! Darum hatte man ihn hingestellt auf die äußersten Sandhügel am Fließ, wo der Wind am schärfsten wehte. Da sollte er achthaben. Worauf? – Wie hatten alle den armen Hans Jürgen ausgelacht, und die Edelfrau hatte mitgelacht und ihm den Rücken gedreht.

Der arme Hans Jürgen! Er hatte doch schon sechzehn Sommer hinter sich, ach nein, er zählte nach Wintern und war eines Edelmannes Sohn, eines Edelmannes, so gut als einer in den Marken zwischen Elbe und Oder, und doch sagten die Leute auf Hohen-Ziatz, er sei zu nichts gut, und hier mußte er Wache stehen vor einem Stück alten Leders, das wie ein Galgenmann zwischen zwei Kiefern hing. Fünf Fuß war er hoch und noch einen Zoll darüber, stark genug, eine junge Buche mit den Wurzeln auszureißen; auf das Fohlen in der Koppel konnte er sich werfen, und wenn die Frau es gebot, ritt er drei Meilen ohne Sattel, um zur Sippschaft eine Botschaft zu tragen. Sein Auge war wie der Luchs, sein Bolzen traf den Vogel im Fliegen, und über Hecken und Gräben setzte er ohne Anlauf, und doch wollten sie ihn nicht ritterlich aufziehen, wie seines Standes war. Der alte Herr Gottfried sagte zwar, wenn er brummig war, mit den Rittern sei es aus; wozu sich Sporen verdienen, da es keine Sporen mehr gäbe. Aber warum ließ er Hans Jürgens Vetter, den Hans Jochem, der war nicht schlechter und nicht besser von Geburt, Reiten lehren und Tanzen in Brandenburg, und nahm ihn auch zum Ringelrennen mit, wo es eines gab; ja, zu einem Turnier nach Meißen hatte der alte Herr ihn einmal geschickt mit seinem Verwandten, dem edlen Herrn von Lindenberg, daß er sich dort umschauen solle, was gute Sitte sei.

Hans Jürgen war eine Waise; aber Hans Jochem war ja auch ohne Vater und Mutter. Herr Gottfried und sein Eheweib hatten beide Kinder, ihre Vettern, zu sich genommen in ihr Haus und versprachen, sie als ihre Söhne aufzuziehen. War es darum, daß Hans Jochem von der Mutter noch eine fette Erbschaft liegen hatte, die ward verwaltet beim Dom zu Havelberg, und Hans Jürgen war blutarm? Die Edelfrau hatte doch gesagt, als sie die Waisen ins Schloß nahm, sie sollten sein, da der Herrgott ihr und ihrem Gottfried keine Söhne geschenkt, als ihre eigenen Söhne, und viel Liebes und Gutes hatte sie noch gesprochen über die armen Kindlein, denen der Herr erst die Mütter genommen und dann die Väter.

Die Edelfrau war eine wackere Frau, und was sie sprach, das meinte sie, aber Worte sind Wind, wenn die Taten nicht darauf folgen, und der Sinn des Menschen ist wandelbar. Hans Jochem hatte ein glatt Gesicht und ein Paar muntere Augen, er wußte es allen recht zu machen, und sie lachten und waren ihm gut; aber Hans Jürgen – man weiß nicht, wie man mit ihm dran ist, sagten, die nichts Schlimmes sagen wollten. Böses wußte man nicht von ihm, aber warum tat er nichts Gutes? Andere hätten fragen mögen: aber warum tat er nicht, was gut war, daß es die Leute sahen? Er ist tückisch, sagten einige, denn er tut das Maul nicht auf. Aber wenn er es auftat, ließen ihn die anderen nicht zu Worte kommen. Er kann nichts Gescheites vorbringen. Er hatte ja nicht Zeit dazu; sein Mundwerk ging langsam, und wenn er anfangen wollte, setzte ein anderer fort, was er sagen wollte, aber nicht, wie er es wollte, und wenn er ein ernstes Gesicht machte, lachten sie aus vollem Halse. Ihm fehlen die Gedanken, sagte der Dechant. Sie ließen ihn ja nichts denken, dachte Hans Jürgen. Und wenn er sich im Bache sah, kamen ihm noch ganz andere Gedanken, dem armen Hans Jürgen. Glatt war sein Gesicht nicht und munter seine Augen auch nicht; es lag darin ein Ausdruck, ich weiß nicht wie, aber die Leute sagten: das ist ein verdrossener Bursch, oder er ist schläfrig.

Wenn Hans Jürgen das Bild lange im Fließ sah, wurde das Gesicht allmählich ein anderes, und es tropfte etwas ins Wasser. Aber nur auf einen Augenblick, denn gleich darauf ward es ganz rot, und ärgerlich wischte er mit dem Ellenbogen über die Augen: »'S ist gut, daß das keiner gesehen hat«, murmelte er und warf sich in die Brust. Aufgerichtet ging er, den Hals weit aus den Schultern, am Fließe auf und ab und dachte wieder: »Wenn ich auf einem gerüsteten Pferde säße, wir wollten doch sehen, ob ich nicht auch ein Ritter würde.« Aber wenn das laute Gelächter von drüben herschallte, war's, als fuhr er wieder zusammen. Die andern spielten Plumpsack mit den nassen Tüchern, sie neckten, haschten und warfen sich, wie lustige Kinder tun, denen jede Arbeit zum Spiele wird. Wer allein ist, hascht und neckt nur mit seinen Grillen und bösen Gedanken. Nicht daß er stundaus, stundein bei dem Leder Schildwacht hätte stehen müssen und keinen Fußbreit fort gedurft, aber er gehörte doch nicht zu den anderen. Wäre er zu ihnen getreten, sie hätten ihn nicht fortgewiesen, aber er wäre immer an der Reihe gewesen beim Suchen und Haschen, und wenn die Knechte die großen Decken spannten und losten, wer in die Luft fliegen sollte, so wußte er, das Los hätte ihn getroffen. Er wußte auch, daß die anderen dachten, er sei muckisch, er halte nicht zu ihnen, weil er was für sich sein wollte.

»Und das will ich auch«, brach ein verstohlener Gedanke unwillkürlich aus seiner Brust, »laßt mich nur älter werden und größer«, und dabei stieß er den kurzen Jagdspieß so fest vor sich, daß er mit dem stumpfen Ende in dem Boden wurzelte. Es war ganz still geworden, die Abendluft wehte drüben durch die Elsenbrüche ihm recht erquicklich auf das heiße Gesicht. Von dem fernen Kloster Lehnin klang die Abendmette. Er schüttelte den Kopf: »Nein, ein Mönch will ich nicht werden. – Auch so einer nicht«, setzte er nach einer Weile hinzu, als er den Krämerwagen in das Lager einbiegen sah. Wie schon über den Gedanken unwillig, wandte er ihm rasch den Rücken. Der Wind, der zwischen den Hügeln sich fing, fuhr ihm entgegen, und er empfand einen heftigen Schlag ins Gesicht. Hans Jürgen hob zornrot den Arm – aber es war kein Lebendiger, der es sich erfrecht, auf ihn zu schlagen, kein Mensch, kein Arm, den er wiederschlagen konnte, es war das Stück Wäsche, davor er Schildwacht stand. Aufgeschwellt von der Luft, schwenkte es hin und her, und die willenlosen, nassen Beinriemen waren's, die ihm um die Ohren peitschten. Es zuckte ihm durch die Finger, er war wieder hochrot, aber jetzt war es Scham wie Zorn, und schon hob er die Hand auf nach dem verdrießlichen, widerwärtigen Leder: »Mag der alte Herr Götze«, dachte oder kochte es in ihm, »auf dem bloßen Sattel reiten, ich will nicht länger Fahnenwache stehn vor seinen Büchsen!« Die schöne, feingegerbte Elenshaut, so sauber gewaschen, geklopft, gerieben und gebürstet, war in Gefahr, in den Sand geworfen zu werden, wenn nicht ein Schrei ihm ins Ohr geklungen hätte.

Ein durchdringender, feiner Schrei, kaum ausgestoßen und schon wieder verhallt. Hans Jürgen kannte die Stimme; im nächsten Augenblick war er auf dem Hügelrand, der dort die Aussicht auf das obere Fließ scharf abschnitt. Eine der kleinen Waschbänke hatte sich losgerissen, sie trieb in dem Wasser, und es war nicht ganz ohne Gefahr für das junge Mädchen, was ängstlich darauf stand, denn die Strömung war hier stark und trieb auf das Eck drüben los, wo sie leicht an den großen Steinen umschlagen konnte. Die Waschbank war selbst nur ein kleines, morsches Gefäß, welches unter seiner Last hin und her schwankte. Ohne den Gedanken an eine Gefahr wäre es ein hübsch anzuschauendes Bild gewesen. Das liebliche Mädchen im roten Mieder mit den aufgekrempelten Hemdsärmeln und den blonden Füßen, wie es, ein Stück feiner Wäsche in der Hand, mit Armen und Füßen das Gleichgewicht zu halten unbewußt bemüht war. Ihr ängstlicher Blick, der sich noch nicht von dem Boden, auf dem sie stand, forttraute, ihre halb geöffneten Lippen, die eine Reihe feiner Perlenzähne zeigten, ihr erstes Erbleichen, das jetzt schon einer Röte Platz gemacht, und dann wieder ein neuer Schreck, als sie auf den großen Granitblock schielte, auf den die Waschbank lostrieb. Sie war sichtlich im Zweifel, was zu tun. Sie steckte die goldene Dukatenkette, die allzu frei um ihren Hals spielte und beim Anstreifen an Gebüsch und Schilf eine gefährliche Schlinge werden konnte, mit der einen Hand in das Mieder und schien mit dem einen Arm im voraus zu prüfen, ob sie die Weide erreichen könne, die ihre Zweige von dem Steine über das Wasser streckte, um vor dem gefährlichen Anstoß sich zu schützen.

Aber die Schifferin erreichte weder die hilfreiche Weide, noch den gefürchteten Granitblock. Es rauschte im Wasser, und bald hatte ein kräftiger Arm die Waschbank gefaßt. »Du wirfst mich um« rief das Mädchen, denn vor der plötzlichen Berührung aus seiner ebenmäßigen Bewegung gekommen, schwankte das Gefäß.

»Dafür laß mich sorgen«, rief der Retter und hielt ihr den rechten Arm in die Höh, während er mit dem linken die Bank regierte. »Nun faß mich an, und dann ist's gar nichts.«

Sie reichte ihm ihre zitternde Hand. Er watete etwa bis an die Brust im Wasser, und der Grund schien fest.

Aber die Bank mit ihrer schönen Last durch die Strömung nach dem anderen Ufer wieder zurückzuziehen, schien eine schwierige Aufgabe. Er strengte sich sichtlich an; er zitterte jetzt, während sie immer ruhiger wurde.

»Fürchte dich nicht, Eva«, sprach er, als er keuchend einen Augenblick anhielt.

»Was soll ich mich fürchten«, erwiderte sie, »du siehst ja, ich stehe fest. Ich brauche deine Hand nicht mehr.«

Er kämpfte und überwand. Er stieß die Bank ans Land. Das Schilf niedertretend, arbeitete er sich mit einem Fuß ans Ufer und wollte ihr den Arm reichen; aber mit einem leichten Satz war sie schon herübergesprungen. Die Bank schnellte weit zurück.

»Da wären wir ja«, sprach er. Aber der arme Hans Jürgen mußte gar zu possierliche Bewegungen machen, als er das Wasser von sich schüttelte, denn das junge Mädchen schien die Angst und Fährlichkeit ihrer Lage ganz zu vergessen, und statt zu danken, lachte sie aus vollem Halse:

»Wie ein Pudel, Hans Jürgen!« rief sie.

»Der Pudel springt auch ins Wasser«, murmelte er, und leiser setzte er hinzu: »Aber er holt nur, was man ihm befiehlt.«

»Nur nicht bös, Hans«, sprach das Mädchen. »Dank dir auch.«

Hans Jürgen schüttelte sich und murmelte etwas, was sie nicht verstand.

»Trockne dich, Hans, daß die anderen es nicht merken. Sonst lachen sie über dich und über mich auch.«

»Über mich, Eva? Was tut's! Sie lachen ohnedem. Ich hab 'nen tüchtigen Pelz.«

Eva Bredow sah sich um: »Ach, die Bank, die Bank! Hans, sie schwimmt fort. Dann merken sie's. Die Bank wieder, Vetter Hans. Die muß wieder an ihre Stelle.«

Die Bank war schon ein gutes Stück weitergetrieben und schwamm drüben am Ufer hin; aber Hans Jürgen machte keine Anstalt, ihr nachzustürzen.

»Um dich, Eva, hab ich's getan, und tät's noch mal, wenn du mir auch nicht so viel danken wolltest; ja du möchtest mich auch noch mal auslachen; aber um das alte Stück Holz spring ich nicht rein.«

»Ein Brummbär bist du, aber kein gefälliger Vetter, Hans.«

»Hans Jürgen heiß ich«, sprach der Bursch verdrießlich. »Du hast ja andere Vettern, die heißen auch Hans. Ruf den Hans Jochem. Wenn du ihn bittest, schwimmt er wohl dem Brette nach.«

Ein böser Zug streifte um die Lippen des hübschen Kindes, ja es schien, als zerdrücke es mit seinen Samtwimpern ein Etwas, das sie sich schämte sehen zu lassen.

»Ich konnt's von dir erwarten.«

»Hans Jürgen taugt zu nichts, hast's ja oft genug von deiner Mutter gehört.«

»Wenn du nur anders wärst.«

»Bin wie ich bin. Mach dich nur auf die Beine, Eva, daß dich keiner bei mir sieht. Um die Waschbank brauchst du nicht angst zu sein. Die Waschbank plaudert nicht. Da kann der Strick gerissen sein, als du ans Ufer sprangst, und der Wind trieb sie fort. Keiner sah's; da ist ja alles gut.«

»Alles ist nicht gut. Du zitterst, Hans Jürgen, du frierst.«

»Ich zittere nicht, ich friere auch nicht, das bilde dir nur ja nicht ein.«

»Hans Jürgen«, sprach das Mädchen mit sanftem Ton und streckte ihm ihre kleine Hand entgegen. »Du wirst zu niemand was davon sagen, das weiß ich –«

»Da hab ich wohl mehr zu tun. Und bis da hab ich's auch vergessen.«

»Aber so gehe ich nicht von dir. Es ist nicht recht von dir –«

»Daß ich dir die Meise haschte und lebendig brachte, und den Käfig wollte ich dir von Rohr binden, du hättest den ganzen Winter durch Spaß gehabt, und vorher konntest du nicht genug sagen, wie du solche Meise liebtest, und als du sie hattest, ließest du sie fliegen, rein mir zum Possen. Und mit dem jungen Fuchs war's auch so. Alles was ich tun mag und aufstellen, du tust, als wenn's gar nichts wäre, und nur mir zum Schabernack. Und als du dich verspätet hattest drüben im Kloster, ach was Furcht hattest du vor dem Knecht Ruprecht, der mit langen Schritten hinter dir kam und die Fichten auseinanderbog, und aus jeder Wurzel schoß die Frau Harke auf. Und wenn's in den Büschen lispelte, da drücktest du dich an mich und hast's so gern geduldet, daß ich meinen Mantel um dich schlang, und du konntest die Augen zumachen. Da war ich dein lieber Hans Jürgen, und du streicheltest mich mit den Fingern auf die Backe, und was klopfte dein kleines Herz. Aber als der Wald lichter ward, da ward's dir zu warm an meiner Seite, und als die Hunde bellten, da waren dir die Hunde lieber als Hans Jürgen, du hast sie geherzt, als wären es Bruder und Schwester. Über die Zugbrücke sprangst du mit ihnen um die Wette, als wäre Feuer hinter dir. Die Knechte hätten sie aufziehen mögen: ob ich draußen blieb, dich kümmerte es nicht.«

Man sah, es war ein verhaltener Unmut, der aus ihm sprach: was in ihm lange gekocht, brach, von einem Funken entzündet, mit einem Male heraus. Eva hätte kein Weib sein müssen, wenn nicht auch ihr Gefühl verletzt worden wäre und der bittere Angriff eine ebenso bittere Verteidigung vorgelockt hätte. Die hübschen Lippen kniffen sich zusammen, aber man sah auch, daß sie einen Kampf mit sich kämpfte, aus dem sie wenigstens zum Teil als Siegerin hervorging.

»Hans Jürgen, was hast du denn getan, das dir ein Recht gibt, so zu sprechen«, sagte sie nach einer Pause mit einer Stimme, aus der die Leidenschaftlichkeit, aber auch die Wärme fort war.

»Ich, ich habe gar nichts getan. Nichts tue ich, ich kann ja nichts tun.«

»Was du tatest, hätte jeder andere auch getan. Ich danke es dir. Aber der Martin, der Wenzel, auch der verdrießliche Ruprecht, die wären alle auch ins Wasser gesprungen. Was war denn für große Gefahr dabei; das Fließ ist nicht tief.«

»Und darum solchen unnützen Mund! Nicht wahr? Hätte ich nur mehr Wasser geschluckt, dann müßt' ich das Maul halten.«

»Das ist böse Rede, Vetter.«

»Wär' es Hans Jochem gewesen, der wäre gleich fortgelaufen, er hätte sich nicht geschüttelt, daß die Tropfen spritzten. Aber du hättest auch nicht lachen können wie über einen Pudel. Den Spaß habe ich dir doch gemacht.«

»Hans Jürgen, nun höre auf. Hans Jochem ist auch ein guter Junge, aber er hätte sich wohl erst bedacht, ob er sein neu Wams naß machen dürfe.«

»Meinst du das, Eva?«

Sie hielt ihm wieder die Hand hin: »Vetter, lauf ans Feuer und trockne dich, dann wirst du nicht so wirsch sprechen. Daß ich die Meise fliegen ließ, das war nicht recht von mir. Es überkam mich gerade so. Ich wollte es dir auch abbitten, aber ich hab's nicht getan. Und damals, wie ich von der Muhme kam, da schämte ich mich nur, daß mich so gegrault hatte, und dann sprangen die Hunde mich an. Ich hab's dir aber wohl im Herzen behalten, wie du mich durch den Wald führtest, der gar zu grauslich war, und so lieb zu mir sprachst, daß ich mich nicht fürchten sollte. Bis ich einschlief, hab ich zur Mutter Gottes gebetet – für dich auch, Hans Jürgen.«

»Hast du das! –« der Bursch sah finster vor sich hin. »Das ist hübsch von dir. Und weißt du, Eva, ich hab's mir auch gedacht, daß du so tätest. Freilich, was die Mutter Gottes hört, das hört kein anderer Mensch.«

Eva Bredow senkte auch die Augen. Sie verstanden sich. Beide schwiegen. Es tut nicht gut, alles auszusprechen. Hans Jürgen hob zuerst wieder an:

»Nun geh nur schnell fort, daß sie dich nicht vermissen und nichts merken. Du kannst auch über mich lachen vor den andern, soviel du willst, ich will dir darum nicht bös sein und es nicht vergessen, was du mir hier gesagt hast. Aber es wird auch mal eine Zeit kommen, wo sie mich nicht hänseln sollen, wo sie mich nicht in den April schicken sollen und nicht hinstellen, vor den alten Büchsen Wache stehen. Und dann, und dann –«

»Hans, wo willst du hin?«

»Geh nur, ich komme nach.«

»Aber du hast mir noch nicht die Hand geschüttelt, daß du mir wieder gut bist.«

»Ach was, es könnt's einer sehen.«

»Daß du weinst, Hans Jürgen, das schickt sich nicht.«

»Ich weine nicht«, sagte er barsch und wollte fort.

»Wohin?«

»Die Bank holen. Sie schwimmt zu weit. Geh du nur zu deinen Krausen und Tüchlein. Ich habe sie dir wieder hingebracht, eh's einer merkt.«

Aber sie rief ihn mit einem solchen Ton zurück, daß er folgen mußte.

»Die Waschbank ist ein altes Brett, die Fischer werden sie schon auffangen, daß sie nicht in die Havel läuft. Auch ist die Wäsche nun vorüber, und die Sonne geht zur Rüste. Hilf mir lieber meine Bleichstücke zählen und zur Mutter tragen. Die anderen Mädchen sind zu wirrig, und jede denkt nur an ihren Part.

»Ich, Eva!«

»Böses ist's doch nichts Hans Jürgen. Da greift ein jeder mit an.«

»Ich will dir die Stücke zählen und zusammenlegen und bis an den Busch tragen, dann will ich mich schon fortschleichen, daß keiner es sehen soll.«

»Was denn, Hans Jürgen?«

»Nun, ich meine nur, daß keiner dich drum auslacht, weil du's mit mir hältst.«

»Komm!« rief Eva, und als er noch zauderte, ergriff sie ihn bei der Hand.

Sie rannten Hand in Hand den Hügel hinab, und grad dahin, wo ihre Schwester und die anderen Mädchen beschäftigt waren, die Stücke von der Bleiche aufzurollen und von den Seilen abzunehmen. Lachend rief sie: »Hier bring ich einen, der uns helfen soll. Der Faulpelz meinte, er täte genug, wenn er Maulaffen feil hätte vor einer Elenshaut. Aber ich habe ihm bedeutet, daß es damit nicht getan ist. Hans Jürgen ist heut mein Knappe, und ich lasse nichts auf ihn kommen. Ohne ihn, wo wären meine Tüchlein und Krausen!«

Sie erzählte mit Zungenfertigkeit eine glaubwürdige Geschichte, wie die Bank sich vom Ufer losgerissen. Diesmal war aber nicht sie darauf ins Weite geschwommen, sondern nur alle ihre schöne, feine Wäsche, die in Schilf, Moor und Wasser vielleicht zerstreut, vielleicht verloren wäre, wenn Hans Jürgen nicht zur Stelle und kein so guter Schwimmer gewesen wäre. Dafür belud sie ihm auch Schultern und Arme mit soviel er nur tragen konnte; ja der vorige Übermut schien wieder anzuklopfen, als sie ihm sogar eine Flügelhaube, für die sie keinen andern Ort fand, auf den Kopf setzte. Als er ein ernsthaftes Gesicht dazu machte, sah sie ihren lieben Vetter so freundlich an, daß ihm wohl ward. Aber kaum näherten sie sich dem Hauptlager, als sie ihm unversehens die Haube wieder abgerissen hatte und selbst das Pack, das er auf den Schultern trug, unter ihre Arme nahm.

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