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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Siebentes Kapitel

Der Überfall

Im Anfang war Frau von Bredow sehr traurig gewesen; aber man kann nicht immer traurig sein.

Der Knecht Ruprecht hatte die Kiebitze wieder zwitschern gehört im Schilf. »Das ist ein gut Zeichen, gestrenge Frau!« Er hatte die Tauben gezählt, und es fehlte keine. »Da stirbt im Jahr keiner aus dem Haus.« Und am Abend des Tages, wo Hans Jürgen mit Agnes nach Spandow gefahren, flogen drei Kraniche über die Burg. »Die Kraniche, Gestrenge, mit denen hat's was Eigenes. Die wilden Gänse sind dummes Vieh, die bedeuten nur einen strengen Winter; aber die Kraniche sind kluge Tiere. Sie sehen das Verborgene, und wo ein Mörder ist, dem fliegen sie nach. Ja, es ist noch mehr Absonderliches in ihnen, und wo sie über ein Haus fliegen, das bedeutet große Ehre.«

Wo sollte die Ehre herkommen! Ihr Herr saß noch gefangen, und Jammer im Haus die Hülle und die Fülle; aber die klugen Vögel mußten doch etwas mehr wissen. War ja ein Schreiben des Dechanten eingegangen; etwas verspätet, denn mit den Gelegenheiten sah es damals schlimm aus, und dunkel lautete es, aber doch tröstlich: Sie solle den Mut nicht verlieren, dem Herrn ihre Wege befehlen, und nebenbei hieß es, auf ihn, den Dechanten, allein vertrauen, denn es lasse sich noch vielleicht alles zum Guten wenden. Und bald darauf war ein kurfürstlicher Reiter in die Burg gesprengt, und auf den Brief, den er dem Wachtmeister brachte, war die Einlagerung ausgeritten; stumm und still, wie sie vorhin laut gewesen. Was der Bote sonst für Nachricht gebracht, das erfuhr keiner.

Nun war das Haus leer und Frau von Bredow allein. Als so aller Lärm plötzlich stumm geworden, war ihr fast bang zumute. Eine Träne lief ihr über die Backe. Da stand all ihr Unglück ihr erst recht vor Augen, ihre zerschlagenen Hoffnungen; vor ihr lag es so trüb, ach so viel, so Großes, als hätte es vorhin in dem Gewirr keinen Platz gehabt.

»Ach du lieber Gott! Was soll man anfangen!« sagte die gute Frau und wischte mit der Schürze über die Backe.

Die Großmagd Anne Susanne blickte sie schlau an:

»Gestrenge! Der Herr ist fort. Da könnten wir ja mal scheuern.«

»Scheuern!« – Es mußte ein wunderbarer Klang sein. Die Träne war verschwunden, eine helle Röte zog sich über das eben noch blasse Gesicht der Edelfrau, und sie sah mit einem eigenen, fragenden Blick die kluge Magd an: »Du meinst, Anne Susanne?«

»So recht ordentlich, von oben bis unten. Die Sonne kommt durch die Wolken. 's wird ein warmer Tag; da trocknet's balde.«

»Da trocknet's balde«, wiederholte die Edelfrau.

»So ein Tag kommt uns gar nicht wieder, Gestrenge.«

»Da hast du wohl recht, aber –«

»Der Kasper ist auch fort. Der läßt ja nicht Besen und Faß ran, wenn der Herr aus ist –«

»Hast recht, ist ein unreinlicher Mensch, der Kasper, aber 'ne treue Seele.«

»Ach Gestrenge, droben die Dielen und die Treppe, wie sieht das aus. Die Tauben, die reinflattern, und die kleinen Käuzchen, die Sperlinge, wenn der Herr sie füttert, und die Katzen! Werden mit der Hacke dran müssen. Der Besen tut's nicht mehr.«

»Ob's aber auch recht ist, Anne Susanne! Der Herr –«

»I der wird auch froh sein, wenn er's nicht merkt. Man kann ja oben nicht mehr ruhig schlafen. Das heckt ja!«

Wenn er's nicht merkt! – Brigitte Bredow! ein gebrannt Kind scheut das Feuer, und du, eine so kluge und fromme Frau! Erst eben – und nun steht der Versucher schon wieder vor dir. Die Sonne schien so hell ihr ins Gesicht, als riefe sie: »Ich will schon trocknen, liebe Frau von Bredow!«

Wäre nur ein Geistlicher da gewesen, den sie hätte fragen können!

»Der Herr hat's auch gar nicht verboten, als er fortging.«

»Nicht?«

»I bewahre, Gestrenge. Und wenn er erst all den Schmutz sähe, den die Reiter gemacht! Das ist wohl gut, daß man das fortschafft, damit er nichts merkt.«

»Das darf er nicht merken. Da hast du recht. Ach mein Götze, wenn du das wüßtest hier!«

»O, er kommt schon wieder; er hat ein so fromm Gemüt, wenn er nicht bös ist.«

»Anne Susanne! wenn er nun wiederkäme!«

»I, er wird doch nicht, Gestrenge! Wen sie in Berlin einsperren, den lassen sie sobald nicht los.«

Frau von Bredow sah den Himmel an und die Sonne und die Besen und Eimer, welche die hurtige Anne Susanne schon aus den Winkeln geholt, dann rührte sie sich selbst und sprach: »Na!«

Die Sonne hatte seit lange nicht so froh herabgeschienen auf Burg Hohen-Ziatz. Wie sich das regte und bewegte, wie der Ziehbrunnen auf und ab ging. Der träge Brunnen gab zu wenig Wasser! Wozu waren die Gräben und Teiche. Wer Arme und Beine hatte, und aus dem Dorfe wurden ihrer auch dazugeholt, mußte schöpfen, tragen. Da war unsere Frau von Bredow wieder sie selbst. Wo war sie nicht, wo nicht ihr Aug! Wie flog die dumme wendische Magd mit ihrem Eimer zur Tür hinaus, als sie ihn ausschütten wollte in der Halle. Man fängt wohl von unten an, wenn man ein Haus baut, aber wenn man es putzt, von oben.

Die Treppen hinauf kamen sie in einer langen Reihe mit den Eimern, Besen, Bürsten und Hacken, Mägde und Knechte. Was ward gekratzt, geschabt, gebürstet mit Füßen und Händen. Dann erst durfte das Wasser fließen. Es war ein schöner Anblick, als die Eimer sich entluden auf die dürstenden Dielen. Zeit und Wasser hält niemand auf; wer sie nutzen will, muß den Augenblick ergreifen.

Nun waren sie schon bis an die Treppen zur Halle, die rüstigen Frauen, und man mußte sich freuen, daß es in Burg Ziatz nicht wie anderwärts ging, wo sie eifrig anfangen und nachher müde werden; man glaubt, sie tun's nur um Gottes willen. Nein, hier hielt's die Edelfrau nicht unter sich, mit anzugreifen, »wo es die Mägde ihr nicht recht taten«, sagte sie. Mancher hätte glauben können, ich weiß nicht, ob mit Unrecht, sie tät's aus Herzenslust, wie sie, die Röcke bis zum Knie aufgeschürzt, mit dem Schrubber hin und her fuhr, als wie ein Reiter im Getümmel mit der Lanze.

»Na, nu runter!« hieß es, und die Mägde ließen sich's nicht zweimal sagen. Das war ein Wasserfall! Nur schade, daß grad einer raufkam. »Ach unser Junker! »rief die Anne Susanne.

»Hans Jürgen! Ungeschick! Wo kommt der her?«

Hans Jürgen lief nicht fort, aber das Wasser, dachte Frau von Bredow, als sie auf der obersten Stufe in solcher Arbeit war, daß sie nicht viel von dem hörte, was Hans Jürgen auf der untersten sprach. Was konnte er ihr auch sagen? Von ihrem lieben Kind, das er nach Spandow gebracht. Bären sind nicht unterwegs; und wer einmal in Spandow ist, ist sicher, das mochte Frau von Bredow auch denken, als sie rief: »Platz da!« und gar nicht sah, wie der Junker auf etwas zeigte, was draußen kam. Selber sehen konnte es der arme Junge nicht, denn er mußte sich die nassen Haare aus dem Gesicht streichen, und sah dann auch noch nicht, denn das Wasser hatte es mit ihm gut gemeint.

Etwas mußte die Edelfrau aber doch gehört haben, vielleicht war's das Jagdhorn draußen, als sie, auf den Besen gestützt, einen Augenblick Atem schöpfte.

»Wer wird's sein?« sagte sie.

»Base, 's ist einer –«

»Nein, 's sind zwei«, unterbrach sie ihn, als ein Paar schöne, schlanke Jagdhunde wie zwei Blitze hereinschossen.

»Der sagt, er wär der Kurfürst, aber ich glaub's nicht.«

Ein feiner Ritter im grünen Jägerkleid, das Hifthorn an der Seite, blieb, von dem Anblick, wie es schien, etwas überrascht, an der Schwelle stehen. Wenn der Herr schon überrascht war, was war es die Frau! – Im Anfang stand sie wie der Roland in Brandenburg; nur macht der nicht den Mund auf, noch sieht er mit seinen steinern Augen so stier auf einen Gegenstand, noch wird er rot und blaß, wie unsre Frau von Bredow. Zuerst sank ihr der Besen aus der Hand, dann schien's, als wolle sie die Hände falten, dann fuhren sie beide auf den Rücken, um das Bund oder die Nestel zu lösen, welche ihre aufgeschürzten Röcke festhielten, was ihr aber in der Bestürzung und Hast ebensowenig gelang, als weiland ihrem Neffen Hans Jochem die Lösung des Hosenbundes, welchen der Krämer ihm angezaubert. Dann fuhr sie in die Haare, die allerdings nicht mehr ganz in Ordnung waren, aber bei dem Verfahren, das sie einschlug, auch nicht besser wurden.

»So schlage doch –«, entglitt es ihren Lippen, aber ebenso schnell verschluckten diese wieder eine Lästerung, welche bei einer so frommen Frau unmöglich aus dem Herzen kam. Wie hätte sie auch noch im selben Atem die heilige Katharina, die heilige Barbara und Ursula anrufen dürfen. Das haben wenigstens die Mägde gehört.

»'s ist ja der Kurfürst!«

Und dann flogen zwei. Zuerst Hans Jürgen, aber nicht freiwillig, wie der Vogel durch die Luft, er flog wie die Kugel aus dem Rohr oder der Kegel vom Ball des Spielers. Dann die Edelfrau. Hans Jürgen turkelte seitwärts, sie stürzte geradezu auf die Knie.

»Allerdurchlauchtigster Herr Markgraf und gnädigster Herr Kurfürst, Gnade! – Die abscheulichen Mädel planschen so sehr – aber mein Mann ist unschuldig – Wir sind alle unschuldig – Man kann's ihnen noch so oft sagen, sie tun's doch. Und grade heute! – 's ist zuviel, weiß Gott, 's ist zuviel auf einmal.«

»Daß ich zur ungelegenen Stunde hier eintrete«, sagte lächelnd der hohe Gast.

Darin teilte Kurfürst Joachim der Erste, den Frau von Bredow ihr lebelang hoch in Ehren, ja nächst dem lieben Gott am höchsten hielt, auf einen Augenblick das Schicksal mit dem verachteten armen Hans Jürgen. Sie hatte in ihrer Angst und ihrem Eifer auch nicht gehört, was er sagte, sonst würde sie nicht fortgefahren haben:

»Was zuviel ist, Durchlaucht, ist zuviel – und die Ehre dazu! Keinem kleinen Kinde nicht hat mein Mann den Finger gekrümmt, so lammfromm ist er – das ist, mit Respekt zu sagen, ein schlechter Mensch, der das ihm nachsagt – und der gnädige Kurfürst kann selbst in alle Winkel und Ecken« – wahrscheinlich hatte sie schließen wollen: »die Nase stecken«, als sich plötzlich ihr Mund von neuem Schrecken schloß.

»Darum kam ich nicht«, fiel Joachim rasch ein, und hielt ihr, wie schon vorhin, die Hand entgegen, sie aufzuheben: »Ich komme als Gast, aber es tut mir leid, daß ich ungelegen komme.«

»Ungelegen!« rief sie. »Unser Haus steht unserm Markgrafen allzeit offen. Wer das von uns sagen täte, daß unser Landesherr in das Haus eines Bredow ungelegen käme – aber die Sonne schien nun mal so warm – und da gerade mein Herr – aber wenn ich nur 'nen kleinen Wink gehabt, da hätte ich ja die Anne Susanne – es mußte aber doch auch grad heute alles kommen, wie ein Donnerwetter, wenn die Sonne –«

Daß ihre Zunge mit ihren Gedanken durchging und alle Zügel rissen, wer verargt's der armen Frau! Wer fordert von der besten Hausfrau, die immer auf dem Fleck ist, daß sie es auch da noch sei, wenn der vornehme Herr mit dem Stern auf der Brust im Augenblick eintritt, wo ihre Arme im Waschfaß stecken; und von dem vornehmen Gönner hängt ihres Gatten, ihres Sohnes Schicksal ab! Sie wäscht vielleicht nur, damit ihr Mann sich gut präsentieren soll; vom ersten Eindruck hängt alles ab. Und dies war ihr Fürst, und sein Richtschwert hing noch über dem Haupt ihres Mannes. Wo alles in Unordnung war, wer fordert, daß unsrer Frau von Bredow Gedanken in Ordnung sein sollten?

Kurfürst Joachim forderte es nicht: »Ich kenne meine Getreuen, ihr Fürst kommt ihnen nie ungelegen, aber die Stunde doch vielleicht, meine liebe Frau von Bredow«, lächelte er.

»Ach, gnädigster Herr! Der Fuß, der Fuß! Das Wasser! – 's ist aber reines Grabenwasser.«

Einer der kleinen Wasserbäche, die von den Treppen über den gestampften Boden rieselten, netzte allerdings die Sohlen seiner Stiefeln, aber indem der Fürst es bemerkte, sah er auch, daß die würdige Frau selbst schon im Feuchten kniete, und mit einer ritterlichen Bewegung hob er sie, ehe sie sich dessen versah, auf.

»Es tut mir leid, daß ich die würdige Frau meines lieben und getreuen Vasallen in so löblicher Verrichtung stören mußte. Nun ist es einmal so und man muß sich darinfinden. Das Wetter ist schön, und der Hausherr reitet mit mir in seinem Walde umher, derweil die gute Hausfrau das Haus zur Notdurft beschickt. Ein verirrter Weidmann fordert nicht viel, ein einfach Lager für die Nacht und ein freundlich Gesicht zum Willkomm.«

Weniger konnte der Landesherr freilich nicht fordern, wo er bei einem Vasallen einritt. Aber auch die Nacht wollte er bleiben! Das war noch mehr als zuviel. Ihr ehrliches Gesicht verbarg nicht den neuen Schreck.

»Das ganze Haus ist ja naß!«

»Ein trocken Kämmerlein findet sich doch wohl; und wo nicht, ein Stall, ein Schuppen. Der müde Jäger schläft auch ungewiegt unter Gottes Himmelsdach. Wo ist Herr Gottfried?«

Da sah die Edelfrau, die Hände im Schoße faltend, ihn groß an: »Gnädigster Herr, spottet unser nicht. Ihr wißt am besten, wo er ist. Seit vier Tagen ist er nicht in sein Haus kommen«, und sie hielt den Arm vor die Augen.

»So hat der da mich doch nicht belogen«, sagte der Fürst, auf Hans Jürgen blickend.

Hans Jürgen stand aufrecht mit einer Miene, die man wieder verdrossen nennen mochte.

Der Frau von Bredow dämmerte eine Überzeugung. Des Fürsten Angesicht bringt Gnade. Wenn er richten will, schickt er seine Schergen, sie klopfen mit geharnischter Faust ans Tor; er tritt nicht selbst über die Schwelle des Verurteilten! Ihre Knie wankten aufs neue zu einem Fußfall; Joachim kam dem zuvor:

»So hab ich meine Boten übereilt mit ihrer guten Kunde; doch davon nichts mehr, das sind vergessene Dinge, die ganz vergessen und vergeben zu machen meine Sorge sein laßt.«

»Götz ist unschuldig!« jauchzte es auf. »Ich sagt es gleich.«

»Und ein Ehrenmann! Frei seit drei Tagen, die Schuldigen sind gestraft.«

Frei! jubelte ihr Herz. Sie wollte auf den Fürsten zustürzen, seinen Arm ergreifen, seine Hand an ihre Lippen drücken, sie wollte reden, sie wollte niederstürzen. Das Herz rührte sich ihr im Leibe, aber sie fühlte, es passe alles nicht. Aber da standen die Mägde, die ungeschliffenen Mägde, mit ihren Eimern, ihren Besen, mit offenen Mäulern, und gafften den großen Fürsten an wie ein großes Tier. Und viel fehlte nicht, da hätten sie auch ihn vorhin mit den Eimern begossen. Wer hätte das gutgemacht! Die Burg hätte ja müssen geschleift werden in Grund und Boden! Da stand Hans Jürgen auch wie ein Kegel und rührte sich nicht. Nun wußte sie, was zu tun. Sie riß ihn vor:

»Das ist dein gnädiger Kurfürst. Auf die Knie, und dank ihm, wie deine Schuldigkeit, daß er –«

Sie wußte doch eigentlich nicht, was er danken sollte.

»Ich knie vor keinem Menschen nicht«, sprach Hans Jürgen und blieb aufrecht stehen.

»Der wird nicht niederfallen«, sagte der Fürst, »dafür steh ich Euch. Gehört der trotzige Gesell zu Euch?«

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