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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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»Weißt du was?« sagte sie. »Wenn du mich nach Spandow gebracht, dann reite nach Friesack zum alten Herrn Bodo. Der ist klug, der wird's dir sagen.«

Hans Jürgen kraute sich hinter den Ohren. Ganz recht war ihm das auch nicht, denn was er tat, hätte er lieber für sich allein getan, aber er mußte seiner Muhme recht geben, als ihr jetzt einfiel, daß er ja der ganzen Familie Schaden dadurch tun könne, wenn er die Sache auf sich allein nähme. Sie alle ginge es doch auch an als wie ihn, und sie würden schon darüber zu Rate sitzen.

»Kasper, was pfeifst du?« fragte er.

»Das ist nur 'ne alte Geschichte, Junker, die mir einfiel, von den Mäusen und von der Katze. Die Mäuse saßen doch auch zu Rat, wie sie's anfingen, daß die Katze nicht so ranschliche und unversehens eine beim Wickel kriegte und mit ihr abführe. Da hatte eine, die war klüger als die anderen, den Einfall, man sollte der Katze 'ne Schelle an den Schwanz binden, dann hörte man sie schon von fern. Der Rat war auch ganz gut, aber es fehlte nur was. Keine Maus war dazu zu kriegen, daß sie der Katze die Schelle anband. Und da dachte ich denn, 's geht manchmal so, wenn sie zu Rate sitzen. Der Rat ist ganz gut, aber es fehlt was. Hui. Seht mal da.« –

Er zeigte mit der Peitsche in die Luft. Eine Schar von den großen Seeraben flog über die Kiefern, in ihren Schnäbeln und Krallen noch zappelnde Tiere.

»Das war ein großer Barsch, der hat auch nicht gedacht, daß ihn ein Stößer aus Norwegen fressen tun würde. Die Fische haben gewiß auch zu Rat gesessen, als die großen Vögel zuerst kamen und in die Weiher stießen, denn wenn sie auch uns stumm scheinen, unter sich sprechen sie, wir hören's nur nicht. Aber es fand sich kein Fisch, der den Raben die Klingel um den Hals hängen wollte. – Wetter noch mal, der Große, der so schwer hinterherfliegt, schaut, der schleppt 'nen kleinen Hasen.«

»'s ist ein schweres Unglück für die Tiere im Walde, daß die Sturmvögel aus dem Eislande kommen mußten«, sagte Hans Jürgen.

»Das glaubt nur ja nicht, Junker! – wenn die nicht da wären, so sind andre da. Nur für unsere Habichte ist's schlimm, weil die ihnen ins Handwerk greifen. Ist doch jedwed Vieh da, daß ein ander Vieh kommt, das größer und stärker, und packt es, und eins frißt das andere, und wenn's den Magen voll hat, wird's wieder gefressen, und so geht's reihum.«

Hans Jürgen machte den Einwand, die größten Tiere in Luft, Erd und Wasser blieben doch übrig.

»Die schießt der Jäger tot, oder ich weiß nicht, wie er den Walfisch fangen tut.«

»Der Jäger ist aber ein Mensch.«

»Freilich, nun ja. Seht, Junker, ich mein es, als wie wir gemeine Leute uns denken. Und da meine ich, geht's allebenso wie beim Vieh. Einer sitzt aufs andern Schulter und drückt ihn. Auf den Kurrendejungen sitzt der Bacchant, auf dem Bacchanten der Präfekt, auf dem Präfekten der Ephorus, oder wie sie es nennen tun, und auf dem, ich weiß nicht wer, und das ist allebenso bei den Großen wie bei den Kindern. Auf dem Bauer sitzt der Edelmann, auf dem Edelmann der Kurfürst, auf dem Kurfürsten der Kaiser, und auf dem Kaiser der Papst. Und auf dem, denk ich mir so, der liebe Gott. Nun sagen sie: Recht muß Recht bleiben. Nun ja, meinethalben; aber wer schafft denn nun dem Küken das Recht, wenn der Stößer es holt?«

»Du hast ja eben gesagt, Kasper, daß der liebe Gott über dem Papst ist, also er ist über allen, und der wird ihnen das Recht schaffen«, sagte Agnes.

»Nun ja, da hab ich auch nichts gegen, und der liebe Gott wird's wohl am besten wissen, warum der Storch den Frosch frißt, und der Bauer den Rücken halten muß, wenn der Edelmann prügelt, und der Ritter aufs Hochgericht muß, wenn der Kurfürst ihn köpfen läßt, das muß nun so sein, weil's nicht anders eingerichtet ist; aber was sie vom Recht sagen, das ist man ebenso. Wenn ich ein Frosch wäre, würde ich mich denn, wenn der Storch auf der Wiese spaziert, aufblähen und vor ihm quaken: Du hast kein Recht, mich zu fressen! So mein ich auch, wenn ich ein Edelmann wäre, und der Kurfürst ginge wütig durchs Land, um die Edelleute zu fahnden, da würde ich mich auch nicht vor mein Schloß stellen und in die Trompete stoßen und rufen: Hie Kurfürst, hie bin ich, das ist mein Recht! I bewahre, ich zöge die Brücke auf und ließe das Gitter nieder, und die Fahne nähme ich ab und täte, als wenn ich schliefe, bis er vorüber ist. Es stürmt nicht immer, es regnet nicht immer; wie sollte denn das Korn wachsen.«

»Recht muß aber Recht bleiben«, wiederholte Hans Jürgen, der jetzt anfing zu verstehen, was der Knecht gemeint.

»I freilich, Junker. Wer der Stärkste ist, der ist allemal im Recht, und wer nun schwächer ist, für den kommt auch die Zeit, muß sich nur ducken und schicken, bis es mal umkippt, denn das tut es schon. Wenn der Gestrenge losschlägt, nun lieber Gott, 's tut ein bißchen weh, aber ich hab auch schon gelernt, mich zurechtzubiegen, und am Ende tut's mir auch nicht mehr weh, und nachher weiß ich schon, tut's ihm leid, da räuspert er sich, knipst mit Pflaumenkernern nach mir, fragt, was ich denn grunze? Na, und wenn ich nun fortgrunze, nämlich was so meine Art ist, und komm ihm nicht näher, so kommt er mir näher, und da macht sich's denn so, manches Mal hat er mir den Bart gestreichelt und mich 'nen verfluchten, eigensinnigen Kerl gescholten. Da weiß ich, die Glocke hat Feierabend geschlagen. Da muß ich in den Keller. Vergiß dich auch nicht, Kasper, sagt er. Ja, ich kann's wohl sagen, ich hab's recht gut in Ziatz, und wenn ich mir das wünschen tu, da weiß ich schon, nach der Prügelsuppe krieg ich's. O ich könnte noch viel mehr kriegen, aber ausverschämt muß kein Christenmensch nicht sein. Hätt's mir auch jetzt gesagt: Kasper, willst du nicht nach Brandenburg reiten auf den Markt, und wenn dir ein Wams in die Augen sticht, da hast du 'nen Gulden, aber sag's der Frau nicht. Nu, so klug bin ich auch. Wer wird denn plaudern! Aber da sind die Hosen zwischengekommen; drum geh ich das Wams quitt.«

Die Mauern von Spandow wurden jetzt sichtbar. Der Knecht hielt ein wenig an, weil die künftige Klosterfrau ihren Anzug in Ordnung bringen wollte. Da sprach Kasper wie vor sich hin:

»'s könnt mit den Edelleuten auch besser gehen, meine ich, wenn sie's mit dem Kurfürsten machen täten, wie ich mit meinem Gestrengen. Eigentlich ist's Vieh doch klüger als der Mensch«, brummte er fort. »Keine Maus kriecht in keine Speiskammer, wo sie nicht ein Loch gemacht, daß sie wieder raus kann.«

Hans Jürgens Gedanken gingen ihren eigenen Weg. Agnes, als sie der Stadt sich näherten, druckte ihrem Vetter die Hand:

»Ach, Hans Jürgen, weißt du, vorhin auf dem Weg überkam es mich manchmal recht bang, daß ich ins Kloster müßte. Aber nun ist mir wieder ganz wohl und leicht ums Herz. Da in den Mauern ist der Friede Gottes. Sag ihnen das zu Haus. Und du, armer Hans Jürgen, du mußt zurück in die Welt voll Ungerechtigkeit! Was willst du da anfangen? – Ach, wenn du nicht heiraten tust, dann gehst du wohl auch mal ins Kloster.«

Hans Jürgen sagte nicht ja und nicht nein.

»Weil du's gern hast, Agnes, will ich zu den Vettern nach Friesack. Aber bloß darum.«

»Sie werden itzo nicht hochmütig sein. Das Unglück macht weich.«

»Aus Mitleid! – Ich will gar nicht, daß einer sich mein erbarmen soll.«

»Bringen eine von Bredow zu den Ursulinerinnen!« antwortete der Knecht dem Wachthabenden am Tor, denn schon war der Wagen über die Hängebrücke und hielt unter dem finstern Tor.

»Marsch!« rief der Weibel.

»Ach, Hans Jürgen«, sagte Agnes ängstlich, als der Wagen wieder sanfter durch die ungepflasterten Gassen fuhr, »wie grimmig sahst du den Weibel an; mir war schon angst, er würde dich ins Torhaus stecken lassen.«

»Mich ärgerte sein kurfürstlicher Rock.«

»Nimm dich in acht, Hans Jürgen, lieber Junge, daß dir kein Unglück geschieht. 's ist ja schon genug über die Familie kommen.«

Sie waren wieder aus der Stadt heraus, der Wagen hielt vor der Klosterpforte. Ein banger Augenblick war's für Agnes Bredow, ihr Herz pochte, als der Knecht an der Schelle zog.

Den Abschied von ihrem Vetter zu beschreiben, ist nicht unser Wille; auch nicht der Abschied von der Welt. 's ist überall gut, einen Abschied kurz zu halten, wer nun nachmals will leben für die Welt oder für den Himmel. Auch durfte sie ihr Vetter noch in den Vorhof begleiten, um sie der Priorin zu übergeben. Dort im Sprechzimmer durfte sie die letzten Worte mit ihm wechseln, die letzten Grüße ihren Lieben senden, den letzten Schwesterkuß ihm auf die Stirne drücken.

Aber was sie ihm jetzt noch zu sagen hatte, das schien ihr besser gesprochen unter Gottes freiem Himmel, als da, wo die Heiligen an den Wänden auf ihre Worte lauschten.

»Vetter, treibt's dich, und du kannst nicht anders, so zieh dein Schwert, gegen wen es sei, als ehrlicher Mann. Ist's Sünde, wird Gott es dir verzeihen. Aber lieber Hans Jürgen, tu's nicht wie der Kasper sagt. Der Kasper, der mag recht haben, aber vor Schlägen fürchtest du dich doch nicht. Wenn's auch klug ist, tu's nicht so mit dem Kurfürsten, wie er mit dem Vater. Halt auf dich selbst.«

Mit einem frohen Blick schlug er sich an die Brust: »Ich dienen, Männerchen machen, ich schweigen und lügen, damit – Agnes, so wahr –«

Sie griff den Arm, den er zu einem Gelöbnis in die Höhe hielt: »Schwören sollst du nicht. Um Gotteswillen schwöre nichts, denn niemand weiß – aber lieber Hans Jürgen, so gefällst du mir. So sollte dich Eva sehen.«

Sie wandte sich rasch ab, sie ergriff seine Hand, und mit hastigen Schritten eilte sie der Schwelle und der Tür zu, die jetzt in ihren Angeln knarrte, um hinter ihr – sich auf immer zu verschließen.

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