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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Sechstes Kapitel

Unterricht im Denken

Wenn die großen Wagenräder sich durch den tiefen Sand mühsam Bahn brachen, und Kasper abgesprungen, bald den Falben, bald den Schecken klopfte und Scherznamen ihnen ins Ohr rief, ritt Hans Jürgen neben dem Wagen und neigte seinen Kopf zur Muhme.

Schien's ihm doch bisweilen, wenn sie sprach, Agnes wäre um zehn Jahre gewachsen, und war doch kaum fünfzehn Jahr alt. Sie hatte anfangs viel geweint, und das war Hans Jürgen ganz recht, denn ihm war gar nicht zumut, daß er mit einem hätte freundlich sprechen sollen. Nachdem sie aber die Tränen getrocknet, sprach sie so vernünftig. Das macht wohl die Weihe, dachte er, die wirkt schon zum voraus. Da hatte sie ihm gesagt, daß ihr der Abschied wohl schwer geworden von ihrer lieben Mutter und ihrer lieben Schwester und allen ihren lieben Blutsfreunden, nun aber sei es überwunden, und da sei sie recht herzlich froh, denn nun könne sie erst recht für alle leben.

Das verstand Hans Jürgen anfangs nicht, denn was konnte sie denn, im Kloster eingesperrt, für die in Hohen-Ziatz tun, bis sie's ihm erklärte, daß sie für ihr Seelenheil beten werde, Tag für Tag.

»Ja, es mag schon gut sein«, sagte er, »so einer aus der Sippschaft geistlich wird und für uns betet, denn wir draußen auf dem Lande haben doch nicht Zeit.«

Agnes meinte, dazu müsse jeder die Zeit finden. Hans Jürgen aber zählte ihr auf, was einer wie er zu tun habe, von wenn die Sonne aufgeht, bis sie untergeht, und wenn er's verrichten täte, wenn die Edelfrau es wolle, dann könne er bei Tage gar nicht dazu kommen, an den lieben Gott zu denken, und des Nachts sei er zu müde. Das sei auch des Dechanten Meinung, daß man den Geistlichen das überlassen müsse; wozu wären sie auch sonst da? Und von dem Überschuß der guten Taten der Heiligen könne mancher ehrliche Mann selig werden.

Dazu mußte nun Agnes wohl schweigen, wenn sie keine Ketzerin sein wollte, und die Vorstellung, daß sie selbst eine Heilige werden könne, durch ihre guten Taten ihre Verwandten dereinst selig machen, mochte sogar für ihre Einbildungskraft etwas Lockendes haben. Aber ganz wollte es ihr doch nicht zu Sinn, und ihre künftige Würde erlaubte ihr schon, ein wenig zu predigen. Wozu wären denn die Kanzeln und die Predigermönche und Pfarrer, wenn die Heiligen mit ihren Werken allein es täten? Und da kam ihr zu Sinn, was der Verwundete zuletzt gesprochen von dem wüsten Leben und der Gedankenlosigkeit.

Nun gab sich das gute Kind rechte Mühe, ihren Vetter auf Gedanken zu bringen, und zwar auf gute; aber aus seinen Antworten sah man, daß er wenigstens zu einem Heiligen nicht viel Anlage hatte.

»Das ist schon ganz recht, Agnes, was du sagst von der Geschichte neulich, und ich hab's mir schon selbst gesagt, daß es unrecht war. Nun aber hat's der liebe Gott so gefügt, wie's sein mußte. Hans Jochem brach ein Bein, und ich mußte nach den Hosen. Also hat's der liebe Gott allein und für sich gemacht, daß wir keine Sünde begangen haben, siehst du, der macht es doch gewiß zum besten und besser, als ich und Hans Jochem es vorher bedacht hätten. Freilich, der Hans Jochem hätte nicht das Bein gebrochen, aber du sagst ja selbst, das wär zu seinem Heil, und darum sollte er Gott preisen! Warum soll ich Gott denn nicht auch preisen, und das könnte ich doch nicht, wenn ich's vorher bedacht; da müßt ich mich ja selbst preisen. Denk drum, 's ist am besten, man läßt's gehen, wie es geht.«

Es ward Agnes Bredow recht schwer, ihren Vetter eines Besseren zu belehren, weil es überall schwer ist zu lehren, wo man selbst nicht recht Bescheid weiß. Während sie lange hin und her stritten, ob jeder Mensch selbst denken müsse, und was und wann und wieweit? schienen sie sich darin zu nähern, daß man's in jungen Jahren noch nicht nötig hätte, wer nicht geistlich werden wollte; aber daß es gut sei, wenn man älter würde, das mußte auch Hans Jürgen zugeben.

Da schlug er sich plötzlich auf die Lende: »Aber Blitz noch mal, Agnes, dein Vater denkt ja auch nicht. Meinst du, daß er nicht in den Himmel kommt? Er ist doch ein so guter Christ wie einer.«

Agnes besann sich: »Weißt du was? Für den denkt die Mutter, das mag wohl so eingerichtet sein vom lieben Gott, wenn zwei verheiratet sind, so hilft einer dem andern aus, und dem einen wird angerechnet, was der andre Gutes tut.«

»Aber was er Böses tut, muß das der andere auch mit tragen?«

Agnes nahm sich vor, ihren Beichtvater darüber zu fragen.

»Wenn einer nun aber allein stehen bleibt und wird nicht geistlich, der hat's recht schwer«, sagte Hans Jürgen.

»Freilich«, und dem armen Mädchen kam ihr Ohm Peter Melchior in den Sinn. »Ach Gott, Hans Jürgen, nimm dich in acht, daß du so einer nicht wirst. Was muß da von den Werken der Heiligen draufgehen, um den selig zu machen!«

Sie faltete unterm Mantel ihre kleinen Hände und nahm sich vor, wo sie eine Stunde sich absparen könne, für Peter Melchior zu beten, den sie doch gar nicht leiden konnte.

»Bewahre mich der liebe Himmel vor 'ner Sünde, aber ich denke soeben was«, fuhr Hans Jürgen plötzlich aus sichtlichem Nachdenken auf.

»Siehst du, Vetter, nun fängst du auch schon an, das ist gut.«

»Ach nein, Agnes, das ist nur so gedacht. Der Peter Melchior, nun wie der ist, das wissen wir alle. Der Dechant! Hast du nicht auch gehört, wenn deine Mutter sagt, der Teufel steckt in ihm? Der hat nun kein Weib; wer soll für den beten, daß er selig wird? Und alt genug ist er.«

Das machte Agnes einiges Kopfzerbrechen. Daß der Dechant nicht so sei, wie er sein sollte, konnte sie sich nicht leugnen. Sie meinte, der liebe Gott werde vielleicht ein Nachsehen mit ihm haben, weil er für andere so viel Gutes und Erbauliches spräche, wenn er dafür selbst nichts Gutes und Erbauliches täte.

Hans Jürgen schüttelte den Kopf: »Wer anders spricht als er tut, das grade ist schlecht, Agnes, das laß ich mir nicht nehmen, und wenn's der Bischof, ja, und wenn's der Papst selber wäre!«

Sie meinte nun, weil er ein Domherr wäre, so beteten und dächten die andern Domherrn für ihn, und da übertrüge es wohl auch einer auf den andern. Hans Jürgen aber meinte, es wären ihrer doch gar zu viele, die's nicht verdienten, und wenn zwei Geistliche immer zu sorgen hätten, daß sie das gutmachten, was der dritte schlecht gemacht, wo bliebe ihnen da Zeit, für sich und die übrigen Menschen zu beten?

Agnes senkte ihr Köpfchen; sie konnte auch das nicht ableugnen. In welchem Hause, auf dem Lande und in den Städten, ward nicht damals gegen die Geistlichkeit geschimpft, und den Kindern selbst konnte man's nicht verschweigen, was sie für schlechte Streiche machten.

»Hans, du mußt heiraten, das ist das beste.«

»Ich, Agnes, ich heirate nicht.«

»Ja, ja, du mußt 'ne gute Frau haben, die für dich denkt, wie Mutter für den Vater.«

»Nein, nun nicht, das ist nun vorbei, Agnes.«

»Ich sage ja nicht jetzt; wenn du so alt bist, Hans Jürgen. Geistlich wirst du doch nicht werden. Hans Jochem geht ins Kloster, und Eva ist dir gut; ich weiß es.«

»Sprich doch nicht so dummes Zeug, Agnes. Ich hab's auch mal so gedacht, das ist nun aber nichts. Ja, wie der Herr von Lindenberg mich nach Berlin mitnehmen wollte und. dem Kurfürsten vorstellen, da konnte was aus mir werden, da hatt ich auch so meine Gedanken. Nun hat's der liebe Gott anders gemacht.«

»Hat er's nicht gut gemacht, Hans Jürgen? Du hast nun ein rein Gewissen. Und hörtest du nicht, was sie munkelten, daß der Herr von Lindenberg in Berlin in Ungelegenheiten gekommen wäre. Die Schulzenfrau wußte nur nicht recht was. Ist's nicht der Herr von Lindenberg, so ist's ein anderer. Der Herr von Rochow auf Plessow ist gar nicht übel. Wenn wir ihn recht bitten, nimmt er dich auch mit und stellt dich vor. Du mußt nur was auf dich geben und den Kopf nicht immer so in den Schultern tragen, und dann auch nicht so die Zähne zeigen, wenn du einen schief ansiehst, den du nicht magst. Ja, ein bißchen freundlicher könntest du schon werden. Du bist doch manchmal ein Bär. Vielleicht bringen sie dich bei der kurfürstlichen Jagd an; da brauchst du nicht zu denken.«

»Beim Kurfürsten! Lieber will ich Ziegel streichen. Bin ein freier Mann, eines Edelmanns Sohn. O pfui! Der deinen Vater hat lassen ins Gefängnis schmeißen, dem ich dienen! Und wär's auch nicht Evas Vater, er ist –«

»Hans Jürgen, er kommt schon wieder frei. Vater hat gewiß nichts verbrochen.«

»Was tut's! Der Kurfürst hat ihn ins Gefängnis schmeißen lassen, ja, das hat er. Das vergeß ich ihm nimmer. Ist mein Feind. Und seine Reiter, die! Wär's nach mir gegangen, der Wenzel, der Konrad, o sie alle und die aus dem Dorf, wir hätten ihnen wollen Mores lehren, so wahr ich Hans Jürgen bin.«

»Gott sei uns gnädig, das hätte Blut gesetzt!«

»Wozu hat man denn Blut im Leibe? Blut soll's auch noch setzen. Wenn die Herren im Lande es ruhig hinnehmen, wenn die Sippschaft im Havellande nicht aufsteht, ich stehe auf. Ich schnüre mein Bündel und ziehe fort, wo's Krieg gibt, zu den Pommern oder zu den Polen, mir gleich. Reiter werden sie überall brauchen; wenn es nur gegen den Kurfürsten losgeht!«

Daß Hans Jürgen, wenn er sich zum Kriege werben lasse gegen den Kurfürsten, auch gegen sein eigen Land kriegen müsse, fiel Agnes als nichts Unrechtes auf. Daß er einem absage, dem er feind war, deuchte ihr ganz in der Ordnung, daß er so ihres Vaters und der Ehre seiner und ihrer Familie sich annehme, sogar lobenswert. Aber alles miteinandergenommen, schien es ihr doch nicht recht, wenn sie sich auch nicht Rechenschaft geben konnte, warum, und sie bat ihn, daß er sich gedulden möge.

Das wollte ihm nicht recht in Sinn, und sie wußte nicht recht, wie sie es ihm zu Sinn bringen sollte. So blieben sie beide eine Weile schweigend nebeneinander, bis sie sich plötzlich erinnerte, wie unter dem vorigen Kurfürsten einer vom Adel gerichtet worden, der mit den Fremden ins Land gefallen war, und es hatte ihm nichts geholfen, daß er vorher einen Absagebrief geschickt. Hans Jürgen mußte zugeben, daß das eigentlich ebenso schlimm wäre, wenn er darum gerichtet würde, als wenn er auf den Stegreif ausgeritten und gefangen worden.

»Das mag schon recht sein, aber wie soll sich denn einer helfen, wenn ihm Unrecht geschieht. Denn Recht muß doch Recht bleiben, und der Kurfürst hat uns unrecht getan. Darum muß doch einer sein, der dem Kurfürsten wieder Unrecht antut.«

Das schien auch der kleinen künftigen Heiligen ganz richtig, aber sie zerbrachen sich beide den Kopf, wie das in der Welt zu machen wäre.

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