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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Der Hausherr fortgeschleppt, Gott weiß wohin, Gott weiß wozu; das Haus voll Landreiter, die das Unterste zuoberst kehrten; Streit, Zank, Blut sogar; die Seeraben; der Meister Wundarzt, ein Neffe und künftiger Schwiegersohn halbtot oder geistlich; ach, und noch mancherlei Gedanken, die auch die frömmste Frau um ihre Ruhe bringen. Was konnte da noch Leides hinzukommen! Und doch kam es. Ein Schrei aus der Torstube. Hans Jochem war der Verband aufgegangen, und das war auch noch nicht das Schlimmste; der Wachtmeister, der so was zu flicken verstand, wie er sagte, verband ihn wieder. Aber ihre Tochter Agnes, die stand da wie ein Bild aus Stein, das sie an die Wand gelehnt. Sie hatte es gesehn, wie das Blut spritzte, und sah noch drauf wie mit gläsernen Augen, und konnte nicht den Arm rühren noch den Kopf bewegen. »Das ist am End noch schlimmer«, dachte Frau von Bredow.

Ein Starrkrampf geht schon vorüber, aber das kleine Herz schlug so stark nachher; dafür, dachte Frau von Bredow, muß ein Mittel sein, und schnell. Sie hatte sich den ganzen Abend mit der Tochter eingeschlossen, und Agnes lag auf ihren Knien wie ein Beichtkind vor der Mutter Schoß, und nun ihre Hand küssend, sagte Agnes: »Ja, so wird's am besten sein, Mutter.« – »Und morgen in der Frühe, daß du ihn nicht wiedersiehst.« – »Nein, Mutter«, sagte Agnes, »einmal noch, einmal noch, das hab ich ihm versprochen, das muß ich. Wir sehen uns ja dann nimmer wieder.«

Die Mutter hatte den Kopf geschüttelt, aber doch nicht nein gesagt. Wie hätte sie's auch mögen! Mit dem Knecht Ruprecht sprach sie am Abend noch vielerlei:

»'s ist besser so, Ruprecht, du bleibst hier. Das versteht der Kasper besser. Erst bringt er, verstehst du, mein Kind nach Spandow und dann die Würste nach Berlin.«

»Und der Junker?«

»Reitet mit nach Spandow. Dann sind wir den auch los; hier finge der Ungeschick doch wieder neue Stänkerei an«, wobei Frau von Bredow tiefer als sonst aufseufzte.

Der kluge Knecht Ruprecht sagte im Hinausgehen: »Wie Gott es fügt. Der Mensch will manches zusammentun, und dann gehts doch auseinander, und was er zerschneiden will, das tut sich von selbst zusammen.«

»Das wäre ja schreck-«, fing Frau von Bredow an, aber sie verschluckte das Wort wieder und faltete ihre Hände zu einem stillen Gebet.

Auch Agnes schien ein langes Gebet beendet zu haben und fühlte dann mit der kleinen Hand auf die Stirn des Kranken, der jetzt wieder seine Augen aufschlug. Er hatte zuviel vorhin gesprochen, daß er wieder ohnmächtig aufs Kissen zurückgesunken war.

Der Morgen graute unheimlich durch das verhangene Fenster in das Krankenstüblein; ein Hahn fing schon an zu krähen, und die Rosse stampften vor dem Wagen, den der Knecht Kasper anschirrte. Agnes saß im grauen Reisehabit, den Schleier um die Kappe; sah sie doch schon fast aus wie eine fromme Schwester, die der Welt ihr Valet gesagt, und das blasse Gesicht war doch nur das eines freundlichen Kindes.

Nun sahen sie sich an wie zwei liebe, gute Freunde, die sich trennen müssen; er reichte ihr die Hand:

»Das ist lieb von dir, daß du noch da bist.«

»Du wolltest mir ja noch sagen, wie alles so gekommen ist.«

»Ach Agnes, noch flimmert mir's vor den Augen, wie einem, denk ich mir, sein muß, der lange, lange blind war, und plötzlich gehn ihm die Augen auf, und grade geht auch die Sonne auf; das sticht, glänzt, tanzt um ihn. Es ist einem so wohl und auch so weh.«

»Daß die Wölfe nur nicht rankamen, wie du dalagst, das freut mich.«

Er atmete tief auf, dann hub er an: »Der Schmerz war wohl schrecklich, aber es ward gleich Nacht um mich. Das Blut, das aus der Wunde floß, kam mir wie ein Balsam vor, der sanft um die Glieder leckte. Da hörte ich auch nicht mehr die Wölfe heulen, auch die Raubvögel in den Ästen, die ihre Flügel schlugen und mit den feurigen Augen und den grimmigen Schnäbeln gierig auf mich schauten, ließen die Flügel sinken und zogen die Köpfe ins Gefieder und nickten auf den Zweigen, bis alles nickte, alles zu schlafen schien, die Blätter, die Sträucher. Die Würmer nagten nicht im Holz, die Frösche schrien nicht mehr. O da wär's mir auch lieb gewesen, so einzuschlafen, und da kam es –«

»Du wachtest auf.«

»So denk ich, muß einem sein, der vom Blitz getroffen ward. Ich wachte nicht, ich schlief nicht; ich konnte mich nicht regen, ich war aber auch nicht gebunden. Als wie ein Quell, der durchbricht, war es, so sickerte, pulste und strömte es durch die Adern mir; o nun fühlte ich, nun sah ich, was ich nicht aussprechen kann.«

Agnes senkte errötend die Augen.

»Es war etwas gesprengt wie ein Eisenband, das um die Brust mir gelegen; wie auf einem hohen Turm war ich gehoben und sah weit umher die Wege, Felder, Städte, die Pfade, wo ich gegangen, die Mauern fielen, die Berge sanken vor meinem Blicke. Da war mir unaussprechlich wohl und weh. Es war eine andere Luft, ein anderes Wehen, so rein durchströmte es mich. Wie gern hätte ich mich da oben gehalten in der Herrlichkeit; selbst die Torheit, die ich hinter mir sah, war nur ein leiser Schattenstreif, der in nichts verschwindet, wenn die Sonne zur Mittagshöhe steigt. Ich hätte fliegen mögen; aber dann war ich plötzlich von der schönen luftigen Höhe versunken, tief, tief unten. Lag wieder angeschmiedet, angelötet an den Felsblock; wie schwer waren die Glieder, ringsum Nacht, Wüste, Grauen. Die Raubvögel reckten wieder ihre Hälse. Was jagte, was tobte, was tanzte um mich! Ein Zug, der kein Ende nehmen wollte. Alle meine Torheiten, aller Schabernack, den ich im Mutwillen verübt, ach, den ich längst vergessen hatte, jeder eitle Wunsch, jeder dumme Spaß schoß vor mir auf, ein seelenloser Kobold, der seine Künste zeigen wollte. Da gingen ein Paar Stelzen mit weißen Bettüchern und verfolgten ein armes Weib, das vor ihnen floh. Sie stürzte auf mich zu, sie rief um Hilfe. Ach, ich war es ja selbst, der sie jagte. Da summte eine Bremse um mich, immer weiter und immer größer, jetzt ward's ein Kalb, das ich geneckt und gequält, jetzt ein Pferd, das atemlos um mich galoppierte. Das arme Tier, es keuchte, gern hätt ich's gehalten, aber ein Paar Sporen schlugen blutig tief in seine Weichen. Es waren meine Sporen; ich hatte es zu Tode geritten aus Übermut. Da flogen bunte Mützen durch die Luft, Fangebälle der Kobolde; ich konnte sie nicht bunt genug haben, nicht oft genug wechseln. Hupp, hupp, da tanzten ein paar Locken. Der Adelheid Marwitz ihre, die konnt ich nun gar nicht erst aus den Augen kriegen. Und dann Wirbel und Wirbel. Ach die Weisen, an denen ich mich sonst nicht satt hören konnte, summten und summten ohne Aufhören, daß ich wünschte, die Wölfe möchten nur wieder heulen, damit das wüste, dumpfe Einerlei fort wäre. Da galoppierte ich hinter dem Ritter Lindenberg, und der helle Angstschweiß stand mir auf der Stirn; nun sah, nun wußte ich ja, wie schlecht das war, und doch mußte ich ihnen nach und immer nach, und sie lachten mich aus, und nun konnte ich mich wieder nicht rühren, und oben glänzte die Morgensonne auf die lichte Turmhöhe, wo ich gewesen, und ich reckte meine Arme verlangend hin; aber eine Stimme rief: Was willst du hier? ›Dein höchster Wunsch ist da!‹ Und vor mir faltete sich's aus, was erst aussah wie eine Binsenmatte, dann ward es bunt, weit, Bänder und Puffen, die Pluderhosen des Krämers. Als führe ein Wind hinein, blähten sie sich, sie wurden wie ein Baum, wie ein Turm bis zu den Wolken, ein scheußliches Gespenst, und heraus rutschte es, eins, zwei, drei, wieder andre Hosen, kleine, große, o zehn, hundert, tausend, und sie faßten sich an und tanzten um mich im Reigen. Immer enger, immer enger. Ich meinte, vorm Staube zu ersticken, bis ich aus der gepreßten Kehle um Hilfe schrie. Da rief die Stimme: ›Was willst du Hilfe vor dem, was deine Wonne ist! Ging doch dein Sinnen und Trachten nur nach dem Eitlen. Wer schalem Witz und hohlem Spaß sein lebelang nachläuft, der kann in unsrer Luft nicht atmen. Der Staub, den die Sohlen der Tänzer aufwirbeln, ist dein Äther. Zum Lender würde ja deinem Ohre der Chorgesang der Engel!‹«

Der Kranke atmete schwer auf, und die Lippen bewegten sich, ohne Töne vorzubringen. Agnes faltete die Hände über ihm zu einem stummen Gebet. Als lauschte er mit Wohlgefallen den Tönen, die doch nicht über ihre Lippen kamen, winkte er ihr zu. Er hatte die Sprache wiedergewonnen:

»So sah ich dich da in deinem Kämmerlein, so hast du für mich gebetet. Du warst aus dem Bett gehuscht, über der Schwester Bett beugtest du dich, ob sie schliefe, dann warfst du dich vor das Betpult; durch die zerbrochene Fensterscheibe wehte der Wind und lüftete das Tüchlein an deiner Schulter –«

Sie wollte ihm die Hand vor den Mund halten: »Heilige Mutter Gottes –«

»Die sah es auch und lächelte. Sie war es, die dich geweckt. Ich allein, Agnes, o wer hätte mein Gebet gehört! Die heiligen Schutzpatrone, die den andern sündigen Menschen helfen, wandten mir den Rücken. Da hätte ich gelegen, bis mein Blut erstarrt war, bis die Wölfe – ich wäre ja ohne Heiligung, ohne Erkenntnis aus der Nacht hinübergegangen in die Ewigkeit. Die Liebe aber tat es, die nicht rechnet, die nicht fragt. Du schwebtest, ein Engel mit dem Palmenzweig, durch den Spuk. Du winktest, da betete ich zuerst, da wichen die häßlichen Bilder, du reichtest mir die Hand, da löste es sich, da atmete ich wieder, da hob ich mich auf, da –«

Er hörte wieder nicht, was sie in ihrer Herzensangst sprach, daß er nicht lästern solle, daß die Heiligen allein den Hans Jürgen und den Ruprecht durch die Wildnis zu ihm geleitet, daß er gesund werden würde, wenn –. Seine Pulse schlugen so laut, seine Stirn brannte.

»Der Wagen steht angespannt. Ich hör die Rosse stampfen«, flüsterte sie, »Hans Jürgen wartet auch.«

»Worauf?« fuhr der Fieberkranke auf. »Daß der Blitz niederschlag in die trockene Wüste? O Agnes, ich allein kann's nicht, du mußt mir helfen.«

»Ich nicht, lieber Hans Jochem, bete zur Jungfrau Maria. Die wird dir helfen.«

»Mir! Mir ist geholfen. Ich trank aus dem vollen Becher der Gnade. Aber die andern, die noch dürsten, für die laß uns beten, für die Armen im Sande, und sie wissen nicht, was ihnen fehlt; denke doch, sie alle denken nichts! Hans Jürgen nicht, der Vater nicht – die Mutter nicht! In das Leben hinein wie der Maulwurf – und sie fühlen nicht den Durst, das ist das Entsetzlichste.«

»Der Herr wird ihnen schon zu trinken geben.«

»Wo ist der an den Fels schlägt! – Ich stand auf dem Felsen, Agnes«, sprach er leise, sie mit krampfhaftem Druck an sich ziehend. »Du mußt mich nicht verraten. Ich sah hinter mich in die Wüstenei. Ach, das sah gräßlich aus. Die schaukelten sich wie die Halme im Winde; die krochen hin und her wie die Ameisen; die wirbelten und tanzten wie die Wassermücken im Sonnenstrahl. Alle wie die Tiere, die nach der Atzung wittern, den Kopf zur Erde und keiner, keiner die Augen nach der Sonne.«

Das arme Mädchen und der Fieberkranke allein! Sie drückte ihm sanft seinen aufgerichteten Leib in die Kissen. Seine Hände glühten nicht so als sein Auge.

»Wir wollen für sie beten, Hans Jochem, gleich zum lieben Gott. Die Heiligen werden's uns wohl verzeihen –«

»Wir sind die Erwählten! – Wenn wir miteinander beten, öffnet sich das Himmelstor.«

»Mutter Gottes, verzeih ihm die Sünde!«

»Die lächelt herab auf uns, daß wir –« Die Ruhe schien einen Augenblick auf sein Gesicht zurückzukehren – »Du und ich, wir gehörten zueinander und haben uns nicht gefunden. Das geht wohl so in der Wüste. Der Staub verwirrt auch die Erwählten. Nun erst, da wir hinaus sind, da ist's zu spät, meinst du. Nein, Agnes! Wenn du im Chor zu Spandow auf den Knien liegst, lieg ich auch auf den Knien – wo – wo doch? – O du wirst von mir hören! – Was von mir hören! Du wirst deutlich hören mich beten, siehst mich knien, die Mauern zwischen uns sinken. Wir sehn uns beide an, wie die seligen Märtyrer auf den Bildern mit süßen Liebesblicken –«

»Ach Himmelskönigin! Hans Jochem, das ist arge Sünde –«

»Sünde!« rief er mit dem zufriedenen Lächeln eines Irren. »Uns kann sie nicht mehr berühren. Wir sind Erwählte, berufen, die andern zu retten. – Sie schwimmen im Meer – das ist das Leere – sieh, sieh die wenigen Wasserbläschen, die sich herausringen, o Gott, das sind die Gedanken; fischen wir – Netze hinein – eine Angel mit süßem Köder – Agnes, sieh, wie schwer ich ziehe – hilf mir – nun – nun –«

Was ihr nicht gelungen, wirkte die Erschöpfung. Er sank ohnmächtig zurück.

»Agnes!« rief der Mutter Stimme. »Agnes!« wiederholte Hans Jürgen.

Sie riß sich los, aber wandte sich wieder um, und zitternd hauchte sie einen Kuß auf die Stirn des Ohnmächtigen. »Mutter Gottes, sieh es nicht! – Mutter Gottes, verzeihe ihm und mir die Sünde!«

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