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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Fünftes Kapitel

Hans Jochem

Ein grauer Himmel lag ausgespannt über dem Lande, und das schien vielen gut. Es war so vieles, das besser bedeckt blieb mit einem Schleier. Die Trauerglocken läuteten von früh bis abends auf den Schlössern derer, die mit den Lindenbergern verwandt waren, und über dem Wedding kreisten Schwärme von Raben. Wer da nichts zu schaffen hatte, blieb hinweg. Beim Einbruch der Nacht sah man verhüllte Reiter über die Heide sprengen, daß die Raubvögel aufflatterten vom Hochgericht. Was ihre Lippen murmelten, was ihre Zähne knirschten, was ihre Arme, zu den Wolken gestreckt, schworen, die Wolken hörten es nicht, noch der Schatten zwischen den drei Pfeilern, vom Winde geschaukelt, und auch der Kurfürst in seinem Schlosse zu Kölln hörte es nicht; und das war gut.

In Berlin war es still, und still in Kölln. Wie tief in die Nacht brannte das Licht an den Fenstern, wo der Kurfürst wohnte. »Er kann nicht schlafen«, flüsterten sie sich zu. – »Wo soll's hinaus!« sprach der Bürgermeister zum Syndikus. »Er ist einer und sie sind viele. Er setzt's nicht durch.« – »Und man spricht von seltsamen Zeichen am Himmel, die Schlimmes bedeuten«, sagte der Syndikus. – Im Rate zu Berlin war der Schluß nicht durchgegangen, daß man eine Sendung an den Markgrafen verordne, ihm zu danken, daß er Gerechtigkeit geübt sonder Ansehen von Stand und Person. »Das ist ein weit schlimmer Zeichen als die großen Vögel am Himmel«, sagte der Bürgermeister, »so die Bürger nicht den Mut haben, das auszusprechen, was sie denken, und es ist doch gut. »- Der Ratsschreiber, ein hitziger, junger Mann, zog einige in den Winkel, da setzte er ihnen auseinander, daß es nun an der Zeit sei, wenn je, ihre alten Gerechtsame wiederzufordern, die verbrieften Privilegien und Freiheiten der Städte Berlin und Kölln, die Markgraf Friedrich der Zweite, mit eisernen Zähnen, zerrissen, als er die Öffnung der Stadt erzwang. »Nun ist er mit dem Adel zerfallen, nun braucht er Hilfe, jetzt angeklopft, erst leise, dann lauter, und unsere Stunde schlägt.« Da er es ausgesprochen, war einer um den andern fortgeschlichen, und sie schüttelten die Köpfe: »Man weiß, was man hat, man weiß nicht, was man kriegt!«

– »Ja, Gevatter«, sagte ein anderer auf der Treppe, »ein Sperling in der Hand ist besser als 'ne Taube auf dem Dache.« – »Wenn man in dem alten Gleise bleibt, fährt man nicht so bald irre.« – »Was dich nicht brennt, sollst du nicht löschen.« – »Wenn du überherret bist, ist liegen keine Schand.« – »Der oft allen Menschen raten kann, weiß ihm selbst nicht zu raten, noch zu helfen.« – »Wer die Wahrheit geiget, dem schlägt man die Geige an den Kopf.« – »Die viel erfahren, reden wenig.« – »Und wer ist er denn! Vögel, die früh anfangen zu singen, haben bald ausgesungen.« – Es hat kein Volk so viel Weisheit als das deutsche, wo es gilt, daß es beim alten bleiben soll; und käme es auf die Sprichwörter an, so säßen wir noch in den Wäldern und äßen Eicheln.

Auch auf dem Lande war es still. Die Bauern schüttelten auch den Kopf. Es hatte blutige Kreuze geregnet, die waren auf Nacken und Arme gefallen, und auch auf den Wegen sah man sie noch liegen. Aber eines Morgens stürzten die Weiber und Kinder, so Buchnüsse und Eicheln im Forst gesammelt, mit Geschrei und Weinen ins Dorf zurück. Sie hätten auf den Bäumen Tiere gesehen, mit feurigen Augen und großen, krummen Schnäbeln, wie sie hierzuland keiner kennt; die hatten mit den Flügeln geweht, daß die Luft gezittert. »Das sind die Sturmvögel von über der See, aus dem Lande Norwegen«, sagten die alten Leute, »die kommen nur, wenn Krieg wird.« Hörte man heimlich doch hämmern und rüsten in den Edelhöfen, und nachts kamen schwerbepackte Wagen, die klirrten von Eisen. Da sahen die Alten sich noch bedenklicher an: »Den Herren bringt's Freud, uns Leid. Die Schloßgesessenen ziehen ihre Zugbrücken auf, und wenn der Sturm nicht zu arg wird, halten sie's aus. Wer schützt unsre Schilfdächer und Lehmhäuser? Die brennen und fallen, wenn es nur losbläst.« – Da sah man sie um Mitternacht bei verhangenen Fenstern in ihren Läden kramen und Schaumünzen und Ketten und Ringe und Spangen, wer es hatte, in einen Topf tun. Wenn dann die Wolken über den Mond zogen und der Wind in den Bäumen pfiff, gruben sie still ein Loch zwischen den Wurzeln des alten Birnbaums im Garten, steckten den Topf hinein, sprachen mit gefalteten Händen einen Spruch und schaufelten Erde drüber und deckten Laub und Moos drauf. Das war des Bauern Sicherheit im Mittelalter.

In Burg Hohen-Ziatz sah es auch traurig aus, aber nicht mehr still. Die gute Frau von Bredow, der ihr Herr fortgeführt ward, hatte drei Stunden lang geweint, und ihre Töchter und Mägde und die Knechte auch, was sie nur konnten, daß die Katzen auf den Dächern verwundert herabgeschaut, und die Hunde heulten dazu. »Ach, er kehrt niemals wieder«, hatte sie gesagt zu denen, die sie trösten wollten, und dann die Schüsseln mit dem, was er übergelassen, untern Arm genommen und in die Speisekammer getragen. »Das war sein letztes Essen hier.« Aber kaum hatte sie die Kammer abgeschlossen, da mußte sie wieder aufschließen, denn die Einlagerung war gekommen, die Landreiter aus Potsdam. »Das fehlte auch noch zu der Bescherung! »hatte sie gesagt, und wieder decken und anrichten lassen für die Gäste, die in keinem Haus willkommen sind. Die sangen und tranken in der Halle, spielten und fluchten und zerbrachen Gläser und Teller. Die Mägde wollten schon gar nicht mehr zu ihnen hinein, wenn nicht die Hausfrau mitging.

Und was war das für eine Nacht gewesen! In den Wäldern hatte es gerauscht und geschrieen und unten in der Halle getobt, und wenn es einmal stille ward, hatten die Schmerzenstöne aus der Torstube ihr ins Ohr geklungen. Sie sagten Wunderliches von Hans Jochem. Es kenne ihn keiner wieder, so sei es in ihn gefahren; ob der böse Geist oder der gute, das wisse keiner. Und der Dechant, der's ihnen sagen könnte, war nicht da. »Wenn man sie braucht, sind die Pfaffen nimmer da«, sagte Frau von Bredow. Einige meinten, es klinge ihnen so, wenn er an die Wände schreie, als da der warnende Dominikaner gepredigt in den Fasten. Das sei gewesen, daß einem das Herz brach und die Knie zusammensanken.

Der kluge Knecht Ruprecht hatte die ganze Nacht auf der Mauer gelegen und hinausgeschaut, als wolle er das Gras wachsen sehen, meinten die Leute. Er hatte den dummen Leuten nicht geantwortet, die nicht verstanden, daß er auf mehr sah; aber als die Burgfrau in der Frühe zu ihm trat, schüttelte er den Kopf:

»'s ist was im Anzuge, Gestrenge! So was ist mein Leblang mir nicht vorgekommen. Als die Fehde in Stendal war, rauschte es auch wohl über die Kiefern, aber das waren nur einige. Die Nacht war's doch, als rauschte die ganze Luft, und die Wälder zitterten. Und das schrie, daß einem die Ohren wehtaten.«

»Wer schrie denn, Ruprecht?«

»Die Seeraben aus dem Nordland, die Kormorane, groß wie ein Storch und stärker als der Adler, und wehren sich gegen den Förster noch, wenn er sie angeschossen hat. Wo sie hausen, gehn die Bäume aus von ihrem Unrat, und sie fischen die Seen aus. Auch der Has ist vor ihnen nicht sicher, noch das junge Reh.«

»Wer ist itzund sicher! – Sie meinen, 's gibt Krieg.«

Der Knecht schüttelte wieder, aber langsamer, den Kopf:

»Da schlügen sie anders mit dem Schweif; was eigentlicher Krieg ist, das gibt's nicht. Unruh und Aufstand.«

»Ach Gott! Sie schleppen noch alle nach Berlin, wie meinen Herrn.«

»Werden sich auch schleppen lassen! Daß ich's sage, Gestrenge, 's ist vielleicht schlimmer als Krieg. Wie alte Leute sich entsinnen, kamen die wilden Raubvögel vor alten Zeiten auch einmal, ich glaube, 's sind hundert Jahr, als der erste Nürnberger Markgraf ins Land zog und die Havelländischen aufstanden. Da war die Luft schwarz von ihren Flügeln. Und ich sagt es gleich bei der Wäsche, als der Sturm kam. Uns gemeine Leute geht's nicht an, aber die Schloßgesessenen, die Ritter, werden aufstehen.«

»Aber Ruprecht, wie kannst du so abergläubisch sein! Der liebe Gott hat doch die Vögel nicht für die Edelleute allein gemacht.«

»Warum hat er sie dann aber so unterschiedlich gemacht, die Stößer, die Reiher, die Adler, die Finken, die Tauben, die Zeisige! Die Raben da auf der Kiefer, die haben mehr Verstand als mancher Mensch. Wie der vornehme Ritter letzte Nacht ausritt, und unsere Junker mit, da flog die Alte mit den beiden Jungen ihnen nach und kreisten um ihre Köpfe. Ich sah scharf zu. Als sie schon im Wald verschwunden waren, die Raben waren immer oben in der Luft. Na nu haben wir's, den Junker Peter Melchior schüttelt das Fieber, unser Hans Jochem brach's Bein, der Herr von Lindenberg, das weiß ich nicht –«

»Schäm dich was, Kasper! – Sag mal, als mein Herr rausgeführt ward –«

»Da saßen sie wieder auf ihrem Nest und guckten raus. Hat sich auch keiner gerührt.«

»Gottes Güte ist doch groß! »sagte Frau von Bredow, Atem schöpfend, und fuhr mit dem Finger etwas übers Auge. »Mein armer Götze, wo mag der sein! Der ist verloren, wenn nicht der Herr von Lindenberg sich seiner annimmt. – Gott, ach Gott, wer gibt ihm da zu essen, und wer wärmt ihn, wenn er friert! Du sollst nach Berlin fahren, Ruprecht. Will zwei Kober mit Würsten packen; auch 'ne gesülzte Gans sollst du mitnehmen. Und dann fährst du beim Herrn von Lindenberg vor – so schlecht wird er doch nicht sein! Ich trau ihm eigentlich nicht viel. Aber das tut er schon. Auch seine Friesjacke und die wollenen Strümpfe, und wenn du ihn siehst, dann sage ihm –«

Ach, es gab so viel zu sagen und zu sorgen für die arme Frau. Der Meister Hildebrand wollte auf seinen Klepper steigen und fortreiten: »Sterben, ja, das wird er schon«, sagte der Meister, »wir müssen alle sterben, je wie's kommt; einer früher, der andere später; aber zum Trauertuch kaufen ist noch nicht Zeit, gnädige Frau. Lieber graues, auch weißes oder braunes, je wie's kommt. – Wird er ein Grauer Bruder, graues, wird er ein Zisterzienser, weißes. Rekommandiere meinen Schwager in Brandenburg, dem Roland gegenüber, hat ausgesuchtes Zeug für weltlich und geistlich, je wie's kommt.«

»Meister, der Hans Jochem geistlich! Ach du meine Güte!«

»Ist gut fürs Haus, Gnädige, wenn man sich einen zuzieht aus eigener Sippschaft. Für allerhand Fälle, zum Trauen, zum Taufen, zum Sterben auch, je wie's kommt. Auch zum Beichten! Wer vertraut's denn jeder Kapuze gern ins Ohr, was man im Herzen hat!«

»Der Hans Jochem im Beichtstuhl!«

»Kann auch auf den Bischofsstuhl mal kommen, wer weiß das alles! Hinken wird er sein Lebtag. 's hat mancher Bischof gehinkt, mancher Kurfürst und mancher König, je wie's kommt. Wir gehen alle der Grube zu. Wer läuft, kommt schneller, wer hinkt, kommt langsamer an.«

Da war wieder Lärm in der Halle, als der Meister kaum aus dem Tore war. Hans Jürgen stürzte heraus, blutig. Er schrie nach Waffen und Rache. Es wäre zum Schlimmen gekommen; und der kluge Knecht Ruprecht, ja selbst die Frau von Bredow hätte den tollen Jungen nicht zur Ruhe gebracht, und da fehlte nur ein Funke, daß es überall aufflackerte. Hatte sich einer unterstanden, Eva Bredow »ein schmuck Blitzmädel« zu nennen, oder gar Ärgeres, ich weiß es nicht. Hans Jürgen mußte es doch gehört haben; konnte er's nicht ertragen! Und als er mit der Faust auf den Tisch geschlagen, flog's ihn an, und ihm floß Blut.

»Die Schandmäuler! »riefen die Diener. »Wär's noch unsereins, aber unser Frölen!« – »Und unser Junker blutet«, schrien andre. – »Er ist verwundet.«

»Selbst verwundet«, beschwichtigte der kluge Knecht Ruprecht, der Hans Jürgen unterfassen wollte, »schlug mit der Hand in die Scheiben.«

»In ihre Hirnschädel will ich schlagen«, und er hatte nach einer Stange gegriffen.

»Hans Jürgen, Wetterjunge!« rief die Burgfrau und faßte nach der Stange, die er wie eine Lanze in der Luft schwang. »Das sind des Kurfürsten Leute.«

»Schlimmers!« flüsterte Kasper ihm ins Ohr. »Sind unadlig und unehrlich. Büttelsknechte, nicht viel besser.«

Hans Jürgen gingen die Worte doch immer sehr verdrossen ab, wie einem Brunnen, wo man lange pumpen muß, dann erst kommt etwas Wasser. Die Landreiter mußten gut gepumpt haben, denn als er die Stange über sich mit beiden Händen wirbelte, fuhr es wie ein Fluß aus den Bergen heraus: »Kurfürst hin, Kurfürst her! So soll doch das Kreuzhimmeldonnerwetter dreinschlagen.« Aber da er der Base den Rücken wandte, schlug er nicht los, weil Eva vor ihm stand, die beiden kleinen Arme in ihren Hüften: »Hans Jürgen, willst du mich schlagen?« schien ihr schelmischer Blick zu sprechen, und was sonst wohl ihre Augen sprachen. Die Stange blieb zuerst ein weniges in der Luft schweben, dann senkte sie sich langsam, bis Eva mit einem leichten Sprung die Spitze ergriff, und mit einem Male lag sie auf der Erde.

»Hans Jürgen, sie spaßten ja; das Ding aber ist zu schwer zum Spaß.« Hans Jürgen stand wie einer, der mit Wasser begossen ist, es muß aber nicht sehr kaltes Wasser gewesen sein. Er fror nicht, da ihn Eva bei beiden Ohrläppchen faßte und etwas links und etwas rechts zauste. Was sie dabei sprach, hörte keiner; muß aber auch nichts Böses gewesen sein, denn sein Gesicht ward immer freundlicher.

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