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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Joachim war wieder auf den Stuhl gesunken, und wieder verbarg er sein Gesicht: »Seine Puppe – ein Spielball in der Hand eines herzlosen Betrügers!«

»Verlange nicht Herzen, wo du Gehorsam willst für Grillen. Schneide dir Günstlinge, aus welchem Holz es ist, knete sie dir, aus welchem Ton dir behagt. Ein Günstling bleibt das Geschöpf seines Meisters. Er wird pfeifen, blasen, atmen, sprechen, blicken, wie es dem Herrn gefällt, bis er selbst Herr wird. Glaubte es schon zu sein, bis ein unbedachter Augenblick mich um die Frucht der langen Arbeit brachte. –«

»Bis das zähnefletschende Tier zum Herrn ward über den gleißenden Betrüger.«

»Sei's! Meinst du, ich wollte um nichts bei dir dienen! Die lange Qual, die es mich kostete, schön zu reden, lieblich zu duften, immer tugendhaft geschniegelt zu denken, die Glieder und Gedanken zu strecken auf ein Folterbett, das japste einmal nach Erholung. Nun ist's vorüber.«

»Schäume aus die Roheit. Mir wird wohl, daß ich endlich Wahrheit höre.«

»Willst weiden dich an deiner eigenen Vollkommenheit, während du einen siehst den Träbern nachgehn, weil seine Natur ihn trieb. Aber vermeine nicht, wenn du mich los bist, wärst du frei. Nur vielleicht auf einen Klügern stößt du, der zäher ist und länger in die Schule ging als ich, daß er sich auch im Schlaf bewacht. Wahrheit willst du? Sprich es nur aus, und er wird dein Ohr mit plumper, nackter Wahrheit, wie du sie wünschest, täglich bewerfen. Frömmigkeit? O sie werden in die Messe stürzen – vor deinen Fenstern nämlich; ihre Reden werden duften von Gottseligkeit, werden schaudern vor jedem gottlosen Wort, nämlich wenn du es siehst. Nichts leichter, als einen Fürsten betrügen, weil er immer betrogen sein will. Mein Gängelband riß ab, weil's an eine scharfe Ecke streifte. Ein andrer wird es schlaffer halten und desto sicherer.«

»Nein, Lindenberg, ich gehe fortan allein. – Lache nur in dich. Der Herr des Weltalls, der die Würde auf meine Stirn drückte, wird mir auch die Kraft verleihen. Keinem mehr will ich trauen, ich werde mein eigener Rat sein.«

»Da wirst du erst recht betrogen werden. Ja, wärst du dein Vater Johannes mit seinem Fischblut. Der nahm auch die Miene an, als achte er nicht auf unser Reden; in der Stille horchte er und wußte alles. Er ging seinen geraden Weg und leckte nicht gegen den Stachel; damit zwang er uns. Du hast Blut und Passionen, Visionen und Missionen, möchtest über unsere Köpfe spazierengehn, dich zu freuen an unserer Höhe und unserer Niedrigkeit. Was nicht alles Besseres möchtest du aus uns machen, nur nicht, was wir sind und bleiben wollen, Märker. Der Topf ist ausgeschüttet, nun kein Blatt mehr vor dem Mund. Meinst du, daß einer von uns an deinem Spielzeug Lust hat? Wenn er die Zunge spitzt, um entzückt zu reden, sag ihm dreist auf den Kopf: du lügst. Ruf mich zum Zeugen! Uns schiert nicht deine lateinische Gelehrsamkeit, deine Universitäten, deine Zollordnungen, deine Kammergerichte, Erbkonstitutionen, und was alles in deinem Kopfe rumgeht; das mag gut sein, wo die Leute danach verlangen, in unserm Sande wächst kein Strohhalm mehr davon. Wer die Märker rumkriegen will, muß selbst ein Märker sein, ein Fleisch, ein Blut; er muß mit ihnen schlagen und schlafen, auf ihren Schilden kann er sich tragen lassen, aber er muß auch mit ihnen zechen und schwatzen, mit ihnen lustig sein und traurig und sich nicht für zu hoch halten, daß er nicht auch mit ihnen irrt und sündigt.«

»Wird deine Schuld geringer, wenn du einen andern anklagst?«

»'s ist jeder Untertan seiner Grille. Wer sein Mütchen kühlt, handelt recht vor sich; wer's durchsetzen kann, vor den andern. Du strebst nach hohen Dingen, ich nach geringen. Du gehst dem Wahn nach, dein Volk zu korrigieren, ich dem Kitzel, daß ich nach eines Bettlers Ranzen griff. Ich seh nur einen Unterschied zwischen dir und mir. Ich soll es büßen mit dem Hals, für dich büßt dein Volk.«

Joachim stand auf. Es war ohne Leidenschaft, daß er sprach, kein Zorn lag in seinem Blicke, mit dem er aushaltend den andern anschaute:

»So willst du vor mir scheinen, jetzt, wie du damals auch nur vor mir schienst. Was bist du? – Das laß mich wissen, ehe wir scheiden. Deine Verteidigung ist schlechter als deine Tat; ich will ein besserer Defensor sein; daran magst du die Liebe erkennen, die du mißbrauchtest. Auch die Lüge ist eine Lehrmeisterin. Wer so geschickt wie du in ein besseres Selbst sich hineinlog, bekommt doch von dem Edleren einen Abgeschmack. Er kehrt nicht wieder freiwillig zur alten Roheit zurück. Unwillkürlich impft sich ein die feinere Sitte, der adlige Gedanke. Ist's nicht das Herz, so arbeitet doch der Verstand, der Stolz, er dünkt sich besser als die andern. Lindenberg, du kannst es wieder gutmachen; laß mir ein besseres Bild von dir zurück. Wenn abendlich dein Schatten an der grauen Wand dort vorübergleitet, wenn ich noch lausche auf die Tritte, die Wendeltreppe herauf – laß mich dann zu mir sprechen dürfen: Er hatte ein besseres Los verdient! Laß nicht den giftigen Wurm zurück, daß ich so grauenhaft, so entsetzlich mich täuschte.«

Lindenberg schwieg.

»Wir sind alle Kinder der Sünde ohne die Heiligung, die nicht von uns kommt. Widerrufe es, was du sprachst. Du warst besser, deinen Verstand ruf ich zum Richter an. Wilkin, es ist unmöglich, wer, wie du, in Sitte und Bildung über ihnen allen stand! Nur in einer unbewachten Stunde brach das Tier, die Bestie, heraus. Sage ja.«

»Soll das Bekenntnis die Brücke zur Gnade sein? Wer fühlt nicht Lust zum Leben –«

»Mit dem schließ ab. Das ist und bleibt verwirkt.«

»Dann bekehre, wer Lust hat, sich bekehren zu lassen. Meinen Henker mag ich nicht zum Beichtvater. Was ich tat, ich will's nicht loben, aber bereuen auch nicht, nicht vor dir. Du greifst in unsre Rechte, ärger als deine Väter. Das gehört nicht hierher, aber kannst du dich wundern, wenn wir ausschlagen! Das Gesindel willst du begünstigen auf unsere Kosten, auf wohlfeile Art zum Ruhme des Gerechten kommen. Da du uns zu stark, werfen wir uns auf deine Schützlinge. Meinen Verstand rufst du an, der sagt mir, daß jeder recht tut, der nicht schlechter, noch besser handelt als seine Genossen. Möglich, daß eine Zeit kommt, wo sie anders denken, ich lebe in meiner; ich tat, was da unter den Guten nicht für schlecht gilt. Ein Tor, wer besser sein will. Die Zukunft gehört andern Geschlechtern.«

»Und du sündigst in sie hinein. Mein Herz schlug warm, mein Arm war weich. Ich hoffte, ich glaubte. Du hast den Glauben mir ausgerissen. Nach dir, nie kann ich jemandem mein volles, heiliges Vertrauen wieder schenken. Wenn ich die Arme verlangend ausstrecke nach einem, dessen Geist in seinen edlen Zügen zu leuchten, auf seinen beredten Lippen zu schweben scheint, wird dein Gespenst drohend dazwischen aufschießen. Ich werde nicht wanken, Lindenberg, aber ich werde allein dastehen. Ich werde euch bändigen, euer Trotz soll ohnmächtig sich krümmen unter meinen Füßen, denn mit mir ist Gott; aber des Sieges werde ich mich nicht freuen, ich habe keinen, mit dem ich mich freue. Mein Argwohn wird die verwunden, die es wirklich gut meinen. Du trägst die Schuld. Eine Eiskruste wird sich mit den Jahren um meine Brust lagern, die warmen Gefühle, wenn sie noch aufsprudeln, werden nicht mehr durchdringen. Ich werde verdrießlich, hart, vielleicht ungerecht scheinen, vielleicht es sein. Ich, der sein ganzes Dasein aushauchen wollte für das Glück seines Volkes, werde nicht geliebt, nur gefürchtet werden. Von ihnen nicht verstanden, vielleicht sie nicht verstehend, werde ich auffahrend, jähzornig, ich kann ein Tyrann werden. Es ist dein Werk!«

»Dank für den bittern Trank, den du mir mitgibst auf meinen letzten Gang. Der Lohn für all die süßen Stunden, wo ich mein Hirn quälte, die Sorgen von deiner Stirn zu schwatzen.«

»Dafür der Lohn!«

»Ich könnt's dir wieder eingeben, einen so bittern Trunk, dein Leben lang sollte er jeden süßen Becher Weins vergällen. Warum griffst du mich heraus? Bin ich der einzige, der nachts satteln läßt, die Kappe übers Gesicht, auf die Straße reitet! Leg dein Ohr auf die Schwelle, schleiche in den Gängen deines Schlosses um und horche an den Türen, wo sie ihre Klingen wetzen, horche auf ihr Gespräch, mit welchen Ehrennamen sie dich nennen! Nennen könnte ich – ich will's dir zu raten geben. Das mein Gegengift!«

»Lindenberg! »rief der Fürst ihn von der Tür zurück.

»Ich habe nichts mehr zu sagen.«

»Ich zu fragen. Hast du Mitschuldige?«

Der Ritter schwieg einen Augenblick: »Nein!«

»Du hattest sie!«

»Es lohnt nicht, sie zu nennen. Die blasse Furcht schlottert in ihren Gliedern. Von denen hast du nichts zu fürchten. Laß sie laufen. Ich will reine Luft auf dem sauren Weg.«

»Gar nichts mehr hättest du mir zu sagen, keinen Auftrag, keinen Wunsch?«

»Was soll's? Habe nicht Weib, nicht Kind, was geht mich das an – was hinter mir bleibt! – Und doch noch etwas. Allein willst du stehen, auf niemand hören, weil einer, zwei, drei dich täuschten! Wer ist denn so überreich von Gottes Gnaden, daß er den Hauch der Lüfte nicht braucht, der ihm Atem zubläst, daß er die Farben der Blumen, das Grün der Wiesen nicht ansieht, nicht das Blau des Firmamentes, weil es Täuschung der Sinne ist! Wo willst du die Wahrheit suchen, die , mein ich, die du unter deinem Volke brauchst? Einen verwirfst du nach dem andern, weil er nicht die Wahrheit spricht, die du willst. Der redet dir zu frech, der zu sklavisch, der nur zu seinem Vorteil, der versteht deine hohen Intentionen nicht, der geht nicht oft genug in die Messe, der ein Tor, der ein Schwärmer; weiß ich's, was du an jedem auszusetzen hast, bis du, wie die Schöne, der kein Freier gefällt, weil sie sich für zu schön hält, zuletzt den ersten besten auf der Straße aufgreift. Dem Adel stößt du vor den Kopf, er ist zu eigenwillig; dem Bürger zeigst du ein kraus Gesicht, weil er anders möchte, als du willst; den Klerus möchtest du bessern, aber er will nicht gebessert sein. Was ist denn dein Volk? Was bleibt davon, wenn du einen nach dem andern davon ausstreichst? Werden deine lateinischen Freunde aus der Fremde dir helfen, wenn du nicht aus und ein weißt? Sie verstehen ja nicht unsere Sprache! Wenn sie zittern wie Espenlaub und keiner ihrer Zaubersprüche mehr hilft, wen wirst du anrufen?«

»Einen!«

»Der gibt uns Augen zum Sehen und Ohren zum Hören. Durch Wunder redet er nicht mehr zu den Brandenburgern. Du wolltest nicht hören, nicht sehen, wo es an der Zeit war, nun wirst du horchen und lauschen müssen auf den Schatten an der Wand, auf den Wind, der um die Ecke kommt. Die zu rechter Zeit den Mund auftaten, denen schlossest du ihn; dafür wird das Gesindel dich umsurren! Denn irgendwoher muß doch auch dem Fürsten Kunde zukommen. Die Angeber, die Heimlichen, denen ist ein Regent verfallen, der sich so gut und klug dünkt, daß er nur auf sich hört. Deren Beute wirst du, die wie der Meltau auf ein frisches Saatfeld fallen, es ist zerfressen, und wer faßt ihn, wer bezahlt den Schaden! Dann, Joachim, wenn alle schweigen, die hätten reden sollen, denke an einen, den du im Zorn von dir stießest, er sprach, was dir nicht gefiel, er sprach nicht im Groll, er sprach, weil es wahr ist, weil du ihm weh tust.«

»Lindenberg!« rief der Kurfürst ihm nach. »Wem der Herr das Köstlichste nahm, den will er prüfen, ob er ihn zu seinen Erwählten reihe. Du hast mir das Köstlichste gestohlen, was ein Fürst besitzen kann, das Vertrauen; aber ich zürne dir nicht, du warst sein Werkzeug. Ja, ich könnte den Geist Gottes auch in dir ehren, der so spricht, wär ich nicht Fürst und Richter. – Ich scheide nicht in Groll. Nimm diesen Wunsch als letzte Mitgift auf deinen schweren Weg – stirb, wie du gelebt, als Mann!«

Der Kurfürst wandte ihm den Rücken; er hat ihn nicht wiedergesehen.

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