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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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»Das ist ein braver Mann!« – »So müßten alle Ritter sein!« riefen die Bürger Herrn Gottfried noch lange nach, wenn sie ihn mit lautem Zuruf und Mützenschwenken begrüßt hatten. Durch alle Hauptgassen beider Städte ging der Zug, und die sechs Trompeter schmetterten in die Luft, daß es für alle Bredows wie eine Hochzeit war. Nur einmal hieß Herr Gottfried sie innehalten, als ein Wagen vorüberfuhr, in dem ein Gefangener auf Stroh saß. Der Herr von Lindenberg ward nach dem Schloß gebracht; der eine, geschlossen und bewacht, zu Verhör und Gericht, der andere, mit Freunden und Musikern, zu Ehren und zur Freiheit. So begegnen sich die Menschen wohl öfters im Leben; der früher den Hut zog und tief sich bückte, geht aufrecht und nickt kaum, und der sonst den Kopf im Nacken trug, schleicht, das Kinn in der Brust, froh, wenn der andere ihn nicht erkennt. Götze Bredow hatte den Lindenberger nie gemocht, aber ihm schien's unrecht, daß einer sich laut freue, wenn ein anderer tief trauert. Darum hieß er die Trompeter schweigen und hob sich im Sattel und hielt den Hut gelüftet, bis der Wagen vorüber war. Der Lindenberger grüßte nicht wieder.

Vor ihrem Haus am Hohen Steinweg hielt die Sippschaft an. Da ward Herrn Gottfried ein Ehrentrunk aus goldenem Pokal gereicht, und der alte Bodo schüttelte ihm die Hand und sagte, daß er sich herzlich freue. Die jüngeren Vettern und die Trompeter gaben ihm aber noch das Geleit zum Spandauer Tor hinaus bis ans Weichbild der Stadt. Er hatte gedacht, noch heut Abend bis Ziatz zu kommen, aber jeder Vetter verlangte, und er mußte es versprechen, daß er bei ihm einspreche. Da dachte er, Frau Brigitte wird wohl warten müssen bis morgen. Wer bei allen Bredows im Havellande einsprechen will, der kommt auch morgen und übermorgen nicht nach Haus.

 

Der alte Schlieben hatte es nicht gutgeheißen, daß der Kurfürst den Ritter Lindenberg noch einmal sehe, er wolle ihn denn nicht richten lassen. Des Fürsten Angesicht und Zuspruch sei für den Verbrecher Gnade. Er hatte eifrig widersprochen, wie es eines guten Dieners Pflicht ist; Joachim hatte ihn ruhig angehört: »Hast du nun ausgesprochen?« – »Ich hab's, gnädiger Herr, und da Ihr ihn richten wollt, könnt Ihr ihn nicht vor Euch lassen.« – »Er ist gerichtet«, antwortete Joachim, und ein seltsames Lächeln lag auf seinen Lippen, und sein Blick war der, den der alte Rat gar nicht mochte, als er die Hand auf die Brust schlug: »Aber ich will's!«

Der Lindenberger stand unfern der Tür, wo er eingetreten, der Kurfürst an seinem Sessel, die Arme verschränkt. Als er zu ihm sprach, waren seine Blicke halb zum Fenster, halb auf die Wand gerichtet.

»Ich ließ dich rufen, damit du mich nicht anklagst, daß ich einen alten Freund ungehört von mir stieß.«

»Von meinem Herrn und Kurfürsten konnt ich mich des versehn.«

Joachim unterbrach ihn: »Das Recht geht seinen Weg, täusche dich nicht. Nur dem Freunde von ehemals gestattet der Freund von ehemals ein letztes Wort.«

»Dies Band mußte gesprengt werden, gnädigster Herr. Meine Ahnung trog mich nicht. Es lastete etwas seit Wochen auf meiner Brust. – Doch nichts davon! Mein Glück war zu groß, der Neid zu mächtig.«

Joachim warf ihm einen ernsten Blick über die Schulter zu: »Ich ließ dich rufen, damit du dich verteidigen könntest. Vor mir , nicht vor dem Gesetz.«

»Vor dem hab ich gefehlt. Fern sei es, wie ein gemeiner Sünder leugnen zu wollen. Das ist das Arge in dieser Welt, daß einer vor sich im Rechte sein kann und doch vor dem Gesetze sündigt.«

»Bist du's vor dir, sollst du's vor mir sein.«

»Um gerecht zu werden vor Joachim dem Gerechten, müßte ich mit nicht viel Besserem als einem Fastnachtsschwank sein Ohr ermüden. Mein gnädiger Herr kennt den Bredow, den Gottfried mein ich. Daß ich ihm von der landkundigen Geschichte erzählen muß, von seinen Elenshosen! Wäre mir scherzhaft zumute, sagte ich, von ihm könne man nicht sagen, sein Herz steckt in den Hosen, weil der ganze Mann drinsteckt. Ich will ihn gewiß nicht verreden; er ist ein trefflicher Mann; aber wer schützt uns vor einer Grille, einer Schrulle! Und das Verdrießlichste ist, daß solche Grillen andere anstecken kann! Ihm sind sie ein Talisman, sein Amulett, wie anderen Familien ein Waffenstück, ein Ring, ein Becher, eine alte Fahne. Mein gnädigster Herr, gewiß, wenn ich ernsthaft darüber nachdenke, weiß ich keinen Zusammenhang zu finden zwischen leblosen Gegenständen und dem Schicksal, das unser Herrgott und die Heiligen über uns bestimmt.«

»Um Kindermärchen stehst du nicht hier.«

»Ach gnädigster Herr, sind wir nicht alle zuweilen Kinder; unser Sinn klebt sich an ein Spielzeug. Wir meinen zu vergehen, wenn es uns fehlt. Gottfried Bredow könnte uns allen eine Mahnung sein an die eigene Schwäche. Was andern eine Puppe, ein Spielzeug ist, ein Wahn, dem jagen wir nach. Hättet Ihr nur den Wirrwarr gesehen, die Bestürzung –«

»Wo?«

»Vergebt, ich rede in Sprüngen. Mein Blut ist noch erhitzt von dem Gedanken, in falschem Licht vor meinem Fürsten zu erscheinen. In Ziatz war's. Sie waren ihm gestohlen, auf der Wäsche, glaub ich. Er schlief; Ihr hättet sie zittern sehen sollen, die wackere Frau, die armen Töchter, wenn er erwachte, ehe sie wieder da waren. Ich gestehe, es war dumm von mir. Man hatte mir stark zugetrunken; der Wein, die Erschöpfung, die Nacht; ehe ich es wußte, saß ich auf dem Sattel und dem Dieb nach. – Vernünftige Leute würden sagen, ich handelte unvernünftig, das alles hätte ich andern überlassen können, und dann und wann wäre das und das auch nicht nötig gewesen, und das gar unrecht. Diese vernünftigen Leute sollen in ihrem Recht bleiben und ich im Unrecht. Aber die Hitze hat mich übermannt; auch der Ärger, ich leugne es nicht, über diesen Lumpenkrämer, der in Saarmund mit meinem Herrn sich zu handeln unterstand. Ja, der Schurke zählte noch das Geld nach, er fühlte heimlich, ob die Silberstücke gerändert waren. Himmel und Hölle, es überlief mich da schon, daß ich fast meines gnädigsten Fürsten Gegenwart vergessen und ihm ins Gesicht geschlagen hätte. Ich weiß, das wär ein Frevel gegen die Majestät gewesen, aber ich habe Tage, wo es überkocht.«

»Ist das deine Verteidigung?«

»Ich könnte noch von einem Spuk erzählen, es klänge aber zu albern.«

»Was dich verteidigen kann, sprich.«

»Seit ich mich bei Beelitz verirrte, gaukelte um mich ein fataler Spuk. An jedem Ast, wo ich hinsah, hing, Torheit! aber Ihr befehlt's zu sagen, das Kleid, was dem guten Götz gestohlen ist. Ich konnte mich täuschen, aber auch mein Pferd scheute. Ich riß es um, über die Heide, da flatterte es drüben an einer Kiefer. Ich wollte lachen, aber ich mußte zittern. Weiß Gott, ich hatte damals noch keine Ahnung von dem, was in Ziatz sich ereignet. Sollte es nur eine Vision gewesen sein! Ich habe nie viel an Zeichen geglaubt, aber –«

»Lindenberg, ist das deine ganze Verteidigung?«

»Ich erwarte mein Gericht.«

»Du hast dich selbst gerichtet. Die Hosen hast du dem Schelm gelassen; sein Geld nahmst du mit.«

Der Kurfürst sah nicht die Blässe, die Lindenbergs Gesicht überzog, nicht, wie die erzwungene Fassung ihn verließ, wie die Glieder zitterten. Er hatte sich in den Armstuhl geworfen und bedeckte mit den Händen sein Gesicht. Der Verurteilte versuchte noch Unzusammenhängendes zu stammeln. Plötzlich verstummte er und stürzte auf die Knie: »Gnade!«

Als er die Augen aufschlug, stand Joachim drei Schritt vor ihm, und der kälteste Blick aus den blauen Augen sagte dasselbe, was der Mund jetzt tonlos sprach: »Von Gnade ist nichts zwischen uns; du wirst büßen den Lohn, den du verdient. Stehe auf.«

Lindenberg sprang auf: »Ernst?«

»Hab ich je mit dir gespielt?«

»Wozu riefst du mich?«

»Daß du dich, daß du mich vor dir und mir verteidigtest.«

»Himmels Donner und Blitze, ich will's nicht glauben, ich kann es nicht glauben. Um die Lumperei –«

»Stirbst du als Straßenräuber.«

»Und du –«

»Drei Schritt zurück, Herr von Lindenberg.«

»Und aus dem tiefsten Keller deines Turmes schrei ich dir's zu; es soll durch dicke Mauern in deine Ohren gellen: Das wage nicht! Du bist zu jung, wir sind zu alt. Das hätte dein Vater nicht gewagt, und Johannes durfte viel wagen. Zog ich mein Schwert, pflanzt ich auf das Banner der Empörung, brach ich in eine Stadt? – Züchtige die Banden, strafe, die gegen dich rüsten und Pechkränze in die Städte schleudern, aber –«

»Laß ungestraft die Wegelagerer, wenn meine Geheimräte darunter sind. Ich bin nicht gesonnen, darüber mit dir zu streiten.«

»Es werden andere für mich streiten. Das ist unerhört! Um einen Schelm, einen Betrüger, um das freche Gesindel, diese Hausierer, diese Bauernschinder, diese Plage des Landes; um den Kitzel eines Augenblicks

»Um der Gerechtigkeit willen.«

»Ein leblos Wort, das nicht Fleisch, nicht Blut, eine dürre Blase, in die man haucht, was man Lust hat.«

»Genug, Herr von Lindenberg! Deiner Todesangst sei die freche Drohung verziehen.«

»Gerechtigkeit! Bei meinem Schutzpatron, wer schreit nach Gerechtigkeit, und ihr seid taub? Wir? Nun ist's heraus. Mann gegen Mann, Mund gegen Mund. Bilde dir nicht ein, Joachim, daß du es so zwingst. Um eines Krämers willen Edelmannes Blut! Wo ist die Gerechtigkeit! Das schwarze Blut, das allerwegs kocht, hat sich wieder gesammelt seit dem Kremmer Damm. Es wartet nur auf einen Ausbruch. Das ist zuviel, das ertragen sie nicht. Beim allmächtigen Gott, ich spreche jetzt als dein Freund. Damals krachte die faule Grete Mauern auseinander; wir gewöhnten unser Ohr daran. Treibst du's auf die Spitze, so kann anderes krachen. Scheuche Spatzen mit einem Pusterohr, aber zittere, wenn Männer aufstehn.«

»Ich werde ihnen ins Gesicht sehn. – Hast du nicht mehr zu sprechen?«

»Was deine Ohren kitzelt? Nein! – Soll ich schön reden, daß es eine tragische Aktion gäbe, daß es deinem Ohr schmeichelte, daß die Wimper naß würde und du, mit dem Finger sie streichend, dir sagen könntest: Du wärst gerührt worden. Ich will dich nicht rühren; ich will nicht die Maus sein, mit der die Katze spielt, ehe sie sie erwürgt.«

»Das wär ja nur Vergeltung, Lindenberg, für das lange Spiel, das du mit mir gespielt.«

»Verflucht der Augenblick, wo ich's anfing!«

»Mutter Gottes und ihr Heiligen alle, so gestehst du's – alle deine schönen, tönenden Reden –«

»Waren der Widerhall von deinen.«

»Beim Blut des Erlösers, so schamlos verdammst du dich selbst.«

»Ich war ein Mensch, du bist ein Fürst. Prätendierst du anderes?«

»Ich wollte Wahrheit hören.«

»Das sägen alle. Die Wahrheit ist ein bitterer Trank schon für den gewöhnlichen Menschen, was mehr für einen, der mit Schmeichelliedern eingelullt und mit Schmeichelliedern geweckt wird. Einmal, zweimal wagt man's. Wird man angefahren, sieht man das saure Gesicht, dann überzuckert man die bittere Pille, bis man den verwöhnten Kindern den Zucker allein gibt. Wir atmen nur einmal; ein Tor, wer sich die Spanne Zeit vergällen wollte, wenn er mit der Lüge süßen Sonnenschein erkauft.«

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