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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Viertes Kapitel

Der Befreite und der Gerichtete

Sechs kurfürstliche Trompeter in ihrer Sonntagslivree und mit silbernen Mundstücken hielten vor dem Mühlenhofe, und vom Mühlendamm, von der Stralower Gasse und den Quergäßchen um Sankt Nikolas kamen sie in Scharen, um zu sehen, wie der Markgraf den edlen Ritter Götze Bredow mit Ehren aus dem Gefängnis abholen ließ. Auch die Lehnsvettern kamen auf stattlich geschmückten Pferden, ganz anders trabend als vorhin, da sie in die Stadt einritten. Der Vogt von Hoym hatte Mühe, daß er die Leute nur abhielt vom Gittertor, die alle den trefflichen Mann mit Augen schauen wollten, der ohne eigene Schuld wie ein Räuber und Mörder gefesselt worden und die Unbill über sich kommen ließ, fromm wie ein Lamm. Kaum ließen sie sich's in ihrer Ungeduld bedeuten, daß der Geistliche noch bei ihm sei und er zum Abschied doch einen Imbiß und Trunk einnehmen müsse, Stadt und Gefängnis zu Ehren, und da er noch nicht selbst erschien, drängten sie um sein Roß und streichelten es, das, mit Federn und bunten Decken aufgeputzt, von zwei Stallmeistern geführt ward. Einige meinten, das sei noch nicht genug, der Kurfürst hätte selbst kommen müssen, ihn abzuholen, und nicht aus der Stadt hinaus müßte er solchen Mann mit Ehren geleiten lassen, sondern zu sich ins Schloß und dort eine Woche lang traktieren. Das waren ehrenwerte Bürger, die es meinten, und von den Ritterbürtigen nickte mancher dazu: Er hätte auch mehr tun können!

Von alledem sah, hörte und dachte der nichts, den es anging.

»Den Seinen gibt er's im Schlafe«, hatte der Dechant gesagt.

Das erinnerte Herrn Gottfried daran, daß er geschlafen hatte. Man hätte eher daran zweifeln können, ob er wirklich schon erwacht sei.

»Wie kam's denn nun aber?«

»Wer sich selbst erhebt, der wird erniedrigt werden, aber wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöhet werden. Grade dadurch, mein werter Ritter, daß Ihr Euch ganz hergabt seinem Willen, wie ein Kind, das den Vater walten läßt, weil es weiß, daß der Vater alles doch am besten macht, Eures blinden Glaubens willen hat Euch der Herr gerettet. Ja, wenn Ihr auf weltliche Klugheit gelauscht, wenn Ihr den Advokaten angenommen, den Euch Euer Schwager schickte, da hättet Ihr geleugnet, bestritten, da wäret Ihr verhört worden, wer steht dafür, daß Ihr nicht gar peinlich befragt wäret, und Ihr lägt vielleicht jetzt unten im Turm auf faulem Stroh, Gott weiß, wo es noch ein Ende nähme. Aber Ihr wähltet das bessere Teil, Ihr gabt Euch Gott anheim in den bangen Zweifeln Eurer Seele, die Kirche riefet Ihr um Hilfe an, und das Wunder war geschehen.«

»Ein Wunder!«

»Ihr könnt doch nicht daran zweifeln? Bei solchen Beweisen, bei Eurem eignen Eingeständnis

»Ich hätt's eingestanden!«

Der Dechant warf ihm einen Blick zu, den Herr Götz nicht ertrug: »Die Kirche hat Mitleid mit den Schwachen. Lese ich nicht, was Satan Euch jetzt ins Ohr flüstert: ein anderer hätte es Euch eingeredet, so zu tun. Das wolltet Ihr mir eben antworten: man hätte so lange zu Euch geredet, bis Ihr nicht aus und ein gewußt, da hättet Ihr unterschrieben und wüßtet gar nicht, wie Ihr dazu kamt. Nicht wahr, so flüsterte er Euch ins Ohr, und Eure Lippen öffneten sich schon, es nachzusprechen. Forderte er Euch nicht auch auf, mich anzuklagen? – Die Röte Eures Gesicht's sagt ja. Wacht auf endlich! O lieber Herr, weist den Verführer fort, der die Sündigen immer sprechen läßt: Ich war unschuldig, aber der hat's getan! Aus diesen Ketten seid Ihr los; fragt nicht warum? wieso? woher? Das sind die kleinen Krallen und Haken des Verderbers, mit denen er die Geretteten wieder langsam an sich zieht. Aus diesen Banden seid Ihr los, wißt Ihr, in welche neue er Euch reißt? Nur der bleibt frei, der sich ganz gefangen gibt dem Willen des himmlischen Vaters, wie ihn die Kirche erklärt. Darum, mein lieber, teurer Herr von Bredow, laßt all das andere hinter Euch, denkt nur an das vor Euch, wie Ihr mit gerührtem Herzen dem Ewigen danken wollt für das wunderbare Werk der Rettung, wie ein Strahl der Gnade gerade den Lindenberger –«

»Sagt mal, Dechant, der Lindenberger: I der Tausend, wer hätt's gedacht!«

»Das ist gar nicht an Euch! Grübelt nicht nach über eines andern Schuld. Ach! hat nicht mit seiner Rechtfertigung der wahre Gläubige so viel zu tun, daß er eigentlich nie damit fertig wird, daß er noch andere anrufen muß, ihm zu helfen. Schütten wir nun zusammen unser gerührtes Herz aus in einem brünstigen Gebet zu den heiligen Fürsprechern.«

Dieses Gebet war vorüber, und man muß sagen, Herr Gottfried, als er einmal auf den Knien lag, hatte recht inbrünstig gebetet.

»Der beredte Quell, der von Euren Lippen strömte, sagte mir, daß Satan sich nun nicht wieder nähern darf. Möchte ich doch auch fast die Gelöbnisse lesen, die aus Eurer befreiten Seele aufsteigen. Ja, teurer Herr von Bredow, die Zeiten sind vorüber, wo es den frommen Ritter, wenn er aus schwerer Drangsal erlöst war, nach Jerusalem zog. Für das Kreuz stehen keine Kreuzfahrer mehr auf. In Euren Jahren, bei der ansehnlichen Beleibtheit, mit der Gott Euch bedachte, möchte Euch auch das Pilgern nach dem heißen Lande beschwerlich fallen.«

»Ich pilgern!«

»Ich rate es Euch auch nicht. Ihr müßt Euch den Eurigen erhalten. Was würde der lange Abschied die gute Frau Brigitte Tränen kosten. Wäre es noch eine kleinere Pilgerfahrt nach Wilsnack.«

»Pilger sind Tagediebe.«

»Gewissermaßen. Auch ist das heilige Blut in Wilsnack leider in Verruf, seit der Erzketzer Hus sein Buch dagegen schrieb. Das ist das Betrübte, daß eine jede Ketzerei, wie man auch meint sie ausgetilgt zu haben, immer doch etwas Gift zurückläßt. Nun ist Hus zwar durch Gottes Gnade verbrannt, aber haben nicht die Zweifel, die er hingestreut hat über das Wunder zu Wilsnack, so gewuchert, daß, man muß es mit Bedauern sagen, selbst der Heilige Vater sich veranlaßt sah, die Andacht davor zu verbieten. Das Städtchen hatte so hübschen Verdienst, und er blieb im Lande.«

»Ja, dazumal schnappten viele nach der Pfründe.«

»Die Opferstöcke werden überall immer leerer, die Gottlosigkeit nimmt zu. Ich wollte Euch auch nicht anraten, lieber Ritter, wie mancher in Eurer Lage täte, einen Stellvertreter nach Jerusalem zu schicken. Das ist nur halbes Werk, kostet sehr viel Geld, und wer weiß, ob der Mensch nicht schon unterwegs die Zehrung verpraßt und vertrinkt.«

Darin war Herr Götz ganz einer Meinung mit dem Dechanten.

»Was Ihr gebt, müßt Ihr durch sichere Hände gehen lassen. Es wird jetzt durch alle christlichen Länder zur Restitution des Tempels in Jerusalem gesammelt; der allerchristlichste König hat es beim Großtürken durchgesetzt. Ihr braucht Euer Scherflein nur nach Brandenburg zu schicken; wir sammeln auch am Dome.«

Herr Götz warf einen fragenden Seitenblick auf den Sprecher: »Nach Jerusalem? Das bleibt ja nicht im Lande?«

»Freilich nicht, indessen –«

Es schien, als habe Herr Götz mit einem Male den Schlaf abgeschüttelt. Er sah fast pfiffig den Geistlichen an: »Es bleibt doch manches im Kasten kleben in Brandenburg, nicht wahr? Da ist's besser, ich schick's gar nicht erst nach Jerusalem.«

»Wenn ich Euch riete, eine neue Lampe in unserm Dome zu stiften, sähe es wie Eigennutz von mir aus. Aber wir finden schon etwas zur Beruhigung Eures Gewissens. Da fällt mir ein, es tun sich in Rom fromme Leute zusammen, die das Kreuz den Heiden predigen wollen in der neuentdeckten Welt und in Asien. Für diese Bekehrer wird gesammelt. Was müssen sie leiden, diese heiligen Männer, unter den Teufelsdienern; Qualen, Martertode, Hitze, Kälte, Hunger und Durst. Wenn wir nur an ihr Dürsten in der Wüste bei jedem Becher dächten, ach mein Herr von Bredow, der Tropfen Wein würde uns auf den Lippen zum Gifte. Wer spendet da nicht aus vollem Herzen, was er kann. Was Ihr geben wollt –«

»Will's mit meiner Frau überschlagen.«

»Die gute Frau, wenn sie nur die Not dort kennte, wie sie barfuß durch den glühenden Sand laufen müssen, die armen Kindlein zu ihrem Heil, sie zöge ihre eigenen Strümpfe aus.«

»Barfuß?«

»Alle barfuß, die in Indien und bei den Tartaren, und wollen Christen werden! Ist das nicht schrecklich?«

»Laufen bei uns auch g'nug ohne Strümpfe rum.«

»Die gute Frau von Bredow wird gewiß ein hübsches Päckchen schnüren, aber es braucht auch Geld, und mein Freund Götz wird gewiß mit Freuden –«

»Ne«, sagte Herr von Bredow, mit einem ganz besonderen Lächeln den Dechanten anschielend, »dazu geb ich nichts.«

»Gar nichts, ei, mein teurer –«

»Wollen erst warten, bis die Jungen und Mädel bei uns im Dorfe Strümpfe haben. Aber wißt Ihr was, Dechant? – Wollen eins miteinander trinken auf das Wohlsein der armen Leute, die da dürsten, und auch auf die, die barfuß laufen.«

Aber der Dechant trank diesmal nicht mit dem Ritter, den der Vogt von Hoym in die Halle geführt, wo der Imbiß für ihn angerichtet stand. Herr Götze trank und aß allein, was indes seinem Appetit gar keinen Abbruch zu tun schien. Zwar war Herr Götz der Meinung, daß gute Gesellschaft zu einer guten Mahlzeit sich schicke, wenn aber eines von beiden fehlen sollte, hielt er dafür, daß man darum die Mahlzeit nicht im Stich lassen muß, weil die Gesellschaft uns im Stich gelassen hat. Er ließ es sich vielmehr wie ein rechtschaffener Mann schmecken, der nicht absieht, warum einer, der schwer gekränkt ist, drum noch hungern soll.

Der Vogt von Hoym aber sah wie einer aus, dem ein Leidwesen widerfahren, und er kann sich noch nicht fassen:

»Bitt Euch um aller Heiligen willen, und der Lindenberger?«

Der Dechant zuckte die Achseln.

»Solch ein Herr! Und hat's eingestanden?«

»Er durft es doch nicht auf die Beweisprobe ankommen lassen! Der Krämer war schon bereit dazu mit seinen Zähnen.«

»Mir geht's wie ein Mühlrad im Kopf rum. Der Lindenberger war doch so eigentlich alles.«

»Und ist nun weniger als nichts.«

»Ich bitt Euch, was soll draus werden! Wen er befahl, steckte ich ein, wen er loslassen wollte, ich ließ ihn los. Ich wußte, ich tat immer recht. Der kurfürstliche Befehl kam hintendrein. Hatte mich so hineingefunden in seine Art und Launen. Und nun soll's wieder anders werden! Wen meint man denn, daß drankommt?«

»Man will behaupten, der Kurfürst wolle allein regieren.«

Mit einem verwunderten Blicke sah der Vogt ihn an: »Ihr wollt es mir nicht sagen. Lieber Herr Dechant, ich bin ein alter Mann, möchte auch in Ruhe leben; bitt Euch, gebt mir aus alter Freundschaft 'nen Wink, wenn Ihr's erfahrt. Einmal geht's noch, einmal find ich mich noch zurecht, aber wenn's wieder und wieder wechseln sollte – das wär zuviel. Aber was Ihr sagt, er wollte allein stehn, hochwürdiger Herr, dazu bin ich zu alt, um's zu glauben. Einer muß doch sein, der's für den Fürsten tut, und hinter ihm steht, ob er nun Hinz heißt oder Kunz, ob er's grob oder fein, heimlich tut oder vor aller Welt; einer tut's, einer ist's. An einen muß man sich halten können, und wenn jeder es weiß, ist's besser, als wenn jeder es raten muß.«

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