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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Er sprach von der Universität, die er zu Frankfurt gründen wolle, daß nun endlich alle Hindernisse gehoben seien, die diesem hochwichtigen Werke im Wege gestanden. Sie solle das Siegel werden, so hoffe er zu Gott, gedrückt auf die Mission seines Hauses; die Mark Brandenburg, dieses alte, durch teures Blut dem deutschen Gesamtvaterlande erworbene, dieses ehemals blühende, reiche, herrliche Land, wieder zu erheben aus der Verwilderung und Zerrüttung zu einem gesunden, kräftigen Gliede des deutschen Reiches. Nicht durch Fehde und Krieg, nicht durch wilden Trotz und gesetzlose Freiheit, nicht durch Festhalten an der alten Unsitte werde der Märker aus der Barbarei sich erheben, sondern durch friedfertige Unterwerfung unter das Gesetz und durch liebevolle Aufnahme der Männer, welche er berufen, durch Lehre und Wort, durch Beispiel und edle Sitte die alte Unwissenheit und böse Art zu bändigen und den Geist zu lösen, daß er auf edleren Bahnen vorschreite. Er nannte die Männer, die er gewonnen, deren Ruf durch ganz Germanien strahle. Er hoffe, daß ihr Licht von den Wellen der Oder über Spree, Havel und Elbe nur heller in das Reich zurückstrahlen werde. Vor allem sei er bedacht gewesen, Männer zu finden, in denen der Geist der heiligen Kirche lebendig und die durch tiefe Gelahrtheit das Licht des allein selig machenden Glaubens nur heller leuchten machten in dieser Finsternis. Denn dieses Licht sei vor allem nötig, und der Geist, der durch die umnachtete Wildnis allein seinen Weg sich suche, verirre und gerate auf gefährliche Abwege. So hätten es auch die Väter der Väter erkannt, die alten Regenten, unter denen Milch und Honig in der Mark geflossen und die Rebe geblüht und Früchte getragen. Er wies hin auf die hohen Türme und ehrwürdigen Kirchenbogen, die sie für die Ewigkeit in den lockeren Boden gesetzt, auf die stolzen Klöster von Chorin und Lehnin, auf die Münster und Dome in Brandenburg, Angermünde, in Prenzlow, Havelberg, Tangermünde und die andern. Gedächtnissäulen wären sie der gottergebenen Kunst, der frommen Wissenschaft, die noch den späten Enkel in Erstaunen setzen würden; diese Kunst und Wissenschaft sei erloschen seit zwei Jahrhunderten. Nun sei es Aufgabe derer, die leben, mit dem zurückgekehrten Frieden seine Künste zu pflegen, das Verfallene wiederaufzurichten und Neues zu bauen, damit auch sie der Nachwelt Zeugnisse und Dokumente ihres edlen und gottgefälligen Daseins hinterließen.

»Denn eine Zeit, die nichts in Werken hinterläßt zur Erbauung und Stärkung und Nacheiferung denen, die nach ihr leben, ist wie ein totes Glied an einem gesunden Körper, es wäre besser, wenn es ausgeschnitten wär. Wer nur Gott lebt und seinem Erlöser in der Stille hin, den darf ich nicht tadeln, denn er lebt für das Himmelreich; aber wen Gott niedersetzte auf dieser Erde und gab ihm Stärke und Ansehen und Mittel, der soll es nicht verprassen und vergeuden, sondern schaffen für sein Reich auf dieser Erde, und seine Stunden, seine Worte, seine Gedanken und seine Handlungen sind gezählt, wie die Haare auf seinem Haupte.«

Wie suchten da umher des Fürsten Blicke! Einige schlugen die Augen nieder, andere sahen ihn groß an; sie verstanden nicht, was er meinte.

Er sprach weiter. Loben konnte er seine getreuen Märker nicht, aber schelten mochte er sie auch nicht, daß sie nicht eifriger ihn unterstützt. Etwas Bitteres kam über seine Lippen, aber er verschluckte es wieder. Denn wozu Bitterkeiten; sie sind Gift, das nicht heilt, das die Wunden nur schlimmer macht, und ein eigenes, feines Gift, das meist dem mehr schadet, der es ausstreut, als dem, welchem es zugedacht ist.

Er sprach auch von dem neuen hohen Gericht, das er mit des Kaisers Willen in seinen Erblanden stiften werde, allwo in der Kammer alle Streitigkeiten, die früher an Kaiser und Reich gingen, sollten geschlichtet werden. Die Schöffen, die er setzen werde, halb aus Gelehrten, halb aus Edelleuten, sollten dort Recht sprechen, sonder Ansehen von Stand und Person, ja gegen ihn selber, wenn sie ihn im Unrecht befänden. Und er gelobte für sich und hoffe es zu Gott auch für alle seine Nachkommen, daß er keinen darum absetzen wolle, noch entfernen, weil er ein Urteil gefunden, was ihm, dem Fürsten, mißbehage, und weil er das für recht gehalten, was er, der Fürst, für unrecht halte. »Denn wo der Richter dienstbar würde eines Menschen Willen, und sei es des Kaisers selbst, das ist kein Recht mehr, das vor Christus bestehen kann, noch ist es dann ein deutsches Recht, sondern ein türkisch Recht, davor uns Brandenburger der liebe Gott bewahre! Es soll aber ein wahrer Richter fest stehen und unantastbar wie der Priester des Herrn, und wie der soll er vor keinem Gewaltigen schrecken. »Aber«, – rief er mit kräftiger Stimme und stand von seinem Sessel auf – »ich will auch, daß die Richter gegen jedweden Übertreter der Gesetze, die da sind, sprechen nach ihrem vollen Klang. Der Wahlspruch des gelehrten Henning Göde, der in Wittenberg das Recht lehrt, ist auch meiner: ›Gesetze, auf welche nicht gehalten wird, sind Glocken ohne Klöppel‹! Wie ich nicht dagegen fehlen darf, soll es keiner meiner Untertanen, er stehe so hoch und so fest er will und meinem Herzen so nahe als mein liebster Blutsfreund.«

Darauf war er von den Stufen des Thrones herabgestiegen und winkte einigen näher zu treten, darunter auch dem alten Bodo.

»Was mir die Stirn in Falten legt, was meinen Sinn vergiftet, ihr wißt es. Es ist was Arges geschehen, Gott verzeih mir, wenn ich's dem nimmer verzeihen kann, der es tat. Wer es auch sei, ausgestrichen ist er aus dem Buche der Gnade. Denn mit der Schande keinen Vertrag, und gält es mein Leben! Doch wen es traf, und er wird überwiesen, den allein straf ich, nicht sein Blut und seine Sippschaft. Darum braucht keiner die Augen niederzuschlagen, der einen Blutsfreund in der Schuld weiß; wenn er ein guter Mann ist vor dem Recht, ist und bleibt er auch vor mir ein guter Mann.«

Auf seinen Wink nahte sich ihm ein Edelknabe mit einem Kissen und ließ sich vor dem Fürsten nieder auf die Knie.

»Die Kettenträger sind unserer lieben Frauen treten vor!« sprach der Fürst.

Nur drei oder vier alte Männer traten vor.

»So wenige nur, und es war ein so guter Orden! Ist die Zucht so schlecht worden, daß meine Väter so wenige wert hielten, oder ist die Zeit eine andere worden, daß, was gut war, jetzt nicht mehr gut ist; und es sind noch nicht achtzig Jahre um, daß mein erlauchter Großohm, Friedrich der Andere, den Schwanenorden gestiftet! Wo sind die Burgsdorfe«, rief er, sich umschauend, »die Hoym, die Arnim, die Bartensleben und Bodenteich, die Bredow, die Jagow, Schlieben, Kerkow, die Alvensleben, Krummensee, die Schenk, die Waldow, die Schulenberg und Schlabrendorf, die so oft gewürdigt waren, das Bild der allerheiligsten Jungfrau mit den Sonnenstrahlen um ihr Haupt, den Mond zu Füßen, auf ihrer Brust zu tragen? Ist keiner mehr, der trachtet, daß er sich ›ehrlich und füglich für schämliche und schändliche Missetaten, für Unfug und Unehre treulich bewahre, verschwiegen sei und der Mitgenossen Ehre auf alle Weise rette‹? Möchte keiner mehr geloben, daß er, so oft die Sonne aufgeht und untergeht, zur Mutter Gottes bete, trachtet keiner mehr nach dem Bilde, das ihn erinnere, dankbar zu sein zu jeder Stunde für die Gnade Gottes, der ihn durch seinen Sohn Jesum erlöset hat?«

Es war still umher.

»Da sei Gott für«, hub er weiter an, »daß die Zeit um sei und nicht wiederkehren daß meine Ritter nach christlicher Ehre trachten! Ist die Stiftung veraltet, stifte ich sie neu.« Und er winkte dem Kanzler. Der alte Schlieben entrollte ein Pergament und verlas die Urkunde.

Joachim schaute sich wieder um und winkte den Bürgermeister Mathias von Berlin zuerst heran.

»Knie nieder!« sprach er. »Dein frommes Walten ist mir nicht entgangen. ein Siechhaus hast du gestiftet und ewige Renten geschenkt den Spitälern zu St. Georg und an den Drei Linden. Da nun die Zacken, die zusammengepreßten Herzen in dieser Kette die mancherlei Gebreste des menschlichen Lebens vorstellen, so muß der sie tragen, der täglich den Gebrestigen den Arm reicht und den Hungrigen Brot gibt. Stehe auf, Mathias, als Ritter des Schwanenordens.«

Ein Murmeln ging durch den Saal: »Wo sind seine vier Ahnen!« – »Er ist kein Edelmann.«

»So sind meine Ritter«, sprach Joachim, »doch noch vertraut mit den Satzungen des Ordens. Aber ihr vergeßt, daß ich die alte Stiftung neu gemacht. Meine im übrigen, daß der ein besserer Schwanenritter ist, der die Geschlagenen am Wege aufhebt, als der sie schlug und liegen ließ.«

Da ward es wieder still, mancher ließ den Kopf sinken. Der Kurfürst winkte den Altermann der Bredows:

»Die Ernte war schlecht im Havelland?«

Bodo sah ihn verwundert an, die andern auch.

»Und deine Aussaat gut«, fuhr der Fürst fort. »Du kannst nicht dafür, daß sie nicht aufging.«

»Der Roggen trug gut aus, gnädigster Herr, und wenn Nässe und Stürme den Hafer und die Gerste verdarben –«

»Du sätest Besseres aus als Roggen und Hafer«, fiel Joachim ein und legte seine Hand auf des alten Bodo Schulter. »Wenn Zucht und Sitte nicht aufgingen, ist's nicht deine Schuld. Der beste Vater kann nicht dafür, wenn nicht alle seine Söhne geraten. Und doch entging mir's nicht, wie du in deinem Haus gewaltet, wie du dem Ungestüm, der rohen Lust der Deinen gewehrt hast. Bodo Bredow knie nieder«, sprach der Fürst und nahm die zweite Kette vom Kissen.

Wie da aller Blicke auf dem alten Bodo und dem Fürsten hafteten; das hatte keiner erwartet. Der polnische Abgesandte hatte vorhin, da er die vielen Bredows im Saale gesehen, verwundert gefragt, ob man ihnen denn die Waffen nicht abnehme; wenn so etwas bei ihm zu Haus sich ereignet, daß ein Glied eines großes Hauses gekränkt worden wie hier, würde man sich vorsehen, die Sippschaft nur zu Hof zu lassen. Fritz Rohr, der ihn herumführen mußte, hatte gelacht: »So schlimm ist's bei uns nicht«; jetzt aber flüsterte er dem polnischen Herrn ins Ohr: »Paßt acht, er will ihn kirr kriegen. Bin doch neugierig, ob der Alte in die Falle geht.«

»Durchlauchtigster Herr Markgraf, ich bin zu alt zum Knien«, sprach der Senior.

»So neige deinen Hals, ich weiß keinen würdigern Kettenträger.«

Der Alte blieb aufrecht stehen; ein leises Zittern sah man doch an den magern Händen, die den Stock hielten.

»Hilf mir Gott, mein Markgraf, ich kann nicht. Spare die Kette für die, so noch nach Ehre dürsten. Liegt doch meine im Grabe. Wie soll ich sie tragen, sonder Scham, die mir's zur Pflicht macht, der Mitgenossen Ehre auf alle Weise zu retten, derweil ich meinen nächsten Blutsfreund in Ketten und Schmach weiß und darf ihn nicht retten.«

Vorhin waren die von der Sippschaft gemieden worden, wie man solche meidet, die mit Aussätzigen zusammenkommen. Als der Fürst Bodo vorrief, trat mancher an die Vettern und drückte ihnen verstohlen die Hand, und sie nickten ihnen zu mit freundlichen Blicken. Jetzt fuhren sie zusammen, und ängstlich schauten sie auf den Fürsten und auf den alten Mann. Die Reden hatten die wenigsten gekümmert; sie nahmen sie hin wie etwas, das sein muß, weil es eine Mode ist; auch daß er den Mathias zum Ritter gemacht, kümmerte sie eigentlich wenig. Er war ein Ritter des Fürsten, nicht ihrer. Aber daß ein Vasall sich unterstand, Ehren auszuschlagen, die ihm sein Fürst bot, das, meinten sie, würde den Zorn des Markgrafen wecken. Aber Joachim sah den Alten nur ernsthaft an, dann winkte er ihm fast freundlich:

»Du tust recht. Der gute Mann muß froh sein mit den Seinen, und wenn sie traurig sind, mit ihnen trauern.«

Er legte die Kette wieder seitwärts auf das Kissen, als wolle er sie für den noch aufheben, der sie von sich wies.

»Wilkin Lindenberg!« rief er, das dritte Band aufnehmend. Ein leises Atmen ging durch die Versammlung, als habe man's erwartet. Schwer wär's zu sagen gewesen, ob auf den Gesichtern nur lauter Freude oder auch der Neid mitsprach.

»Was lächelt Ihr?« fragte leis sein Nachbar den Dechanten von Alt-Brandenburg, der mit einer eigenen Bewegung die Hand über das Gesicht brachte.

»Ich lächeln!«, und die Hand fuhr schnell zur andern, und beide hoben sich gefaltet zur Brust. »Das Glück lächelt so selten denen, die es verdienen, sagen die Kinder der Welt; wir andern freuen uns daher, wenn es einmal nach Gottes unerforschlichem Ratschluß einen Würdigen trifft.«

»Das ist der Lindenberger.«

Ein stiller Händedruck bestätigte es: »Wenn Ihr ihn erst kenntet, wie ich ihn kenne. – Still, er redet.«

»Lindenberg, ich will dich nicht erröten machen, noch die andern, indem ich dich vor ihnen lobe. Was deine Stimme im Rate gilt, was du getan für deinen Fürsten, das mögen sie sich sagen lassen von denen, die in meinem Rate oft auf deine Worte lauschten. Aber was du mir gewesen bist, die Säule, an die ich in Stunden der Mutlosigkeit lehnte, der frische Lufthauch, wenn des Tages Hitze mich niederwarf, der kalte Wind, der mich aufrüttelte, wenn ich ermattend in Schlummer sank, wo ich wachen sollte, der einzige Geist«, setzte er leiser hinzu, »unter so vielen Schemen, der mich versteht, das mögen sie alle hören, mögen sie dich darum neiden, solcher Neid ist gut, er weckt Nachahmung. Du der einzige, den ich ganz wahr gefunden, weil du mir Wahrheit, die volle Wahrheit ins Gesicht sagtest. Das ist Rittertugend, die nicht der Ehrenketten bedarf, sie lohnt sich selbst. Darum schlinge ich diese hier um deinen Hals, nicht als Lohn, sie soll die Kette sein, die dich und mich, will's Gott, auf ein langes Leben zusammenfesselt. Knie nieder, Freier von Lindenberg.«

Auf des Fürsten Lippen schwebten noch die Worte: »So gedenke ich der Stunde gestern«; aber er sprach sie nicht aus; denn Lindenberg kniete nicht vor ihm. Er war vorhin um einen Schritt näher getreten, aber plötzlich war er stehengeblieben, und blaß, mit halb übergebeugtem Oberleib, stierte er, nicht auf Joachim, sondern wie auf einen Geist, der, aus der Erde geschossen, ihm den Weg verträte.

Die andern sahen einen kleinen, nicht schönen Mann, von gemeinem Wesen und niedrer Tracht, der hinter dem Fürsten stand, sein Gesicht wie der Hahn, dem der Kamm schwillt, seine Augen funkelten, und aus dem grinsenden Munde leuchteten Zähne wie die eines Raubtieres, das zum Sprunge sich anschickt. So stand er da, halb gebückt, und streckte die Fäuste aus:

»Er ist's!«

»Was ist dir, Lindenberg?«

»Ein Schwindel! – Die zu große Gnade meines Herrn. Es ist nichts.«

»Du zitterst. – Meinen Leibarzt!«

»Er ist's«, kreischte der Krämer, »der mich fing, warf, band. So wahr Gott im Himmel lebt, der ist's, Herr Kurfürst.«

Joachim erblickte jetzt erst den Mann, der wie ein Unhold aus der Erde geschossen, dessen Stimme wie Rabengeschrei in einer frohen Musika tönte.

»Elender! Du lügst –« Aber plötzlich verstummte er, als fehle ihm der Atem. Das dunkle Blut, das ihm ins Gesicht gestiegen, verschwand, und das Antlitz ward einen Augenblick weißer als das seines Günstlings. Er brachte die Linke an seine Brust, er atmete auf, und seine Augen hafteten auf dem Ritter, der seine niederschlug.

»Das ist zu arg!« schrien viele Stimmen. – »Den Arzt! Der Markgraf wird ohnmächtig!« – »Bei den Haaren, bei den Füßen ihn rausgeschleift!« schrien andere.

Der Mann erhob sich auf seinen Zehen, er streckte die Arme in die Höhe, er rieb die Hände, er zitterte. Aber da er den Kurfürsten ansah, sank er auf die Knie und faltete die Hände: »Laßt mich zerreißen, wenn ich nicht die Wahrheit rede.«

»Dem Kurfürsten vergeht die Sprache.« »Er ist ein Hexenmeister!« schrien andere. »Den Büttel her!«

Joachim winkte mit dem Arm. Er hatte die Sprache wiedergewonnen: »Gib Antwort dem Manne!«

»Gottes Donner und Blitze!« schrie Otterstädt, der das Schwert halb gezückt hatte. »Dem!«

»Der dich verklagt.«

»Soll der Mond antworten, wenn der Hund ihn anbellt«, rief Otterstädt.

»Ich entsinne mich nicht, den Mann gesehen zu haben«, stotterte Lindenberg.

»Wilkin Lindenberg! Drei Jahre meines Lebens drum, wenn es so ist. Sieh ihn scharf an.«

»Er hext, die Natternbrut!« schrie Otterstädt. »Sieh ihn nicht an.«

»Verschluck deine Zunge, Hund, wo dein Fürst spricht!« schrie ein anderer den Krämer an, der den Mund öffnete.

»Du kennst ihn nicht, Lindenberg?«

»Nein.« Es kam wie ein hohler Ton heraus, der sich Luft macht nach langer Anstrengung.

»Die Hand darauf!«

Da der Geheime Rat nicht allzu rasch, schien es einigen, den Arm erhob, wendete sich der Krämer mit einer sonderbaren Bewegung zum Fürsten. Er sprach kein Wort, aber öffnete den Mund und steckte den rechten Daumen hinein.

»Den Handschuh aus!« gebot der Kurfürst. »Deine Rechte, wie Gott sie gemacht, leg in meine.«

Der Ritter zog. Schien es doch, als schüttele ihn ein Krampf; der Handschuh flog ab und mit ihm ein blutiger Verband. Auch der Daumen blutete auf. Ein stiller, kichernder Schrei wie aus einer höllischen Pfeife, wie aus einer Brust, krank von satanischer Lust, gellte durch die Luft.

»Die blutende Hand in die deines Fürsten!«

Einen Augenblick schauten sich beide an; dann schreckte der Ritter zusammen wie ein von Gottes Strahl Getroffener. Er öffnete die Lippen, aber er brachte keinen Ton hervor.

»In Ketten! Zum Gericht!« rief Joachim, und ohne jenen eines Blickes zu würdigen, schritt er aus dem Saal.

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