Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Willibald Alexis >

Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Der Kurfürst mochte den Eindruck bemerkt haben, den seine Rede auf seinen Liebling hervorgebracht. Er setzte sich wieder und winkte ihm freundlich, neben ihm Platz zu nehmen.

»Ich mag es begreifen, wie es dich schmerzt, sie sind deines Blutes und Standes. Soll es mich aber nicht mehr schmerzen, der ich das Siegel und das Haupt bin ihres Bundes. Wie soll ich mit meiner Ritterschaft vor Kaiser und Reich bestehen, wo ich ihre Ehre verteidigen und vertreten soll, und gleichgeachtet wissen mit denen in Franken und Sachsen, in Schwaben, Westfalen und am Rheine, wenn sie hohnlachend auf sie weisen und sprechen: Sind das deine Ritter, die nachts in die Hürden brechen und Hammel und Ochsen stehlen und Gänse forttreiben? Damit ich da nicht erröten muß und weinen über alle, muß ich hier ausreuten das Unkraut vom Weizen. Mag dieser eine Mann nur dies eine Mal verfallen sein den Stricken der Versuchung, da tut es mir leid um ihn; mehr kann ich nicht, als ihn beklagen. Dann aber wird seine Bestrafung anders wirken als du fürchtest; denn die Leute werden denken, wenn selbst ein langer, untadelhafter Wandel vor dem Verbrechen und der Strafe nicht schützt, wie muß da täglich jeder beten und stündlich auf sich achthaben, daß ihn der Böse nicht in einer schwachen Stunde beschleiche, wo die sündige Lust und der Kitzel dieser Stunde die Gedanken und Werke von vielen Jahren vernichtet.«

Der Herr von Lindenberg schien wieder seine vorige Ruhe gewonnen zu haben.

»Euer Durchlaucht Gründe haben mich überzeugt. Es kann nur der leibhaftige Satan gewesen sein, der diesen Mann verführt hat, Satan, dessen Macht Euer Gnaden hochgelehrter Hofkaplan noch letzten Sonntag in der Predigt, so daß uns allen die Haare zu Berge standen, beschrieb. Auf die Aussage des Krämers ist nichts zu geben, er war von Angst und Schreck geblendet. Mir scheinen da geheimnisvolle Dinge im Spiel. Wie, wenn man die Sache dem Freigericht übertrüge? Die heilige Feme, im Besitz uralter Überlieferungen, ist in diesen geheimen Dingen sicherer, das Rechte zu treffen. Auch üben ihre Aussprüche, die Vollstreckungen ihrer Urteile auf das Volk noch immer eine wunderbare Macht. Ist es geschehen, forscht niemand nach dem Warum. Wenn eines Morgens Gottfrieds Leiche auf der Langen Brücke mit getrenntem Kopfe läge, wenn es hieße, daß er, verfemt, verdammt, von dem Schreckbilde des Volkes, der eisernen Jungfrau, umhalst, seine Übertretung gebüßt, alsdann wären alle schlimmen Folgen von der Person meines Fürsten abgewälzt.«

»Ein heimliches Gericht!« rief Joachim. »Da sei Gott für. Was ich tue, soll das Licht der Sonne nicht scheuen, ich will's vertreten vor männiglich.«

»So erwartete ich es von meinem gnädigsten Herrn.«

»Und du lächelst, wo mich in der Seele schaudert.«

»Freimütig will ich es gestehen, mich befremdete der Gegenstand des Gespräches. Während ich glaubte, daß mein Fürst mich zum Rat über Wichtigeres berufen, beschäftigt ihn ein elender Straßenraub. Vertieft dachte ich ihn mir in den großen Plänen, wie wir endlich den sehnlichen Wunsch, die ernste Aufgabe seines Vaters lösen. Es ist eine Ehrenaufgabe Eures Hauses. Der Kaiser fordert es, daß jeder Kurfürst in seinen Landen eine Hochschule gründe, die Stände des Reiches dringen darauf schon seit zwei Geschlechtern, Euer Vater hinterließ die Gelder. –«

»Kannst du zweifeln, daß ich sie richtig verwenden werde?«

»Behüte mich der Himmel vor solchem Frevel! Doch begreife ich nicht, wie meines Fürsten Geist, ganz von diesem großen Geschäfte erfüllt, noch mit Dingen sich abgibt, die er seinen Räten und Dienern überlassen kann.«

»Da, sieh hier«, rief Joachim und riß aus den Fächern seines Schreibtisches Papiere und Pergamente. »Hier fließt die Oder, hier ist Frankfurt; das ist der Riß zum Kollegienhaus; im künftigen Jahre wird der Bau begonnen. In dieser Kapsel ist die Bulle des Papstes, hier ist des Kaisers Freibrief, den mein Vater schon empfing. Dies Pack die Briefe, gewechselt mit den Gelehrten in Basel, Straßburg, Leipzig. Lächelst du wieder darüber?«

»Mein verdammter Mund, der so wenig ausdrückt, was die Seele denkt. Ich bin kein Gelehrter wie mein Fürst, aber wär ich's, ich könnte mich nicht mit andern Dingen daneben beschäftigen. Auf die Gefahr, meinem Herrn zu mißfallen, spreche ich es geradezu aus, es ist meine Pflicht als Mitglied Eures Geheimen Rates, wenn die Seele von einem Gegenstande erfüllt ist, sollte sie auch alle Kräfte ihm widmen. Wie lange hat sich's nun schon hingezogen, daß die Mark einer Universität entbehrt, weil Euer erlauchter Vater von zu vielen andern kleinen lästigen Sorgen gedrückt war. Ob die Straßen fahrbar, ob sicher sind, ob die Zölle gut verpachtet, ob die Bierziese richtig eingeht, dafür können andere sorgen, aber das geistige Wohl Eures Volkes zu bewachen, zu diesem hochheiligen Geschäfte weiß ich nur einen, der fähig ist, und jeder Augenblick, den er zu anderen Beschäftigungen abstiehlt, ist ein Raub.«

»Ein Fürst soll seine Augen überall haben.«

»Und doch ist er nur ein Mensch. Indem er alles selbst sehen, nichts seinen Getreuen überlassen will, sieht er oft das Wichtigste nicht. Da ist es denn geschehen, daß Kursachsen uns zuvorkam, Wittenberg ist gegründet, und wir wollen noch Frankfurt bauen.«

»Mein Frankfurt soll Wittenberg überflügeln.«

»Aber schon entging uns der gelehrte Dr. Simon Pistoris. Er bleibt nun in Leipzig, weil sein Gegner, der Dr. Pollicius, nach Wittenberg gegangen. Diese Säule von Gelehrsamkeit, die allein eine Universität getragen, dieser erste Arzt Deutschlands, ist uns verloren.«

»Ich meine, wir haben dafür einen andern, besseren gewonnen«, sprach der Kurfürst mit freudestrahlenden Blicken, indem er ein eben eröffnetes Schreiben dem Ritter vorlegte.

»Wimpina kommt!«

Lindenberg las und blickte mit dem Ausdruck der Überraschung und Freude auf: »In der Tat, das hatte ich nicht erwartet. Das ist ein Gewinn!«

»Ein ungeheurer, sage ich dir, Lindenberg. Eine Schule, auf weltliche Weisheit gegründet, ist ein halbes Werk; in Pistoris verloren wir einen großen Arzt des Leibes, in Dr. Koch gewinnen wir einen Arzt des Geistes, eine Säule der Kirche, den ersten Theologen Germaniens. Ich wünschte, du kenntest seine gelehrten Streitschriften. Noch kein Gelehrter hat mit solchen überzeugenden Gründen, mit solchem göttlichen Feuer seine Gegner niedergedonnert.«

»Koch-Wimpina! »rief Lindenberg. »Derselbe, welcher in der Streitschrift gegen den Thoribäus die Zahl der Ehemänner der heiligen Anna, Christi Großmutter, feststellte, und mit welcher glänzenden Beredsamkeit! Dr. Musculus las es in einer Abendgesellschaft bei Hofe vor, Eure Gnaden waren ja selbst zugegen. Ich darf gestehen, ich ging nie so erschüttert und erbaut nach Hause.«

»Derselbe, Lindenberg! Kommen wir noch zu spät?« rief er triumphierend.

Der Geheimrat verneigte sich tief.

»Hast du noch etwas zu sagen? Hast du noch zu tadeln? Sprich es aus.«

»Ich kann nur wiederholen, was mein Herr schon gesprochen. Eine hohe Schule ist wichtiger als alles. Der Geist, der von da aus über die Mark sich verbreitet, wie aus einem reichen, vollen Flusse Wassergräben und Rinnen, wird den trocknen, dürren Boden durchsickern und die Früchte der Zucht, Gesittung, der Ordnung und des Fleißes herstellen. So bessern wir am besten, so allein den Zank, Mord und Grausamkeit, von denen der erlauchte Johannes spricht. Aber nur, wenn der Fluß selbst klares Wasser ist. Daß die Worte, die mein Fürst sprach, in Granit über der Türe eingegraben würden: ›Eine Schule, auf weltliche Weisheit gegründet, ist nur ein halbes Werk.‹ Herr, mein Fürst, laßt Euch nie verleiten durch den glänzenden Ruf der Gelahrtheit, beruft immer nur rechtgläubige Gelehrte, die Säulen werden der Kirche, nicht der weltlichen Wissenschaft. So nur wird Frankfurt aufblühen, wenn die Kirche hier ihre Säulen findet, wenn die Gelehrten festhalten an ihren Satzungen, unerbittlich auch in dem, was den weltlich Gelehrten eine Torheit scheint. Wo ist denn die Grenze zwischen dem, was der Verstand begreift und der Glaube faßt, und der ketzerische Dünkel, daß ich es bekennen muß, ist von alters in der Mark zu Hause; auch der Adel ist nicht davon frei, vielleicht daher die Verderbnis, die wir beklagen.«

Joachim hatte ihn nur schwer ausreden lassen. »Tue ich es denn nicht?«

»Euer Wille ist gut, Eure Weisheit über alle Frage, aber dennoch weiß die Schlange unter allerhand Wegen in das Heiligtum zu dringen. Wer hat die Einsicht, auf allen ihren Krümmungen ihr zu folgen? Sagt man doch selbst von diesem Abt Trittheim –«

»Was!«

»Er ist gewiß ein großer Gelehrter. Sei es auch fern von mir zu zweifeln, daß er ein gläubiger Christ sei. Aber man meint doch, daß er für einen Christen sich zu sehr in die Naturwissenschaften vertieft. Da spricht man von wunderbaren Dingen –«

»Ich weiß es. Das dumme Volk hält jeden für einen Zauberer, der in ihre Geheimnisse zu dringen sucht.«

»Auch in die verbotenen, Herr?«

»Die Naturwissenschaften sollen frei sein. Das will ich, Lindenberg. Da sind noch Dinge verborgen, die wir aus tiefen Schächten fördern müssen, wie das Gold, das erst in der Sonne glänzt. Da muß man den Arbeitern freie Hand lassen zur Ehre Gottes. Und schützen muß man sie gegen das Volk. Das ist der Fürsten Pflicht. Ich will das Licht. Was senkst du die Augen?«

»Ich will es glauben, daß der Abt Trittheim kein Zauberer ist, da mein Herr es mich versichert –«

»So wenig als ich es bin.«

»Aber ich will es nicht für gewiß behaupten, doch hörte ich es von sicheren Leuten, er deutete an der Geschichte von Josua und der Sonne. Das Scheinbild der Sonne habe nur stillgestanden, die Sonne aber sei weitergegangen.«

»Trittheim! – Nein, das darf er nicht. An den Grundfesten der Religion darf auch die Wissenschaft nicht rütteln. Beruhige dich, Lindenberg, ich werde mit ihm darüber sprechen. Er wird sich von seinem Irrtum überzeugen lassen.«

»Er wird es, davon bin ich überzeugt. Mein gnädigster Herr, vielleicht beleidige ich Eure bessere Einsicht, ich spreche ja nur als Laie, aber verzeiht mir oder verdammt mich, ich konnte nicht anders.«

Mit dem Ausdruck immer steigenden Wohlgefallens hatte der junge Fürst ihm zugehört. Er faßte seinen Arm: »Lindenberg, das ist gesprochen wie –«

Er unterbrach sich selbst, wie von einem plötzlichen Entschluß durchzückt, und eilte nach einem kostbar mit Elfenbein ausgelegten Nußbaumschrank, dessen schweres Schloß er aufdrehte. Aber ebenso schnell ließ er es wieder ruhen:

»Nein, nicht hier, morgen vor dem ganzen Hofe will ich dir meinen – werde ich dir antworten.«

Mit einem gnädigen Kopfnicken entließ der Fürst den Geheimrat.

Er griff noch einmal das Testament des Vaters und las die Stelle:

›Straf die Schmeichler, die alles Dir zuliebe und nichts zu des Landes Wohlfahrt reden. Wirst Du ihnen folgen, so wirst Du Deine klugen Räte verlieren. – Des Schmeichlers Rede gleichet dem Schlangengifte, welches im süßen Schlaf zum Herzen dringt und den Tod wirkt, ehe man es gewahr wird.‹

Indem er das Pergament wieder in den Schrank verschloß, sprach Kurfürst Joachim:

»Gelobt sei der Herr, ich habe einen Rat, der kein Schmeichler ist.«

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.