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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Der Kurfürst stand vor seinem Schreibtisch, ein edler, schöner, junger Mann, auch ohne das fürstliche Gewand, das an seine ritterliche Gestalt schmiegsam sich fügte. Er las in einem entfalteten Pergament, dem man es ansah, daß er es nicht zum ersten Male geöffnet, daß er nicht zum ersten Male darin las. Er küßte die Schrift: »Ich will es, seliger Geist meines Vaters! Ich hab's gelobt und will es halten.«

Er schritt einigemal im Zimmer auf und ab, indem er die Worte, die er eben gelesen, mit lauter Stimme wiederholte.

›Deinen Fürstenthron wirst du nicht besser befestigen, als wenn Du den Unterdrückten hilfst, wenn Du den Reichen nicht nachsiehst, wo sie die Geringen überwältigen, und wenn Du Recht und Gleich einem jeden angedeihen lässest.‹

»Erhabene Worte eines erhabenen Fürsten!« sprach der Geheimrat, sein Barett mit gekreuzten Armen auf die Brust drückend, indem er sich tief neigte; es schien mehr vor dem Pergament, das jetzt auf dem Tisch lag, als vor seinem Herrn, der sich in dem Armstuhl niedergelassen hatte.

»Es sollen nicht Worte bleiben, es sollen Taten werden. Traust du es mir zu, Lindenberg?«

»Werden? Gnädigster Herr, ich meine, sie sind es schon.«

»Oh, es liegt vor mir wie eine Wüste, nein, wie ein Gebirge. Wenn ich die höchste Kuppe erklimme, war es nur ein Hügel, vor dem neue Ketten, Felsen, Riesengebirge sich endlos weit ausdehnen. Wer führt mich durch diese Schlangenwindungen, durch diese Lawinen den graden Weg?«

»Ihr selbst! Wie Eures Vaters Vater ein Achilles war an Kraft, wie man Euren Vater Johannes, weil seine weise Rede wie Honig von den Lippen floß, einen Cicero nannte, werdet Ihr an Klugheit und Erfahrung ein Nestor sein, der nicht geführt zu werden braucht, der andere führt.«

»Ich bin noch jung, aber – ich will's, Lindenberg, ich will's! Wie stärkt mich des Vaters Testament; allein jedesmal, wenn ich es überlese, wenn diese Honigworte wie Balsam auf mein Herz träufeln, steigen auch neue Zweifel auf, wie starre Klippen, die dem Schiffer den Weg versperren. O allmächtiger Gott, es ist so viel, was ich tun muß, und ich bin doch nur ein Mensch. Lies, lies es wieder, dies kostbare Dokument des weisesten, des größten, des edelsten Mannes seines Jahrhunderts.«

»Lesen, gnädigster Herr? Ich kann es auswendig. Erlaubt mir vielmehr, auf dieses heilige Pergament meine Lippen zu drücken, als ein Gelöbnis, daß, was in meinen schwachen Kräften steht, ich treu daran halten will.«

»Küsse diese Stelle.«

»Ist nicht eine so viel wert als die andere?«

›Vergiß nicht, mein Sohn, den Adel im Zaum zu halten; denn sein Übermut verübt das meiste Böse. Strafe sie, wenn sie die Gesetze übertreten, und laß nicht zu, daß sie irgend, wer es sei, wider Gebühr beschweren.‹

»Großer, seliger Johannes, es ist ein schmerzliches Wort!«

»Das dich nicht drücken kann. Du bist nicht wie die andern. Setze dich zu mir. Wie hat mich nach dir verlangt, Lindenberg, wieder einen Menschen zu sehen unter diesen Halbmenschen, mit ihm sprechen zu können, wie mir ums Herz ist, und der meine Sprache versteht.«

»Eure Kurfürstlichen Gnaden sandten, wie ich höre, soeben nach dem Abt Trittheim, ich begreife –«

»Davon nachher.«

»Hätten wir doch diesen herrlichen Mann am Hofe festhalten können. Ich begreife, daß es ihm hier nicht wohl zumute war, aber er hätte seine Abneigung überwinden sollen, aus Ehrfurcht und Dankbarkeit für seinen fürstlichen Wohltäter und Schüler.«

»Was sollte er hier!« rief der Fürst, und ein innerlicher Schauder schien seiner Herr zu werden. Unwillkürlich hatte er wieder nach der Schrift seines Vaters gegriffen und drückte die Finger auf die Stelle, welche lautet: ›Ich hinterlasse Dir, mein Sohn, ein großes Land; allein es ist kein deutsches Fürstentum, in dem mehr Zank, Mord und Grausamkeit im Schwange gehn als in unsrer Mark.‹

»Aber ich will ihnen in die Ohren mit Posaunenton rufen, daß ich wach bin, weil sie denken, daß ich schlafe. Mir ist nicht bange, ich kenne sie alle und ihre Tücken, worauf sie trotzen, worauf sie bauen; ich will sie auffinden in ihren Gelagen und Schlupfwinkeln, in ihren Nestern und Spelunken, bei Tag und bei Nacht; ich will die Straßen fegen und die Burgen auskehren. Die Großmächtigen sollen vor mir zittern, und die Wölfe will ich aus dem Schafpelz jagen, den sie übergehangen. Ich will ihnen allen zeigen, daß ich sie nicht fürchte, noch ihr Geschrei, denn ich bin ihr Herr.«

Er war aufgesprungen und maß wieder mit stolzen Schritten das Zimmer, sichtlich durch die Erinnerung an ein jüngstes Erlebnis aufgeregt.

»Ist es erhört, ist es denkbar nur«, fuhr er fort, »dieser Räuberanfall in meiner nächsten Nähe, gleichsam unter meinen Augen, wo der Hauch meines Mundes hinreicht, wo die Hufe meines Rosses den Boden kaum betreten, mir zum Hohn, dem Lande zur Schmach, der Gerechtigkeit, die ich pflege, zum Ärgernis. Ein gemeiner, elender, blutiger Straßenraub! Es ist mir, als hätte der Raubmörder an alle Bäume geschrieben, unter denen ich fortritt: ›Wehe dem Lande, dessen König ein Kind ist.‹ Aber sie irren sich.«

»Mein Durchlauchtigster Herr meint den Anfall von vorgestern an dem Juden, von dem ich hörte.«

»Heute, Lindenberg; es sind noch nicht vierundzwanzig Stunden um.«

»Der Jude, Euer Gnaden, soll –«

»Es ist kein Jude, du mußt dich ja des Krämers entsinnen, der uns in Saarmund am Zoll seine Waren ausbreitete. Ich kaufte davon. Es ist mein Geld, die Beutel noch von meinem Säckelmeister versiegelt, riß die verfluchte Hand des Diebes fort.«

»Wenn ich es nicht aus so glaubwürdigem Munde hörte, sollte ich es kaum glauben. Jetzt entsinne ich mich auch dieses Krämers. Er war in grünem Wams, richtig! Sein Gesicht, ich bekenne, flößte mir schon damals wenig Zutrauen ein, und ich sah ihm auf die Finger, als ihm das Geld aufgezählt wurde. Aber ich muß mich doch getäuscht haben. Also es war kein Jude!«

»Ich hasse die Juden, Lindenberg, und denke auch diesen ungläubigen Wucherern einen Daum aufs Auge zu setzen, wenn ihre Zeit kommt, denn sie sind und bleiben Verräter am Blute unseres Herrn und Heilandes. Aber, und wäre es Simon der Schächer oder Judas Ischariot gewesen, der die dreißig Silberlinge trug, es hätte keiner ein Recht, es hätte sich keiner unterstehen sollen, wo ich den Blutbann habe, seine Hand an ihn zu legen. Oder zweifelst du?«

»Ich zweifeln, wo mein Herr spricht!«

»Und doch stehst du sinnend da? Bist du anderen Sinnes? Ich liebe freie Meinungen, auch wenn sie meiner entgegen sind.«

»Ich bekenne, daß allerdings ein Zweifel eben auftauchte, und wünsche wohl, daß mein gnädigster Herr mir da zu Hilfe käme. Gesetzt, was Ihr da eben anführtet, Judas Ischariot wäre es, der von Köpenick nach Berlin mit seinem Sündengelde zieht, und ich begegnete ihm im Walde, beim heiligen Johannes, ich glaube nicht, daß ich eine Sünde täte, wenn ich ihm auf den Kopf schlüge. Und wär es, hilf mir Gott, ich glaube doch, ich tät es. Gnädigster Herr, mir scheint die Frage von Wichtigkeit. Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist; verzeiht mir, ich spreche nur als Laie, aber ließe sich der Spruch hier nicht anwenden? Nein, Herr, auf die Gefahr Eurer Ungnade, die Gelegenheit ließ ich mir nicht entgehen. Ist Judas Ischariot nicht ärger als der Teufel, der doch vor unserm Heiland weichen mußte, und konnte ihn nicht in Stricke und Versuchung bringen, wogegen Judas unsern Herrn in die Stricke seiner Feinde verraten hat. Den Teufel totzuschlagen, das könnte doch kein Gericht mir wehren, so es in meiner Macht stände. Die Frage scheint mir allen Ernstes wichtig genug, daß ein christlicher Fürst sie an die Universitäten schickte, damit man die Gutachten der theologischen Fakultäten darüber erführe.«

»Die Fakultäten, Lieber, würden vielleicht antworten, daß kein Mensch ein Recht hat, auch nur den Teufel totzuschlagen, sintemal Gott ihn bestehen läßt, daß er uns zu unserm Heil versucht. Was nun Judas anlangt, so hat Gott es auch gefügt, daß weder Ihr noch ich ihm in der Köpnicker Heide begegnen könnten, da er längst seinem Gerichte verfallen ist. Auch ist nicht der geschlagen, sondern der Krämer Hedderich, und der ihn schlug, seid nicht Ihr, sondern es ist Gottfried Bredow. Was sagt Ihr dazu! Nicht wahr, es stehen Euch die Haare zu Berge.«

»Die Sache fordert –«

»Die strengste Untersuchung. Die soll ihr werden.«

»Gewiß die allerstrengste, gnädiger Herr. Und doch überschleicht mich ein Bedenken, ob es nicht geratener sei, die ganze Sache auf sich beruhen zu lassen. Verzeiht mir, es ist nur eine Ansicht. Der Gerechtigkeit natürlich ihren vollen Lauf, aber das Wohl des ganzen Reiches, vor allem Eurer selbst, Eurer erlauchten Familie kommt doch auch in Betracht. Die Macht, die Verbreitung der Bredows über das ganze Havelland, die halbe Zauche, wo sind nicht die Bredows, muß man nicht aus dem Auge lassen. Ich weiß wohl, es sind nicht mehr die Zeiten der Gänse von Puttlitz und der Quitzows, ich rede auch nicht von einem Aufstand, der zu fürchten wäre, Euer starker Arm würde ihn niederschlagen; Rücksichten aber hat jeder Fürst, insonderheit jeder christliche Fürst, und noch mehr einer, der nur für das Wohl seiner Untertanen lebt. Also ganz abgesehen von einer Furcht vor etwas, was mein hoher Herr nicht fürchten darf, Ihr schlügt einem Feinde in den Nacken, der furchtbar werden kann. Ich meine die Meinung, welche die Familie für sich hat. Sie haben in letzter Zeit sehr viel auf sich gehalten, man hörte seit dreißig Jahren nicht, daß ein Bredow auf der Straße lag. Welches Ärgernis gäbe ein Prozeß, und gerade gegen eines ihrer Mitglieder, das sich des besten Rufes erfreute. Eine scharfe Gerechtigkeit, gegen ihn geübt, würden selbst die Gerechten verdammen.«

»Es ist geschehen.«

»Es ist noch nicht verlautbart; man kann es noch ungeschehen machen. Dieser lumpige Krämer läßt sich abfinden, wenn nicht mit wenigem, kann man viel geben. Die Bredows in Friesack würden tief in ihre Läden greifen, aber, wenn mein Rat durchginge, ließen wir es nicht bis dahin kommen. Beföhle mein Kurfürst, so würde ich mit Vergnügen selbst das Mittleramt übernehmen.«

»Ich habe dem Feinde in den Nacken geschlagen, dem ich ins Auge sehen will«, rief der Kurfürst aus, und seine Augen leuchteten vor edlem Zorn. »Morgen wird der Übertreter nach Berlin geführt, ich werde ihn richten. – Auswendig, Lindenberg, willst du das Testament meines Vaters kennen, und du hast doch schon seinen Inhalt vergessen. Legst du so die Worte aus: ›Deinen Thron wirst Du nicht besser befestigen, als wenn du den Reichen nicht nachsiehst, wo sie die Geringen überwältigen, und wenn Du Recht und Gleich einem jeden widerfahren lässest.‹ Ich will den Reichen nichts nachsehen, ich will gleiches Recht einem jeden schenken. Ist er's, dann beim Wohl meines Landes, bei meinem Schutzpatron, bei den Heiligen allen, beim höchsten Gotte, den Rücksichten einen Fußtritt, die zwischen mir und meiner Pflicht sich eindrängen wollen.«

So hatte der Geheimrat seinen Herrn noch nicht gesehen. Auch Johannes Cicero, als er die fünfzehn Schlösser der Raubritter niederreißen, als er die Schuldigen richten, als er in Stendal das Henkersschwert walten ließ gegen die Aufrührer, so furchtbar hatte er ihm nicht gedünkt, als jetzt der Sohn. Der Sohn in seinem Zorn, der doch kaum aus dem Jünglingsalter zum Mann geworden. Welche Aussicht lag vor ihm!

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