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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Zweiter Teil

Erstes Kapitel

Der Fürst und der Geheimrat

Im kurfürstlichen Vorzimmer saß der Hauptmann der Leibwache. Obgleich er den Lehnstuhl an den hellprasselnden Kamin gerückt, hatte er doch sein Stahlkleid noch mit einem Wolfspelz umhüllt; es war ein kalter, stürmischer Spätabend, der Wind heulte in den Böden des Schlosses und fuhr durch die Schlote herab. Die Spree dampfte; der Wohlgeruch, welcher von den Äpfelkähnen dann und wann herauf und durch die schlecht verschlossenen Fenster drang, schien ihn nicht zu erquicken. Er spielte ein gedankenloses Spiel mit seinem Dolche; wenn er dann und wann sichtlich gelangweilt aufsprang und ans Fenster trat, zählte er die Lichter drüben in den kleinen Häusern der winkligen Stadt, wie eines um das andere verlosch. Endlich waren alle verschwunden; nur auf der Langen Brücke schwelte noch kümmerlich fort die kleine rötliche Öllampe unter dem Muttergottesbilde.

Durch die geöffnete Tür sah man auf dem langen Korridor zwei Hellebardiere in gemessenen Schritten auf und ab gehen. Zuweilen zeigte sich auch ein Mann an der Schwelle im kurfürstlichen Wappenrock, mit dem roten Adler auf der Brust und in hohen Reiterstiefeln, als warte er auf etwas. Wenn der Ritter ihn sah, winkte er ihm mit der Hand: »Er schreibt noch.«

Durch die Nachtluft dröhnte jetzt ein Glockenschlag, dem drei andere folgten. Von Sankt Nikolas tönten darauf zehn volle Glockenschläge. Als der letzte verklungen, fing die Marienkirche an, vom Rathaus antwortete es, und plötzlich summte und schwirrte es, ein lautes Glockenmeer in der Luft, von den Kirchen in Kölln, dem Dom, Sankt Peter und den Schwarzen Brüdern, die sich nicht Zeit zu lassen schienen, eine die andere abzuwarten. Die entfernteren und kleineren Glocken von den Grauen Brüdern, dem Hospital und Sankt Georg hallten auch nachklingend in der Ferne, als die Nachtwächter diesseits und jenseits der Spree schon ins Horn stießen und ihr:

Hört ihr Herrn und laßt euch sagen:
Die Glock hat zehn geschlagen,
Bewahrt das Feuer und das Licht,
Damit der Stadt kein Schaden geschieht.
        Lobet Gott, den Herrn!

die Stille der Nacht für eine Weile unterbrach.

Auf dem Gange schallten Tritte. Die Hellebardiere schulterten, der Hoffourier, der sich wieder an der Schwelle gezeigt, trat ehrerbietig zurück, und ein vornehmer Herr in karmesinem mit Gold gesticktem Wams und feiner Halskrause trat unangemeldet mit eiligem, aber einem so sicheren Schritte ein, daß man sah, er war dieses Bodens gewohnt.

»Ha, du hast die Wache!« rief er dem Offizier zu. »Das ist gut.«

»Endlich, Wilkin!« antwortete der Hauptmann und hielt ihm die Hand entgegen. »Welcher Teufel hat dich denn beim Kopf gehabt?«

»Erwartet mich Seine Gnaden?«

»Fünf-, sechsmal schickte er nach dir. Wie's Kind nach der Muttermilch schnappt er nach deinem Anblick. 's ist grausam, daß du dich ihm so lange entzogst.«

Der Angekommene befühlte seine Halskrause, ob sie in Ordnung sei, strich die Federn auf seinem Hut und wollte mit einem stummen Gruß an dem wachthabenden Offizier vorbei nach der Tür zu den innern Gemächern, aber der Hauptmann hielt ihn zurück:

»Halt! jetzt schreibt er. Vorhin zu spät und jetzt zu früh.«

Der Kavalier warf sich auf den Lehnstuhl und schöpfte tief Atem. Dann wischte er den Schweiß von der Stirn: »Es ist mir ganz recht. Ich muß mich etwas erholen; ich lief zu sehr.«

»Nun sprich, wo stecktest du? Du warst ja wie weggeblasen mit deinem Rappen.«

»Du weißt, er hat zuweilen den Koller.«

»Du aber einen vortrefflichen Riecher, wo es eine Spur zu finden gilt. Als das Unwetter gestern losging und alle Hörner umsonst schmetterten, und keine Antwort kam, war Jochem allen Ernstes besorgt, ein Nix, eine Elfe hätte dich verlockt, und wir würden dich wiederfinden als kalten Mann in 'nem Sumpf oder an einem Seeufer.«

»Seit wann schickten seine Gnaden nach mir? Ich meine, wann ist er nach Kölln zurückgekehrt?«

»Gestern kehrten wir gar nicht zurück. Er suchte nach dir wie nach einem Schoßhund, da mußten wir, weil wir uns bei Beelitz verspätet, in Potsdam übernachten. Heut morgen ward dort gejagt, erst zu Mittag kehrten wir heim. Du kannst dem Hoffourier neue Sohlen schenken; so oft hat er für dich durch Kot und Kehricht nach der Klosterstraße gemußt. Blitz, was waren deine Wege?«

»Otterstädt!« sagte der andere nach einer Pause, indem er den Kopf in den Arm stützte. »Es schleicht mir was durch die Glieder seit einiger Zeit. Ist's ein Fieber, oder was ist's? Ich sehe die Dinge doppelt, oder was andere sehen, sehe ich nicht. Schauerte mich doch eben, als ich ins Schloß trat, und die Ampeln wehten in den dunkeln Gängen.«

»Du sahst doch nicht die weiße Frau?«

Der andere schüttelte den Kopf.

»Oder trat dir die eiserne Jungfrau entgegen und breitete die Arme nach dir aus?«

Der Kavalier machte eine abwehrende Bewegung: »Schweig, schweig! Dummes Zeug, ein Schwindel, mir wird schon besser.«

»Glaube mir«, lachte der Hauptmann, »es ist das Katzenwedeln. Unsere Natur ist nicht für das Scharwenzeln. Wo die Weisheit mit Löffeln gefressen wird, schrumpft der Magen ein. Sauf dich mit uns mal wieder voll, dann vergehen die Blähungen und Gesichte. Aber Menschenskind, bist uns noch Rechenschaft schuldig. Zauste dich das Fieber auch, als du durch die Heide rittest?«

»Ich sagte es dir ja schon, mein Pferd riß mich fort. Weiß nicht, was ihm zu Gesicht kam. Als ich's bewältigt, hatt' ich die Richtung verloren, ich kam nach Brandenburg, Gott weiß wie, und hielt es für das geratenste, durch den Barnim zu reiten. Da übernachtete ich drüben in Kerzin.«

»Da kann man freilich spät nach Berlin kommen! Ich will dir's glauben, wenn du's willst.«

»Du tust sehr gescheit, Otterstädt. Worauf wartet der Fourier?«

»Auf ein Schreiben Seiner Durchlaucht.«

»An wen?«

»Was weiß ich's, an welchen Schwarzrock oder welche Glatze. Wenn er schreibt, ist's ja nur an Pfaffen und Gelehrte. Nach Straßburg oder Basel soll's. Richtig, 's ist der superkluge feine Abt; mit 'nem Tritt fängt's an und mit haus oder heim läuft's aus, der schon mal hier war und Weisheit schüttelte, wenn er sich im Bart kraute.«

»Der Abt Trittheim, sein Lehrer!«

»Ging's nach mir, Wilkin, so stäch ich's dem Fuhrmann, der ihn bringen soll, daß er ihn in 'ne Pfütze würfe. Da möcht er sich mit seinen lateinischen Phrasen rausziehen. Ging das gelehrte Tier nicht hier wie ein Pfau mit gläsernen Füßen, dem seine feine weiße Hand zu gut dünkt, daß er unsere groben Stühle und Tische anrührte. Und als tät er eine Gnade, wenn er mit unsereinem ein deutsch Wort wechselte.«

»Diese Leute sind schädlich«, sagte der andere. »Ein Spielzeug für ihn. Wenn er sich mit ihnen in gelehrte Gespräche über den Mond und den Papst vertieft, ist's nur zu unserem Vorteil. Aber was soll der Abt jetzt?«

»Was! Wozu anders als zu der Hauptgeschichte, derohalben wir Kurfürst werden. Soll dabei sein, Pate stehen bei der neuen Universität, wie sie's nennen. Darüber wird ja jetzt geschmiert und korrespondiert mit Papst, mit Fürsten und Herren draußen im Reich, als könnte ein Markgraf von Brandenburg, wenn er neugebacken ist, nicht Eiligeres und Nötigeres tun, als 'ne Schule gründen, wo die Buben das lateinische Abc lernen. Laß die Pommern die Oder aussaufen, was geht's uns an, wenn wir nur in Frankfurt eine Universität kriegen, damit man von uns draußen schwatzt, was für fromme und gelehrte Leute wir sind.«

»Das Testament befiehlt es ihm.«

»Er tut alles, was uns nicht not tut, und nichts, um was es uns zu tun ist. Tut euch in der Priegnitz eine Universität not? Wir in der Uckermark brauchen keine. Hat's Mangel an Schreibern, Juristen, Pfaffen in der Altmark, in der Neumark, in der Kurmark? Pfaffen, daß man sich schütteln möchte wie der Bettler im Pelz, aber wenn er nur im Mond einen Platz fände, stiftete er auch da ein Bistum.«

»Sonst nichts Neues, Herr von Otterstädt?«

»Will seinen kleinen Bruder, Prinz Albrecht, wenn Frankfurt geweiht wird, zum Kanonikus weihen lassen. Daß dich – werden alle noch Pfaffen und Schwarzröcke werden.«

»Zu Haus ist doch alles in Ordnung?«

»Prost Mahlzeit! Vom Götze Bredow erfuhrst du doch unterwegs?«

»Der von Ziatz? Was ist mit ihm?«

»Schöne Geschichte. Ist nach Spandow gebracht, in den Turm gesperrt. Es gibt ein Gericht.«

»Der alte Bredow!« Verwundert war der Hofmann aufgesprungen. »Ich – das muß ein Mißverständnis sein.«

»Gebunden noch dazu. Soll mich wundern, was die Friesacker dazu sagen werden. Plagt der Teufel den alten Krippenreiter, daß er einem Juden auflauert, der mit seinem Wagen nach Berlin fährt.«

»Einem Juden.«

»Oder so was. Genug, er hat ihn geworfen, leichter gemacht, geknebelt und in den Graben geschmissen. Soweit ging alles gut. Nun aber hat der dämlichte Kopf, der nie viel Grips hatte, vergessen, daß wenn man etwas wagt, man alles wagen und einem Kerl, der schreien kann, die Kehle fester zuschnüren muß. Item, er hat es verdorben. Es kamen Leute zu, die ihn losbanden. Zugerichtet wie er war, konnte er doch noch ein Lamento erheben und seinen Räuber, wie so ein Kerl das versteht, beschreiben.«

»Wie beschrieb er ihn?«

»Nun, daß es kein Zweifel ist, es war der Hohen-Ziatzer. Der Schafskopf in seinem verrosteten Panzerhemd, dran noch seine Farben und in der alten Büffelhaube, die kein Mensch in der Mark mehr trägt als er, darin bei hellem Licht und auf solcher Straße einen Krämer werfen! So einen muß man nun als seinesgleichen gelten lassen. Er war noch pfiffig genug, daß er nicht gleich nach seinem Nest kehrt machte, sondern tat, als ritte er nach Potsdam; da haben ihn die Marktleute gesehen und erkannt. Von da ist er vermutlich im Walde eingeschwenkt und nach seinem Sumpfloch heimgeritten. Nicht wahr, 's geht Euch wie mir im Kopf rum?«

»Aber der Kurfürst, wie erfuhr er es?«

»Ich sagte Euch ja schon, wir blieben die Nacht in Potsdam und jagten heute früh dort. Da kam die Märe denn brühsiedend warm zu uns. Das quiekte und schrie, wie wenn ich heiß Wasser auf eine Tonne mit Mäusen gieße: ›Gerechtigkeit, Gewalttat! großer Kurfürst!‹ Mir gellen noch die Ohren.«

»Sprach der Kurfürst den Krämer, ich meine den Juden, persönlich?«

»Nein. Von den Katzenköpfen und dem Schnüren hat er das Fieber gekriegt. Aber der Schreiber hat seine Aussage zu Protokoll genommen dort in Baumgartens Fährhaus. Darauf ließ der Kurfürst den Vogt von Potsdam nach Ziatz reiten, und der Vogel war in seinem Nest gefunden.«

»Wird der Krämer – ich meine der Jude – dran glauben müssen?«

»Das glaube ich nicht. Der Markgraf will ihn morgen selbst verhören. Aber der Ziatzer wird es. Das ist 'ne verdrießliche Sache, Wilkin. Wird uns wieder 'nen Brei einrühren. Der Götz hat den Ruf eines Ehrenmannes. Heißt es nun, selbst der hat dem Kitzel nicht widerstehen können, welche Litanei geht da von neuem gegen den Adel los!«

»Laßt ihn doch klug sprechen! Je mehr er in das Sprechen kommt, um so mehr gefällt er sich darin, und um so weniger tut er. Wenn Ihr klug wäret, locktet Ihr ihn sogar zum Reden, Ihr hörtet ihm mit Bewunderung zu, und wenn Ihr noch klüger wäret, antwortet Ihr mit dem Widerhall dessen, was Ihr gehört. Ist das so schwer, Phrasen auswendig zu lernen, die uns hundertmal vorgesagt werden? Das ist das Kunststück der Weisheit, die in der Welt gelten will.«

»Aber es ist nicht klug von uns, ihm auf so dumme Weise Anlaß zum Reden zu geben.« sagte Otterstädt. »Solch ein Pfuscher im Handwerk! Wär's nicht sein guter Name, er verdiente den Henker. Himmel und Hölle, das ganze Havelland kocht und brennt.«

»Wäre das so schlimm?« sagte der andere, als die Tür zum innern Zimmer sich öffnete und der Kämmerer hinausrief:

»Der Geheimrat von Lindenberg!«

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