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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Herr Gottfried drückte mit dem Finger ans Auge, als fühlte er da etwas, was nicht dahin gehörte. Frau Brigitte trat ein, auch mit roten Augen; sie setzte eine Kanne auf den Tisch. Selbst setzte sie sich neben ihren Herrn:

»Da bring ich dir Zerbster, Gottfried. Das letzte aus dem Faß. Wer weiß, wenn's auch mit uns auf die Letzt geht.«

»Ja, ja, ja!« sagte Herr von Bredow, »'s ist schlimme Zeit. Sie zapfen, wo sie können.«

»Trink, Götze, 's ist von dem bittern Zerbster, das spült den Magen wieder klar.«

Er setzte an und trank und setzte die leere Kanne nieder. Er nickte ihr freundlich zu: »Hast recht, 's ist von dem Bittern.«

»'s ist mancherlei bitter! »seufzte sie.

»Der arme Hans Jochem, wer hätte das gedacht, Gitte! Na, nu will ich auch zu ihm.«

»Bleib nur, Götze, sie tun ihn verbinden jetzt. Er schreit jämmerlich. Ans Leben geht's ihm nicht, sagte der alte Hildebrand. Aber wie's nachher mit ihm gehen wird, ich meine, wenn er durchkommt! Reiten kann er nicht mehr und tanzen auch nicht. Weißt du noch, wie er bei dem Bankett in Plessow herumstrich, er und die Eva? Sie waren noch Kinder, aber die Leute sprachen gar Absonderliches. Na, und dann Götze, unseres und seines zusammengeschlagen, da hätten die Hohen-Ziatzer auch können den Vettern in Friesack zeigen – das ist nun nichts. Ein Ritter wird er nicht mehr, sein Lebtag nicht, und was ist er dann? Und der Hans Jochem ins Kloster! Mann, Mann, das will mir gar nicht in Sinn. An den Hans Jürgen hatte ich immer gedacht, der taugt doch nichts. Aber –«

»Ich wollt's nicht«, fiel Herr Gottfried ein. »Sein Vater seliger konnte die Pfaffen nicht leiden. Er hat grade Beine, laß ihn gehen, wo er hinläuft.«

»Und weißt du, was mir nicht gefällt, Götz?« – Sie sah sich um, der Meier und der Knecht Kasper hatten die Halle verlassen; sie waren allein. – »'s ist was zwischen der Eva und dem Hans Jürgen. Sie haben sich immer geneckt, aber seit ein paar Tagen, da ist was los.«

»Kinderpossen!«

»Du hast schon recht, sie sind Kinder. Aber die Agnes, denk dir, das stille Kind, die ist wie außer sich um den Hans Jochem. Hat gesorgt für ihn, als wär's ihr Bruder, ist hinausgelaufen, von allen zuerst, als wir's hörten, und brachte ihm Wasser zu trinken. Eh einer sich nur besinnen konnte, hatte sie ihm nasse Umschläge gelegt, und dann, ach Gott, ich weiß nicht alles. Und daraus kann doch nur Unglück kommen. Und darum, was meinst du, wir schicken sie nach Spandow; je eher, so besser.«

Das Zerbster Bitterbier mußte wunderbar auf den Ritter gewirkt haben. Er seufzte so tief und schwer auf, als schöpfte er plötzlich Erinnerungen aus dem Ziehbrunnen seiner Seele. Die breiten Hände auf seine Knie schlagend, hub er an:

»Ich sage dir, Brigitte, es kommt nirgend was raus als Unglück! Und das kommt alles bloß daher, weil die Menschen es immer besser machen wollen, als es ist. Der liebe Gott muß doch gewußt haben, warum er's so machte, aber nein, sie müssen kehren und putzen und scheuern.«

Frau Brigitte sah ihn bedenklich an, ob ein Vogel von der Wäsche gesungen. Es war anderes, was ihrem Eheherrn hinterm Ohre hüpfte.

»In Berlin werden sie lateinisch sprechen, die Jungen sollen durch die Gucker in die Sterne sehen und die Weiber die Nativitäten stellen. Aus dem Reich ist ein lateinischer Gelehrter verschrieben, der soll dem Hofe Unterricht geben, und Komödien wollen sie spielen von einem Heidenmenschen, der vor zweitausend Jahren schon gestorben ist, der heißt Terwenzel. Mögen sie scharwenzeln, mögen sie's aushalten, wenn ich nicht zuhören muß. Ich will auch gar nicht mehr auf den Landtag reiten.«

Den Entschluß billigte seine Frau: »Was hast du auch da zu tun, Götz! Hast darüber die Reiherjagd versäumt und die Martinigänse.«

»Was da gestänkert jetzt und geredet wird, Brigitte, du glaubst es gar nicht. Nu frag ich eine Seele, haben wir nicht genug Gerichte und Gerechtigkeit im Land? Sprachen sie jetzt davon, es sollte ein großes oberstes Gericht für die Marken errichtet werden in Berlin. Ist denn das Reichskammergericht nicht schon Plage genug für 'nen rechtschaffenen Edelmann, der's Unglück hat, daß er da was suchen muß? Nein, wir sollen die Plage auch apart haben. Da sollen zwei Banken hingestellt werden, auf einer sollen die Edelleute sitzen, auf der andern Gelehrte, und da soll alles geschlichtet und entschieden werden, was sich in den Haaren liegt.«

»Das wird 'nen Kohl geben«, sagte Frau von Bredow.

»Rechtes Futter für die Advokaten, Prozesse, die einen Edelmann von Haus und Hof fressen. Aber das ist den gelbschnäblichten Herren schon recht, je mehr nur geschrieben wird, desto konfuser und besser.«

»Was recht ist, weiß doch jeder selbst zum besten, nicht wahr, Götze. Gott sei Dank, wir haben nichts mit den Gerichten zu tun.«

»Meinst du! Der Kunz Reder hat vor Jahren 'nen See abgelassen und ackert drauf. Nun sagen die Bauern vom alten Kietz, sie hätten ein Recht auf die Fische gehabt. Auf dem Acker könnten sie keine angeln. Und das kam beim Landtage vor. Der Reder sagte: sie könnten ja Frösche angeln, wollt's ihnen nicht wehren. Aber glaubst du, Tile Holzendorf und noch ein paar standen auf, die Bauern wären im Recht. Da schlag denn doch das Donnerwetter drein. Wenn der Adel nicht mal zusammenhält.«

»Was ist auch das Angeln, Götze! Der Förster sagte gestern, der Dachs hat sich gestellt. Mann, wir brauchen Dachsfett in der Wirtschaft. Reite raus nach dem Bau und laß die bösen Gedanken. Die frische Luft tut dir gut. Will die Jäger rufen lassen und die Körbe und Flaschen füllen.«

»Brigitte!« sprach Herr Gottfried aufstehend und reckte sich. »Ich wünschte, ich wäre selbst ein Dachs und könnte in mein Loch kriechen und schlafen den ganzen Winter und sähe nichts und hörte nichts. Denn Gescheites geschieht doch nicht mehr auf der Welt.«

Die Edelfrau horchte auf etwas. Der Türmer blies: »Was ist das? – Nachher, Götze, muß ich dir noch was sagen. Der Herr von Lindenberg war heute nacht hier. Es scheint mir was nicht richtig, aber da wir's nicht ändern können, ist's wohl gescheiter, wir tun, als wüßten wir nichts.«

Der Burgherr war damit vollkommen einverstanden, um so mehr, da er wirklich nicht wußte, was er nicht wissen sollte, und was einer nicht weiß, ihn nicht heiß macht; und endlich, weil er gar nicht neugierig und der Meinung war, daß viel Wissen für einen Mann von Übel sei. Aber eins hätte er doch wissen mögen, als Brigitte hinaus war, nämlich warum sein Eisenhemde nicht am Platze hing. Auch die Büffelhaube fehlte und die Handschuhe. Er war ein Mann, der die Ordnung liebte, nämlich seine eigene, und wie er auch danach suchte, so fand er sie ebensowenig als Gründe, warum er sie nicht fand. So etwas konnte ihn sehr verdrießen, und wenn er verdrießlich war konnte er auch zornig werden. Und er fing schon an, nur daß keiner da war, an dem er seinen Zorn auslassen konnte, was aber noch mehr zornig machen kann.

Der Türmer hatte wirklich geblasen, nicht einmal, wie wenn ein vereinzelter Reiter gesehen wird, sondern in langen, wiederholten und anhaltenden Stößen, die einen ganzen Heereszug bedeuten. Ein Trupp Reiter in Harnisch und Helm schwenkte in den langen Baumgang, der zum Schloß führte, das Eisen klirrte, und grad als die Edelfrau auf dem Hof war, forderte der Anführer im Namen Seiner Kurfürstlichen Gnaden Öffnung und Einlaß.

Alle sahen sich verwundert an, es war doch nicht Fehde, Herr Gottfried nicht in Acht, noch im Prozeß mit der Kammer des Kurfürsten, daß er Einlagerung zu fürchten hatte.

»Öffnet sonder Zaudern!« rief der Anführer, den Eisenklopfer dreimal fallen lassend. »Wir wissen, daß der Burgherr drinnen ist.«

»Da ist ja Herr Achim von Arnim, der Vogt von Potsdam!« rief die Frau. »Tut auf, Leute, das ist etwas, oder 's ist eine Irrung.«

Die Reiter sprengten nur zum Teil in den Hof, der größere Teil blieb draußen. Der Anführer grüßte mit adliger Sitte die Burgfrau, doch nicht sehr freundlich: »Es tut mir leid, gnädige Frau, daß wir so uns wiedersehen müssen. Doch geht die Pflicht vor Freundschaft. Wo ist Herr Gottfried?«

»Mein Mann? Ach lieber Herr von Arnim, der ist eben erst aus dem Bett aufgestanden. Er schlief noch vom Landtag her.«

»Das tut mir leid«, sprach der Vogt mit einem Lächeln um den Mund und sprang aus dem Sattel.

»So muß ich ihn schon mitnehmen, wie er ist.«

»Mitnehmen! Heilige Mutter Gottes, was ist's?«

»Ist mir doch lieb, daß er schon im Wams und Hosen steckt«, sagte der Ritter, da Herr Gottfried aus der Halle zum Vorschein kam. »'nen Pelz könnt Ihr ihm noch umwerfen.«

Als Herr Götz ihn grüßte, neigte sich der Vogt auch nicht um ein weniges, sondern hielt den weißen Stab in die Höh: »Herr Gottfried von Bredow, im Namen Seiner Kurfürstlichen Gnaden, Ihr seid mein Gefangener. Folgt mir in Güte.«

»Gefangener!« rief es. Das war doch auch für Frau Brigitten des Schreckens zuviel. Hans Jürgen sah Eva fragend an, Agnes stürzte auf Herrn Gottfried und umfaßte ihn: »Sie sollen uns den Vater nicht nehmen.«

»Das könnte nicht sein, lieber Herr von Arnim. Das ist ein falscher Befehl. Warum?«

Der Anführer hob den Arm: »Auf Seiner Durchlaucht eigenen Befehl, den ich aus seinem Mund vernahm, bei Potsdam in der Forst. Überdem, wer wagt zu zweifeln, der ein guter Vasall ist zu Brandenburg!«

Ein weniges ließ er das Pergament aufrollen, das er aus der Brust zog. Dann, als täte es nicht not, schnellte er es wieder zusammen und schaute nur nach seinen Reitern. Was er vor sich sah, tat nicht gut, daß ein kurfürstlicher Diener es zu genau sah.

Kasper riß den Mund auf und drückte die Faust an die Zähne; Eva schrie und flog zu Hans Jürgen. Sie fiel ihm nicht um den Hals, sie legte nur die Hände auf seine Schulter. »Daß dich doch mal!« hatte Herr Götz gerufen; weiter nichts, dann waren die Arme ihm straff niedergesunken, und er schaute, blaß, mit seinen großen Augen ins Leere; aber Eva rief zu Hans Jürgen: »Dulden wir's?« – »Wir dulden's nicht!« hatte er geantwortet, ich weiß nicht, ob mit dem Mund oder den Augen, aber er sprang zur Treppe nach der Rüstkammer. Da war es gut, daß der kluge Knecht Ruprecht ihn auffing. Was er ihm zugeflüstert, da er ihn unterfaßte, ich kann's euch nicht wiedersagen.

Die Harnische der Reiter klirrten, da sie einen Halbkreis um die Burginsassen schlossen; der Wachtmeister strich den Knebelbart, der Vogt von Arnim sprach kein Wort, aber auf seinen geschlossenen Lippen war geschrieben: Es ist Ernst, gegen den nichts hilft.

Der Leiterwagen mit den Strohbündeln stand schon geschirrt im Hofe. Der Wachtmeister und noch ein Reiter setzten sich nach vorn und hinten, eine Kette mit Handschellen verbargen sie noch unterm Strohsitz in der Mitte.

»Vater! Vater!« »Götze, mein Gottfried!«

Und konnte der Dechant nichts mitgeben als seinen Segen? Die Burgfrau stieß ihn fort, sie schlang ihren kräftigen Arm um den Hals ihres Herrn.

»Warum mußtest du mir das tun, Mann! Nun weiß ich's, du hast zu frei gesprochen auf dem Landtag.«

Darum! – Das Darum und Warum verhallte unter dem Gerassel der Räder und Hufe auf der Zugbrücke. »Herr Dechant! Herr Dechant!« riefen Mutter und Töchter dem geistlichen Herrn nach, der auch hinausritt, still, gesenkten Hauptes, aber er ritt nicht mit dem Wagen; er schwenkte draußen um nach links.

Da saß die unglückliche Frau und Mutter mit ihren Töchtern auf dem Walle. »Er hätte ihn doch trösten können auf dem langen Weg bis Spandow«, schluchzte Frau Brigitte. »Was braucht der Peter Melchior des Zuspruchs, der ist nur ein bißchen krank, und mein Herr –« Ein Aufschrei unterbrach sie. Der Wagen mit den Reisigen, als sie in den Wald lenkten, hielt, und deutlich sah man's, sie legten dem Gefangenen Fesseln an. »Daß Gott erbarm, das ist zu arg!« schrien die Mägde; die Töchter bargen weinend ihr Gesicht im Schoß der Mutter, die ihres in beide Hände stützte: »Nun ist's vorbei, nun ist's richtig, wir sehen ihn nimmer wieder.« Sie sah ihn auch nicht wieder, als sie plötzlich sich aufraffte und mit dem Tuche nachwehte. Roß und Reisige waren im Walde verschwunden, im tiefen Sande verhallte der Ton von Hufen und Rädern.

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