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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Zwölftes Kapitel

Das Erwachen

Zwischen Mitternacht und dem ersten Hahnenschrei hatte es vor Hohen-Ziatz gewiehert, als verlange es Einlaß, und da der Turmwart hinauslugte, sah er das Totenroß, das unschuldig im Sande scharrte. Schnell hatte er die Lade zugeworfen und nichts mehr gesehen, aber das Wiehern hörte er noch lange fort. Auf der Sumpfwiese hatten Lichtflämmchen hin und her gehüpft, und am Morgen, als die Sonne blutigrot durch das zerrissene Gewölk aufstieg und Windstöße durch die Luft fuhren, hatte man ganze Scharen von Raben um die Burg kreisen gesehen, und sie ließen sich nicht scheuchen, sondern setzten sich immer wieder auf die Giebel und Dachfirsten.

»Und dann hat auch ein wendisch Weib, die Liese aus Gütergotz, die von Golzow kam, auf dem ganzen Wege das Leichenhuhn gackern gehört, als wollt es ihr den Weg zeigen. Vor der Burg zum letztenmal. Dann ist's verschwunden. Darum« – so schloß der Knecht Kasper seinen Vortrag von den Wundern der Nacht – »darum, Gestrenge, mein ich, 's ist nicht so übel, daß die Hosen grad heut nicht da sind.«

»Und warum nicht?«

»Und wie gesagt, wenn's nicht auf einem sitzen bleibt, so kommt's auf viele. Bin nicht wie der Ruprecht, aber wo so viele Zeichen sind, da hat's was auf sich, und der wäre kein Christ nicht, der nicht auf Warnungen hören tut.«

Was Kasper sprach, schien nur der Widerhall der stillen Gedanken auf den Gesichtern der andern Burgbewohner. Als wäre ein wüstes Gelag vorhergegangen; machte doch auch die Frau von Bredow keine Ausnahme. »Kasper, du meinst es gut, aber der Herr –«

»Nun ja, es wird ein Ungewitter setzen.«

»Ich mag's nicht vor den Mädels haben, er ist doch ihr Vater«, sagte sie halb vertraulich zum alten Knappen und Waffenträger ihres Herrn. Es war sehr selten, daß Frau von Bredow zu einem Dienstmann vertraulich sprach. »Auch die beiden Ziehkinder, es ist nicht gut, daß sie so etwas sehen.«

»Sie sind ja noch nicht zurück.«

»Ich selbst wollte schon mit ihm sprechen.«

»Nein, beileibe nicht, Gestrenge! Ihr könntet ja rüberfahren, 's ist Sonntag, zur Kirche nach Ferch, dann wäre das Nest leer, und ich will's schon auf mich nehmen. Er schlägt auch jetzt nicht mehr, wie ehedem. Mit den Jahren ist er viel frommer geworden. Fahrt zur Kirche, gestrenge Frau, mit den Frölens; ich halt es aus.«

Aber die Frau wußte doch nicht, was das eigentlich helfen sollte.

»Unglück kommt nie allein, das ist wahr«, sagte Kasper. »Aber wenn er erst in den Kleidern sitzt, muß er ausreiten, und Gott weiß, was ihm da zustößt. Ich sage, man muß das Unglück nicht aufsuchen gehn, es kommt von selber gelaufen, und wer ausweichen kann und 's nicht tut, der hat sich's zuzuschreiben.«

»Ist der Ruprecht denn auch noch nicht zurück?« Eva schüttelte den Kopf: »Ich sagt es ja, Mutter, sie haben sich vergangen.«

»Dummes Mädchen, fang mir auch an zu flennen. Und wie siehst du aus! Fix, mach dich fertig. Ihr taugt hier nichts. Euch will ich zur Kirche schicken. Was schluchzt denn da?«

Agnes kam aus dem Tore; einige Leute aus dem Dorfe folgten, die ein in Schweiß gebadetes, von Staub und Schaum bedecktes Reitpferd führten, dessen in Unordnung geratenem Geschirre man es ansah, daß es schon lange ohne Herrn und Pflege umhergelaufen sein mußte. Es war Hans Jochems Pferd.

Das Mädchen setzte sich, still weinend, ihr blasses Gesicht mit den Händen bedeckend, auf den Stein an der Mauer: »Ich wußt es!«

Die Burgleute schlugen die Augen nieder. Die Sache sprach von selbst von einem abgeworfenen Reiter.

»Das war kein Leichenpferd nicht; das war sein Pferd gewesen«, schluchzte das Mädchen. »Hätten sie nur gleich aufgetan und nachgeschickt, dann hätten sie ihn noch gerettet.«

»Wo ist Hans Jochem? Wo ist Peter Melchior?«

Es erfolgte keine Antwort.

»Was wird's weiter sein!« fuhr die Frau beruhigter fort. »Sie werden dem Herrn bis zur Fähre das Geleit gegeben haben. Da können sie noch nicht zurück sein.«

»Sie werden nie zurückkehren.«

»Macht mir den Kopf nicht warm, Mädchen! Wenn ihm ein Unglück begegnet, sind ja die anderen Herrn dabei. Werden ihn nicht dabei liegen lassen. Mir ist um den Hans Jürgen und Hans Jochem nicht bange. Unkraut vergeht nicht.«

Und doch hörte man's dem Ton ihrer Stimme an, daß es nicht ihre gewöhnliche Ruhe war. Wer hält sich auf einem Schiffe fest, wenn alles um ihn schwankt?

Da schlug ein Fenster auf im Giebel, und eine Stimme, die man bis ins Dorf hörte, schrie: »Das Wetter noch mal! Kasper! Brigitte! wo sind meine Hosen?«

»Gleich, gleich, Götze!« rief die Edelfrau, und Edelfrau und Knecht stürzten in den Flur, die Treppen hinauf. Dem Knecht warf sie einen freundlichen, bittenden Blick zu. Der antwortete aber nur mit einem grämlichen Kopfnicken und einer Bewegung mit der Hand auf den Rücken. »Hab mir was untergestopft, da kann man's schon 'ne Weile aushalten«, brummte er für sich, ohne zu eilen, wie die Frau tat, die ihm längst vorauf war. Vielmehr gab er seinen Gedanken in rechter Gemächlichkeit Gehör: »Der Dechant freilich, als ich's neulich im Beichtstuhl ihm sagte, meinte, das wäre auch Sünde, ich glaube, er sagte, gegen den Heiligen Geist. Jedermann sollte wahrhaftig sein, auch wenn's ihm an Haut und Haare ginge, daß er niemals, in welcher Lage des Lebens es sei, im Zustande der Unwahrhaftigkeit sich sollte betreffen lassen. Und das wäre also Unwahrhaftigkeit, weil ich der Liese ihren Friesrock untergestopft hatte, und der Herr dachte, es wäre meine Haut. Und gelobt hab ich's, das ist wahr, daß ich's nicht mehr täte. Aber Leder ist Leder, und Haut ist Haut. Und nun soll's mich doch wundern, ob der Dechant das auch Sünde nennen wird, daß ich die alte Rehhaut unterm Koller trage. Denke so überhaupt, was das den Heiligen Geist angeht, ob einer Prügel kriegt oder nicht? Der Herr oder der Vater gibt sie, und der Knecht oder der Sohn kriegt sie; da hat doch kein Dritter was mit zu schaffen. Aber wenn ich's dem Dechanten sage, dann ist das schon wieder eine Sünde, daß ich's gedacht habe. Überhaupt, wenn nur nicht die Pfaffen wären, nämlich daß man ihnen alles beichten müßte. Die Prügel, nun die wären Prügel, der Regen macht naß, und man trocknet wieder, keiner stirbt davon; aber wenn man Prügel kriegt, daß man immer denken muß, warum man sie kriegt und wie man sie kriegt, und wie man's im Beichtstuhl vortragen soll, man weiß oft selbst nicht warum, und nun werden sie einem vom Pfaffen erst recht eingeschmiert und eingebläut, und was vorher gar nichts war, das ist nun was, das eben ist die verfluchte Geschichte.«

Als die Frau von Bredow die Kammertür zu ihrem Ehegemahl ein klein wenig auftat, war der Anblick, den sie durch die Spalte hatte, nicht eben angenehm. Herr Gottfried war aufgesprungen, wie er im Bette gelegen, und reckte die Arme, so weit er konnte, während seine Lippen auch, so weit sie konnten, aufstanden, um den Morgenschlaf hinauszulassen. Vor ihm lag eine dicke Wolke, nämlich das Deckbett, was vorher auf ihm gelegen, und es schienen in dem Sack von blauem Zwilch die Federn von drei Herden Gänsen gestopft, die von der Erschütterung des Wurfs nicht wenig durch die Kammer stäubten. Dieser Anblick war aber der Frau nicht ganz unangenehm; denn das Bett bildete eine natürliche Schanze zwischen ihr und dem Ehemann, falls es ihm eingefallen wäre, ihren Morgengruß durch die Tat zu erwidern; denn daß eine so nahe erste Berührung nicht in ihrer Absicht lag, verriet ihre Stellung an der Tür. Sie wollte nur sehen, wie es stand, auf einen eiligen Rückzug, wenn er not tat, vorbereitet.

»Grüß dich Gott, Götz, bist du aufgewacht?«

»Ja!«

»Das ist schön, Männchen. Deine Morgensuppe brodelt auch schon auf dem Herd.«

Aber der Ritter schloß nur den Mund, um ihn wieder zu öffnen: »Wo sind sie?«

»Sind sie noch nicht hier? Warte nur, lieber Mann, werden gleich kommen.«

Seine Stirn runzelte sich, und ein verdrießliches Rot lagerte über den nüchternen Augen, die ihre Strahlen erst zu einem stechenden Blick sammelten: »Brigitte, wo sind sie wieder?«

»Jemine, weißt du nicht, wie du sie auszogst, hast du sie auf den Schemel gelegt; da auf die Lehne! Der Wind gestern hat das Fenster aufgemacht. Als ich's sah, war ich recht erschreckt, du möchtest dich verkühlen, aber der Kasper wollte mich nicht reinlassen. Da ist die Katze gekommen und sprang übern Schemel aufs Fenster und riß sie mit. Ich sah's von unten, da hingen sie am Brett; aber eh wir's uns versahen, kam wieder ein Windstoß, der warf sie aufs Dach. Da wollten wir sie eben holen, als der Sturm wieder losging. Ach, Götze, du wirst dich wundern, was der Sturm alles angerichtet hat. Die drei großen Kiefern an der Lehmgrube, an der Wurzel rein abgebrochen sind sie. Das Dach vom Hinterhaus wirst du neu decken müssen, eine Sparre ist eingeknickt. Das Storchennest ist auch runter, wie mit 'nem Messer abgeschnitten.«

»Ich friere ja. Wo sind sie geblieben?«

»Ach, das weißt du auch nicht! Die Kinder glaubten, 's wär ein Drache; so flogen sie übers Haus, über die Mauer, bis auf die Wiese. In den Ententeich sind sie gefallen. Die Entengrütze, Götzchen, mußte man doch ein bißchen abspülen. Sind gewiß schon trocken. Hab den Hans Jürgen nachgeschickt. Er kommt dir gleich. Frieren sollst du nicht, mein Herz. Hab dir Ingwer und Pfeffer in die Biersuppe getan und Honig. Willst du auch Eierschaum draufschwimmen haben? Der Kasper macht auch 's Wasser warm, daß er dir den Bart schert. Solltest dich wieder ein bißchen ins Bett legen; ich bring's dir rauf. Steige jetzt nur auf den Turm und will nach dem Hans Jürgen rufen.«

Der Ritter rief, er wolle nicht wieder ins Bett; aber die Burgfrau hörte nicht mehr aus, was er sprach, sie hatte die Tür schon zugeschlagen, und schon war sie über das Brücklein oben, das aus dem Erker nach dem Turme führte, als sie den Schemel krachen hörte, den Herr Gottfried gegen den Boden schleuderte, daß drei Beine ausfielen und die Lehne knackte: »Das Weibervolk, sag ich's doch immer, das ist Weibervolk!«

Nur wenig Stufen waren's bis zur Turmzinne, aber Frau Brigitten lag's in den Knien, als wäre vor ihr die Treppe zum Münster in Straßburg. Sie war doch eine wahrhaftige Frau, wie nur eine zehn Meilen in der Runde, aber war's die Lüge, die wie Blei ihr in den Gliedern drückte? – Eine Notlüge, und solche kleine Notlüge! Der Dechant sollte ihr die Frau zeigen, die niemals ihren Mann belogen, und es war ja in so guter Absicht! Mit der Lüge hätte sie sich auch schon abgefunden, aber mit dem Dechanten und der Beichte! Die arme Frau von Bredow! – Nein, es war noch etwas anderes, das ihr in den Gliedern lag. Es war heut ein Unglückstag. – Auf der Mitte der Treppe war in der Blende ein kleines, unscheinbares Marienbild. Sie ließ sich auf die Knie und faltete die Hände. Was sie gebetet hatte, wußte sie eigentlich nachher selbst nicht, aber ihr war's, als hätte sie die Himmelskönigin gebeten, sie möge ihre Not bedenken und machen, daß sie nicht gelogen hätte. Hatte sie doch auch einst die Bitte der frommen Landgräfin von Thüringen erhört, und das Brot und Geld ward in Körben zu Blumen.

Nun war sie oben auf der Zinne. – Die freie Luft wehte sie an. Wie der Wind über die Kiefernwälder strich, wie er, in den Ulmen spielend, einen goldenen Blätterregen auf die Wiese streute, wie die Krähen und Tauben in Scharen sich in der niederen Luft wiegten, wie die Habichte unter den Wolken kreisten, wie der Rauch sich aufringelte aus den Mooshütten des Dorfes – ein anderer hätte es vielleicht mit Lust gesehen, ihr Auge war auf andere Dinge gerichtet, ihr Ohr lauschte auf andere Töne als das Summen der Käfer, das Gekrächze der Raben, das Hämmern des Dorfschmieds, das Knarren der Mistwagen, welche von den Ochsen mühsam durch den Sand gezogen wurden.

»Der Kasper ist ein guter Mensch«, dachte sie. »Ich hör ihn auch gar nicht widerreden. Er nimmt's so ruhig hin. – Wenn doch alle Knechte so fromm wären! – Ich will ihn auch nachher in den Keller lassen – – – Es klatscht ja gar nicht mehr! – Was ist das! – Ach, heilige Elisabeth, er hat ihn gewiß an die Gurgel gefaßt. – Da butzt es auch schon gegen die Wand – Götze, Götze, nur nicht zu stark. Wenn da nur kein Unglück kommt!«

Sie hatte sich über die Zinne gelehnt, den Kopf übergebeugt; als solle sie keinen Ton sich entgehen lassen, drückte sie die Augen zu:

»Götze! Götze! lieber Mann! – Warte nur ein klein bißchen. Nun kommt's schon. Ich sehe den Hans Jürgen schon. Er bringt sie. Du sollst nicht mehr frieren.«

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