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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Da waren die vom Gefolge des Fürsten herangekommen, und als er ihnen erzählte, was er geträumt, und er glaubte, es sei Wahrheit, erkannten alle Gottes Finger. Der grimmige Elenhirsch, der ihn im Schlafe umbringen wollte, könne nur der Satan gewesen sein, der Wut schnaube und zittere in seinem Ingrimm, weil der Markgraf in dem Lande schon so Großes vollbracht und noch mehr vollbringen wolle, daß seine, die Herrschaft der Finsternis, aufhöre. Der Markgraf erkannte, daß sie recht hatten, und gelobte zur Stunde, daß er zum Gedächtnis des schrecklichen Traumes und auf derselben Stelle, wo er gelegen, ein Kloster bauen wolle. Von da an solle das Licht des Glaubens und die gute Sitte und ehrbarer Fleiß ausgehen über das ganze Heidenland, und er wolle es reich begaben mit Gütern und es festmachen zum eignen Schutz gegen jeden Angriff und darin eine Gruft bauen, in der man ihm, wenn er zur Ruhe gegangen, die letzte irdische Stätte bereiten solle, und nach ihm seinen Kindern und seinem ganzen Geschlechte. So stiftete der Markgraf Otto, nachdem er die Wälder gelichtet, Sümpfe getrocknet, Wege in das Holz gehauen, die Abtei und das Kloster Lehnin, das erste in diesen Marken, und ließ Zisterziensermönche dahin kommen aus Seevenbeeke drüben im Mansfeldischen, welche die hohe Kirche bauten und Türme und die Klostergebäude und die Wälle und Mauern zum Schutz gegen die heidnischen Wenden, denen diese Stätte des Herrn noch lange ein Stein des Anstoßes und des Ärgernisses war. Lehnin aber nannte er es, weil auf wendisch der Elenhirsch den Namen führt, und noch heutzutage ist am Chor in der Kirche der Eichenstamm zu sehen, unter dessen Wipfel der Markgraf Otto geschlafen und den schweren Traum gehabt.

So ungefähr hatte Ruprecht auf dem langen Wege dem Junker die Legende von der Stiftung des Klosters Lehnin erzählt. Aber was hatte der Ahnherr seiner Familie damit zu tun? War er vom Markgrafen bestraft worden?

Er strafte sich selbst. Er stürzte fort, und lange Zeit wußte niemand, wo er geblieben. Aber er irrte im Wahnsinn durch Wald und Heide, und war er hingestürzt wo, müd und erschöpft, so fuhr er wieder auf, wenn er Hundeklaffen und ein Jagdhorn hörte, denn so hatte der Wahnsinn sein Hirn umdüstert, er glaubte der Hirsch zu sein, den der Markgraf niedergestoßen, und hinter ihm jage die wilde Jagd, geführt von Sankt Johannes, daß sie den letzten Elenhirsch fange, auf den der Fürst den großen Preis gesetzt.

Da nährte er sich von Wurzeln und Gras, trank das Wasser aus dem Fließ und scharrte sein Lager in den Gebüschen. Im Traume zuckte er auf, von den Speeren und Pfeilen durchbohrt; er stöhnte vor Schmerz und wünschte doch, daß seine Stunde komme.

So hatte der Wahnbetörte sich hineingedacht in die Seele eines Tiers, das dem Untergang geweiht war, als eines Nachts der Mann mit dem zottigen Haar und dem Fell über dem Nacken ihm auf die Schulter klopfte: Nun hast du gebüßt deine bösen Gedanken durch böse Gedanken, aber das ist nicht genug. Du warst ein Tier und folgtest deinem Triebe. Nun wache auf als Mensch und büße durch freie Tat dein böses Tun. Töte und zerfleische dich selbst. Dann erst wirst du rein sein von der Schuld.

Als Wußo aufsprang, war der heilige Johannes verschwunden, aber unfern von einem Spring sah er den großen Elenhirsch seinen Morgentrunk schlürfen. Da war er auch erwacht aus seinem Traume und seinem Wahnsinn. Den Hirsch mußte er töten. Das war seine Aufgabe; sein Herr, dem er das Leben verwirkt, hatte es geboten. Der Hirsch floh. Wer kannte, wie Wußo, die Schluchten des Waldes, die jähen Seeufer, die Erdstürze, die Fährten des Wildes durch das Dickicht. Da endlich hatte er es in die Enge getrieben, wo es nicht mehr fliehen konnte. Es machte kehrt und stand. Aber nicht mit der Wut des gehetzten Wildes, das sein Leben im letzten Verzweiflungskampfe teuer verkaufen will. Das kluge Tier schien sein Los zu kennen, nicht wie ein grimmiger Feind, wie ein Opfer, das den Todesstreich erwartet, stand es vor ihm.

Den Jäger, der den Elch endlich stehen sieht nach langer, heißer Jagd, ergreift ein sonderbar Gefühl. Der Elch mit dem langen, weitausgreifenden Geweih, wie ein König des Waldes, mit den klugen, schönen Augen, wie ein Mensch, mit dem struppigen grauen Bart, wie ein Geist aus einer andern Welt. Dem raschesten Jäger schlägt das Herz, der Finger zittert ihm am Rohr. Er glaubt, der Elch spreche mit ihm, und sein Auge strafe ihn. Was mußt du mich vernichten? Bin ich ja doch dem Untergang geweiht.

So sprachen des Hirsches Augen zu Wußo. – Mußt du mich töten, so tötest du dich selbst. Leben kann ich nicht mehr, wo ich der einzige bin meiner Art, der nur umschleicht wie das Gespenst auf den Grabhügeln derer, die mit ihm lebendig waren; und ihnen gehörte der Wald, die Wiese, das blaue Wasser. Nun gehören sie andern, die uns nicht dulden wollen; die den Wald, die Wiese, das Wasser anders machen wollen, als der Herr es machte, der uns hineinsetzte. Bist du nicht ich? Ist dir's heimlich noch im Land, wo die Fremden deine Wälder roden, in denen du Schatten hattest und Lust; deine Götterbilder verbrennen, vor denen du betetest, und sie schützten dich; die Grabhügel deiner Väter durchwühlen; wo sie Türme bauen in den Himmel, der frei war; wo sie Kruzifixe aufrichten, daß du denken sollst mit Zittern und Grauen nur an Qual und Graus, und unter deinen alten Göttern ging der Pokal um in Freude und Lust? Ist's noch dein Land und dein Geschlecht, wo die fremde Zunge die Sprache verdrängt, so deine Väter sprachen, und du lalltest sie schon als Kind; magst du leben in Freudigkeit, wo sie auf dich und deine Brüder hinabschauen als Wesen schlechterer Art, nur aus Gnaden aufgenommen, und du warst frei wie der Vogel in der Luft, wie der Fisch im Wasser, wie wir im Walde? Ich bin der letzte meines Geschlechts, willst du's nicht sein, willst du dich fügen als ein Knecht in die fremde Knechtschaft, so hilf ihnen ausrotten und roden, hilf ihnen verleumden und schmähen die alten Freien, hilf ihnen den Boden der Väter umackern, ihre Gräber zerstören, ihre Heiligtümer verbrennen, und schleudre dein tödlich Geschoß mir in die Brust, aber laß mich noch einmal atmen die Luft, die frei war, noch einmal blicken in den grünen Wald und den blauen Himmel, dann – dann töte dich selbst.

Wieder mit zugedrücktem Auge warf Wußo seinen Speer. Er hoffte, daß wieder der heilige Mann mit dem zottigen Haar den Speer fassen werde. Aber die Luft sauste, es krachte, und niederstürzte der stolze Zehnender. Die Bäume rauschten wie vor Schrecken. Wußo mochte nicht ertragen den letzten Blick des Elchs, er sah sich selbst in den sterbenden Zügen. Zusammenstürzte auch er, nicht in seinem Blute, im hitzigen Fieber. Als er genas, wollte er nicht mehr in den Wald, auch nicht zu Hof und nicht ausreiten mit dem Fürsten. Sein Sinn war dieser Welt erstorben, und er pries den Herrn, daß es so war. Ein hären Gewand zog er um den nackten Leib und ging in das Kloster Lehnin zu den Zisterziensern. Da hörte man ihn oft seltsame Gebete murmeln, daß es die andern Mönche graute; die dachten, es sei etwas Heidnisches darin. Zu keinem Heiligen waren sie gerichtet, auch nicht zum Gott Sohn und nicht zur Gottesmutter, er wagte zu beten zu dem Gottvater selbst, der Himmel und Erde geschaffen, er, der noch vor wenigen Jahren ein Götzendiener gewesen, und es graute die frömmsten Mönche vor der Vermessenheit. Da rief er den Gott an, der über alle ist, ob er recht getan oder gesündigt, daß er sein Volk und den alten Glauben verlassen, um den neuen Glauben, den er nicht fasse und der doch so allmächtig sei wie der Sturm, der die Vögel und Wellen treibt, und so mild und warm wie die Sonne, die die Keime lockt aus den Bäumen und die Saat aus der winterlichen Erde? Er oben, unter den Unerschaffenen thronend, werde wissen, ob die Welt erschaffen sei, daß die Wälder bleiben oder die Städte werden. Wenn sie das hörten, erkannten die Mönche, daß er wieder verfallen sei in seinen alten Irrsinn, und scheuten vor ihm. Drauf starb er schon nach wenigen Jahren, an den Stufen des Chors mit den Armen den Stamm der Eiche umklammernd, wo dazumal der Markgraf geschlafen.

Das war's, was Ruprecht dem Junker in seiner Art erzählt, und aus der Legende war eine Sage geworden, die in der Familie fortging von Mund zu Munde.

Markgraf Otto schenkte den letzten Elenhirsch zum ewigen Andenken Wußos Nachkommen. Auf dem Tore ihrer Burg prangte noch lange der Kopf des Elens mit seinem Geweih und nachmalen auch auf dem Wappen des Hauses. Die Formschneider und Maler aus Franken, die es nicht verstanden, weil sie nie ein Elentier gesehen, machten daraus einen Widderkopf. Mit dem Fell des Hirsches hat mancher sich des Nachts zugedeckt, bis die weichlichere Sitte kam – weiß der Himmel woher –, daß sie den Gänsen die Federn ausrupfen, in einen Sack stopften und damit ihren Leib zudeckten. So ward das schöne Fell in die Rumpelkammer geworfen und nur den Freunden der Sippschaft als eine Reliquie gezeigt, aus der Zeit, wo es noch Elenhirsche in der Mark gab. Da einmal eine Kranke, die man darauflegte, genesen war, kam die Haut wieder in Ehren, doch nicht so, daß ein Besitzer, der etwas geizig war und was ihm im Hause unnütz schien, zu Gelde machte, sie um ein geringes einem Handelsmann verkaufen wollte. Seine Ehefrau berief sich auf jene Eigenschaft des Felles, und endlich kamen sie überein, daß man es gerben und zu einem Kleidungsstück zuschneiden wolle. Dann war es kein unnütz Stück mehr, und wenn eine Heilkraft darin steckte, meinte der Mann, es sei ihr unbenommen, daß sie auch in der neuen Gestalt sich zeigen täte. So ward das Fell, da es zu einem Koller nicht paßte, der Besitzer auch fast immer auf dem Pferde lebte, das, was es ist, und erbte vom Vater auf den Sohn.

Bis dahin war der Knecht Ruprecht in der Erzählung gekommen, welcher Hans Jürgen so aufmerksam zugehört, daß er gar nicht bemerkt, wie der Dämmerschein immer heller geworden, als er plötzlich stillhielt und dem andern winkte. Hans Jürgen hörte ein leises Wimmern. Er sah in die entlaubten Zweige, durch welche das graue Morgenlicht schien, und sein Blick fragte den geisterkundigen Gefährten, ob die Unheimlichen etwa auch in dieser Stunde Macht hätten. Aber Ruprecht, der ganz anderen Spuren folgte, schüttelte den Kopf und gab ihm nur ein Zeichen, stille zu sein. Nachdem er auf eine Höhe geklettert, winkte er ihm wieder mit vergnügtem Gesicht, und als er heruntersprang, rief er laut: »Die kluge Elster am Wege hat mich nicht getäuscht, wenn der Krämer der Dieb ist, haben wir ihn; und das Jucken im Daumen sagt mir, daß wir bei ihm finden, was wir suchen.«

Auf dem Wege am rauschenden See stand ein Karren mit verkoppelten Pferden; aber die Kisten und Packen, die zerbrochen auf der Straße lagen, sprachen nur zu deutlich, daß schon andere dagewesen, die den Inhalt untersucht hatten. Von diesen war zwar keine Spur als die ihrer Rosse im Wege. Aber auch der Fuhrmann war verschwunden: »Wenn sie den Hedderich mitgeschleppt hätten!« rief Hans Jürgen. Ruprecht schüttelte den Kopf und sah nach dem See: »Junker, lieber Junker! preist Euren Herrn, daß Ihr nicht mitgeritten. Wenn es ehrlich herging, hätten sie ihn an einen Baum gebunden. Ich fürchte, die Sonne, die aufgeht, färbt sich in Blut.«

Er schwieg und horchte wieder. Es schien über den See her in der Luft ein Wimmern zu kommen. »Nein, von da, Ruprecht.« Das Laub raschelte, ein tiefes, gurgelndes Stöhnen kam von ziemlich nahe. Mit einem Satz waren beide durch die niedrigsten Büsche nach dem Seeufer hinab, und zugleich entdeckten sie einen Mann, gebunden und geknebelt am schrägen Ufer liegen: »Vorsichtig!« rief Ruprecht, »sonst kugelt er hinunter. Die haben ihn wie der Teufel gebettet, wenn er sich rührt, plautzt er ins Wasser. Beim Kopf, Junker, fest, dann bind ich ihm die Beine los.«

Der unglückliche Krämer mochte zuerst glauben, daß er aufs neue in die Hände der unersättlichen Ritter aus dem Stegreif geraten sei, die zurückgekehrt, um noch etwas zu erpressen. Denn kaum, daß sein Knebel gelöst und die Stricke zerschnitten waren und sie den Unmächtigen mit ihren kräftigen Armen hinaufgerissen auf die Straße, als er ihnen zu Füßen fiel und bei allen Heiligen schwor, er habe nichts versteckt und alles offen und ehrlich angezeigt, was er mit sich geführt; sie möchten seines Lebens schonen um seines Weibes und seiner Kinder willen. – Hans Jürgens Gelächter brachte ihn zur Besinnung, wenigstens zeigte es ihm andere Gesichter, als er erwartet hatte. Nun ergoß sich aber seine Zunge in Verwünschungen gegen die schändlichen Räuber, die ihn, den friedlichsten und rechtlichsten Handelsmann von der Welt, hier überfallen, durch ihre Übermacht bewältigt, dann grausam gemißhandelt, beraubt und in dem Zustand zurückgelassen, wie sie ihn fanden. »Ich will verkrummen wie das Eisen in der Schmiede, wie die Buche, wenn der Stellmacher sie biegt, wenn sie mich nicht niedergeschmissen, aufs Gesicht, dann knieten sie auf mir, daß mir das Rückgrat brach, mit Stricken banden sie, mit dem Halfter knebelten sie mich wie ein Pferd. Dann wußte ich nichts mehr von mir.«

Knecht Ruprecht zeigte mit grinsendem Lächeln auf ein Etwas, das Hans Jürgen jetzt erst erkannte und seiner Freude nun kaum Herr ward.

»Kuriose Räuber«, rief der Knecht, »die einen, den sie ausziehen, auch anziehen. Du hast dich versehen, Klaus, das waren keine Räuber, Schneidergesellen waren's, die dir ein paar Hosen anmaßen.«

Der arme Mann fühlte jetzt, was es galt. Blaß, die Hände ringend, stotterte er Entschuldigungen über Entschuldigungen vor den neuen Peinigern, die er nun erkannte und die ihm mit wenigen raschen und nicht sanften Griffen die Lederhosen abstreiften. Er lag wieder auf den Knien, während Hans Jürgen die Elenshaut wie eine Wurst zusammenstreifte.

»Das war mein Unglück ja, gestrenge Herren! Mich fror in der Morgenluft, da zog ich sie mir über. Da kamen sie auf mich los, ehe ich wieder zurechtsaß. Wer weiß, ob sie mich gekriegt hätten!«

»Aber wo kriegtest du die Hosen her, Dieb!«

Wo er hinsah, Verderben. Vor ihm Hans Jürgen mit dem Plumpsack, hinter ihm der Knecht. Was konnten sie ihm Schlimmeres tun, da er auf seine Waren sah. Heulend warf er sich mit dem Gesicht darauf: »Schlagt, tötet, hängt mich, was ihr wollt, reißt mir das Herz aus dem Leib, ihr könnt nichts mehr ausreißen. Das ist Gerechtigkeit um den alten Plunder! Wollt, ich soll euch was vorlügen. Ich will nicht lügen, will verdammt sein, wie sie alle. Ja, ja, ich riß es von der Leine. Berlin ist weit – der Kurfürst ein Kind. 's wird noch mehr von den Leinen gerissen werden, Meßgewänder und Fürstenmäntel. Wem's gehört, kriegt's nicht wieder. Aber die Gerechtigkeit kommt doch auf Erden. Der Bauer ist geschunden, der gemeine Mann gegerbt. Immerzu, das Schinden und Gerben geht reihum.«

Der Wutausbruch eines, der keine Hoffnung mehr hat, hat für einen, der auf dieser Erde noch hofft, etwas Überwältigendes. Ruprecht zog sanft seinen Pflegebefohlenen am Arm: »Laßt den, Junker. Er hat seine Strafe. Wer zu stark schlägt, schlägt seine eigene Hand.«

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