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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Zehntes Kapitel

Knecht Ruprecht im Walde

Wir verließen Hans Jürgen, wie er ein Kreuz schlug und der Schattengestalt, die ihm gefolgt war, ein »Gelobt sei Jesus Christus!« entgegenrief. Aber der lange, hagere Spuk war davon nicht entwichen, und nun sehen wir ihn sogar an der Seite des jungen Menschen durch den dunklen Wald schreiten.

»Wo kommst du her, Ruprecht?« hatte Hans Jürgen gefragt, als das Blut ihm wieder durch die Adern schoß.

»Aus'm Schloß, Junker«, lautete die Antwort, die Hans Jürgen sich freilich selbst hätte geben können.

»Und wohin sollst du?«

»In den Wald.«

Das konnte Hans Jürgen sich auch sagen, aber er fragte nicht weiter, denn Ruprechts Anwesenheit war ihm nicht ganz unlieb, wenn er es sich auch nicht gestand. Wahrscheinlich ging der Knecht nach dem Dohnenstrich, und ihr Weg führte sie da auf eine ziemliche Strecke zusammen. Hans Jürgen sprach nicht und Ruprecht auch nicht.

Nun aber trennte sich der Weg. Hans Jürgen mußte links, rechts zogen sich die Dohnen hin. Eine »Gute Nacht, Ruprecht!« rief er und bog links um. – »Ei, sie könnte schlimmer sein«, antwortete der Knecht und folgte ihm.

So konnte er nur nach den Holzschlägen gehen zum Mühlenbau. Dann mußte er aber jetzt links durch die Brüche sich wenden. Hans Jürgen winkte ihm einen Guten Morgen! zu und ging raschen Schritts gradeaus. »Ist weit vom Morgen«, murmelte der Knecht, und als Hans Jürgen sich umwandte, war er wieder hinter ihm.

Es war ihm lieb, und es war ihm wieder nicht lieb. Knecht Ruprecht galt für einen finsteren, mürrischen Kumpan, der seine Schuldigkeit tat, aber nicht mehr. Den Scherz liebte er nicht, auch bei andern, und manchem verdarb er ihn. Aber bös war er darum nicht; wußte er doch die schönsten Märchen zu erzählen. Und wenn man ihn nur darauf brachte, da ging es wie ein Uhrwerk los, abends in der Volkstube, wenn das Gesinde beim brennenden Kienspan am Spinnrad saß. Da war kein grauer Stein, kein alter Baum, kein dunkler Winkel, von dem er nicht Geschichten wußte, daß den Zuhörern das Blut kalt wurde. Im Kreise von vielen, beim warmen Feuer hört sich das hübsch an, aber wer allein mit ihm über die Heide ging, bei grauen Wettern, der war nicht sehr begierig, daß Ruprecht den Mund auftat.

Aber der Wald war auch unheimlich, und Ruprecht ein Mensch. Doch was sucht er hier? Auch auf dem Fußpfad, der nach Brandenburg führte, ging er nicht ab. Kräuter suchen war nicht die Zeit. War er etwa Hans Jürgens wegen hier? Wollte er ihm nachschleichen? Doch in welcher Absicht konnte das sein? Hans Jürgen wandte sich seitwärts ins Dickicht, rief dem Knecht ein Glück auf den Weg zu und meinte, als er auf einem Umweg wieder auf derselben Stelle herauskam, Ruprecht werde weit vorauf sein. Aber er stand noch da, auf seinen Stab gelehnt, und gaffte ins Blaue oder in die Krähennester.

»Warum stehst du noch hier?«

»Ich wußte doch, Ihr würdet hier wieder rauskommen.«

»Woher wußtest du's?«

»Weil Ihr da ins Moor gerietet.«

»Und wohin gehst du denn?«

»Ich meine da, wo Ihr.«

»Hat's die Frau dir geheißen, des Herrn Kleid suchen? Bat dich nicht drum, mir auf Schritt und Tritt zu folgen.«

»Weiß es wohl.«

»Wer hieß dich's, Ruprecht?«

»Ach, Ihr wollt's wissen, Junker?«

»Will's!«

Hans Jürgen meinte, es sei vielleicht die Vorsorge seiner Muhmen gewesen. Er hoffte, es sei so, aber Ruprecht sagte trocken:

»Die Frau.«

»Die Frau hat dir gesagt –«

»Lauf ihm nach, daß er sich nicht verirrt, und wenn ihm was begegnet, sieh zum Rechten, daß er nicht zu Schaden kommt; er ist ungeschickt und weiß sich nicht zurechtzufinden.

Nun kam er sich erst recht gedemütigt vor. Man traute ihm nicht einmal in den Wald zu gehen, gab ihm einen Aufseher mit! Er schluckte an seinem Schmerz, aber dann und wann brach es aus den Augen, und er wischte mit der Hand das Feuchte fort.

»Ich brauche dich nicht«, sprach er plötzlich. »Will allein meines Wegs gehen.«

Ruprecht blieb auch zurück, aber nur scheinbar. Hans Jürgen sah ihn immer wieder hinter den Büschen folgen, bis er selbst stehenblieb und ihn erwartete.

»Bleib nur bei mir. 's ist mir am Ende lieber, daß ich dich sehe, als dich heimlich um mich weiß.«

Ruprecht nickte mit dem Kopf: »Ihr habt auch recht, Junker. Wer da noch so heimlich geht, es schleicht ihm einer nach, der alles aufmerkt. Aufseher und Aufpasser haben wir allzumal, bei allem, was uns in den Kopf steigt. Die Priester sagen, das ist der liebe Gott und seine Engel. Die Priester wissen mancherlei, was wir nicht wissen; aber ich meine so, der liebe Gott und seine Engel hätten mehr zu tun, und das Aufpassen überlassen sie anderen. Und so jedermann immer an die dächte, die heimlich um ihn sind, und als wie Ihr mich ruft und's nicht mögt, daß ich Euch so heimlich nachschleiche, wie's eigentlich die Frau wollte, ich meine, wenn er sie sich so dächte, offenbar wie sie um ihn heimlich sind, dann, mein ich, wäre manches besser als es ist.«

»Wer sind die?« fragte Hans Jürgen.

Der Knecht warf ihm einen eigenen Blick zu: »Meint Ihr, Junker, Ihr wäret allein, wenn's um Euch schwebt und schwirrt? Das trockene Blatt, das Euch der Wind nachfegt, das Reisig, das knistert, wenn Ihr's zertretet, der Leuchtwurm, der Käfer, der im Holz bohrt, die Luft, die in den Büschen spielt bei stiller Nacht. Ach, du mein Gott, wo hätt's Worte, daß ich Euch all das nennte, was um Euch ist und Euch auf Schritt und Tritt begleitet.«

Sie waren an die Stelle gekommen, wo vorhin die große Wäsche war, wo noch eben die Reiter still gehalten und wo jetzt sowenig als damals die Elenshaut hing. Vergebens blickte Hans Jürgen in die Kieferbäume, schüttelte an den Stämmen und suchte auf dem Boden, während Ruprecht ruhig dabeistand und seine eigenen Betrachtungen anzustellen schien.

»Gebt Euch nicht Mühe hier, Junker. Ich wußt es schon dort an der Koppelwiese. Wie's da durch die Stämme huschte, Ihr waret nur zu verloren in Eure Gedanken und saht es nicht, die alte Frau mit der weißen Hucke. Wo die sich zeigt, ist's richtig. Da ist was gestohlen.«

»Ich muß es finden, Ruprecht, und sollt ich –«

Ruprecht war so schweigsam geworden. Er sah, die Arme auf seinem langen Stock, ruhig den hastigen Bewegungen zu, die Hans Jürgen machte; er lief fast wie ein Hund im Kreis, der nach einer Fährte schnuppert.

»Nun, ich denke, mich braucht Ihr nicht. Bis hier nur hieß mich die Frau gehen.«

»Sag allen Ade im Schloß, wenn ich nicht wiederkehre.

»Da geht's nicht rüber«, rief der Knecht, als Hans Jürgen eine Stange ergriff und einen Ansatz nehmen wollte, um über das Fließ zu springen. »Die Spur führt falsch.«

»Weißt du, wo sie zu recht führt, so sprich.«

»Bin nicht der kluge Schäfer aus Spandow, aber wer mit Siebenmeilenstiefeln geht, kommt nicht von Jeserich nach Brandenburg.«

»Ach, Ruprecht, die Nacht ist so finster. Wo soll ich suchen?«

»Geht über die Brücke. Gott befohlen, Junker.«

Über der Brücke lag Nacht und Wald. Hans Jürgen blieb auf der Mitte stehen und sah sich nach Ruprecht um, der auch noch stand. Es ward ihm schwer, es kam nur leise heraus die Bitte: »Willst du nicht ein Stück Wegs noch mit mir gehen?«

»So macht es Euer Ahn, der Wusso, auch«, hub nach einer Weile, daß sie schweigend nebeneinander gingen, der Knecht Ruprecht an, »der meinte auch, er brauche niemand und könne es allein finden, bis er den heiligen Johannes doch anrief, der hier zu Land der beste Führer ist.«

»Sieh mal da, Ruprecht, zwischen der Lichtung, da liegt was.«

Ruprecht schüttelte den Kopf: »Das wird Euch noch oft so sein; Ihr glaubt was zu sehen, und wenn Ihr hingreift, ist's eitel Trug. Das ist die Frau Harke. Wo die Frau Hucke voraufging und wittert, wo was genommen wird, da kommt die Frau Harke nach, das ist das tückischste Weib, die streut hin, daß die Leute, die nachsetzen, geblendet und getäuscht werden. Mancher sah schon den Beutel mit Gold liegen, den er verlor, und wenn er zugriff, war's Pferdekot. Die sind noch glücklich, die ihr Zeug zu finden meinen, und 's sind Kiefernnadeln oder ein Ameisenhaufen; aber wie viele verlockt sie in Bruch und Sumpf, und je weiter sie gehen, um so tiefer versinken sie. Hier täte es not, daß man immer mit der Lampe und dem Kruzifix die Höhen suchte, weil allerwegs Sumpf ist und offener See. Seht, da blitzt schon der Gohlitz durch. Trau einer dem Wasser, so silberklar es aussieht. Jedes Jahr muß er ein Opfer haben, und ist's lange her, daß keiner ertrank, so ruft und lockt ordentlich eine Stimme aus dem Wasser, und es währt nicht lange, so geht doch einer hin, und sie sagen dann, er hat sich baden wollen, aber ist ertrunken. Wen sie runterzogen, der plaudert nicht aus, was er sah.«

Hans Jürgen hörte in der Ferne Glocken. Er glaubte, sie wären vom Kloster Lehnin. Der Knecht lächelte.

»Habt Ihr sie auch gehört? Ich hörte sie schon lange. Die Glocken von Lehnin dringen hier nicht herüber. Das sind die Glocken aus dem Gohlitz; doch das hat nichts Böses zu bedeuten. Die unten denken nur an ihre eigene Not.«

Hans Jürgen hatte wohl von dem versunkenen Dorf im Gohlitzsee gehört.

»Die mußten mal ihre Hoffart büßen«, fuhr der Knecht fort, »die stolzen Bauern. So viel Brot hatten sie und Weizenbrot, daß sie die Schweine mit fütterten, und damit nicht genug, nein, sie haben den kleinen Kindern mit der Krume den Schmutz abgerieben. So gingen sie mit der lieben Gottesgabe um. Da ist denn eines Tags der kleine Spring an der Höhe losgezogen mit Gepolter und goß so viel Wasser in einer Stunde als in Jahren nicht, daß der Boden weichte. Und das Volk sah noch nicht Gottes Finger, es lachte und meinte, es müsse endlich aufhören, und gingen nicht von ihren Häusern und Schätzen, bis es zu spät ward. Da sank bei Sonnenuntergang das ganze Dorf ein, mit Mann und Maus, mit Vieh und Gärten, und kein einziger ist entkommen. Das soll ein Schreien und Blöken gewesen sein, und die Glocken klungen dazu, daß man es bis über die Havel gehört.«

»Das waren doch alles Heidenmenschen.«

»Seht, Junker, das ist's, was mir nicht recht ein will. Den Pfarrer darf man nicht fragen. Wo kriegen denn die Heidenmenschen die Glocken her? Denn das ist das Christentum, daß wir Glocken haben. Wenn wir keine Glocken hätten, dann ständ es schlimm mit uns. Die Glocken tun's, nicht die Kruzifixe und Marienbilder; denn wenn da Moos drauf wächst und das Wetter die Farbe abwäscht, wie sollen sie ihre Kraft behalten! Die Glocken verscheuchen die bösen Geister. Das fühlt auch jedes Kind, wenn's durch den Wald geht; das ist so was Eigenes, wenn die Luft zittert. Dann zittert die Seele mit, und man weiß doch, was man ist.«

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