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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Neuntes Kapitel

Es ritten drei Reiter

Die drei Reiter hatten, als es Mitternacht schlug, längst die Sumpfwiesen umritten und trabten inmitten des Waldes, wo der Boden, von tausend Kiefernwurzeln durchflochten, so fest war, daß der Hufschlag durch die Stille der Nacht widertönte. Als der letzte Glockenschlag verhallte, hielt der Herr von Lindenberg plötzlich still und zog tief Atem. Er schien, als sie ihn fragten, noch von etwas Unerwartetem betroffen und strich mit der Hand über die Stirn.

»Saht ihr gar nichts?« sprach er mit gedämpfter Stimme.

Hans Jochem wollte nur einen Lichtstreifen gesehen haben, der vielleicht von einer Birke herrührte, die ihre Äste geschüttelt.

»Das war es nicht.«

Peter Melchior aber sagte mit leiser Stimme: »Es ist nicht gut, daß wir davon sprechen. Nachher, wenn's tagt.«

Der Ritter schüttelte den Kopf: »So wär es also wieder nichts als Augentäuschung. Und doch so deutlich wie zuvor noch nicht. Die Sporen schlugen mir an die Stirn. Saht ihr nicht, wie ich mich zurückbog?«

Die beiden sahen nur eine absterbende Buche, deren trockener Ast, auch vom Winde geschüttelt, das Haupt des Ritters schwerlich erreichen konnte. Es war eben in dem Augenblick ganz still in der Luft.

»Anderswo reit ich«, sprach der von Lindenberg, »um Mitternacht wie um Mittag durch Heide und Wald.«

»Der Strich ist hier nicht geheuer, das ist schon richtig«, entgegnete Peter Melchior, »drum reite ich nimmer bei Nachtzeit als die Arme auf der Brust gekreuzt. Seht so. Auch sind wir zu dreien, da scheut sich das Gesindel vor der heiligen Zahl. Es sind, daß ich's sage, die vermaledeiten Weiber, das Hexengezücht. Die schießen, wehen, reiten, purzeln in den Weg. Da ist gar keine Gestalt, die sie nicht annehmen; bald schießen sie auf als dürrer Baum, bald als Schlange, Wurzel, als eine Fledermaus. Jetzt baumelt so eine am Ast wie ein Galgenmann, und wenn ihr scharf drauf schaut, ist's ne Raupe an einem Faden. Und greift ihr zu, habt ihr 'nen Dorn in der Hand, und laßt ihr ihn fallen, schlüpft's als Eidechs fort. Ihr seid nirgend sicher an solchem Ort und solcher Stunde, daß es euch nicht rechts und links einen Schlag versetzt.«

Im nämlichen Augenblick klatschte es zur Rechten des Junkers auf die Weichen seines Pferdes, daß es sich bäumte und im gestreckten Galopp mit seinem Reiter auf und davon flog. Hätte auch Hans Jochem seine Lust gezügelt und nicht aufgeprustet, wie er tat, würde es der Ritter doch gemerkt haben, daß er es war, der dem Pferde mit der Gerte einen Schlag versetzt.

»Ihr tatet Unrecht, Junker«, sprach er ernst, doch nicht zornig. »Man muß des Teufels nie spotten.«

»Ei, gnädiger Herr, ich spottete nur Peter Melchiors. Er redet gar zu klug, wenn er auf die Hexen kommt. Wenn man ihn nicht manches mal kitzeln könnte, wär's wirklich nicht auszuhalten mit ihm.«

»Habt Ihr selbst nimmer Furcht?«

»Wofür?«

»Der beherzteste Bursch hat auch eine schwache Stunde – ich meine im Walde, wie wir hier.«

»Ich weiß, wo er zu End ist.«

»Bei Nacht?«

»Morgen scheint die Sonne.«

»Wirklich! Manchem herzhaften Manne ist's doch bisweilen in der Nacht zumut, als zweifle er, ob er den Morgen noch sehen werde.«

Hans Jochem lachte: »Wie sollte das zugehen!«

Der Ritter schaute ihn noch ernsthafter an: »Nun, er macht oft nur Übel ärger. Bekenn es Euch offen, mich drückt das Etwas, das ich mir nicht erkläre, wie ein Alp.«

Der Junge sah verwundert auf den Älteren: »Herr von Lindenberg, vorhin –«

»War ich weinmutig, 's war ein aufsteigender Kitzel. Die feuchte Nachtluft bringt andere Gedanken. Wer es weit bringen will, muß den Kitzel bekämpfen. Das lernt sich am Hofe.«

»Wir sind ja nicht am Hofe.«

»Aber Weisungen, klug zu sein, gibt uns die Natur, wo wir hinschauen. Der Fuchs baut sein Schloß mit vielen Ausgängen, das Roß wittert Blut und Mord, der Hund riecht den Wolf und schlägt an, wo des Menschen Sinn noch nichts gemerkt hat. Dafür ist etwas in der Luft, was dem Menschen die Dinge anzeigt, die da kommen mögen. Habt Ihr nimmer Ahnungen gehabt?«

»Die wollt ich nach Haus weisen!« lachte Hans Jochem.

»Aber der Teufel hat Macht auf Erden, zumal wenn wir, was sie sündige Wege heißen, gehen.«

»Der Teufel ist ein dummer Teufel, Herr von Lindenberg. Nippel Bredow war mein Urältervater. Das Messer saß ihm auch schon an der Kehle. Von seinem Blut ist was in mir. Drum scher ich mich den Teufel um den Teufel. Und wenn der Gottseibeiuns mir ein Bein bricht, reit ich mit dem andern auf Eurer Fährte.«

»Es wird vorübergehen«, sprach der Ritter, »wenn wir nur erst aus dem Wald 'naus sind. Dort kommt ja Peter Melchior.«

»Wißt Ihr was, gnädiger Herr«, flüsterte Hans Jochem, »wenn's erlaubt ist zu sagen. Einer taugt nicht zum Spaß. Wenn's losgeht, zehn gegen eins, kriegt er Bauchreißen; und das Maul kann er auch nicht halten.«

»Die Klette sitzt einmal am Mantel.«

»Überlaßt das mir; will's versuchen, sie loszuhaspeln. Wenn wir zwei beide, Herr, allein ritten, das gäbe mehr Mut. Mit Gespenstern, da mögen drei gut sein, aber wo zwei sind und einer sich auf den andern verlassen kann, das ist besser.«

Peter Melchior kam zurückgeritten, als der Waldweg sich schon lichtete. Die Nacht bedeckte mildtätig sein blasses Gesicht. »Seid ihr's?« rief er noch dreißig Schritt entfernt. Lindenberg bemerkte die Lust seines mutwilligen Gefährten, den Junker wieder zu erschrecken. Er bat ihn, davon abzulassen, der Weg sei noch lang, Peter Melchior sei ihnen vielleicht doch noch von Nutzen. Aber Hans Jochem konnte doch nicht ganz dem Triebe widerstehen.

»Seid Ihr's, Junker Peter Melchior von Krauchwitz?« antwortete er in ängstlichem Tone. »Und allein?«

»Wie sollt ich nicht allein sein! Ihr ließt mich ja im Stich.«

»Schüttelt Euch oder dreht Euch um, ehe Ihr uns nahe kommt.«

»Saht Ihr's? Mich riß mein Pferd fort, daß mir die Sinne vergingen. Konnte mich kaum auf dem Sattel halten.«

»Nicht gesehen hätten wir's, Herr von Lindenberg!« rief wie erstaunt der kecke Bursch. »Es klammerte sich ja um Euren Nacken wie der Luchs um das Hirschkalb. Ihre Kleider bauschten auf, und dick ward sie von hinten wie ein Mondkalb mit 'nem Jungen, daß uns schon bang ward, die Hex hätt Euch mitsamt Sporen, Wams und Stiefeln verschluckt. Denn von Euch sahen wir doch auch gar nichts. Wir haben sieben Paternoster für Eure Seele gebetet. – Wenn Ihr's nun wirklich seid und kein Gesichte!«

»Beruhigt Euch, Herr von Krauchwitz«, sprach der Ritter. »Unser junger Freund sieht zuweilen die Dinge mit eigenen Augen an.«

»Wenn er einen Spaß treiben will, dann ist's nicht der rechte Ort«, sagte Peter Melchior verdrießlich. »Nicht jeder sieht den Stein, über den er fallen wird. Wir sind hier am Lieper Eck, wo ich immer sagte, daß es nicht geheuer ist. Sie alle wollten's besser wissen. Der Tag hat's bewiesen, und nun ist's Nacht. Dort kommt die Brücke, seht Euch vor, wenn Ihr hinüberreitet.«

Sie hatten sich dem freien Platz genähert, der vor wenigen Stunden noch der Tummelplatz so vieler Munterkeit gewesen. Jetzt herrschte eine Totenstille; der Wind hatte sich gelegt, es rauschte nur noch in den Kieferwipfeln und flüsterte in den Büschen. Nur vereinzelte Krähen, aufgescheucht durch den Stahlklang der Reiter, flatterten von ihren Ästen und schauten neugierig herab, wer sie in ihrem Schlaf gestört. Nur die Unken sangen unbekümmert und ununterbrochen ihr melancholisches Lied.

Der Anführer des kleinen Trupps schien seine vorigen Sorgen und Bedenklichkeiten abgeschüttelt zu haben. Er hielt vor der Brücke, die aus rauhen Birkenstämmen grob gezimmert war, still und schaute sich mit der Besonnenheit eines erfahrenen Mannes um, der vor einer wichtigen Unternehmung Erde, Luft und Wind prüfen will.

»Dies wäre also der Ort, wo ihr den Krämer zuletzt saht. Nun gilt's, die Fährte zu verfolgen. Hier sind Kreuzwege. Wenn er gesagt, daß er nach Brandenburg wollte, brauchen wir es nicht blind hinzunehmen. Auch möglich, daß er die Brücke verschmäht hat und durch eine Furt übers Wasser ging. Es ist also nötig, den Boden zuvor zu prüfen. Wer von uns steigt vom Pferde?«

Es verstand sich, daß der Ritter Lindenberg durch die Frage sich selbst ausschloß. Auch war Hans Jochem schnell vom Roß, derweil der Junker auf dem seinen in mäßigem Trab einen Kreislauf versuchte.

»Was ist das?« rief der Ritter, als Peter Melchior grad auf etwas zusprengte, das jenem im ungewissen Sternenschimmer verdächtig vorgekommen war, ohne daß er zu erkennen vermochte, was es sei.

»Ein Strick!« rief Peter Melchior. »Ein Strick zum Hängen und zum Knebeln, je nachdem.«

»Ihr seid sehr aufgeräumt, Herr von Krauchwitz.«

»Nur der Strick, Herr von Lindenberg, tut's. Auf solchem Ritt muß man alles mitnehmen. Die Nacht schenkt uns, was uns not tut und wir doch vergaßen.«

»So hinter Euch aufs Pferd damit und lacht nicht so abscheulich.«

Die Fährte war gefunden; sie ging über die Brücke, verlor sich aber drüben bald wieder im Heidekraut, so daß die Ritter zunächst ihre ganze Aufmerksamkeit der Spur widmen mußten. Die Geisterstunde war darüber verstrichen. Mit der Erwartung schien auch die Lebenskraft der Genossen wiedererwacht. Bei einem Köhler hatten sie die letzte Nachricht eingezogen, die es ihnen unzweifelhaft machte, in welcher Richtung der Krämer weitergefahren. Sie mußten ihn nach Verlauf einer Stunde auf dem Wege treffen, welcher sich längs einem der weit einbuchtenden Havelseen nach der Fähre hinzog, mittels der man auf der Straße von Brandenburg nach Potsdam übersetzt.

»Der Ort ist gut«, sagte Lindenberg. »Der Schwieloch hat steile Waldufer und viele Krümmungen. Was hilft dem Schurken seine Pfiffigkeit, daß er den einsamsten Bergweg suchte!«

»Hinterm Berge wohnen auch Leute«, fiel Peter Melchior ein.

»Die da wohnen, werden ihn nicht hören, Lieber. Der alte Ferge, der Baumgarten, ist immer taub in der Nacht, wenn man ihn ruft. Doch denk ich, wir treffen ihn schon früher. Der Sand steht. Noch Bedenken?«

»Die Stunde ist schon gut.«

»Und was denn nicht?«

»Der Ort auch, ja und nein. Die flache Heide aber wäre mir lieber. In einem schmalen Weg zwischen See und Berg kann er uns nicht entwischen –«

»Und wir auch nicht«, fiel lachend Hans Jochem ein, »wenn Leute kämen. Wohin sollte Peter Melchior Reißaus nehmen! Mit den Rossen kann man nicht die Berge 'nauf. Wir müßten grad in den See. Schwimmt Euers? Und der Kerl ist ein Hexenmeister, das ist auch gewiß.«

Der Spott hatte seine Wirkung verfehlt. Peter Melchior schwenkte den Strick:

»Wißt Ihr, warum der leer ist? Der Schuft hat Raffen gespielt. Meines Herrn Götze Lederbüchsen mitgenommen. Hans Jürgen ist in April geschickt. Nun sag mir noch einer, daß wir nicht mit Rechten ausgeritten. Wär der Dechant hier, säh er doch gleich den Fingerzeig Gottes, warum wir dem Kerl den Kopf waschen müssen. Blitz Mordio! Sieben Tage weniger einen auf der Wäsche, damit der Lump gestohlene Hosen rein anzieht. Ein Dieb! hängt ihn!«

»Zum Teufel, laßt den Strick«, rief ärgerlich der Lindenberger, »und erzählt lieber, wie es mit den Elenshosen ist, von denen ich so viel gehört und doch nicht weiß, was es eigentlich soll.«

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