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Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
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Nun war es ganz still geworden. Die Hunde im Hofe schwiegen; das Stroh raschelte noch, auf dem die Knechte sich wälzten; das Feuer im Herd war niedergebrannt, einzelne Kienäpfel knisterten noch und sprangen. Die Geisterstunde war's und er allein. Im Augenblick fürchtete er sich nicht. Und wären die Unholde alle aus dem Schlot niedergefahren, was konnten sie ihm tun, er war ja schon vernichtet! Wenn sie ihn umzingelt, umstrickt hätten, wenn sich die Erde gespalten und er niedergesunken wäre ins ewige Grab, was war das Schlimmes für ihn! Dann brauchte er nicht mit verschämtem Antlitz das Morgenlicht anzusehen, nicht den Gesichtern zu begegnen, die ihn alle fragten: Bist du noch hier, Hans Jürgen?

Solche Stimmungen dauern nur kurz. Das war ein erlogener Mut. Als die Eulen draußen anfingen zu heulen, als der Wind wieder in einzelnen Stößen durch die Kiefern sauste, als er den langen, schauerlichen Weg dachte, den er allein bei Nacht und Nebel durch die verrufene Gegend machen sollte, fröstelte ihn. Und es war Zeit. Er hörte es die Treppen herunterrascheln. Die Burgfrau war es, aber wie ein Gespenst, das Schlüsselbund klapperte an ihrer Hand, aber das Eisen war verrostet, das gibt einen eigenen Klang. Er wollte um alles in der Welt nicht noch einmal ihren zornigen, verächtlichen, vorwurfsvollen Blick aushalten. Er mußte fort, und die Sohlen waren ihm doch wie fest am Boden angewurzelt.

Es säuselte und rauschte durch die Luft, leise Tritte schwebten näher, und der kalte Angstschweiß stand ihm auf der Stirn, als ein sanfter Druck seinen Arm berührte und eine weiche Stimme seinen Namen sprach. Es war kein Geist, auch die Edelfrau nicht, und dennoch durchzuckte ihn ein tiefer Schmerz, als Evas Augen durch die Dämmerung ihn anblickten.

»Kommst du auch, um mein zu spotten?«

»Hans Jürgen, ich komme nicht, dein zu spotten. Du mußt fort. Wir haben die Mutter gebeten; allein sie ist gar aufgebracht. Du weißt, wie Vater ist, wenn er aufwacht.«

»Schimpf mich nur, ich hab's um dich, ich hab's um euch verdient. Wenn er tobt und flucht, kriegt ihr es auf den Hals. Laßt mich doch hier und stellt mich hin. Ich verdiene es. Was lief ich fort, nun ist's an mir, daß ich dafür büße.«

»Ach, Hans Jürgen, du mußt ja schon büßen.«

»Weine nicht, Eva, du bist ein gutes Mädchen.«

»Ach, wenn nicht die Waschbank gewesen und ich dich nicht geneckt –«

»Dann hätte ich Wache gestanden, bis ich aschgrau wurde«, fiel er ein. »Ich stände noch jetzt. Nein, deine Mutter war's, die rief mich ab, daß ich dem Schurken von Krämer nachsetzen mußte, und dann mußte ich ihm seinen Packen aufladen. Darüber ward's vergessen. Du bist nicht schuld, Eva. Der Hedderich ist's, ach, ich weiß nicht, was ich rede; aber 's ist gut, wenn sie einen haben, dem sie alles aufladen können, dazu bin ich gut, zum Sündenbock. Nun laß mich gehn, Evchen, nun ist alles aus; nun werd ich mein Lebtag nichts. Sie werden mit den Fingern nach mir weisen und pfeifen, und sie haben recht. Hans Jochem, der wird lachen, der wird wiederkehren. Dem werden sie um den Hals fallen, Mutter und Vater, und du auch, Eva –«

»Ich nicht.«

»Oh, verred es nicht. Wer nur Glück hat, dem kommt alles entgegen. Aber wer Unglück hat, der kann anfangen, was er will, dem gelingt nichts. So hat's meine Mutter seliger gesagt, und so probiert sich's an mir. Hinaus soll ich und das Zeug holen und nicht wiederkehren, bis ich's fand. Und wenn ich's nun nicht finden tu, dann geh ich suchen, suchen, bis – bis ihr mich vielleicht auch suchen geht und nicht findet. Die Welt ist weit, und wenn mich kein Irrwisch verlockt und ich nicht im Sumpfe steckenbleibe oder über einen Strauch falle und ein Bein breche und ein Rudel Wölfe erbarmt sich mein, so ist's am End zum besten, ich mach mich gleich auf die Beine und kehr nimmer wieder. Die Rosse zeichnen und den Tauben pfeifen und Wacht halten bei der Wäsche, oh, dazu werden sie auch anderswo mich brauchen können. Dazu ist's nicht nötig, ein Anverwandter sein vom Hause. Dann fragt wohl einer, aber wo ist denn Hans Jürgen blieben? Und wenn ich nimmer wiederkommen tue, dann sagt ihr wohl am Ende: 's ist doch schad um ihn, und daß er darum –«

Sie hatte seine Hand gefaßt, und er fühlte, daß sie etwas hineindrückte:

»Du wirst heimkehren und glücklich. Bewahr das und tu's um den Hals.«

»Was ist's?«

»Das Amulett, was ich von der Großmutter seliger habe. Wer das auf der Herzgrub trägt, dem können die bösen Mächte nichts anhaben, wenn er auf guten Wegen geht.«

»Eva, das ist dein. Nimmermehr, das nehm ich dir nicht. Das mußt du behalten.«

»Ich geh ja nicht in die Nacht hinaus, wo die Unholden Macht haben. Zumal auf den Kreuzwegen, da drücke es recht fest ans Herz. Und an der Schnur tust du's um den Hals.

»Eva, du –«

»Gott bewahre, hier in der Burg. Da sind ja keine Unholden. Vorhin, als ich lauschte dem Gespräch, und der Ritter euch zusprach, da ward mir recht bang, und ich drückte das Herzlein an mein Herz. Und da schon dachte ich, ich wollte es dir geben, wenn du mit ihm ausrittest, aber dann schämt ich mich wieder. Hans nimm's, steck's ein, sag's keinem. Bring's mir wieder, wann's dir gut gegangen. Fort, nur fort. Rede nicht weiter, lieber Hans Jürgen, das tut nichts. Die lieben Englein sind bei einem auch ohne Amulett, sagt die Mutter, und die kann's eigentlich nicht leiden; nur weil's von der Großmutter seliger kommt, die hielt so viel drauf. Nun sei ein guter Junge und geh, und behalt mich lieb, und keinem sag davon was.«

Er stöhnte tief auf: »Ach Eva, Gott lohn's dir, und ich will ein schlechter Kerl sein, wenn ich dir nicht alles verzeihe, was du mir zum Possen getan hast mit den andern. Weine nicht, Evchen, beim lieben Gott im Himmel und allen Heiligen, ich weiß nicht, was ich spreche. Es geht mir so im Kopf um. Aber wenn ich dachte, nun das wird doch gelingen, da wirst du mal Lobes hören, da sollen sie mal sehen, wie ich kein dummer Junge bin, wie ich mich gut halte, weißt du, an wen ich dachte? Nicht an mich, nur an dich. Dir wollt ich das Beste bringen, was ich fände. Dann würdest du mich freundlich ansehen. Nicht darum etwa. Ach Gott bewahre. Denn ich wußt es doch, daß du mir gut bist, aber du schämtest dich mein, weil ich so gar nichts bin. Und nun hättest du dich einmal freuen können und nicht zu schämen brauchen. Und nun ist mit einem Mal alles anders, ich bin schlechter als ich war, und der Hans Jochem –«

Er hielt inne, denn er glaubte einen tiefen Seufzer zu hören; aber Eva seufzte nicht.

»Nun, ich will's ihm gönnen«, fuhr er fort, »denn ich habe dein Amulett. Ich bring's dir wieder, Eva, ganz gewiß. Und wenn er auch ein Herr wird und zurückkommt mit Beute und Ehren und alle ihn loben, und ich komme verachtet wieder und ausgelacht und meinethalben auch als ein Krüppel, so weiß ich doch –«

Sie schlang ihre weichen Arme um seinen Nacken und drückte einen Kuß ihm auf die Lippen: »Bleib mir gut, ich bleibe dir auch gut.«

Rasch zog sie ihn fort: »Nun darfst du nicht länger weilen.«

An der Tür blieb er noch einmal stehn: »Aber dein Vater, Eva –«

»Sei ohne Sorgen. Nun hat es noch Zeit. Die Mutter hat's mit dem Kasper abgemacht, daß der ihm noch einen Morgentrunk reichte. Er steht nun nicht auf, bis der Hahn kräht. Ach, wenn du dann zurück wärest!«

»Komm gesund zurück, Hans Jürgen!« rief eine andere weibliche Stimme, und eine weiße Hand streckte sich ihm entgegen. Nun bemerkte er erst unter dem Dunkel des Schwibbogens, daß Eva nicht allein war.

»Weinst du auch, Agnes?«

Eva flüsterte ihm zu: »Still! Es schnitt ihr was ins Herz, als er ausritt.«

»Oh, wenn er wiederkommt.«

Trauernde hören scharf.

»Dann wird er mich auch nicht ansehen«, schluchzte Agnes. »Aber –«

»Was denn, Agnes!«

»Ach, ich möchte, die Mutter hätte ihn ausgeschickt, wie sie dich ausschickt.«

Das verstand Hans Jürgen nicht.

»Dann wäre er nicht mit dem Ritter aus.«

»Was weinst denn, Agnes?« fragte Hans Jürgen besorgt, denn das Mädchen wiegte sich in stillen Tränen.

»Preise du die Gebenedeite, Hans Jürgen«, sprach Agnes, »daß du aus den Stricken und Versuchungen kommst. Ein böser Tag war's, aber die Nacht wird noch schlimmer. Geh mit Gott, lieber Junge, und wenn du Hans Jochem siehst, sag ihm – ach, sag ihm nichts, er lachte dich und mich aus. Wie Gott will. Mir liegt's auf der Brust wie Blei.«

So gut war es Hans Jürgen nie geworden, und es dünkte ihm wohl ein besonderer Tag, daß die beiden lieben Muhmen ihm das Geleit gaben und um sein Wohlergehen sich kümmerten, als wäre er ihr lieber Bruder.

Sie standen am Hinterpförtlein, das nur für die Burgleute geöffnet wird und wo sich nachts ein Bote oder Kundschafter in schlimmen Zeiten hinausschleicht, der nicht gesehen sein will. Den Weg durch den Sumpf kennt nur ein vertrauter Mann. Der Torriegel rasselte zurück, die Tür drehte sich in ihren Angeln.

»Leb wohl, Hans Jürgen!« und Eva hauchte ihm noch einen Kuß auf die Wangen, und ehe er sich des versah, fiel ihm auch Agnes um den Hals: »Denk nicht schlimm von mir, Hans Jürgen.«

Da stand er draußen und wußte nicht, wie ihm geschehen. Es war ihm wie ein Traum. War er's, den sie noch eben ausgestoßen und ausgeschickt wie einen Hund, dem man einen Fußtritt gibt, und nun –! Es war ihm, als ob die ganze Nachtgegend hell würde, als ob ein Rosenlicht über den Sumpfdünsten schwebte, und die feuchte Luft dünkte ihm wie ein süßer Atem, der der Brust wohltut. Nun graute ihm nicht mehr vor dem einsamen, langen Wege.

Die Eulen mochten schreien, der Wind heulen, die Kiefern knarren. Er hatte Mut, Mut wie der Pilger, der zu einem Heiligenbilde wallfahrtet, denn der Heilige ist ihm im Traum erschienen und hat ihm verheißen, daß er das Ersehnte durch Nacht, Sturm und Ungetüme erreichen werde.

Behende ließ er sich den steilen Erdabhang hinunter, wo ein anderer auch bei Tage vorsichtig die Füße setzt; behende sprang er am Pfahlwerk über den Graben, ohne das aufgezogene Brett herabzulassen, und suchte alsdann leichten, aber sichern Fußes den Weg durch die Sumpfwiese. Ein anderer, und auch er zu anderer Zeit, hätte den kleinen Umweg über das Dorf nicht gescheut. Doch wozu sollte er die Hunde wecken, sprach er bei sich, aber dachte anders. Auf dem kürzesten Wege kam er ja am schnellsten zum Ziel und am frühesten zurück. Er wußte ja nichts von Gefahr, und in gerader Richtung kreuzte er den verräterischen Boden. Er dachte nicht an die Irrwische, die vor dem Mutigen sich nicht zu zeigen wagten; die weißen Mummeln, die durch die Nacht blitzten, lockten ihn nicht. Eine falsche Richtung; wenn er einmal falsch trat, und er versank bis an den Leib in das tückische Moor, er hätte sich die Lunge ausschreien können um Hilfe bis Morgengrauen, wer hätte ihn gehört! Und wenn der wendische Bauer im Dorfe es hörte, wenn er die Frau ängstlich weckte, die hätte gewimmert: so schreit der Kobold! und beide wären mit dem Kopfe unter die dicke Bettdecke gerutscht, bis auch er bis an den Hals versank und die Moordecke über seinem Kopf zusammenschlug.

Noch war eine Strecke des Weges vor ihm und die Feuchtigkeit netzte durch die Sohlen seine Füße, ohne daß der Boden fester wurde, als es im Dorfe Mitternacht schlug. Er glaubte ein Geräusch zu hören, vielleicht ein Wasservogel. Er sah sich um. Durch den grauen Moordunst schimmerte eine schwarze, lange Gestalt. Wer konnte ihm folgen? Doch hastete er seine Schritte. Aber bei einer Wendung sah er es abermals. Mit langen Schritten bewegte sich die hagere Gestalt in derselben Richtung. Es mochte doch ein Augentrug gewesen sein. Nur aus der Burg konnte jemand dieses Weges kommen, und die Pforte schloß ja hinter ihm. Aber die Gestalt hastete wie er. Hans Jürgens Herz schlug fühlbar. Er murmelte ein Gebet von den guten Geistern, die ihren Herrn und Meister loben. Da war sie verschwunden.

Nun hatte er den Elsenbruch erreicht und atmete leichter. Er streifte die verwachsenen Zweige, aber hinter ihm rauschte es auch in den Zweigen. Die Aves und Paternoster, die er zwischen den Zähnen murmelte, blieben ohne Wirkung; es rauschte immer deutlicher, und immer lauter schlug sein Herz. Wenn schon auf dem ersten Viertel Weges die Unholden ihn angingen, wie sollten sie es auf dem langen, langen Wege treiben! – Die Elsen lagen hinter ihm, die Palten im Moor wurden fester, in Sätzen sprang er auf dem letzten Moorwege den hohen Kiefern und dem leuchtenden Sande zu, auf dem sie ihre riesigen Leiber erhoben und mit ihren Kronen nickten. Es war ihm, als müsse die Macht der Unheimlichen in einem Walde geringer sein als in Bruch und Moor. Ein Wald, der seine Häupter gen Himmel streckt, sieht ja wie ein Tempel aus, den die Natur Gott erbaute. Schon hatte er trocknen Boden unter sich, der Sand wich unter seinen Füßen, ohne ihn aufzuhalten; schon hatte er die ersten Kiefernstämme hinter sich, als er, Atem schöpfend, sich umblickte. Da war auch die Erscheinung. Der hagere, schwarze Schatten trat aus den Elsen, und mit langen, mächtigen Schritten näherte er sich dem Sandhügel. Hans Jürgen schlug ein Kreuz; doch der Schatten ward länger, und plötzlich hörte er seinen Namen rufen.

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