Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Willibald Alexis >

Die Hosen des Herrn von Bredow

Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Hosen des Herrn von Bredow
authorWillibald Alexis
year1985
publisherKupfergraben Verlagsgesellschaft
addressBerlin
isbn3-89181-101-2
titleDie Hosen des Herrn von Bredow
pages3-5
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Achtes Kapitel

Eine schlimme Entdeckung

Es ist was los! murmelte einer dem andern zu und machte dabei eine pfiffige Miene. Die stille Geschäftigkeit, das Gewirr und Durcheinanderlaufen und Flüstern sprach laut in die Stille hinaus: es ist etwas los. Treppauf, treppab ging es ohne Gepolter, Rosse wurden gezäumt und gesattelt, und die Knechte fluchten nicht und rissen nicht Witze; aus der Rüstkammer trugen mit verhaltenem Atem die Junker Pickelhauben, kurze Spieße, Büffelwämser und was zu einem Ausreiten gehört. Der von Lindenberg warf sich das Panzerhemd des alten Bredow um, und Hans Jürgen gürtete ihn. Hans Jochem reichte ihm die Stahlhandschuh, die dem edlen Herren ein wenig zu groß waren, aber er sagte: »Es schadet nichts!« Den Helm mit dem Sturz wollte er nicht. »Die Nacht ist das beste Visier!« und er stülpte eine Sturmhaube auf von Büffelleder, mit breiten Klappen und Blechbeschlägen.

Langsam hörte man die Zugbrücke knarren und das Fallgitter aufziehen. Alle sagten: »Es ist was los!« aber Kasper sagte: »Nun geht's los«, als die Fräulein an ihm vorüberhuschten, nicht wie ihre Art, vorsichtig, und dem Graubart zuwinkend. »Lauft nur«, rief er nach, »das Donnerwetter kommt euch doch nach, wenn die Mutter es nicht bald findet. Das kommt davon, wenn die Leute wollen klüger sein und alles besser machen. Mein Herr Götz weiß auch, wo Bartel Most holt, wenn er den Wein ausgeschlafen hat, und wer dem Bären den Pelz waschen will, der seh sich vor, daß er nicht selbst gewaschen wird.«

Gegenüber der Erkerstube, wo der Ritter lag, war ein kleines Kämmerlein, das Schilfdach lief schräg darüberhin. Der Sturm hatte vorhin daraufgeschlagen, daß die Sparren knackten, jetzt schlug es darinnen auch, aber der Sturm war in einer jungen Brust. Hans Jürgens Herz pochte, daß der alte Kasper draußen es hätte hören können. Wohl hätte er sich beschauen mögen, als er nun fertig war, wie er aussah, aber in der Kammer war kein Spiegel und kein Licht. Nur die Sterne aus dem schiefen Fenster blitzten auf den verrosteten Harnisch. Er lehnte den Kopf hinaus und schlürfte die laue Nachtluft ein. Da kamen unversehens seine Finger unterm Brett zusammen, als wenn er sie falten wollte. Er erschrak fast: »Nein, beten, das schickt sich nicht, jetzt nicht. Nachher!« –

Da er sich umwandte, stieß er mit dem Kopf an das Schilfdach: »Das soll auch nicht mehr lange sein! Nachher!« – Er schwieg und tappte durch die dunkle Kammer nach der Tür. Draußen war es licht an der Lampe, die der alte Kasper immer ansteckte, wenn sein Herr erwachen sollte.

Der schaute den Gerüsteten verwundert an, und seine Mienen gingen in ein Lächeln über. Eine Sturmhaube trug Hans Jürgen auf dem Kopf mit einem breiten Rand, und die beiden Flügel eines Habichts waren in den Kamm gesteckt. Der Harnisch war über einen verblichenen Wappenrock von blauer Farbe geschnallt, in dessen gestepptem Faltenwurf die Motten lange genistet zu haben schienen, und dazu klirrte ein schwerer Degen an seiner Seite. »Na nu!« rief er ihn an. »Gegen wen ziehst du aus?«

Hans Jürgen machte ein wichtiges Gesicht: »Geb dem Gast das Geleit.«

»Glaubte wenigstens, du zögst gegen den Großtürken. Nun will ich dir was sagen, Hans Jürgen. Wenn du gegen den Türken ziehst, dann magst du den Degen klappern lassen, aber wenn du bei Nacht ausreitest, trag ihn fein unterm Arm. Noch etwas«, rief er ihm nach, »wenn's verkehrt geht, wundre dich nicht, du hast die Sturmhaube verkehrt aufgesetzt. Und wenn dein Vater seliger ausritt, ich meine, wie du jetzt, dann zog er nicht seinen Wappenrock an, wie du jetzt, sondern hing den schlechtesten Kittel um. Sieh dich nur da im Schild an der Wand.«

Ein erster Blick, den Hans Jürgen auf das Schild tat, zeigte ihm, daß der alte Knappe recht hatte. Er stülpte die Sturmhaube um und nahm den Degen unter den Arm.

Aber des Vaters Rock, den konnte er doch nicht mehr ausziehen.

»Ei, die Nacht ist duster, Hans Jürgen«, lächelte der Alte, »und die Farbe ist ausgeblichen. Auch ist's lang her, daß der Rock geleuchtet auf der Straße, da kennt ihn wohl keiner mehr. Nun noch 'nen guten Rat auf den Weg: Laß dich nicht bangen; sie tun keinen hangen, den sie nicht fangen. Sprich nicht, wo du schlagen kannst, aber wo ein anderer zuschlägt, brauchst du nicht nachzuschlagen. Trau mehr auf dein Gesicht, als wenn ein anderer spricht. Beim Teilen, da mußt du eilen. In der Not ist ein schnell Pferd besser als ein guter Freund; und gute Freunde in der Heide bringen draußen manchem viel Leide. Viele Hunde sind des Hasen Tod, aber wenn du des Nachts ausreitest, hüte dich vorm Morgenrot.«

Hans Jürgen war längst die Treppe hinunter, als der Alte noch in seinem guten Rat fortfuhr. Aber er sah ihm freundlich nach: »Wird schon was aus ihm werden. Ein gutes Pferd muß scharf zugeritten werden. Aber ohne solchen kleinen Spaß versauerte er ja.«

Es war etwas los, das alle wußten, und keiner sprach es aus; nur eine wußte es nicht. Bisweilen geht es in den Häusern zu wie in den Schlössern der Könige. Was alle wissen und sich zuflüstern, und drüber lachen und sich freuen, weiß der Herr nicht, den es doch zunächst angeht, aber niemand wagt es, ihm zu sagen, weil sie ein böses Gesicht fürchten. Die Burgfrau, die sonst alles sah und hörte, ja ihr entging nicht der stille Gedanke, der sich im Gesicht verriet, heute sah sie nicht die emsige Geschäftigkeit, sie hörte nicht das Geflüster, und wenn sie sah und hörte, übersah sie's und überhörte es, denn ihre Gedanken waren anderswo.

Durch die Böden und Kammern war sie mit dem Schlüsselbund treppauf, treppab, rechts und links, und hatte das eine noch nicht gefunden, was sie suchte. Und dreimal schon war sie wieder an dem Knecht Kasper vorbeigestreift, und dreimal hatte er ihr zugerufen: »Gestrenge Frau, nun ist's bald Zeit.« – War's die schwüle Luft, hatten die Unholde es ihr angetan? Sie fragte niemanden, sie hätte sich ja selbst angeklagt, daß sie etwas vergessen, und gesehen hatte sie's doch, Stück für Stück war es durch ihre Hände gegangen, als sie abluden.

Da schlug sie plötzlich die Hände zusammen. Wie ein Blitz leuchtete es vor ihren Augen. Sie war auf der Galerie nach dem Hofe. Die Pferde standen gesattelt, der fremde Herr ließ sich noch einen letzten Trunk reichen. Eine Fackel warf ihr ungewisses Licht auf die Gruppen. »Da steht er ja.« Hans Jürgen schlug seine Hand in die Hand seiner Muhme, die sie ihm hinhielt. »Ich bringe dir was mit, Evchen.«

Eva lachte, als ob sie's bezweifelte. »So wahr –« Sie hielt ihm schalkhaft den Mund: »Versprich nichts, Hans, eh du's halten kannst. Du bist ja noch nicht fort.« – »Wer soll's mir nun wehren!« rief er, und seine Augen funkelten. »Der Herr ist mir gut und wird was Besseres aus mir machen, daß keiner sich mein mehr zu schämen braucht.«

»Hans Jürgen!« rief eine Stimme durchs Dunkel, wie eine Trompete, die zum Gericht schmetterte. Die, welche die Stimme kannten, fuhren zusammen; es war der Ton in dieser Stimme, der ein aufziehendes Gewitter ansagte. Eva zog ihre Hand zurück und senkte ihre Wimpern. Der, dessen Name gerufen ward, riß die Augen auf, aber er ließ sie im selben Augenblicke wieder sinken.

Es war gewiß ein Spuk der Nacht, oder eine arge Frau mußte die Edelfrau mit Blindheit geschlagen haben, als die Stücke vom Wagen geladen wurden. Der Sturm, der Wirrwarr allein konnte ihre scharfen Sinne nicht so geblendet haben, daß sie etwas sah, was nicht da war. Aber wie stand ihr jetzt alles klar vor Sinnen. Da hingen sie ja noch zwischen den Fichten, vom Wind geschaukelt, Hans Jürgen hatte die Wacht. Sie selbst war nicht mehr hingekommen, sie hatte nicht befohlen, sie abzunehmen. Wer sollte sich's unterstanden haben, es eigenmächtig zu tun?

»Hans Jürgen, wo sind sie?«

»Was, liebe Base?« sprach der Ritter Lindenberg und erschreckte doch fast, als er die Frau sah, die ihn nicht sah. So aufgebracht, so keuchend und blaß war sie hinuntergestürzt und stand vor ihrem Kleinvetter, wie der Richter vor einem armen Sünder.

»Wo sind sie blieben, Hans Jürgen?«

Es war, als sollte Hans Jürgen der festgeschnallte Harnisch vom Leibe fallen, seine Arme hingen schlaff herunter, die Pickelhaube sank nach vorn über.

»Oh weh!« seufzte Eva Bredow.

»Meines Mannes Elensbüchsen, Hans Jürgen! Bist du taub?«

»Unseres Herrn Elensbüchsen!« wiederholte es stammelnd aus dem Dunkel des Hofes. Wenn die gestrenge Frau so erschien, fühlte niemand sich gemüßigt vorzutreten. Der arme Hans Jürgen stand ganz allein, und das Wort erstarb ihm auf der Lippe. Er stotterte etwas vom Krämer Hedderich, vom Sturm, vom Kurfürsten. Er hätte auch von den Sternen und seinem seligen Vater reden können, er wußte nicht, was er sprach.

»Wie siehst du aus! Ist hier Mummenschanz?« rief sie, die Fackel ihm fast ins Gesicht haltend. »Zum Aufpassen stellt ich dich hin, nicht zur Narreteiding.«

Mit einem raschen Griff hatte sie die Habichtsflügel und die Stahlhaube ihm vom Kopf gerissen; sie flogen auf den Boden. Mit einem zweiten löste sie unsanft den Bauchgurt, der den Degen hielt, daß er klirrend zu Boden niederfiel, und zum dritten hatte sie ihn am Arme aus dem Kreis gerissen.

»Den Harnisch soll da drinnen der Ruprecht lösen und den Rock ausziehen. Will ihn dir verschließen; deines Vaters Erbstück ist zu gut zur Fastnachtsjacke.«

»Verzeiht nur, gnädiger Herr«, wandte sie sich zu dem Ritter, »daß der ungeschickte Bub Euch Ungelegenheiten macht. Nichts als Mucken und Nucken im Kopf, wenn man ihm nicht allzeit auf die Finger sieht.«

»Frau Base«, sagte der Ritter, »er sollte mir das Geleit geben, wie Ihr bestimmt.«

»Doch nicht als Mummelack! Erst Birkenreiser und dann Ritterdegen. Der Hahn soll nicht über den Zaun fliegen. Die Leute lachten ja meinem Vetter von Lindenberg, einem kurfürstlichen Rat, nach, wenn er mit 'ner Vogelscheuche durch die Dörfer trottierte.«

Der arme Hans Jürgen! hörte er das stille Gelächter, in das auch der hohe Ritter, sein Beschützer, unwillkürlich einfiel. Die Bitte und Verwendung desselben half nichts, vielleicht weil sie nicht zu ernsthaft gemeint war. Dringen auf die Begleitung durfte er nicht, Peter Melchior flüsterte ihm zu: »Nehmt Euch in acht, daß sie nicht den Spaß merket!« Auch mochte er vielleicht nicht dringen. Die Gunst großer Herren ist ein Sonnenblick bei Aprilwetter. Er bedurfte zu nichts des Jungen.

»Hans Jochem soll Euch's Geleit geben, auch Peter Melchior, so er Lust hat. –«

»Nur bis zum Heidekrug«, fiel dieser rasch ein, »Muhme. Bin müd und will nächten bei meinem Gevatter in Golzow. Wenn morgen einer nach mir fragt, bin ich bei dem zu Nacht gewesen.«

»Und Hans Jürgen?« fragte lächelnd der Ritter, aber sein Lächeln galt dem vorsichtigen Peter Melchior.

»Der nächtigen!« rief die Edelfrau, »der soll gar nicht nächtigen und nicht schlafen, weil er schlief, als er wachen sollte. Denkt Euch, hat meines Herrn Leibkleid auf der Bleiche gelassen, und ich hab's ihm auf die Seele gebunden. Wozu ist er denn, wenn er zu nichts taugt! Zum Maulaffen feilhalten, zum Brummen und Grunzen wird er nicht gefüttert, auch nicht zum Mummenschanz. Hinaus soll er, auf der Stelle hinaus, und nicht wiederkehren, bis er's findet und bringt. Ich sollte strenger sein; aber dank's dem Herrn. Ist das Zucht? Hast du die gelernt in meinem Hause, daß ich ein Auge zudrücke. Ach, Herr von Lindenberg, man hat mit dem Jungen seine Not. Trotz und Übermut, und mein Mann ist ein guter Mann, aber zur Erziehung taugt er nicht. Ihr wißt doch, wie er eigensinnig ist auf das alte Erbstück, ich habe meine Not damit, und gerade die ließ der Junge draußen im Stich und weiß, wie's mir an die Seele geht. Aber Ihr habt Eil –«

»Sagt ja«, kreischte Peter Melchior dem Ritter ins Ohr. »Sie sagt Euch sonst die ganze Litanei von den Hosen –«

Es polterte und rasselte über die Zugbrücke, sie knarrte wieder, und das Fallgitter fiel in seine Fugen, die Fackeln erloschen, die Knechte und Mägde schlichen zurück. Warum mußten sie im Vorbeigehen alle auf ihn sehen, warum draußen durch das Fenster nach ihm schielen, warum wiesen sie mit den Fingern nach ihm? Er dachte es sich wenigstens. Der Harnisch lag auf der Erde, der Wappenrock hing über der Schemellehne; den Degen seines Vaters hatte die Muhme vor seinen Augen in den großen Schrank verschlossen. Da perlte ihm die erste Träne aus dem Auge, als sie vor allen zu ihm gesprochen: »Lerne was, dann kannst du was, aber was Hänschen nicht lernt, wird Hans nimmer lernen, und der du nicht gelernt, vor einer Leine Wache zu stehen, wie soll der vorm Feind seine Schuldigkeit tun.«

Sein Stolz war geknickt, sein Mut gebrochen. Wie höhnisch hatte ihm Hans Jochem vom Rosse zugenickt. Der war nun glücklich, der durfte sein Probestück ablegen, der brachte seinen Muhmen Geschenke zurück. Von ihm würden alle sprechen; wie würde er stolz des Sonntags zur Messe schreiten, wie sollten ihn die Leute ansehen, und ihn würde der vornehme Herr von Lindenberg mitnehmen nach Berlin, ihn ins Schloß nach Kölln bringen. Da ward er dem Kurfürsten vorgestellt, kam in die Ritterschule, erhielt besondere Aufträge und stieg in Ehren und Ansehen. Eine goldene Kette hing um seinen Hals, die schönen Fräulein sahen ihn mit Wohlgefallen an, sie scherzten mit ihm und ließen sich gern von ihm unterhalten, und wenn er einmal zurückkam in das Schloß seines Verwandten, selbst nun ein hoher, vornehmer Herr, da würde man ihm entgegenstürzen, wie heut dem Herrn von Lindenberg, vielleicht rief die Base wieder den Hans Jürgen, daß er dem Reiter den Steigbügel halte, daß er sein Pferd in den Stall führe, und er –

Es war zu viel, zu rasch, zu bitter war die Täuschung gekommen; die Tränen stürzten ihm aus den Augen, und, das Gesicht in die Arme drückend, lehnte er sich unter heißen Tränen an den Ofen.

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.