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Die Hörigkeit der Frau (The subjection of women)

John Stuart Mill: Die Hörigkeit der Frau (The subjection of women) - Kapitel 1
Quellenangabe
typeessay
authorJohn Stuart Mill, Harriet Taylor Mill, Helen Taylor
translatorJenny Hirsch
titleDie Hörigkeit der Frau (The subjection of women)
year1991
isbn3-927164-42-9
senderhelga.luebcke@t-online.de
created20051104
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Erstes Kapitel

Die vorliegende Arbeit hat den Zweck, so klar, wie es mir irgend möglich ist, die Gründe darzulegen, welche mich von der frühesten Zeit an, wo ich mir überhaupt eine Meinung über soziale und politische Verhältnisse zu bilden vermochte, zu einer Ansicht bestimmten, die ich seitdem unverrückt festgehalten habe und die, weit entfernt, schwächer oder schwankender zu werden, sich durch die Erfahrungen und das Nachdenken des reiferen Lebens bei mir nur immer stärker befestigt hat. Diese Ansicht, welche ich begründen will, ist die, daß das Prinzip, nach welchem die jetzt existierenden sozialen Beziehungen zwischen den beiden Geschlechtern geregelt werden – die gesetzliche Unterordnung des einen Geschlechtes unter das andere –, an und für sich ein Unrecht und gegenwärtig eines der wesentlichsten Hindernisse für eine höhere Vervollkommnung der Menschheit sei und daß es deshalb geboten erscheine, an die Stelle dieses Prinzips das der vollkommenen Gleichheit zu setzen, welches von der einen Seite keine Macht und kein Vorrecht zuläßt und von der andern keine Unfähigkeit voraussetzt.

Die Worte, welche ich der von mir unternommenen Arbeit vorauszuschicken für notwendig hielt, beweisen, wie schwierig sie ist. Man wäre jedoch in einem großen Irrtum, wenn man wähnte, die Schwierigkeit des Unternehmens läge in dem Mangel oder der Unklarheit der Vernunftgründe, auf welchen meine Überzeugung beruht. Ich habe mit andern Schwierigkeiten zu kämpfen, und zwar mit solchen, welche immer da entstehen, wo man es mit einer ganzen Masse sich streitend erhebender Gefühle zu tun hat. Solange eine Meinung sehr fest im Gefühl wurzelt, wird sie sich durch ein gegen sie geltend gemachtes Übergewicht von Argumenten nicht erschüttern lassen, sondern weit eher an Stabilität gewinnen. Wäre die Meinung als Resultat eines Argumentes gebildet worden, so dürfte man hoffen, die Widerlegung desselben werde auch die Festigkeit der Überzeugung erschüttern; beruht sie jedoch lediglich auf Gefühlen, so wird man sich, je schlechter man vor dem Angriff der Argumente bestehen kann, um so eifriger daran klammern und sich überreden, die Gefühle müßten einen tieferen Grund haben, einen Grund, den die Argumente gar nicht zu erreichen vermögen. Solange das Gefühl besteht, wird es nicht aufhören, neue Verschanzungen aufzuführen und die in die alten gelegte Bresche wieder auszufüllen. Und es gibt so viele Ursachen, welche dazu dienen, gerade in bezug auf diese Angelegenheit die Gefühle aller, welche an alten Einrichtungen und Gebräuchen hängen und sie beschützen, recht eingewurzelt und intensiv zu machen, daß es uns nicht wundernehmen darf, wenn wir gerade sie von dem Fortschritt der großen modernen geistigen und sozialen Übergangs-Periode noch so wenig gelockert und unterwühlt finden. Ebensowenig darf man annehmen, die Barbarei, welche Menschen am längsten festhalten, sei ein geringerer Grad von Barbarei als jene, welche sie früher abgeschüttelt haben.

Die Aufgabe derer, welche eine beinahe allgemein verbreitete Ansicht angreifen, wird unter allen Umständen eine sehr schwere sein. Sie müssen ungewöhnlich befähigt und überdies noch sehr glücklich sein, wenn es ihnen gelingt, sich überhaupt nur Gehör zu verschaffen. Andere Leute haben lange nicht so viele Schwierigkeiten, einen endgültigen Urteilsspruch zu erlangen, wie es jenen macht, daß ihre Sache nur einer Untersuchung unterzogen werde, und haben sie sich wirklich Gehör verschafft, so unterwirft man sie einer Reihe logischer Formalitäten, die sonst von keinem anderen Menschen gefordert werden. In allen anderen Fällen geht man von der Ansicht aus, derjenige, welcher eine Sache behauptet, habe sie zu beweisen. Wird jemand des Mordes angeklagt, so liegt es seinen Anklägern ob, den Beweis seiner Schuld zu führen, nicht ihm, seine Unschuld darzutun. Walten in betreff geschichtlicher Tatsachen, bei denen im allgemeinen die Gefühle der Menschen nicht sehr in Frage kommen, Meinungsverschiedenheiten ob, wie z.B. über die Belagerung von Troja, so erwartet man, daß diejenigen, welche behaupten, das Ereignis habe wirklich stattgefunden, ihre Beweisgründe dafür beibringen, und erst wenn dies geschehen, verlangt man, daß die, welche die geschichtliche Wahrheit des Ereignisses anzweifeln, etwas darüber sagen, und fordert von ihnen niemals mehr, als daß sie die von der Gegenpartei vorgebrachten Beweisgründe als nicht stichhaltig entkräften. Handelt es sich um praktischere politische oder soziale Dinge, so wird die Beweisführung von denen erwartet, welche sich als Gegner der Freiheit hinstellen und irgendeiner Einschränkung oder einem Verbot das Wort reden, mag es sich dabei um eine Beschränkung der Freiheit für die Menschheit im allgemeinen handeln, oder mag von einer Ungleichheit oder einem Vorrecht einer Person oder einer Klasse von Personen im Vergleich zu andern die Rede sein. Es ist a priori die Annahme immer zugunsten der Freiheit und Unparteilichkeit. Man geht von der Ansicht aus, die Rücksicht auf das allgemeine Wohl erfordere keine Beschränkung, das Gesetz sei ohne Ansehen der Person für alle gleich, ausgenommen da, wo eine ungleiche Behandlung durch ganz bestimmte Gründe der Justiz oder der Staatsklugheit geboten erscheine. Denjenigen, welche sich zu der von mir vertretenen Meinung bekennen, gestattet man jedoch nicht, von einem dieser Gesetze der Beweisführung Vorteil zu ziehen. Es nützt mir nichts, wenn ich sage, daß diejenigen, welche den Satz verfechten: der Mann habe das Recht zu befehlen und die Frau die Pflicht zu gehorchen, oder der Mann sei geeignet, die Frau ungeeignet zur Herrschaft, die Partei sind, welche die Behauptung aufstellen, und daß es deshalb ihre Aufgabe sei, entweder positive Beweise dafür beizubringen oder sich die Verwerfung ihrer Behauptung gefallen zu lassen. Ebensowenig Vorteil wird es mir bringen, wenn ich darauf aufmerksam mache, daß diejenigen, welche den Frauen Freiheiten und Privilegien vorenthalten wollen, die den Männern rechtlich gewährleistet sind, sich dem zwiefachen Verdacht aussetzen, die Freiheit beeinträchtigen und die Parteilichkeit empfehlen zu wollen, daß von ihnen deshalb die strikteste Beweisführung in ihrer Sache zu fordern sei, und wenn dieselbe nicht so geführt werde, daß sie absolut jeden Zweifel ausschließe, der Urteilsspruch gegen sie ausfallen müsse. In gewöhnlichen Fällen würde man diese Einreden als völlig begründet anerkennen, in dieser Angelegenheit ist man weit entfernt davon. Man verlangt nicht nur von mir, daß ich eine Antwort auf alles habe, was je von denen gesagt ist, die in der Frage auf der andern Seite stehen, sondern ich soll mir auch alles vergegenwärtigen, was möglicherweise noch von ihnen gesagt werden könnte – ich soll ihre Gründe auffinden und dafür sogleich die Entgegnung bei der Hand haben; ich soll gleichzeitig alle Argumente für die Bejahung widerlegen und unüberwindliche positive Argumente für die Verneinung beibringen. Vermöchte ich aber selbst allen diesen Anforderungen zu genügen, ließe ich die Gegenpartei auf dem Kampfplatze zurück mit einer ganzen Anzahl von Argumenten, worauf sie mir die Antwort schuldig geblieben, während ich die ihrigen ohne Ausnahme siegreich widerlegt hätte, so würde man doch immer meinen, ich habe nur erst sehr wenig getan. Eine Sache, die unterstützt ist auf der einen Seite vom allgemeinen Herkommen, auf der andern vom populären Gefühl, hat ein zu großes Vorurteil für sich, und dieses wird sich stärker erweisen als jede Überzeugung, welche ein Appell an die gesunde Vernunft in den meisten Köpfen, mit Ausnahme besonders bevorzugter, hervorbringen kann.

Ich erwähne diese Schwierigkeiten nicht, um mich über sie zu beklagen, und zwar vor allen Dingen um dessentwillen nicht, weil mir das doch nichts helfen würde. Sie sind untrennbar von jedem Streit, der unternommen wird zwischen dem Verständnis der Leute auf der einen und deren Gefühlen und langgehegten Gewohnheiten auf der anderen Seite, und wahrlich, das Fassungsvermögen der großen Menge müßte anders geschult und entwickelt sein, als dies bisher der Fall gewesen ist, ehe man von ihr fordern könnte, sie solle in ihre eigene Fähigkeit, Beweisgründe zu würdigen, ein solches Vertrauen setzen, um bei dem ersten durch Argumente unterstützten Angriff, dem sie logisch keinen Widerstand entgegenzusetzen vermag, praktisch geübte Prinzipien aufzugeben, in welchen sie geboren und erzogen ist und welche die Grundlage der meisten gegenwärtig in der Welt zu Recht bestehenden Einrichtungen bilden. Ich mache den Leuten deshalb auch keineswegs einen Vorwurf daraus, daß sie zu wenig Glauben an Beweisgründe haben, sondern daraus, daß sie dem Herkommen und dem allgemeinen Gefühl ein zu großes Vertrauen schenken.

Das reaktionäre neunzehnte Jahrhundert tritt namentlich durch ein Vorurteil in einen sehr charakteristischen Gegensatz zum achtzehnten, es mißt nämlich den außerhalb des Denkvermögens liegenden Elementen der menschlichen Natur dieselbe Unfehlbarkeit bei, welche das achtzehnte Jahrhundert den denkenden und schließenden Elementen eingeräumt haben soll. An die Stelle der Apotheose der Vernunft haben wir die des Instinktes gesetzt, und Instinkt nennen wir alle Regungen in uns, wofür wir keine vernünftigen Beweggründe aufzufinden vermögen. Dieser Götzendienst, der noch weit erniedrigender als der frühere und überdies der verderblichste von allen falschen Kulten der Gegenwart ist, wird sich wahrscheinlich so lange behaupten, bis eine gesunde Psychologie die wahre Wurzel vieler Dinge bloßlegt, welche jetzt für Zwecke der Natur und göttliche Anordnungen ausgegeben werden. Was nun die von mir zu behandelnde Frage anbetrifft, so bin ich bereit, alle die mir durch das Vorurteil gestellten ungünstigen Bedingungen anzunehmen. Ich willige ein, daß die hergebrachte Sitte und das allgemeine Gefühl so lange als gegen mich entscheidend betrachtet werden sollen, bis nachgewiesen ist, daß Sitte und Gefühl von Jahrhundert zu Jahrhundert ganz anderen Ursachen ihre Existenz verdankten als ihrer Gesundheit und daß ihre Macht viel mehr den bösen als den guten Seiten der menschlichen Natur entstammt. Ich lasse mir gefallen, daß das Urteil gegen mich lautet, bis ich nachgewiesen habe, daß der Richter selbst bestochen sei. Die Konzession ist nicht so groß, wie sie scheinen mag, denn diese Beweisführung ist bei weitem der leichteste Teil meiner Aufgabe.

Man geht bei bestehenden Einrichtungen im allgemeinen von der Voraussetzung aus, dieselben seien geeignet, löbliche Zwecke zu erreichen oder hätten sich doch auf alle Fälle früher einmal dazu geeignet erwiesen, und dies verhält sich in der Tat so, wenn eine Einrichtung eingeführt oder aufrechterhalten wird aufgrund der Erfahrung, daß der beabsichtigte Zweck wirklich in dieser Weise am besten und erfolgreichsten erreicht werden könne. Anders würde es sein, wäre nun die Autorität der Männer über die Frauen bei ihrer ersten Einführung das Resultat einer gewissenhaften Vergleichung zwischen verschiedenen Formen der Herrschaft in der Gesellschaft gewesen. Wäre man, nachdem man mehrere andere Formen der gesellschaftlichen Organisation versucht hätte – wie z.B. die Herrschaft der Frauen über die Männer oder Gleichheit zwischen beiden Geschlechtern oder irgendein anderer Modus der zwischen ihnen geteilten Gewalt –, alsdann nach dem Zeugnis der Erfahrung zu der Entscheidung gekommen, die beste Einrichtung und die sicherste für das Glück und Wohlbefinden beider Geschlechter sei die, nach welcher die Frauen gänzlich unter der Herrschaft der Männer stehen, keinen Teil an irgendeiner öffentlichen Angelegenheit haben und jede für sich noch gesetzlich zum Gehorsam gegen den Mann verpflichtet ist, mit dem sie ihr Geschick vereint hat, so könnte man die allgemeine Annahme dieser Einrichtung für den Beweis ansehen, daß sie zu der Zeit, wo man sie einführte, wirklich die beste gewesen sei. Aber selbst dann könnten die Erwägungen, welche damals zu ihren Gunsten sprachen, im Laufe der Zeit gänzlich aufgehört haben, wie dies ja bei andern gesellschaftlichen Einrichtungen aus frühern Jahrhunderten, denen die größte Wichtigkeit beigelegt ward, vielfach der Fall gewesen ist. Die Sachlage ist jedoch in allen Punkten genau das Gegenteil von allen diesen Voraussetzungen. Zuvörderst beruht die günstige Meinung für das gegenwärtige System, welches das schwächere Geschlecht dem stärkern gänzlich unterordnet, nur auf Theorie, denn man hat niemals mit einem andern nur einen Versuch gemacht, so daß also die Erfahrung in diesem Falle durchaus kein Urteil abzugeben vermag. Zweitens war die Einführung dieses Systems der Ungleichheit niemals das Resultat der Überlegung oder des Vordenkens oder irgendwelcher sozialen Ideen oder sonst einer Erwägung dessen, was zum Besten der Menschheit und zu einer guten gesellschaftlichen Ordnung am ersprießlichsten sei. Es verdankt seine Entstehung einfach dem Umstande, daß vom frühesten Kindesalter der Menschheit an jede Frau sich in einem Zustande der Knechtschaft bei irgendeinem Manne befunden hat. Gesetze und politische Systeme beginnen mit Anerkennung derjenigen Beziehungen, welche sie bereits bei den einzelnen Individuen als bestehend vorfinden. Sie verwandeln das, was eine bloße physische Tatsache war, in ein legales Recht, geben ihm die Sanktion der Gesellschaft und sind grundsätzlich bestrebt, diese Rechte durch öffentliche und organisierte Einrichtungen zu sichern und zu schützen und dadurch die unregelmäßigen und ungesetzlichen Konflikte der physischen Kraft unmöglich zu machen. Diejenigen, welche bereits zum Gehorsam gezwungen worden waren, sahen sich auf diese Weise nun auch gesetzlich dazu verurteilt. Die Sklaverei, welche eine bloße Frage der physischen Kraft zwischen dem Herrn und dem Sklaven gewesen war, wurde geregelt und ward ein Punkt des Übereinkommens zwischen den Herren, welche sich miteinander zum gegenseitigen Schutz verbanden und sich durch ihre vereinigte Kraft ihre gesamten Besitztümer und einschließlich auch ihre Sklaven garantierten. In früheren Zeiten war die Mehrzahl des männlichen Geschlechtes ebensogut Sklaven wie das gesamte weibliche Geschlecht. Und es verflossen viele Jahrhunderte, und unter diesen manches Jahrhundert hoher Kultur, ehe ein Denker kühn genug war, das Recht und die absolute Notwendigkeit der einen oder der andern Sklaverei in Frage zu ziehen. Allmählich standen solche Denker auf, welche den allgemeinen Fortschritt der Gesellschaft unterstützten, und so ist denn in allen Landern des christlichen Europas (in einem derselben allerdings erst in den letzten Jahren) die Sklaverei des männlichen Geschlechts gänzlich aufgehoben, die des weiblichen Geschlechts nach und nach in eine mildere Form der Abhängigkeit umgewandelt worden. Diese Abhängigkeit, wie sie gegenwärtig existiert, ist jedoch keine ursprüngliche Institution, welche durch Erwägungen der Gerechtigkeit und der sozialen Wohlanständigkeit einen frischen Impuls erhalten hätte – sie ist der immer noch andauernde primitive Zustand der Sklaverei, nur gelindert und gemäßigt durch dieselben Ursachen, welche im allgemeinen die Sitten gemildert und alle Beziehungen zwischen den Menschen einem größern Einflusse der Gerechtigkeit und Humanität unterworfen haben. Den Flecken ihrer brutalen Abstammung hat die Abhängigkeit der Frauen dadurch aber noch lange nicht verloren, und es kann deshalb aus dem Umstände, daß sie vorhanden ist, durchaus keine günstige Meinung für ihr Dasein hergeleitet werden. Das einzige, was man vielleicht zu ihren Gunsten anführen könnte, müßte darauf begründet werden, daß sie sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat, während andere Mißbräuche, deren Ursprung auf dieselbe abscheuliche Quelle zurückzuführen ist, längst abgeschafft sind, und in der Tat ist es dieser Umstand, welcher dazu dient, oberflächlicheren Zuhörern die Versicherung so unglaublich klingen zu lassen, daß die Ungleichheit der Rechte zwischen Mann und Frau keine andere Quelle habe als das Faustrecht – das Recht des Stärksten.

Es gibt dem Fortschritt der Zivilisation und der Veredlung des moralischen Gefühls der Menschheit in gewisser Hinsicht ein günstiges Zeugnis, daß die aufgestellte Behauptung den Eindruck des Paradoxen macht. Wir leben jetzt – d.h. eine oder einige der am weitesten vorgeschrittenen Nationen leben jetzt in einem Zustande, in welchem das Gesetz des Stärksten als leitender Grundsatz in den weltlichen Angelegenheiten gänzlich verworfen zu sein scheint; niemand bekennt sich mehr offen dazu, und in den meisten Beziehungen zwischen den Menschen ist auch niemandem mehr dessen Anwendung gestattet. Gelingt es jemandem dennoch, das Recht des Stärkeren zur Ausführung zu bringen, so geschieht dies nur unter irgendeinem Verwande, welcher seiner Handlung den Anschein gibt, als werde durch dieselbe ein allgemeines soziales Interesse gewahrt. Weil dies die augenfällige Lage der Verhältnisse ist, schmeichelt sich das Publikum aber, das Gesetz des Stärkern habe wirklich aufgehört und könne unmöglich den Grund für die Existenz einer Einrichtung bilden, welche bis auf den heutigen Tag in vollster Kraft besteht. Man denkt, eine unserer gegenwärtigen Institutionen, möge sie begonnen haben, wie sie wolle, könnte sich unmöglich bis zu unserer jetzigen Periode vorgeschrittener Zivilisation erhalten haben, wenn sie nicht gestützt würde durch ein wohlbegründetes Gefühl ihrer Paßlichkeit für die menschliche Natur und ihrer Ersprießlichkeit für das allgemeine Beste. Die Leute übersehen dabei nur die große Lebensfähigkeit und Dauerhaftigkeit solcher Institutionen, welche der Macht das Recht an die Seite setzen; sie überlegen nicht, wie fest und zähe man an diesen hängt, wie sehr die guten wie die bösen Neigungen derer, welche die Macht in Händen haben, sich vereinigen, um sie festzuhalten; wie langsam schlechte Institutionen zu Fall gebracht werden können, wie sie nur sehr vereinzelt schwinden und zuerst immer die, welche am wenigsten mit den Gewohnheiten des täglichen Lebens verwachsen sind. Man bedenkt nicht, daß diejenigen, welche gesetzliche Macht erlangten, weil sie zuerst physische besaßen, jener sich selten eher entäußert haben, als bis diese physische Macht auf die bis dahin Unterdrückten übergegangen war. Da nun ein solcher Wechsel der physischen Kraft in der Sache der Frauen niemals zu erwarten steht und da sich zu diesem Umstande noch einige andere gesellen, welche den Fall ganz besonders eigentümlich und charakteristisch machen, so ist es wohl als gewiß anzunehmen, daß dieser Zweig des Systems des auf Macht begründeten Rechtes, obwohl er gegen früher in seinen rohesten Zügen sehr und in einem höheren Grade als verschiedene andere gemildert worden ist, doch derjenige sein wird, den wir am allerletzten verschwinden sehen werden.

Es war unvermeidlich, daß von allen auf Macht begründeten gesellschaftlichen Beziehungen gerade diese eine Einrichtung alle andern überdauern und durch Generationen, in welchen man Institutionen besitzt, die auf dem Prinzip gleicher Gerechtigkeit begründet sind, eine beinahe einzige Ausnahme von dem allgemeinen Charakter der Zeit, ihren Gesetzen und Sitten bilden mußte. Solange diese Einrichtung nicht selbst ihren Ursprung verkündete und solange ihr wahrer Charakter nicht durch Diskussionen an die Öffentlichkeit gebracht ward, ließ man sich nicht einfallen, in einem wie schneidenden Gegensatze sie zur modernen Zivilisation stehe – in einem ebenso großen Gegensatz, wie die häusliche Sklaverei bei den Griechen zu der Ansicht stand, welche sie von sich als von einem freien Volke hatten.

Die jetzt lebende Generation und die zwei oder drei ihr zuletzt vorangegangenen haben in Wahrheit jedes praktische Verständnis für die primitiven Bestimmungen der Menschheit verloren, und nur diejenigen, welche die Geschichte zu einem besonderen Studium gemacht, und diejenigen, welche die noch jetzt von den lebenden Repräsentanten längst vergangener Zeiten bewohnten Teile der Erde öfter besucht haben, können sich ein Bild von dem früheren Zustande der Gesellschaft machen. Die Leute begreifen es gar nicht, wie absolut in früheren Jahrhunderten das Gesetz der überlegenen Kraft zugleich Gesetz des Lebens war und wie offen und unumwunden man sich dazu bekannte; ich sage offen und unumwunden, hüte mich aber wohl, Ausdrücke wie zynisch oder schamlos zu gebrauchen, denn dadurch würde angedeutet werden, daß man sich doch des Beschämenden dieser Einrichtung bewußt gewesen wäre, und damit verleitete man zu einem Irrtum. Ein solches Bewußtsein konnte in jenen Jahrhunderten in keinem Kopfe auftauchen, es müßte denn der eines Philosophen oder Heiligen gewesen sein. Die Geschichte gibt uns einen recht traurigen Einblick in die menschliche Natur, indem sie uns schildert, wie genau die Rücksicht, welche man dem Leben, dem Eigentum, der ganzen irdischen Glückseligkeit einer Klasse von Personen schuldig zu sein glaubte, abgemessen ward nach ihrer Macht, etwas zu verteidigen oder zu erobern; wie alle, welche sich der bewaffneten Autorität widersetzten, mochte die Veranlassung dazu auch eine noch so furchtbare gewesen sein, nicht allein das Gesetz des Stärkeren, sondern alle anderen Gesetze und alle Ansichten über ihre Verpflichtungen gegen die Gesellschaft gegen sich hatten und in den Augen derer, denen sie Widerstand geleistet, nicht nur für Verbrecher galten, sondern für Verbrecher der allerschlimmsten Art, gegen die man die grausamsten Strafen, die ein Mensch nur für den andern ersinnen konnte, zur Ausführung bringen mußte. Der erste schwache Schimmer eines Gefühls der Verpflichtung eines Höhergestellten, die Rechte Untergebener anzuerkennen, begann erst dann, wenn er durch irgendwelche Umstände genötigt worden war, ihnen irgendein Versprechen zu leisten; und obschon auch diese Versprechen, selbst wenn sie durch die feierlichsten Eide bekräftigt waren, jahrhundertelang bei den nichtigsten Anlässen gebrochen oder verletzt wurden, so liegt doch die Wahrscheinlichkeit vor, daß dies, ausgenommen Personen, welche tiefer als auf der damaligen Durchschnittsstufe der Moralität standen, immer nicht ohne einige Gewissensskrupel geschah. Die alten Republiken, von Anfang an meistens auf einer Art von gegenseitigem Vertrag gegründet oder wenigstens durch die Vereinigung von Personen von nicht sehr ungleicher Stärke gebildet, lieferten demzufolge das erste Beispiel einer gesellschaftlichen Verbindung, welche durch ein anderes Gesetz als das des Stärkern zusammengefügt und beherrscht ward. Bleibt auch das ursprüngliche Gesetz der Stärke in voller Kraft zwischen den Republikanern und ihren Sklaven und ebenso (wo es nicht durch ausdrücklichen Vertrag beschränkt war) zwischen einer Republik und ihren Untertanen oder andern unabhängigen Republiken, so datiert doch von der Aufhebung desselben für einen, wenn auch nur sehr engen Kreis die Regeneration der menschlichen Natur, denn es entstanden dadurch neue Anschauungen, welche man bald durch die Erfahrung als außerordentlich wertvoll für das materielle Interesse erkannte und die von da an nur erweitert, nicht mehr hervorgerufen zu werden brauchten. Obgleich die Sklaven nicht als ein Teil der Republik betrachtet wurden, erkannte man doch in den Freistaaten zuerst an, daß sie als menschliche Wesen Rechte besäßen.

Die Stoiker waren, glaube ich, die ersten (abgesehen von der durch das jüdische Gesetz gebotenen Ausnahme), welche als einen Teil ihres Sittengesetzes den Satz aufstellten: der Mensch habe gegen seine Sklaven moralische Verpflichtungen zu erfüllen. Seit dem Auftreten des Christentums konnte niemand dieser Lehre in der Theorie mehr fremd bleiben, und solange die katholische Kirche besteht, haben sich zu allen Zeiten eifrige Verteidiger derselben gefunden. Dennoch war ihre Durchführung eine der schwersten Aufgaben, welche das Christentum zu erfüllen hatte. Länger als tausend Jahre führte die Kirche den Kampf ohne einen irgend nennenswerten Erfolg. Das Mißlingen hatte seinen Grund nicht in ihrem Mangel an Macht über die Gemüter der Menschen. Die Macht der Kirche war unbegrenzt. Sie konnte Könige und Fürsten vermögen, sich ihrer kostbaren Schätze zum Besten der Kirche zu entäußern. Sie konnte Tausende bestimmen, in der Blüte des Lebens, im Besitz aller Erdengüter und Ehren, auf alles zu verzichten und sich in Klöstern einzuschließen, um durch Armut, Beten und Kasteien den Himmel zu erwerben. Sie konnte Hunderttausende über Land und Meer, durch Europa und Asien senden, um für die Befreiung des Heiligen Grabes ihr Leben zu opfern. Sie konnte Könige dazu bringen, sich von Frauen, die sie mit der leidenschaftlichsten Zärtlichkeit liebten, zu scheiden, weil die Kirche erklärte, daß sie im siebenten (nach unserer Berechnung im vierzehnten) Grade mit ihnen verwandt waren. Alles dieses konnte die Kirche; was sie aber nicht konnte, war, die Menschen dahin zu bringen, daß sie einander weniger bekämpften oder ihre Leibeigenen und, wenn sie es imstande waren, auch ihre Bürger weniger grausam tyrannisierten. Sie konnte sie nicht dazu bringen, auf die Anwendung der Gewalt zu verzichten, mochte sich diese nun fechtend oder triumphierend äußern. Dazu vermochten die Machthaber nur eins zu bestimmen, eine andere, der ihrigen überlegene Gewalt. Nur die wachsende Macht der Könige setzte den bis dahin zwischen den einzelnen Rittern und Herren geführten Kämpfen ein Ziel und beschränkte den Krieg auf Könige oder Kronprätendenten gegeneinander; nur durch das Erstarken eines reichen und waffentüchtigen Bürgerstandes in den befestigten Städten und durch städtisches Fußvolk, das sich im Felde mächtiger erwies als die undisziplinierte Reiterei, gelang es, die unverschämte Tyrannei der Adeligen gegen den Bürger- und Bauernstand in gewisse Grenzen zu bannen. Der Hang und die Versuche zur Unterdrückung der andern Stände seitens des Adels blieb nicht nur bis, sondern lange nachdem die Unterdrückten zu einer Macht gelangt waren, welche sie in den Stand setzte, eine sehr empfindliche Rache zu üben, und dieser Zustand herrschte auf dem Kontinent noch vielfach zur Zeit der Französischen Revolution, während ihm in England die frühere und bessere Organisation der demokratischen Klassen durch Einführung gleicher Gesetze für alle und freie nationale Institutionen ein schnelleres Ende gemacht hatte.

Befindet man sich somit darüber in Unwissenheit, daß während der bei weitem größten Zeit der Existenz des Menschengeschlechtes das Recht des Stärkeren das anerkannte Gesetz für das allgemeine Verhalten war, während jedes andere nur als besondere und ausnahmsweise Folge speziell getroffener Übereinkommen betrachtet werden durfte, und daß die Ansprüche, daß die sozialen Angelegenheiten im großen und ganzen nach den Bestimmungen des Sittengesetzes geregelt werden sollen, erst von einer nicht sehr fern liegenden Epoche an datieren, so gibt man sich ebensowenig Mühe, sich zu erinnern oder darüber nachzudenken, daß Einrichtungen und Gebräuche, welche nie einen andern Grund und Ursprung hatten als das Recht der Gewalt, jetzt noch inmitten eines Jahrhunderts fortbestehen, dessen Ansichten und Denkweise ihre Einführung nimmermehr gestattet hätten. Es sind noch nicht vierzig Jahre her, daß es Englandern gesetzlich erlaubt war, menschliche Geschöpfe in Knechtschaft zu halten und als ihr verkaufbares Eigentum zu betrachten; noch in unserm Jahrhundert war es gestattet, Neger mit List oder Gewalt fortzuschleppen, zu verschachern, sie buchstäblich zu Tode zu hetzen. Dieses äußerste Extrem des Gesetzes der Gewalt, das selbst von denen verdammt wird, welche sonst jede andere Form der Gewaltherrschaft gutzuheißen vermögen, diese das Gefühl aller, welche sich auf einen unparteiischen Standpunkt stellen können, empörende Abscheulichkeit war noch so lange Gesetz im zivilisierten, christlichen England, daß viele der unter uns Lebenden sich dessen erinnern können, und in der einen Hälfte des anglosächsischen Amerika existierte vor drei oder vier Jahren nicht nur die Sklaverei, sondern der Sklavenhandel und die »Züchtung« von Sklaven zum Zwecke des Verkaufes gehörte zu den lebhaftesten kommerziellen Beziehungen, welche die Sklavenstaaten miteinander unterhielten. Ein solcher Zustand konnte so lange bestehen, obgleich nicht nur ein sehr starkes Gefühl dagegen vorherrschend war, sondern auch, wenigstens in England, sich eine weit geringere Summe der Vorliebe und des Interesses dafür erhob, als dies sonst bei andern gewohnheitsmäßigen Mißbräuchen der Gewalt der Fall zu sein pflegt, denn hier trat das Motiv – die krasse Habsucht – gar zu nackt und unverhüllt zutage, und diejenigen, welche von dem Mißbrauch Vorteil zogen, waren doch immer numerisch ein nur sehr kleiner Teil des Landes, während das natürliche Gefühl aller, die nicht persönlich dabei interessiert waren, nur der ungeteilteste Abscheu sein konnte. Das Anführen eines so extremen Beispiels macht es eigentlich überflüssig, noch andere herbeizuziehen; betrachten wir aber dennoch auch die lange Dauer der absoluten Monarchie. In England herrscht gegenwärtig fast durchgängig die Überzeugung, daß der Militär-Despotismus nichts als eine Form des Gesetzes der Gewalt sei und keinen andern Ursprung, keine andere Rechtfertigung als dieses habe, wogegen er in anderen europäischen Staaten noch existiert oder soeben erst zu existieren aufgehört hat und es noch in allen Schichten des Volkes und namentlich unter den Personen von Rang und Einfluß eine starke ihm günstig gesinnte Partei gibt. So groß ist die Macht eines bestehenden Systems selbst noch dann, wenn es durchaus nicht mehr universell ist, und obgleich es nicht allein in jeder Periode der Geschichte große und wohlbekannte Beispiele eines gegenteiligen Systems gegeben hat, sondern diejenigen Staaten, welche ein solches bei sich einführten, dadurch unveränderlich zu einem bedeutenden und berühmten Gemeinwesen gelangten. Ferner ist auch in diesem Falle der Inhaber der unbegrenzten Macht – derjenige, welcher direkt an dem System interessiert ist – nur eine Person, während alle übrigen als Untertanen eigentlich darunter zu leiden haben. Das ihnen aufgelegte Joch mußte naturgemäß und notwendigerweise für alle drückend und demütigend sein, mit Ausnahme dessen, der den Thron einnimmt, und dessen, welcher sein Nachfolger zu sein erwartet; und dennoch sahen und sehen wir, daß man dieses System nicht nur ganz natürlich findet, sondern ihm auch den Vorzug vor andern eingeräumt hat und vielleicht noch einräumt.

Wie verschieden sind indes die angeführten Beispiele von der Macht der Männer über die Frauen! Ich will die Frage jetzt noch gar nicht vom rechtlichen Standpunkt aus angreifen. Ich will nur zeigen, wie diese Herrschaft, selbst wenn sie sich durch gar nichts rechtfertigen ließe, doch der Natur der Sache nach eine viel permanentere werden mußte als die andern, welche dessenungeachtet bis zu unsern Zeiten herab gewährt haben. Die Genugtuung, welche die Ausübung der Macht dem Stolze gewährt, das persönliche Interesse, welches damit verbunden ist, beschränkt sich hier nicht auf einen einzelnen oder auf eine begrenzte Anzahl, sondern ist dem gesamten männlichen Geschlecht gemeinsam. Es handelt sich hier nicht um abstrakte Wünsche, nicht, wie bei politischen Bewegungen, um Errungenschaften, welche nur für die Führer eine bedeutendere persönliche Wichtigkeit haben, sondern es betrifft die Person und den häuslichen Herd jedes männlichen Familienhauptes wie jedes, der einmal ein solches zu werden gedenkt. Der niedrigste Tagelöhner übt sein Teil daran ebensogut oder gedenkt es auszuüben wie der Abkömmling des höchsten Adelsgeschlechtes. Der Wunsch nach Macht ist in diesem Falle um so stärker, als jeder, der nach Macht strebt, sie vor allen Dingen über die zu besitzen wünscht, welche ihm am nächsten stehen, mit denen er die meisten gemeinsamen Beziehungen hat, mit denen er sein Leben verbringt und bei denen jede Unabhängigkeit von seiner Autorität seinen Neigungen und Gewohnheiten störend in den Weg treten kann.

Sind schon die andern angeführten Beispiele einer auf Gewalt gegründeten Macht, deren Erhaltung soviel weniger im allgemeinen Interesse lag, nur langsam und mit den größten Schwierigkeiten zu beseitigen gewesen, um wieviel schwieriger muß es in diesem Falle sein, selbst wenn keine bessere Grundlage als für die andern vorhanden ist. Wir müssen dabei noch bedenken, daß die Machthaber in diesem Falle noch ganz andere Handhaben zur Niederhaltung jeder Auflehnung gegen sich besitzen, als in jedem anderen Verhältnis zu Gebote stehen. Die Unterdrückten leben jede unter den Augen und man könnte beinahe sagen in den Händen ihres Herrn, in engerer Gemeinschaft mit ihm als mit irgendeinem ihrer Mitgeschöpfe, ohne jegliches Mittel, sich gegen ihn zu verbünden, ohne die Macht, ihn selbst örtlich zu überwältigen, wohl aber mit den stärksten Motiven, seine Gunst zu gewinnen und alles zu vermeiden, was ihn aufbringen könnte. Es ist genugsam bekannt, wie oft in Kämpfen für politische Emanzipation die Führer durch Bestechung der Sache, welcher sie dienten, abwendig gemacht oder durch Drohungen eingeschüchtert worden sind. In der Frauensache ist jedes Individuum der unterdrückten Partei in einem chronischen Zustande der gleichzeitigen Bestechung und Einschüchterung. Eine große Anzahl der Anführerinnen und eine noch bei weitem größere Zahl derer, welche sich ihnen anschließen, mußten, indem sie die Fahne des Widerstandes entrollten, alle Freuden, alle Annehmlichkeiten, welche ihr individuelles Los ihnen bis dahin gewährt hat, beinahe vollständig zum Opfer bringen. Hat jemals ein System des Privilegiums und der gewaltsamen Niederhaltung sein Joch eng um die Nacken derer, auf welchen es lastet, geschlungen, so ist es dieses. Ich habe noch gar nicht bewiesen, daß es ein ungerechtes System ist; aber jeder, der imstande ist, über den Gegenstand nachzudenken, muß einsehen, daß, selbst wenn es ein solches war, es doch alle andern Formen ungerechter Autorität überdauern mußte. Und da, wie wir gesehen haben, einige der gröbsten Formen dieser ungerechten Autorität noch in mehreren zivilisierten Landern existieren und in andern soeben erst abgeschüttelt worden sind, so müßte es wunderbar zugehen, wenn diese bei weitem am tiefsten eingewurzelte Form irgendwo schon in einer bemerkenswerten Weise erschüttert sein sollte. Ein viel größeres Wunder scheint es im Gegenteil, daß sich dagegen schon so zahlreiche Proteste und Zeugnisse erhoben haben, wie dies in der Tat der Fall ist.

Man könnte den Einwand erheben, daß sich ein Vergleich zwischen der Herrschaft des männlichen Geschlechtes und den von mir angeführten Formen einer ungerechten Macht nicht wohl ziehen lasse, weil diese willkürlich und die Folge bloßer Usurpation waren, jene im Gegenteil natürlich sei. Aber gab es denn jemals eine Herrschaft, welche denen, die im Besitz derselben waren, nicht natürlich erschien? Es gab eine Zeit, wo die Teilung des Menschengeschlechtes in zwei Klassen, eine kleine der Herren und eine zahlreiche der Sklaven, selbst den gebildetsten Geistern ganz natürlich, ja als die einzige natürliche Bedingung für das Menschengeschlecht erschien. Kein Geringerer als der so enorm viel zum Fortschritt der Menschheit beitragende Aristoteles vertrat ohne Zweifel, ohne das geringste Schwanken diese Ansicht und basierte sie auf denselben Voraussetzungen, auf welchen die Behauptung der Notwendigkeit der Herrschaft der Männer über die Frauen gewöhnlich basiert wird, nämlich innerhalb des menschlichen Geschlechtes gäbe es verschiedene Naturen – freie Naturen und Sklaven-Naturen. Die Griechen hätten eine freie Natur, die barbarischen Rassen der Thrakier und Asiaten aber eine Sklaven-Natur. Doch weshalb brauche ich denn bis Aristoteles zurückzugehen? Stellten nicht die Sklavenhalter in den Südstaaten von Amerika ganz dieselbe Behauptung mit dem ganzen Fanatismus auf, mit welchem Menschen Theorien festhalten, die ihre Leidenschaften rechtfertigen und ihrem persönlichen Interesse Legitimität geben? Nahmen sie nicht Himmel und Erde dafür zu Zeugen, daß die Herrschaft des Weißen über den Schwarzen eine Einrichtung der Natur sei, daß die schwarze Rasse von Natur ganz unfähig für die Freiheit sei und das Zeichen der Knechtschaft in sich trage? Einige gingen in ihrem Eifer sogar so weit, zu behaupten, die Freiheit der Handarbeiter sei überhaupt eine naturwidrige Ordnung der Dinge.

Von der andern Seite erklärten auch die Anhänger der absoluten Monarchie dieselbe für die einzige natürliche Staatsform, hervorgegangen aus dem patriarchalen Verhältnis, welches die erste sich ganz freiwillig entwickelnde gesellschaftliche Form gewesen sei, denn sie sei auf der Familie basiert. Da aber die Familie die Grundlage für die Gesellschaft bilde, sei eine Staatsform, die sich auf sie zurückführen lasse, die allein naturgemäße. Ja selbst das Gesetz des Stärkeren hat für diejenigen, welche sich auf kein anderes berufen konnten oder wollten, immer als der natürlichste Grund für die Ausübung der Gewalt gegolten. Erobernde Völkerstämme fanden es stets ganz natürlich, daß die Unterworfenen den Siegern Gehorsam leisten mußten oder, wie sie es wohllautender umschrieben, daß der schwächere, unkriegerische Stamm dem tapferen, männlichen untergeben sei. Die oberflächlichste Bekanntschaft mit den Lebensverhältnissen des Mittelalters lehrt uns, wie außerordentlich natürlich dem feudalen Adel die von ihm über die niederen Stände ausgeübte Herrschaft erschien und wie unnatürlich und unerhört ihm der Gedanke war, eine Person aus diesen unteren Schichten könne Gleichstellung mit ihm beanspruchen oder gar über ihn zur Herrschaft gelangen. Und nicht bloß die herrschenden Klassen huldigten dieser Ansicht, sie war bei den unterdrückten nicht weniger verbreitet. Die sich emanzipierenden Leibeigenen und Bürger erhoben selbst in ihren heftigsten Kämpfen keinen Anspruch darauf, an der Herrschaft teilzunehmen, sondern verlangten nur eine größere oder geringere Einschränkung der sie tyrannisierenden Macht. Aus diesen Beispielen geht hervor, daß man unnatürlich gewöhnlich das nennt, was ungewöhnlich ist, und daß alles, was hergebrachte Gewohnheit ist, auch natürlich erscheint. Die Unterjochung der Frauen durch die Männer ist eine universelle Gewohnheit, jedes Abweichen davon erscheint konsequent unnatürlich. Einer reicheren Erfahrung bleibt es jedoch nicht verborgen, wie selbst in diesem Falle das Gefühl gänzlich abhängig von der Gewohnheit ist. Die Völker, welche in entfernten Teilen der Erde leben, setzt, wenn sie von den Einrichtungen Englands hören, nichts so sehr in Erstaunen, als daß es unter dem Zepter einer Königin steht; die Sache scheint ihnen so unnatürlich, daß sie unglaublich klingt; dem Engländer dagegen erscheint dies nicht im geringsten unnatürlich, weil er daran gewöhnt ist, wohl aber findet er es unnatürlich, daß Frauen Soldaten oder Parlamentsmitglieder sein sollen. In den feudalen Jahrhunderten hielt man im Gegenteil wieder Krieg und Politik gar nicht für so unnatürlich für Frauen, weil es eben nicht ungewöhnlich war, daß sie sich damit beschäftigten. Es schien natürlich, daß die Frauen der bevorzugten Klassen von männlichem Charakter waren und ihren Gatten und Vätern in nichts als in der körperlichen Kraft nachstanden. Den Griechen scheint die Unabhängigkeit der Frauen weniger unnatürlich vorgekommen zu sein als allen andern Völkern; dafür spricht wenigstens die Mythe von den Amazonen, welche sie für historisch hielten, und das Beispiel der Spartanerinnen, welche, obschon sie von dem Gesetz ebensosehr eingeengt waren wie die Frauen der andern griechischen Staaten, doch tatsächlich viel mehr Freiheit besaßen, und die, da sie unter denselben körperlichen Übungen wie die Männer aufwuchsen, den stärksten Beweis lieferten, daß sie von Natur durchaus nicht ungeeignet dafür waren. Es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß die an Sparta gemachten Erfahrungen Platon bestimmten, unter vielen andern Lehrsätzen auch den von der politischen und sozialen Gleichheit der beiden Geschlechter aufzustellen.

Es wird mir der Einwand gemacht werden, die Herrschaft der Männer über die Frauen unterscheide sich ja von jeder andern eben dadurch, daß sie keine Herrschaft der Gewalt sei, sondern freiwillig angenommen werde; die Frauen beklagen sich nicht darüber, sondern geben vielmehr jede einzeln ihre Zustimmung dazu. Zuvörderst gibt es eine große Anzahl von Frauen, die sie nicht annehmen. Von dem Augenblicke an, wo Frauen sich fähig fühlten, ihre Gefühle und Gedanken durch ihre Schriften zu verkünden (der einzige Weg der Öffentlichkeit, der ihnen von der Gesellschaft gestattet ist), hat eine sich immer vergrößernde Zahl derselben gegen ihre jetzige soziale Stellung Protest erhoben, und ganz kürzlich erst haben viele Tausende von Frauen, und an ihrer Spitze die bedeutendsten, welche die Öffentlichkeit kennt, eine Petition um Gewährung des Stimmrechtes an das Parlament gerichtet. Der Anspruch auf eine ebenso gründliche Ausbildung und in denselben Zweigen des Wissens, wie sie dem Manne zugänglich ist, wird von den Frauen immer nachdrücklicher und mit immer größerer Aussicht auf Erfolg betont, und ebenso wird die Forderung ihrer Zulassung zu ihnen bisher verschlossenen Gewerben und Beschäftigungen von Jahr zu Jahr lauter und dringender. Haben wir in England auch noch nicht wie in den Vereinigten Staaten von Amerika periodische Zusammenkünfte und eine organisierte Partei zum Zwecke der Agitation für die Rechte der Frauen, so gibt es doch einen zahlreichen und rührigen Verein, der von Frauen gebildet und von ihnen geleitet ist, in der eingeschränkteren Absicht, die politische Freiheit zu erlangen. Und nicht bloß in England und Amerika beginnen Frauen mehr und mehr gemeinschaftlich gegen die Übelstände, unter denen sie leiden, zu protestieren. In Frankreich, Italien, Deutschland, der Schweiz, Rußland zeigen sich ganz dieselben Erscheinungen. Wie viele Frauen außerdem dieselben Wünsche hegen, sie aber nicht aussprechen, läßt sich nicht annähernd schätzen; aber es sind Anzeichen genug vorhanden, daß ihre Zahl eine sehr große ist und daß sie sich ins Unendliche vermehren würde, lehrte man die Frauen nicht von Kindheit an, sie als ungeziemend für ihr Geschlecht zu unterdrücken.

Bedenken wir, daß geknechtete Klassen nie mit einem Male vollkommene Freiheit forderten. Als Simon von Montfort die Deputierten der Nichtadligen zum ersten Male berief, damit sie ihre Sitze im Parlament einnähmen, ließ einer von ihnen sich da im Traum einfallen, zu verlangen, daß eine von ihren Vollmachtgebern gewählte Versammlung Ministerien schaffen und zerstören und Königen in Staatsangelegenheiten Vorschriften machen solle? Nicht dem Ehrgeizigsten kam ein solcher Gedanke. Der Adel hatte bereits diese Prätention, die Nichtadeligen beanspruchten nichts, als vor willkürlicher Besteuerung und vor groben persönlichen Bedrückungen seitens der königlichen Beamten gesichert zu sein. Es ist ein politisches Naturgesetz, daß diejenigen, welche sich seit langer Zeit unter irgendeiner Gewalt oder Herrschaft befinden, niemals damit beginnen, daß sie sich über die Herrschaft selbst beklagen, sondern nur über die drückende Ausübung derselben; und es fehlt wahrlich nicht an Frauen, die sich über schlechte Behandlung seitens ihrer Männer beschweren. Es würde dies sicher von einer noch viel größeren Menge geschehen, wenn Beschwerden nicht die größte Provokation zur Wiederholung und Steigerung der schlechten Behandlung wären. Dieser Umstand ist es, an dem alle Versuche scheitern, die Macht zu behalten, aber die Frauen gegen den Mißbrauch derselben zu schützen. In keinem andern Verhältnisse – außer noch dem des Kindes zum Vater – wird die Person, welche erwiesenermaßen ein Unrecht erlitten hat, wieder in die Gewalt dessen gegeben, der ihr dasselbe zugefügt. Es ist daher ganz selbstverständlich, daß Frauen oft lieber die schwersten Mißhandlungen dulden als die Gesetze zu ihrem Schutze anrufen, und daß sie, wenn sie dies in einem Moment der unüberwindlichen Empörung oder auf Zureden der dazwischen getretenen Nachbarn wirklich getan, sich später ängstlich bemühen, soviel wie irgend möglich zu vertuschen und ihre Tyrannen von der verdienten Strafe loszubitten.

Eine Menge gesellschaftlicher wie natürlicher Ursachen wirken zusammen, um es ganz unwahrscheinlich zu machen, daß die Frauen sich in der Gesamtheit gegen die Herrschaft der Männer empören sollten. Sie sind insofern in einer von allen andern unterdrückten Klassen ganz verschiedenen Lage, als ihre Herren von ihnen noch etwas anderes verlangen als bloße Dienstbarkeit. Die Männer beanspruchen von den Frauen nicht nur Gehorsam, sondern auch Zuneigung. Alle Männer, nur mit Ausnahme der tierisch rohesten, wollen in der mit ihnen auf das innigste verbundenen Frau keine gezwungene, sondern eine freiwillige Sklavin, oder besser nicht eine Sklavin, sondern eine Favoritin haben. Zu diesem Zwecke ist alles angewendet worden, um den weiblichen Geist niederzuhalten. Die Herren aller übrigen Sklaven verlassen sich, um ihre Sklaven zum Gehorsam zu zwingen, auf die Wirkungen der Furcht, entweder der Furcht an und für sich oder der religiösen Furcht. Die Herren der Frauen verlangten mehr als einfachen Gehorsam, und sie wandten die ganze Macht der Erziehung an, um ihren Zweck zu erreichen. Jede Frau wird von frühester Jugend an erzogen in dem Glauben, das Ideal eines weiblichen Charakters sei ein solcher, welcher sich im geraden Gegensatz zu dem des Mannes befinde; kein eigener Wille, keine Herrschaft über sich durch Selbstbestimmung, sondern Unterwerfung, Fügsamkeit in die Bestimmung anderer. Jede Sittenlehre predigt ihnen, die Pflicht der Frau sei, für andere zu leben, sich selbst vollständig aufzugeben und keine andere Existenz als in und durch ihre Liebe zu haben, und die hergebrachte Sentimentalität behauptet sogar, daß dies der Zustand sei, welcher der eigentlichen Natur der Frau gemäß ist. Unter dieser Existenz durch ihre Liebe versteht man aber nur die eine, welche ihr zu haben gestattet ist – die Liebe zu dem Manne, mit dem sie verbunden ist, oder zu den Kindern, welche dazu dienen, das Band zwischen ihr und dem Manne noch fester und unlöslicher zu machen.

Zieht man drei Dinge in Erwägung – erstens die natürliche Anziehungskraft, welche die beiden Geschlechter aufeinander ausüben, zweitens die vollständige Abhängigkeit der Frau vom Manne, so daß jedes Vorrecht, jede Freude, die sie hat, entweder sein Geschenk ist oder doch gänzlich aus seinem Willen entspringt, und drittens, daß die wesentlichsten Objekte menschlichen Strebens, Rang, Stellung, Ansehen, Bedeutung usw. für die Frau im allgemeinen nur durch den Mann erreicht werden können –, so müßte es wirklich mit einem Wunder zugehen, wenn die Erlangung der größtmöglichen Anziehungskraft für die Männer nicht der Polarstern für die weibliche Erziehung und Charakterbildung geworden wäre. Nachdem nun aber dieses Bestreben einen so großen Einfluß auf das Frauengemüt erlangt hat und naturgemäß erlangen mußte, machen die Männer, geleitet von einem Instinkte der Selbstsucht, dasselbe zum hauptsächlichsten Werkzeuge, die Frauen in der tiefsten Abhängigkeit von sich zu erhalten, indem sie ihnen Schüchternheit, Unselbständigkeit und völliges Aufgeben des eigenen Willens an den des Mannes als diejenigen Eigenschaften darstellen, welche dem Weibe die größte Anziehungskraft für den Mann verleihen. Würde nicht jede andere Form der Knechtschaft, die abzuschütteln der Menschheit gelungen ist, noch ebenfalls bis auf den heutigen Tag bestehen, wenn man dieselben Mittel gehabt und so unausgesetzt angewendet hätte, um die Unterdrückten geistig zu beugen? Nehmen wir an, man hätte es zur Lebensaufgabe eines jeden jungen Plebejers gemacht, den Augen irgendeines Patriziers persönliches Wohlgefallen zu erregen, es wäre Lebenszweck jedes Leibeigenen gewesen, die Gunst irgendeines Grundherrn zu gewinnen, man hätte dem Plebejer und Leibeigenen als höchsten Preis, den das Leben ihnen zu bieten vermöchte und nach dem das begabteste Wesen zu streben habe, die Liebe des Patriziers oder Grundherrn und das engste häusliche Zusammenleben mit ihm genannt. Nachdem sie nun diesen Preis gewonnen, hätte man sie aber durch eine eherne Mauer abgeschlossen von allen Interessen, die ihren Mittelpunkt nicht in ihm finden, von allen Gefühlen und Wünschen, die nicht von ihm geteilt oder hervorgerufen werden; würden Plebejer und Patrizier, Leibeigene und Grundherren nicht heute noch ebensosehr verschieden voneinander sein, wie dies Männer und Frauen sind? Würden nicht alle, mit Ausnahme eines dann und wann auftauchenden Denkers, glauben, diese Verschiedenheit sei eine durch die Schöpfung bestimmte, unabänderliche Eigentümlichkeit der menschlichen Natur?

Die vorstehenden Betrachtungen dürften hinreichend sein, um darzutun, daß das Herkommen, so allgemein es in diesem Falle auch immer sein mag, doch noch keineswegs zu einem günstigen Urteil für die Einrichtung berechtigt, welche die Frauen den Männern gesellschaftlich und politisch unterordnet. Ich kann jedoch noch weiter gehen und die Behauptung aufstellen, daß der Verlauf der Geschichte und die Tendenzen der im Fortschreiten begriffenen menschlichen Gesellschaft nicht allein keine diesem System der Ungleichheit der Rechte günstige Annahme zulassen, sondern entschieden dagegensprechen und daß, soweit der ganze Gang menschlicher Entwicklung bis zu unseren Tagen, der ganze Strom moderner Tendenzen einen Rückschluß auf diesen Gegenstand gestatten, die Zukunft dieses Relikt der Vergangenheit als unvereinbar mit ihren Anschauungen finden und verschwinden lassen wird. Was ist der Charakter der modernen Welt – der hauptsächlichste Unterschied zwischen modernen Institutionen, modernen sozialen Ideen, modernem Leben und dem längst vergangener Zeiten? Die Überzeugung, daß die Menschen nicht für einen vorherbestimmten Platz im Leben geboren und an die Stelle, wohin sie die Geburt gewiesen, unwiderruflich gefesselt sind, sondern die Freiheit haben, ihre Fähigkeiten anzuwenden und jede sich ihnen darbietende Gelegenheit zu benutzen, um diejenige Lebensstellung zu erlangen, welche ihnen die wünschenswerteste scheint. Die alte Gesellschaft beruhte auf ganz andern Grundlagen. Alle Menschen waren in ihr zu einer bestimmten sozialen Stellung geboren und wurden meistens durch das Gesetz darin festgehalten oder sahen sich doch jedes Mittels beraubt, das zu ihrer Befreiung daraus hätte dienen können. Wie ein Teil der Menschen weiß, ein anderer schwarz geboren ist, so war ein Teil geborne Sklaven, ein anderer freie Männer und Bürger; diese waren geborne Patrizier, jene geborne Plebejer; diese hochgeborne Adelige, jene Bauern und Leibeigene. Ein Sklave und Leibeigener konnte sich niemals frei machen, sondern es nur durch den Willen seines Herrn werden. Erst gegen Ende des Mittelalters und erst infolge der wachsenden Fürstenmacht ward es in den meisten europäischen Staaten zulässig, daß Bürger geadelt wurden. Selbst bei dem Adel war der älteste Sohn der geborene einzige Erbe aller väterlichen Besitzungen, und lange Zeit verging, ehe dem Vater das Recht, ihn zu enterben, vollständig zuerkannt ward. Unter den gewerbetreibenden Klassen durften nur diejenigen, welche als Mitglieder einer Gilde geboren oder von den Mitgliedern einer solchen in ihre Gemeinschaft aufgenommen waren, ihren Beruf gesetzlich innerhalb seiner lokalen Grenzen betreiben, und niemand konnte einen irgend für wichtig gehaltenen Beruf anders ausüben als in der gesetzlichen Weise, d.h. so, wie es ihm von der vorgesetzten Behörde vorgeschrieben ward. Mehr als ein Handwerker büßte am Pranger den Versuch, sein Gewerbe nach einer neuen, verbesserten Methode ausüben zu wollen. In dem modernen Europa und besonders in den Teilen desselben, welche sich am lebhaftesten an allen Fortschritten der Neuzeit beteiligt haben, herrschen jetzt diametral entgegengesetzte Grundsätze und Anschauungen. Gesetz und Regierung machen keine Vorschriften, durch wen irgendein Gewerbe oder eine Kunst ausgeübt werden darf oder nicht darf und welches Verfahren dabei als gesetzlich zu betrachten ist. Selbst das Gesetz, welches den Handwerkern das Absolvieren einer gewissen Lehrzeit vorschreibt, ist in England nicht mehr in Kraft, da man die ausreichende Gewißheit hat, daß in allen Fällen, welche eine Lehrzeit erfordern, diese Notwendigkeit genügend ist, die Lehrzeit zu erzwingen. Nach der alten Theorie sollte dem einzelnen Individuum so wenig Spielraum wie möglich gelassen werden; alles, was es zu tun hatte, sollte, soweit sich dies nur irgend bewerkstelligen ließ, ihm von einer überlegenen Weisheit vorgezeichnet sein. Überließe man den Menschen sich selbst, so müßte er sicher fehlgehen. Die Überzeugung der Neuzeit, die Frucht einer tausendjährigen Erfahrung, ist dagegen die, daß alle Dinge, in welchen das Individuum als solches direkt interessiert ist, nur dann ihren richtigen Verlauf haben können, wenn man sie seinem eigenen Ermessen überläßt, und daß jede durch die Obrigkeit darauf geübte Einwirkung, ausgenommen, wo dies geschehen muß, um die Rechte anderer zu schützen, nur von Übel sein kann.

Diese Anschauung, zu der man sehr langsam kam und die man nicht eher annahm, als nachdem man beinahe jede mögliche Anwendung der entgegengesetzten Theorie mit unglücklichem Erfolge versucht hatte, ist jetzt in industrieller Hinsicht in den vorgeschrittenen Landern die überwiegende und fast allgemeine bei allen, welche irgend Anspruch machen, den Aufgeklärten zugezählt zu werden. Man ist auch in unserer Zeit weit entfernt davon, jede Methode für gut und jeden Menschen für befähigt zu jedem Beruf zu halten; aber man weiß, daß nur in der Freiheit der individuellen Wahl das Mittel liegt, für die verschiedenen Zweige der menschlichen Tätigkeit die besten Methoden ausfindig zu machen und jede Beschäftigung in die Hände gelangen zu lassen, welche dafür am besten befähigt sind. Es fällt niemandem ein, durch ein Gesetz zu bestimmen, daß nur ein muskelstarker Mann ein Grobschmied sein dürfe. Die Gewerbefreiheit und die daraus erwachsende Konkurrenz sind vollkommen hinreichend, zu bewirken, daß nur kräftige Männer Grobschmiede werden, denn die schwächlichen Leute können mehr verdienen, wenn sie sich für sie geeigneteren Zweigen der Tätigkeit zuwenden. In Übereinstimmung mit dieser Doktrin betrachtet man es als einen Übergriff der Obrigkeit, durch einige allgemeine Voraussetzungen vorherbestimmen zu wollen, daß gewisse Personen zur Verrichtung gewisser Dinge nicht geeignet sind. Es ist allgemein anerkannt, daß derartige Voraussetzungen, wenn sie existieren, doch keineswegs unfehlbar sind. Wären sie selbst in vielen, ja in den meisten Fällen wohlbegründet, was noch keineswegs wahrscheinlich ist, so würde es immer noch eine kleinere Anzahl von Fällen geben, wo sie nicht zutreffend sind, und in diesen wäre es eine Ungerechtigkeit gegen das Individuum und eine Beeinträchtigung der Gesellschaft, wenn man dem ersten Hindernisse in den Weg legte, seine Fähigkeiten zu seinem und zum Nutzen anderer zu verwerten. In allen den Fällen dagegen, wo wirklich Unfähigkeit vorhanden ist, werden schon die gewöhnlichen Motive, welche im ganzen im Handel und Wandel maßgebend sind, unbefähigte Personen von Versuchen abhalten, und wenn sie diese selbst anstellen, sie doch an deren weiterer Fortsetzung hindern.

Sollte dieser Hauptgrundsatz der Gesellschaftswissenschaften sich als unwahr erweisen lassen, wäre das einzelne Individuum, unterstützt durch die Meinung, welche andere, von denen es am genauesten gekannt ist, von ihm haben, wirklich kein besserer Beurteiler seiner eigenen Fähigkeiten und seines Berufs als Gesetz und Obrigkeit, so könnte die Welt nichts Besseres tun, als den modernen Anschauungen valet sagen und zu dem alten System der Bevormundung und Maßregelung zurückkehren. Da wir jedoch den Grundsatz der Neuzeit als wahr anerkennen, so sollten wir ihn auch in allen Stücken zu unserer Richtschnur nehmen; und sowenig wir Menschen, weil sie statt weiß schwarz oder statt als Adelige als Bürger geboren sind, für das ganze Leben zum Verharren in derselben Lage verurteilen, ebensowenig sollten wir menschliche Wesen, weil sie als Mädchen statt als Knaben geboren wurden, von der Erlangung jeder höheren Lebensstellung und von der Ausübung der meisten ehrenvollen Beschäftigungen ausschließen.

Geben wir aber selbst das Äußerste zu, was je von der überlegenen Fähigkeit der Männer für alle ihnen vorbehaltenen Funktionen behauptet worden ist, so gilt dasselbe Argument, welches eine gesetzliche Qualifikation für Mitglieder des Parlaments verbietet. Wenn nur einmal in zehn Jahren die Bedingungen der Wählbarkeit eine geeignete Person ausschließen, so ist das ein wirklicher Verlust, während die Ausschließung von tausend ungeeigneten Personen kein Gewinn ist, denn wenn die Einrichtung des Wahlkörpers ihn veranlaßt, ungeeignete Personen zu wählen, so sind immer eine Menge Personen da, aus denen gewählt wird. In allen Dingen von einiger Schwierigkeit und Wichtigkeit sind diejenigen, welche sie gut verrichten können, immer weniger vorhanden, als Bedarf für sie vorhanden ist, selbst dann, wenn die unbegrenzteste Freiheit der Wahl gestattet wird, und jede Begrenzung des Wahlfeldes beraubt die Gesellschaft einiger Chancen, durch Befähigte bedient zu werden, ohne daß sie dadurch vor den Unbefähigten geschützt ist.

In den gebildeteren Staaten ist, mit einer Ausnahme, die Ausschließung der Frauen von den meisten Ämtern und Berufszweigen noch der einzige Fall, in dem Gesetze und Institutionen Personen von der Geburt an unter einen gewissen Bann stellen und nicht gestatten, daß sie während ihres ganzen Lebens nach gewissen Dingen streben. Die einzige Ausnahme, welche wir andeuteten, ist die monarchische Würde. Noch immer sind Personen für den Thron geboren, niemand als ein Mitglied der königlichen Familie kann ihn einnehmen, und selbst wer diesen Familien angehört, kann nur infolge eines genau bestimmten Erbganges dazu gelangen. Alle anderen Würden und gesellschaftlichen Rangstufen stehen dem gesamten männlichen Geschlechte offen, viele sind allerdings nur dem Reichtum zugänglich, aber Reichtum kann ja doch von jedem errungen werden und ist in der Tat schon von vielen aus den untersten Klassen errungen worden. Es soll nicht geleugnet werden, daß für die große Mehrzahl die Erlangung einer höheren Lebensstellung ohne das Hinzutreten besonderer Glücksumstände sehr schwierig, ja beinahe unmöglich ist, aber es ist doch keinem Manne durch das Gesetz eine Schranke gezogen, die er nicht durchbrechen kann; die öffentliche Meinung schafft ihm doch nicht noch künstliche Hindernisse zu den schon bestehenden natürlichen. Das Königtum bildet, wie gesagt, eine Ausnahme; aber in diesem Falle fühlt jeder, daß dies eben eine Ausnahme ist – eine Anomalie in der modernen Welt, ein schneidender Gegensatz zu ihren Sitten und Prinzipien, und nur gerechtfertigt durch ihre spezielle außerordentliche Zweckmäßigkeit, die faktisch unfraglich besteht, sosehr auch die Meinungen der verschiedenen Nationen über ihre höhere oder geringere Wichtigkeit differieren. In diesem einen Ausnahmefalle, in welchem aus wichtigen Gründen ein hohes gesellschaftliches Amt durch die Geburt und nicht im Wege der Bewerbung erlangt wird, folgen indes alle freien Nationen tatsächlich dennoch dem Grundsatze, dem sie nominell untreu geworden sind, indem sie das königliche Amt durch Bedingungen einengen, welche die Person, die es dem Namen nach verwaltet, doch von der eigentlichen Ausübung der damit verbundenen Funktionen ausschließen, und diese verantwortlichen Ministern übertragen, welche ihrerseits zu ihren Posten auf einem Wege gelangen, der gesetzlich keiner erwachsenen Person männlichen Geschlechtes verschlossen ist. Die untergeordnete Stellung, zu welcher die Frauen lediglich durch ihre Geburt verurteilt sind, ist mithin ohne Beispiel in der modernen Gesetzgebung. In keinem Falle als in diesem, der die eine Hälfte des Menschengeschlechtes betrifft, ist jemandem durch die Fatalität seiner Geburt die Erlangung höherer gesellschaftlicher Funktionen dergestalt verschlossen, daß keine Anstrengung, kein Wechsel der Umstände darin eine Änderung hervorzubringen vermag, denn selbst das religiöse Bekenntnis, abgesehen davon, daß diese Beschränkungen praktisch in vielen Landern Europas aufgehört haben, war insofern als kein absolutes Hindernis für irgendeine Laufbahn zu betrachten, als die betreffende Person es immer in der Hand hatte, die durch ihren Glauben aufgerichtete Schranke durch einen Übertritt hinwegzuräumen.

So steht denn die Unterdrückung der Frauen als ein vereinsamtes Faktum inmitten der modernen sozialen Institutionen, als einzige Bresche in ihrem wohlgefügten Grundgesetz, als alleiniges Relikt einer vergangenen Zeit, deren Denken und Tun in allen Punkten als überlebt betrachtet und nur in diesem einen, dem das universellste Interesse beigemessen werden muß, konserviert wird; es ist gerade, als stünde ein gigantischer DolmenEin keltischer Steinaltar. (Anm. d. Übers.) oder ein großer Tempel des Jupiter Olympius dicht neben der St.-Pauls-Kirche und würde zur täglichen Gottesverehrung benutzt, während die umherliegenden christlichen Kirchen sich nur bei besonders feierlichen Gelegenheiten und an hohen Festtagen öffneten. Dieser gänzliche Widerstreit zwischen einer sozialen Einrichtung und allen andern daneben bestehenden, dieser radikale Gegensatz, in dem sie ihrer ganzen Natur nach steht mit allen fortschrittlichen Bewegungen, auf welche die moderne Welt stolz ist und welche nach und nach alle Mißbräuche ähnlicher Art hinweggefegt haben, muß notwendigerweise dem gewissenhaften Beobachter der menschlichen Entwicklung eine Quelle des ernstesten Nachdenkens werden. Und dieses Nachdenken erregt zunächst eine sehr nachteilige Meinung für die Einrichtung, welche alles, was durch Gebrauch und Herkommen als für dieselbe günstig angeführt werden kann, weit überwiegt und zum wenigsten schon vollständig ausreicht, um die Frage gleich der über Monarchie und Republik zu einer sehr schwankenden zu machen.

Das geringste, was man verlangen kann, ist, daß die Frage nicht als eine durch bestehende Meinungen und bestehende Tatsachen im voraus abgeurteilte betrachtet werde, sondern als eine Frage der Gerechtigkeit und Zweckmäßigkeit einer freien Diskussion ihrer Vorzüge und Mängel zugänglich sei, deren Entscheidung, wie alle übrigen sozialen Einrichtungen der Menschheit, abhängig ist von einer aufgeklärten Würdigung derjenigen Tendenzen und Konsequenzen, welche sich, ohne jeglichen Unterschied des Geschlechtes, für die Menschheit im großen und ganzen am vorteilhaftesten erweisen. Eine solche Diskussion muß aber eine Diskussion im strengsten Sinne des Wortes sein, sie muß auf den tiefsten Grund gehen und sich nicht mit vagen und allgemeinen Versicherungen begnügen. Es genügt z.B. nicht, daß in allgemeinen Ausdrücken die Behauptung aufgestellt und verteidigt werde, die Erfahrung habe sich zugunsten des bestehenden Systems ausgesprochen. Die Erfahrung kann nicht zwischen zwei Wegen entscheiden, solange überhaupt nur über einen Erfahrung zu sammeln möglich war. Sagt man, der Lehrsatz von der Gleichheit der Geschlechter beruhe nur auf Theorie, so gebe ich zu bedenken, daß die Lehre von der Ungleichheit ebenfalls keinen andern Stützpunkt als die Theorie hat. Alles, was durch die direkte Erfahrung zu ihren Gunsten bewiesen ist, beschränkt sich darauf, daß die Menschheit dabei existieren und den Grad von Fortschritt und Wohlbehagen, den sie jetzt besitzt, erlangen konnte; ob aber durch das andere System der Zustand der Bildung und des Glückes, dessen die Menschheit sich jetzt erfreut, nicht hätte früher herbeigeführt werden und jetzt schon in einem höhern Maße erreicht sein können, darüber gibt die Erfahrung keinen Aufschluß. Die Erfahrung lehrt uns dagegen, daß jeder Schritt nach vorwärts unveränderlich begleitet war von einem Schritte zur Erhebung der sozialen Stellung der Frauen, so daß Historiker und Philosophen die höhere oder niedere Stufe, auf welcher die Frauen standen, als das sicherste und untrüglichste Merkmal für den Grad der Zivilisation eines Volkes oder Zeitalters hinzustellen pflegen. Jede fortschrittliche Periode in der Geschichte der Menschheit bringt die Stellung der Frauen der Gleichheit mit den Männern näher, und wenn dies an und für sich betrachtet auch noch nicht beweist, daß die Assimilation bis zur vollkommenen Gleichstellung gehen muß, so läßt es doch unstreitig günstige Schlüsse dafür zu.

Ebensowenig wie durch die Berufung auf die Erfahrung wird erwiesen durch die Versicherung, die Natur der beiden Geschlechter verweise sie jedes auf seine gegenwärtige Stellung und seinen gegenwärtigen Pflichtkreis und lasse sie ihnen als für sie passend erscheinen. Aufgrund des gesunden Menschenverstandes, und indem ich die Beschaffenheit des menschlichen Geistes in Betracht ziehe, leugne ich, daß irgend jemand die Natur der beiden Geschlechter kennen kann, solange dieselben in ihren jetzigen Beziehungen zueinander verharren. Hätte es jemals eine Gesellschaft gegeben, die aus lauter Männern, oder umgekehrt eine solche, die nur aus Frauen bestand, oder hätten wir schon das Beispiel einer aus Männern und Frauen zusammengesetzten Gesellschaft gehabt, in welcher die Frauen nicht unter der Kontrolle der Männer gestanden hätten, so ließe sich vielleicht etwas Positives über die zwischen den beiden Geschlechtern von Natur existierenden geistigen und sittlichen Unterschiede wissen. Was man aber jetzt die Natur der Frauen nennt, ist etwas durch und durch künstlich Erzeugtes – das Resultat erzwungener Niederhaltung nach der einen, unnatürlicher Anreizung nach der andern Richtung. Bei keiner andern Klasse von Abhängigen, das darf man dreist behaupten, ist der Charakter der Unterdrückten durch die Beziehung zu ihren Gebietern so gänzlich seiner ursprünglichen Anlage entfremdet worden, wie dies bei den Frauen der Fall ist. Besiegte und zu Sklaven gemachte Völker oder Volksklassen wurden allerdings in mancher Hinsicht gewaltsamer und grausamer unterdrückt, aber diejenigen Anlagen und Eigenschaften, welche nicht unter den eisernen Hufen der Sieger zertreten wurden, blieben sich doch gewöhnlich selbst überlassen, hatten jegliche Freiheit der Entwicklung und entwickelten sich auch nach ihren eigenen Gesetzen; bei den Frauen begnügte man sich nicht, unbequeme Eigenschaften zu zertreten, sondern man pflegte und zeitigte durch eine Treibhaus-Erziehung und künstliche Brutstätte diejenigen Seiten ihrer Natur, welche dem Wohlbehagen und Vergnügen ihrer Herren dienen sollten. Weil nun gewisse Zweige in dieser heißen Atmosphäre und bei sorglicher Pflege und Bewässerung üppig emporschießen und prächtig entwickelt werden, während andere, welche derselben Wurzel entstammen, aber draußen dem Winterfrost preisgegeben und recht absichtlich im Schnee und Eis vergraben sind, sich nur kümmerlich entwickeln und noch andere in ihren ersten Ansätzen abgebrannt und gänzlich vernichtet sind, glauben die Menschen mit jener Unfähigkeit, ihr eigenes Werk zu erkennen, welche immer unanalytische Geister charakterisiert, der Baum wachse von selbst so, wie sie ihn zu wachsen gezwungen haben, und er würde ausgehen, wenn er nicht zur Hälfte in ein Dampfbad gehalten, zur Hälfte in Schnee gesteckt würde.

Von allen Hindernissen, welche sich einer klareren Gedankenentwicklung und der Bildung wohlbegründeter Ansichten über das Leben und die sozialen Einrichtungen entgegenstellen, ist gegenwärtig das größte und beklagenswerteste die unaussprechliche Unwissenheit der Menschen über und ihre Unaufmerksamkeit auf die Einflüsse, welche den menschlichen Charakter bilden. Man hält alles, was einzelne Individuen oder ganze Klassen gegenwärtig sind oder zu sein scheinen, für ein Produkt ihrer natürlichen Anlagen, während man, sobald man sich nur einigermaßen über die Bedingungen, unter denen sie sich entwickeln, unterrichtete, sehr genau die Ursachen erkennen würde, welche sie so und nicht anders werden ließen. Weil ein Häusler, der sich bei seinem Gutsherrn mit dem Zins sehr im Rückstande befindet, nicht betriebsam ist, halten manche Leute die Irländer für ein von Natur träges Volk. Weil Verfassungen gestürzt werden können, sobald die Kräfte, welche sie zu beschützen bestimmt sind, ihre Waffen gegen sie kehren, halten viele die Franzosen für ein Volk, das eine freie Regierungsform nicht vertragen kann. Weil die Griechen die Türken betrogen und die Türken die Griechen nur plünderten, hält man die Türken von Natur für aufrichtiger als die Griechen; und weil Frauen, wie oft gesagt wird, sich nicht um Politik kümmern, soweit ihre Persönlichkeit nicht dabei in Frage kommt, nimmt man frischweg an, sie hätten von Natur ein geringeres Interesse an dem Gemeinwohl als die Männer. Die Geschichte, die man jetzt so viel besser zu verstehen und zu würdigen weiß als früher, lehrt aber etwas ganz anderes, indem sie die außerordentliche Empfänglichkeit der menschlichen Natur für äußere Einflüsse deutlich erkennen läßt und uns aufmerksam macht auf die große Veränderlichkeit derjenigen ihrer Offenbarungen, welche für allgemein und uniform ausgegeben werden. Trotzdem sieht die Mehrzahl der Menschen in der Geschichte wie auf Reisen nur das, was sie bereits in ihren eigenen Köpfen gehabt haben, und nur ein kleiner Teil lernt aus ihr mehr und anderes, als was er bereits zum Studium mitgebracht hat.

Die Frage: Was sind die natürlichen Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern? ist eine der schwierigsten, die es gibt und über die bei dem gegenwärtigen Zustande der Gesellschaft eine allseitige und richtige Ansicht zu verschaffen fast unmöglich wird, besonders auch deshalb, weil, während alle Welt im entscheidenden Tone darüber spricht, man fast allgemein die einzigen Mittel, welche zu einer speziellen Aufklärung darüber führen könnten, vernachlässigt und oberflächlich behandelt. Es wäre dies ein analytisches Studium des wichtigsten Teiles der Psychologie, über das Gesetz des Einflusses der Umstände auf den Charakter, denn so groß und unausrottbar die moralischen und intellektuellen Unterschiede zwischen beiden Geschlechtern anscheinend auch sein mögen, so konnte die Beweisführung, daß dieselben wirklich natürliche Unterschiede wären, doch immer nur negativ sein. Als natürlich könnten nur die bezeichnet werden, welche erwiesenermaßen unmöglich künstlich sein können, d.h. diejenigen, welche übrigbleiben, nachdem man eine genaue Deduktion der charakteristischen Eigentümlichkeiten jedes Geschlechtes, bei denen die Annahme, daß sie auf die Erziehung oder äußere Einwirkungen zurückgeführt werden können, irgend zulässig ist, vorgenommen hat. Nur die tiefste Kenntnis der Gesetze der Charakterbildung berechtigt zu dem Anspruch, darüber entscheiden zu wollen, ob überhaupt ein solcher Unterschied besteht, und noch viel mehr gehörte dazu, das Wesen dieser Unterschiede der beiden Geschlechter in ihrer Eigenschaft als moralische und vernunftbegabte Geschöpfe zu definieren. Da nun bis jetzt noch niemand diese Kenntnisse hat und haben kann, da es kaum irgendeinen Gegenstand gibt, der im Verhältnis zu seiner Wichtigkeit so wenig studiert worden ist wie dieser, so ist auch niemand zu einem positiven Ausspruche darüber befugt. Alles, was bis jetzt darüber gesagt und geschrieben ist, sind Mutmaßungen, die mehr oder weniger wahrscheinlich sind, je nachdem sie mehr oder weniger unterstützt werden von den Kenntnissen, welche wir gegenwärtig über die Gesetze der Psychologie in bezug auf Charakterbildung haben.

Selbst die Beantwortung der Vorfrage, worin die Verschiedenheiten zwischen den beiden Geschlechtern denn eigentlich bestehen, ist, ganz abgesehen von der Frage, auf welche Weise diese Verschiedenheiten entstanden, noch sehr unsicher und unvollständig. Mediziner und Physiologen haben die Verschiedenheit der körperlichen Konstitution in nicht unbedeutendem Maße festgestellt und damit dem Psychologen eine wichtige Grundlage geboten; wie selten ist aber ein praktischer Mediziner zugleich Psychologe! Was die geistigen Eigentümlichkeiten der Frauen anbetrifft, sind die Beobachtungen der Ärzte im ganzen nicht wertvoller als die der übrigen Männer. Der Gegenstand wird und muß so lange ohne endgültige Entscheidung bleiben, solange diejenigen, welche allein darüber unterrichtet sein können, so wenig Aufklärung darüber geben und dieses wenige auch noch getrübt und beeinflußt ist. Beschränkte, untergeordnete Frauen zu kennen ist leicht. Die Beschränktheit bleibt sich in der ganzen Welt so ziemlich gleich. Die Begriffe und Gefühle einer stupiden Person lassen sich mit Zuverlässigkeit aus denjenigen folgern, welche in dem sie umgebenden Kreise vorherrschen. Ganz anders verhält es sich dagegen mit Leuten, deren Ansichten und Empfindungen ein Ausfluß ihrer eigenen Natur und Fähigkeiten sind. Diejenigen Männer sind sehr vereinzelt, welche eine nur einigermaßen eingehende Kenntnis des Charakters der Frauen ihrer Familie haben, von ihren Fähigkeiten gar nicht zu sprechen, denn jene kennen diese Frauen selbst nicht, weil sehr viele derselben niemals wachgerufen worden sind; ich meine hier nur die wirklich vorhandenen Gedanken und Empfindungen.

Mancher Mann glaubt, er kenne die Frauen, weil er zu mehreren, ja vielleicht zu vielen in einem zärtlichen Verhältnis gestanden habe. Er mag, wenn er ein guter Beobachter ist und seine Erfahrung sich auf die Qualität ebenso erstreckt wie auf die Quantität, allerdings einen kleinen und ohne Zweifel einen wichtigen Teil der Frauennatur kennengelernt haben; über alles andere, was darin vorgeht, bleibt ein solcher Mann aber gerade am unwissendsten, denn vor niemandem wird dies so streng verborgen als vor ihm. Die günstigste Gelegenheit, welche sich einem Manne für das Studium des Frauencharakters bieten kann, findet er doch sicher bei seiner eigenen Gattin, denn der Anlässe dazu gibt es viele, und vollständige Sympathie zwischen Ehegatten ist glücklicherweise nicht so überaus selten, auch glaube ich, ist dies in der Tat die Quelle, aus welcher man jede Kenntnis des Gegenstandes, der sich überhaupt der Mühe verlohnt, geschöpft hat; indes wird doch den meisten Männern nur die Möglichkeit geboten, einen einzigen Fall in dieser Weise zu studieren, und man kann deshalb auch in einer beinahe lächerlichen Art aus den Ansichten eines Mannes über die Frauen im allgemeinen auf den Charakter seiner Ehefrau schließen. Selbst in diesem einen Falle ist es aber zur Erzielung irgendeines Resultates notwendig, daß die Gattin des Studiums wert ist und daß der Mann nicht allein ein kompetenter Richter, sondern daß auch sein Charakter an und für sich mitempfindend und dem ihrigen entsprechend sei. Er muß ihr Inneres durch sympathetische Intuition lesen können oder doch wenigstens in seinem Wesen nichts haben, was sie scheu machen könnte, sich ihm zu erschließen. Diese Voraussetzungen sind aber meiner Meinung nach nur sehr selten zutreffend. Sehr häufig findet zwischen Ehegatten in allen äußern Dingen die vollständigste Einigkeit der Interessen und Gefühle statt, und doch hat der eine so wenig teil am innern Leben des andern, als ob sie nur oberflächliche Bekannte wären. Selbst bei aufrichtiger Liebe verhindert die Autorität von der einen, die Unterordnung von der andern Seite ein vollkommenes Vertrauen; man mag absichtlich gar nichts verbergen wollen, aber es wird vieles nicht gezeigt.

Ein jeder, der überhaupt beobachtet, wird die gleiche Bemerkung in dem ähnlichen Verhältnis zwischen Eltern und Kindern gemacht haben. In wie vielen Fällen, wo das Verhältnis des Vaters zum Sohne von beiden Seiten das beste, zärtlichste ist, kennt, ja ahnt der Vater nicht einmal Charakterseiten in seinem Sohne, die dessen Gefährten etwas ganz Alltägliches sind. Indem der Sohn vermöge seiner Stellung zum Vater aufzuschauen hat, wird es ihm schwer, sich ihm ohne Einschränkung offen und aufrichtig hinzugeben. Die Furcht, in den Augen der Person, deren Meinung ihm so viel gilt, zu verlieren, ist so stark, daß sie selbst von Natur wahrhafte Charaktere ihrer unbewußt verleitet, ihre besten Seiten oder, wenn vielleicht nicht immer die besten, so doch diejenigen hervorzukehren, welche dem Betreffenden am meisten zusagen; man dürfte daher behaupten, daß nur solche Personen einander durch und durch kennen, welche nicht nur in engen Beziehungen zueinander, sondern sich auch ganz gleich stehen. Um wieviel mehr gewinnt dies nun an Wahrheit, wo die Frau nicht nur unter der Autorität des Mannes steht, sondern ihr auch als Pflicht- und Glaubenssatz eingeprägt ist, sein Behagen und Vergnügen gehe allem andern vor und sie dürfe ihn nie etwas sie Betreffendes sehen und fühlen lassen, als was ihm angenehm sei. Alle diese Schwierigkeiten verhindern den Mann, von der einzigen in seinem Bereich liegenden Möglichkeit, eine gründlichere Kenntnis des Frauencharakters zu erlangen, einen umfassenden Nutzen zu ziehen. Bedenkt man außerdem, daß, wenn man eine Frau versteht, sich daraus nicht die Notwendigkeit ergibt, daß man auch andere verstehen müsse, daß ferner selbst derjenige, dem die Gelegenheit geboten wäre, viele Frauen aus einer Gesellschaftsklasse, einem Lande zu studieren, dadurch immer noch kein Verständnis für Frauen anderer Klassen, anderer Länder gewänne, und wenn auch dies der Fall, er dabei immer noch auf die Frauen einer Periode der Geschichte beschränkt bliebe, so wird man wohl zugestehen müssen, daß die Kenntnis der Männer von dem, was Frauen sind, waren und sein können, erbärmlich unvollständig und oberflächlich sein muß und bleiben wird, bis die Frauen selbst alles gesagt haben, was sie zu sagen vermögen.

Diese Zeit ist aber noch nicht gekommen und wird auch nur sehr allmählich hereinbrechen. Es datiert erst von gestern, daß die Frauen imstande sind, durch literarische Arbeiten sich an das größere Publikum zu wenden, und daß die Gesellschaft ihnen dergleichen gestattet, und noch jetzt wagen nur sehr wenige Schriftstellerinnen, etwas zu sagen, was die Männer, von denen ihr literarischer Erfolg abhängt, nicht gern hören. Vergegenwärtigen wir uns die Art und Weise, in welcher man selbst bis vor kurzem von einem männlichen Schriftsteller jede Meinungsäußerung, die mit den herrschenden Anschauungen in Widerspruch trat und, wie man es nannte, exzentrisch war, aufnahm und zum Teil noch aufnimmt, so können wir uns eine schwache Vorstellung machen von dem Zagen, mit dem eine Frau, welche durch die Erziehung gelehrt ist, Herkommen und öffentliche Meinung als ihre obersten Richter anzusehen, in einem Buche die Tiefen ihrer eigenen Natur enthüllt. Die größte Frau, welche Schriften hinterlassen hat, die ihr eine hervorragende Stellung in der Literatur ihres Vaterlandes für alle Zeiten sichern, hat es doch für nötig gehalten, ihrem kühnsten Werke das Motto vorzusetzen: »Un homme peut braver l'opinion; une femme doit s'y soumettre.«Titelblatt von Mme. de Staëls Delphine. Was Frauen über Frauen schreiben, ist in vielen Fällen bloße Fuchsschwänzerei bei den Männern. Viele unverheiratete Frauen scheinen in dem Schreiben nur eine Chance mehr zu erblicken, einen Mann zu bekommen. Andere, sowohl verheiratete wie unverheiratete, schießen über das Ziel hinaus und legen eine Servilität an den Tag, die größer ist, als sie von irgendeinem Manne, mit Ausnahme des gewöhnlichsten, gewünscht oder erwartet wird. Diese letztere Erscheinung gehört jedoch schon mehr der Vergangenheit, wenn auch immer noch der jüngsten, an. Die Schriftstellerinnen von heute fühlen sich mündiger und sind mehr geneigt, ihre wahren Empfindungen auszusprechen. Unglücklicherweise sind sie aber, besonders in England, selbst solche Kunstprodukte, daß ihre Empfindungen zusammengesetzt sind aus einem sehr kleinen Teil eigener Beobachtungen und Erfahrungen und einem sehr großen Teil anempfundenen und anerzogenen Krams. Dies wird sich immer mehr verlieren, aber nicht ganz verschwinden, solange unsere sozialen Einrichtungen den Frauen nicht dieselbe freie Entfaltung der Originalität gestatten, die den Männern möglich ist. Erst wenn diese Zeit gekommen sein wird, werden wir durch den Augenschein und nicht mehr nur vom Hörensagen erfahren, was uns über die Natur der Frauen und von andern damit in Beziehung stehenden Dingen zu wissen nötig ist.

Ich verweilte so lange bei den Schwierigkeiten, welche sich den Männern gegenwärtig bei der Erlangung jeder wahren Kenntnis der Frauennatur entgegenstellen, weil hier, wie bei so vielen andern Dingen »opinio copiae inter maximas causas inopiae est« und wenig Hoffnung für ein vernünftiges Nachdenken über die Sache vorhanden ist, solange die Leute sich schmeicheln, sie verstünden eine Angelegenheit, von der die meisten Männer absolut gar nichts wissen und über welche, wie die Dinge jetzt liegen, unmöglich irgendein Mann oder alle Männer zusammengenommen ausreichend unterrichtet sein können, um den Frauen durch Gesetze vorschreiben zu dürfen, was ihr Beruf ist oder nicht sein soll. Glücklicherweise ist eine solche Kenntnis in der Stellung, welche die Frauen zu Welt und Leben einnehmen, für bloß praktische Zwecke nicht notwendig, denn die Frage steht, allen Grundsätzen der modernen Gesellschaft zufolge, bei den Frauen allein und kann nur durch die Benutzung ihrer eigenen Erfahrungen und Fähigkeiten entschieden werden. Es gibt kein anderes Mittel, ausfindig zu machen, was eine Person zu leisten imstande ist, als die Prüfung und ebenso kein anderes Mittel als dieses, wodurch man feststellen kann, was man für sein Glück am besten zu tun, am besten zu lassen habe.

Als gewiß und unumstößlich läßt sich eins festhalten: die Frau wird dadurch, daß man der Entfaltung ihrer Natur einfach freien Spielraum läßt, nicht verleitet werden, etwas zu tun, was absolut gegen dieselbe ist. Der Eifer der Menschen, die Natur einzuengen, aus Furcht, dieselbe könne, sich selbst überlassen, ihre Zwecke nicht erfüllen, ist ein sehr überflüssiger. Es ist ganz unnötig, den Frauen das zu verbieten, was sie ihrer Natur nach nicht tun können, und sie von dem auszuschließen, was sie tun könnten, jedoch nicht so gut wie die Männer, welche ihre Konkurrenten sind, dazu wird diese Konkurrenz schon völlig ausreichend sein, da es niemandem einfällt, Schutzzollgesetze oder Zunftzwang zugunsten der Frauen zu beanspruchen. Wir begnügen uns mit der Forderung, daß man die zugunsten der Männer aufgerichteten Zollschranken niederreiße und den Zopf des ihnen zugute kommenden Zunftzwanges abschneide. Haben die Frauen eine größere natürliche Neigung für diese Beschäftigungen als für jene, so bedarf es gar keiner Gesetze oder gesellschaftlicher Beschränkung, um die Mehrzahl von ihnen zu veranlassen, sich vorzugsweise den ersteren zuzuwenden. Die Freiheit der Konkurrenz wird die beste Triebfeder für die Frauen sein, jene Berufszweige zu ergreifen, in denen ihre Dienstleistungen besonders gesucht sind; und da man sie natürlich nur für die Dinge suchen wird, in denen sie vorzüglich geschickt sind, so würde sich nur durch ein solches Verfahren zu einer ganz richtigen Beurteilung der jedem Geschlechte besonders eigentümlichen wie der beiden gemeinsamen Anlagen gelangen lassen.

Es wird angenommen, die allgemeine Ansicht der Männer bezeichne es als den Beruf der Frauen, Gattinnen und Mütter zu sein. Ich sage, es wird angenommen, denn nach Tatsachen – nach der ganzen gegenwärtigen Gesellschaftsverfassung – zu urteilen, müßte man zu dem Schlusse kommen, daß gerade der entgegengesetzten Ansicht gehuldigt werde. Man müßte glauben, der angebliche natürliche Beruf der Frauen sei ihrer Natur von allen Dingen am meisten zuwider, und daß, sofern man ihnen nur eine andere Wahl lasse – sofern sich ihnen nur irgendein anderes Existenzmittel biete, sofern man ihnen nur irgendeine andere, einigermaßen ihren Wünschen entsprechende Verwendung für ihre Zeit und ihre Fähigkeiten freigebe –, sich nicht mehr Frauen genug finden würden, welche den Beruf auf sich nehmen, den man ihren natürlichsten nennt. Ist dies wirklich die allgemeine Ansicht der Männer, so dürfte es gut sein, wenn sie ausgesprochen würde. Ich wünschte wohl, daß jemand den Satz aufstellte – verblümt ist er in vielen Schriften über die Frage schon oft genug ausgesprochen –: »Es ist notwendig für die Gesellschaft, daß die Frauen heiraten und Kinder gebären; sie werden das aber mit ihrem freien Willen nicht tun, also ist es notwendig, daß man sie dazu zwinge.« Der Fall würde damit doch in das rechte Licht gesetzt. Es wäre ganz derselbe wie der der Sklavenhalter in Süd-Karolina oder Louisiana: »Es ist notwendig, daß Zucker und Baumwolle gebaut werde. Weiße können das nicht, Neger werden es für den Lohn, den wir ihnen dafür geben, nicht tun; ergo müssen sie dazu gezwungen werden.« Eine vielleicht noch zutreffendere Illustration der Sache ist die Matrosenpresse: »Wir brauchen absolut Seeleute, um unser Land zu verteidigen. Es kommt aber oft vor, daß sie sich nicht freiwillig anwerben lassen, folglich müssen wir die Macht haben, sie mit Gewalt dazu zu pressen.« Wie oft ist diese Logik angewendet worden! Wie oft würde sie noch angewendet werden, befände sich nicht eine schwache Stelle darin! Es läßt sich nämlich darauf erwidern: »Bezahlt die Matrosen nach dem redlichen Werte ihrer Arbeit. Habt ihr es für sie erst ebenso lukrativ gemacht, euch zu dienen wie andern Arbeitgebern, so werdet ihr ferner keinen Mangel mehr daran haben.« Auf diesen Einwurf gibt es logisch keine andere Antwort als: »Ich will nicht«, und da man sich jetzt nicht bloß schämt, den Arbeiter seines Lohnes zu berauben, sondern dies auch nicht mehr tun will, so findet das »Matrosenpressen« keine Verteidiger mehr. Setzen sich aber diejenigen, welche die Frauen zur Heirat dadurch zwingen wollten, daß sie ihnen jede andere Laufbahn abschneiden, nicht demselben Einwurf aus? Ist das, was sie aussprechen, wirklich ihre Meinung, so bekennen sie damit, daß die Männer den Frauen die Ehe nicht so wünschenswert machen, daß sie sich um ihrer selbst willen dazu verstehen würden. Es ist durchaus kein Beweis für die hohe Meinung, welche jemand von der Anziehungskraft des von ihm Dargebotenen hegt, wenn er lediglich die Wahl gestattet: »Entweder dies oder gar nichts.« Und hier, glaube ich, haben wir den Schlüssel zu den Gefühlen der Männer, welche eine ausgesprochene Antipathie gegen die gleiche Freiheit des weiblichen Geschlechtes haben. Ich glaube, sie fürchten weniger, daß die Frauen überhaupt nicht heiraten wollen, denn ich kann mir nicht denken, daß einer von ihnen diese Besorgnis im Ernste hegt, sondern daß die Frauen verlangen würden, die Ehe solle auf gleichen Bedingungen beruhen, und daß alle Frauen, die Geist und Fähigkeiten besitzen, lieber jede andere Beschäftigung, die sie nur nicht in ihren eigenen Augen herabsetzte, ergriffen, als daß sie sich verheirateten und durch diesen Schritt sich und ihrer ganzen irdischen Habe einen Gebieter gäben. Und wahrlich, wenn die Heirat unabänderlich diese Folge nach sich ziehen muß, schiene eine Abneigung dagegen gar nicht so ungerechtfertigt. Ich halte es ebenfalls für wahrscheinlich, daß nur wenige Frauen, welche zu irgend etwas anderem fähig sind, es sei denn, daß ein ganz unwiderstehliches Entrainement sie eine Zeitlang für alles andere unempfänglich mache, sich entschließen könnten, ein solches Los zu wählen, sobald ihnen noch andere Chancen geboten würden, einen ehrenvollen Platz im Leben auszufüllen. Sind daher die Männer entschlossen, das Ehegesetz ein Gesetz des Despotismus bleiben zu lassen, so handeln sie vom Standpunkt der Klugheit ganz recht, den Frauen nur die Wahl zu lassen: »Entweder dies oder gar nichts.«

In diesem Falle ist aber alles, was bisher in der Welt geschehen ist, die Geister der Frauen von dem sie belastenden Drucke zu befreien, ein Mißgriff. Man hätte ihnen nie gestatten dürfen, sich eine literarische Bildung anzueignen. Frauen, welche lesen, und gar Frauen, die schreiben, sind in den existierenden Verhältnissen nur widersprechende und störende Elemente, und man tat sehr unrecht, sie andere Dinge lernen zu lassen, als für eine Odaliske oder für eine Haussklavin geeignet sind.

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