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Die Hochzeitsreise

Charles de Coster: Die Hochzeitsreise - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenovelette
booktitleDie Hochzeitsreise - Toulets Heirat
authorCharles de Coster
titleDie Hochzeitsreise
publisherPropyläen-Verlag
printrunZweite Auflage
year1920
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070731
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Dritter Teil

1

September war gekommen, der Lieblingsmonat der Liebenden, der Träumer, Dichter und Künstler, die holde Übergangszeit zwischen dem strahlenden Sommer, der Abschied nimmt, und dem reichen, üppigen, schwermütigen, nebligen Herbst, der herannaht. Die Bäume, die rasch grün werden und früh welken, streuen bereits ihre roten Blätter auf die Wege; das Sonnenlicht spielt malerischer in den Abendwolken, die sich in dichteren Massen am Horizont ballen. In der ganzen Natur liegt eine seltsame Ruhe und gleichsam die Erwartung einer Trauer ohne Tränen. Die schwarzen Beeren glänzen wie Trauben von Jettperlen an den Brombeersträuchern, die das Schlangenknäul ihrer kahlen Äste zeigen. Die schon frostige Nachtluft umsäumt alle Blätter mit gelben Rändern. Die roten Rüben, deren welke Blätter am Morgen mit Tau bedeckt sind, sehen im bleichen Sonnenschein mit ihren geröteten, schwellenden Wurzeln aus dem Boden hervor. Menschen, Vögel, Pflanzen, die ganze Natur, scheinen zu begreifen, daß der Lebenssaft alles gegeben hat, was er nach den waltenden Gesetzen zu geben vermag, und daß der Augenblick nahe ist, wo seine scheinbar erschöpfte Quelle den Pflanzenschmuck der entschlafenden Erde nur noch kärglich ernährt.

Paul, Margarete, sogar Siska, ja selbst die Vögel in den Käfigen unterlagen diesem schwermütigen Einfluß des Herbstes.

Roosje hatte andere Gedanken, selbstsüchtige, eitle und schlimme. Seit einer Weile sprach sie nur noch von »anständigen« Leuten, »anständiger« Gesellschaft, »anständigen« Manieren. Sie, die gewöhnt war, die Möbel mit bloßen Händen abzustäuben und abzureiben und das Geschirr in kochendem Wasser zu spülen, sodaß ihre Finger einschrumpften, verbrachte nun einen guten Teil des Tages damit, diese Arbeitswerkzeuge mit Mandelpasta, Jockey-Klub-Seife und anderen Mixturen einzureiben, deren lockende Schilder mit ihren verwelschten griechischen Namen versprachen, der Haut »eine unvergleichliche Frische und Sammetweichheit« zu geben oder zu erhalten.

Seit einiger Zeit kamen Schneiderinnen, Modistinnen und Schuhmacher unaufhörlich ins Schloß, wie Roosje es nannte, und brachten Kleider, Röcke, Haarfrisuren, Hüte und Stiefel. Sie ließ sich von ihren Lieferanten, Leuten von Geschmack und Ruf, beraten, und so war sie bald so vornehm gekleidet, daß man sie aus einiger Entfernung für eine Dame halten konnte.

Margarete war über diese Verwandlung erstaunt. In ihrer Harmlosigkeit glaubte sie, Roosje sei eifersüchtig auf die bescheidene Eleganz ihres Anzuges und wolle sie nicht nur nachahmen, sondern durch ihren Luxus ausstechen. Paul dagegen, der nicht ihr Sohn war, sie aber aus Ehrerbietung vor dem Alter und ihrem Geschlecht gut behandelte, bemerkte an ihr eine Veränderung, die ihm zu denken gab. Drei Gefühle, so dachte er, waren in ihr rege: eine grausame, kaum verhehlte Genugtuung, ein lebhafterer Haß auf ihn, der Haß einer Katze, die Sammetpfoten macht, bevor sie zum Tatzenhieb ausholt, und eine dumme, breitspurige, grenzenlose Eitelkeit.

Roosjes erste Tat nach ihrer Verwandlung in eine Dame war, daß sie Siska roh und grausam in die Küche verwies. Das arme Mädchen ging blutenden Herzens hinunter und kam an diesem Tage nur zum Vorschein, um nachzusehen, ob Roosje etwas nötig hätte. Sie bekam die hochfahrende Antwort, man werde klingeln, wenn man sie brauche.

Eines Tages schellte ein kleiner Mann am Gitter. Er war schlecht gekleidet wie ein junger Gelehrter, ein Bücherwurm, der im Alter schmutzig sein wird. Sein Benehmen war spöttisch und zugleich dienstfertig. Er maß das Mädchen mit den Blicken und fragte dann in hochfahrendem Tone, ob die Frau Baronin Servaes van Steelandt im Schloß wäre. Das letzte Wort betonte er besonders. Das Mädchen antwortete, daß eine alte Frau namens Roosje, verwitwete Servaes, geborene van Steelandt, in dem Landhaus« wohne und vielleicht Baronin sei, da der Herr es ja sage.

Sie öffnete das Gitter und blickte dem kleinen Manne nach, der durch die Allee schritt und mit seinen plumpen Stiefeln die Muscheln der Raseneinfassung zertrat, die auf dem Wege herumlagen. Lachend bewunderte sie die Anmut seiner Erscheinung, seinen hohen Zylinder, der an den Leuchtturm von Ostende gemahnte, den dicken Kopf, den zu langen Rumpf, das biegsame Bückgrat, die breiten Hüften, das Hinterteil, das so umfangreich war wie bei einer Stute, die krummen, dicken Beine und die Plattfüße.

Er ließ sich unter dem Namen Bouffart melden und als er Roosjes Zimmer betrat, prüfte er den Tisch, die Möbel, den Kamin, die Bilder und auch Frau Servaes van Steelandt, die er mit zärtlich-schalkhaften Blicken betrachtete.

»Setzen Sie sich, Herr,« sagte Roosje würdevoll und machte eine Handbewegung, die hochmütig sein sollte, aber nur lächerlich war.

Herr Bouffart setzte sich bescheiden auf den ersten Sitz, der in seiner Nähe stand. Es war ein Betstuhl. Auch Roosje nahm Platz, mit erhobenem Kopf, die Augen etwas verstört und weit aufgerissen. Ein Zeichen überreizter Eitelkeit.

Sie lehnte den Ellbogen auf einen kleinen Spieltisch und stützte das Gesicht in die Hand, wobei sie Sorge trug, den kleinen Finger elegant gebogen am Augenwinkel zu halten. »Ich höre, mein Herr,« sagte sie hart und hochmütig.

Bouffart verbeugte sich tief.

»Frau Baronin,« sagte er, »Ihre Titel sind in Ordnung. Der Name Servaes van Steelandt wird schon 1567 unter den Schöffen der Küre von Gent genannt.« »1567 vor Christi Geburt! Ach, Herr, welches Glück!« rief Roosje. Sie glaubte, das wäre zur Zeit der Sintflut gewesen. »So alt ist mein Name, Herr?«

»Nicht ganz genau, Frau Baronin, aber beinahe,« antwortete Bouffart, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Immerhin,« entgegnete Roosje, »ich glaubte, das viele Wasser ...«

»Einige Kirchenbücher sind freilich dabei untergegangen, Frau Baronin, aber zum Glück konnten die meisten gerettet werden. Die, welche Ihren Namen erwähnen, sind dem Verderben entgangen. Hier sind übrigens Ihre Adelsbriefe, mit der Freiherrnkrone versehen. Ihre Ahnen, die Familie van Steelandt, wären Herren von Bergen-op-Zoom, Lille, Perregatte und anderen Orten. Im Jahre 1727, unter der Herrschaft Ihrer durchlauchtigsten und allergnädigsten Majestät, Maria Theresia, übersandte Messire de Parcq, der damals nur zum Ritterstand gehörte, Ihrer durchlauchtigsten und allergnädigsten Majestät eine Bittschrift des Inhalts, daß er ein Mann von gutem Wandel und Sitten sei und zweitausend Gulden für den Freiherrntitel und das Recht böte, den Namen van Steelandt zu führen. Seine Bittschrift wurde dem Reichshofrat in Wien überwiesen und von diesem mit einer höflichen Ablehnung zurückgesandt, vielleicht weil das Angebot des Messire de Parcq zu gering war. Er ließ sich nicht abschrecken, richtete an die Kaiserin eine neue Bittschrift und bot viertausend Gulden. Sie gelangte wieder an den Reichshofrat in Wien und kam diesmal unter schmeichelhafter Annahme der viertausend Gulden zurück, zugleich mit der Genehmigung, den Freiherrntitel zu führen und seinem Namen den van Steelandt hinzuzufügen.«

»Immer Geld!« sagte Roosje. »Das war nicht schön von Maria Theresia.«

»Entschuldigen Sie, Frau Baronin. Die Fürsten dürfen nach göttlichem Recht Adelstitel verkaufen. Sie wollen doch sicher nicht, daß sie sie gratis verleihen?«

»O nein,« sagte Roosje, völlig gebändigt durch das »Verleihen«.

»Die Herrscher sind ebensowenig wie Sie verpflichtet, das gratis zu vergeben, was ihnen zu eigen gehört, was ihr Besitz ist, der Ausfluß ihrer Erhabenheit – den Adel. Außerdem befand sich Ihre allergnädigste Majestät damals im Kriege mit Preußen und Friedrich II. Der Kurfürst von Bayern erhob Ansprüche auf ihren Thron. Die Ungarn ergriffen allerdings die Waffen für sie. Die Holländer ihrerseits schickten ihr Geld und Truppen; unter ihnen befand sich einer Ihrer Ahnen. Durch einen Kartätschenschuß verlor er auf dem Schlachtfeld das rechte Ohr und die Nasenspitze. Ihre Majestät die Kaiserin mochte in diesen schweren Zeiten Geld brauchen, in diesem Kreuzzug des guten Rechts gegen die Gewalt ...«

»Ach ja,« unterbrach Roosje. »Ich verstehe, das war damals, als Gottfried von Bouillon ...«

Bouffart hustete bescheiden.

»Das ist teuer, viertausend Gulden.«

»Ich erlaube mir, der Frau Baronin zu sagen, daß der Titel soviel wert ist. Er gibt Zutritt zur besten Gesellschaft, zu den Reichen und Mächtigen. Für den Adelsbrief, der die gnädige Frau mit einem Schlage in die obere, bevorrechtigte Kaste erhebt, würde ein reiches Bürgermädchen gern eine Million zahlen. Das sieht man alle Tage. Die jungen Bankiers, auch die reichsten, sind glücklich, in ihrer Verwandtschaft wenigstens eine Patrizierfamilie zu haben, und Sie können sich freuen ...«

»Ich habe recht spät daran gedacht. Zeigen Sie mir mein Wappen.«

»Hier, Frau Baronin. Ein silberner Balken auf rotem Grunde und darüber vier laufende Andreaskreuze auf azurenen Balken.«

»Schön, sehr schön,« sagte Roosje, durch die Worte Balken, Silber und Azur derart bezaubert, daß sie ihr ins Blut zu dringen und heraldische Blutkörper und adliges Eisen darin zu erzeugen schienen. »Ist mein Ring fertig?« fügte sie hinzu.

»Ja, gnädige Frau.«

»Was wiegt er?«

»Eine Unze Goldes.«

»Was kostet er?«

»Dreihundertfünfzig Franken.«

»Das macht zweihundertsiebzig Franken für die Arbeit und die Gravierung?«

»Ja, gnädige Frau.«

»Geben Sie mir die Rechnung.«

»Hier ist sie.«

»Unquittiert?«

»Frau Baronin haben mich nicht beauftragt, sie zu bezahlen.«

»Sie trauen mir nicht?«

»Aber Frau Baronin!«

Roosje öffnete ein kleines Schubfach, das mit Goldstücken gefüllt war, und zahlte Bouffart 350 Franken.

»Bestätigen Sie mir den Empfang.«

Bouffart schrieb die Quittung.

»Rann ich Ihnen ein Trinkgeld anbieten?« fragte Roosje.

»Frau Baronin,« entgegnete er beleidigt, »ein Trinkgeld? Nein! Wir nennen das Honorar.«

Der Goldschmied hatte ihm schon eine Provision gezahlt.

»Da,« sagte Roosje, »da haben Sie einen päpstlichen Franken, der wird Ihnen Glück bringen.«

»Einen Franken,« sagte Bouffart trocken und unhöflich. »Ich bekomme fünfundzwanzig Prozent.«

»Was? Fünfundzwanzig Prozent? Aber das macht ja siebenundachtzig Franken und fünfzig Centimes.«

»Ja.«

Roosje zahlte sie ihm mit zitternden Fingern.

»Das ist gut bezahlt,« sagte sie zähneknirschend.

»Es ist noch nicht alles. Frau Baronin schulden mir noch den Preis für das Malen des Wappens, die Kosten für die Anfertigung, Abschrift und Eintragung der Urkunden. Eine Kleinigkeit. Fünfhundert Franken.«

»Fünfhundert Franken!« rief Roosje wütend. »Sie glauben wohl, ich hätte sie und würde sie Ihnen geben? Sie sind ein ... Dieb!« wollte sie sagen.

»Verzeihung, gnädige Frau, die Arbeit ist mir von Ihnen aufgetragen. Sie werden sie mir gefälligst bezahlen.« Bouffart steckte die Urkunde wieder in die Tasche seines Überrocks und fuhr fort:

»Ich könnte Sie vor Gericht bringen und Ihre Briefe bekanntgeben ... worin Sie gestehen, daß Sie ... Wirtin im ›Kaiserwappen‹ waren.«

Die letzten Worte sprach er sehr laut.

»Mein Herr,« sagte Roosje kleinlaut, »wenn man Sie hörte! Schweigen Sie! Hier sind die fünfhundert Franken.«

Bouffart übergab Roosje ihre beglaubigten Adelsbriefe und ging.

»Auf Wiedersehen, Frau Baronin,« sagte er sehr laut auf der Treppe.

In diesem Augenblick legte die befriedigte Eitelkeit eine Salbe auf die Wunde, die Roosjes Geiz geschlagen war.

2

Folgende Szene spielte sich zwei Tage später in Roosjes Boudoir ab.

»Mama, du siehst doch, daß sie weint,« sagte Margarete zu ihrer Mutter, die im Zimmer stand und mit hochmütiger Miene abwechselnd ihren Siegelring betrachtete und die Falten ihres herbstfarbenen Taftkleides peinlich ordnete. Margarete fuhr fort:

»Du brauchst nicht so oft deinen Ring und dein Kleid zu betrachten. Mach' lieber der armen Siska, die dich so liebt, nicht so viel Kummer.« Siska weinte in einer Ecke und verbarg ihr Gesicht in einer merkwürdigen weißen Schürze mit blauen Säumen – dem Azur und Silber der neuen Baronin. Ihr hellblaues Kleid trug an den Ärmelaufschlägen und am Rocksaum breite Silbertressen und war mit großen roten Knöpfen – dem Grunde des Wappens – zugeknöpft. Auf dem Mieder sah Margarete nicht ohne Verblüffung einen Einsatz in Form eines Schildes, der das edle Wappen der Barone Van Steelandt in Rot, Silber und Azur darstellte. Das war ein Einfall von Roosje. Siskas dicke rote Männerhände sahen noch röter und dicker aus den engen Ärmeln ihres Wappenkleides hervor, dessen viereckiger Ausschnitt ihre magere Brust freiließ und ihre gelbliche Haut und die eckige, muskulöse Bildung ihrer kräftigen Schultern zeigte.

»Nein, Frau,« sagte sie plötzlich, »ich will mich nicht so anziehen, ich schäme mich. Man wird mich für eine Straßendirne halten. Ich sehe wie eine Verrückte aus. Die Gassenjungen werden hinter mir herlaufen und mich mit Steinen werfen. Lieber krieche ich ins Kohlenloch und komme nicht mehr hervor. Ich weiß nicht, ob das vornehm ist, sich derart vor aller Welt zu zeigen, in Blau, Weiß und Rot, buntscheckig wie eine Musterkarte. Ich gehöre nicht zur vornehmen Welt. Mein Vater war ein Erdarbeiter, meine Mutter eine Arbeitsfrau, und sie liefen vor niemand im Maskenkleid herum. Ich will so sein wie sie. Sie würden sich baß schämen – Gott habe sie selig – wenn sie mich in diesem Aufzug sehen könnten. Frau Margarete, Fräulein Grietje,« fügte sie zärtlich hinzu, »bitten Sie doch die Frau Baronin, denn das ist sie ja nun mal, mir mein Merinokleid für den Alltag und mein Baumwollkleid für den Sonntag zu lassen. Eine Schürze will ich ja tragen, aber nur eine weiße ohne Rand, das ist sauberer, und wenn die Frau das Waschen bezahlen will ... und ...«

»Schön, Fräulein Siska,« sagte Roosje hart.

»Ich bin Frau und nicht Fräulein,« unterbrach sie die arme Sklavin, die sich beschimpft fühlte.

»Wenn man zu einer Magd Frau sagt, wie soll man mich dann nennen?« fragte Roosje.

»Frau Baronin. Närrische Baronin vielleicht, um's Ihnen zu sagen.«

»Hinaus!« rief Roosje und packte sie am Arme.

»Ach ja, ich gehe schon,« sagte Siska und versetzte ihr einen kräftigen Klaps, sodaß sie sie losließ. »Ja, ich gehe lieber heute als morgen, lieber sofort als in einer Stunde, aber vorher will ich Ihnen noch eins sagen. Ich weiß nicht, welcher Hochmutsteufel in Sie gefahren ist, aber Sie werden lächerlich und unerträglich ...«

»Siska ...« unterbrach Margarete.

»Lassen Sie mich reden,« versetzte Siska, sich völlig in Wut redend. »Lassen Sie mich reden, liebes Fräulein, ich werde es hier nicht mehr lange tun. Das Herz ist mir seit sechs Wochen zu schwer. Die Frau behandelt mich wie einen bösen Hund; ich kriege nichts als Schelte und nie einen Dank. Als sie eifersüchtig auf Sie war, Frau, und auf Ihr Glück, da verzieh ich ihr ihren Zorn. Jetzt ist's was anderes. Ich weiß nicht, was in sie gefahren ist, etwas Scheußliches, was nicht natürlich ist. Jede Nacht träume ich von einer großen Katze, so groß wie ein Mensch, die um das Haus schleicht. Ich sage Ihnen, wenn das nicht anders wird, gibt's ein Unglück; glauben Sie mir, Grietje. Ich liebe Sie, ich möchte immer bei Ihnen sein, um Sie zu beschützen, aber hier kann ich nicht länger bleiben. Nein, nein, halten Sie mich nicht zurück, ich muß gehen.«

»Frau,« setzte sie hinzu, sich an Roosje wendend, »Gott möge Sie nicht strafen, das ist alles, worum ich bitte. Aber lassen Sie mich gehen, Fräulein Grietje, lassen Sie mich gehen. Ich sage Ihnen, ich will nicht mehr hier bleiben. Der Teufel ist da. Nachts pfeift er in den Essen und ich höre ihn lachen, wenn der Wind weht. Ich sage Ihnen, ich habe Angst in meinem Zimmer. Schlösse ich mich nicht doppelt ein und hätte ich nicht ein großes Messer im Bette, ich könnte nicht schlafen. Ich sage Ihnen, ich will fort. Das Unglück schleicht um das Haus. Wer wird weinen? Wer wird leiden? Wer wird sterben? Ich weiß es nicht, aber ich habe Angst und will fort!«

Siska ging hinaus und Margarete folgte ihr. Sie gingen in das Zimmer der treuen Sklavin hinauf. Da riß sich Siska ihr Wappenkleid in Stücken vom Leibe. Mit einem Freudenschauer zog sie ihr altes schwarzes Kleid wieder an, setzte ihre weiße Haube auf und zog ihre groben Schuhe an. Dann trug sie alles zusammen, was sie an Kleidungsstücken hatte, und legte es ordentlich in eine große, grün angestrichene Holzkiste. »Bleib bei uns,« sagte Margarete, »bleib bei uns. Ich habe dich lieb, du weißt es ...«

»Oh! ich auch, Fräulein, Frau, wollt' ich sagen.«

»Nun gut, also bleibe. Ich kenne und liebe dich. Bleib bei mir, wenn du nicht mehr bei Mama bleiben willst. Ich muß ja auch sagen, daß sie recht häßlich zu dir ist, aber sie ist alt und bedarf der Pflege.«

»Nein, Fräulein, nein; ich habe Angst hier.«

»Hast du um dich Angst, Siska?«

»Nein, Grietje, nein. Um Sie,« setzte sie ganz leise hinzu, »um Sie hab' ich Angst.«

»Nun gut, dann mußt du bei mir bleiben, um mich zu beschützen. Für Mama werde ich eine andere Magd suchen. Du wirst mich ankleiden und mir das Haar machen.«

»Ich bin so ungeschickt.«

»Du wirst schon lernen, geschickt zu werden,« sagte Margarete. Und lachend und sie umarmend, setzte sie hinzu: »Und da wirst mich vor der großen Katze behüten. Wenn du Lärm hörst, greifst du zum Messer, und niemand wird wagen, sich zu rühren.«

»Ach, Fräulein, Frau,« verbesserte sich Siska, »nicht wahr, ich werde stets bei Ihnen bleiben, stets? Wie gut werde ich für Sie sorgen! Aber wird Jeannette nicht eifersüchtig werden?«

»Dafür ist sie zu böse auf Mama,« entgegnete Margarete.

»Wen werden Sie für die Frau Mutter annehmen?« fragte Siska.

»Fürs erste sorge ich für sie, bis ich jemand finde, der ihr paßt.« »Na schön,« sagte Siska, schon besorgt, daß Roosje sich selbst überlassen bliebe.

Inzwischen war die Alte allein in ihrem Zimmer und genoß die herben Freuden der Eitelkeit. Sie ordnete peinlich die Falten ihres herbstfarbenen Taftkleides und betrachtete stolz ihren großen goldenen Siegelring.

In der Nacht träumte sie, sie führe über den Schloßplatz in Brüssel in einem vierspännigen Wagen mit einem Vorreiter. Es war ein Paradetag und heller Sonnenschein. Die Trommeln dröhnten, die Regimentsmusiken spielten die Brabançonne, die Glocken läuteten, von Zeit zu Zeit fiel ein Kanonenschuß. Der König nahm vor ihr seinen Hut ab, und die Soldaten präsentierten vor ihr das Gewehr.

Paul war ein schmutziger, zerlumpter Bettler geworden und trug einen langen Bart. Er stand, auf einen dicken Stock gestützt, in der ersten Reihe und hielt ihr seine fettige Mütze hin. Sie warf ihm einen Heller hinein und fuhr stolz davon im langen Galopp ihrer vier Pferde.

»Ich kriege ihn schließlich unter!« sagte sie sich.

3

Roosjes Anmaßung wurde bald unerträglich. Siska weinte den ganzen Tag; die Köchin verlangte, um überhaupt zu bleiben, eine Lohnerhöhung und lief weg, wenn sie nur die Nasenspitze der Frau Baronin sah. Das Hausmädchen, das an Margarete hing, klagte zwar nicht, konnte es aber bei seinem lustigen und entschlossenen Wesen nicht lassen, der neugebackenen Adligen ins Gesicht zu lachen, wenn ihre junge Herrin nicht da war.

Roosje kümmerte das wenig. Sie betete sich an, genoß sich selbst wie ein köstliches Gericht, las immer und immer wieder das heraldische Kauderwelsch ihres Adelsbriefes und träumte davon, sich eine fünfzackige Freiherrnkrone machen zu lassen, die sie des Abends daheim bei verschlossenen Türen tragen wollte, um sich mit diesem Schmuck in ihrem Spiegel zu bewundern.

Die Leute aus der Nachbarschaft, die Bauern erzählten, man sähe sie in Gesellschaft schöner Herren und Damen im Wagen fahren. Dann spreizte sie sich, gestikulierte beim Sprechen mit Kopf und Händen, und große Hunde liefen vor oder neben dem Wagen einher.

Das traf zu und stieg der früheren Gastwirtin so zu Kopfe, daß es für sie nichts mehr auf der Welt gab als den Adel, die Leute von gutem Ton, die Wappen, die großen Hunde und Wagenfahrten. Sie bekam eine grenzenlose Hochachtung vor ihrem Körper. War er nicht aus einem Stoffe, der aus der Zeit vor der Sintflut stammte? Sie verwandte auf ihr liebes Ich eine kleinliche, beharrliche, lächerliche Sorgfalt. Binnen vierzehn Tagen hatte sie wohlgepflegte Hände; sie trug Schönheitspflästerchen, bestrich und salbte sich mit allen möglichen Salben, Pudern und Mixturen und verjüngte sich, aber in abstoßender Weise. Das Hausmädchen behauptete, sie wollte wieder heiraten. Aber das traf nicht zu.

Bisher hatte Roosje Paul verachtet. Nun verachtete sie ihn noch mehr und noch hochmütiger. Bisweilen sagte sie: »Er soll's mir heimzahlen, der Habenichts, der Bürgerliche!«

Nur die Liebe zu ihrer Tochter, ihre einzige, wahre Liebe, blieb. Margarete war adlig wie sie und von ihrem Blute. Eines Tages ging sie in das Schlafzimmer des »Plebejers« Paul, während er sich ankleidete. Sie wollte sehen, ob seine Füße so wären wie die ihren.

4

Eines Tages sagte Paul zu Margarete:

»Ich bin voller Geduld und Sanftmut! ... Aber ich bin am Ende. Es juckt mir in den Fingern. Ich fühle beim geringsten Wort ...«

»Ich hab' es gern, daß du geduldig bist,« antwortete Margarete, »aber da es dir in den Fingern juckt und du jemanden schlagen mußt ...«

Paul gab ihr einige Klapse. Sie zahlte sie ihm nach Kräften heim. Er war bald wieder ruhig.

Dann küßte sie ihm die Hand zum Zeichen ihrer zärtlichen Hörigkeit und sagte: »Bist du nun zufrieden, mein sanfter Gebieter, daß du Mama auf meinem Rücken geschlagen hast?«

Dergleichen Szenen wiederholten sich häufig. Margarete hatte ihren Gatten durch ihre Anmut, Liebe und Zärtlichkeit schon oft davon zurückgehalten, gegen ihre Mutter so ausfallend zu werden, daß diese die Villa hätte verlassen müssen und in die Leere und Einsamkeit zurückgesunken wäre.

Am nächsten Morgen sagte Paul zu Margarete: »Ich brauche Luft. Hier ersticke ich seit einiger Zeit. Auch du bist nicht glücklich. Nehmen wir drei Wochen Urlaub und lassen wir die Schwiegermutter in der Gesellschaft ihrer Adligen.«

»Da du Luft brauchst und erstickst,« antwortete Margarete, »wollen wir verreisen, wohin du willst. Wohin sollen wir gehen?«

»Nach Ostende, ans Meer.«

»Ans Meer!« rief Margarete fröhlich und klatschte wie ein Kind in die Hände.

»Ja, ans Meer, Salzluft atmen ... Und nicht von früh bis spät beschimpft werden.«

Margarete kündigte Roosje diesen Reiseplan an. Sie wollte sich gewählt ausdrücken und bezeigte ihr lebhaftes Bedauern, ihre Frau Tochter und ihren Herrn Schwiegersohn nicht ins Seebad begleiten zu können. Sie hätte jedoch Dinereinladungen vom Herrn Grafen von S..., dem Herrn Herzog von ... und dem Herrn Baron von ... erhalten. Auch wünsche der Chevalier D..., der sehr reich sei und trotz seines ganz niederen Adels überall verkehrte, daß sie ihm die Ehre erwiese, ein paar Tage auf seinem Landgut zu verbringen. Trotz ihres Bedauerns, die Zerstreuungen und Vergnügungen des Seebades nicht mit ihrer Tochter teilen zu können, sähe sie sich also genötigt, sie allein mit ihrem Gatten reisen zu lassen, dessen angenehme Gesellschaft ihr sicherlich genügen würde. Sie wünschte aufrichtig, daß sie in voller Gesundheit ins Schloß zurückkehrten. Sie bäte ihre Tochter nur, ihr während ihrer Abwesenheit die Schlüssel des Hauses zu übergeben und den Dienstboten die nötigen Anweisungen zu geben, damit sie bedient würde, wie es einer Dame aus guter Familie und großem Hause zukäme.

Paul ertrug diesen Hagel abgebrauchter Redensarten mit Ruhe und antwortete: »Die Frau Baronin kann der strikten Ausführung ihrer Befehle sicher sein. Ich werde die Ehre haben, meine Frau zu bitten, die Schlüssel ihrer Mutter, der Frau Baronin, zu übergeben, und ich habe die Ehre, ihr den lebhaftesten Ausdruck meiner hohen und ehrerbietigen Wertschätzung zu Füßen zu legen.«

Damit verbeugte sich Paul bis zur Erde und wollte hinausgehen. Vor dem Abschied wollte Margarete ihrer Mutter an den Hals springen. Da diese jedoch frisch angemalt war, stieß sie sie zurück und reichte ihr die Hand zum Kusse. Margarete begriff rasch, küßte ihr die Hand und verlangte nichts weiter. Paul ging nach rückwärts hinaus, wobei er sich immerfort verbeugte.

Roosje wagte nicht, wütend zu werden, damit es nicht so aussähe, als begriffe sie, daß ihr bestgehaßter Feind sich über sie lustig machte.

Margarete ging hinaus, Paul folgte ihr. Im Vorflur schloß er Margarete in die Arme und gab ihr einen schlichtbürgerlichen Kuß. Am nächsten Morgen um fünf Uhr reisten sie ab und kamen bei Dunkelwerden in Ostende an.

5

Als sie ausstiegen, schlug es von der Kapuzinerkirche acht Uhr. Es war ein schwüler Abend. Der letzte Tagesschimmer erlosch am schwarzen Himmel. Kein Blitz, kein Geräusch, kein Wind, nichts als das dumpfe Brausen des Meeres, das von der Elektrizität des nahenden Gewitters in seinen Tiefen aufgerührt wurde. Sie schritten über die Zugbrücke, die über die Gräben führte, und standen bald auf dem Damm. Das Meer lag vor ihnen, phosphoreszierend und brüllend.

»Paul!« sagte Margarete, »Paul, was ist da überall für ein Feuer?« Sie schmiegte sich an seinen Arm.

»Hast du Angst?« fragte er.

»Nein. Du würdest mich nirgendswo hinführen, wo Gefahr ist. Außerdem scheinen all die Leute, die an den Geländern lehnen, guter Dinge zu sein. Ich will auch guter Dinge sein. Ich gehe, wohin du gehst.«

»Auf diese Bank?«

»Ja.«

»Es regnet schon große Tropfen.«

»Die Tropfen sind warm. Solchen Regen mag ich gern.«

Sie setzten sich. Paul und Margarete umschlangen sich, schmiegten Wange an Wange und gaben sich verstohlene Küsse, ohne von den breiten, rötlichen Streifen verraten zu werden, die den schwarzen Himmel flüchtig durchklafften. Sie hielten ihre von der Elektrizität feuchten Hände verschlungen und waren in jene weiche Schlaffheit versunken, die so viel Kraft birgt. Mit leiser, dumpfer, feierlicher Stimme sprachen sie. Auch das Meer sprach, wie es zu sprechen vermag, wenn das Gewitter, sein Buhle, es mit Liebesströmen sättigt. Es war ganz in Feuer gebadet. Von der Spitze der Wellenbrecher und des Pfahlwerks bis zum fernen Horizont war ein einziges Lichtmeer. Jeder Wogenkamm trug sein Irrlicht, das in dem Wellengang verschwand Und erlosch und auf einem anderen Wogenkamm wieder auftauchte. Der Donner grollte mit dumpfer, langsamer, hallender, schmeichelnder Stimme wie ein ungeheurer, tausendarmiger Riese, der das Meer umfing und seine Riesenliebe hinausschrie.

Mächtige Wogen brandeten über die Wellenbrecher und den hohen Damm hinweg und bedeckten sie mit leuchtendem Schaum, rollten langsam zurück und verschwanden in der Flut, wie vor Lust brüllend. Der Himmel war schwarz, das Wasser mit Lichtern besät. Feurige Schlangen sprangen über die Wellenbrecher. Hippogryphen, Chimären, Sirenen bäumten an dem Pfahlwerk empor, als wollten sie es erklimmen. Paul und Margarete fühlten, wie die Glut, die am Busen der Wogen kochte, zu ihnen emporstieg. Jeden Augenblick erschien auf der Flut ein neues Fabelwesen, ein ungeborenes, leuchtendes Gebilde. Bisweilen scharten sich die Ungeheuer zusammen und kamen auf den Deich zu, mit gähnenden Rachen und feurigen Mähnen, die in dem aufkommenden Winde flatterten, der den Dünensand von der Westpoort über den Deich jagte. Dann wieder taten sich weiche Abgründe von Licht auf und riefen die beiden Liebenden. Paul und Margarete folgten mit aufmerksamen Blicken dem anmutigen Spiel der Wogen, ihren wollüstigen Windungen, den zwischen ihnen klaffenden Feuerbetten, und ließen sich von diesen schwindelnden Rufen locken. Sie hätten in das Meer hinablaufen und darin verschwinden mögen, gewiegt von dem schwankenden Bette der Wogen.

Der Wind wehte schwül, der Regen fiel in dicken Tropfen, immer dichter und rascher. Blitze durchzuckten den Himmel und zerrissen gewaltsam den schweren Wolkenvorhang. Paul und Margarete blieben sitzen, versunken in ihre Liebe und in den Anblick der Unendlichkeit von Himmel und Wasser, die ineinander verschmolzen.

»Paul, Paul,« flüsterte Margarete, »wenn ich dich jemals verlöre! Wir wollen jetzt gehen; es ist nicht gut, so lange ins Wasser zu schauen, wenn man traurig ist.«

Das Gewitter brach los, der Regen fiel in Strömen. Verträumt und durchnäßt kehrten sie in den Gasthof zurück.

6

Bald darauf verließ die Köchin Ukkel infolge eines Briefes von unbekannter Hand:

»Ihre Mutter ist schwer krank. Sie möchte Sie sehen. Kommen Sie rasch nach Revin, wenn Sie Abschied von ihr nehmen wollen.«

Das Mädchen hatte weder Geld noch die Erlaubnis, fortzureisen. Sie bat die Frau Baronin um beides. Diese gab ihr sehr gnädig Urlaub. Betreffs des Geldes fragte sie, wieviel Lohn sie bekäme. »Dreißig Franken im Monat.«

»Wie weit reicht der Monat.«

»Bis heute früh.«

»Zeigen Sie Ihr Buch.«

»Hier, Frau Baronin.«

Roosje las. »Es ist richtig,« sagte sie. »Brauchen Sie die dreißig Franken?«

»Ja, gnädige Frau, sonst reise ich nicht.«

»Aber Ihre Mutter?«

»Ich habe noch eine Schwester zu Hause.«

»Hier sind die dreißig Franken. Geben Sie mir Quittung, ich lasse sie mir vom Herrn Doktor zurückzahlen. Wenn Sie vierzehn Tage fortbleiben müssen, werde ich sehen, wie ich ohne Sie auskomme.«

In Revin angelangt, fand die Köchin ihre Mutter wohlauf, und ihre Schwester war erstaunt über den Brief, den sie erhalten hatte. Am nächsten Tage dachte sie nicht mehr daran und genoß vierzehn Tage lang ihre Freiheit.

Ein paar Tage danach plauderten Siska und Jeannette in der Küche und sprachen auch über die Veränderung in Roosjes Charakter. Seit der Reise nach Ostende war sie so gutmütig geworden. Sie ging häufig aus und hatte sogar Siska gezwungen, mit ihr zu essen, wobei Jeannette die beiden bedienen mußte. Der hatte sie versprochen, bei Gelegenheit auch mit ihr zu essen, wobei sie bemerkte, eine Baronin dürfe auch nicht stolzer sein als andere, und Siska sollte sie dann ihrerseits bedienen.

»Ja,« sagte Siska naiv zu Jeannette, »ich wußte es, die Frau ist nicht böse. Allemal, wenn man Menschen sieht, die stets ärgerlich scheinen, kann man sicher sein, daß ein gutes Herz dahintersteckt. Jetzt kommt es auch bei ihr zum Vorschein.«

»Möglich,« sagte Jeannette, »möglich,« während sie ihren Sonntagshut mit neuen grünen Bändern putzte. Grün war damals Mode. Zur Befestigung der beiden Bänder hatte sie eine tellergroße Rosette angebracht. »Möglich; ich glaube an keine Güte, die den Leuten über Nacht kommt.«

»Sie sieht den Herrn nicht mehr; ob das nicht der Grund ist?«

»Nein, Siska, ich versichere dir, es ist was anderes.«

»Was?«

»Seit zehn Tagen geht sie beständig zur selben Zeit fort und kommt sehr geschäftig zurück.«

»Meine große Katze, o Gott!«

»Welche große Katze?«

»Ich weiß schon, was ich meine.«

7

Eines Morgens klingelte Roosje heftig nach Siska. Erschreckt kam das gute Mädchen herauf. »Ist die gnädige Frau krank?«

»Nein, Siska,« antwortete Roosje süßlich. »Nein, du siehst ja, daß ich mich nie wohler gefühlt habe. Ach Gott!« seufzte sie, »du könntest mir eine sehr große Freude machen, ja, eine sehr große Freude!«

»Welche, gnädige Frau? Sagen Sie's rasch, ich bin bereit.« »Du müßtest nach Gent fahren, Siska, ins ›Kaiserwappen‹ gehen und dort einen Koffer suchen, in dem der Waffenrock und der Feuerwehrhelm meines armen Mannes liegen. Er ist jetzt im Himmel und wird mir verzeihen, daß ich so spät daran denke, diese kostbaren Erinnerungen zu sammeln. Aber ich habe so viel Verdruß gehabt, Siska, so viel Sorgen. Er wird mir verzeihen, o ja! Du weißt, er hat in der Regierungsstraße auf die Orangisten geschossen, die von Bartjen Bast geführt wurden. Er hat unter Rothier den berühmten Kartätschenschuß abgefeuert, so daß man von den zweiten Jägern nichts mehr als Blut und Fetzen im Schnee sah. Ich brauche den Rock und den Helm, die er an diesem großen Tage trug. Heiliger Rock! Helm der Ehre! Reliquien eines Patrioten, Siska! Hole sie mir aus Gent. Der Koffer steht auf dem Boden rechts in der Ecke. Er ist in Mahagonifarbe gestrichen und mit einem Vorhängeschloß versehen; hier der Schlüssel.«

Siska nahm eine kriegerische Miene an. »Es ist für einen Patrioten,« sagte sie, »da geh ich sofort. Aber die Reise ist kostspielig, nicht wahr, Frau?« fügte das naive Geschöpf hinzu, das ohne einen Heller war, da sie all ihre kleinen Ersparnisse für den Peterspfennig hingegeben hatte.

»Teuer?« fragte Roosje. »Hin und zurück dritter Klasse, Mittag, Abendessen und Wohnung für vierzehn Tage zu 1,5o Franken für den Tag, macht 27,10 Franken. Da sind sie; du wirst nicht sagen, daß ich geizig bin.«

»Das sage ich nicht, Frau, aber für 1,5o Franken kriege ich nirgends Wohnung und Essen. Ich brauche vierzig Franken. Ich kann krank werden, oder auf der Bahn kann mir was zustoßen. Die Lokomotiven sind Teufelsdinger. Ich bringe Ihnen das Geld wieder, wenn ich es nicht brauche. Wenn mir ein Unglück zustößt, kann ich nicht wie eine Bettlerin auf der Straße sitzen. Ich muß so viel haben, daß ich jemanden bezahlen kann, der mich aufhebt und mich in die Herberge bringt. Wäre die Post nicht so teuer, ich führe mit der Post. Ich sage Ihnen, ich brauche vierzig Franken.«

»Da, du Blutegel, da sind die vierzig Franken. Du tust nichts, als mir das Fell über die Ohren zu ziehen.«

»Ich gehe nicht, wenn Sie mich noch mal Blutegel nennen. Ich habe nicht das geringste davon, mich in der Eisenbahn durchrütteln zu lassen und in den Wagen zu sitzen, vor die man den Teufel gespannt hat. Lachen Sie nicht, ich weiß wohl, daß der Teufel sie zieht. Wenn er zurückprallt, quetscht er die Wagen gegeneinander wie Feigen, und die Reisenden mit. Aber ich werde vor der Fahrt tüchtig beten, und vielleicht zerquetscht er mich nicht beim Zurückprallen.«

»Siska, fürchte dich nicht. Jetzt bist du im Besitz einer großen Geldsumme. Und das Geld ist heuer knapp.«

»Das glaub' ich wohl, Frau, denn sogar der Papst braucht Geld und hat mich durch den Herrn Pfarrer darum bitten lassen.«

»Du kommst ins Paradies, Siska.«

»Ich suche es mir zu verdienen, Frau.«

»Man wird dir Rystpap in silbernen Löffeln zu essen geben.«

»Ich werde nehmen, was ich kriege, und es wird alles gut sein, das ist sicher.«

Am nächsten Tage reiste Siska nach Gent. Unterwegs sagte sie sich: »Sonderbar, der Mann der Frau galt in Gent für einen Orangisten, und jetzt sagt sie, er wäre ein Patriot und bei der Feuerwehr gewesen. Aber ich darf den bösen Zungen nicht glauben, die Welt ist so schlecht.«

8

Kaum hatte Siska das Gitter geschlossen, so ließ Roosje Jeannette in ihr Zimmer kommen.

»Es ist ein Dieb hier,« sagte sie streng.

»Ein Dieb?« fragte Jeannette.

»Ja, ein Dieb oder eine Diebin.«

»Meinen Sie mich?«

»Sie oder eine andere.«

»Ich habe noch nie etwas genommen.«

»Alle Dienstmädchen ...«

»Das ist nicht wahr.«

»Sagen Sie doch, daß ich gelogen habe.«

»Ja, Sie haben gelogen,« erwiderte Jeannette und bekam sofort von Roosje eine solche Ohrfeige, daß sie hintenüberfiel.

Sie stand wütend auf. »Wenn Sie nicht eine alte Frau wären,« sagte sie, »ich würde Sie auf der Stelle erwürgen. Was! Stehlen? Was hab' ich gestohlen? Wo habe ich gestohlen? Sagen Sie's!«

»Aus diesem Haufen.« Und Roosje zeigte der geblendeten Jeannette ein phantastisches Schauspiel: einen Haufen Banknoten, Gold- und Silberstücke auf einem Arbeitstisch. Sie zählte die Banknoten. »Man hat mir hundert Franken gestohlen.«

»Gnädige Frau,« antwortete Jeannette, »Sie haben Ihr Zimmer seit gestern nicht verlassen, ich habe Ihnen also nichts nehmen können. Es ist nicht Ihre Gewohnheit, Banknoten, Gold und Silber auf den Tischen herumliegen zu lassen. Diese Scheine, dies Gold und diese Fünffrankenstücke liegen also ausdrücklich da, um Ihnen den Anlaß zu geben, mir einen Streich zu spielen. Sie wollen mich aus dem Hause jagen, ich verlange nichts Besseres. Geben Sie mir meinen Lohn.«

»Da ist Ihr Lohn.«

Roosje folgte ihr, um sich zu vergewissern, daß sie nichts Gestohlenes in ihren Koffer tat.

Ein Bauernjunge kam gerade am Gitter vorüber. Das Mädchen winkte ihm einladend und vertraulich zu und ließ sich von ihm ihren Koffer zum Bureau der Omnibusse nach Brüssel tragen.

Als Roosje die Gittertür in ihren Angeln kreischen hörte, rieb sie sich fröhlich die Hände.

9

Alsbald ging sie aus und kehrte mit einem Schlosser zurück, den sie in Pauls und Margaretes Zimmer führte.

»Ich habe den Schlüssel zu meinem Schmuckkasten verloren,« sagte sie. »Bitte, öffnen Sie ihn.«

»Mit Vergnügen, Frau Baronin.«

»Nehmen Sie das Schloß mit und machen Sie einen Schlüssel wie den verlorenen.«

»Es wäre sicherer, Schlüssel und Schloß etwas zu ändern.«

»Nicht nötig.«

»Wann brauchen Sie den Schlüssel?«

»Heute abend; ich will Sie gut bezahlen.«

»Danke im voraus,« antwortete der Schlosser. Er war pünktlich.

Während dieses Gesprächs wagte Roosje, die sehr aufgeregt war, dem Schlosser nicht ins Gesicht zu sehen. Als sie allein war, schloß sie die Gittertür zweimal zu, ebenso alle inneren und äußeren Türen. Sie ließ alle Rolläden herab, zog alle Vorhänge zu und ging mit einer Blendlaterne in Margaretes Schlafzimmer; dabei sah sie sich wie eine Diebin um, ob ihr auch niemand folgte. Sie schloß sich ein, bekam Angst, blickte unter die Betten und in die Schränke, dann ging sie wieder an das Kästchen.

Blumen, trockne Haselnüsse, Rosen, Kornblumen, abgerissene Zweige, Schleifen, allerart zärtliche und holde Andenken waren darin. Mit zitternden Händen wühlte Roosje in diesem Gedicht der Vergangenheit. Sie erblickte ein Armband, das Paul Margarete vor der Hochzeit geschenkt hatte; es war mit zwei goldenen Medaillons, ihren Bildern, geschmückt.

Margarete hing sehr an diesem Armband; das wußte Roosje. Sie nahm es. Es brannte ihr in der Hand. In ihrer Verwirrung warf sie es aus dem Kästchen, blickte es lange an, bevor sie es wieder aufhob, und steckte es hastig in ihre Tasche. Dann schloß sie das Kästchen mit einem Ungeschick, das ihr sonst nicht zu eigen war, wankte auf ihren Beinen und zitterte wie ein Blatt im Winde. Dann verbarg sie sich mehr tot als lebendig in ihrem Zimmer.

Dort hatte sie entsetzliche Visionen und schlief die ganze Nacht nicht.

10

Am nächsten Morgen führte sie die Gräfin Amelie ins Speisezimmer. Sobald sie nicht mehr allein war, kehrte ihre Sicherheit wieder. »Wir sind unter uns, Frau Gräfin,« sagte sie; »die Turteltauben sind in Ostende. Ich habe Ihnen gesagt, was ich Siska aufgebunden habe. Wenn das dumme Schaf mit ihrem Suchen auf meinem Boden fertig ist, wird sie anderswo anfangen zu suchen, bei allen Trödlern in der Stadt, weil sie glaubt, noch nicht eifrig und ausdauernd genug gewesen zu sein. Wir lassen sie in Gent, solange wir es für nötig halten.«

Und Roosje nahm das Armband zur Hand.

»Wir brauchen einen Strauß,« sagte die Gräfin.

»Wir finden oben einen, folgen Sie mir.«

Roosje ging vor der Gräfin her ins erste Stockwerk. Dort wählte sie aus dem Kästchen einen verwelkten Maßliebchenstrauß. Er war durch einen Goldreifen zusammengehalten, an dem an dünnen Goldkettchen zwei ebenfalls goldene Figürchen hingen, die einen Totenkopf und einen Schäferhund darstellten.

»Es ist der erste Strauß, den er ihr gab und den sie von einem Manne bekommen hat,« sagte Roosje.

»Nehmen Sie ihn,« sagte die Gräfin und zog aus ihrer Brieftasche ein beschriebenes Billett von sehr starkem Papier: »Lesen Sie und behalten Sie es,« sagte sie.

Roosje las:

»Liebe Amelie!

Was liegt Dir an ein paar vertrockneten Blumen? Etwas Staub, etwas Heu. Bleibt denn etwas anderes zurück von diesen Andenken aus der Pflanzenwelt?

Hier ist also das Heu, der Staub und mein Bild, da Du mir die Ehre erwiesest, das alles von mir zu verlangen.

Erwarte mich heute abend.

Paul.«

»Das hat er damals geschrieben, als er Sie liebte?« fragte die Alte.

»Ja.«

»Ohne Datum.«

»Er datierte seine Briefe nie.«

»Aber dann ...,« sagte Roosje mit finsterer Miene, als hätte sie einem Banditen erlaubt, das zuckende Herz ihrer Tochter zu zerreißen, »aber dann habe ich sie! Sie wird stets bei mir bleiben, wird ihn nicht mehr lieben können, denn sie wird ihn verachten wie Dreck. Den Strauß, von dem er so verächtlich spricht, hat er nicht von einer geliebten Frau bekommen, sonst ...«

»O nein, sondern von irgendeinem Frauenzimmer, das gerade sentimentale Anwandlungen und Lust hatte, mit dem ersten Besten aufs Land zu fahren und zu essen. Warum Paul diese Blumen aufgehoben bat, weiß ich nicht. Aber sie erregten meine Eifersucht, als ich eines Tages seine Schubladen durchsuchte. Sie verstehen mich. Das Bild und der Strauß werden uns den Sieg sichern, wenn der alte, undatierte und nicht vergilbte Brief dabei ist.«

»Wie bin ich glücklich!« rief Roosje erregt.

»Ihre neue Wohnung ist bereit,« fügte die Gräfin hinzu. »Sie ist prächtig, elegant, bequem.«

»Und sehr kostspielig! Ich wollte ...«

»Ihre Ziffer ist weit überschritten. Aber darum keine Sorge.«

»Wollen Sie sie bezahlen?« fragte Roosje keuchend.

»Aber ja, ich bezahle sie,« antwortete die Gräfin mit verächtlichem Achselzucken.

Roosje tat, als fühlte sie sich nicht gekränkt durch diese aristokratische, verächtliche Freigebigkeit, die sie auf die schmähliche Rolle einer bezahlten Mittelsperson herabdrückte, die man davonjagt, wenn man sie nicht mehr braucht.

»Auf welchen Namen haben Sie das Haus gemietet?« fragte sie demütig.

»Auf den Namen eines Freundes von mir, des Barons R... Da wird man Sie nicht ausfindig machen. Wenn unsre Turteltauben von Ostende zurückkommen, müssen Sie mit Margarete allein sein. Sie werden es sein. Ich habe dem Doktor Kranke auf den Hals gehetzt, die ihn gleich beim Aussteigen am Kragen packen. Eine Woche lang wird er Tag und Nacht keine Stunde für sich haben. Inzwischen ...«

»Ich weiß, was ich zu tun habe,« antwortete Roosje. Sie fühlte mit Erstaunen, daß ihr das Herz schwer und die Seele wund war, in dem Augenblick, wo ihr liebster Wunsch sich verwirklichen sollte.

11

Gegen Ende der Woche kam das junge Paar zurück. Roosje, der sie ihre Ankunft mitgeteilt hatten, erwartete sie, das Gesicht gegen eine Fensterscheibe des Eßzimmers gepreßt. In ihrer Tasche befühlte sie das Billett, das Armband und den Maßliebchenstrauß.

Sofort nach ihrer Ankunft erschien ein Diener, um dem Doktor zu melden, daß Frau v. V. B. ernst, ja vielleicht tödlich erkrankt sei und sofort um seine Hilfe bäte.

Er verließ Margarete mit einem sanften, zärtlichen Kuß auf die Stirn, die Augen, die gebräunten Wangen und den schönen Mund, der noch frisch von der Seeluft war.

Margarete trat ins Eßzimmer.

Im Grunde von Roosjes Herzen schrie etwas: »Laß ihr einen Augenblick Ruhe. Warte, bevor du zuschlägst. Hab' Mitleid mit der reinen Freude, die aus ihrem holden Gesicht strahlt.« Nein, antwortete die bittre Eifersucht.

12

»He he,« machte sie, ohne Margarete Zeit zu lassen, sich zu setzen, »hast du dich da gut amüsiert, Frau Tochter?«

»O ja, Mama! Aber warum nennst du mich Frau? Du tätest besser, mich zu umarmen. Es ist doch kein Verbrechen, nach Ostende zu reisen und zurückzukehren?«

»Er war sicherlich gut zu Dir?«

»Ja.«

»Und reizend, und zärtlich, und liebevoll?«

»Ja.«

»Und hat er dir gesagt, daß er dich anbetet, daß er dich über alles liebt, daß er ohne dich nicht leben kann?«

»Das hat er nicht gesagt, aber so ist's,« antwortete Margarete, deren Herz beim Anblick ihrer Mutter stärker schlug.

Roosje zog das Billett, das Armband und den Strauß aus der Tasche und gab sie Margarete.

Bei jeder Silbe des grausamen Briefes ging das Gesicht ihrer Tochter von der Blässe des bewegten Lebens mehr und mehr zur Fahlheit einer Leiche über. Roosje schlich um sie herum wie eine alte Wölfin um ein Lamm und sagte mit scheußlichem Lachen:

»Ist das auch Anbetung für dich, ist das Liebe über alles, heißt das nicht mehr ohne dich leben können? Ja, lies das Blatt, lies es nochmal, dreh' es um und um. Du wirst nicht leugnen, daß es seine Handschrift ist. Die Gräfin hat es mir geschickt, empört über diese namenlose Gemeinheit. Was denkst du davon?« Margarete gab keine Antwort.

»Ist dieser Doktor nicht ein Heuchler, ein Taugenichts, und hatte ich nicht recht, ihn zu verabscheuen?«

Margarete gab noch immer keine Antwort.

»Willst du von hier fort?«

Margarete zerriß den Strauß mit ihren zitternden Fingern, warf ihn zu Boden, zertrat ihn und spie auf den Staub, dann packte sie Roosje am Arm und riß sie gewaltsam aus dem Zimmer.

Roosje hob den Ring, den Schäferhund und den Totenkopf auf. Dann suchte sie all ihr Geld zusammen und setzte ihren Hut auf. Sie folgte ihrer Tochter aus dem Hause und schlug den Weg nach der Straße ein, ohne daß Margarete auf ihre zahlreichen Fragen ein Wort geantwortet hätte.

Es war vier Uhr nachmittags.

Die beiden Frauen mieteten auf der Post einen Wagen.

»Fahren Sie uns nach der Marnixstraße zu Herrn von R ...,« sagte Roosje.

Während des Fahrens fragte Roosje ihre Tochter mehr als zwanzigmal: »Was bedeutet dies Sinnbild von Totenkopf und Schäferhund?« Margarete gab keine Antwort. »Bist du böse auf mich?« fragte sie weiter.

Nichts, kein Wort, keine Gebärde.

Der Wagen hielt in der Marnixstraße. Ein Diener öffnete, ohne auf das Klingeln zu warten.

Margarete ging, noch immer schweigend, geradewegs in den Garten und setzte sich auf einen Rohrstuhl an der Hausmauer. Der Garten war eigentlich nur ein Gärtchen, ein Nest von Blumen und Blättern zwischen ein paar mit Zierpflanzen geschmückten Mauern. In einer Ecke stand eine ländliche Laube. Hinter den Mauern ragte eine hübsche schneeweiße, gotische Turmspitze auf. Vögel sangen in den Kastanienbäumen eines großen Gartens, der rechtwinklig an das Gärtchen stieß. Lerchen zwitscherten in Käfigen, die an den Mauern der Nachbarhäuser hingen, und blähten sich vor Behagen in der wärmenden Sonne. Die schwermütigen Schläge der Turmuhr der kleinen Kirche stiegen zum blauen Himmel empor, an dem die Schwalben flogen. Ein paar Schmetterlinge wiegten sich über den Blumen.

»Wirst du dich hier wohl fühlen?« fragte Roosje.

Margarete warf ihr einen vernichtenden Blick zu und verließ den Garten, um in das Haus zu gehen.

»Warum blickst du mich so an? Warum sprichst du nicht? Willst du in dein Zimmer hinaufgehen?«

Roosje wollte hinter Margarete in das Zimmer treten, das für sie mit erlesenem Geschmack eingerichtet war, aber sie packte sie an den Schultern und stieß sie hinaus.

»Man muß diesen Augenblick des Zornes vorübergehen lassen,« sagte sich die Alte besorgt und verwirrt.

Das Gewissen murrte in ihrem Herzen und sagte ihr: »Du verdienst so behandelt zu werden.«

Sie schickte ihrer Tochter durch ein Mädchen eine Biersuppe ins Zimmer, damit sie schliefe, wie sie sagte.

Das Opfer ließ sich schweigend bedienen und sprach mit dem Mädchen so wenig wie mit ihrer Mutter. Als das Mädchen jedoch länger als nötig verweilte, stand sie auf und blickte es mit großen starren Augen an. Erschreckt verließ das Mädchen eiligst das Zimmer und berichtete Roosje das Vorgefallene. Diese versuchte sich einzureden, daß sie sehr zufrieden sei, brachte es aber nur so weit, sich tief beschämt in ihr Bett zu verkriechen. Es schien ihr, als hörte sie leise um sich sprechen: »Du hast ein Verbrechen begangen.«

»Hehe!« lachte sie ganz laut, um sich zu beweisen, daß sie keine Angst hatte. »Ein Verbrechen? Eine gestörte Liebelei! Ein Verbrechen? Hehe!« Da sie fürchtete, nicht schlafen zu können, ließ die Alte sich auch eine Biersuppe machen. Als sie sich vollgegessen hatte, legte sie sich zu Bett und schlief halbberauscht ein.

Der Abend sank.

Gegen zehn Uhr hörte Roosje ein Geräusch und erwachte: jemand versuchte, das Schloß der Haustür zu öffnen. Diebe, dachte sie. Sie horchte, vor Angst röchelnd. Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen. Sie rief: »Josephine! Josephine!«

Das Mädchen kam.

»Hast du ein Geräusch gehört?« fragte Roosje.

»Ja.«

»Schließe schnell die Zimmertür, es sind Diebe. Schließe schnell zu.«

»Es sind keine Diebe, es ist die junge Frau, die im Garten herumgeht.«

»Man hat aber nicht die Gartentür geöffnet, sondern die Haustür.«

Roosje kleidete sich hastig an. Ihr Hirn gebar düstre, verworrene Gedanken. Allmählich nahmen sie Gestalt an. Sie griff in ihrer Tasche nach dem Goldreifen mit den Figürchen, der um den Strauß gewesen war, und zog die Hand schaudernd zurück, als würde sie gebissen. Aber je stärker diese schwarzen Gedanken wurden, um so mehr nahm auch ihr Mut zu. Sie ergriff eine Lampe, ging hinunter, riß die Gartentür auf und wagte sich hinaus.

»Margarete! Margarete!« rief sie.

Niemand antwortete.

Roosje ging rings durch den Garten, der Wind löschte die Lampe aus.

Sie öffnete die Straßentür. Sie war nicht verschlossen.

»Margarete! Margarete! Meine Tochter! Sie ist fort, aus dem Hause!« rief sie und lief in das erste Stockwerk hinauf, um sich zu vergewissern.

Sie sah die Tür von Margaretes Zimmer offen stehen, die Flügel hoben sich schwarz von der noch tieferen Finsternis ab. Trotzdem tastete Roosje im Dunkeln nach dem Bett. Es war leer.

»Meine Tochter ist fort! Meine Tochter ist fort! Ich habe meine Tochter getötet!« heulte sie und wollte hinaus.

Das Mädchen warf ihr einen Schal über die alten bloßen Schultern, denn Roosje war im Hemd und Unterrock. Das Mädchen zog ihr trotz ihres Sträubens die Stiefel an und beschwor sie, zu Hause zu bleiben. Frau Margarete, sagte sie, wäre gewiß ins Schloß zurückgekehrt, zu ihrem Gatten, und man brauchte sich nicht zu beunruhigen.

Die Wahrheit, die sie nicht sagte, war, daß sie müde war und wieder ins Bett wollte. Roosje ging allem fort. Sie ging aufs Geratewohl und spähte nach dem Schatten ihrer Tochter. An jeder Straßenecke, auf jedem Bürgersteig wähnte sie einen flüchtigen Schritt und das Rauschen eines Seidenkleides zu hören. Wie glühendes Eisen schoß ihr plötzlich ein Gedanke durchs Hirn. »Das Wasser,« sagte sie, »das Wasser!«

»Wo geht man in Brüssel ins Wasser?« fragte sie sich.

»Der Kanal ist das Wasser, in dem man sich in Brüssel ertränkt,« antwortete eine dumpfe Stimme in ihr, aber ihr war, als ob sie neben ihr spräche.

Der Kanal? Sie begann wie toll zu laufen, fragte sich, welches der kürzeste Weg sei, fand ihn nicht und lief über alle Boulevards bis zur Grünen Allee.

Sie kam fast bis ans Ende; da versagten ihre alten Beine. Sie versuchte weiter zu laufen, konnte sich aber nur schleppen und schleppte sich weiter. Sie glaubte, eine Frau an dem Geländer langsam vorbeigehen zu sehen.

»Margarete!« sagte sie, denn sie konnte nicht schreien.

Roosje keuchte, aber mit der letzten Kraft schleppte sie sich weiter. Sie richtete sich sogar auf. An der Brücke stolperte sie, stand wieder auf, fiel nochmals und kroch auf den Knien weiter. Die Frau kam auf die Brücke.

»Margarete!« wollte Roosje schreien. Umsonst! Ihre Stimme war schwach und erstickt wie im Albtraum.

Die Frau ging über die Brücke. Roosje richtete sich auf, klammerte sich an das Geländer und zog sich an den Händen weiter.

Roosje sah ein bleiches, stolzes, entschlossenes Gesicht. »Margarete!« wollte sie wieder schreien.

Es war ihre Tochter!

Margarete blieb am Wasser stehen, zwei Schritt vom Rande. Roosje kroch auf den Knien heran, um das Kleid ihrer Tochter zu erfassen, und versuchte, nicht von ihr gesehen zu werden.

Das Gefühl, daß Margarete sich bei ihrem Anblick in den Kanal stürzen würde, gab ihr Kraft, List und Mut. Sie kroch auf ihre Tochter zu wie eine Schnecke, eine Schlange.

Margarete schaute mit starren, tiefen Blicken bald zum Himmel hinauf, bald ins Wasser hinab. Sie hatte die Hände nicht betend gefaltet, wie es Todgeweihte zu tun pflegen. Kein zartes Gefühl erhellte ihr Gesicht, das im Mondlicht kreideweiß schien. Sie dachte an den Schändlichen, der ihre reine Jugend, ihre schöne Liebe durch eine Gemeinheit geohrfeigt hatte; das sah Roosje an der finstren Entrüstung, die ihre Züge verzerrte. Sie ging in den Tod, weil sie mußte. Stolz und scheinbar kalt wie eine indische Witwe, die den Scheiterhaufen ihres toten Gatten besteigt, schickte sie sich an, lebendig in das kalte Grab ihrer Liebe zu steigen.

Das Wasser war schwarz, der Mond hell. Bläulicher Nebel lag auf den Wiesen. Roosje kroch weiter. Plötzlich stieß sie einen Freudenschrei aus. Sie hatte das Kleid ihrer Tochter mit Tigerkrallen gepackt und zerrte daran, als wollte sie es zerreißen.

»Wohin willst du?« schrie sie, sich an Margarete klammernd, und riß sie zu Boden, damit sie ihr nicht entrinnen konnte. »Wohin willst du?« Margarete wollte sich losreißen und schlug nach Roosje, aber die ließ sie nicht los.

»Wohin willst du? Ins Wasser? Höre! Es ist nicht wahr! Er hat dich nicht betrogen! Es war ein alter Brief. Ein alter Strauß. Ich war's, ich habe alles getan, um dich bei mir zu haben, Grietje, ich, deine Mutter, die dich zu sehr liebt! Grietje, du mußt zu ihm zurück! Das ist das wenigste, daß ich mich opfere. Nicht ins Wasser! Nicht in den Kanal! Nicht in den Tod! Höre und sprich, mein Kind, meine Tochter!«

Margarete wehrte sich. Krämpfe durchzuckten sie. Ihre Kraft verdoppelte sich, aber Roosje ließ nicht los. Sie schrie – endlich konnte sie schreien – schrie wider Willen einen verhaßten Namen, der nie über ihre Lippen gekommen war. »Paul, Paul liebt dich! Ich sage es dir! Paul liebt dich! Er liebt dich, ich sage es dir! Ich sage dir, Paul, Paul liebt dich! Komm!«

Bei diesen Worten zerrte sie sie am Kleid, an den Armen. »Grietje, ich habe gelogen, gelogen, gelogen! Deine Mutter hat gelogen, Grietje, verstehst du, gelogen, meine Tochter, deine Mutter hat gelogen!«

Margarete begann zu schluchzen.

Das war ein gutes Zeichen. Roosje liebkoste sie, umarmte sie, sagte ihr tausend Schmeichelworte. Die Zuckungen hörten auf. Plötzlich stand Margarete auf und richtete ihre Mutter auf.

»Ich habe gelogen, gelogen!« sagte Roosje immerfort.

»Dann komm nach Ukkel,« antwortete Margarete, »und gib mir den Arm. Wenn nötig, werd' ich dich tragen.« 13

Die beiden Frauen machten sich auf den Weg.

Roosje schleppte sich am Arm ihrer Tochter; nach ein paar Schritten mußte Grietje, wie sie gesagt hatte, die Mutter tragen. Auf der Königsstraße kam ein Wagen vorbei, in dem ein Liebespaar saß. Ein hochherziges Geschlecht.

»Meine Dame,« sagte ein junger Mann, aus dem Wagen steigend und auf Margarete zutretend, »das ist eine schwere Last. Steigen Sie in diesen Wagen und sagen Sie dem Kutscher, wohin er Sie fahren soll.«

Margarete nahm es an und setzte ihre Mutter mehr tot als lebendig in den Wagen.

»Wohin soll ich Sie fahren?« fragte der Kutscher.

»Nach Ukkel.«

»Nach Ukkel? Niemals.«

»Für zwanzig Franken?« fragte Margarete.

»Zeigen Sie mir die zwanzig Franken.«

»Da.«

»Ha,« rief der Kutscher und grüßte, als er in Margaretes Geldtasche noch mehrere Goldstücke blinken sah. »Das ist was andres, Frau Herzogin. Wo soll ich halten?«

»Vor dem Gittertor des Schlosses vom Grafen Coghen.«

Der Wagen fuhr im Galopp davon.

»Nun, Mama, sprich,« sagte Margarete.

Roosje faßte sich ein Herz und gestand Margarete die ganze schmähliche Wahrheit. Sie war so traurig gewesen, sie nicht mehr bei sich zu haben, und wollte zu dem Zweck eine Scheidung erzwingen. Gräfin Amelie sprach sie eines Tages an und lud sie zum Essen auf ihr »Schloß«. Dort wurde sie bedient »wie eine Königin«. Sie sprach vom Adel, sie bewies ihr, daß sie im Mannesstamm adlig sei und unrecht daran tue, ihren Titel nicht zu führen. Daher ihre Kleider nach neuester Mode und der Besuch des Herrn Bouffart, »dieses Erzhalunken«. Gräfin Amelie machte ihr Anvertrauungen. Auch sie wollte Paul von Margarete trennen. Ein ganz alter Brief, ein Bild und ein paar verwelkte Blumen, die aus einem Kästchen gestohlen waren, sollten nach ihrer Meinung den Bruch herbeiführen.

»Die Gräfin ist in diesem Augenblick schon in deiner Wohnung,« setzte Roosje hinzu.

»Lassen Sie die Pferde laufen, was sie können,« sagte Margarete zum Kutscher.

»Lebend oder tot, Sie werden da sein,« antwortete dieser.

Die Pferde waren kräftig, der Wagen fuhr wie der Wind.

Zwanzig Minuten später setzte er auf einen Wink Margaretes die beiden Damen am Gitter des Schlosses Coghen ab.

»Warum nicht bei uns?« fragte Roosje.

»Die Gräfin würde mich kommen hören. Bleib hier, Mama.«

»Hier ist viel Geld. Geben Sie auf die Dame acht, ich komme sie abholen,« sagte Margarete zum Kutscher und gab ihm blindlings über 100 Franken in Gold. Er hatte sie bald gezählt und rieb sich vergnügt die Hände. Margarete flog mehr, als sie lief, in ihre Wohnung. Als sie über den Rasenplatz kam, sah sie im Erdgeschoß Licht. Sie blieb im Vorraum stehen und hörte eine Stimme – die Stimme der Gräfin. Sie sagte: »Glaube mir, du wirst noch lieben. Paul, du bist nicht der einzige auf Erden ...«

Der Doktor antwortete: »Ich werde allein sein, ganz allein für immer, wenn das, was geschah, Wirklichkeit ist, wenn ich nicht im Wachen träume, wenn ich nicht der blöde Spielball einer Sinnestäuschung bin.«

»Trotzdem ...« sagte die Gräfin.

»Nein, es ist nicht wahr, es ist nicht möglich. Margarete hat mich nicht betrogen, sie hat nicht an einem einzigen Tage ihre Liebe, unsre Liebe vergessen und mit Füßen getreten. Sie liebte mich. Dergleichen fühlt man, gnädige Frau: Fünf Monate erst verheiratet! Fünf Monate Zärtlichkeit bei ihr, Anbetung bei mir. Und mit einem Schlag, ohne Grund, ja ohne Vorwand? Nein, das ist unmöglich! Sechs Stunden reite ich nun mit verhängten Zügeln herum, nicht wie ein Mensch, sondern wie ein lebloses Ding, und kann doch nicht glauben, daß ich sie suche und daß sie nicht da ist. Ich kann nur noch auf sie warten. Sie kommt wieder, schütteln Sie den Kopf nicht, sie kommt wieder, sag' ich Ihnen!«

»Das Frauenherz ist so seltsam,« antwortete die Gräfin. »Eine Laune, ein Unbekannter, der Zufall reicht hin. Gewisse Männer rauben in gewissen Augenblicken das Herz einer Frau. Wie konnten Sie außerdem auf ein armes Mädchen bauen, das im Wirtshaus erzogen ist?« »Da haben wir also,« versetzte der Doktor, »den lässigen, schleppenden, hochmütig-mitleidigen Ton, mit dem die Frauen Ihrer Kreise so gut die kalte, grausame Heuchelei verbergen, die sich wohlmeinend stellt, um besser zu schaden. Wie soll ich auf ein Mädchen aus dem Wirtshause bauen, sagen Sie? Ach, Gnädigste, vielleicht etwas mehr als auf Sie selbst. Nicht wegen des Wirtshauses, sondern wegen ihres Charakters. Tun Sie nicht erstaunt! Sie beleidigen Margarete, so beleidige ich Sie. Das ist recht und billig. Außerdem: seid ihr nicht, von etwas Plunder abgesehen, eine wie die andere, und trifft es nicht zu, daß ihr, ob oben auf der Leiter oder unten im Volke, oder an den Stufen des Thrones, alle vom gleichen Verhängnis getrieben werdet und je nach eurer Gemütsart anständige Frauen oder Abenteuerinnen seid? Margarete ist zur anständigen Frau geboren. Sie hat Energie, eine natürliche Würde und Scham von solcher Zartheit, daß ich sie für unfähig halte, das gemeine und dumme Verbrechen zu begehen, das man Ehebruch nennt.«

»Das ist eine merkwürdige Sprache im Munde eines Arztes und Weltmanns!«

»Gerade als Arzt und Weltmann bin ich doppelt auf meiner Hut, und darum hab' ich Margarete zur Frau gewählt. Ich habe Leichen und Gewissen zergliedert, habe die geringsten Regungen des Lebens und des menschlichen Denkens studiert. Ich weiß, was Leben und Frische des Herzens und des Leibes ist. Das finde ich bei Margarete, und darum liebe ich sie. Ihr alle, reiche Bürgerfrauen oder große Damen, habt gewöhnlich mehr Baumwolle als Fleisch am Leibe und mehr Manieren als Gefühl. Ihr vertut so viele Stunden damit, das zarte Gespinst trägen Schmachtens mit holden Lastern und erlesenen Ausschweifungen zu durchwirken. Gegen euch neige ich zum Mißtrauen, ja zur Härte, trotzdem ich euch reizend finde, wenn die Natur euch reizend gemacht hat, trotz der Faxen eures guten Tons. Ihr liebt die Tatzenhiebe des Samtpfötchens und das Spiel mit der arglosen Beute, bevor ihr sie langsam verspeist. Ihr seid göttliche Pantherinnen mit Glacéhandschuhen, allerliebste Katzen in Spitzenmänteln; darum bewundre ich euch und fliehe euch, denn ich kenne euch alle auswendig, da ich euch in den Romanen gelesen habe. Margarete, die euch nicht gleicht, hab' ich in keinem Roman gefunden, und sie fesselt mich gerade durch ihre Schlichtheit, ihre Unkenntnis der Konvenienzen und Faxen, die Unmittelbarkeit ihrer Gefühle, die Unwillkürlichkeit ihrer Gebärden und Bewegungen, die ihre geringste Seelenregung verraten.«

»Sie taugt auch nicht mehr als wir andern. Sie lieben sie, das ist alles,« entgegnete die Gräfin.

»O ja, ich liebe sie wie eine Geliebte, wie ein argloses, wahres, gutes Weib, eine lebende Statue, eine Schöpfung der großen Bildhauerin der Seelen und Leiber, die Natur heißt! Für mich ist sie hold, schön und neu, reizend und göttlich, und ich liebe sie, Gnädigste, ja, ich liebe sie! Ihr Besitz hat mich berauscht und wird mich jeden Tag mehr berauschen. – Aber wo bist du? wo finde ich dich?« rief er schmerzvoll. Margarete war selig, derart idealisiert zu werden und ihre Nebenbuhlerin durch das Liebesbekenntnis des Doktors zerschmettert zu sehen. Sie hatte es daher nicht eilig, hineinzugehen.

»Eben das müßte man wissen,« fuhr die Gräfin fort.

Plötzlich schlug sich der Doktor vor die Stirn. »Wo sie ist? – Da, wo Roosje ist,« antwortete er sich selbst. »Die Mädchen fort, das Haus leer! ... Die alte Schlange wird irgend einen Plan ausgeheckt haben! Sie sind daran beteiligt, gnädige Frau. Sie erröten. Jetzt fällt mir die Straße nach Paris ein, der Windhund, der dicke, weißgekleidete Mann. Ihre metallische Stimme, Ihre Worte ... Was haben Sie getan, Unglückliche, was haben Sie getan?«

Da warf sich die Gräfin ihm zu Füßen. »Paul,« sagte sie mit gebrochener Stimme, »Paul, verzeih mir. Ach, wir sind zu allem fähig, wir armen Frauen, wenn wir lieben. Wie oft war ich nahe daran, zu dir zu kommen, am hellen lichten Tage, um dich aus ihren Armen zu reißen. Ich will dich, Paul, verstehst du, ich will dich! Du warst hart und scheußlich gegen mich. Du hast mich genommen und mich behalten, und dann hast du mich wie ein Freudenmädchen verlassen, weil ich einem andern einen Scheidebrief schrieb. Sollte ich etwa, bevor ich dich kennen lernte, als junge Witwe, schön, so sagt man, und umworben, das weiß ich, ein liebeleeres Dasein führen? Blick mich nicht so an, ich bin nicht verächtlich, ich bin unglücklich. Ja, sehr unglücklich! Auch mich treibt das Verhängnis zu dir. Paul, ist's denn ein Verbrechen, dich zu lieben?« »Sag' mir, wo sie ist, wenn du mich liebst!« antwortete der Doktor. »Ich bitte dich darum, ich flehe dich an. Steh auf, sprich, bleibe nicht so auf dem Teppich in dieser Stellung, die für dich und für mich demütigend ist. Frau Gräfin, Frau Gräfin ... Amelie, sag mir, wo ist Margarete?«

»Nein, ich sage es dir nicht. Sie ist da, wo Roosje ist. Suche.«

»Ich werde dich schon zum Reden zwingen,« sagte der Doktor, auf sie zutretend.

»Mich zwingen? Mit Schlägen? Solltest du es wagen? Mich töten, möchtest du das? Es ist schon was dabei, eine Frau zu töten, noch dazu eine Frau aus der vornehmen Welt. Wo würdest du meinen Körper vergraben? Vielleicht würdest du über ihn weinen, wenn du sähest, daß er jung und zu schön für die Würmer ist. Schlag mich doch, töte mich doch, Paul! ... Ich liebe dich!«

»Wo ist sie, sag' es mir, ich bitte dich. Sag' es und ich verzeihe dir, Amelie.«

»Wie schön du sagst: Amelie! Du hast meinen Vornamen also nicht vergessen. Ha! Du liebst sie und findest sie doch nicht, du fühlst nicht, wo sie ist, deine Beine tragen dich nicht von selbst in das Haus, wo sie sich verbirgt. Du kannst dich also nicht wie die Magnetnadel auf eine Meile, auf hundert Meilen zu diesem Liebespol drehen. Und das nennst du lieben? Geh!«

»Willst du mir sagen, ja oder nein, wo du Margarete versteckt hast! Es geht für dich um Leben und Tod.« »Um so besser, aber ich werde nicht sprechen. Ich liebe dich, so wild und stolz, wie du bist. Schlag mir doch den Kopf ein mit diesen geballten Fäusten! Tritt mir doch auf den Leib, tritt mir die Brust mit dem Absatz ein. Er verlangt ja offenbar nichts Besseres. Worauf wartest du? Daß ich spreche? Befiehl der Wand, dir zu antworten.«

Margarete öffnete die Tür. Verblüfft, niedergeschmettert wich die Gräfin zurück.

»Das ist die Wand, mein Paul, mein Mann,« rief die Wiedererstandene und warf sich ihrem Gatten an den Hals. »Du bist gut, daß du nicht an mir zweifeltest. Weißt du, wo ich war? Am Kanal, um ins Wasser zu springen. Ich glaubte, du liebtest mich nicht mehr. Ich hatte den Kopf verloren, das war unrecht, ich weiß; aber mein Blick war getrübt, ich glaubte schändlichen Klatsch. Man gab mir Beweise, einen Brief, Blumen, ein Armband. Zwei Spinnen hatten ein Netz gewoben, um mich zu fangen, mich, die niemandem etwas Böses tat. Aber du liebst mich, ich bin glücklich, ich könnte nicht böse sein, nicht mal auf Sie,« sagte sie zur Gräfin gewandt. »Hier ist Ihr Schal und Ihr Hut, gehen Sie, Frau Gräfin, und versuchen Sie nicht mehr, zwei Liebende zu trennen. Beinahe hätten Sie es fertiggebracht, daß ich nur tot hierher zurückkam. Ich verzeihe Ihnen.«

Die Gräfin wollte ihre Haltung wahren, aber sie fühlte sich lächerlich, verachtet, grotesk. Zorn, Scham und Furcht übermannten sie. Ja, Furcht. Margarete war größer als sie und stärker. Eisen und Stahl waren unter den prächtigen Rundungen ihrer vollen Hände und ihrer herrlichen Arme. In ihrem bleichen, edlen und stolzen Gesicht, auf ihren blassen, gekräuselten Lippen, in ihren heftig geblähten Nasenflügeln, ihren schwarzen drohenden Augen, die auf ihre Feindin starrten, wie die Augen einer Tigerin, die sich anschickt, sich auf eine Nebenbuhlerin zu stürzen, flammte das Feuer des Zornes. Das Mädchen aus dem Volke suchte, ihrer Herkunft getreu, nach einer Waffe, und wenn es ein Leuchter oder eine Bronzefigur war, um ihre Rivalin zu treffen.

Die Gräfin ging.

Da sank Margarete, am ganzen Leibe zitternd, auf einen Lehnstuhl. Ihr Herz entkrampfte sich, sie stieß ein paar heisere, ächzende Laute aus, dann zerfloß sie plötzlich in Tränen und blickte Paul mit so treuen Augen an, in denen sich eine so wahre Freude malte, ihn wieder zu haben, daß es dem Ärmsten schien, als täte sich ihm ein schöneres Paradies auf als der Christenhimmel. Dann warf sie sich von neuem in seine Arme.

So blieben sie versunken in jene Art traurig-süßer, sanfter und inniger Verzückung, die das Ende der großen Schmerzen ist.

Der Doktor brach das Schweigen zuerst.

»Nun, Margarete,« sagte er, »erzähle mir alles, mein liebes Kind, das sich nicht mehr geliebt glaubte und ohne Tränen und Klagen stumm in den Tod gehen wollte. Sag' mir alles, Schönste, Liebste, für die es nicht genug Küsse und Zärtlichkeit gibt, mein Lieb. Sprich, damit ich deine holde Stimme lange, recht lange höre.«

»Ich habe schon alles gesagt,« antwortete Margarete und lachte vor Glück, noch halb unter Tränen. »Ich werde auch morgen noch manches zu erzählen haben, man braucht nicht alles auf einmal zu tun. Aber wenn du es wissen willst: ich lief dahin, wo die Leute in Brüssel ins Wasser gehen, wie ich in den Zeitungen gelesen hatte. Ich sah Wasser und Nebel; es war kalt, aber ich selbst war kälter. Ich brachte es nicht über mich, hineinzuspringen. Trotzdem glaubte ich, du würdest mich mehr lieben, wenn ich nicht mehr auf der Welt wäre. Dann dachte ich daran, daß ich ein Kind haben würde. Da hielt ich inne und blickte zum lieben Gott auf, und da war mir, als sagte er zu mir, ich dürfte nicht sterben. Ich blieb am Rande stehen. Aber plötzlich dachte ich daran, daß du mich betrögest und daß das eine Gemeinheit wäre, da schnürten sich alle meine Nerven zu einem Bündel zusammen, und das zerrte, das zerrte so stark, und mir war so schlecht, so schlecht, und ich sah eine große bleiche Frau, die mich rief und sagte: ›Komm, du wirst nicht mehr leiden ...‹ Der Tod, Paul, nicht wahr? Ich wollte mich hineinstürzen, da kam meine Mutter.«

Roosje, die im Wagen geblieben war, hatte völlig den Kopf verloren. Der Gedanke, ihre Tochter wider Willen zum Selbstmord getrieben, sie durch ein Verbrechen fest verloren zu haben, machte sie verrückt. Sie sah sie als kleines Kind in der Wiege. Grietje wuchs, lächelte, weinte, schlug sie, hatte Launen; Roosje betete sie an. Grietje wurde ein junges Mädchen, sie verzog sie. Sie versuchte sie mutwillig und hochmütig zu machen – sie, die Wirtshaustochter –, aber keusch, damit sie nicht würde, was die Genter eine Tafelhoeren nennen. Und sie sah, daß sie geachtet wurde und daß die Zoten vor ihr verstummten. Man sprach in Gent mit Hochachtung von Grietje; selbst vornehme Damen waren auf sie eifersüchtig. Sie galt für kalt. Das war Roosje recht. Und nun hätte sie sie fast getötet! Das sollte nie mehr vorkommen. Es war noch besser, sie im Haus dieses Schwiegersohnes zu sehen, der alles in allem ein anständiger Mann war, und als Gattin und Mutter. Nur keine Todesgefahr mehr, kein scheußlicher Kanal, nicht mehr solche Angst! Ein Zweifel beschlich sie: hatte sie sie wirklich gerettet? Vielleicht war es der Gräfin gelungen, ihn zu umgarnen ... Hatte Margarete vielleicht das Haus des Doktors zum zweitenmal verlassen und war nochmals dahingegangen, zu dem schwarzen, kalten Wasser? »Galopp, Kutscher, Galopp! Rechts, links, dann wieder rechts! Ich ziehe Sie am Ärmel, wenn Sie halten sollen.«

Der Wagen schoß wie ein Pfeil dahin. »Hier,« schrie Roosje, »hier,« und sprang aus dem Wagen, bevor die Pferde anhielten.

Roosje stürzte in das Haus und ins Eßzimmer. Als sie ihre Tochter sah, zog sie sie aus den Armen des Doktors und blickte sie mit allmählich feucht werdenden Augen an. Dann drehte sie sie hin und her wie eine Puppe und murmelte: »Ja, sie ist es! Es ist Grietje, die Wiedergefundene, meine Grietje. Ja, ja!« Und sie wischte ihr den Staub von den Füßen. »Sie ist nicht ertrunken, ich habe sie fortgerissen. Nein, Grietje, nein! Ich werde es nie mehr tun. Nie mehr. Gott soll mich verderben, wenn ich dir noch ein Leid antue!«

Dann wandte sie sich zu dem Doktor.

»Und Sie,« sagte sie, »geben Sie mir die Hand. Unser Zank ist zu Ende. Zu Ende, verstehen Sie? Genter Wort ist Silber, Wort einer Genterin ist Gold.«

Der Doktor drückte ihr die Hand, die sie ihm entgegenhielt, und verzieh Roosje aus Liebe zu Margarete.

Nun wandte sich die Mutter zum Kinde.

»Bist du nun zufrieden?« fragte sie, um ihr begreiflich zu machen, daß sie nur aus Liebe zu ihr nachgab.

»O ja, Mama, o ja! ...«

Diese Szene währte lange, machte aber schließlich einer großen Ruhe, einer großen Sanftmut Platz, als hätte man Balsam auf all ihre Herzen getan.

Die Liebe zog ins Haus ein, der Haß verschwand.

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