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Die Hochzeitsreise

Charles de Coster: Die Hochzeitsreise - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenovelette
booktitleDie Hochzeitsreise - Toulets Heirat
authorCharles de Coster
titleDie Hochzeitsreise
publisherPropyläen-Verlag
printrunZweite Auflage
year1920
translatorFriedrich von Oppeln-Bronikowski
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070731
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Die Hochzeitsreise

Eine Geschichte von Liebe und Krieg

Erster Teil

1

»Mein Gott, Herr Doktor, ist sie wirklich tot?«

»Ja, Frau.«

»Man dürfte sie doch nicht lebendig in die Erde legen. Das Kind hat nicht so starke Nägel, um ein Loch in die Sargbretter zu kratzen.«

»Sie ist tot, wie Sie sehen, und schon starr.«

»Ja ... starr ... ja! Sie gehen, Herr Doktor? Ach, ist da wirklich nichts mehr zu machen?«

»Nichts, Frau, leben Sie wohl.«

»Gute Nacht, Herr Doktor. Siska, wir wollen dem Kinde sein weißes Kleid mit den roten Tupfen anziehen, das sie neulich beim Tanzen anhatte, ihre Seidenstrümpfe und Saffianschuhe. Geh doch und sage dem Herrn, der da unten so lärmt, es wäre kein Beefsteak da, aber er würde bald ein Kalbskotelett kriegen. Er soll sich gedulden; wir sind doch nur zwei, um das Haus zu versorgen. Sag ihm das. Geh und komm schnell zurück.«

Siska gehorchte und kam wieder.

»Wo ist das Kleid mit den Tupfen, Siska?«

»Hier, Frau, unter dem Schal.«

»Gib her. Sind noch weiße Hemden von dem Kind übrig?«

»Ja, Frau.«

»Hilf mir, wir wollen sie anziehen.«

»Ja, Frau.«

»Zieh ihr die Jacke aus. Ich werde sie halten. Sonderbar, sie ist nicht schwer. Sachte beim Ausziehen der Ärmel. So. Jetzt den Rock, dann ihr armes Hemd. Zieh ihr rasch das andre über, sie soll nicht solange nackt liegen. Weine nicht, Siska.«

»Ach, Frau, wie schade ist das! Ich habe noch nie ein so schönes und so gutes Mädchen gesehen. Sie hätte einen braven Mann recht glücklich gemacht.«

»Sollen wir ihr ein Häubchen aufsetzen, Siska? Sie mochte nie eins tragen. Jetzt ist's was andres: Die Würmer werden ihr nicht so schnell in den Kopf kommen. Und das rote Halstuch unters Kinn geknüpft. Es steht ihr so gut, das Tuch. Nun ihr Kleid. Wickle jedes Bein in die Rockfalten. Das Mieder werde ich ihr zuhaken. Siska, hast du Grietje die Augen geschlossen?«

»Nein, Frau.«

»Seltsam, schließen die Toten denn jetzt von selber die Augen?«

Die Frau, die so sprach, war eine Mutter, eine alte Mutter. Sie war bisher ruhig geblieben, aber nun brach sie plötzlich in Schluchzen aus. Dann beugte sie sich über das Bett und gab ihrer Tochter mit ihrem närrischen Mund tausend Küsse, prüfte mit Lippen, Blick und Nase ihren Hals, ihre Kehle, ihre linke Brust, in der Hoffnung, einen Atemzug aufzufangen, eine Bewegung der Augen, der Lippen, des Körpers zu erhaschen, einen Herzschlag von der zu hören, die auf dem Bette lag. Das währte lange.

Dann setzte sie sich verzweifelt auf einen Stuhl.

»Der Doktor hat recht,« sagte sie, »Grietje ist tot.«

Dann ergriff sie ihre Hand, ließ dicke Tränen langsam darauf tropfen und klopfte ihr mechanisch auf die Handfläche, wie einst, als ihre Tochter klein war und Nervenanfälle hatte.

2

Diese Szene fand in einem großen gotischen Haus in der St.-Peters-Straße zu Gent statt.

Der Doktor war eben gegangen. Er war einer jener dicken Menschen mit rotem Gesicht, die ihr Brot mit der Heilkunst verdienen, es aber als Schuhmacher nicht verdient hätten. Die vierzig Arten, gute Biersuppe zu machen, kannte er gründlich, aber seine Studien hatte er seit seinem letzten Examen eingestellt. Beobachten und Nachdenken war für ihn eine Ausnahme, Essen und Trinken die Regel. Man hielt ihn für einen Biedermann, weil er gleichgültig war, für klug, weil er wenig sprach, für einen ausgezeichneten Arzt, weil es ihm selber vorzüglich ging.

Die Frau, die mit ihm gesprochen hatte, war klein, alt und blond und trug, wie in vorweggenommener Trauer, ein dünnes schwarzes Wollkleid, das sich auf ihrer flachen Brust bauschte und auf ihrem mageren Rücken spannte. Der Gesichtsausdruck Roosjes – so hieß die Alte – gemahnte in ruhigem Zustand an den der Buschelster. In diesem Augenblick war ihr kleines, böses Gesicht nur vom Schmerz belebt.

Die Magd, der sie Aufträge gab, hatte ein plattes Gesicht, eine Stumpfnase, kleine, schwarze, tiefliegende Augen unter dichten Brauen, breite Schultern und rote, kaum ausgebildete Hände mit langen, mißgestalteten, stumpf auslaufenden Fingern. Durch schwere Feldarbeit hatte Siska Hüften wie ein Mann bekommen und ihr ganzes Wesen war noch schwerfälliger und einfältiger geworden. Sie ließ sich schwer in Wallung bringen, und doch hatte sie feuchte Augen, wenn sie Grietje ansah.

»Siska,« sagte die alte Roosje plötzlich in ruhigem Tone, »wir brauchen den Sarg heute noch nicht zu bestellen.«

Mit diesen entschiedenen Worten setzte sie sich an das Bett, sichtlich entschlossen, einen neuen Kampf mit dem Tod aufzunehmen, als wäre Grietje noch nicht in seinem Bann. Mit einer herausfordernden Gebärde, die dem Sensenmann galt, ergriff sie von neuem den Arm des jungen Mädchens, hob ihn auf und wollte ihn beugen – er bog sich nicht. Sie hob die Beine, eins nach dem andern, aber sie blieben steif und lagen ihr wie Blei in den Händen. Nun bekam sie Angst, richtige Angst; dennoch blickte sie ihre Tochter fest an, mit einem Blick wie Christus, da er den Lazarus erwecken wollte, einem Blick, in dem alles lag, was eine Menschenseele an Willen aufbieten kann. Das währte lange, aber nach und nach schwand die Kraft, der Wille, die Härte des Ausdrucks aus ihrem Gesicht; die Muskeln entspannten sich, die Augen wurden feucht, die Lippen zuckten und die alte Roosje warf sich auf ihr Kind.

3

Über eine Stunde weinte Roosje jene Tränen, die den Körper krümmen, schütteln und beben lassen, wie der Sturmwind mit seinen Flügelschlägen die einzelnen Bäume auf den weiten Ebenen beugt und krümmt.

Sie liebte ihre Tochter mit eifersüchtiger Liebe, aber ihr Herz schlug fast ebenso lebhaft für ihre Geldtruhe, die am Fußboden ihres Schlafzimmers angeschraubt war. Bisweilen hatte sie diesem andern Gegenstand ihrer Zuneigung ein, zwei Goldstücke entrissen, um ein Kleid für Grietje zu kaufen.

Dann hatte sie, zärtlich und brummig zugleich, zu ihrer Tochter gesagt: »Geh und hole mir den Kaufmann. Er soll kommen und uns die neuen Stoffe zeigen; du sollst bei der nächsten Kirmeß schöner sein als die anderen.«

Grietje gehorchte freudig. Der Kaufmann kam. Roosje erbebte, wenn sie ihn nur eintreten sah. Er war für sie ein Räuber mit einem Messer in der Hand; sie erlaubte ihm, ihr ein Stück Fleisch abzuschneiden. Er legte die Stoffe vor; Roosje brauchte eine Stunde, um ihre Wahl zu treffen und sich über den Preis zu einigen, den sie mürrisch bezahlte. War der Kaufmann fort, so beruhigte sie sich wieder und hielt, so gut sie konnte, die kalten Tränen zurück, die sonst auf den Stoff hätten fallen und ihn verderben können.

Dann sagte sie zu Grietje: »Komm her, mein Lamm.« Sie legte den Stoff um den Rücken ihrer Tochter, streichelte ihn, raffte ihn in der Sonne und im Schatten und begann ihn zu lieben, weil er ihrer Tochter Freude machte, und auch, weil er Grietjes wirkliche Schönheit zur Geltung brachte. Ebenso ging es mit den feinen Baumwollstrümpfen, die sie ihr kaufte und ihr selbst anziehen wollte, wobei sie die Schönheit ihrer Beine lobte; ebenso mit Grietjes Kopfputz, einem großen, weißen Kaschmirtuch mit hellblauen, von gelber Seide durchwirkten Palmenmustern.

Bei jedem neuen Opfer sagte sie zu ihr: »Du wärest nichtswürdig, wenn du mich nicht liebst. Ich zapfe mir Blut ab, um dich schön zu machen. Küsse mich.

Grietje gab ihrer Mutter einen langen Kuß. Sie liebte sie, war aber spröde und wenig für äußere Kundgebungen. Allzu lebhafte, ausgedrückte Leidenschaften, wie rein sie auch sein mögen, erschrecken die Kinder.

Nach solchen kurzen Augenblicken der Zärtlichkeit ging Roosje wieder an ihren Zahltisch, in ihren Keller oder in ihre Küche, tat Spiritus, Zucker und gekochtes Wasser in ihren Wein, beschnitt die Ränder der Fleischstücke im Speiseschrank, um das Fleisch für die Frikandellen zu erübrigen, und schickte sich an, die Bauern zu schröpfen und die Reisenden auszusaugen: sie schenkte das Bier rasch ein, damit es kräftig schäumte, tat Kokkelskörner und Strychnin hinein, damit es bitter war und den Durst reizte, trocknete die Schnapsgläser nicht aus, so daß stets ein Drittel Wasser oder mehr zurückblieb und sie auf neun Flaschen eine ersparte. Durch solche unlauteren Machenschaften gewann sie so viel frisches Blut, daß sie sich, ohne zu sterben, wieder zur Ader lassen und ihre Tochter von neuem beschenken konnte. So war Roosje gut und edel in ihrer Liebe, selbstsüchtig und schlecht in ihrem schmutzigen Geiz. Darum liebte sie ihre Tochter auch so, und darum hatte sie, schluchzend und gebrochen, Grietje mit ihren Tränen benetzt und die Zähne in ihre Stirn, ihre Wangen und ihren Nacken gedrückt.

4

Besorgt richtete sie sich auf und sagte zu Siska: »Du hast doch nicht das Wirtshaus geschlossen?«

»Aber ... doch ... Frau.«

»Wie? Weil der liebe Gott mich in meinem Kinde geschlagen hat, brauchst du mich doch nicht zu hindern, meinen Unterhalt zu verdienen. Geh runter, öffne und sage, ich käme gleich.«

»Jawohl, Baasin,« antwortete Siska und ging gehorsam hinunter.

Roosje horchte aufmerksam, was ihre Magd tat. Sie hörte, wie die Fensterläden aufgingen und gegen die Wand schlugen; wie ein Bauer in die Wirtsstube trat und ein Glas Wacholder verlangte, ein anderer eine Pintje Bier, dann ein dritter, ein vierter und so weiter allerlei Leute, die, je nach Hunger oder Durst, einen Speckeierkuchen, ein Kotelett, Bier oder Schnäpse bestellten.

An dem ungeduldigen Ton von Siskas Stimme merkte Roosje, daß die Magd den Kopf verloren hatte und somit im Begriff war, gegen den Vorteil der Wirtschaft zu handeln, das heißt zu viel Speck in die Eierkuchen zu tun, die Biergläser zu voll zu schenken, die Schnäpsgläser zu gewissenhaft zu reinigen und die Pumpe, die das Bier aus einem großen Faß Uitzet im Keller emporhob, unbeaufsichtigt zu lassen.

Die Bauern strömten in die Wirtschaft, um die Nacht dort zu verbringen. Roosje hörte, wie Siska sie, einen nach dem andern, in alle Stuben und alle Stockwerke bis unter das Dach führte. Sie lächelte. Siska kam an ihr vorbei; sie hielt sie an und fragte sie, ob alle besetzt wären.

»Alle außer dieser,« antwortete Siska und ging eilig hinunter.

Roosje horchte weiter und hörte sie sagen: »Glauben Sie etwa, ich könnte Sie hier bedienen und zugleich unten einen Eierkuchen für Sie machen?«

»Gehen wir wo anders hin,« lautete die Antwort.

Das wiederholte sich dreimal mit drei verschiedenen Leuten. Dreimal klang an Roosjes Ohren das schreckliche Wort »wo anders.«

Ein seltsamer Kampf fand in ihrer Seele statt: die liebende Mutter wollte bei der Leiche ihrer Tochter bleiben; die Geizige mit den Krallenfingern wollte hinuntergehen und Geld verdienen. Roosje hüpfte in ihrem Stuhl.

Bei jedem ungeduldigen Wort, jeder Ungeschicklichkeit Siskas stand sie auf und setzte sich wieder, ging an die Tür, um zu horchen, kehrte zurück, um die Stirn ihrer Tochter oder ihre bleichen Wangen zu küssen, horchte von neuem und setzte sich abermals, um über Grietjes Antlitz zu weinen und zu schluchzen.

Unterdessen gingen die Stammgäste, die Siska schlecht bediente oder ganz vergaß, einer nach dem andern fort und sagten: »Gehen wir wo anders hin.« Ein bewegliches Bleigewicht schloß die Tür hinter den Gehenden und Kommenden. Jedesmal, wenn ein Gast die Tür öffnete, um zu gehen, schlug das Blei mit Gewalt gegen den Türrahmen und die Füllung, und jedesmal fuhr Roosje zusammen, als hätte sie einen Faustschlag aufs Herz bekommen.

Schließlich hielt sie es nicht mehr aus, stand wirklich auf, bedeckte das Gesicht ihrer Tochter mit dem Bettlaken und ging hinunter, die Augen voller Tränen und die Kehle voller Schluchzen, aber fest entschlossen, all das schöne Geld, das ihr zu entgehen drohte, festzuhalten.

Die Bauern begrüßten ihr Erscheinen mit Hurrageschrei und Beifall. Mehrere, die schon die Hand an der Türklinke hatten, um fortzugehen, kehrten zurück.

Vriendjes,« fragte Roosje, »was wollt ihr haben?«

»Butterbrot mit Käse, Schinken, Eierkuchen, Ballekes, ein Kotelett, Gerstenbier, Uitzet, Absinth, einen Bittern, Punsch!« schrien sie alle durcheinander.

Roosje versuchte zu scherzen, um Zeit zu gewinnen: »Trinkt, eh ihr eßt, das reizt die Eßlust. Wer bekommt Absinth? Wer Punsch? Den Bittern? Uitzet? Gerstenbier?«

»Hier. Mir den Punsch, Wacholder, Gerstenbier, Uitzet und so weiter!« riefen die Bauern.

»Hilf mir, Siska!« sagte Roosje, »und spute dich!«

Siska, die in Roosjes Abwesenheit den Kopf verloren hatte, fand sich sofort wieder, als Roosje eintrat, und bediente die Bauern ordnungsgemäß und schnell. Nach Verlauf einer Stunde hatten alle getrunken, gegessen und bezahlt.

Wiewohl mit dem Einnehmen und Herausgeben des Geldes vollauf beschäftigt, verschwand Roosje oft, um hinaufzugehen und Grietje zu küssen, dann ging sie wieder hinunter, die Kehle voll Schluchzen, und bediente schweigend ihre Gäste. Es wurde Abend.

5

Allmählich leerte sich die Gaststube. Roosje kehrte zu ihrer Tochter zurück. Ein junger Mann betrat das Wirtshaus und sagte zu Siska, die am Zahltisch geblieben war: »Ich möchte hier übernachten, führen Sie mich in mein Zimmer.«

»Es ist keins mehr frei,« antwortete die dicke Magd traurig.

Roosje hatte nicht aufgehört, auf alles, was im Erdgeschoß vorging, zu horchen. Im selben Augenblick kam sie, vier Stufen auf einmal nehmend, die Treppe herunter und sagte: »Du bist dumm und weißt nicht, was du tust.«

»Aber, Frau, es ist doch nur noch das Zimmer da, wo ...«

»Schweig!«

Der Ankömmling blickte die beiden Frauen abwechselnd an. Er hatte einen aufmerksamen, guten und sicheren Ausdruck, der sofort für ihn einnahm. Er war ziemlich mager, über mittelgroß, mit starker Brust, breiten Schultern und schlanken Hüften; seine Stirn war hoch, die Nasenflügel weit geöffnet, der Mund fein, ziemlich groß, von einem leichten braunen Schnurrbart beschattet, das Kinn kräftig und wohlgeformt, sein Lächeln sanft und fröhlich. Alles verriet die Kraft und Biegsamkeit des Körpers, die Klarheit, Schärfe und Ehrlichkeit des Geistes.

Mit ruhiger, vielleicht etwas gebieterischer Gebärde winkte er Roosje herbei, die vor ihn trat, bestellte ein Glas Bier und zog seinen Geldbeutel, um es zu bezahlen. Dabei zeigte er ihren gierigen Augen Silber, Gold und Banknoten.

»Frau,« sagte er, »haben Sie wirklich kein Zimmer frei?«

»Herr,« antwortete Roosje, etwas beschämt vor Siska, »wir haben noch eins mit zwei Betten, aber in dem einen schläft jemand.«

»Dann werde ich anderswo einkehren,« sagte der junge Mann und stand auf.

»Anderswo, nein, mein Herr!« rief Roosje und nötigte ihn, wieder Platz zu nehmen. Dann wies sie zur Decke: »Die dort liegt, wird Sie nicht im Schlafe stören.«

Und Roosje weinte still.

Der junge Mann ergriff die Hand der Alten, eine fiebernde Hand, die zuckend in der seinen lag. Er blickte Roosje mit dem herzlichen, ehrerbietigen Mitleid an, das man vor dem Leid des Alters empfindet, sah ihre rotgeweinten Augen, die stumme Verzweiflung, die mit tiefen Furchen in dies verfallene Gesicht eingegraben war, sah ihre zitternden, verzerrten Lippen. Er dachte an die Worte: »Die dort liegt, wird Sie nicht im Schlafe stören,« und begriff, daß diese Frau etwas Unersetzliches verloren hatte, zweifellos eine Tochter, und daß ihr folglich nichts übrig blieb als Lästerung, Wahnsinn oder bleiche Ergebung.

Der Ankömmling war jung, und die Jugend wirkt in ihren Lebensfaden gern die goldnen Maschen der Hoffnung ein.

Er war nicht überzeugt und wollte es nicht sein, daß die, die dort lag, ihn nicht im Schlafe stören könnte. Er sagte zu Roosje: »Zeigen Sie mir das Zimmer, von dem Sie sprechen.«

Roosje zündete eine kleine Lampe an.

»Kommen Sie,« sagte sie, indem sie vorausging und die ersten Stufen der Wendeltreppe hinaufstieg.

Die Lampe verbreitete gerade so viel Licht, daß er auf dem rötlichen, rauchigen Grunde den mageren Schattenriß der Alten erkannte, die bisweilen, von Schluchzen erstickt, stehen blieb und mit schweren Schritten hinaufstieg.

Sie kamen auf den Flur. Zwischen den Pfosten und der Füllung einer schmalen, niedrigen, alten Eichenholztür drang ein Lichtstrahl hervor. Roosje stieß sie auf.

6

Roosjes Gast trat ein. Er sah sich in einem großen Zimmer mit hoher Decke, die auf gekreuzten Balken ruhte und aus dem 14. Jahrhundert stammte. Die hohen Fensternischen durchbrachen eine vier Fuß dicke Mauer; die zu beiden Seiten aufgemauerten Fenstersitze erinnerten an die schlichten Sitten jener fernen, von Poesie verklärten Zeiten. Es fehlten die Bänke, die früher rings um den Saal liefen, und die Truhen, die zugleich als Sitze und Reisekoffer dienten und den ganzen Reichtum der Familie bargen. Die naiven Skulpturen an den hohen Pfosten des breiten Kamins verschwanden fast unter den zahllosen Tüncheschichten, mit denen unbewußte Vandalen sie seit vier Jahrhunderten immer wieder bedeckt hatten.

Draußen schien der Mond, die Fenster waren ohne Vorhänge. Den Ersatz bildeten die Stämme und Äste entblätterter Linden, die sich schwarz vom blauen, tiefgestirnten Himmel abhoben, aber dem hellen Mond nicht verwehren konnten, den rauhen Fußboden des Zimmers mit lichtem Geäder zu sprenkeln.

Zwei Betten standen darin, das eine am Fenster, das andre bei der Tür und ohne Vorhänge. Am Kopfende dieses Bettes stand ein Tisch und auf ihm ein Kasten, der mit einem Tuche bedeckt war und ein großes Kruzifix aus Mahagoni trug; der Christus und der Totenschädel waren aus Buchsbaumholz geschnitzt. Zwei dicke gelbe Kerzen brannten in hohen Holzleuchtern und beschienen das Bett, auf dem eine völlig angekleidete weibliche Gestalt unter den schweren Falten eines groben Bettlakens den letzten Schlaf zu schlafen schien. Auf dem Stück des Lakens, das die Brust bedeckte, lag ein verdorrter Buchsbaumzweig mit verhärteten Blättern. Das schräge Kerzenlicht warf lange Schatten und ließ die Gegenstände scharf hervortreten. Der Ankömmling bat Roosje mit einer Gebärde um Erlaubnis, das Bettuch zu lüften, mit dem Grietje bedeckt war.

»Ja, ja,« sagte Roosje, »nehmen Sie das Tuch fort, dann wird sie weniger tot aussehen.«

Langsam nahm er das Laken ab, mit jener taktvollen Sanftheit, die man Toten gegenüber hat, als fürchte man, ihnen wehe zu tun. Nach und nach erblickte er ein weißes Häubchen, das eine niedrige, kluge Stirn umschloß, schwarze, schön geschwungene Brauen, Lider mit langen Wimpern, eine gerade Nase, die sich zwischen den Brauen und über den großen, durchsichtigen Nasenflügeln rundete. Der Abstand vom Mund war klein. Die vollen, etwas großen, aber feingeschwungenen Lippen stellten das dar, was die Alten den Bogen Amors nannten. Das Gesicht war bräunlich getönt und hatte edle, stark ausgeprägte Züge, die einen sanften, entschlossenen, geduldigen, schlichten und naiven Charakter verrieten. Kleine, feste, runde Brüste hoben sich unter dem Musselinmieder ab. An den Füßen trug sie feine weiße Strümpfe und Ballschuhe aus Goldkäferleder.

»Sehen Sie, Herr,« sagte Roosje, »sehen Sie meinen schönen Schatz, der morgen in die Erde muß. Sehen Sie ...«

Doch der Schmerz erstickte sie; sie barg ihren Kopf in der Schürze, aus der ihre Klagelaute unwillkürlich wie ein Röcheln hervordrangen. Dann wieder fielen ihre Arme am Körper herab und die Schürze, die mit ihnen herabfiel, enthüllte ihr fieberheißes Gesicht und die großen starren Augen, aus denen stille Tränen rannen.

Paul Goethals – so hieß der Ankömmling – glaubte Grietjes Leiche wieder bedecken zu sollen.

Roosje ließ es nicht zu; sie riß das Tuch wütend fort, soweit sie konnte, und richtete sich drohend auf: »Wer hat Ihnen gesagt,« schrie sie, »daß Sie sie vor mir verbergen sollen? Wenn's mir gefällt, das Tuch wegzunehmen, werden Sie mich wohl nicht hindern, meine Tochter anzusehen? Ich will sie sehen, sehen, bis sie fort muß! Die Polizei wird mir's nicht verbieten, denke ich.«

Dann wies sie auf das Gesicht ihrer Tochter, nahm ihr behutsam die Haube ab und strich eine Flut brauner Haare zurück, die in dem Lichtschein rötlich schimmerten.

»Welches Mädchen in Gent,« sagte sie mit zunehmender Rührung, »hat solches Haar, eine so glatte Stirn und einen so festen Geist unter diesem Marmor! Arme Grietje! Und die schönen großen Augen, die ihre arme alte Mutter so gut und so schalkhaft anblickten! Du warst ein verzogenes Kind, nicht wahr, Grietje? – Wirst du mich nie mehr umarmen, mein Kind, mein Kind, mein Kind?« – Roosje heulte und warf sich zurück. – »Nie mehr, Grietje!« Und sie rief sie: »Grietje! Du mußt zurückkehren. Grietje, ich bin ganz allein! Grietje!«

Aber die auf dem Bett Liegende blieb unbeweglich.

»Ja, ja,« sagte Roosje wie eine Irre, die mit jemandem redet, der nicht da ist, »ja, ja, mein Mann ist vorausgegangen, um im Reiche der Würmer Quartier zu machen. Sie ist unverheiratet gestorben und hat mir nichts hinterlassen, was ich nach ihr lieben könnte. Und doch hätte meine Brust und mein Blut einem Kinde Milch gegeben, stärker als Wein. Und dies Bein – gibt es in Gent ein Mädchen, das dergleichen zu zeigen hätte? Das war gemacht wie die Standbilder, und das muß unter die Erde, und das häßliche Gelichter bleibt droben. Sagen Sie doch,« wandte sie sich wieder an ihren neuen Gast, »Sie mögen ja ein sehr feiner Herr sein, aber hätten Sie nicht solch ein Mädchen als Dame in Ihrem Hause haben mögen?«

»Das will ich meinen,« antwortete er.

»Ja,« sagte Roosje, »aber Sie hätten sie nicht gekriegt.«

Und sie streichelte sanft die Haare und das Gesicht ihrer Tochter.

Roosjes Gast blickte Grietje unablässig an, mit der gespannten Aufmerksamkeit eines Beobachters, der an die Wirklichkeit dessen, was er vor Augen hat, nicht zu glauben scheint.

Sie sah, wie er aufstand, einen Spiegel nahm, ihn dicht vor Grietjes Mund hielt, ihren Puls fühlte, seine Hand unter ihre linke Brust legte, auf den Handrücken klopfte und horchte.

»Was tun Sie da, und wer sind Sie?« sagte sie mit unbestimmter Hoffnung.

»Ich bin Arzt,« antwortete er.

»Arzt!« rief Roosje und wurde plötzlich demütig und ehrerbietig. »Herr Doktor, ist es wahr, daß Grietje tot ist?«

»Ich weiß es nicht,« sagte er.

»Tun Sie, was Sie müssen.«

Der Ankömmling hob Grietjes Kopf hoch und ließ ihn eine Weile in seinen Händen ruhen.

»Ist es lange her,« fragte er, »daß Ihr Arzt das Mädchen für tot erklärt hat?«

»Drei Stunden, bevor Sie kamen, Herr Doktor.«

»Seit wann ist nach seiner Behauptung das Unglück geschehen?«

»Seit siebenundzwanzig Stunden,« antwortete Roosje, an den Fingern zählend.

»An welcher Krankheit soll denn Ihr Kind gestorben sein?«

»An einem Schlaganfall, wie er noch keinen gesehen hat.«

»An einem Schlaganfall,« lächelte Paul. »Die Haare sind ja noch warm,« setzte er hinzu.

»Was sagten Sie?« fragte Roosje. »Ich sage, daß die Haare noch warm sind und daß dies nicht die Farbe einer Toten ist. Ich sage, daß Ihr Arzt sich vielleicht geirrt hat.«

»Was!« keuchte Roosje. »Sind Sie wirklich ein Arzt?«

»Ja.«

Roosje schauerte vor Hoffnung und lachte mit verzerrter Miene.

»Also,« sagte sie, »also Sie sagen, daß es nicht sicher ist, ob Grietje tot ist?«

»Ich bin dessen nicht sicher.«

»Noch einmal.«

»Ich bin dessen keineswegs sicher.«

Roosje ergriff ihn beim Arm und führte ihn zu einem mit Wachstuch bedeckten Holztischchen zwischen zwei Fenstern. Sie zitterte wie ein Blatt im Winde, öffnete mehrmals den Mund, um zu sprechen, und schluckte ihre Worte jedesmal herunter. Endlich schlug sie auf den Tisch. »Höre,« sagte sie, zugleich lachend und weinend und den Mann ansehend, als wollte sie ihn verschlingen. »Höre: wenn du das nicht gesagt hast, um mich zu foppen, wenn du nicht gelogen hast, wenn du dies Lamm rettest, das für den Schlächter gezeichnet ist, so zahle ich dir in Gold, in Banknoten und in Fünffrankenstücken zehntausend Franken, hörst du, zehntausend Franken.«

Und die alte Roosje weinte, aber das waren andre Tränen als die der Mutterliebe.

»Komm nun,« fuhr sie gebieterisch fort und zog den Ankömmling zum Bette, »sieh sie dir an, aber gut!« Sie drohte ihm mit der Faust. »Und sage mir, warum du glaubst, daß Grietje nicht tot ist.«

»Weil ich,« antwortete Paul, »nur die Ruhe einer tiefen Ohnmacht sehe, und nicht den harten Ausdruck des vom Leben verlassenen Körpers.«

»Wenn du lügst,« sagte Roosje, »so bist du ein Elender!«

7

Roosje setzte sich ans Kopfende und Paul zu Füßen des Bettes. Lange betrachteten beide Grietje, aber sie rührte sich nicht.

Plötzlich stand Roosje auf, nahm das Kästchen, das Tuch, das Kruzifix und die beiden Leuchter vom Tische, rückte ihn ans Bett, setzte die Leuchter wieder hin, stellte das Kruzifix auf den Kamin und sagte:

»Doktor, ich nehme den Altar weg, das bringt dem Kinde vielleicht Glück.«

»Haben Sie guten Essig im Hause?« fragte er.

Roosje zauderte einen Augenblick mit der Antwort. Sie tat sich Gewalt an, als hätte man ihr die Wahrheit mit Zangen aus den Zähnen gerissen. Dann sagte sie errötend: »Nein, er war zu stark, ich habe zur Hälfte Wasser in die Flaschen gießen müssen.«

»Und?« versetzte Paul, als ob er noch etwas andres wollte.

»Verlangen Sie nichts mehr von mir,« sagte sie flehentlich. »Ich konnte das nicht voraussehen,« setzte sie, in Tränen zerfließend, hinzu, »aber sagen Sie, was Sie brauchen, koste es, was es wolle, ich gehe und hole es. Und Sie sollen sehen, ob ich laufen kann.«

»Jemand wird schneller laufen als Sie.«

»Wer?«

»Siska.«

»Und die Wirtsstube?«

»Wird heute abend geschlossen,« erwiderte Paul und ging auf den Flur, um Siska zu rufen.

Sie kam alsbald herauf, mit dem Lärm eines Arbeitspferdes, an das ihr Benehmen auch sonst gemahnte.

Sie blieb vor dem Doktor stehen, der ein Rezept schrieb. Dann gab er es ihr und sagte:

»Geh zum Apotheker van Beckerlaer, fünf Minuten von hier.«

»Ich kenne ihn.«

»Gib ihm dies Rezept. Wenn er sagt, daß er eine Weile braucht, um es zu machen, so bitte ihn um die einzelnen Bestandteile. Ich schreibe es übrigens unter meinen Namenszug. Es braucht nicht schön auszusehen, aber es ist unerläßlich, daß du es rasch bekommst. Laufe.«

»Geld.«

Roosje ging langsam zu ihrer Tasche und beeilte sich gar nicht, ihre Börse zu finden. Der Doktor gab Siska fünf Franken. In Erwartung ihrer Rückkehr füllte er einen großen Krug zu zwei Drittel mit Wasser.

Nach zehn Minuten war Siska zurück. Der Doktor nahm ihr ein Päckchen aus der Hand, das eine salzartige Masse enthielt, und schüttete sie in den Krug, ebenso den Inhalt eines Fläschchens und dann den eines andren, das, kaum entkorkt, einen scharfen alkalischen Geruch im Zimmer verbreitete. Er rührte die Mischung mit beiden Händen, und sie kamen rot, fast blutig daraus hervor. Die beiden Frauen niesten und husteten.

»Holen Sie mir Flanell,« gebot er Roosje.

»Meinen Unterrock,« rief Siska, »nehmen Sie meinen Unterrock, Herr Doktor.«

»Ein ganz neuer Unterrock,« versetzte Roosje.

»Schadet nichts, Herr Doktor,« sagte Siska. »Nehmen Sie ihn.«

Sie zog unter ihrem Kleid ihren Unterrock aus und zerriß ihn in Stücke, bevor Paul Zeit hatte, es zu hindern.

»Der liebe Gott wird ihn mir ersetzen,« sagte sie.

»Siska,« sagte Paul, der entschlossen war, in diesem Falle für sie der liebe Gott zu sein, »geh und hole mir jetzt alle Bettdecken, die im Hause sind.«

»Geben Sie mir den Schlüssel zum Wandschrank, Frau,« sagte Siska zu Roosje.

»Ich gehe und hole sie selbst,« versetzte diese, »sie sind nebenan in der Kammer.«

Roosje verwahrte die Wäsche und die Haushaltungsgegenstände in dem Schrank, dessen Schlüssel sie Siska nicht anvertrauen wollte. Sie nahm ein Bündel alter und neuer Decken heraus, es waren ihrer zehn.

»Hören Sie jetzt gut zu,« sagte Paul. »Sie werden Ihre Tochter vom Kopf bis zu Füßen ausziehen, dann werden Sie ihr zwei Decken unterlegen, die mit der Mischung aus dem Kruge getränkt sind.«

»Werden sie dadurch verdorben?« fragte Roosje. »Sie werden aus ein paar Fetzen des Unterrocks Bäusche zum Reiben machen, sie in die Mischung tunken und damit Grietjes Körper vom Kopf bis zu Füßen reiben. Du, Siska, wirst deine Kräfte anspannen, und wenn du und die arme Frau da müde bist, nimmst du eine andere Decke, tauchst sie in die Mischung und legst sie auf den Körper, und alle anderen obendrauf; nur der Kopf muß frei bleiben.«

»Wenn's nur darauf ankommt, sie zu reiben und zu schütteln, bis sie aufwacht ...« sagte Siska, streifte sich die Ärmel bis über den Ellenbogen auf und griff nach den Fetzen ihres Rockes. »Vorwärts, Mutter, an die Arbeit! Und Sie, Herr Doktor, gehen Sie hinaus, Sie gehören nicht hierher. Wir werden Sie rufen, wenn wir fertig sind.«

»Wenn Sie mich brauchen,« sagte er, das Zimmer verlassend, »so bin ich auf dem Flur.«

Dort blieb er und hörte die beiden Frauen um die Wette husten und niesen. Roosje sagte: »Wie kalt sie ist, armes Lamm!« Und Siska: »Wohlan, junge Herrin, die Würmer werden Sie noch nicht kriegen, wir werden Sie aufwecken. Ich tu' Ihnen weh, Grietje, nicht wahr? Aber es geschieht zu Ihrem Besten, gute Herrin. Das brennt Ihnen stark auf der zarten Haut, armes Gotteskind, aber sie wird von selbst wieder heil werden.«

»Du reibst zu stark,« sagte Roosje, »Du reißt sie ja in Stücke.«

»Nein, Frau, ich weiß, was der Doktor will; das Blut soll in die Haut kommen. Merken Sie, wie stark das ist und wie warm?« »Es ist ein Segen, daß er hergekommen ist,« sagte Roosje.

»Ja, ein Segen, das glaub' ich auch,« versetzte Siska. »Sind Sie müde, Frau?«

»Ich habe mehr Kraft als du,« erwiderte Roosje.

»Die kleinen mageren Frauen,« sagte Siska, »die sind wie von Eisen. Also reiben wir!«

»Verschonen Sie das Gesicht,« rief der Doktor von draußen.

»Gut,« sagte Siska, »kommen Sie noch nicht herein! Mut, Frau!«

»Sie ist recht schwer,« meinte Roosje.

»Das finde ich nicht,« antwortete Siska, »doch ja ... doch nein. Wie schade, mein Gott, wenn es wahr wäre! Sie ist so schön, so gut, arme kleine Herrin! Gott im Himmel! Jesus, God en Maria! Gute Mutter! Gib sie uns wieder, sie hat nie was Böses getan, sie war so brav. Niemals haben die Burschen schlecht von ihr gesprochen. Gib sie uns wieder! Jesus! Maria! Und ich will dir alle Samstag eine dicke Kerze zu vier Sous weihen. Gib sie uns wieder!«

Roosje schluchzte von neuem. Mitten in ihrem Schluchzen und dem Klang der Worte hörte Paul das Geräusch des Reibens und das heftige Schütteln ihres Körpers. Plötzlich rief er:

»Genug! Deckt sie jetzt zu.«

Das war im Nu geschehen.

»Kann ich jetzt herein?«

»Ja, Herr Doktor,« sagten beide.

8

Eine plötzliche Stille folgte dem wilden Getriebe. Roosje und Siska standen, noch vor Anstrengung keuchend, mit gefalteten Händen da und hefteten die Blicke auf das junge Mädchen, sahen aber nichts von ihr als ihr langes, braunes Haar, das nach allen Richtungen über das Kopfkissen floß und ihr bleiches Gesicht dunkel umrahmte.

Die beiden Lichter auf dem Tisch ließen die reine Rundung und den sanften, festen und naiven Ausdruck von Grietjes Profil hervortreten.

Das Schweigen währte zehn Minuten – zehn Jahrhunderte. Roosje brach es, indem sie zu Paul sagte:

»Nun, wenn das Ihre Arznei ist, Ihre berühmte Arznei, dann gratuliere ich Ihnen zu Ihrer Arznei ... Sie sehen, wie sie wirkt!«

Sie schien Lust zu haben, ihn zu beschimpfen, wagte es aber noch nicht. Er blieb ruhig und gütig und mochte nicht einmal streng werden.

»Geduld, arme Frau!« antwortete er.

»Was Geduld und arme Frau!« platzte Roosje heraus. »Gesundmachen sollen Sie sie.«

»Ich glaube, ich kann es Ihnen versprechen,« versetzte er.

»Ich glaube ... ich ... kann,« wiederholte Roosje, indem sie jede Silbe näselnd betonte. »Ich ... glaube ... ich kann ... Ein schönes Lied, das Sie mir da singen!«

»Frau,« sagte Paul, noch immer sanft, »ich bitte Sie noch um ein paar Minuten Geduld, dann werden Sie weniger betrübt sein als jetzt. Wollen Sie den Beweis?«

»Ja,« sagte Roosje mit wackelndem, drohendem Kopfe.

»Hören Sie denn. Es friert, daß die Steine bersten, und Sie haben sicherlich gefrorenes Wasser.«

»Das will ich meinen,« sagte Siska, »einen ganzen Kübel voll. Ich wollte meine Wäsche drin spülen, die seit zwei Nächten im Hofe hängt. Sie finden drei Finger dick Eis drauf. Brauchen Sie welches, Herr Doktor?«

»Ja,« sagte er, »ein Stück, so groß wie ein Handteller.«

Siska nahm abermals ein Licht und stürzte die Treppe herunter. Dabei machte sie einen Lärm für drei.

Roosje schwieg, eingeschüchtert durch das Stück Eis, mit dem man ihr den Beweis liefern wollte, daß Grietje wieder auferweckt werden könnte.

Paul hörte, ohne es zu sehen, wie Siska im Hof mit dem Absatz ihrer groben Schuhe das Eis des Kübels zertrat. Dann kam sie mit dem gewünschten Stück wieder. Paul legte es auf Grietjes Stirn.

Das Eis bildete einen kleinen Block von einigen Zentimetern Höhe und Breite mit einem Bruch auf der Oberseite, der bei dem gelblichen Kerzenschein im Dunkeln schimmerte wie ein großer, lichtsprühender Diamant.

Roosje wurde immer verstörter und schwieg still. Paul sagte zu ihr:

»Sobald Sie das Eisstück schmelzen sehen, können Sie sagen, daß Wärme und Leben in die Stirn Ihrer Tochter zurückkehren.« Roosje erwiderte nichts und sah hin. Das dauerte lange. Sie mußte eine starke Dosis Willenskraft haben, um so ruhig zu erscheinen, trotzdem ihre Verzweiflung schon fast in Wut überging, die bereits in ihren grauen Augen blitzte und ihre Nasenflügel heftig blähte.

Paul war ebenso erregt wie Roosje und hielt den Atem an. Er blickte auf das Stück Eis, das aber so wenig schmelzen wollte wie Marmor. Die starren, glühenden Blicke der Alten schienen sich daran festzusaugen. Paul sah sie zusammenschauern und fürchtete eine Gehirnkongestion, denn er sah ihr das Blut zu Kopfe steigen und ihre Augen und Backenknochen sich rot färben. Bisweilen sah sie aus wie eine Hoffende; dann zuckte ein bleiches Lächeln um ihre dünnen Lippen; aber alsbald schwand es wieder vor diesem Anblick, der für sie das Bild des Todes war. Und ihr alter, magerer Rücken krümmte sich noch mehr, und die Runzeln ihrer Stirn gruben sich noch tiefer ein und sie ballte die Fäuste. Wäre das Eis, das nicht schmelzen wollte, ein lebendes Wesen gewesen, sie hätte es erwürgt und mit den Händen zerrissen. Denn fürwahr, es lag unbeweglich und glänzend auf Grietjes Stirn und schimmerte im Kerzenlicht wie ein Todesdiamant, ein kalter Dämon mit steinernem Herzen, der das Leben verneinte und den Tod bejahte.

»Schmilzt es noch nicht, Herr Doktor?« fragte Roosje mit einer Stimme, in der keine Tränen mehr waren.

»Nein,« antwortete er traurig.

Noch immer leuchtete Grietjes stolzes und sanftes Gesicht in dem schwelenden Kerzenschein in Rembrandtschem Helldunkel, aber das glänzende, unselige Stück Eis wollte nicht schmelzen.

Roosje verlor die Geduld. Sie zischte höhnisch zwischen den Zähnen und sagte mit immer lauterer Stimme: »Ich wußte ja, daß es nicht schmelzen wird. Es fällt ihm nicht ein, zu schmelzen! Das wäre ja Hexerei!«

Ihre Augen füllten sich mit Haß.

»Geduld,« mahnte Paul.

»Geduld!« wiederholte Roosje mit noch schneidenderem Lachen. »Geduld! Es schmilzt nicht, es wird nie schmelzen. Sie sind ein Esel und ein Henker wie die anderen. Ja, wenn die schönen Herren, die Latein können, ihren schwarzen Rock anziehen, dann ist's, als ob ganz Gent ihnen gehört. Aber wenn es gilt, ein armes Kind zu kurieren, das nicht mal krank war, dann sind sie gleich mit ihrer Weisheit am Ende. Sieh mich nicht so an mit diesen Blicken, die gutmütig sein sollen. Du bist zu jung, um ein Arzt zu sein. Du gibst dir umsonst ein ernstes Aussehen, du bist und bleibst ein Narr und ein Heuchler!«

Dann ahmte sie näselnd Pauls Stimme nach: »Ich werde sie kurieren, Frau; das Mädchen ist nicht tot.« Nun siehst du wohl, daß sie doch tot ist, Wysneus (Naseweis), Kurpfuscher, der du bist, anmaßlicher Prahlhans! Erwecke sie doch, da sie ja nicht tot ist! Das war nötig, für dies schöne Geschäft einen nagelneuen Unterrock zu zerreißen und zehn Decken mit der stinkenden Lauge zu verderben, die ich dir am liebsten ins Gesicht gösse. Du siehst, hm, wie dein Eis schmilzt? Wie mein Pantoffel, nicht wahr?« Und mit einem Fußtritt schleuderte sie ihren Pantoffel zehn Schritt weit fort. »Hm, schmilzt dein Eis? Wie ein Stück Holz, nicht wahr? Du Betrüger, der du bist, wage nur, Geld für deinen Besuch von mir zu fordern, und du sollst sehen, mit welcher Münze ich dich bezahlen werde, schändlicher Heuchler!«

Bei diesen Worten stand sie auf, um zitternd und wütend ihren Pantoffel aufzuheben. Dann setzte sie sich wieder ans Bett.

Plötzlich richtete sie sich auf; ein furchtbares Zittern durchfuhr ihren ganzen Körper, sie streckte Grietje liebkosend die Arme entgegen, riß in entsetzlicher Freude die Augen weit auf und öffnete den Mund wie eine Irre. »Es schmilzt,« sagte sie, »das Eis schmilzt.«

Und sie warf sich auf die Knie und flehte: »Oh, Verzeihung, Herr Doktor!«

Er hob sie auf und umarmte sie mit sanftem Lächeln.

Sie wollte sich auf das Bett werfen und die Decken fortreißen; er hielt sie zurück. »Lassen Sie die Natur und das Mittel wirken.«

Sie blickte ihn an wie einen Engel, der ihr in einem verzückten Traum erschienen wäre.

Siska, die bisher still und schweigsam gewesen war, lachte und weinte in einem. Sie trat ans Bett, um Grietje zu betrachten, warf sich auf die Knie, dankte Gott und der Jungfrau, umarmte Paul, sprang ihm an den Hals, zwang ihn, mit ihr zu tanzen, ging wieder ans Bett, beugte sich über Grietjes Gesicht, und aus ihren kleinen Augen sprach eine lange verhaltene, nun aber überströmende und grenzenlose Liebe. Roosje war noch immer außer sich. Sie fuchtelte planlos mit den Armen und lachte ein Lachen, das furchtbarer war als ihre Tränen. Ihr so lange gepreßtes Herz weitete sich und schien ihr in der Brust zu zerspringen. Wie eine Verrückte stand sie da, wild und ganz in Feuer, und rief triumphierend: »Das Eis schmilzt! Es dreht sich, es dreht sich auf der Stirn meines Kindes, meiner Grietje, es dreht sich. Es wird aufs Kissen fallen, ja, ja, es wird fallen. Doktor, Herr Doktor, Verzeihung!«

Der Doktor streichelte sie wie ein Sohn und versuchte sie zu besänftigen.

»Sehen Sie,« sagte sie, »man weiß nicht, was man tut, wenn so etwas geschieht. Ich habe Ihnen häßliche Worte gesagt, ich werde es nicht mehr tun! Und wenn ich sterben sollte ... ja, aber nicht gleich, dann werde ich Sie rufen lassen, und Sie werden dem Sensenmann sagen, daß er nicht herein darf. Und er wird es nicht wagen. Sie sind mein Sohn, mein Schatz! Es schmilzt, das Eis schmilzt; es gleitet an ihrer Wange herunter. Es fällt zu Boden. Sie sind der liebe Gott, Herr Doktor!«

Dann näherte sie sich sacht ihrer Tochter, hob ihr behutsam den Kopf hoch und küßte sie so sanft, als ob sie aus Glas wäre. »Warm!« sagte sie ganz leise. »Sie ist warm!«

Grietje erwachte allmählich; ein unmerkliches Lächeln, das Lächeln der Gesundheit, umspielte ihre Mundwinkel und ließ den Schmelz der weißen Zähne unmerklich hervorschimmern. Sie schlug die Augen auf, große braune, noch erloschene und doch schon sanft blickende Augen. Sie blickte sich um, hustete mehrmals und sagte ungeduldig:

»Ich brenne, nehmt das weg.«

Sie stieß die Decken mit dem Fuße zurück und lag nackt und schön da wie ein Geschöpf Tizians. Ihr mattweißer Leib mit den feinen Gliedern, mit den anmutigen, in ihrer Rundung noch jugendlichen Formen schimmerte goldig im Kerzenschein wie der Leib der bleichen Diana, die plötzlich in die Schmiede Vulkans hinabsteigt.

Es war wie ein Blitz; im Handumdrehen hatte Roosje die Decken wieder über den Leib ihrer Tochter gelegt. »Schämst du dich nicht?« sagte sie. »Es ist jemand da.«

Dann küßte sie sie lange. Grietje erwiderte ihre Küsse im Halbschlaf. »Noch einen,« sagte die alte Mutter, »noch einen, mein Kind!«

Grietje streckte die Arme aus den Decken hervor, faßte sie beim Kopf und umarmte sie gleichfalls. Dann zog sie die Arme fröstelnd zurück. »Wer hat mich,« fragte sie, »so nackt in diese Wolle gelegt?«

»Sie spricht,« sagte Roosje, »sie spricht!«

»Ich will aufstehen,« sagte Grietje.

Die Alte weinte und lachte zugleich, schüttelte den Kopf und schien irrsinnig. »Ach, du willst,« sagte sie, »sag es noch mal: »Ich will.« Das steht dir so gut: »Ich will.«

»Ich will nicht sagen: ich will,« antwortete Grietje. »Mutter, kleide mich an.«

»Ja, kleiden Sie sie an,« sagte der Doktor und trat hervor. »Wer ist der Herr da?« fragte Grietje voller Scham.

»Ein Arzt, der dich aus dem Sarge gerettet hat,« sagte Roosje.

»Er ist viel zu schön für einen Arzt,« sagte Grietje mit einem reizenden Mäulchen. »Warum geht er weg?«

»Damit wir dich anziehen können, Kind.«

»Ach ja, aber er soll bald wiederkommen.«

Paul ging hinaus. »Das schöne, verzogene Kind!« sagte er in Gedanken bei sich, als er die Treppe hinunterging.

Und er fühlte, wie ein seltsamer Wahnsinn ihm ins Gehirn stieg. Er hätte mit zwanzig Männern kämpfen mögen, sie besiegen und doch nicht töten, seine arme, alte, tote Mutter wiedersehen, ihr um den Hals fallen können und wie einst als Knabe zu ihr sagen: »Ich liebe, Mama, und will heiraten, was du so wünschest.« Und er weinte in seiner Trauer und lächelte in der unendlichen Zärtlichkeit der unbezwinglichen Liebe, die ihn ergriff. Eine Katze, die allein im Erdgeschoß des Gasthauses geblieben war, schlich von Tisch zu Tisch und sah mit verstörtem Blick eine bleiche Nachtlampe an Stelle der Holzleuchter, die sonst in dem Lärm aller Abende brannten. Sie sprang auf den Doktor und wurde mit so heftigen Liebkosungen empfangen, daß sie mit einem Tatzenhieb und einem Biß in die Hand des Schwärmers antwortete, der sich bei seinem Gefühlsüberschwang im Gegenstande vergriffen hatte.

9

Paul hörte unten, wie Roosje im Zimmer umherlief, sang und tanzte.

Nach fünf Minuten kam sie herunter.

»Grietje hat Hunger,« sagte sie, »was kann ich ihr geben?«

»Kräftige Fleischbrühe.«

»Mein Gott,« versetzte Roosje, »Fleischbrühe mache ich nur am Sonntag, und nur für sie.«

»Haben Sie andere Suppe?«

Roosje errötete. »Ja,« sagte sie beschämt, »aber sie ist sehr dünn. Ich hatte sie für mich gemacht.«

»Geben Sie sie ihr, wie sie ist,« entschied der Doktor. »Nachher geben Sie ihr ein Glas alten Wein. Haben Sie welchen? Ja, aber wirklich alten und guten.«

»Gewiß.« »Was für ein Wein ist es denn?« »Bordeaux.« »Bordeaux kann sie haben.«

Roosje ging in den Keller. Beim Heraufkommen sagte sie mit zitternder Stimme: »Sehen Sie, das ist Bordeaux, Bordeaux von einem säumigen Schuldner, hundert Flaschen für eine Schuld von tausend Franken. Kosten Sie mal, hier ist der Korkenzieher. Sie können auch ein Glas trinken, da Sie sie ja kuriert haben.«

Sie holte ein Glas. Er setzte es nur an die Lippen, reichte es ihr und bat sie, auf die Gesundheit des Kindes zu trinken. Roosje nahm es, trank es aus, schnalzte

4o mit der Zunge, steckte den Korken in die Flasche und sagte: »Jetzt gehe ich und wärme die Suppe für Grietje.«

Paul folgte ihr in die Küche und sah, wie sie nur ein kleines Reisigbündel ins Feuer legte, um es anzuzünden.

»Tun Sie vier hinein,« sagte er, »Grietje hat keine Zeit zu warten.«

»Vier!« fuhr Roosje auf. »Geht es nicht mit dreien?«

Und sie dachte, daß dieser Doktor, der vier Reisigbündel brauchte, um Feuer zu machen, eines Tages unweigerlich auf dem Stroh sterben würde.

Trotzdem setzte er seinen Willen bei Roosje durch.

Die vier Reisigbündel flammten hell auf und bald dampfte die Suppe in dem Tiegel, in den Roosje sie gegossen hatte.

Sie stellte den Tiegel auf ein Brett und legte die angebrochene Flasche wagrecht daneben, damit sie nicht umfiele; sonst hätte sie ja eine andere holen müssen. Dann ging sie zu ihrer Tochter hinauf.

10

Nach einer Weile hörte der Doktor, wie er von oben gerufen wurde.

»Kommen Sie herauf, Herr,« sagte Roosje, »kommen Sie herauf, meine Tochter ist angezogen.«

Er ging hinauf und fand Grietje völlig angekleidet im Bett.

»Warum sind Sie nicht aufgestanden?« fragte er sie allzu zärtlich. »Weil ich mich im Bett wohler fühle.«

»Sind Sie kräftig genug, um aufzustehen?«

»Ja, wenn ich wollte.«

»Warum wollen Sie nicht?«

»Weil ich nicht will.«

»Sehr gut,« sagte er.

»Nein, das ist nicht sehr gut,« versetzte Roosje. »Ich möchte wirklich wissen, wer Ihnen ein Recht gibt, sie zu quälen! Kaum öffnet sie die Augen und schon wollen Sie, daß sie aufsteht. Bleib, Grietje, bleib im Bette, mein Lamm.«

»Nein, ich will nicht im Bette bleiben, ich will spazieren gehen.«

Grietje sprang aus dem Bett.

»Fräulein,« sagte Paul, »wenn es Ihnen recht ist, wollen wir den Spaziergang zunächst im Zimmer beginnen. Geben Sie mir den Arm.«

Grietje gehorchte.

Sie machten zusammen ein paar Dutzend Schritte, und Paul fand, daß sie für eine Auferstandene gut ging.

Die Mutter folgte ihnen mit gefalteten Händen und sagte: »Wie schön ist sie so! Strenge dich nicht an, Töchterchen, geh nicht zu viel, Liebling. Ach, Herr, was sind Sie für ein braver Doktor!«

Grietje verlangte, sich wieder zu setzen. Paul, Roosje und Siska taten desgleichen.

Roosjes Gesicht, das seit Grietjes Erwachen aufgeblüht war, zog sich plötzlich zusammen. Sie senkte den Kopf, blickte Paul schief an, ballte die Fäuste, knirschte mit den Zähnen, schien sich die Haare raufen zu wollen und ging mit den Worten hinaus: »Jesus, Maria! Jesus, God en Maria! Warum hab' ich so was versprochen!«

Grietje war aufgestanden und hatte wieder Pauls rechten Arm genommen. Sie stützte sich mit ihrer ganzen Schwere darauf und sagte: »Wenn ich Ihre Frau wäre, würden Sie mir diesen Arm geben oder den anderen?«

»Sie wissen es besser als ich,« antwortete er.

»Geben Sie mir den anderen ...«

»Nehmen Sie ihn, M..., mein Kind.« Er wollte Margarete sagen.

»Ihr Kind? Ich bin kein Kind, ich bin bald achtzehn Jahre, ich will, daß Sie mich Fräulein nennen.«

Bei diesen Worten sah sie ihn mit ihren großen braunen Augen an. Auch Paul sah sie an und fand, daß diese Augen eine Farbe wie Samt hatten, hinter dem ein starkes Feuer glomm.

»Warum sehen Sie mich an?« fragte Grietje plötzlich.

»Ich weiß nicht,« sagte der Doktor mit bewegter, etwas trauriger Stimme.

Grietje fuhr fort: »Sie sollten es wissen, da Sie alles wissen. Warum senken Sie den Kopf? Warum sehen Sie mich wieder an? Machen Sie die häßlichen Augen zu. Sehen Sie meinen Arm an? Meine Mutter sagt, daß er schön ist. Ist's wahr?«

»Ja, zu schön.«

»Warum zu schön? Warum sind Sie traurig? Ich habe es gern, daß Sie traurig sind. Ich sehe es gern, daß Sie mich ansehen.« Er gehorchte gern.

»Wissen Sie wohl,« sagte sie, »daß Ihre Augen schön sind und daß ich Sie gern habe?«

»Und ich Sie erst!« stieß er hervor, zog Grietje an sich und bedeckte sie mit Küssen.

Grietje entzog sich seinen Armen nicht. Dieser Mangel an Widerstand flößte ihm fast Angst ein.

»Weißt du wohl,« sagte er ganz leise, »daß sich das für ein großes Mädchen wie du nicht schickt, sich von einem jungen Mann küssen zu lassen?«

»Warum nicht, wenn's mir gefällt?«

»Gefällt es dir zum ersten Mal?« fragte er, schon eifersüchtig auf Grietjes Vergangenheit.

»Ja,« sagte sie.

»Und wenn dir ein anderer Mann gefallen hätte, hättest du ihm erlaubt, dich zu küssen?«

»Gewiß.«

»Und wenn heute einer käme oder morgen? ...«

»Schweigen Sie,« sagte sie gebieterisch und unwillig.

11

Roosje kehrte zurück, in der einen Hand einen Geldsack, in der anderen eine Brieftasche. Sie setzte sich an das mit Wachstuch bedeckte Tischchen, legte den Sack und die Brieftasche darauf und blickte Paul hart an.

»Sie sind nicht gegangen,« sagte sie, »weil Sie auf das Geld warten, nicht wahr?« Paul blickte sie erstaunt an. Grietje eilte zu ihr und rief: »Mutter, was hast du denn, und was willst du mit all dem Gelde?«

»Schweig,« sagte Roosje.

»Mutter ist böse, ich weiß nicht warum,« versetzte Grietje.

»Komm,« sagte Roosje zu ihr, »komm.«

Sie stand auf, nahm den Sack und die Brieftasche mit und verließ mit ihrer Tochter die Stube. Auf dem Flur blieb sie stehen, schloß die Tür und sagte, während sie den Sack und die Brieftasche mit ihren zitternden Händen schüttelte: »Weißt du, was da drin ist? Achttausendfünfhundert Franken in Banknoten, und in dem Sack eintausendfünfhundert Franken.«

»Zehntausend Franken?« rief Grietje aus.

»Zehntausend Franken,« brummte Roosje, während sie ihre Tochter mit Küssen bedeckte. »Zehntausend Franken, die ich dem Doktor versprochen habe, wenn er dich vom Tode rettet. Ja, du kannst deine alte Mutter sehr lieb haben, denn sie gibt zehn Jahre ihres Lebens für dich hin; ja, zehn Jahre, Grietje, denn morgen werde ich in meinem Bett liegen und nicht mehr aufstehen, des bin ich sicher! Zehntausend Franken!«

»Zehntausend Franken!« wiederholte Grietje. »Hat er diese Summe von dir verlangt?«

»Nein, ich glaubte, du wärest tot, und war so dumm, sie ihm anzubieten. Ach, so lange arbeiten um dies elende Geld und es so einem Laffen in die Tasche schütten! Aber du lagst da auf deinem Bette, kalt, mit geschlossenen Augen; ich hatte den Kopf verloren, ich hätte alles gegeben, ja alles, wenn er es verlangt hätte. Ach, wenn's ein Mittel gäbe, ihn zu bewegen, daß er das nicht verlangt! Ein Besuch kostet höchstens fünf Franken, wenn es ein Arzt für die Reichen ist. Halt, du bist so jung und hübsch, geh zu ihm, rede mit ihm, vielleicht hört er auf dich. Tu das, Grietje, für mich, für deine arme Mutter, und wenn er nicht auf dich hört, werde ich ihn bezahlen, denn ich habe es versprochen, und nachher finde ich schon einen Strick, um mich aufzuhängen.«

Grietje blickte ihre Mutter an und bekam Angst; sie wußte, daß Roosje einer solchen Verzweiflungstat fähig war.

Sie ließ Roosje mit ihrem Sack und ihrer Brieftasche auf dem Flur und trat ins Zimmer, während sie die Tür angelehnt ließ. Roosje horchte keuchend.

Grietje ging auf Paul zu.

»Herr Doktor,« sagte sie, »ist es wahr, daß Sie von meiner Mutter zehntausend Franken verlangt haben, um mich gesund zu machen?«

»Ich, nein, sie bot sie mir an.«

»Verlangen Sie, daß sie sie Ihnen bezahlt?«

»Für wen halten Sie mich?« fragte Paul, die Achseln zuckend.

»Was sagen Sie?« fragte eine vor Erregung erstickte Stimme aus der Tiefe des Zimmers durch die halboffene Tür. Es war Roosje, die mit weit aufgerissenen Augen, das Gesicht von der doppelten Erregung der Angst und Hoffnung verzerrt und wie Espenlaub zitternd, bang auf Pauls Antwort harrte. »Kommen Sie doch herein, Frau,« sagte er lächelnd.

»Ja oder nein?« fragte Roosje.

»Nein,« antwortete er.

»Nein?« wiederholte sie. »Er hat nein gesagt! Sie wollen keine ... keine zehntausend Franken?«

»Nein.«

»Nein?«

»Nein,« wiederholte er.

»Wirklich?«

»Wirklich.«

Roosje lächelte. »Gehen Sie mir die Hand,« sagte sie, »Sie sind ein kreuzbraver Junge, hi, hi, ein kreuzbraver Junge.«

»Sie macht sich wohl über mich lustig?« fragte Paul.

»Nein,« antwortete Grietje.

Roosje sprach weiter: »Grietje, schenk dem Herrn Doktor noch ein Glas Wein ein, wenn noch was in der Flasche ist. Ach, Sie sind sehr gut, Herr, sehr gut; ha, ha, ha, ja, sehr gut. Tu den Korken wieder drauf, Grietje!«

Sie erstickte ihr schallendes Gelächter in ihrer Schürze und brachte die zehntausend Franken wieder in die Truhe, die am Fußboden ihres Schlafzimmers festgeschraubt war.

12

Siska war hinuntergegangen, um die Wirtsstube wieder für die Arbeiter zu öffnen, die des Samstags dort lange zu bleiben pflegten. Paul schwieg und blickte Grietje an. Er schien ruhig, fast traurig; er schwelgte in dem Überschwang des neuen, starken und träumerischen Gefühls wahrer Liebe; er hörte Engelsgesang an seinen brennenden Ohren, in denen das Blut, das ihm rot zum Gehirn strömte, summte. Grietjes geringste Bewegungen dünkten ihm köstlich; ihm war, als dränge er, wie in ein lichtes Gemach, in das Innerste ihrer jugendlichen Gedanken ein; er fühlte, daß sie die Seele der wahren Frau hatte, die ganz Zärtlichkeit, ganz Zuneigung ist. Er wollte ihr mit Worten, mit Küssen, mit noch zu dichtenden Liedern sagen: »Margarete, ich liebe dich, ich will dich so stark, so glücklich, so sanft glühend sehen, daß der Winterwind dir lau scheint, daß der gefrorene Schnee dir ein Rasenteppich dünkt und der bleiche Schneehimmel dir zum linden Frühlingshimmel wird, wo die blühenden Obstgärten, die schlohweißen Hagedornhecken das Land weithin mit Duft erfüllen. Ich will ...«

Er wollte, daß sie alles sei, was eine Frau sein kann, alles, was sie in den Augen des liebenden Mannes ist. In seinem Kopfe war ein Tohuwabohu von Liedern, Träumen und Umarmungen mit zwanzig verschiedenen Frauen, die aber alle Margarete waren. Diese kecken Gedanken wurden schüchtern, ehrerbietig und bang, wenn er daran dachte, ihr zu nahen und ihr seine Träume zu gestehen ... Er fühlte, daß seine Seele sich in sanfte Worte auflöste, ganz leise Worte, und daß vielleicht ein Strom von Beredsamkeit in ihm aufbräche, wenn sie ihn ermutigte. Und sie ermutigte ihn. Konnte er mehr verlangen? Sie ergab sich ihm fast. Nein, antwortete ihm sein Stolz, seine Liebe entrüstet. Nein, das ist kein Frauenzimmer, das ist eine Jungfrau, die sich der Küsse und der unschuldigen Hingabe ihres Wesens nicht bewußt ist. Sie hält die Art, wie sie sich hingibt, für die ganze Liebe, und das genügt ihrem nach Zuneigung lechzenden Herzen.

Ein klapperndes Geräusch riß ihn aus seinen Träumen: Roosje lachte ihm schamlos ins Gesicht. Er blickte sie verblüfft an und hörte zu, ohne den Blick auf sie zu heften, damit sie unbefangen reden könnte. »Der gute Doktor, der achtbare Charakter!« sagte sie. »Wie viele gibt's wohl, die zehntausend Franken ausschlagen würden? Er verdient die Rettungsmedaille für Mut und Selbstlosigkeit. Einen Ertrinkenden aus dem Wasser ziehen ist wenig im Vergleich zu der unerhörten Handlung, daß einer zehntausend Franken nicht in seine Tasche gleiten läßt!«

Und so weiter.

Grietje war ärgerlich, daß ihre Mutter sich so durch platte Scherze erniedrigte.

Paul beschloß, Roosjes Freude etwas zu dämpfen.

»Ich habe Durst,« sagte er.

»Trinken Sie, mein Retter,« sagte Grietje und griff nach der angebrochenen Flasche.

»Eine andere,« sagte er.

Roosje mußte sie aus dem Keller holen und zog sie selbst auf, in der Hoffnung, daß Paul dann vielleicht weniger tränke. Er leerte Zug um Zug mehrere Gläser.

Roosjes Gesicht verfinsterte sich.

»Nun, wenn Sie Durst haben,« sagte Grietje, »ich habe Hunger.«

»Hunger,« versetzte Roosje, die Gefahr eines üppigen Mahles witternd, »du willst also zweimal hintereinander essen?«

»Das ist doch das wenigste,« antwortete Grietje, »wenn man zwei Tage lang tot war.«

»Was kann man ihr geben?« fragte Roosje den Doktor.

Er antwortete: »Ein Dutzend Austern, ein Hammelkotelett, eine Hühnerkeule, Gänseleber und Hummersalat sind unerläßlich für die völlige Wiederherstellung des Fräuleins, alles mit altem Wein begossen.«

»Jawohl,« sagte Roosje, »Austern, Koteletten, Hühnerkeulen, Gänseleber, Hummer! Das ist ja, als wollten Sie mich lebendig aufessen! Ich habe nichts dergleichen im Hause und niemand, der es Ihnen holen kann.«

»Siska,« rief Paul, »frage doch einen von den Leuten da unten, ob er einen halben Franken verdienen will.«

Siska gehorchte. Ehe eine Minute um war, hörten Grietje, Roosje und der schmunzelnde Paul, wie Baß-, Fistel- und Altstimmen gleichzeitig antworteten: »Ich! Ich! Ich!«

»Suchen Sie einen aus, Siska,« rief Paul von oben, »und schicken Sie Ihren Erwählten herauf!«

Sie wählte den Ärmsten, einen Lehrling, der neben einem Arbeiter an einer Tischkante saß und eine magere Schnitte Brot ohne Butter aß. Der Lehrling kam herauf und fragte gar nicht schüchtern, wie er sich das Trinkgeld verdienen sollte.

»Indem du hundert Austern, sechs Hammelkoteletten, ein Huhn, Hummersalat und einen Topf Gänseleber herbringst,« antwortete Paul.

»Sehr gut,« sagte Roosje, »wird das bald alles sein?«

Der Lehrling entgegnete:

»Sie sind ein Herr und gut angezogen; Sie können sich bringen lassen, was Sie wollen. Ich habe nur Lumpen an und muß das alles für Geld holen. Also Geld!« sagte er, die Hand ausstreckend.

Der Doktor wies auf Roosje, die die Taube spielte und aufmerksam nach der Decke blickte.

Der Lehrling klopfte ihr auf die Schultern.

»Geld, Baasin,« sagte er.

Roosje antwortete auf diese Aufforderung nicht.

Der Lehrling klopfte ihr zum zweitenmal, aber etwas stärker, auf den Arm.

Roosje wandte sich zu Paul und fragte:

»Wieviel muß ich dem Taugenichts geben, damit er Ihr Festmahl, Austern, Hummern, Gänseleber und andere verschwenderische Leckerbissen herbringt?«

»Fünfundzwanzig Franken,« antwortete Paul.

»Ich habe nur einen Zwanzigfrankenschein; legen Sie die fünf anderen dazu?«

»Nein,« sagte der Doktor.

»Ach, Mutter,« sagte Grietje beschämt.

»Siska hat sie vielleicht in der Schublade des Zahltisches. Ich werde sie bei ihr holen.« »Mutter,« sagte Grietje, »du hast doch Fünffrankenstücke in der Tasche; ich höre sie ja klingen.«

»Ja, wirklich,« versetzte Roosje, sich zusammennehmend, aber schon fast außer sich. »Da, Blutsauger, da hast du sie,« sagte sie zu dem Lehrling. »Geh und hol das Essen für die Schlemmer, die bald auf dem Stroh sterben werden. Und wenn du mir das Geld nicht mit der ausführlichen und quittierten Rechnung auf den Heller zurückbringst, schleppe ich dich bei den Ohren zum Polizeikommissar.«

»Gut,« sagte der Lehrling, »aber ohne Trinkgeld gehe ich nicht.«

»Ich gebe dir keins,« sagte Roosje.

»Ich werde es tun,« versetzte Paul.

Der Lehrling witterte einen boshaften Streich und ging vergnügt fort. Er liebte Roosje nicht, die ihm nie ein Glas Wasser geschenkt hatte.

Roosje, Grietje und Paul wurden schweigsam und hörten, wie die Arbeiter nach Siskas Einladung auf das Wohl des Wunderdoktors und der auferstandenen Grietje, des braven Fräuleins Grietje tranken.

Roosjes schlechte Laune währte nicht lange. Sie glaubte ein Mittel gefunden zu haben, den Doktor zu demselben Polizeikommissar zu schleppen, mit dem sie dem Burschen gedroht hatte, wenn er das Geld nicht auf einen halben Heller zurückbrächte. Zweifellos hatte sie die Austern, die Hammelkoteletten, die Gänseleber, den Hummer bezahlt; wer aber hatte dies verschwenderische Mahl bestellt? Der Doktor. Der Lehrling konnte es im Notfall bezeugen. Wer bestellt, zahlt. Ein Wirt schießt Geld vor, um den Tisch eines Gastes zu versorgen, hat aber das Recht, sich die Auslagen von dem Gaste erstatten zu lassen. Das war sonnenklar. Im Notfalle würde sie vor den Richter gehen, den sie schon vor sich sah, eine Art von Trottel, fast stets betrunken oder im Begriff, nüchtern zu werden, auf dem rechten Ohr taub und auf dem linken Ohr schwerhörig.

Roosje sah den Beklagten vor dieser Respektsperson erscheinen, sah, wie er von ihm gezwungen wurde, ihr, der Klägerin, zurückzuzahlen: item, für einen Topf Gänseleber, item für sechs Hammelkoteletten, item für einen Hummer, item für Salat, Öl und Essig und die des Postens 2, zusammen 27.50 Franken. Item für eine noch festzustellende Zahl von Flaschen Bordeaux, je nach dem Durst des Beklagten ... wenigstens sechs Flaschen, von denen sie mittrinken würde, die Flasche aus Gefälligkeit zu 15 Franken, macht zusammen 90 Franken. – So stellte sich vor den Augen der entzückten Roosje die Gesamtrechnung eines üppigen Mahles dar, das ein dritter bezahlte: ein Verdienst von 5 Franken für die Zubereitung der sechs Koteletten und eine unverhoffte Einnahme von 90 Franken für Wein.

Darum kehrte ihre gute Laune wieder und darum blickte sie Paul mit dem stets niedrigen, oft etwas bangen Respekt des Gläubigers vor einem zahlungsfähigen Schuldner an.

Die Austern, die Koteletten, der Hummer und die Gänseleber nahmen in ihren Augen eine ganz andere Gestalt an; es war nicht mehr ihr Geld, ihr Fleisch und Blut, was sie trinken und essen sollte, sondern die fette Frucht der Dummheit des Doktors.

Ihre Freude war so groß, daß sie sie nicht verhehlen konnte.

»Herr Doktor,« fragte sie, »Sie waren großmütig gegen mich, ich muß Sie daher nun auch fragen, was Sie für den Besuch nehmen. Zwei Franken, nicht wahr?«

Der Doktor merkte die Falle; da er aber keine Lust mehr hatte, sich die Rettungsmedaille zu verdienen, antwortete er:

»So lasse ich mich niemals bezahlen.«

»Ha!« machte Roosje, »und wie lassen Sie sich denn bezahlen?«

»Für die Krankheit.«

»Und das duldet die Regierung? Dann könnten Sie ja von mir fordern, soviel Sie wollen ... sogar zwanzig Franken, und ich müßte sie Ihnen bezahlen.«

»Auch hundert Franken.«

»Hundert Franken! sagen Sie. Sie könnten vor dem Richter hundert Franken von mir fordern?«

Dieser Richter glänzte in ihrem Geiste wie ein Gott in einem Strahlenkranz, von dem sich seine schwankende Gestalt, seine lächerlichen Gebärden und seine gläsernen Augen abhoben.

»Ja, und das wäre nur recht und billig,« entgegnete Paul. »Ich habe mehrere Stunden gebraucht, um Ihr Kind zu behandeln, habe die Mittel selbst bereitet, habe sie vom Tode gerettet. Ich könnte von Ihnen unbedenklich fünfhundert Franken fordern.«

»Fünfhundert Franken? Aber dann ...?« »Sie werden das Abendessen bezahlen,« sagte Paul, Roosjes Gedanken vollendend, »und Sie können froh sein, so leichten Kaufes davonzukommen.«

Roosje wurde einschmeichelnd. »Ich bin eine arme Frau,« sagte sie.

»Nein,« entgegnete Paul.

»Die unglücklichen zehntausend Franken, die Sie in meinen Händen sahen, machen mich nicht reich,« seufzte sie. »Sehen Sie, Herr, Sie sind gut, Sie verdienen Geld wie Heu ... Ich ... das ist alles, was ich besitze. Sie lachen. Ich schwöre es Ihnen.«

»Schwören Sie nicht.«

»Wollen Sie mit mir kommen und sehen, ob ich lüge?«

»Nein.«

»Sie glauben mir nicht, und doch sage ich die Wahrheit. Halt,« setzte sie mit einemmal zärtlich hinzu, »wollen Sie das Essen bezahlen? Ich übernehme das Trinken.«

»Sie werden alles bezahlen.«

»Alles!« sagte Roosje, »dann werden Sie nicht mit uns essen ...«

»Ich werde mit Ihnen essen. Sonst – das Honorar für eine Kur wie diese ... könnte sich auf fünfhundert Franken belaufen, vielleicht auf tausend, zahlbar Ende Dezember.«

»Mein Gott!« rief Roosje bestürzt.

Und sie sah ihn mit einem Blick an, der zugleich ehrerbietig war, denn er hatte sie gebändigt, und drohend, denn sie hätte ihn gern erdolcht. »Ich lade Sie also ein, mit uns zu essen,« sagte sie. Und im Grunde ihres Herzens wünschte sie, daß der große Höllenteufel ihn mit der ersten Auster erstickte, die ihm in die Kehle kam.

»Nun, Frau,« sagte Paul, »habe ich noch eine Bitte an Sie.«

»Was?« fragte Roosje erbleichend.

»Machen Sie uns Kaffee, bis das Essen gebracht wird.«

»Kaffee? Warum noch Kaffee?«

»Um das Fräulein wieder ganz herzustellen. Er muß aber sehr stark sein.«

»Ein Lot für uns drei genügt wohl,« sagte Roosje, nahe daran, vor Verzweiflung aufzuschreien.

»Drei Lot,« antwortete Paul.

»Drei Lot! Sie wollen wohl, daß die Wände tanzen?«

»Ja,« sagte er, »desto ruhiger werden sie nachher sein.«

»Drei Lot!« wiederholte Roosje und verließ das Zimmer. »Das wollen wir doch sehen. Ich bin noch nicht von Sinnen!«

13

Der Lehrling ist zurückgekommen. Paul hat ihm ein reichliches Trinkgeld gegeben, was ihn veranlaßt, sich und einem der ärmsten seiner kleinen Kameraden ein »famoses« Glas Bier zu bestellen. Nach dem Trinken sind die beiden Kinder sehr lustig und machen großen Lärm.

Im ersten Stock hat Grietje den Tisch gedeckt. Alles ist noch unter einem weißen Tuche verborgen: die furchtbaren Austern, die verschwenderische Gänseleber, der ins Armenhaus führende Hummer und die Hammelkoteletten, das teure Fleisch ... Roosje hat sich gesetzt, sie hat den Kaffee heraufgebracht, dessen fader Geruch auf eine Meile weit den Zichorienaufguß verrät.

Grietje nimmt das Tuch ab und stellt die zwei Totenkerzen, die nun zu Kerzen des Lachens und der Freude geworden sind, auf den Tisch zwischen die Teller. Sie hat in dem großen Kamin Feuer angelegt. Zum erstenmal ist es warm und wohlriechend in dem großen Zimmer.

Roosje blickt schweigend das Essen an. Die fünfundzwanzig Franken, die es kostet, teilen sich in ihren Augen in fünf Fünffrankenstücke mit höhnischen Köpfen und springen auf dem Tisch wie die Bälle eines unsichtbaren Kugelspiels.

Sie hat seit sieben Uhr früh nichts gegessen – jetzt ist es neun Uhr abends – und die schrecklichen Austern, die verschwenderische Gänseleber, der ins Armenhaus führende Hummer, die Hammelkoteletten, deren Tunke gerinnt, selbst der Wein, den sie bezahlt, erregen bei ihr eine wilde Eßlust, einen unbezwinglichen Durst, die sich bald in Taten umsetzen. Sie schneidet selbst vor und schenkt ein; sie nimmt die größten Stücke und das größte Glas, das sie sich ausgesucht hat, einen halben Liter; sie ißt nicht, sie schlingt; sie trinkt nicht, sie säuft. Es ist ihr Geld, es muß zurück in ihren Kasten, denkt sie, nicht in den Geldkasten, sondern in den ihres Leibes. Ein zugleich trauriges und komisches Schauspiel für Grietje und Paul.

Auch sie essen und trinken, aber sie essen mit kleinen, nervösen, übereilten Gabelstichen wie pickende Vögel, sie trinken in großen Zügen, sie stoßen an, sie »klinken«, wie die Vlamen sagen, um den hellen Ton auszudrücken, der beim Anstoßen ihrer Gläser entsteht. Und doch sind sie nachdenklich, und die Blicke, die sie tauschen, sind tief wie die Unendlichkeit der Leidenschaft.

Nicht der Wein erhitzt sie, noch die im Ofen brennende Kohle, sondern das Feuer ihrer Herzen. Es ist ihnen, als wiegten sie sich auf einem zugleich stürmischen und liebkosenden Meere, in einem Nachen, dessen heftigste Stöße süß sind. Sie blicken sich an und reden nicht. Die Austern, die Gänseleber, der Hummer dünken ihnen grobstofflich; selbst dem so roten und funkelnden Wein fehlt das Feuer, das ihnen in leuchtenden Strömen aus den Augen zu brechen scheint und sich strahlend durchs Zimmer ergießt.

Roosje ißt immerfort.

Die Liebe ist in Grietjes Herzen geboren. Schon blickt sie Paul wie ihren Herrn an, findet alles gut, was er tut, ahmt seine Art zu essen und zu trinken nach, und da sie ihn ernst sieht, wie die Männer, die viel denken, wagt sie nicht zu lachen, aus Angst, ihm zu mißfallen. Durch den Wein mitteilsam gemacht, zeigt sie ihm naiv ihre Zuneigung, rückt ihren Stuhl neben den seinen, will schließlich Teller, Gabel und Messer mit ihm teilen und verlangt, vom Teller ihres Freundes zu essen und aus seinem Glase zu trinken.

Sie kann ihre Augen voll kindlicher Bewunderung nicht von ihm wenden, kommt seinem geringsten Bedürfnis zuvor, schneidet ihm Brot ab, schenkt ihm ein, errät, was er wünschen kann, noch ehe er es gesagt hat. Je nachdem er laut oder leise spricht, erblaßt Grietje oder nimmt wieder ihre natürliche Farbe an. Den Mund fest geschlossen, mit geblähten Nasenflügeln, ernst, bleich und gefaßt, scheint die herbe Jungfrau in ihrem Zutrauen und Liebesbedürfnis entschlossen, sich ganz hinzugeben.

Mehrmals entschlüpfen ihr Worte wie: »Wie hold ist Ihre Stimme, Herr Doktor! Wie gut sind Sie! Jedermann liebt Sie, nicht wahr? Lernt man all die schönen Dinge, die Sie sagen, aus den Büchern?«

Er fühlte sich klein vor diesen kindlichen Lobsprüchen. Er hätte in diesem Augenblick seine Wissenschaft, seine Bücher, seine schon große Lebenserfahrung vergessen mögen, um an Seelengröße dem schönen Kind gleichzukommen, dessen Gesicht so schön, dessen Lächeln so hold und rein war und in dessen zutraulicher Seele nur Raum für Begeisterung war, die sich in Liebesworten entlud, so hold wie das erste Frühlingslied der jungen Lerche.

Aber er vermochte sich nicht mehr schlicht und klein zu machen: sanft und gut zu sein, war alles, was in seiner Macht lag. Auch ihm pochte seit langem das Blut zu stark in den Adern. Auch er fühlte, wie sich in seinem Wesen das Leben verdoppelte: Hingebung, Großmut, das Gefühl seiner Kraft, das Bedürfnis, das geliebte Wesen zu schirmen und ihm einen holden Platz im Leben, ein weiches Nest in seinem Hause zu bereiten – all diese edlen Gedanken erblühten in seinem Herzen wie Rosen.

Die Liebe war da.

Das war es, was ihn schön und stark machte und bewundernswert. Roosje hatte anfangs nichts gemerkt; als aber ihr Hunger befriedigt und ihr Durst gestillt war, blickte sie ihre Tochter an und erkannte mit dem schmerzlichen Scharfblick der Eifersucht, daß ihr heißgeliebtes Kind sich von ihr trennte, um sich einem anderen hinzugeben. Hätte man ihr die Brust mit stählernen Krallen zerrissen, man hätte ihr nicht weher tun können. Ihre Tochter, die sie mehr liebte als ihr Geld, mehr als alles auf der Welt, Grietje dachte nicht mehr an ihre Mutter, kümmerte sich nicht mehr um sie; sie gab einem Mann, dem ersten besten, ihre Liebkosungen, ihre holden Worte.

In diesem Augenblick stieß Grietjes Stuhl an Pauls Stuhl. Nachdenklich und die Hand auf den Tisch gelegt, blickte er Grietje an, die plötzlich einem naiven Zärtlichkeitsbedürfnis folgte und ihre Hand auf die seine legte.

Roosje sah diese Bewegung und brach los: »Ist das ein Benehmen für ein junges Mädchen?« schrie sie, während sie Grietjes Hand heftig packte und sie auf den Tisch schlug. »Seit wann schiebt man in Flandern seinen Stuhl derart an den eines Mannes und legt seine Hand auf die seine? Hast du keine Scham mehr? Weg da!«

»Nein,« sagte Grietje, unwillig, daß sie so mißverstanden wurde, »nein, ich tue nichts Böses.«

»Gehorche!«

»Nein.«

Roosje tat, als ob sie weinte. »Das hat man davon,« sagte sie, »wenn man seine Kinder verzieht.« Dann setzte sie in sehr sanftem Tone hinzu: »Grietje, mein Kind, bist du mir ungehorsam, weil ich dich zu sehr liebe?«

Grietje sprang auf, setzte sich auf Roosjes Knie, umarmte sie, so fest sie vermochte, und sagte: »Mutter, du sollst nicht weinen.«

Beide hielten sich umschlungen. Der Doktor, den diese schöne Regung Grietjes beglückte, betrachtete sie und sah nichts als die langen braunen Haare des jungen Mädchens und dicht dabei die beiden Adleraugen Roosjes, die ihn herausfordernd ansahen.

Roosje hielt Grietje immer noch umschlungen, als fürchtete sie, sie könnte ihr entschlüpfen. Dann brach sie das Schweigen mit den Worten:

»Bin ich Ihnen noch etwas schuldig, Herr Doktor?«

»Nein,« antwortete er.

»Sie haben keinen Hunger und Durst mehr?«

»Nein.«

»Dann will ich mit Grietje hinuntergehen. Wir drei werden nicht zu viel sein, um die Stammgäste zu bedienen, die bis Mitternacht hier bleiben.«

»Ich verstehe diesen gnädigen Abschied,« sagte Paul. »Man setzt mich glatt vor die Tür.«

Grietje sprang von den Knien ihrer Mutter. »Vor die Tür!« rief sie. »Ihn vor die Tür! Das will ich nicht! Das hat Mutter nicht gesagt! Nicht wahr. Mutter, das hast du nicht gesagt?«

Roosje fürchtete sich vor dem Zorn ihrer Tochter. Sie wich einer offenen Auseinandersetzung aus. »Es fällt mir nicht ein,« sagte sie, »den Herrn Doktor vor die Tür zu setzen, zumal unser Haus ein Wirtshaus ist und jedermann offen steht. Er kann stets herkommen und bezahlen, was er verzehrt. So. Im übrigen ist viel Arbeit im Hause, ich habe zwei Tage geweint, wir haben ich weiß nicht wieviel Stunden mit Schlemmen vertan: da ist Zeit und Geld genug weggeworfen. Vorwärts, Grietje, an den Zahltisch, Kind!«

»Da es so steht,« sagte Grietje entschlossen, »gehe ich nicht mehr an den Zahltisch, nie mehr!«

Paul, den sie dabei ansah, runzelte die Stirn; sie glaubte, unrecht getan zu haben, da sie der Mutter nicht gehorchte.

»Ich gehe ja,« sagte sie, »aber du darfst meinen Freund nicht mehr vor die Tür setzen wollen.«

»Er wird nicht vor die Tür gesetzt werden. Geh hinunter.«

»Nicht gleich, nicht sofort, nicht wahr, Mutter? Sonst ...«

Roosje zauderte.

»Sonst,« wiederholte Grietje, »gehe ich nicht mehr an den Zahltisch.«

»Gut,« sagte Roosje nachgebend.

Das dauerte zehn Minuten.

Der Doktor hatte beschlossen, in Roosjes Haus nicht als Schmarotzer aufzutreten; als er an Siska vorbeiging, steckte er ihr 50 Franken zu. »Nimm,« sagte er, »das ist für deinen Unterrock; der liebe Gott hat mich beauftragt, ihn dir zu ersetzen. Schweig.«

»Was sagen Sie zu Siska?« fragte Roosje. »Ich sage,« entgegnete der Doktor, »sie soll rasch hinaufgehen und zusehen, ob nicht noch Gänseleber für sie übrig ist.«

Roosje beeilte sich, dem Mädchen, das sich nicht rührte, vorauszugehen. Dieser Verdienst von 50 Franken auf einmal, diese für sie wunderbaren Ereignisse bannten das arme Mädchen an den Fußboden fest, und sie glaubte beinahe schon, daß Sankt Bavo,Die Hauptkirche in Gent ist Sankt Bavo geweiht. D. Übers. als Doktor verkleidet, eigens vom Himmel herabgestiegen sei, um Grietje zu retten. Diese führte Paul an die Türschwelle, und sie verabschiedeten sich lange und zärtlich unter dem grauen Himmel, von dem der Schnee in dicken Flocken herabfiel.

14

Der Doktor wohnte in Ukkel. Er war nach Gent zu einem Kranken gerufen worden und nach dem Besuch im ersten besten Gasthof, dem »Kaiserwappen«, eingekehrt.

Er brachte sich nun in einem anderen Gasthaus unter. Gegen acht Uhr früh stand er auf. Es war ein grauer, kalter Wintertag, den er köstlich fand. Er verließ ihn erhobenen Hauptes, die Nase in der Luft, ganz gegen die gewohnte Bescheidenheit seines Auftretens. Das Morgenrot erhob sich bleich und frostig in der dicken Schneeluft. Es hatte in der Nacht gefroren, und die Spatzen suchten auf der vereisten Straße vergeblich nach Nahrung: seit dem letzten Tage war kein Pferd hier vorbeigekommen. Erfrorene, blasse und verhungerte Knaben stellten den Spatzen Fallen, die aus einer einfachen, mit Vogelleim bestrichenen Rute bestanden, an der eine Brotkrume befestigt war. Einige gingen auf den Leim. Die Polizisten hüllten sich, blau vor Frost, in ihre Umhänge und sahen dieser offenbaren Wilddieberei zu, ohne ein Protokoll aufzunehmen.

Paul ging zu Margarete wie der Magnet zum Eisen und der Fluß zum Meere, das Herz von den edelsten Gefühlen geschwellt, nachdenklich in seiner Freude, schwermütig in seiner Liebesglut, näher daran zu weinen als zu lachen. So voll war sein Herz vor Wonne, vor tiefem, unsagbarem Glück. Margarete erfüllte ihn ganz, umgab ihn, bevölkerte sein Herz, sein Denken, sein Träumen mit Bildern, Worten und Lächeln, mit holden Gestalten, auf die rasch der seltsam keusche Schleier der wahren Liebe herabsank. Er liebte nichts so sehr auf der Welt wie sie, ausgenommen seine armen Kranken, die er aus Liebe zu ihr noch besser pflegen und rascher gesund machen wollte. Die herbe Morgenluft drang in seine Lungen wie edler Wein in die Kehle des Zechers. Er war nahe daran, die Straßenlaternen, an denen er vorbeischritt, zu umarmen. Erst um neun Uhr wagte er die Tür des gotischen Hauses »Zum Kaiserwappen« zu öffnen. Roosje stand an ihrem Zahltisch, Siska schälte in einem kleinen Kübel Kartoffeln; Grietje war nicht da.

Paul wurde besorgt, es schien ihm sonderbar, daß sie noch nicht auf war oder ihn wenigstens am Zahltisch erwartete, denn sie stand, wie er wußte, stets früh auf. Siska lächelte ihr schönstes und dankbarstes Lächeln, als sie Paul erblickte; anders war es bei Roosje, deren feindselige Miene deutlich fragte, was dieser verhaßte Mensch bei ihr wollte.

Paul hörte undeutlich, wie jemand im ersten Stock mit dem Fuß gegen einen Tisch stieß.

Dann fragte er Roosje in dem schwermütigen Tone, der die Verliebten in den Augen der Gleichgültigen so komisch macht: »Ist Fräulein Margarete nicht wohl, da ich sie heute morgen nicht hier sehe?«

»Sie hat schlecht geschlafen, Herr Doktor.«

In den letzten Worten lag ein Ton wilder Eifersucht

»Sie ist sehr blaß,« setzte sie hinzu.

»Blaß?« wiederholte der Doktor, als fürchtete er einen Rückfall.

Jetzt wurde Roosje ernstlich besorgt.

»Nun ja, Herr, blaß. Ja. Und was weiter? Ist das gefährlich?«

»Es ist sonderbar. Die Bewegung des Blutes hätte sich zeigen müssen.«

»Mir scheint, gestern ...« begann Roosje, hielt aber in ihrer Bemerkung inne, da sie ihr für ihre Tochter verletzend erschien.

»Ich möchte sie sehen.«

»Gehen Sie doch hinauf,« versetzte Roosje kleinlaut. »Sie hat die große Halle von Zimmer nicht verlassen, seit sie darin beinah gestorben wäre. Ich will vorangehen«.

»Tun Sie das,« sagte Paul. Roosje ging tatsächlich voran in das Zimmer aus dem 14. Jahrhundert. Dort saß Grietje wie eine mittelalterliche Schloßherrin, nachdenklich, in sich gekehrt, fast hart, unter der Wölbung der tiefen, gähnenden Fensteröffnung und säumte ein grobes Leinenhandtuch. Ihre Blicke schweiften über die verschneiten Wiesen, die sich vor ihr dehnten, so weit der Blick reichte, und zu dem grauen Himmel empor, von dem der Schnee nach wie vor in dichten Flocken herabfiel. Sie war tatsächlich etwas blaß, weil sie etwas fror.

Als sie ihn eintreten sah, stand sie halb auf, ließ ihre Arbeit sinken und wurde feuerrot.

»Guten Tag,« sagte sie verwirrt.

»Guten Tag,« antwortete er ebenso verwirrt.

»Margarete,« fragte er – dies Wort schien ihm feierlicher zu klingen als das kurze Grietje – »Margarete, wie fühlen Sie sich heute?«

In dem schmeichelnden Tonfall dieser landläufigen Redensart lag viel Liebe. Grietje empfand es zweifellos, denn sie wurde noch röter und sagte: »Sehr gut, mein Herr.«

Die übermäßige Verlegenheit gab ihr einen bösen, fast harten Ausdruck; ebenso ging es Paul, der kein Wort hervorbrachte. Da der Zweck seines Besuches erfüllt war, grüßte er Grietje traurig und ging.

Roosje geleitete ihn zur Tür; darauf rieb sie sich vergnügt die Hände. »Ein Knüppel weniger zwischen meinen Beinen,« sagte sie zu Siska und schlug ihr auf die Schulter. Die sagte weder ja noch nein und schälte stumpfsinnig ihre Kartoffeln weiter.

15

Vierzehn Tage später rieb sich Roosje nicht mehr die Hände und Siska lächelte still.

Roosje, Paul und Grietje waren in dem großen Zimmer, in dem auf Grietjes klar ausgedrücktes Verlangen ein kräftiges Feuer brannte. Alle drei sprachen erregt.

»Ihre Frau,« sagte Roosje zu Paul, »das gebe ich nie zu.«

»Warum?«

»Darum.«

»Aber Frau, sagen Sie mir einen Grund, einen einzigen. Warum wollen Sie Ihre Tochter hindern, eine gute Partie zu machen?«

»Sie braucht nicht zu heiraten. Grietje, antworte, mein Kind. Hast du Lust, deine alte Mutter zu verlassen? Sie antwortet nicht. Sie will ihn auch nicht. Sag, daß du ihn nicht willst.«

»Das kann ich nicht sagen,« antwortete Grietje.

»Warum?«

»Weil's nicht wahr ist.«

»Grietje, hast du den Kopf verloren? Komm auf meinen Schoß!«

Grietje gehorchte.

»Böses Mädchen, warum willst du deiner alten Mutter den Schmerz antun, einen Mann zu heiraten, den du erst vierzehn Tage kennst und der ebenso gut lügen wie die Wahrheit sagen kann, wenn er uns sagt, daß er reich ist?«

Der Doktor lächelte »Lächeln Sie nicht,« sagte Roosje, »ein Lächeln ist keine Banknote.«

Sie sagte ihrer Tochter ins Ohr:

»Hör zu, ich will dir ganz leise etwas sagen. Wenn du nicht heiratest, gebe ich dir alle Vierteljahr ein Seidenkleid, dazu Ohrringe und Krinolinen, Ringe und Stiefelchen und Federhüte. Sag nein.«

»Ich brauche das alles nicht, ich weiß nicht, warum ich nicht heiraten soll. Du hast doch auch geheiratet.«

»Mein Kind, das ist was andres.«

»Nein, nichts andres. Genau dasselbe. Außerdem heiraten alle jungen Mädchen; ich will auch heiraten.«

»Mein Gott,« stöhnte Roosje, »warum willst du denn das Einzige, was ich dir nicht erlauben kann? Grietje, mein Kind, mein Lamm, ich bin ja so allein im Hause, wenn du weggehst. Ach, bleibe doch! Ich lebe ja nicht mehr lange, bleibe bei mir als brave Tochter, bis man mir vier Fuß Erde auf die alten Knochen wirft.«

Grietje weinte.

»Ach,« sagte Roosje, »weine nicht mehr; du weißt, es ist das erstemal, daß ich dran schuld bin. Glaub mir, du bildest dir nur ein, daß du ihn lieb hast, aber du wirst ihn bald vergessen.«

Grietje schüttelte den Kopf.

»Du wirst ihn vergessen, sag ich dir, wenn er nicht wiederkommt. Und er kommt nicht wieder, wenn du es ihm sagst.«

»Das werde ich ihm nicht sagen.«

Die beiden Frauen schwiegen. Roosje wurde immer trauriger. Der Doktor sagte zu ihr, ehrerbietig und sanft wie zu einer Mutter:

»Warum betrüben Sie sich so, Frau? Ich, der Ihre Grietje, Ihre gute, brave, schöne Tochter so liebe, darf doch glauben, daß ich auch imstande bin, sie glücklich zu machen und Sie mit ihr! Wird es denn keine Freude für Sie sein, ein Kind mehr im Hause zu haben, einen Sohn, der nicht mittellos ist, der arbeitet, der seinen und Ihrer Tochter Unterhalt verdient und auch den Ihren, arme Frau, die ich gern Mutter nennen würde.«

»Nein,« sagte Roosje mit zusammengepreßten Lippen und furchtbar hart.

Paul fuhr fort.

»Ich begreife den Schmerz, den Sie bei dem Gedanken empfinden, sich von Ihrem Kinde zu trennen. Aber wenn ich so sagen darf: Sie denken nicht genug an sie und zu viel an sich selbst. Gott gab Ihnen eine so prächtige Tochter, die ich schon allzusehr liebe, damit Sie sie zur Frau, zur Mutter machen und nicht zu einer hübschen launischen Puppe, die Sie lieben, verhätscheln, verziehen und die eines Tages Ihrer Zärtlichkeiten müde sein wird ...«

»Sie sind garstig,« sagte Roosje.

»Ich bin nicht garstig, ich liebe Sie, beklage und verstehe Sie. Ich sage Ihnen, daß es nur von Ihnen abhängt, glücklich zu sein und Ihre Tochter glücklich zu machen. Ich sage Ihnen, daß ein Tag kommen muß, wo sie lieben wird – mich oder einen andern. Zerreißen Sie diese holden, schon so starken Bande, die seit einer Weile unsre beiden Herzen umschlingen, so führen Sie ein Unglück, vielleicht ein Verhängnis herbei. Grietje ist weder kalt noch schwach, und wenn sie eines Tages einen andern liebt – –.«

»Nein,« murmelte Grietje, bleich und nachdenklich.

»Wenn sie eines Tages einen andern liebt als mich, und der andre ist, was ich nicht bin, ein Windbeutel, ein gewöhnlicher Verführer, so wird Grietje ihn lieben, sich ihm voll und edel hingeben, und wenn der elende Verführer sie verläßt, so wird sie ihn töten und dann sterben.«

»Das ist nicht wahr,« sagte Roosje.

»O doch,« sagte Grietje weinend, »das weiß ich wohl, Mutter.«

»Wenn das nicht geschieht, da es unwahrscheinlich ist, was soll dann aus diesem armen, guten Herzen werden, das der Liebe bewußt ist, auf die jede Frau ein Anrecht hat, und im voraus das Rind betrauert, die geheime Sehnsucht ihrer holdesten Herzensregungen?«

Grietje errötete.

»Wenn sie aber aus Tugend und Selbstachtung dem Leben, dem wahren Leben der Frau entsagt und die Mutter verliert – was haben Sie dann aus ihr gemacht? Eine alte Jungfer. Wissen Sie, was das ist, eine alte Jungfer? Entweder ein kaltes, selbstsüchtiges, berechnendes Geschöpf, dem die kalten Freuden der Ordnung und Bequemlichkeit genügen, oder eine arme Verzweifelte, ganz allein auf der Welt, die nichts hat, woran sie ihr Herz hängen kann, als Hunde, Blumen und Vögel, gewiß sehr nette Wesen, die aber das Liebesbedürfnis ihres Herzens nicht wirklich erwidern können. In schwülen, schlaflosen Nächten, nach Wochen toller Erregung, wird sie über die vergangenen Tage weinen, über ihr verfehltes Leben, über die Liebe, die sie immer glühender herbeiruft und die nicht mehr kommen wird, weil es zu spät ist. Die Frauen lachen über sie, die Männer desgleichen, auch in der besten Gesellschaft. Ihre geringsten Herzensregungen, ihr unwillkürlicher Mitteilungsdrang, die Bitte an ihre Mitmenschen, sie nicht ganz allein zu lassen, die zugleich ihre geheimen Wunden verrät, ihre Gefallsucht, eine gewisse Gesuchtheit der Kleidung, die sich auf einen unbestimmten, fernen Hoffnungsschimmer gründet – das alles wird mit dem grausamen Wort »letzte Versuche« gekennzeichnet, das sie, gebrochen und lächerlich, zu Boden wirft. Und wenn sich dann die Verzweiflung wie ein Dämon in ihr gebrochenes Herz einnistet und die Nacht am Rand eines Kanals recht schwarz und das Wasser tief ist ...«

»O ja!« schluchzte Grietje.

»Schweigen Sie, schweigen Sie, Herr Doktor,« sagte Roosje. »Setzen Sie mir nicht so das Messer an die Kehle, lassen Sie mir etwas Bedenkzeit und ...«

Sie hielt inne, senkte den Kopf und weinte heiße Tränen.

»Wie gut du bist!« rief Grietje aus. »Aber du mußt nicht so traurig sein, ich bleibe ja noch lange, lange bei dir. In drei Monaten, in sechs Monaten, wenn du willst, Mutter. Ich will dich jetzt fest umarmen, fest ...«

Roosje ließ es glückselig geschehen. »Und ihn mußt du auch umarmen.«

»Nein,« sagte Roosje.

Sie war den ganzen Tag lang glücklich; sie glaubte, alles gewonnen zu haben, da sie Zeit gewonnen hatte.

Sie brauchte sechs Monate, um sich zu entscheiden. Erst als sie sah, daß Grietje bleich und traurig wurde, willigte sie schließlich ein, sie Paul zur Frau zu geben, ohne Mitgift und Aussteuer.

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