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Die höchste Instanz

Paul Blumenreich: Die höchste Instanz - Kapitel 8
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authorPaul Blumenreich
titleDie höchste Instanz
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Frau Koch stand, wie sie das ganze Jahr hindurch zu tun pflegte, am Waschfaß.

Sie war die beliebteste Feinwäscherin in dem Städtchen, wie ihre Tochter Minna die geschickteste Blumenmacherin war. Die letztere arbeitete in einer Fabrik, half in den freien Stunden der Mutter plätten und fälteln.

Heute hatte Frau Koch die Küchentür weit offen stehen. Die schwere Frühlingsluft drückte auf den Rauchfang – man konnte es hier vor Qualm und Dunst kaum ertragen. Aber Frau Koch hantierte unverdrossen weiter; die Schaumflocken flogen nur so herum.

Eben spritzte es hoch auf im Waschfaß, und der bärtige Mann, der in der Küchentür erschienen war, spie und prustete, wischte sich die Schaumballen aus dem Bart.

»Ist die Minna schon zu Hause?« fragte er ganz außer Atem, noch immer wischend und putzend.

»Wie soll sie denn, Mensch! Die kommt doch nicht vor Viertel sieben!«

»Richtig! Dann muß ich so lange warten, Mutter Koch!«

»Haben Sie denn gar nichts Besseres zu tun, Reinecke?«

»Heute eigentlich nicht, Mutter – heute nicht!« versicherte er mit verschmitztem Lächeln.

»Wenn Sie nur nicht immer »Mutter« zu mir sagen wollten! Ich kann das schon gar nicht mehr hören!«

»Werden sich aber doch dran gewöhnen müssen, Mutter! Nun erst recht, Mutter!«

»Wieso nun erst recht? Was sind das wieder für dumme Redensarten, Reinecke?«

Sie behandelte ihn, als wäre er wirklich ihr ungeratener Sohn.

Aber das focht Reinecke heute nicht an. Ohrfeigen hätte sie ihn heute können und er hätte noch »Schön Dank« dazu gesagt.

»Hat alles seinen richtigen und gehörigen Grund,« explizierte jetzt der Schuhmachermeister Reinecke – »ist alles in vollkommener Richtigkeit, Mutter!«

Frau Koch stemmte zornig die nassen Hände in die Seiten, sie erhob ihre Stimme zu drohendem Tone.

»Jetzt wird mir's zu bunt – verstehen Sie mich? Wenn Sie einen über den Durst getrunken haben – schämen Sie sich! Aber anderswo! Nicht hier! Ich will hier bei der Arbeit meine Ruhe haben.«

»Erstens hatte ich gar keinen Durst,« widerlegte Reinecke systematisch, »dann habe ich eigentlich auch nicht getrunken, brauch' mich also nicht zu schämen! Und die Hauptsache: Hier bin ich und hier bleib' ich jetzt, bis Minna kommt! Denn, daß Sie es nur wissen, Mutter: Es ist so weit! Es geht jetzt los! Es wird geheiratet! Und dann sollen Sie wirklich Ihre Ruhe haben, Mutter!«

»Das Lied kenn' ich – das kenn' ich leider zu gut, mein lieber Sohn!«

Es klang schon sehr viel weicher und sie nannte ihn »Sohn«.

Es war etwas Schmerzliches in ihrem Tone, als sie fortfuhr:

»Wenn's nach Ihnen ginge – ich weiß ja! – Sie möchten für's Leben gerne. Und die Minna wohl auch ... Mein Gott, wenn man sich so über sechs Jahre mit 'nem Mann 'rumschleppt und hat ihn gern und ist doch ein anständiges Mädchen – das ist wohl hart! Wer möchte da nicht von Herzen gern ein gutes Ende kommen sehen! Aber – aber – es ist doch nicht zu machen – so ganz und gar ohne Geld! Das müssen Sie doch selber einsehen, lieber Sohn!«

Der liebe Sohn wischte sich mit dem Handrücken der Rechten etwas aus den Augen; mit der Linken aber winkte er der Mutter Schweigen zu, ohne doch den Mut zu haben, sie in ihren wehmütigen Stoßseufzern zu unterbrechen.

Endlich, als sie pausierte, nahm er das Wort.

Er tat es nicht ohne eine gewisse Feierlichkeit.

»Alles gut und schön und richtig,« hob er umständlich an, »aber alles nimmt einmal ein Ende. Und unsere Wartezeit nimmt auch ein Ende! Denn morgen früh um sieben Uhr fahr' ich nach Berlin!«

Die letzten Worte waren herausgekommen, wie ein Lied, wie ein Jubelruf.

Die »Mutter« wußte schon, wie das mit seiner Heirat zusammenhing – diese Reise nach Berlin.

Zwar glaubte sie nicht recht an den Erfolg, den sich Reinecke von der Reise versprach, aber arme Menschen haben wenig Hoffnungen; auch die kleinste wagen sie nicht gänzlich aufzugeben.

Reinecke, der vor Jahren als Geselle hierher gekommen war, hatte bald darauf in Minna Koch das Mädchen seiner Liebe gefunden.

Selbst ein kreuzbraver, wenn auch ein wenig beschränkter Mensch, fühlte er sich innig hingezogen zu dieser braven, arbeitsamen, über ihren Stand gescheiten Tochter der armen Wäscherin.

Sie und keine andere würde seine Frau werden.

Aber da gab es allerlei Schwierigkeiten.

Frau Koch hatte noch zwei andere, sehr viel jüngere Kinder zu erziehen; sie war Witwe und quälte sich unsäglich, um den kleinen Hausstand zu erhalten.

Erst, als Minna mit ihren geschickten Händen anfing, mitzuverdienen, wurde es ein bißchen leichter.

Das Mädchen hatte den Schuster lieb gewonnen.

Aber die Mutter zu verlassen, so lange die Kleineren noch auf sie angewiesen waren, kam ihr gar nicht in den Sinn.

Es gab nur eine Möglichkeit: Reinecke mußte sich selbstständig machen.

War er einmal als Meister etabliert, dann würde sie, Minna, sich nach drei Seiten hin nützlich machen können: in der Schusterei gab es allerlei Frauenarbeit; der Mutter konnte sie plätten und fälteln helfen und daneben fand sich gewiß noch Zeit, zu Hause Blumen zu machen!

Dafür hätte sie dann ein Recht gehabt, auch die Mutter und die jüngeren Geschwister ins Haus zu nehmen – so würd' es gehen, aber nicht anders.

Nun war Reinecke Meister geworden, aber es fehlte ihm am Nötigsten, an einem kleinen Kapital, um Leder einzukaufen, eine Nähmaschine anzuschaffen und schließlich auch das Haus einzurichten für die junge Frau.

Eine Aussicht, die hierzu erforderlichen drei-, vierhundert Mark zu bekommen, war freilich vorhanden; wie der junge Meister hoch und heilig glaubte, sogar eine sehr begründete Aussicht.

In Berlin lag nämlich seit Jahr und Tag ein kleines Erbe für ihn.

Ganz klar mußte die Sache wohl nicht sein, denn der Stiefbruder Reineckes verwaltete angeblich das Erbe. Er, der Stiefbruder, hatte wiederholt geschrieben, daß man alles sehr glatt abwickeln könnte, wenn Reinecke einmal nach Berlin käme. Dann könne er gleich mit seinen paar hundert Mark heimreisen.

Eigentlich handelte sich's also nur um die Reise nach Berlin.

Aber die Fahrt allein kostete vierter Klasse beinahe vierundzwanzig Mark. Und ein paar Mark müsse man doch in der Tasche haben; auch gingen wenigstens zwei Arbeitstage verloren.

Denn man müßte in Berlin doch Zeit haben, die Sache gründlich zu besprechen, Wertobjekte zu verkaufen.

Auch sollte Reinecke dann aus Berlin gleich Blumenblätter und Stile mitbringen, damit Minna ihren Hausbetrieb in größerem Umfange aufnehmen könnte.

Er selber wollte an der Quelle Leder und Stifte und Garn und was sonst not tat, kaufen.

Kurz, es knüpften sich an diese Berliner Reise eine Fülle von Hoffnungen.

Konnte er nur reisen, so durfte man es wagen, zu heiraten.

Für einen kleinen Handwerksmann, der vorläufig nicht viel Besseres zu tun hat, als Flickarbeiten, sind dreißig Mark ein Vermögen.

Nie sieht er solchen Betrag auf einmal; es gehört fast zu den Unmöglichkeiten, ihn zusammenzusparen.

Das traf aber auch auf Frau Koch zu, die mit Minna zusammen, mühevoll zusammenbrachte, was sie und ihre drei Kinder – das jüngste war eben zwölf Jahre alt – brauchten.

So zog sich denn die Brautschaft Minnas von Monat zu Monat hinaus; nun war's fast ein Jahr, daß Reinecke sich selbständig gemacht, und noch immer reichte es nicht für die Reise nach Berlin.

War doch sogar noch eine Krankheit dazwischen gekommen, die den Meister für ein paar Wochen gänzlich lahm legte und ihn in Schulden stürzte.

Man konnte es der Mutter Koch nicht übel nehmen, wenn sie Meister Reineckes Zuversicht nicht teilte.

Als er nun aber hinausschrie: »Morgen fahr' ich nach Berlin!« trocknete sie sich die Hände und kam hinter dem Waschfaß hervor.

Und Reinecke erzählte:

Er habe schon lange darauf spekuliert nun endlich habe es einmal geklappt und nun würde geheiratet!

Er war, die Mutter wußte es ja, befreundet mit dem neuen Polizeisergeanten, mit dem er bei einem Regiment gestanden hatte.

Dem habe er längst seinen Wunsch, einmal nach Berlin reisen zu können, anvertraut.

Und der Sergeant habe erklärt, es sei gar nicht unmöglich, daß er ihm einmal zu einem Gefangenen-Transport nach Berlin verhelfen könnte.

Um ihn mit dem Geschäft vertraut zu machen, hatte es der Sergeant richtig bewirkt, daß ihm, dem Schuster, hie und da einmal ein kleiner Auftrag zuteil wurde: einen Gefangenen an das etwa zehn Meilen weit entfernte Zuchthaus abzuliefern oder ihn zu einem Termin zu führen.

Aller dieser Missionen hatte der Meister sich gewissenhaft entledigt, und der Polizeikommissar, der über solche Dinge zu entscheiden hatte, war voll unbedingten Vertrauens für Meister Reinecke.

Schon seit acht Tagen, berichtete er weiter, habe der Sergeant täglich gehofft, ihm die Freudenbotschaft bringen zu können, daß er den hier internierten Berliner Bankier zum Transport überwiesen erhalte.

Heute früh nun sei ihm der Auftrag endgültig geworden.

»Und morgen früh geht's nach Berlin!«

Inzwischen waren zuerst die Kinder aus der Schule, dann Minna von der Arbeit gekommen. Und die ganze Geschichte wurde nun in ihrer vollen Breite noch einmal erzählt –: »Morgen geht es nach Berlin!«

Minna aber mußte sich hinsetzen, einen Brief an den Stiefbruder schreiben, der noch heute mit dem Nachtzuge abgehen sollte.

Morgen nachmittag um halb sechs Uhr, so wurde dem Stiefbruder bekannt gegeben, komme Reinecke auf dem Bahnhofe Friedrichstraße an. Er erwarte bestimmt, den Stiefbruder dort vorzufinden.

Dann habe er, Reinecke, noch ein dringendes Geschäft, das aber noch vor sieben Uhr beendigt sein müsse. Von da ab sei er ganz frei und da wolle man nun endlich einmal die Erbschaftsgeschichte gründlich in Ordnung bringen.

Diesem Schreiben ließ Meister Reinecke noch Grüße, von seiner Braut, von Mutter Koch und den Kindern beifügen, dann setzte er stolz seinen Namenszug darunter.

Vier Menschen freuten sich mit dem Meister auf den morgigen Tag.

*

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